Die neue Virklichkeit (6)

Bonjour, tristesse.Aber sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN MENSCHEN!”

Es gibt keine Wochenenden mehr: Der Samstag war wie der Mittwoch und der Sonntag fühlt sich schon nach nur sechs Stunden Laufzeit wie der Donnerstag an.

Corona, scheint es, macht alle und alles gleich. Nicht nur die Menschen, die mit ihren Unsicherheiten und Ängsten mehr Gemeinsamkeiten haben denn je (und die sich erstaunlicherweise je näher kommen, desto weiter sie sich voneinander entfernen müssen); auch die Tage ähneln sich unterdessen wie ein Status Quo-Hit dem anderen.

Aber das dürfte Tausenden von Leuten inzwischen egal sein: Für Max, den Küchenchef aus dem Fünfsternelokal, spielt es ebensowenig eine Rolle, wann er nicht arbeiten kann, wie es Manuela aus dem “Happy Ends” an der A1 wurst ist, ob sie am Montag oder am Freitag nichts verdient.

Verdient habe dafür ich, und zwar Rüffel, vom Strübsten. Das entnehme ich jedenfalls der Fanpost zu meinen Corona-Beiträgen, die im Mailfach meines Blogs deponiert wurden.

Diesen Ordner öffne ich selten, weil sich darin meist nur Schrott stapelt. Aber hin und wieder, wenn ich wirklich nichts Dümmeres mehr zu tun habe, werfe ich einen Blick hinein. Zweimal entdeckte ich darin schon Zuschriften, die zu lesen sich tatsächlich beinahe lohnte (an dieser Stelle: tuusig Dank nochmals an die Mitglieder der Fanclubs von Natacha und Roxette!)

Auch bei der gestrigen Nachschau wurde ich nicht enttäuscht: Knapp zwei Dutzend konstruktiv-kritische Zuschriften ausnahmslos anonym auftretender Leserinnen und Leser harrten meiner Durchsicht. Hier ist – unredigiert – eine kleine Auswahl:

Alz Heimer: “Ihnen ist der ernst der Lage offenbag immernoch nicht sicher. VOLLPFOSTEN BLEIB ZUHAUSE!!”

Ding Dong: “Selten so einem Mist gelesen. Sie glauben sie sind witzig aber das sind sie nicht. Wir verzichten. EInfach Abstellen ist für Alle am besten.”

P.U.: “Schauen Sie das an!” (es folgt der Link zum youtube-Video eines Mannes, der aussieht wie ein Cousin von Charles Manson. Vor einer Wand voller Gewehre und Geweihe doziert er, das Corona-Virus sei von finsteren Mächten asiatischer Provenienz freigesetzt worden, um die Weltwirtschaft lahmzulegen). “Das wird sie lernen!!”

Uppsala: “Beten sie lieber als schreiben. ER ALLEINE IST UNSER HERR UND GEBIETER”

Virus Viral: “9/11 Klima-schock und jetzt COronna. Aber Sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN! Dafür werden SIE ZAHLEN!!!”

A. Pokalips: “Bekommst du eigentlich Geld für das oder machst du das gratis? Wenn dus gratis machst habe ich nichts gesagt.”

Und so weiter, und so fort. Auch wenn sich mir der tiefere Sinn einiger Anmerkungen bis jetzt nicht auf Anhieb erschlossen hat, muss ich doch sagen: Die Decknamen entbehren zum Teil nicht einer gewissen Originalität.

So betrachtet: bitte meer, dafon!!

Und damit: zurück in die relative Normalität dieses Sonntags. Normalerweise wäre auch heute wieder die hohe Zeit des Brätelns mit Freundinnen und Freunden, des Grüpplibummelns am Emmeufer, des kollektiven Reflektierens über das Werden und das Wirken und das Sein und das Haben am langen Brunchtisch in der Landbeiz, der generationenverbindenden Rahmschnitzel mit Nüdeli und des gemeinschaftlichen “Tatort”-Guckens, aber wies aussieht, wurden diese liebgewordenen Rituale nun auf dem Altar der Volksgesundheit geopfert fallen derlei Gewohnheiten auf Geheiss der Landesregierung bis auf Weiteres tuttiquanti aus.

Auch im sehr kleinen Rahmen dürften aus übertragungstechnischen Gründen Lücken im Programmschema klaffen: Wer sich im ehelichen Schlafgemach vor Corona Sonntagmorgen für Sonntagmorgen aus purem Pflichtbewusstsein genötigt sah, von 10.00 bis 10.07 Uhr draufloszufuhrwerken und hinzuhalten, darf ab sofort bis zu den Rahmschnitzeli durchschlafen, ohne sich dafür mit einer arbeitsbedingten Totalerschöpfung oder einer Spontanmigräne rechtfertigen zu müssen.

All jene, die sich nur ungerne von alten Gewohnheiten lösen, können es socialdistancingkompatibel via Skype versuchen. Im Sinne der Gleichberechtigung wäre in diesen Fällen einfach jedesmal neu auszuhandeln, wer dafür im Bett bleiben darf und wer sich auf die Obstharassli im Zivilschutzkeller verziehen muss.

Was auch immer ihr mit wem auch immer wo auch immer heute tut: Geniesst diesen Freitag.

Die neue Virklichkeit (5)

Der Soundtrack zum Frühling 2020.

Rüeblirüsten, staubsaugen, wäschewaschen, einkaufen: Ein gerüttelt Mass an Obliegenheiten harrte meiner, als ich gestern lange vor dem ersten Schrei des Hahns meinem Läger entstieg. Doch dann klemmte ich mich dermassen entschlossen hinter die Aufgabenschwetti, dass ich schon um 10 Uhr ausstempeln durfte.

Bislang konnte ich meine coronabedingt reichlich bemessene freie Zeit ganz gut mit vermeintlich sinnvollen Beschäftigungen überbrücken: Den Compi ausmisten, die Musikbibliothek à jour bringen, Aufhängplätze für die Bilder suchen, die immer noch zügelkompatibel umwickelt in meiner Wohnung herumstehen, am Klimawandel herumstudieren (Klimawandel? Ach ja: Greta Thurnherr. Tausende von jungen und alten Leuten, Schulter an Schulter. “Die grösste Bedrohung der Menschheit”, wie es noch im Januar hiess.), aufs Geratewohl hin Leute anrufen, nie benutzte Apps löschen, vom Balkon aus kontrollieren, ob sich meine Mitbürgerinnen und Mitbürger an die Daheimbleibeverordnung halten und so weiter und so fort.

Aber jetzt, am Tag 4 des grossen Lockdowns, stellte sich zum ersten Mal die Frage: was nun?

Lange vor dem Mittagessen den Fernseher anzuwerfen, war keine Option. Das macht man nicht, ausser, man hat keine Arbeit und auch sonst nichts zu tun. TV am Morgen ist etwas für Vollversiffte, die ihre Seelen für ein paar Euro an die Macher von Reality Soaps auf RTL II verkaufen und sich dann wundern, wenn die Nachbarschaft sie nach der Ausstrahlung nicht mehr ganz so herzlich grüsst.

Darauf, “endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen” (was jeder Lifestyle-Consultant empfiehlt, der von einem Onlinemagazin um Tipps für ein konstruktives Aussitzen der Virenkrise angegangen wird), fehlte mir die Lust, und einen Porno mochte ich mir nicht herunterladen; oder ämu noch nicht. Wer weiss, wie lange diese Selbstisolation noch dauert – und wer kann schon sagen, wie weit die Vorräte auf den einschlägigen Seiten reichen?

Am Ende kam mir eine Idee, die so nahelag, das ich sie beinahe übersehen hätte: Ich würde aus den Träumen, die ich in den vergangenen Nächten hatte, eine Geschichte basteln und sie unter dem Titel “Night. Live.” dann nadisna hier veröffentlichen.

Aber oha: Kaum war ich mit dem Tippen so richtig in Fahrt gekommen, merkte ich, dass ich die Inhalte der einen Kopffilme vergessen hatte und musste ich mir eingestehen, dass ich mit den Plots der verbliebenen Streifen Leute, die psychisch womöglich ohnehin auf dünnerem Eis als auch schon unterwegs sind, unmöglich zusätzlich belasten kann ohne zu riskieren, dass sie für immer in den Fluten des Wahnsinns verschwinden. Man hat auch als Autor eine gewisse Verantwortung, finde ich. Thilo Sarazzin würde das sofort unterschreiben.

Deshalb gibts jetzt kein Buch. Aber was nicht wurde, kann vielleicht plötzlich werden; die Pandemie ist noch jung.

Ungleich konsequenter setzte am frühen Abend das Trio Cappella seinen Geistesblitz in die Tat um: Claudia Muff, Armin Bachmann und Peter Gossweiler machten es sich um 18 Uhr in einer gemütlichen Stube bequem. Von dort aus schenkten sie der Welt ohne Pauken, aber mit Trompeten und allem, ein internettes “Home Office-Konzert”. Einfach so, “als Dankeschön an alle Helferinnen und Helfer in dieser Krise und an Euch zu Hause”, wie sie in der Einladung schrieben.

Zwei Stunden lang sass ich fasziniert vor dem Bildschirm und freute mich über die Musik, die die drei aus den Handgelenken zu schütteln schienen.

Die Musik spielt für mich seit einer gefühlten Ewigkeit letztem Dienstag sowieso eine noch viel grössere Rolle als bisher. Ich realisierte das erst gar nicht, doch Bluesrock, Reggae, Heavy Metal, Pop, Jazz und Klassik begleiten mich neuerdings in einer sich nach dem Zufallsprinzip windenden Endlosschleife.

Pop don’t stop von Kim Wilde,

Alice’s Restaurant Massacree von Arlo Guthrie,

Shut up & kiss me von Whitesnake (Achtung: nichts für #MeTooerinnen!),

Houston we are ok von den Halunke,

Bologna von Wanda,

Riccione von Thegiornalisti,

Just one lifetime von Sting und Shaggy,

I can’t drive 55 von Sammy Hagar, die

Klaviersonate in C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, gespielt von Lang Lang,

Diss Naach ess alles drinn von Bap oder

Only the children von Toto

plus zigtausend andere Melodien erhellen auch die finstersten Ecken in unserem Inneren (und auf die Innereien kommts schliesslich an, wie jeder weiss, der schon an einer Miss-Wahl teilgenommen hat).

Man muss diese Lichter nur suchen. Gelegenheiten dazu sind aktuell ausreichend vorhanden, womit Corona nach der spontanen Nachbarschaftshilfe, der erzwungenen Entschleunigung kompletter Gesellschaften und Systeme sowie dem hemmungs- und folgenlosen Streichenkönnen unvorstellbar wichtiger Termine eine weitere gute Seite abgewonnen wäre.

Was läuft, ist eigentlich nebensächlich. Die Hauptsache ist, dass etwas tönt: Wenn im 4. Stock an der Schmiedengasse 1 ab und zu einmal jemand redet, bin ich das, aber – das hoffe ich zumindest – nur am Telefon. Ansonsten ist es, genau wie draussen, mucksmäuschenstill; stundenlang.

A propos “draussen” und nur zum Sagen: Das Auto des Jahres steht in Burgdorf (where else?).

Heute beginnt das erste Wochenende unter verschärften Bedingungen. Keine Gruppen von mehr als fünf Personen (soviel abschliessend zum Thema “Die Lobbyarbeit der Swingerclubbetreiber”), zwei Meter Mindestabstand, Polizeipatrouillen in Parks, auf Plätzen und Spazierwegen: Der Samstag und Sonntag dürften noch öder werden als der Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, und das will etwas heissen.

Falls mich jemand besuchen möchte: Der Türöffner im Parterre ist kaputt. Ich müsste also erst vier Treppen hinuntersteigen, um den Gast hereinzulassen, und dann mühselig vier hoch, um ihn in die Wohnung zu führen. Nach dem Treffen ginge es anstandshalber wieder vier Treppen absi und zuunguter Letzt erneut vier obsi.

Drum: Lasst es bleiben. Bleibt, wo ihr seid.

Und, vor allem: gesund und munter.

Nachtrag: Kaum war dieser Text online, outete sich auf Facebook die Besitzerin des Autos des Jahres. Sie heisst Eva Krüll (und ich habe mir solche Mühe geben, die Nummer abzudecken).

Die neue Virklichkeit (4)

Auch wenn gerade eine dichte Wolke über unserem Leben hängt: Es ist noch Schlimmeres denkbar. “Schliesslich könnte auch eine Epidemie ausbrechen”, gab eine Freundin zu bedenken.

Auf dem Schreibtisch meines Laptops liegen zwei Rechnungen. Es geht nicht um wahnsinnig hohe Beträge, aber weil es vermutlich für ziemlich sehr lange Zeit die letzten Fakturen sind, die ich verschicken kann, möchte ich das noch erledigen, um mich dann…

…äh…

…Dings…

…Mist…

…um mich dann worum zu kümmern, Heiterefahne?

Sagen wir einfach: um ein spannendes Projekt. Ich persönlich empfinde es im Moment zwar noch nicht als besonders aufregend. Aber immer, wenn jemand verkündet, er oder sie beschäftige sich mit einem Projekt, fällt eher früher als später das Wort “spannend” (meist juchzt die Zuhörerin es mit derselben aufrichtigen Verzückung, mit der amerikanische Servicefachangestellte wildfremde Gäste begrüssen).

Im Moment gebricht (schönes Wort übrigens, dieses “Gebricht”, aber leider, wie so viele andere schöne Worte auch, vom Aussterben bedroht. Deshalb, im Sinne einer lebenserhaltenden Sofortmassnahme, dieser Abschnitt) es mir an der Zeit und der Lust, darüber mehr zu verraten. Fürs Erste – oder als Gruss aus der Küche, sozäge – nur soviel: Durch die Inputs, die es in zahllosen partizipativen Prozessen an Front Desks und in Back Offices generieren wird, dürfte die Mehrwertabschöpfungskette dereinst rasseln wie seit der Erfindung des Jungfraujochs nicht mehr.

Und damit: zurück zu meinen zwei Rechnungen. Um sie zu versenden, müsste ich sie ausdrucken, weil die Empfänger noch relativ weit davon entfernt sind, solche Sachen elektronisch erledigen zu können. Ausdrucken geht aber nicht; die Patronen sind leer. Letzte Woche wäre ich noch mir nichts, dir nichts in den Mediamarkt in Lyssach geradelt und hätte dort neue gekauft, aber diese tempi sind inzwischen passati.

Also begann ich darüber nachzudenken, wer die Rechnungen für mich ausdrucken könnte. “Drucken” heisst auf Englisch “to print”. Es lag folglich nahe, mich an die Herstellerin eines Printerzeugnisses zu wenden. Ich telefonierte einer guten Kollegin bei der BZ und unterbreitete ihr mein Begehr. Sie sagte, klar, das mache sie gerne. Sie arbeite im Moment von zuhause aus, sei am Montag aber auf der Redaktion im Kornhaus.

Wir beschlossen, die Sache so unkompliziert und mit so wenig Körperkontakt wie möglich abzuwickeln: Ich übertrage die Rechnungen auf einen USB-Stick. Diesen lege ich – mit den Lippen statt mit den Händen und selbstverständlich desinfiziert – samt ein paar Briefbögen meines Büros in den hoffentlich ebenfalls coronakeimfreien Briefkasten vor ihrer Redaktion. Sie nimmt das Mäppli mit dem Stick und dem Papier Anfang Woche aus dem Briefkasten, kopiert die Rechnungen auf die Vorlagen und deponiert am Ende alles wieder in der analogen Mailbox. Dort hole ich die Dokumente gegen Abend ab. Das Leben kann so einfach sein.

Wie geht es am Tag 4 nach dem grossen “Lockdown” den Leuten in meinem Umfeld? Aufgrund ihrer mehrheitlich optimistisch wirkenden Beiträge auf Facebook, ihrer klagefreien Depeschen und dessen, was sie mir fernmündlich mitteilen, glaube ich: den Umständen entsprechend tiptopp.

Oder, um es mit den seit Jahrzehnten massiv unterschätzten Cheap Trick auszudrücken: “Mommy’s alright, daddy’s alright, they just seem a little weird.”

Von Panik spüre ich bei ihnen nichts, ganz im Gegenteil. Im Kampf gegen Corona setzen meine Leute auch ihren Humor ein (deshalb sinds ja meine Leute. Sich in einer Horde Griesgrame durch das Dickicht der Unsicherheiten tasten zu müssen, ist eine höchst unschöne Vorstellung, selbst wenn die dauergrummelnden Begleiter mit ihren Zwänzgabachtigesichtern den Mindestabstand einhalten würden).

Einer Freundin schrieb ich mit Blick auf auch meine unversehens auf nahe Null reduzierte Erwerbstätigkeit, “gschäch nüt Schlimmers”, worauf sie antwortete: “Ganz deiner Meinung. Schliesslich könnte auch eine Epidemie ausbrechen.”

Dankbar und voller Respekt beobachte ich aus der Sicherheit meiner Wohnung, wie draussen, umgeben von Milliarden von Viren, Frauen an Kassen, Pflegerinnen an Betten und Ärzte an OP-Tischen weiterarbeiten, als ob es für sie das Normalste der Welt wäre, in einem Krisengebiet für (sich zum Teil beängstigend seltsam verhaltende) andere Menschen tätig zu sein.

Soviele Hüte, wie ich vor all diesen guten Geistern ziehen möchte, gibt es auf der ganzen Welt nicht. Drum werde auch ich heute um 12.30 Uhr auf meinem Balkon stehen und klatschen, was die Haut an den frischgewaschenen Händen hält.

Abgesehen von Druckerpatronen mangelt es mir weiterhin an nichts. In meinem Vorratsspeicher harren nach wie vor aller Gattig Joghurts, diverse Gemüsesorten und 325 Gramm Ghackets ihres Verzehrs. Aber nein: Ich habe nicht gehamstert. Die Esswaren sammelten sich im Laufe der letzten Wochen und Monate einfach an.

Was langsam zur Neige geht, ist das WC-Papier. Ich frage heute mal einen der Rentner, die tagsüber nach wie vor in der Schmiedengasse herumlungern, ob es ihm etwas ausmachen würde, mir im Coop unten – der sich dem Vernehmen nach immer mehr zu einem Seniorenzentrum entwickelt – zwei, drei Familienpackungen zu besorgen.

Die neue Virklichkeit (3)

Corona wird die Menschen lehren, es wieder mit sich selber auszuhalten: Das postulierte nicht Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (die mir übrigens – das nur am Rande und als wohl viel zu üppig ausfallende Klammerbemerkung – immer sympathischer wird; bis vor einer Woche hätte ich diesen Nebensatz auch nach einer 30-stündigen Akustikfolter mit “Last Christmast” nicht geschrieben. Aber einer ganzen Nation samt Wallisern und Bündnern und allem gleich zweimal innerthalb weniger Tage finster entschlossen und doch mitfühlend wirkend beizubringen, dass die allgemeine Lage – frei interpretiert – gerade ziemlich scheisse ist und eigentlich “keiner weiss, wohin die Reise geht” [Udo Lindenberg, “Odyssee”]: das können nicht alle, geschweige denn, aus dem Stand) und auch nicht der weltberühmte Grossphilosoph Richard David Precht (das hätte ich gar nicht mitbekommen, weil ich immer weiterzappe, wenn ich nur schon vermuten muss, dass er gleich auf dem Bildschirm auftaucht).

Das behaupte jetzt einfach mal ich am Tag 3 des “Lockdowns“.

Es mit uns selber auszuhalten: Das haben wir in den letzten paar Jahrzehnten irgendwie verlernt. Erst jetzt, als sich nadisna ein Geschäftspartner nach dem anderen in eine unabsehbar lange Zwangspause verabschiedet, merken wir, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, zumindest tagsüber ununterbrochen in Kontakt mit anderen Menschen zu stehen.

Und nun…nun höcklen viele von uns in ihren eiligst eingerichteten Büros zwischen Küche und Dusche und telefonieren ins Leere und löschen Abwesenheitsnotizen und büschelen Dokumente in Ordnern neu und putzen Schrott von Festplatten und wenn sich jemand bei ihnen erkundigt, wie es so läuft in dieser Virenkrise, sagen sie super, kann nicht klagen, habe ständig zu tun, aber noch während sie “zu tun” aussprechen, wissen sie, dass der andere weiss, dass das nur sehr bedingt stimmt, weil es ihm genauso geht: Was sie als Arbeit bezeichnen, nennen Psychologen Beschäftigungstherapie.

Ich nehme mich da nicht aus. In meinem Büro erledigte ich seit Montag um 16.50 Uhr – damals mahnte Sommaruga einen “Ruck durch das Land” an – nichts mehr, wofür ich guten Gewissens einen Einzahlungsschein hätte verschicken dürfen.

Dennoch rede ich mir jeden Morgen mit grossem Erfolg ein, mich an die Arbeit zu machen, wenn ich mich auf meinen Bürostuhl setze und den Compi starte. Den Rest des Tages verbringe ich damit, die Altstadtbevölkerung ziemlich hochtourig mit lokalen Neuigkeiten zum Thema “Corona” zu versorgen, Anfragen von besorgten Geschäftsleuten an die richtigen Stellen weiterzuleiten und meine Dropboxen, Mailfächer und Artverwandtes auszumisten.

Ebensogut könnten wir Placebo-Werktätigen vom Sofa aus Netflix leerschauen oder uns – solange es noch erlaubt ist und alleine – mit einer Bratwurst und einem Pfünderli Brot an die Emme setzen, ein Feuerchen machen und dem Wasser dabei zugucken, wie es mit beneidenswerter Gleichgültigkeit von Lützelflüh nach Rotterdam fliesst.

Aber das tun wir natürlich nicht. Um auch nur daran zu denken, uns derlei Eskapaden zu gönnen, sind wir viel zu sehr auf Liefern und Leistung getrimmt. Schon auf dem Bummel zum Fluss würde uns das schlechte Gewissen plagen.

Am heiterhellen Tag aus dem abrupt zum Stillstand gekommenen Hamsterrad hüpfen und draussen, vor dem Fernseher oder im Bett die neue Zwangsfreiheit geniessen: Wo kämen wir hin, wenn das jeder tun würde?

Und überhaupt: Was kann man schon gross machen an so einem Fluss, wenn die Servelat und das Brot verputzt sind und man die neusten Facebook-Nachrichten seiner 537 “Freundinnen” und “Freunde” studiert hat? Aus Schwemmholz eine Helene Fischer schnitzen? Ein Steinmannli bauen? Eine Kurzgeschichte schreiben?

Das wäre alles schön und gut – ist letztlich aber halt doch kein Ersatz für das, wofür wir wirklich da sind: zum Produktivsein. Wir bekamen in der Schule unendlich Vieles eingetrichtert, was wir später nie brauchten (in meinem Fall zum Beispiel Algebra, Geometrie oder Stenografie, und die Liste liesse sich noch verlängern ). Hemmungslos dem Müssiggang zu frönen, war nicht einmal ein Freifach. Das Nichtstun müssen wir uns nun selber beibringen, und zwar möglichst so, dass niemand es merkt.

Aus Schwemmholz eine Helene Fischer zu schnitzen, aus Steinen ein Mannli zu bauen oder eine Kurzgeschichte zu schreiben ist allerdings nichts, was einen stundenlang davon abhalten würde zu tun, was man vielleicht tatsächlich einmal tun müsste, wozu man aber wegen der Büez und all der Verpflichtungen, die daneben noch anstehen, glücklicherweise leider einfach nie kommt: sich den einen und anderen Gedanken über das eigene Leben zu machen.

Jetzt wäre die Gelegenheit, sich unbelastet von anderem Gedankenballast Fragen zu stellen, die man sich sonst nicht stellt: Ob man mit dem, was man tut, eigentlich noch glücklich ist. Ob einem etwas fehlt und wenn ja, was und wieso. Welche Ziele man hat, und welche Träume. Warum sich Daniela schon so lange nicht mehr meldet, und ob es amänd nicht doch eine Möglichkeit gäbe, den Rank mit Pesche wieder zu finden. Und so weiter, und so fort.

Das Dumme ist nur: Wer derlei Fragen aufwirft, muss mit Antworten rechnen, die nicht nur angenehm sind. Damit umzugehen, ist nicht jedermanns Sache – schon gar nicht in einer Zeit, in der die Gewissheit von heute das Unbekannte von morgen ist.

Deshalb verschanzen wir uns lieber in unseren Homeoffices und simulieren dort Normalität, obwohl wir ahnen, dass bis auf Weiteres nichts mehr normal ist.

Oder, wer weiss: gerade deshalb.

Die neue Virklichkeit (2)

Wird mit der Solätte wegen Corona auch die heiligste Burgdorfer Kuh notgeschlachtet? Und was machen jetzt eigentlich all die heimatlos gewordenen Alkis?

Neulich lud mich jemand zu einem “Gathering” über ein schampar wichtiges Thema ein. Ich habe keine Ahnung, was ein “Gathering” ist, muss mich mit dem Nachschlagen im Fremdwörterduden allerdings nicht sonderlich beeilen: Kaum angekündigt, wars abgeblasen.

Ersatzlos gestrichen oder auf unbestimmte Zeit vertagt wurden coronabedingt auch zig weitere Veranstaltungen mann*frauigfaltigster Art, aber das interessierte irgendwie keinen Menschen. Ich zum Beispiel schickte den 200 Mitgliedern des Altstadtleists eine Mail, in der stand, dass die Hauptversammlung vom 15. April nicht stattfinde, und rüstete mich geistig für ein grosses Wehklagen aus den Reihen unserer Jünger und Älter, doch die Anzahl der Reaktionen betrug bis heute null (in Zahlen: 0).

Der Nachtmarkt und das Let it Beer-Festival , das Ostereiertütschen, das Promi-Minigolfturnier, das Santana-Konzert: So gründlich und schnell wie Covid 19 mistet nichts und niemand Agenden aus. Was am 13. März 2020 um 16.29 Uhr noch als fixer Termin galt, war um 16.31 Uhr Makulatur oder – Achtung! Wortspiel! – nicht mehr virulent.

“What’s next?”, fragen sich die Eingeborenen am Schlossfuss mit wachsender Besorgnis. Mit der Solätte, die seit Menschengedenken immer am letzten Juni-Montag stattfindet, steht die grösste aller Burgdorfer Sausen schon relativ nahe vor der Haustüre. Ich möchte nicht der- oder diejenige sein, der oder die bald entscheiden muss, ob wir sie reinlasse wolle oder nicht. Die Solätte zu kippen: das wäre, wie wenn Indien erlauben würde, Kühe ohne langes Felllesens zu Cordon bleus verarbeiten zu dürfen.

Ein halbes Jahr später gehts dann für den Samichlaus und das Christkind um to be or not to be. Ein Samichlaus mit Mundschutz und OP-Handschuhen spielt in den gängigsten Fantasien der Menschen aktuell noch eine Nebenrolle, aber möglicherweise kann er seine Wintertour in diesem Jahr nur so oder gar nicht bestreiten.

Vielleicht wäre es für alle Beteiligten ohnehin gescheiter, wenn er seine Klientel als Angehöriger einer höchstgefährdeten Spezies ausnahmsweise via Skype loben und tadeln würde. Die Säckli kann er den Kindern per DHL schicken. Die Schlaueren unter den Kleinen speichern ihre Versli vorab fehlerfrei als Sprachnachricht auf ihre Handys. Wenn sie die Lippen beim Abspielen auch nur halbwegs synchron bewegen, wird der Alte nicht merken, dass es sich bei den Darbietungen um Playbacks handelt.

Indoor-Weihnachten im engsten Kreis und mit gewissen Sicherheitsabständen – wenn rund um den Erdball wegen einer Pandemie nationale Notstände ausgerufen werden, heisst das noch lange nicht, dass Familie Hugelshofer im Jahr 24 nach dieser leidigen Erbgeschichte (ich sage nur “Silberbesteck”) die Friedenspfeife kreisen lassen müsste – wäre für die meisten Internierten der Normalfall.

Geschenkmässig braucht heuer niemand lange nachzudenken: Wenn am 24. und 25. Dezember nicht unter jedem Christbaum zwischen Genf und Chur und Basel und Chiasso mindestens 25 Familienpackungen WC-Papier liegen, verputze ich auf dem Kronenplatz eine selbstgehamsterte Zehnkilobüchse Ravioli, und zwar kalt und von Hand.

Was Silvester betrifft, freue ich mich heute schon auf die Feuerwerke in den Wohnungen zäntume. Besonders prächtig dürften sie in den uralten Bauernhäusern auf den abgelegenen Högern zur Geltung kommen.

Und damit zu something completely different (Monty Python): Der typische Alkoholiker trinkt seine Bierchen nicht alleine unter Brücken. Der typische Alkoholiker schüttet sich nicht zuhause ein Zweierli Roten nach dem anderen hinter die Binde.

Der typische Alkoholiker sucht die Gesellschaft von Leuten, die ebenfalls Alkoholiker sind. Dort fällt er – oder sie – nicht auf. Dann muss er – oder sie – sich nicht verstecken. Dann hat er – oder sie – immer wieder einen Anlass, nachzuladen, weil die Leute um ihn – oder sie – herum ebenfalls laufend noch Eines bestellen und noch Eines und noch Eines und zum Abschluss, weil wir so jung schliesslich nie mehr zusammenkommen werden, noch Eines, und dann noch Eines für auf den Weg, aber damit ist dann wirklich fertig lustig, oder auch nicht.

Der typische Alkoholiker verbringt einen grossen Teil seiner Zeit in Restaurants und in Bars. Die sind jetzt aber alle geschlossen. Von einer Stunde auf die andere wurde plusminus 250 000 Menschen in der Schweiz jede Möglichkeit genommen, soziale Kontakte unter Ihresgleichen zu pflegen. Das heisst: Jeder und jede Fünfte, der und die sich letzte Woche noch in den Gaststätten tummelte, ist quasi heimatlos geworden. Wo sind diese Leute jetzt? Was machen die nun?

Solche und ähnliche Gedanken robbten vorsichtig durch meine vom Nichtstun schon leicht angerosteten Gehirngänge, als ich gestern Abend auf dem Balkon höckelte und beobachtete, wie das Schloss ganz langsam im Dunkeln verschwand.

Vor Kurzem hätte ich noch gehört, wie sich die Gäste in der “Metzgere” und im “Fuchs & Specht” fröhlich unterhalten. Ab und zu wäre ein Lachen an meine Ohren gedrungen und manchmal ein Fluchen und gelegentlich das Bellen eines nur unzureichend erzogenen Hundes (also: keinesfalls von Tess).

Männer hätten ihren Frauen fernmündlich mitgeteilt, dass es etwas später werde, und Frauen hätten ihren Männern geraten, heute selber zu kochen (“S hett no Lasagne i de Gfüri”), weil sie gerade Sylvia und Maja über den Weg gelaufen seien und es vor der “Spanischen” grad so gemütlich hätten miteinander.

Stattdessen herrschte nur Stille, zwei Stunden lang. Gegen 22 Uhr legte ich mich ins Bett. Als ich gegen 4 Uhr erwachte, wars immer noch ruhig, und auch jetzt, nachdem der Tag schon ziemlich am Werden ist, deutet wenig darauf hin, dass da draussen irgendetwas passieren könnte, was sich mit dem Begriff “Zivilisation” in Verbindung bringen liesse, doch das soll auch so sein:

Es ist, kurz gesagt, chly gespenstisch geworden, seit der Bundesrat das öffentliche Leben abgestellt hat. Im Gegensatz zu anderen Gespenstern hat jenes, das jetzt umgeht, aber nichts Gfürchiges an sich. Je stiller es wird, desto weniger Menschen sind unterwegs und desto schneller schwinden für das Virus die Verbreitungsgelegenheiten.

Wenn die Leute nur noch eingeschränkt zäme plaudern können, beginnen sie wieder zu schreiben. Im Verlaufe des gestrigen Tages erhielt ich mehrere Mails, die fast alle mit demselben Gruss endeten: “Pass auf dich auf und bleib gesund”.

Eine Mail mit “Pass auf dich auf” abzuschliessen: das wäre bis Anfang Woche höchstens Mafiosi eingefallen. Inzwischen gehört die Formel zum Alltag, und das beste daran ist: Anders als die “freundlichen Grüsse” wirken die “Pass auf dich Aufs” nicht achtlos-proforma dahergetippt, sondern aufrichtig gemeint.

Überhaupt: Das cheibe Virus hat offenkundig auch positive Seiten. Es (re)aktiviert das Gute in den Menschen. Wildfremde gehen für Wildfremde einkaufen. Hausbewohner, die sich im Treppenhaus jahrelang höchstens ein “Grüessech” zubrummten, schliessen sich in Whatsapp-Gruppen zusammen. Der Verein HealthyEmmental lancierte spontan eine Plattform, auf der sich Emmentalerinnen und Emmentaler, die Hilfe benötigen, mit Emmentalerinnen und Emmentalern, die helfen wollen, auf eine bewundernswert unkomplizierte Weise verbinden können.

Das ist vielleicht die wertvollste Erkenntnis aus den ersten zwei “Lockdown”-Tagen: Corona macht nicht alles kaputt. Es wird unsere Gesellschaft nicht zerstören – ganz im Gegenteil: Es lässt in ihr verdorrt Befürchtetes erblühen. Und um sie herum hoffnungspendendes Neues wachsen.