Die neue Virklichkeit (11)

“Ein Glücksfall für die Schweiz”: Ob er bei Politikern und in der Bevölkerung gut ankommt, interessiert Daniel Koch nur sehr bedingt. Wichtiger sind dem BAG-Spitzenbeamten Zahlen und Fakten.

Sehr geehrter Herr Dr. Daniel Koch

Einerseits kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie in diesen Tagen gross dazu kommen, zu lesen, was über Sie geschrieben wird. Falls Sie einmal ein Eggeli Freizeit haben, nutzen Sie das sicher lieber, um mit Ihren zwei Boxern und Ihrem Schlittenhund nach draussen zu gehen oder um – falls es sich um eine mehrstündige Pause handeln sollte – einen Halbmarathon zu laufen.

Andererseits gehören Sie vermutlich ohnehin nicht zu den Leuten, die vor jedem Satz, den sie sagen, und jeder Geste, die sie machen, überlegen, was der Rest der Welt davon hält. Sie reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, und tun, was Sie für richtig halten. Im Gegensatz zu zahllosen anderen Personen der Zeitgeschichte ist Ihnen der Unterschied zwischen “Sein” und “Schein” sehr bewusst.

Ich schreibe Ihnen trotzdem, aber weniger, weil ich will, sondern mehr, weil ich sozusagen von innen heraus muss. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, Ihnen Danke zu sagen.

Spätestens, seit das Corona-Virus auch in der Schweiz wütet, sind Sie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit eine Art Feldherr, der die Nation im Kampf gegen den Eindringling anführt. Diese Rolle haben Sie ganz bestimmt nicht gesucht – in wenigen Wochen werden Sie, zumindest theoretisch, pensioniert – aber Sie füllen sie aus, als ob Sie in Ihrem Leben nie etwas anders getan hätten, als sich scheinbar übermächtigen (und in diesem Fall sogar unsichtbaren) Gegnern zu stellen.

In einem gewissen Sinn trifft das sogar zu: Bevor sie vor 18 Jahren für das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) zu arbeiten begannen, wirkten Sie 14 Jahre lang als Arzt für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Im Einsatz für das IKRK mussten Sie im Bürgerkrieg von Sierra Leone mit ansehen, wie Kindersoldaten die Hände abgehackt wurden. In Uganda behandelten Sie Menschen, die Opfer unvorstellbarer Gräueltaten geworden waren.

Wer Solches er- und überlebte, zählt nicht eilig seine Überstunden zusammen, um ein paar Wochen früher als geplant in den Ruhestand flüchten zu können, wenn er bemerkt, dass tödliche und hochansteckende Bazillen Kurs auf die Schweiz nehmen. Der spürt, dass es auf der Kommandobrücke ab sofort jemanden braucht, der nicht nur über unendlich viel Fachwissen verfügt, sondern dem auch – oder vor allem – ein grosses Mass an Gelassenheit eigen ist, um Millionen von Menschen von Anfang an spüren zu lassen, da oben sitze jemand, der weiss, wovon er spricht.

Dieses beruhigende Gefühl, sehr geehrter Herr Koch, vermitteln Sie uns, seit Corona in der Schweiz zu wüten begann. Fast rund um die Uhr erläutern Sie als Pandemieexperte Medienschaffenden und damit uns allen den aktuellen Stand der Dinge, ohne etwas zu beschönigen oder zu dramatisieren. Hochkomplexe Zusammenhänge vermitteln Sie auf eine Art und Weise, die jeder und jede versteht. Und wenn Sie einmal etwas nicht wissen, sagen Sie frank und frei, dass Sie das nicht wissen. Auch das schafft Vertrauen.

Wenn Sie vor den Mikrofonen der Radio- und TV-Anstalten sitzen, ist Ihnen zweifellos bewusst, dass Ihnen in Wohnungen, Büros, Altersheimen und Spitälern in diesem Moment zig Leute voller Sorgen, Ängste und Hoffnungen zuhören.

Auf Ihren Schultern lastet eine unfassbar schwere Verantwortung. Eine falsche Bemerkung von Ihnen kann eine Panik auslösen und ein missverständlicher Satz den Aktienmarkt erschüttern. Aber wenn man Sie und einen Wettermoderator nebeneinander auf einem Bildschirm zeigen und den Ton abstellen würde: kein Mensch wüsste, welcher der beiden Herren gerade über ein Tiefdruckgebiet und welcher über vier neue Todesopfer informiert.

Sie sind die coolste Socke, die ich je “kennen”lernen durfte, und glauben Sie mir: In den letzten 54 Jahren sah ich von dieser Gattung schon das eine und andere Prachtsexemplar.

Menschen aus Ihrem Umfeld nennen Sie “bescheiden” und “zuverlässig” und “bis zu einem gewissen Grad stur” (das sagte der frühere BAG-Direktor Thomas Zeltner , Ihr ehemaliger Chef). Ruth Humbel, die Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, stellte fest, Sie seien mit ihrer “ruhigen” und “sachlichen” Art “ein Glücksfall für die Schweiz”. Der frühere FDP-Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller konstatiert, Sie würden sich “voll und ganz fürs Land einsetzen, ohne sich in den Vordergrund zu stellen” (sämtliche Zitate sind der Schweizer Illustrierten vom 22. März entnommen. Zum kompletten Porträt gehts hier entlang).

Der Berner Zeitung fiel auf (das Porträt ist online nicht gratis zugänglich): “Einem asketischen Meditations-Guru gleich scheint es ihm zu gelingen, den kollektiven Puls der Schweizer Bevölkerung um ein paar Schläge pro Minute auf ein erträgliches, gesünderes Mass zu senken.” Sie würden stets erwarten, dass Entscheide basierend auf Daten und Fakten gefällt würden, ergänzte in der BZ Ihr Ex-Chef Zeltener. Ob Sie damit damit bei Politikern und der Bevölkerung gut ankommen oder nicht, sei Ihnen “egal”. Das mache Sie “zur bestmöglichen Variante eines Staatsdieners”.

Leute, die zu Beginn dieses Monats noch nicht wussten, dass es Sie gibt, verehren Sie als “unser aller Fels in der Brandung” und loben, “Sie machen einen unglaublich guten Job!” Für andere sind Sie “ein Charakterkopf der alten Schule”. Eine Leserin formulierte es, vor lauter Begeisterung etwas aus dem grammatikalisch-orthografischen Häuschen geraten, aber zutreffend, so: “Wie sie sich als Person ausweisen mit ihrer ruhigen besonnen Art kompetent und verlässlich authentisch wie sie sich in den Medien auten ist zu den täglichen News die richtige Person welche unser Land jetzt braucht kein grosser Schwätzer aber ein Kämpfer sachlich mit einem Durchhaltewillen”.

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen: Wer auch immer sich Chancen darauf ausrechnet, im Dezember zum “Schweizer des Jahres” erkoren zu werden, begräbt seine Hoffnungen besser schon heute als erst morgen. Diesen Titel holt sich heuer keine Sportskanone und kein Star aus der Unterhaltungsbranche und kein Politiker und kein Wirtschaftsführer, sondern der Chef-Bundesbeamte Daniel Koch, und zwar von mehr Pauken und Trompeten begleitet als sämtliche seiner Vorgängerinnen und Vorgänger zusammen.

Der Letzte, der auf diese Auszeichnung spaniflet, sind Sie. Wenn Sie dereinst auf die Bühne gehen, um den Preis entgegenzunehmen, werden Sie – nicht nur “Stand jetzt”, um eine Ihrer Lieblingsformulierungen zu verwenden – kaum mehr sagen als “ich habe doch nur meinen Job gemacht.”

Allen anderen im Saal und an den Bildschirmen zuhause wird jedoch klar sein: Sie retteten unzähligen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Landes das Leben.

Die neue Virklichkeit (10)

Offen & ehrlich gesagt weiss, ich auch nicht was dieses Bild hier soll aber ich finde es supper wie von Salfador Piccaso.

Tag 10 des grossen “Lockdown”, oder auch Tag 18 oder 204, wer weiss das schon noch und was spielt das überhaupt für eine Rolle, es ist, wies ist, und wenn diese Coronasache tatsächlich ein Experiment sein sollte, wie viele Leute im Internet behaupten, wäre es langsam an der Zeit zu sagen, gut, stopp, wir habens kapiert, nur leider ist das kein Versuch, sondern live und ohne Playback, nicht wie bei, ziemlich sicher, Helene Fischer, bei der ich immer grösste Zweifel daran hatte, ob sie wirklich über zwei Stunden lang mit Vollgas auf einer Bühne herumturnen und gleichzeitig singen konnte, aber erstens hat sich das mit Helene Fischer und der Bühne inzwischen ja von alleine erledigt und zweitens fragte ich mich das mit dem Turnen und dem Singen früher schon bei Tina Turner, wir sind ja nicht blöd, wir Fans, auch wenn wir für ein Billet oft 150 Franken bezahlten, aber bei Tina Turner war das etwas anderes, um nicht zu sagen, etwas ganz anderes; Tina Turner hätte in ihren High Landern auch einfach nur einen Abend lang dastehen und ein- und ausatmen dürfen und wir wären immer noch rundumverzückt vor ihr gestanden und hätten unsere Feuerzangenbowlen geschwenkt und uns potzpotz, in dem Alter! zugeraunt aber ich merke gerade ich schweife ab nur wovon?

Läck, ist das schön. wie draussen auf der Hofstatt der Brunnen plätschert wie die Mühle am rauschenden Bach, klippklappklippklapp, und nur im Fall: die Hofstatt hiess schon Hofstatt, bevor ich neben ihr einzog, das heisst; es war nicht so, dass sie auf der statt Verwaltung, kaum hatte ich dort meine neue Adresse deponiert, alles stehen- und liegenliessen um diesen Platz nach mir zu benennen, das hätte gerade noch gefehlt (wäre aber ein flotter Zug gewesen, muss man sagen wenn auch nicht nötig, weil eben: wieso zum Teufel soll man eine Hofstatt in Hofstatt umtaufen? Was das die Stadt wieder kosten würde für nichts und wieder nichts und für nichts und wieder nichts gibt sie bekanntlich auch so schon genug aus nur darf man das nicht laut sagen sonst kommt plözlich Pesche von der Stadtpolizei mit den Handschellen und THAT WAS IT DENN FOLKS! drum schreibe ichs nur s liest’s ja eh keiner und schon gar nicht Pesche ).

(Moment, ich muss mich zusammen – reissen es geht gleich weiter ich habe nur ein bischen Kopfwe.)

So jetzt läufts wieder wie am Schnürchen der Kühlschrank brummt und die Grillen zirpen wie in Spanien dort sind sie im Moment auch mega im Seich und drum an dieser Stelle: ¡Hola! Playa del Inglés!, wies aussieht wird aus uns beiden in diesem Jahr nichts mehr und im nächsten vermutlich grad noch einmal nicht und manchmal stelle ich mir vor wies bei euch unten ächt grad am Meer aussieht ohne die Menschen & die Turisten äuä nicht so schön oder vielleicht sogar noch schöner als sonst, weil die Blüttler weg sind, niemand weiss ES und, niemand kann nachschauen gehen und sowiso kann eigentlich sowieso kein Mensch etwas machen weil: der Bundesrat gesagt hat fertiglustig und zackbumm waren die Beitzen und die Soaps in der Burgdorfer Altstatt und überall sonst auch inklusive Maspalomas zu das hat sich an den lezten Weinachten sicher niemand so forgestellt so wass aber auch mann glaubtz einfach nicht

Ich see grad, Forgestellt schreibt man mit V! Koncentrier dich Hofreutener!

Gestern war 1 Frau* in meiner Wohnung seidher habe ich Vorhänge und übermorgen kommt ein Mann wägem LIecht wenn mich nicht alles teuscht. DAnn ist alles tutti completti und so richtig gemütlich abe r es geht mir auch sonst gut so muttersellenaleine und gopferlassen fast ohne Licht im dunkeln isst gut munkeln höhöhö. Ich habe was ich brauch und das eintzige was mich gelehgentlich stört sind die vielen Läute die dauernd auf mich einreden obwohl ichweit und breit der einzige bin hier sie reden am Tag und Nachts und wenns gantz blöd kommt sogar rund um dir uhr, abgesehen davon wärs supper wenn die Kackadus vor dem Fenster mal gefüdert werden würden aber die nachbarin läuft lieber immer füdliblutt wäh! durch die wohnung mit mir kannmans ja machen wir machen chly Musig

das waren noch Zeiten yeeeeh!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Kurtz / gut es gibt keinen Grund um sichummich Sorgen zu machen ewrisigns gone bi olreit ewrisigns gone bi olreit singt Bob marli und wo er recht hatt hatt er recht auch% wenn er tod ist . und ich fräuemich schon auf morgen

Die neue Virklichkeit (9)

Fix und fies: Bevor wir wussten, wo genau Wuhan liegt, war das Virus bei uns.

Wies Bisiwätter (es gab eigentlich keinen Grund, diesen Beitrag mit “Wies Bisiwätter” zu beginnen, aber weil auch “Wies Bisiwätter” zu jenen schönen Mundartbegriffen gehört, die von der Gesellschaft eines Tages häb-chläb im Keller der Sprachgeschichte entsorgt wurden, wo sie auf dem Boden einer staubbedeckten Truhe seither so verzweifelt auf ein Comeback hoffen wie Mel Gibson oder Kim Basinger

(diese Augen!),

dachte ich, das wäre jetzt amänd eine gute Gelegenheit, ihm etwas Licht und frische Luft und, vor allem, Hoffnung zu gönnen, zog ihn aus der Kiste, schüttelte ihn durch, klopfte ihn ab und setzte ihn an den Anfang dieses Textes.

Dort sitzt er nun, mit einem glücklichen Lächeln im zerfurchten Gesicht, lässt die knorrigen Beinchen so gut, wies halt noch geht, über Kim Basingers Locken baumeln und rechnet seine Überlebenschancen neu aus.

Sie stehen nicht schlecht: Wenn nur zwei von hunderttausend Leserinnen und Lesern finden, “oh, das ist jetzt noch schick, dieses ‘Wies Bisiwätter’ und es dann selber wieder gelegentlich einsetzen, vermehrt es sich schneller als die Mitglieder der Kelly Family und darf sich zumindest für die nächsten paar Jahrzehnte als gerettet betrachten.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen, oder ämu nicht in solch epischer Länge, aber manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann eben tun muss, ganz besonders jetzt, wo jeden Tag mehr Menschen von der Sonnenseite des Lebens auf the dark side of the moon verbannt werden, wo sie sich bange fragen, ob sie von dort je wieder zurückkehren dürfen und wenn ja, was sie in der alten Heimat dereinst wohl antreffen (und was ziemlich sicher nie mehr).

Und damit zurück zum Bisiwätter. Wie Selbiges raste Corona in den vergangenen Wochen rund um den Erdball. Im Dezember hatten die Chinesen das Problem noch exklusiv für sich, aber nicht für lange. Als der Durchschnittseuropäer den Atlas, in dem er auf der Doppelseite “Zentralafrika” stundenlang dieses cheibe Wuhan gesucht hatte, verärgert zuklappte (“Vrene, mir bruuche e neue!”), frästen die Viren durch den Gotthard nicht nur nach Bellinzona, Basel und Zürich, sondern auch in schöne Gegenden wie, sagen wir, das Emmental.

Trotzdem ist das (oder der?) Coronavirus SARS-CoV-2 (soviel Bluff musste jetzt einfach sein) für die meisten Leute immer noch etwas eher Abstraktes, weil nur wenige jemanden kennen, der oder die daran erkrankt ist.

Mir ging es auch so, bis gestern Morgen um 9.35 Uhr. Um diese Zeit teilte mir ein Freund fernmündlich mit, dass sich eine gemeinsame Bekannte in Heimquarantäne befinde, weil sie positiv auf Corona getestet worden sei.

Ich sah diese Frau zum letzten Mal im Herbst vergangenen Jahres und habe folglich keinen Grund, anzunehmen, sie könnte mich ebenfalls infiziert haben. Etwas mulmig wurde mir dennoch zumute, als ich von ihrem Schicksal hörte.

Als Kollege entbot ich ihr schriftlich meine besten Genesungswünsche. Als Journalist fragte ich sie, ob sie bereit wäre, mir in einem Interview für diesen Blog zu erzählen, wie sich ihr Leben nun anfühle.

Wenig später schrieb sie zurück, sie sei nach dem ärztlichen Bescheid “in eine Schockstarre” gefallen und möchte nun erst einmal die Quarantäne abwarten. Von ihrer Erkrankung habe sie zufällig erfahren. Ihr Arzt habe bei ihr als Risikopatientin im Rahmen einer anderen Abklärung einen Abstrich gemacht und sie 24 Stunden später wissen lassen, sie habe sich trotz der “zig Vorsichtsmassnahmen”, die sie gegen das Virus ergriffen hatte, irgendwo angesteckt.

Seither sitze sie, von der Aussenwelt isoliert, zuhause. Dort erlebe sie “Momente des Hinterfragens, des Bangens, aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt meiner Schlafzimmertür”.

“…aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt in meiner Schlafzimmertür”: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich im Zusammenhang mit Corona in den nächsten Wochen etwas noch Liebe-Volleres werde lesen dürfen.

Die neue Virklichkeit (8)

Der Chrampf ist derselbe wie früher im Büro. Aber auch wenn sich die Büez nun von zuhause aus erledigen lässt: Der Austausch mit den Arbeitsgspändli fehlt manchen Homeofficlenden halt schon.

Andere Zeiten, anderes Tippen: Seit einer Woche arbeitet ein grosser Teil der Schweizer Werktätigen in eiligst installierten Homeoffices. Aber je länger diese Pandemie dauert, desto mehr frage ich mich, wie weit es mit dem Arbeiten zwischen Abwaschbecken und Windelkommode manchenorts tatsächlich her ist.

Allpott schneit es mir aus Privatbüros Onlinespiele (“Stadt, Land, Fluss” ist gerade der Tophit), Fotowettbewerbe, Katzenvideos, Rezepte (“gegen den kleinen Hunger zwischendurch”) und Artverwandtes auf den Schreibtisch. Doch wenn man sich bei Leuten, die derlei tagein und -aus grossflächig streuen, danach erkundigt, wies denn so laufe mit der Büez zuhause, antworten sie auf Hundert und zurück: “Es ist ganz angenehm, aber natürlich schon viel stressiger als vorher (Kinder, Schildkröten, Haushalt usw.). Am meisten fehlt mir der regelmässige Gedankenaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen”.)

Frei übersetzt heisst das: Statt am Selecta-Automaten im 2. Stock von 8.00 bis 11.30 und von 13.00 bis 17 Uhr nonstopp über gerade abwesende Teilzeitmitarbeitende, krank darniederliegende Gspändli oder vaterschaftsurlaubende Vorgesetzte abzulästern, beglücken sie Unschuldige nun vom Stubentisch aus mit all dem Krempel, den sie auf ihren Entdeckungsbummeln durchs World Wide Web gleich hinter dem Eingang links in der Abteilung “Zeittotschläger” finden.

Aber es gibt in diesen Tagen auch Erfreuliches zu sehen. Derlei zum Beispiel

oder Söttigs

(zK. Virus Viral, A. Pokalips, Uppsala usw.: Bevor ihr mich gleich mit Fanpost zum Themenkreis “Gelebtes Christentum” eindeckt, möchte ich euch versichern, dass ihr zäntume niemanden finden werdet, der über Ostern besser Bescheid weiss als Manuel Dubach. Er ist reformierter Pfarrer in Burgdorf. Aber jetzt, dessenungeachtet: An die Tastaturen, fertig, los!).

und überhaupt stelle ich fest: Je grösser die Not, desto mehr lernt man ganz von alleine, sich wieder über die kleinen Dinge zu freuen, die im “normalen” Alltag so selbstverständlich wurden, dass man sie gar nicht mehr beachtete.

Mein persönlicher Höhepunkt des letzten Sonntags war ein Treffen mit dem Hüeti von Tess. Zehn Minuten lang sassen wir zwei Meter voneinander entfernt auf einem Bänkli vor ihrem Haus, schlürften ein Kafi, das sie mit nach unten gebracht hatte, und verputzten dazu ein Aufbackgipfeli und ein Laugenzöpfli aus dem Tankstellenshop.

Gestern traf ich auf dem Weg zu meinem Zigarettendealer eine Freundin, die gerade ihren Hund geleert hatte. Normalerweise laufen wir uns fast jeden Tag einmal über den Weg. Es war für mich bis vor Kurzem nichts Besonderes, sie zu sehen (falls sie gerade mitlesen sollte: Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Selbstverständlich ist es für mich jedesmal etwas total Spezielles, deiner Präsenz gewahr zu werden, doch in diesem Fall meine ich ein anderes “Besonderes”. Nicht das normale, sondern…aber ich merke schon: dieses Eis ist schon zu dünn geworden, um darauf noch weitere Faux pas zu riskieren).

Jedenfalls: Für mich fühlte sich dieser Kürzestschwatz an, als ob nach einer Woche Nebel auf einmal die Sonne durch das Grau blinzeln würde.

Was mir langsam ein wenig Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass meine Toilettenpapierreserven zur Neige gehen. Aktuell bestehen sie noch aus einer Rolle Hakle Vierlagig und einem Bündel Zeitungen. Die Bürobriefbögen möchte ich nur ungerne zweckentfremden. Noch habe ich die Hoffnung darauf, in einer unabsehbar fernen Zukunft wieder Offerten und Rechnungen verschicken zu können, nicht aufgegeben.

Versuche, den Vorrat aufzustocken, scheiterten am Samstag- und Montagmorgen kläglich. In den Coops in der Schützenmatte und im Bahnhofquartier war, inklusive 300 verschiedener Sorten Aprikosenjoghurts, alles im Überfluss vorhanden, nur WC-Papier gabs eine halbe Stunde nach der Türöffnung keines mehr.

Nun sondiere ich im Freundeskreis, wann der strategisch richtige Zeitpunkt ist, um Nachschub zu besorgen. Wenn ich die Hinweise meiner Gewährsleute richtig interpretiere, schlage ich am besten zwischen 15 und 16 Uhr zu. Dann haben sich die meisten Zeitgenossinnen und -genossen mit dem Nötigsten eingedeckt und die Verkäuferinnen und Verkäufer die Bestände neu aufgefüllt. In den Läden befinden sich zu diesem Zeitpunkt immer noch Menschen. Die Berufspanikerinnen und -paniker können mit ihren Sattelschleppern also nicht zu den Regalen mit den Hygieneartikeln vorfahren, ohne Verletzte und Tote zu riskieren.

Andererseits: Was zählt für den Hamsterer schon ein Menschenleben im Vergleich mit einem Palett Toilettenpapier?

Die neue Virklichkeit (7)

Ohne Internet hätte es 68 Jahre, 14 Monate, 8 Wochen und 17 Tage gedauert, bis das Corona-Virus medial bei uns angekommen wäre.

Als ich vorhin die letzten Corona-Nachrichten mit aktuellsten Fallzahlen. Livetickern, hastig in Laptops gehackten Reportagen aus Krisenregionen, Podcasts von Gesundheitsfachleuten, vor wenigen Minuten lancierten Hilfsaktionen und einem Blutspendeaufruf sichtete, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Was wäre gewesen, wenn dieses Virus vor dem Internetzeitalter gewütet hätte?

Mails, Skype oder Whatsapp gab es Mitte der 80er Jahre genausowenig wie Facebook, Twitter oder Youtube. Lokal- und Tageszeitungen informierten Herrn und Frau Schweizer über das Geschenen vor ihren Wänden, im Wankdorf und in Washington. Die elektronische Medienlandschaft bestand aus dem Radio und Fernsehen SRF, der ARD und dem ZDF.

Nachrichten erreichten ihre Publikum nicht selten mit grosser Verspätung. Am 26. April 1986 zum Beispiel explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Erst drei Tage danach erschienen in westlichen Medien die ersten Berichte über das Unglück.

Wenn man das inflationsbereinigt und aufgrund meines mathematischen Basiswissens hochrechnet, kommt man automatisch zum Schluss, dass es Punkt 68 Jahre, 14 Monate, 8 Wochen und 17 Tage gedauert hätte, bis das Corona-Virus medial bei uns angekommen wäre.

Unter uns wären die unsichtbaren Eindringlinge trotzdem schon, was bedeutet: Ahnungslos wie Forrest Gump würden wir total vervirt weiter an Grossveranstaltungen und in Restaurants gehen und Senioren oder Kranke in Heimen und Spitälern besuchen. Tag für Tag steckten Zehntausende Zehntausende an. Ende Woche wäre der Leerwohnungsbestand in der Schweiz auf einem ewiggültigen Allzeithoch angekommen. Gräber und Urnenplätze könnten sich nur noch die Reichsten der Reichen leisten. Alle anderen müssten auf der faulen Haut herumliegen und warten, bis sich die Lage beruhigt. Letzteres ist vielen von uns inzwischen ja bestens vertraut.

Die überlebenden Angehörigen der nachfolgenden Generationen würden schnell merken, dass ihnen die Alten nicht nur eine schwer reparaturbedürftige Erde vermachten, sondern auch jede Menge Zeugs, mit dem sie etwas anfangen können, ohne es vorher in Ordnung demonstrieren zu müssen.

Wenn ich einige Erbinnen und Erben jetzt gerade so schön in der Leitung habe, nutze ich die Gelegenheit, ihr Allgemeinwissen mit einem Müsterchen aus der kommunikativen Steinzeit zu tunen, gerne; genauso, wie unsere Grossväter uns früher vom Zweiten Weltkrieg berichteten, nur mit ohne verdunkelten Fenstern, fernem Bombendonner und all den Streichen, mit denen Vögeli Kurt sel. den Kadi solange in den Wahnsinn trieb, bis er (der Kadi) ihm (Vögeli) sagte, er solle ihm doch in die Schuhe blasen, worauf Vögeli eines Nachts, als der Kadi schlief, sich süüferli aus seinem Feldbett erhob, quer durch die Soldatenunterkunft zum Nest des Kadis täppelte, ein Paar von dessen Schuhen darunter hervorzog und! tatsächlich!! hineinblies!!!.

Das Mass aller Dinge war für uns Journalistinnen und Journalisten ein “Telekoppler”. Dazu muss man wissen: Medienschaffende sassen zu jener Zeit nur im Büro, wenn ihr Chef sie dazu zwang, was aber kein Chef je tat; ganz im Gegenteil. Meist waren wir Schreiberlinge draussen, um mit Leuten zu reden und Dinge anzuschauen.

Die besten Geschichten schnappten wir häufig in Gartenbeizen auf und oft genau dann, wenn wir kaum mehr in der Lage waren, unfallfrei zwei Sätze hintereinander zu notieren. Das spielte aber überhaupt keine Rolle, jedenfalls nicht für uns: Das wesentlich Scheinende behielten wir plusminus im Kopf, den Rest machten wir später passend.

Gartenbeizen wiederum – dies zK. der Neugeborenen – waren lauschige Plätze mit Kies drauf und Kastanien drumherum. An Vierertischchen und an langen Tafeln sassen nicht selten mehr als fünf Personen auf einmal, um Seit’ an Seit’ miteinander zu plaudern, zu essen und sich dem Trunke hinzugeben).

Aber item. Mit diesen ziegelsteingrossen und -schweren Telekopplern liessen sich Texte aus öffentlichen

(Bild: Berner Oberländer)

Telefonkabinen

direkt in die Redaktion übermitteln; zumindest theoretisch. In der Praxis endeten diese Versuche meist damit, dass der Berichterstatter vor Ort um kurz vor Mitternacht totalentnervt in die Zentrale anrief, um den Beitrag der Sekretärin, die gerade nach Hause eilen wollte, um ihren Liebsten mit einem raffinierten Dreigänger vor dem Hungertod zu bewahren, es aber nicht übers Herz brachte, den Anruf zu ignorieren, in die IBM-Kugelkopfmaschine zu diktieren.

Wer einmal so einen Telekoppler oder eine original echte Telefonkabine oder auch nur einen Telefonapparat aus der Nähe betrachten will, kann das im Museum für Kommunikation in Bern jederzeit nicht tun.