Die neue Virklichkeit (16)

Geahnt hat mans schon lange, bewiesen ist es erst jetzt: Die Spuren des Handels mit kontaminiertem Hefeteig führen nach Köln und Tijuana.

Manches las ich in den letzten Tagen gerne. Die Antworten meiner Altstadtleistvorstandsgspändli auf die Frage, wie es ihnen gehe, zum Beispiel:

“Alles ok bei mir.” (Claudia Fankhauser)

“Bei mir ist auch alles ok.” (Heidy Räber)

“Auch bei mir, kein Grund zur Panik.” (Susanna Menzi)

“Alles ok.” (Heidi Handschin)

“Alles bestens.” (Dora Abegglen)

“Alles iO bei mir.” (Stefan Berger)

Einige Zuschriften liessen mich schmunzeln (vor allem, wenn sie von weiblichen Risikogruppenmitgliedern stammen, wie die hier):

“Habe gestern mit meiner Büropartnerin gezecht.”

Wegen des Bescheids einer Kollegin – sie hat einen jetzt arbeitslosen Mann und Kinder – geriet ich ins Grübeln:

“Ich finde es abartig anstrengend, ich bin ziemlich überfordert. Ich schreie mehr als üblich, habe meistens schlechte Laune, träume nachts die schlimmsten Dinge und würde mich schampar gerne jeden Abend besaufen.”

Wie kaltgepresstes warmes Olivenöl lief Söttigs an meinem schon recht ausgemergelten Körper hinunter:

“Deine Texte lesen sich so süffig, sind intelligent, pointiert, aber trotzdem zu 100% glaubwürdig und widerspiegeln die Situation sehr genau.”

Gestern fand ich – mit fast einer Woche Verspätung; ich lege die Drinnenbleib-Weisungen des Bundes recht ordod ohrto ortoto streng aus – das im Milchchäschtli:

Falls jemand ernsthaft glauben sollte, dies toppen zu können:

Hannes Hofstetter
Schmiedengasse 1
3400 Burgdorf

Was ich hingegen nicht mehr sehen mag, sind die Beiträge einiger “Freundinnen” und “Freunde” auf Facebook.

Anfang März hätte ich diese Leute – mit denen ich im realen Leben kaum je Kontakt habe – noch als plusminus “vernünftig” bezeichnet. Hin und wieder stellten sie Sachen online, die zu tolerieren mir nicht ganz leicht fiel, doch dann sagte ich mir immer: Henu. Es darf ja jeder und jede denken, was er oder sie will, und wenn der eine oder die andere mit dem Denken grundsätzlich chly Mühe hat und deshalb lieber Zeug veröffentlicht, das andere vorgekaut haben, ist auch das in Ordnung. Es zwingt mich ja niemand, es anzuschauen.

Seit dem Ausbruch von Corona befeuern diese Zeitgenossen und -genossinnen ihr Umfeld allerdings in atemberaubender Kadenz mit Botschaften, welche in ihrer Absurdität jeden Film der Coen-Brüder in den Schatten stellen, selbst den hier (ich empfehle ihn heiss; er ist auf Netflix zu finden): 

Wie die Teufelchen, die aus einer Schachtel schiessen, sobald man den Deckel hebt, springen mir aus den Untiefen des Internets allpott Figuren entgegen, die aus versifften Hütten in den Rocky Mountains vom baldigen Untergang des Universums künden oder vor imposanten Bücherwänden dozieren, dass Covid-19 von den USA, China, den Juden oder einer 17-jährigen Schwedin freigesetzt worden sei, um zehn Milliarden Leute auf einen Chlapf denkfaul und mundtot zu machen mit der festen Absicht, erst DIE TOTALE KONTROLLE über uns zu erlangen und sich dann die Herrschaft über den Globus unter den Nagel zu reissen. 

Diese Filmchen und Vorträge (ich verlinke keine Beispiele, weil ich finde, diesen Typen würden auch so schon ausreichend viele Plattformen zur Verbreitung ihrer kruden Thesen zur Verfügung gestellt, und wenn jetzt jemand findet, das sei “ZENSUR!”, dann ist es halt Zensur, tant pis) zielen letztlich durchs Band weg auf Eines ab: Sie feinden Menschen aus anderen Kulturen an, stellen jahrtausendealte Wertvorstellungen und Glaubensgrundsätze in Frage und sähen Misstrauen und düngen Hass gegenüber allem, was ihnen fremd und damit bedrohlich erscheint. 

Tausende von Banksachbearbeitern, Verwaltungsangestellten, Managern oder Gastronomen, die zuhause rundumdieuhrgelangweilt vor ihren Compis und Tablets hocken, reichen das Gift an ihre echten und virtuellen Bekannten weiter. Es verschafft ihnen Klicks und Likes und damit genau die Aufmerksamkeit, die ihnen in der Abgeschiedenheit ihrer inzwischen amänd nicht mehr dermassen sweet homes zunehmend fehlt. 

Ihre Freunde wiederum hinterfragen ihrerseits nicht lange, was auf deren Bildschirmen aufpoppt, weil sie Franz von der Bank und Maja aus dem Nagelstudio als durch und durch zuverlässig einschätzen, und streuen den Mist grossflächig auch in ihrem Umfeld, von wo aus er sich fast wie von alleine weiter über den Erdball verteilt – genau wie das Virus. Und mit ähnlich verheerenden Folgen.

Mir persönlich würde es genügen, wenn die Menschheit endlich begreifen würde, dass Covid-19 der kleine Bruder von R2-D2 aus “Star Wars” ist. An Beweisen dafür ist wahrlich kein Mangel: In beiden Namen hats einen Bindestrich und hier wie dort gibt es ausschliesslich Zahlen, die nicht durch 3 teilbar sind. Weiter kommen sowohl das “o” in “Covid” als auch das “D” in “D2” im Wort “Hollywood” vor, und Hollywood spielte bei der Mondlandung bekanntlich eine zentrale Rolle (wenn nicht sogar die einzige, welche der CIA für die Inszenierung dieses Spektakels zu besetzen hatte).

Die Wissenschaftsredaktionen des “Spiegel”, der NZZ und der “Zeit” habe ich bereits am Punkt 14. Januar 2020 über diese Tatsachen informiert. Auf Geheiss von Angela Merkel halten die Feiglinge, die diese Fakennews-Schleudern betreiben, meine Erkenntnisse aber unter Verschluss.

Die neue Virklichkeit (15)

Die Burgdorfer Altstadt ist für einmal (und nur vorübergehend!) menschenleer. Gesprächsstoff haben die Leute trotzdem, wenn auch nicht immer neuen.

Ein bisschen wirkt sie wie die Kulisse für einen Film, die nach dem Abschluss der Dreharbeiten einfach stehengelassen wurde: Seit zwei Wochen ist die Burgdorfer Oberstadt so tot, wie einige Leute schon lange vor Corona nicht müde wurden zu behaupten.

In Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst dürfte es ähnlich trostlos aussehen, aber Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst sind nicht Burgdorf. Wenn in Aarau, Luzern, St. Gallen, Thun und überall sonst nichts läuft, ist das sicher bedauerlich, aber normal. In Burgdorf hingegen müssen wir uns erst an diesen Friedhofgroove gewöhnen (aber yes, we can! Auch das!).

Eben versammelten sich hier 350 000 Menschen, um den Wägsten und Chächsten zäntume dabei zuzuschauen, wie sie unter sich den König erkoren. Kaum waren sie weg, strömten die nächsten Heerscharen an den Schlossfuss, weil das Fernsehen kam. Ich könnte noch endlos solche Grossereignisse aufzählen, doch irgendwann ist auch mal gut, und abgesehen davon: “Es bringt nichts, sich im Glanz früherer Tage zu sonnen, wenn die Schatten über der Gegenwart lang und länger werden und das Jetzt langsam im Nichts verschwindet”, wie Polo Hofer nie sagte.

Das ist sowieso die grosse Frage: Wie hätte der Chronist des helvetischen Alltags kommentiert, was d Rosmarie und i plus viele, viele andere Menschen seit seinem Tod vor bald drei Jahren im letschte Tram, in Memphis, ufem Betriebigsamt, am Loeb-Egge z Bärn, in Wyssebüel, oder uf däm länge Wäg zu dir besprachen, während sie am rote Wy nippten oder in einer Wiese voller Alperose lagen, nachdem sie Sidi Abdel Assar vo El Hama, Adelina oder ds Lotti gebeten hatten, d Stüehl ewäg zu stellen, weil travailler für sie selber trop dur war?

Ganz einfach wäre ihm das kaum gefallen, ohne sich zu wiederholen: Den Klimawandel hatte er schon 1981 abgehandelt (“Äs git e heisse Summer hüür”). Damals konnte man noch dem Amazonas entlangbummeln ohne ständig befürchten zu müssen, einem Eisbären zu begegnen. Mit Ein- und Auswanderern beschäftigte er sich 1980 in “Ännet dr Gränze”. Der Behauptung, dass ihm zum Thema “Corona” plusminus dasselbe eingefallen wäre wie 1995 mit “Stop Aids”, würden wohl weder Ramona und Mischler Mone noch Johnny Ace und dr blind Willie McTell lange widersprechen, und e liebe Siech schon gar nicht.

Wenn etlichen Menschen in der Burgdorfer Altstadt gestern e Träne i ds lääre Bierglas gheit isch, kann das mit ihrer zunehmenden Vereinsamung oder dem Comeback des Winters zu tun gehabt haben, muss aber nicht. Falls zutrifft, was die Betreiberin eines Pizza-Lieferdienstes auf Facebook rapportierte, war vor allem die Art und Weise, wie die Polizei sich darum bemühte, die öffentliche Sicherheit auf diesem menschenleeren Fleckchen Welt aufrechtzuerhalten, zum Heulen:

Ich bin weit davon entfernt, jedes Kapitalverbrechen gutzuheissen, nur, weil gerade Corona ist. Trotzdem finde ich: Auch in einer Zeit, in der sich jede Berührung auf den Verlauf der Ansteckungskurve auswirken kann, sollte chly Fingerspitzengefühl erlaubt sein.

Oder vielmehr: Gerade dann sollte ein Minimum an Gspüri vorausgesetzt werden dürfen.

Die neue Virklichkeit (14)

Es wird auch – und ganz besonders! – in Krisenzeiten gegessen, was auf den Tisch kommt, und wenn auf den Tisch ein Birchermüesli mit Joghurt kam, siehts im Schäli am Schluss so aus.

“Was soll ich heute nur kochen”? – Diese Frage stellt sich den professionellen Heldinnen und Helden am Herd vorläufig nicht mehr, dafür aber mit wachsender Dringlichkeit in Abertausenden von Haushaltungen. Immer nur Spaghetti Fertigbolo, Wienerli mit Büchsenröschti oder Ravioli auf einem Ärbsundrüeblibett: Das kanns nicht sein, nicht auf Dauer, und schon gar nicht auf unabsehbar lange Dauer. 

Ich erwäge deshalb, demnächst einmal (oder vielleicht auch ziemlich regelmässig) Christian Bolliger vom Stadthaus, Lukas Kiener von der Gedult und Manuel Hölterhoff vom Serendib zum Essen einzuladen. Wenn ich ihnen sage, bei mir gebe es nur Conveniencezeug, kommen sie bestimmt von alleine auf die Idee, in ihre Vorratskammern zu steigen, die sie am Abend des 16. März überstürzt verlassen mussten, und ihre Verpflegung selber mitzubringen. In diesen Speichern lagern auf Hundert und zurück kulinarische Schätze sonder Zahl, die langsam gehoben werden sollten; ich sage nur “Ablaufdatum” und “Lebensmittler”.

Für alle andern, die nicht über so gute Koneggschens verfügen, habe ich hier ein Rezept für ein Essen, das Gross und Klein und Jung und Alt und Dick und Doof gleichermassen sättigt, im Handumdrehen zubereitet und erst noch vegetarierkompatibel ist: Birchermüesliflocken in ein Schäli schütten, Joghurt drüberkippen, umrühren – und fertig ist das Zmorge, Zmittag, Zvieri oder Znacht und darüberhinaus auch noch eine lecker-gesunde Mahlzeit für zwischendurch. 

“Froh zu sein, bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König”, lernten wir in der Sonntagsschule. Und auch wenn uns aus dem Religionsunterricht für die Kleinen unterdessen nicht mehr viel mehr präsent sein mag als unsere erbitterten Debatten um die korrekte Auslegung von Samuel 17. (dort geht es bekanntlich um den Beef, den David und Goliath miteinander hatten) realisieren wir heute, während wir in unseren vier Wänden den grob geschätzt 418. Tag unserer Isolationshaft absitzen, doch: das stimmt. 

Mit dem Frohsein und dem Bedürfen verhält es sich nämlich genauso wie mit der berühmten Weisssagung der Cree-Indianer („Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“), nur mit ohne Wildwestromantik: “Erst, wenn die letzten Kalbsmedaliongs, das letzte Pfund Ghackets, der letzte Rochen, den ihr Stunden vor dem grossen Lockdown im Tankstellenshop eures Vertrauens zusammenramisiert habt, verputzt ist, werdet ihr merken, dass auch ein simples Müesli ein Festessen sein kann.” 

Gründe zum Feiern gibts aktuell zwar nicht sonder Zahl. Dafür wären reichlich Anlässe dafür vorhanden, chly bescheidener oder – Achtung: grosses Wort! – demütiger zu werden.

Ich weiss natürlich nicht, wie es jedem einzelnen Bewohner und jeder einzelnen Bewohnerin dieses Landes seit dem Ausbruch der Corona-Krise geht. Aber ich vermute stark, dass die meisten von ihnen – ich nehme mich da nicht aus; überhaupt nicht – gerade auf einem sehr hohen Niveau meckern und wettern und fluchen und wehklagen (würden, wenn sies denn täten).

Einigen wenigen kommt die Pandemie möglicherweise sogar nicht einmal ungelegen. Das wegen seiner Sparsamkeit berüchtigte Verlagshaus Tamedia zum Beispiel teilte dieser Tage mit, dass die Werbeeinnahmen wegen des Virus dermassen wegbrechen würden, dass die Arbeitspensen bei sämtlichen Angestellten ab dem 1. April um 10 bis 20 Prozent gekürzt werden müssten. 

Das heisst: Ausgerechnet jetzt, wo die Leserinnen und Leser mehr denn je auf verlässliche Informationen angewiesen sind, setzt das Medienunternehmen den Sparhebel genau dort an, wo Profis aus einem endlosen Strom von Meldungen aller Art rund um die Uhr Nachrichten fischen, auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen und sorgfältig so aufarbeiten, dass ihre Kundschaft jederzeit über den aktuellen Stand der Dinge auf dem Laufenden ist.

Und dabei ist es nicht so, dass die Tamedia nur noch wenige Schritte vor dem Konkursamt stehen würde. Für das Jahr 2019 wies die Firma einen Umsatz von 1,08 Milliarden Franken und einen Gewinn von knapp 100 Millionen Franken aus (ich wiederhole: einen Umsatz von 1,08 Milliarden Franken und einen Gewinn von knapp 100 Millionen Franken).

Damit die Aktionärinnen und Aktionäre auch nächstes Jahr chly öppis von ihren Engagements haben, müssen nun leider, leider weitere Stellenprozente gestrichen werden, weil eben: Corona. Da kann man einfach nichts machen. Sorry, Leute. Ist ja nicht persönlich gemeint.

Trotzdem gilt hoffentlich allgemein: Es geht uns gut. Anderswo tobt die Seuche wie früher die Kampfstiere in den Gassen von Pamplona: In China, Italien, Spanien und Frankreich warten kranke Menschen auf den Böden vor Notfallkliniken darauf, dass jemand sich ihrer annimmt. In New York werden die Viren-Toten in Zelten zwischengelagert, bevor sie in Urnen oder Gräbern ihre letzte Ruhe finden dürfen, und in Indien verfügte die Regierung für 1,3 Milliarden Menschen eine Ausgangssperre.

Das alles sehen wir, gemütlich auf unsere Sofas gefläzt, jeden Abend in der Tagesschau. Am nächsten Morgen ellböglen wir uns um spätestens 7.30 Uhr ins vordere Drittel der Warteschlange vor der Migros, um uns im Rennen um die 500 Rollen Toilettenpapier, die wir bestimmt auch heute benötigen werden, einen guten Startplatz zu ergattern. 

Dass die Habegger aus dem 2. Stock mit dem Geschäfts-SUV ihres Alten schon wieder drei Viertel des gesamten Papierbestandes abzügelt, während wir uns noch überlegen, ob ein Einkaufschörbli für unsere Wochenration von 14 Kilo Zahnpasta wohl genügt, passiert uns ganz sicher nicht ein zweites Mal.

Ich mag mir nicht vorstellen, in wievielen Tiefkühltruhen und auf wie manchen Kellergestellen sich inzwischen Esswaren stapeln, mit denen sich fünfköpfige Familien samt zwei Paar Grosseltern und dem kompletten Satz Gotten und Göttis plus sämtlichen Cousinen und Cousins sowie den angeheirateten Neuzugängen bis im Juni 2042 ernähren könnten, ohne zweimal das gleiche zu futtern.

Eine Woche ist vergangen, seit ich zum letzten Mal ins Fach mit der Fanpost geguckt habe. Was ich damals entdecke (“Vollpfosten!”), warf mich psychisch dermassen z Bode, dass ich mir in meinem abgedunkelten Schlafgemach, bis unter die Schädeldecke mit Prozac vollgepumpt und mit bis zum Anschlag aufgedrehten Lautstärkereglern 24/7 Trost bei Xavier Naidoo suchend (“…verlierst noch genug Blut, Schweiss und Tränen auf dem Weg, der vor dir liegt…”), vornahm, nie mehr auch nur in seine Nähe zu gehen.

Aber natürlich war der Gwunder irgendwann stärker als der Überlebensinstinkt. Ganz süüferli, als ob darin ein Monster mit spitzen Zähnen und rasiermesserscharfen Klauen dösen würde, öffnete ich letzte Nacht den Mailordner dieses Blogs, leuchtete mit der Taschenlampe meines iPhones hinein und entdeckte…

…nichts. Kein Lob, kein Tadel, keine Kritik. Wo sonst Heiratsanträge, Spermabestellungen und Morddrohungen aufgetürmt sind, lagen lediglich zwei halbverrottete Spammails aus Nigeria, die mich stumm anflehten, sie von ihrem Leiden in der Finsternis zu erlösen.

Ich tat ihnen den Gefallen, klickte auf “Löschen” und ging heiteren Gemüts in die Küche, um mir ein Birchermüesli zu zaubern.

Nachtrag: Wenige Tage nach der Tamedia beantragten auch die NZZ-Gruppe und CH-Media Kurzarbeit.

Die neue Virklichkeit (13)

Kleiner Aufwand – grosse Freude: Ein simpler Bummel der Emme entlang erscheint inzwischen nicht nur Angehörigen der Risikogruppe wie ein Geschenk.

Vor vier Stunden begann die Sommerzeit, für den Nachmittag ist Schnee angesagt: Das liest sich auf den ersten Blick ein bisschen schräg. Beim zweiten Hinsehen passt es in einer Welt, in der nur noch ganz wenig ist, wie es im Grunde schon lange vor dem Corona-Ausbruch zum letzten Mal war (also gegen Ende des verflossenen Jahrtausends, ganz bestimmt aber vor 9/11, dem Klimaschock und der Flüchtlingskrise) jedoch recht gut zusammen.

Die Zeit spielt, sicher nicht nur für mich, immer mehr eine Nebenrolle. Gestern realisierte ich erst lange nach dem Aufstehen, dass Samstag ist. Vorher war ich davon ausgegangen, wir hätten Mittwoch. Die Tage fühlen sich alle gleich an. Was auch immer sie einst voneinander unterschieden haben mochte (Wochenplanungssitzung am Montag, Yoga am Dienstag, Singprobe am Mittwoch, Vorstandstreffen am Donnerstag, Jassen am Freitag, Swingerclub am Samstag, Kirchgang am Sonntag), strich ein von blossem Auge unsichtbares Etwas über Nacht aus den Agenden von Millionen von Menschen.

Mit einer Freundin und einem Freund bummelte ich am Nachmittag der Emme entlang. Erleichtert stellten wir fest fest: Der Fluss, die Enten, die Bäume, die Sträucher – es ist noch alles da. Und wirkt ungleich schöner denn je. Bevor wir nach einer Stunde Unsfreuens auseinandergingen und uns vor den Bakterien versteckten, versicherten wir uns, dass das nicht unser letztes Ausflügli gewesen sei.

Es hatte sich angefühlt wie Miniferien. Es öffnete für uns einen Spalt in das Leben, das wir uns alle zurückwünschen (obwohl wir ahnen, dass wir es, zumindest in der uns vertrauten Form, nicht zurückerhalten werden) und ermöglichte uns, über viele kleine Naturwunder zu staunen, an denen wir im Februar achtlos vorbeigegangen wären. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Menschen zu reden, Gedanken auszutauschen und zäme zu lachen.

Es tat, kurz gesagt, einfach gut; wie ein eisgekühltes Cola Zero an einem glutheissen Sommertag. Solche Erfrischungen stehen für uns nach wie vor bereit. Sie sind bis auf Weiteres allerdings nur in schnell geleerten Eindezigläschen zu haben.

Eigentlich machen die meisten von uns seit dem Lockdown am 16. März ja nichts anderes als das, was John Lennon (für die jüngeren Leserinnen und Leser: John Lennon war ein englischer Musikant, der es weit hätte bringen können, wenn er nicht am 8. Dezember 1980 erschossen worden wäre) auf seinem letzten Album “Double Fantasy” besang: Sitting here watching the wheels go round and round.

Der Unterschied zu ihm ist einfach, dass wir höchstens noch in mondlosen Nächten um 2 Uhr in den Park gehen, damit uns niemand wegen fahrlässigen versuchten Massenmordes anzeigen kann, uns vor und nach dem Teigkneten die Hände chemisch reinigen, bald nur noch dank der Schilderungen unserer Vorfahren wissen, was ein Rummelplatz ist und keine Ahnung haben, wann wir das nächste Mal einen Strand sehen werden, und ob überhaupt je.

Die Hoffnungen darauf scheinen halbwegs intakt zu sein. An einer Medienkonferenz sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit gestern: “Die schlimmsten Prognosen, die wie vor ein paar Wochen gemacht haben, sind nicht eingetreten.”

Ich verbuchte das sogleich als gute Nachricht, wunderte mich aber im selben Moment darüber, dass das Gehirn und das Gemüt sich offensichtlich schon mit sehr wenig zufriedengeben, um etwas positiv zu werten.

Schön ist auf jeden Fall: Im Haus gegenüber lebt ein Mann, der oft genau dann aus dem offenen Fenster schaut, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt regle. Ich weiss nicht, ob er alleine da wohnt oder ob seine Frau ihren Kopf erst nach dem Eindunkeln für ein paar Minuten ins Freie halten darf, aber das ist ja egal (ämu mir, der Frau vielleicht weniger).

Erst fiel uns nicht auf, dass wir häufig gleichzeitig das Bedürfnis nach einer kurzen Luftveränderung verspüren. Dann begannen wir, ein bisschen zu grinsen, wenn wir uns sahen. Inzwischen winken wir uns manchmal zu.

Wenn das so weitergeht (und das geht es, irgendwie, ja zweifellos), halten wir in vier oder fünf Wochen grosse Kartons mit unseren Vornamen hoch, um uns einander vorzustellen.

Die neue Virklichkeit (12)

Wer die Veranstaltungen des Jahres 2020 mit wasserfestem Filzstift in die Agenda einträgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er alle paar Wochen einen neuen Terminplaner kaufen muss.

Zu Dritt sassen wir so gemütlich, wies mit je zwei Metern Abstand halt geht, in der Wohnung einer Freundin und bemühten uns, nicht über das Thema zu sprechen. Das ist aber, wie längst alle wissen, unmöglich. Corona bestimmt unser Leben von A wie “Animationsprogramm für die Kinder” bis Z wie “Zusammenbruch der Nerven”, wenn A den Kleinen verleidet oder die Grossen zwischendurch eifach nümm möge.

Also sprachen wir trotzdem chly drüber, und als wir uns nach einer Stunde berührungsfrei voneinander verabschiedeten, taten wir das so herzlich, als ob wir uns soeben zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder gesehen hätten und uns frühestens in 32 Jahren erneut treffen würden.

Sie werden immer wertvoller, diese Lichtlein im Dunkel der Ungewissheit.

Aber damit: genug der inneren Einkehr, genug des Reflektierens, genug des Sichaufsichselberbesinnens. Es bringt ja doch nichts. Solange Angela Merkel an ihren 5G-Windkrafträdern festhält, müssen wir mit diesem Virus leben, ob wir nicht wollen oder nicht.

Etwas Gutes haben die Bazillen ja: Wegen ihnen ist die alle Jahre wieder mit Hochspannung erwartete und oft zu wüsten Schlägereien unter Sprachwissenschaftern führende Wahl zum “Begriff des Jahres” schon im März so gut wie entschieden. Gewinnen werden “Stand heute” oder “Social Distancing”.

“Stand heute” sagt inzwischen jeder, der etwas plant, was sich später als in zwei Stunden ereignen soll. “Stand heute” finde die BEA 2020 statt, sagten die Organisatoren wenige Tage, bevor sie den Anlass absagten. Vor Kurzem vermeldete die Finanz&Wirtschaft, “die ausserordentliche Performance des zurückliegenden Jahres” sei für die Pensionskassen “stand heute” so gut wie weggewischt. Das Geld dürfte inzwischen folglich versickert sein.

Stand heute darf davon ausgegangen werden, dass das Oberemmentalische Jodlertreffen vom 9. Mai in Trubschachen ebenso steigt wie das tags darauf am selben Ort angesetzte Emmentalische Schwingfest (super: für beide Anlässe genügt ein Link), das Gurtenfestival vom 15. bis 18. Juli oder die “Sternissage” vom 27. November, zu welcher der Altstadtleist und die Detaillistenvereinigung Pro Burgdorf die Bevölkerung heute schon herzlich einladen…

…aber äbe: Es gibt bestimmt bessere Ideen, als sich diese Termine mit wasserfestem Filzstift in die Agenda einzutragen.

Zum “Social Distancing” hat sich Manuel Dubach, der reformierte Pfarrer von Burgdorf, Gedanken gemacht:

Falls jemand ebenfalls einen so lässigen Hirten haben möchte, der nebst allem anderen auch erklärt, wies “wieder meh Müntschi” gibt, kann ich nur sagen: frohes Suchen; das könnte dauern.

Ich möchte nicht wissen, wie der Pfarrer, der um das Jahr 1980 herum mich und zwei Dutzend weitere vollpubertierende Vokuhila-Desperados und Rüeblijeans-Desperadösen zu konfirmieren das Vergnügen hatte, auf ein solches Ereignis reagiert hätte. Vermutlich gar nicht. Ihm ging es vor allem um die Zuschauerzahlen bei seinen Auftritten. Um sie künstlich hochzuhalten, war Dieter K. jedes Mittel recht, auch wenn es jeder Menschenrechtskonvention Hohn spottete.

Wer ihm vor dem feierlichen Übertritt ins kirchliche Erwachsenenalter nicht mindestens 25 Mal live gelauscht habe, werde nicht konfirmiert und damit Pasta, verkündete er unseren Eltern und deren Schutzbefohlenen, was bedeutete, dass wir mit Blick auf eine möglichst üppige Bescherung am Tag X etliche Sonntagmörgen bei ihm in der Kirche absassen statt am lauschigen Hallwilerseeufer über den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan oder das zarte Erblühen der Grünenbewegung zu debattieren mit hochtourig wechselnden Studienpartnerinnen das theoretische Wissen aus dem “Bravo” in die Praxis umzusetzen (zu versuchen) und dazu den lieblichen Klängen fremdländischer Musikantinnen und Musikanten zu lauschen.

Zum Beleg unserer Anwesenheit mussten wir dem Herrn Pfarrer regelmässig rosarote Zettelchen vorlegen, die uns der gestrenge Kirchensiegrist vor dem Gottesdienst aushändigte. Die Schlaueren unter uns liessen sich beim Hinausgehen gleich noch eines geben (“ich habe das andere irgendwie drinnen verloren”) und konnten ihre Zwangspräsenzzeit so elegant halbieren.

Jetzt aber: zurück ins Jahr 2020, zurück zu Corona und damit zurück in die Isolation. Ich merke mehr und mehr, dass Fernsehen keinen Spass macht, wenn man tagsüber weitgehend beschäftigungsfrei zuhause herumhängt. In meiner Swisscom-Box sind ungefähr 50 Spielfilme, Dokumentationen und Serien abgespeichert, die ich einst, bevor ES über uns kam, aufnahm für den Fall, dass es mal ein Wochenende lang regnen sollte.

Jetzt regnet es zwar nicht, aber drinnen sitze ich trotzdem die ganze Zeit. Ich hätte endlos Möglichkeiten, die Konserven zu leeren, doch irgendwie fehlt mir dazu einfach die Lust. Fernzusehen scheint nur dann wirklich Spass zu machen, wenn es eine Art Belohnung darstellt oder eine Abwechslung von der Arbeit bietet. Wenns nichts zu belohnen gibt und vorher null Büez anstand, gibts keinen – gut: fast keinen; etwas ist am Ende ja immer – Grund, sich aufs Sofa zu fläzen, um etwas zu gucken.

Irgendwie verhält es mit den Arte-Dokus heute wie mit den Sexfilmen früher: Im zarten Teenageralter frästen wir Siebesieche auf unseren fast standardmässig mit Tschinggen-Töpfen versehenen Ciaos und üppig verchromten Zweigang-Sachs regelmässig ins Nachbardorf, um Geni Wörner in seinem Kassenhäuschen brandschwarz vorzulügen, wir seien für die Nocturnen in seinem Kino Rössli alt genug.

“Auf der Alm, da gibts koa Sünd”, “Liebesgrüsse aus der Lederhose”, Dutzende von *räusper* Aufklärungsstreifen aus dem Hause Kolle, unzählige Reportagen über liebestolle Schwedinnen plus “Eis am Stiel” I – XXVII: Wir liessen, ein Sanagol nach dem anderen chätschend, nichts aus. Doch sobald wir 18 Jahre alt waren und diese Filetstücke cinéastischen Schaffens ganz legal hätten geniessen dürfen, interessierten sie uns nicht mehr.

Und jetzt, liebe Erwachsene, wirds endlich Zeit für euer Animationsprogramm: