Die neue Virklichkeit (21)

Ei-ntönig: Das Thema “Corona” verfolgt uns bis in die hintersten Winkel unseres Alltags.

Samstagabend, 18.45 Uhr: Über mir knirschts immer lauter. Von Minute zu Minute werden die Spalten in den Balken breiter. Bevor mir gleich die Decke auf den Kopf fällt, lade ich mich bei einer Freundin zu einem Spontankafi ein. Wenig später sitzen wir auf ihrem Balkon. Abgesehen von ein paar Kindern, die auf einem Klettergerüst herumkraxeln, ist das Quartier menschenleer. Langsam versinkt die Sonne hinter den Bäumen. Wir unterhalten uns über Corona, Corona und Corona.

Sonntag, 11. Uhr: Ich sichte das Bisschen Post, das seit Mittwoch im Briefkasten lag. Der Satz “Am 16. März 2020 hat der Bundesrat entschieden, wegen des Corona-Virus die ausserordentliche Lage zu erklären…” fällt so oder sinngemäss in jedem Schreiben. Entweder bitten mich die Absenderinnen und Absender höflich darum, die noch nicht fällige Rechnung es Bitzeli früher zu begleichen. Oder teilen mir mit, dass das Unternehmen seine Geschäftstätigkeit auf das Minimum heruntergefahren habe, “telefonisch und online im Notfall aber jederzeit erreichbar” sei.

Sonntag, 14 Uhr: Drei Freunde schauen vorbei. Wir stellen ein Tischli ins Freie, trinken Mineralwasser, Kaffee und Cola Zero, mampfen dazu Salzgebäck und haben den Frieden. Die Sonne scheint, am Himmel ist kein Kondensstreifen zu sehen. Wir geben uns Mühe, nicht über das Thema zu reden, oder ämu nicht nur. Aber welchen Gesprächsstoff auch immer wir anschneiden – nach spätestens zwei Sätzen landen wir, wo wir nicht hingewollt hatten: bei Corona, Corona und Corona.

Sonntag, 18.15 Uhr: Ich telefoniere mit einem ehemaligen Arbeitskollegen. Wir haben uns seit Ewigkeiten nicht mehr gehört und könnten uns aus unseren Privat- und Geschäftsleben deshalb Vieles erzählen. Einziges Traktandum ist Corona, Corona und Corona.

Nein – es gibt kein Entrinnen: Corona ist immer und überall, genau wie das Böse im Uralt-Hit der Ersten Allgemeinen Verunsicherung.

Wenn ich auf youtube ein Video abspielen will, appellieren zunächst einmal Alain Berset, Roger Federer, Christa Rigozzi und weitere Promis in allen vier Landessprachen an meine Solidarität mit den schwächsten Corona-Betroffenen, raten mir, die Hände zu waschen und versichern, dass “die sichere Versorgung der Schweiz mit Lebensmitteln sichergestellt” sei, bevor der eigentliche Clip startet.

Wenn ich fernsehe, ermahnen mich diverse Sender mit einer Dauereinblendung in der rechten oberen Bildschirmecke, zuhause zu bleiben, um Corona nicht noch mehr Gelegenheiten zu bieten, sich weiterzuverbreiten.

Onlinemedien rechnen mir livetickernd vor, wieviele neue Todesopfer Corona in den letzten Stunden gefordert habe. In der Schweiz gibt es über 2000 Gemeinden. In keiner von ihnen scheint seit Mitte März etwas passiert zu sein, was nicht mit Corona zu tun hatte. Interviews mit Sportfunktionären, Porträts von Kunstschaffenden oder Reportagen aus fernen Landen drehen sich ausschliesslich um Corona. Facebook ist bald nicht mehr zum Aluege: Bei jedem zweitem Beitrag handelt es sich um ein lustiges Zeitvertreibspielchen, einen Aufruf, bei einer Bild- oder Film- oder Buchchallenge mitzumachen oder Verschwörungsschrott.

Wenn ich zum Schloss hochschaue, fällt mir als Erstes ein, dass die Jugendherberge und die Museen da oben wegen Corona noch nicht eröffnet werden konnten. Wenn ich auf den Hofstattplatz hinuntergucke, sehe ich niemanden, weil: Corona. Wenn ich mitten in der Nacht frustriert den Mond anheule, weil alle immer nur über Corona reden, fällt mir als Erstes auf, was für eine schöne Korona er hat.

Wenn ich einkaufen gehe, laufen mir zwischen den Gestellen Männer und Frauen über den Weg, die ich bis dahin wie aus dem Truckli angezogen kannte. Nun wirken sie mit ihren notdürftig gerichteten Frisen und in ihren Jeans und Trainerjacken, als ob sie wegen Corona seit Tagen daheim im Pyjama herumgegammelt wären und sich für den Gang unter die Leute einfach schnell übergestreift hätten, was gerade auf dem Schlafzimmerboden lag.

Dass ein Thema unser Leben bis in die hintersten und finstersten Winkel des Alltags dominiert, hat es wahrscheinlich noch nie gegeben. Nach dem 11. September 2001 diskutierten die Leute in Büros, auf Baustellen, in Beizen und am Familientisch zwar immer wieder über den Terror und dessen Auswirkungen. Das Grounding der Swissair, das Attentat von Zug oder die Pleite der Bank Lehmann-Brothers beschäftigten die Öffentlichkeit monatelang.

Daneben war aber immer noch Platz für anderes. Am Grimselpass wurde eine riesige Felsnase weggesprengt, Apple lancierte den ersten iPod (für die Jüngeren hier:

So sahen sie aus, die kleinen Wunderdinger.),

in den Kinos sorgte “Harry Potter und der Stein der Weisen” für Umsatzrekorde und am 24. November kamen beim Absturz eines Flugzeugs über Bassersdorf 24 Menschen ums Leben, darunter auch die R&B-Sängerin Melanie Thornton, die in Langenthal ihr neues Album bewerben wollte.

Wenn sich all das heute ereignen würde: Ich glaube, es nähme davon kaum jemand Notiz.

Und falls doch, würde man sich als Erstes fragen, ob die Sprengarbeiten trotz Corona ausgeführt werden können, wie lange das Virus auf diesem Appledings überlebt, ob das Kino das Geld für die Tickets zurückerstatte und welche Sicherheitsvorkehrungen die Rettungskräfte treffen müssen, um sich beim Bergen der Leichen und Trümmer nicht gegenseitig anzustecken.

All das schreibe ich zu Beginn der vierten von noch unabsehbar vielen weiteren Corona-Wochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns auch im Juni, Juli, September und November ständig über Corona unterhalten, scheint durchaus zu bestehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits Familien vor dem Christbaum sitzen und darüber werweissen, ob das Tragen von Schutzhandschuhen auch beim Auspacken der Gschänkli angezeigt sei und wie man die Fleischstücke beim Fondue Chinoise am Elegantesten unter der Maske hindurch in den Mund schiebt.

Aber gut: Je mehr solcher Fragen an Weihnachten 2020 geklärt werden können, desto weniger prägen sie die Feiern der kommenden Jahre.

Die neue Virklichkeit (20)

1977 wars, als in Trenchtown, dem Elendsviertel der jamaicanischen Hauptstadt Kingston, ein 32-jähriger Mann namens Robert Nesta Marley folgende Zeilen notierte:

“There’s a natural mystic
Blowing through the air
If you listen carefully now you will hear
This could be the first trumpet
Might as well be the last
Many more will have to suffer
Many more will have to die
Don’t ask me why
Things are not the way they used to be
I won’t tell no lie
One and all got to face reality now.”

Er konnte nicht ahnen, dass er damit beschrieb, wie 43 Jahre später ein Mysterium namens “Covid-19” das Leben rund um den Erdball erhudle würde.

Wobei: “Nicht ahnen”?

Robert Marley hat das mehr als nur geahnt: Bob, wie ihn alle nannten, hats gewusst.

Den Mächtigen, die von ihren 5G-Masten aus jeden unserer Schritte mit UV-Feldstechern kontrollieren, wird die folgende Enthüllung ganz und gar nicht in den Kram passen; immerhin läuft grad exakt alles so, wie von ihnen geplant, aber tant pis.

“Freedom’s just another word for nothing left to lose”, proklamierte Janis Joplin, und nachdem das freie Denken, zumindest offiziell, immer noch erlaubt ist (tatsächlich sind die Geheimgefängnisse, die der MI5, der CIA und das Eff-Bii-Ei im rumänischen Hinterland betreiben, bis unter die Decken mit Freidenkern belegt), ist jetzt ein so guter Zeitpunkt wie vielleicht schon bald nie mehr, um die Fakten mit einer ans Pingelige grenzenden Stringenz auf den Tisch zu legen.

Wenn Bob Marley 1977 wusste, dass 2020 “many more will have to suffer” und “many more will have to die”, muss er Quellen gehabt haben. Diese sprudelten in Washington D.C., London und Kingston, und zwar weit oben.

Präsident der Vereinigten Staaten war 1977 Jimmy “Erdnuss” Carter. Einige Jahre vor ihm hatte dieses Amt John F. Kennedy inne. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Kennedy Carter zumindest ein Begriff war. Und dass Carter als Nachnachnachfolger freien Zugang zu den Akten seines Vorvorvorgängers hatte und folglich über jeden Schritt, den Kennedy als Commander in Chief je tat, im Bilde gewesen sein dürfte.

John F. Kennedy war 1962 unter anderem damit beschäftigt, die Kuba-Krise zu bewältigen. Ausgelöst wurde diese durch die USA und die damalige Sowjetunion, die sogenannte UdSSR. Mit einem unsichtbaren und lautlosen Virus hätten beide Seiten die Auseinandersetzung ohne viel Aufhebens statt mit einem Atomkrieg beenden können.

Russland spielte bei der Entwicklung der Populärmusik des 20. Jahrhunderts eine Rolle, der nicht genug Gewicht beigemessen werden könnte, aber aus Gründen nie beigemessen wird. Wenn es die UdSSR schon 1962 nicht mehr gegeben hätte, wäre es den Beatles 1968 unmöglich gewesen, “Back in the U.S.S.R” zu komponieren.

Sie wären also mit einem unvollständigen Weissen Album unter dem Arm über den Fussgängerstreifen an der Abbey Road zu ihrer Plattenfirma marschiert, und dort hätten die Chefs mit stiff upper lips gefragt, obs überhaupt noch gehe, mit einer so halbgaren Scheibe hier anzutanzen, und don’t call us, we call you und have a nice day, Tschentlmn.

Ob Bob ohne die Beatles yeah je auf die Idee gekommen wäre, sich vom Hanfanbau ab- und der Musik zuzuwenden, ist gemäss Experten, die allesamt verstorben sind und als Analphabeten nichts Schriftliches hinterliessen, umstritten.

Fest steht: Eric Clapton, ein anderer grosser Sohn Grossbritanniens, erwähnt die Beatles mehr als einmal in seiner Biografie “Mein Leben”. Doch seine Interessen reichten viel weiter (was er im Buch allerdings auffällig beiläufig erwähnt): Kaum hatten Mitarbeiter des Londoner Bauamts die “Clapton is God”-Graffiti in den roaring Sixties fluchend von den Hauswänden geschrubbt, coverte er mit “I shot the sheriff” einen der grössen Hits von…

…na?…

richtig: Bob Marley.

Der grosse Revoluzzer Marley hatte also sehr direkt mit Amerikas Nato-Verbündetem England, den Vereinigten Staaten plus der UdSSR zu tun. Wieso weigern sich die Mainstreammedien wohl bis heute, darüber zu berichten?

Eben.

Für Bob muss es ein Kinderspiel gewesen sein, sich mithilfe der Beatles oder/und Clapton aus den Slums seiner Heimat in die Downing Street 10 emporzunetworken. John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr und Mr Slowhand stand die Türe des Premierministers als von der Queen zu Members of the British Empire geritterschlagene Zeitgenossen ja jederzeit sperrangelweit offen.

Dass Marley sich mit dem britischen Premier kaum nur über Off-Beats und Frisurfragen unterhielt, liegt auf der Hand. Beim Buhlen um die Gunst des Superstars aus der Karibik schreckte der Premier nicht davor zurück, sich bei seinem Gast mit Insiderwissen über die Biowaffen seines Brothers in Arms Jimmy Carter wichtig zu machen. Das bestätigten mündlich Reinigungskräfte indischer Provenienz, welche damals vor, hinter, neben und unter dem Regierungssitz staubsaugten.

Zwei Stunden, bevor sie ihre Aussagen hätten zu Protokoll geben sollen, trieben sie jedoch bauchobsi in der Themse. Auch darüber verlor die Lügenpresse bis heute kein Wort.

Nachdem die US-Streitkräfte auf Geheiss von John F. Kennedy 1962 in letzter Sekunde davon absehen mussten, in Kuba einzumarschieren, stellte sich für sie die Frage “Was jetzt?”

Unvernichteter Dinge in das Home of the Brave zurückzukehren, kam aus präsenzmarkierungstechnischen Gründen nicht in Frage. Wenn sie me nothing, yours nothing, mit den Händen in den Hosentaschen und in eigentlich friedlicher Absicht durch Havanna gebummelt wären, hätten sie innerthalb von Minuten die nukleare Apokalypse ausgelöst.

Die einzige Möglichkeit, noch ein paar Jahre an den Gestaden der Südsee zu verweilen, bot sich ihnen auf Jamaica, wo zu vorgerückter Stunde ein gewisser Bob Marley oft in genau jenen Kneipen jammte, in denen sich hochrangige US-Marines die Kante gaben, nachdem sie ihre Untergebenen zu Bett gebracht hatten.

Und was beredeten die Masters of War wohl mit dem King of Reggae, wenn dieser sich nach Feierabend zu den bis an die Zähne mit Schnellfeuergewehren und Boden-Luftraketen bewaffneten Fremden gesellte, um ihnen die Botschaft von Love&Peace zu verkünden? Das Essen in der Kantine? Die Puff-Tarife? Die richtige Schreibweise von Marhju Marhji Mariuh Kraut?

Chasch dänke. Es ging bei diesen bacardigeschwängerten Gesprächen immer nur um das eine: das Virus SARS-CoV-2, das die US-Regierung in absehbarer Zeit unter Milliarden von Menschen streuen wollte, um die Frage, wer auf dem Globus das Sagen hat, ein für allemal zu beantworten.

Dies berichteten unabhängig voneinander P. Lauderi und L. Aferi bei ihrer Befragung durch einen geheimen Ausschuss des US-Senats. Die zwei Bündner arbeiteten zu jenem Zeitpunkt als Animierboys für Touristinnen in Bars in Kingston. Die entsprechenden Aufzeichungen sind im deutschen Kanzleramt deponiert, gelten aber bis September 2189 als geheime Verschlusssache.

Zugang zu ihnen hat nur Angela Merkel, doch sie ist aus militärisch-wirtschaftlichen Erwägungen zu sehr auf das Wohlwollen ihres Bündnispartners jenseits des Atlantiks angewiesen, um sich auch nur im Traum einen Gedanken daran zu erlauben, die Akten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Spätestens nach jenen Treffen in den schummrigen Kaschemmen von Kingston wusste Bob Marley über die Operation “Corona” Bescheid. Am 11. Mai 1981 verstarb er, 36-jährig, an Krebs (das steht auf dem Totenschein, den der Arzt – der Cousin eines wegen Korruption längst auf Lebzeiten gesperrten Fifa-Funktionärs aus Südamerika – ausgestellt hatte).

“Natural Mystic” war Bobs verzweifelter Versuch, die Menschheit vor der Seuchenattacke der USA zu warnen, doch sein Publikum war von der Melodie dermassen verzückt, dass es gar nicht auf die gesungene Botschaft achtete.

Offensichtlich überhörten seine engsten Angehörigen die Hinweise. Kurz nach dem Ableben seines Vaters gab Bobs ältester Sohn Ziggy am 12. August 2019 ein Konzert in Brescia. Die Roadies hatten das Bühnenequipment nach dem Gig noch nicht fertig in den Sattelschleppern verstaut, als die italienische Regierung die Lombardei – zu der Brescia gehört – wegen des Corona-Virus abriegelte.

Ein halbes Jahr später galt auch in der Schweiz: “Many more will have to suffer, many more will have to die.”

Sind noch Fragen?

Der Beweis für das Corona-Komplott: Ungefähr so könnte der Strand in Jamaica ausgesehen haben, nachdem die US-Marines 1962 beinahe auf Kuba gelandet wären.

Die neue Virklichkeit (19)

Im Vergleich mit diesem elenden Scheissvirus kommt man sich schon huere chly vor. Die hinterhältig-fiese f***** Tubelimistidiotenbazille lässt über Nacht jahrelang aufgebaute Lebensmodelle zusammenkrachen, zersetzt im Nu betonhart gefestigt geglaubte Familienstrukturen und macht auch grösste Firmen schneller platt als die kaltarschigen Schnellsanierer eines global marodierenen Unternehmensberatungs-vernichtungsunternehmens, das beinahe gleich heisst wie der schärfste Konkurrent von Burger King, es mit ihren einfältigen Aktenköfferli und ihrem blasierten Getue und ihrem gruusigen Gel in den Haaren es sich an ihren lächerlichen Flipcharts je hätten träumen lassen.

Der geneigte Leser und die geneigte Leserin ahnt möglicherweise: Ich bin gerade ein bisschen verstimmt. Das hat natürlich seine Gründe, aber mir wei nid grüble, sondern lauschen zum Flatten des Pulses lieber den lieblichen Gesängen von Geschöpfen, die neben Covid-19 nach wie vor ziemlich gross wirken.

So. Jetzt gehts wieder.

Worüber unterhält man sich wohl so, von Wal zu Wal? Ich meine: Unter Wasser läuft seit der Erfindung des Meeres wenig mehr als darüber, wenn Corona ist. Wettermässig siehts immer öppe gleich aus: kühl bis kalt und feucht und nass. Das gibt beim Smalltalk beim Afterwork-Apéro auf Dauer nichts her. Bücher, Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet: “Nothing was delivered”, wie The Byrds schon 1968 feststellten. Selbst wenn er möchte, kann der Wal von Welt unter Seinesgleichen also nie mit frisch Angelesenem blöffen.

Genau das unterscheidet ihn von, zum Beispiel, mir. Ich weiss, dass ein Blauwal bis zu 33 Meter lang und 190 Tonnen schwer werden kann und täglich 480 000 Kilokalorien Nahrung verputzt. Als ich auf den Kanaren im letzten Winter einmal 30 Kilometer weit lief, verlor ich 5500 Kilokalorien. Wenn ich loswerden möchte, was ein Wal an einem Tag frisst, wäre ich also fast drei Monate lang unterwegs. Für all jene, dies mit dem räumlichen Denken nicht so haben: Drei Monate entsprechen der Grösse von 6626 Fussballfeldern.

Und damit: Weg vom Homeschooling und huschhusch hin zum nackten Überleben.

Mit Zucht und Ordnung, strengster Selbstdisziplin und klaren Strukturen lässt sich der tödlichen Coronalangeweile auch in einem Einpersonen-Haushalt – also: wenn 24/7, und das monatelang, niemand da ist, der einen einfach mal in den Arm nimmt, einem gelegentlich ein tröstendes Wort ins Ohr flüstert oder dann und wann ohne besonderen Anlass ein Cordon bleu unter die von bitteren Tränen durchnässte und total versalzkrustete Bettdecke schiebt – das eine und andere Schnippchen schlagen.

Das mit Abstand Wichtigste ist, die Zeit in möglichst kleine Etappen zu gliedern. Je winziger die einzelne Strecke ist, desto schneller hat man sie absolviert und desto häufiger durchflutet einen das wohlige Gefühl, soeben etwas elementar Nützliches erledigt zu haben.

Mein Tagesablauf sieht – Stand heute – wie folgt aus:

4 Uhr: Augendeckel hochklappen.

4.01 bis 4.02 Uhr: Bettdecke wegstrampeln und aufstehen.

4.02 bis 4.03 Uhr: Süüferli die Treppe zum Wohnzimmer hinuntersteigen.

4.03 bis 4.04 Uhr: Kafimaschine anschalten und aufwärmen lassen.

4.04 bis 4.05 Uhr: Erstes Kafi rauslassen.

4.05 bis 4.16 Uhr: Kafi trinken, iTunes hochfahren und überlegen, mit welcher Musik ich in den Tag starten will (meist läufts auf die Eagles, Thegiornalisti, die Dire Straits, Gary Moore, J.J. Cale oder sonst etwas hinaus)

4.16 bis 4.18 Uhr: Zweites Kafi rauslassen.

4.18 bis 4.27 Uhr: Zweites Kafi trinken.

4.28 bis 4.32 Uhr: Auf dem Balkon erste Zigi rauchen; das Schloss bewundern.

4.32 bis 4.42 Uhr: Internet checken.

4.42 bis 4.51 Uhr: Auf dem Balkon zweite Zigi rauchen; das Schloss bewundern.

4.51 bis 5 Uhr: Leibesertüchtigungen (fakultativstens).

5 bis 5.16 Uhr: Rasieren, duschen, abtrocknen, Zähneputzen, Tenü des Tages auswählen (wichtig: etwas Ordentliches; ja nicht den Trainer!), anziehen, Krawatte festzurren, kämmen.

5.16 bis 11.15 Uhr: Über das grosse Ganze nachdenken; auf dem Balkon etliche Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

11.15 bis 11.32 Uhr: Kochen.

11.32 bis 11.58 Uhr: Mittagessen.

11.58 bis 14.45 Uhr: Verdauen, über das grosse Ganze nachdenken II, auf dem Balkon etliche Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

14.45 bis 14.58 Uhr: Zeit zur freien Verfügung.

14.58 bis 15.34 Uhr: Einkaufen.

15.34 bis 15.37 Uhr: Einkäufe in den 4. Stock hochschleppen.

15.37 bis 15.42 Uhr: Einkäufe verstauen.

15.42 bis 15.46 Uhr: Newsletter (“Profitieren Sie jetzt…!”) löschen.

15.46 bis 18 Uhr: Über das grosse Ganze nachdenken III, auf dem Balkon noch mehr Zigis rauchen. Das Schloss bewundern; dem Nachbarn zuwinken.

18 bis 18.10 Uhr: Kochen.

18.10 bis 18.25 Uhr: Nachtessen.

18.25 bis 23.30 Uhr: Verdauen, fernsehen, auf dem Balkon letzte Zigis rauchen; das Schloss bewundern.

23.30 bis 4.00 Uhr: Schlafen.

Das Nachdenken über das grosse Ganze strengt mich bisweilen an. Ich bin das nicht mehr gewöhnt. Dann schalte ich mein Gehirn aus, schreibe etwas in den Blog oder setze via Facebook dringliche Depeschen ab.

Hin und wieder frage ich per Whatsapp oder Mail Leute, die mir wichtig sind, wie es ihnen geht. Daraus ergeben sich manchmal längere Unterhaltungen und manchmal nicht. Solange ich den Antworten entnehmen darf, dass am anderen Ende der Glasfaserleitung plusminus alles in Ordnung ist, spielt es für mich keine Rolle, ob sie als Roman daherkommen oder als Emoji.

Einmal pro Woche wasche ich meine Wäsche, spüle ich das Geschirr, leere ich den Briefkasten, giesse ich die fünf Pflanzen, die mir Sibylle Gosteli, die beste Floristin zäntume, kurz vor dem Lockdown vorbeigebracht hat, und sauge ich Staub.

Tipp am Rande: Wer die Planzen saugt und den Boden giesst, kann alle sieben Tage eine halbe Stunde mehr totschlagen.

Das Einkaufen ist anders geworden, oder vielmehr: auch das Einkaufen. Als ich neulich meine Behausung verliess, um bei Giusy gegenüber ein paar sizilianische Spezialitäten zu posten, kam mir das gspässig vor; als ob es Jahre her wäre, dass ich zum letzten Mal einen Laden betreten hätte.

Einem Menschen gegenüberstehen und mit ihm einfach so ein paar Worte wechseln zu können, fühlte sich seltsam an. Wie ein Teenager beim ersten Date wusste ich nicht recht, was sagen, obwohl zumindest ein Thema ja auf der picobello desinfizierten Hand lag.

Wenn ich für heute Abend an ein Fest oder auch nur zu einem Nachtessen mit mehr als vier Personen eingeladen wäre – ich bin mir nicht sicher, ob ich zusagen würde. Ich habe es mir in meinem Alleinsein bequem gemacht, ohne, dass ich es mir darin bequem machen wollte.

Zu Beginn des Daheimbleibphase hatte ich mir vorgenommen, mein Leben so normal wie möglich weiterzuführen. Mit diesem Ziel vor Augen marschierten auch andere ins grosse Nichts des kollektiven Ansteckungskurverunterdrückens los.

Am Anfang meldeten sich hin und wieder Geschäftspartnerinnen und -partner, um mir mitzuteilen, sie hätten leider – “Sie wissen ja” – gerade keine Aufträge für mich, würden mir aber Bescheid geben, sobald sich wieder etwas ergebe.

Diese Unterhaltungen hatten etwas Surreales: Den Anrufenden war genauso klar wie mir, dass “sobald” über Nacht zu einem sehr dehnbaren Begriff geworden war. Dass “sobald” im besten Fall Mitte Mai heissen, aber, wenns ganz dumm läuft, auch “nie mehr” bedeuten kann.

Trotzdem taten beide Parteien, als ob sich sich bloss voneinander verabschieden würden, bevor sie ihre Büros für zwei Wochen Sommerferien schliessen.

Nach gut einer Woche wars mit derlei Gesprächen vorbei. Seither gab es Tage, an denen ich erst nach dem Mittag erstmals mit jemandem redete, weil vorher weder jemand mich anrief noch ich das Bedürfnis hatte, jemanden aus dem Wachkoma zu reissen.

Auf einem Haus nebenan sind Handwerker damit beschäftigt, das Dach neu zu decken. Früher – ich merke gerade: das klingt, als ob ich über meine Primarschulzeit berichten würde – wäre mir der Lärm, der entsteht, wenn ein Sack voller Ziegel aus zehn Metern Höhe in eine Abfallmulde kracht, in all den anderen Geräuschen, die mich umgaben, kaum aufgefallen. Jetzt, wo ansonsten weit und breit nichts zu hören ist, zucke ich jedesmal zusammen, wenns scheppert und klirrt.

Sobald die Handwerker Pause oder Feierabend haben, herrscht um mich herum eine Stille, die ich bisher nicht kannte. Sie stört mich nicht im Geringsten, im Gegenteil: Ich beginne mehr und mehr, sie zu schätzen.

Sie wird mir fehlen, wenn die Normalität – was auch immer dann als “Normalität” bezeichnet werden kann – irgendwann unseren Alltag zurückerobert haben wird und unsere Hamsterräder wieder so laut surren, dass man das eigene Wort nicht mehr versteht.

Dann wird sich der eine oder die andere zwischendurch vielleicht auch nicht ganz frei von Wehmut an den Frühling des Jahres 2020 erinnern, in dem das hemmungslose Zuhauseherumsiffen kein Zeichen von Faulheit, sondern eine vom Staat verordnete Pflicht war.

Die neue Virklichkeit (18)

“Was machen wir an Ostern”? – Diese Frage lässt auch in Burgdorfer Behausungen die Köpfe rauchen.

Konzerte, Hochzeiten, Auftragsmorde, Strategiesitzungen, Theaterbesuche, Blind Dates, Mitgliederversammlungen, Coiffeurtermine, Gerichtsverhandlungen, Klassenzusammenkünfte, Feuerwehrmagazineinweihungen, Vernissagen, Sportveranstaltungen, Entbindungen: Was auch immer Anfang März noch als absolut unaufschieb- oder -absagbar galt, haben wir aus unseren Agenden gestrichen.

Ostern aber sind dringeblieben (und Weihnachten natürlich, samt dem Heiligen Abend, der heuer auf den 20. Oktober fällt, aber wenn das noch lange so weitergeht, gibts natürlich no smoke on the Züriseewater. Es ist schon bemerkenswert: Fünf Engländer lassen es jahrzehntelang an allen Fronten krachen. Zu Mitgliedern einer Risikogruppe werden sie jedoch erst, wenn sie backstage nur noch an Verveinetee nippen und vergessen haben, wie man Gruppi buchstabiert).

Ostern 2020 werden als jene Feiertage in die Geschichte eingehen, bei deren Gestaltung die Familien ungleich unfreier waren als in den 2019 Jahren zuvor. Die Eckpfeiler ums Festgelände setzte der Bundesrat, und zwar nicht sonderlich weit auseinander.

Auf Fahrten in den virusverseuchtissimo Ticino sei zu verzichten, sagte Alain Berset. Der Tonfall, den er dabei anschlug, und die Miene, die er dafür aufsetzte, liessen keinen Zweifel daran, das er das nicht als unverbindliche Empfehlung an Abertausende von Deutschschweizer Rusticobesitzern und Campingfans verstand; das war mehr ein – wenn auch elegant als Bitte getarnter – Befehl (nur zum Säge: so führt man Menschen, Frau Martullo Blocher).

Lange über Alternativprogramme nachzudenken, lohne sich nicht, fügte Berset sinngemäss an: Selbst wenn um den 12. April herum das schönste Wetter seit Menschengedenken herrschen sollte, sei die Bevölkerung dringend gebeten, sich weiterhin drinnen zu vertörlen.

Das heisst: Keine Autokolonnen am Gotthard (was ich persönlich sehr bedaure; am Radio mitzubekommen, wie der Stau von Stunde zu Stunde wächst, gehörte immer zu meinen grössten Osterfreudeli, und das beste war: kaum wurden die Blechschlangen vor Göschenen am Sonntagmittag ein bisschen kürzer, schwollen sie in der Greater Airolo Area wenige Stunden später schon wieder auf Dutzende von Kilometern an), keine Märsche der Friedensbewegten (auch in diesem Jahr hätten daran, schweizweit kumuliert, wohl sieben bis acht und damit deutlich mehr als die erlaubten fünf Personen teilgenommen), keine Heimsuchungen durch sämtliche Vorräte plündernde Verwandtenhorden, dafür aber: 8,5 Millionen Wildcards für die 1. Swiss Indoors im Eiersuchen.

Wer den lieben Kleinen zeigen will, wie das früher war, als Ostern noch draussen stattfanden, kann ihnen auf ihren Tablets das hier

abspielen (falls neben den Egoshootern, den Manga-Pornos und dem neuen Schulkram noch etwas Speicherplatz übrig ist), aber Obacht: Wenn sie den Film einmal gesehen haben, wollen sie ihn sich bis frühestens Mitternacht immer und immer wieder reinziehen.

Vorhin überlegte ich mir, was ich sagen würde, wenn ich Pfarrer wäre und am Ostersonntag eine Predigt halten müsste dürfte. Kaum hatte ich mit dem Sinnieren begonnen, wurde mir klar, dass sich eine solche Ansprache aus aktuellem Anlass kaum aus der Schublade mit der Aufschrift “Ostern 2004” ziehen oder dem Ärmel schütteln liesse; vielleicht tut sich auch der eine und andere Profi gerade chly schwer damit, die passenden Worte zu finden.

(Falls Manuel Dubach mitlesen sollte: Du musst jetzt ganz stark sein.)

In den Baukasten mit Stichwörtern, aus denen ich sie zusammensetzen möchte, würde ich Begriffe wie “Mitgefühl”, “Verantwortung”, “Spontaneität”, “Hilfe”, “Solidarität”, “Engagement”, und “Gelassenheit” legen.

Negatives liesse ich weg. Ich würde auch nicht fragen, “Wo ist Gott?!?” oder “Wenn es einen Gott gibt: Wie kann er so etwas nur zulassen?”. Das haben nach Terroranschlägen und Naturkatastrophen schon unzählige andere und sehr viel berufenere Leute getan, ohne (mir) plausible Antworten liefern zu können.

Möglicherweise ist es aber gar nicht an anderen, mir darauf Antworten zu geben. Möglicherweise läge es an mir, nach Antworten darauf zu suchen. Wenn ja, könnte das ein Predigtthema sein, nur wäre ich damit hoffnungslos überfordert, und Hoffnung ist letztlich what it’s all about, n’est-ce pas?

Ich möchte trotz – nein: gerade wegen! – Corona einen unbeschwert-fröhlichen Ostergottesdienst gestalten. Die Gesangbücher könnten unberührt beim Eingang zur Kirche liegenbleiben. Stattdessen würde ich The Vocalistas fragen, ob sie Lust hätten, an diesem Morgen zu singen, und The Rattlesnakes oder The Foolhouse engagieren und dazu ein Tschuepeli Absolventinnen und Absolventen der Musikschule Region Burgdorf einladen und sie dann einfach machen lassen.

Wenn das, was sie darbieten, besinnlich und feierlich und damit eher meditativ und so klingt: wunderbar. Wenns swingt und groovt und chlöpft und tätscht: tiptopp. Wenns mal so und mal so und mal so tönt: perfekt.

Im Idealfall musigen sie solange, bis keine Zeit mehr für eine Predigt bleibt. Andererseits: Der eine Gast oder die andere Gästin wäre amänd noch froh, wenn er oder sie etwas geistige Nahrung mit nach Hause nehmen könnte. Wer die Ration schlau einteilt, kann davon zehren, bis am nächsten Sonntag wieder jemand zur Gemeinde spricht, der weiss, was er tut.

Für sie würde ich von Zeitgenossinnen und -genosssen berichten, denen diese Seuche ein anderes oder sogar neues Leben geschenkt hat. Von Leuten, welche wegen Covid-19 ihre Geschäfte schliessen mussten und die die freie Zeit, über die sie nun verfügen, nicht vor dem Fernseher totschlagen, sondern Bedürftigen schenken. Oder von Menschen, die ihr Dasein jahrelang im stillen Kämmerlein fristeten, aber jetzt, wos draufankommt, plötzlich aus ihren Versenkungen auftauchen, um zu helfen.

Von Schweizerinnen und Schweizern und Ausländerinnen und Ausländern, die für Nachbarn einkaufen gehen, die sie bis vor Kurzem nur vom Klingelschild her kannten. Die sich stundenlang ans Telefon setzen, um Wildfremden, die nicht wissen, wohin mit ihren Sorgen und Ängsten, ein offenes Ohr zu leihen. Die Eltern entlasten, indem sie Kinder hüten oder Teenagern Nachhilfeunterricht erteilen. Die für andere Hunde ausführen, Zahlungen erledigen und Abfall entsorgen. Die Seniorinnen und Senioren aus Büchern vorlesen, mit ihnen vergilbte Fotoalben durchblättern oder einen Jass klopfen.

Solche Menschen würden im Mittelpunkt meiner Predigt stehen, auch wenn ihnen das wahrscheinlich niene rächt wäre, weil sie das, was sie für andere leisten, als selbstverständlich erachten.

Um den Vortrag schön rund zu machen, müsste ich die vielen Beispiele gegen den Schluss hin irgendwie mit Ostern verknüpfen. Das wäre der heikelste Teil; (allerspätestens) an der Stelle würde sich die Spreu vom Weizen – beziehungsweise der Blogger vom Pfarrer – trennen.

Wenn es mir gelänge, würde mich das sehr freuen, aber wenn ich es – was sehr viel wahrscheinlicher ist – nicht schaffen würde, hätte ich deswegen keine schlaflosen Nächte.

Die Botschaft würde vielleicht auch so ankommen, auch wenn es keine speziell österliche wäre.

(Bevor ichs vergesse: Das “Christmas Concert” von Irrwisch zählt für mich zu den zehn schönsten Alben aller Zeiten.)

Die neue Virklichkeit (17)

Im Gegensatz zu anderen Männern schlief ich auch in den letzten Nächten friedlich im Bett. Ich wusste ja, was sich in Anitas Tüte befand.

Bevor ich zu weiteren Reflexionen über der Welten Lauf aushole, ist es mir ein Anliegen, ein Rätsel aufzulösen, das ich der werten Leserschaft in meinem letzten Beitrag aufgab (wenn auch ohne, dass ich dies beabsichtigt hatte, aber das nur in Klammern).

Der Zuschauerpost nach zu schliessen, erschütterten erbitterte Diskussionen darüber die in den vergangenen Heiminternierungswochen ohnehin laubsägeliholzdünn gewordenen Grundfeste etlicher Beziehungen bis an die Könntebruchstellen.

Nicht wenige Männer wurden scheints wie bettelndes Gesindel vom Tische gejagt. Später durften sie das Läger nicht mit ihren Gemahlinnen teilen, sondern mussten auf der Couch zämekrüglet Busse dafür tun, dem Weibe Widerworte gegeben zu haben.

Konkret ging es um dieses Bild:

Worum zum Teufel, fragte sich offenbar manche und mancher, handelt es sich bei diesem “Notvorrat”?

Woran mag es Hannes nur mangeln? Leidet er Hunger? Dürstet ihn? Gebricht es ihm an etwas? Ist er Lebenswichtigens verlustig gegangen (gut: Letzteres dachte sich garantiert kein Mensch, oder ämu nicht so. Doch wer mich kennt, weiss, dass ich beim Bummeln durch den Wörterwald einfach keinen Genitiv liegen lassen kann, und wenn er sich noch so an ein Zweiglein im Unterholz klammert)?

Vor allem aber: Wer cheibs ist diese Anita? Was will die und wenn nein: wann dann?

Um es kurz zu machen: Anita ist ein Stammgast in diesem meinem virtuellen Stübchen und daneben mit dem Mann verheiratet, der bei der Totalsanierung des Hauses, in dem ich wohne, die Bauleitung innehatte.

Deshalb konnte sie mein Milchchäschtli mühelos orten, und drum schaffte sie es wohl, ins Gebäude zu kommen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Anita gehört zur Burgdorfer Altstadt wie der Kronenplatz und das Schloss, wirkt aber deutlich jünger als diese beiden Sehenswürdigkeiten zusammen. Wenn sie, was leider viel zu selten vorkommt, eine unserer Discosausen besucht, wünscht sie sich immer “Major Tom”.

In ihrem Papiersack steckte weder Nahrung noch Tranksame noch weibliche Unterwäsche (ehrlich nicht, Henä!) noch Tabak, sondern…

…ta-taa!…:


Als ich das sah, hob ich vor Freude ab. Völlig losgelöst von der Erde, verzog ich mich aufs WC um – erraten! – darüber nachzudenken, wie ich Anita dafür danken könnte.

Nach längerem Werweissen fiel mir etwas ein: Sie musste ihren Tom schon so oft mit anderen teilen, dass er jetzt einmal ganz allein ihr gehören soll:

Was tat sich in meinem Mikrokosmos sonst noch?

Nicht viel. In seiner Umlaufbahn allerdings schon.

Gestern Abend kam ein Freund, wie jede Woche, auf ein Kafi vorbei. Heute Abend wollte ich für ihn und eine gemeinsame Freundin Spaghetti Bolo kochen, aber daraus wird nichts: Die Tochter der Freundin rutschte in ihrem Treppenhaus aus. Danach gings mit ihr ab ins Spital. Das Mädchen hat nach wie vor heftige Kopfschmerzen und trägt einen Arm im Gips.

Die Bekannte, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt hat und sich in Heim-Quarantäne begeben musste (von wo aus sie mir die denkwürdigen Worte schrieb, sie erlebe „Momente des Hinterfragens, des Bangens, aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt meiner Schlafzimmertür“), schickte mir Tage später diese Nachricht:

“Leute, wir müssen die Quarantäne wirklich ruhiger angehen. Es gibt Menschen, die verrückt werden, weil sie eingesperrt sind. Ich habe das Thema vorhin mit der Mikrowelle und dem Toaster besprochen und wir drei sind uns nun einig, dass wir nicht mehr mit der Waschmaschine reden; die verdreht nämlich immer alles!”

Ich fand den Witz nicht übertrieben komisch, weil er in sehr ähnlicher Form schon während SARS (oder der Vogelgrippe?) zirkulierte.

Aber weil er darauf hinwies, dass die Frau als Hochrisikopatientin offensichtlich auf dem besten Weg aus ihrer Misere ist, gingen meine Mundwinkel beim Lesen aus purer Erleichterung trotzdem ganz von alleine nach oben.