Die neue Virklichkeit (26)

Selten haben die Menschen einem Datum dermassen entgegenplanget wie dem 19. 26. April dieses Jahres. Dann verkündet der Bundesrat, ob er den Corona-Hausarrest ganz oder nur ein bisschen aufhebt oder ihn bis Ende Mai oder bis zu den Sommerferien 2020 (der Vermerk der Jahreszahl könnte irgendwann noch wichtig werden) verlängert, weil die cheibe Kurve noch immer nicht comme elle faut abgeflacht ist.

Wenn man von mir wissen möchte, was an diesem 26. April aller 26. Aprille passieren wird – was garantiert niemand wird wissen wollen; mich fragt ja grundsätzlich nie jemand etwas, aber mich hat bekanntlich auch niemand gern und wenn doch, läufts am Ende immer nur auf den Körper hinaus, obwohl die Innereien ungleich mehr zählen -, würde ich sagen: eher nicht allzuviel.

Simonetta Sommaruga, Karin Keller, Alain Berset, Guy Parmelin und Daniel Koch werden der Nation für ihre Solidarität danken und ihr dann mitteilen, dass die Lage immer noch “ernst” bis “schwierig” sei. Nach wie vor gehe es darum, die besonders gefährdeten Menschen zu schützen und alle anderen zu stützen, und deshalb und so weiter, und so fort.

Nach “schützen” können sich 99 Prozent der Ladenbesitzer und Beizer aus der Liveübertragung ausklinken. Mit ihnen müssen auch die Präsidenten von Sportclubs, die Veranstalter von Grossanlässen und die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler alle Hoffnungen auf eine baldige Auferstehung wenn nicht gleich fahren lassen, so doch zweckoptimistischer denn je aufrechtzuerhalten versuchen.

Jubeln können allenfalls die Angehörigen der haareschneidenden Branche, aber bitte nicht zu laut, um keine Neidgefühle zu wecken. Die Frisuren mancher Schweizerinnen (und in Einzelfällen auch Schweizern) gemahnen inzwischen Storchennestern nach Stürmen vom “Sabine”-Kaliber.

Nicht wenige Zeitgenossinnen (und, nochmals, auch wenns vor allem der Political Correctness geschuldet ist: auch Zeitgenossen!) stehen heute mit demselben Look an den Kassen der Grossverteiler wie vor 35 Jahren vor dem Gesichtskontrolleur des “Blackout” in Kloten, und jetzt kommt mir grad das Augenwasser. Im “Blackout” feierte unsere KV-Klasse ihre Afterabschlussfeierparty, und wenig später gings für uns in einem ziemlich furchterregenden Tempo ab ins Leben B und zack: war die Zeit des unbekümmerten Seins vorbei, bevor wir realisierten, wie sehr wir sie geniessen sollten.

Die Stunden in der damals angesagtesten Disco zäntume waren von einer grossen Ausgelassenheit geprägt, aber auch von einer leisen Wehmut. Letztere verlor sich irgendwann im Trockeneisnebel. Ihre hartnäckigsten Überreste ertränkten wir in Bacardi Cola.

Dieser Strand! Diese Palmen!!

Dass wir, von “Rock me Amadeus”, “Live is life” oder “Maria Magdalena” umtost, soeben unsere Freiheit zig Meter tief unter der Tanzfläche begruben, wussten wir nicht; woher auch. Die Leute, die uns darauf hätten vorbereiten können, texteten uns in den Jahren zuvor endlos mit Nebensächlichkeiten von A wie Algebra über S wie Stenografie bis Z wie Zweifache Buchhaltung zu, doch auf die Idee, uns einmal zu sagen, “hört mal, Leute: So locker wie jetzt könnt ihrs nachher nie mehr nehmen. Wenn das hier vorbei ist, gilts ernst”, kam keiner und keine von ihnen (und wenn – wenn! – jemand auf die Idee gekommen wäre, hätten wir einfach nicht hingehört. Für uns zählte nur, was war und wovon wir träumten. Die Realität hatte daneben an einem kleinen Ort Platz).

In jener Aprilnacht 1985 erlebten wir, um es mit Don Henley zu sagen, der sich mit diesem Thema auskennt wie nur wenige andere, The End of the Innocence, und jetzt machen wir glaub am besten erstmal chly Musig.

“I know a place where we can go
That’s still untouched by man
We’ll sit and watch the clouds roll by
And the tall grass wave in the wind

You can lay your head back on the ground
And let your hair fall all around me
Offer up your best defense.”

Wurden Worte je schöner vertont?

Aber gewiss doch. In “After all these years”von Journey zum Beispiel

oder in “Against the wind” von Bob Seger

sowie – vor allem! – in “Indiana” von Melissa Etheridge

und sicher noch in in ein paar anderen Liedern, aber um danach zu suchen, fehlt mir leider die Zeit. Abgesehen davon möchte ich den Eindruck vermeiden, ich sei eine zu Sentimentalitäten neigende Kitschbabe.

Und wenn wir schon dabei sind: als religiösen Fanatiker würde ich mich auch nicht bezeichnen. Trotzdem – nein: deshalb – finde ich ziemlich cool, wie Manuel Dubach, reformierter Pfarrer in Burgdorf, in der Corona-Krise neue Wege nicht nur zu seiner Stammkundschaft findet, sondern auch zu seit Jahren in sehr abgelegenen Tälern weidenden Schafen wie mir, die nicht schon am Montagmorgen darüber nachdenken, was sie am Sonntag anziehen sollen, um angemessen gekleidet z Predig z ga.

Er wendet sich via youtube und Facebook an die Leute – und erreicht damit mehr Publikum als in virenfreien Zeiten bei zig Auftritten zusammengerechnet.

Seine Ansichten zum Thema “Social Distancing”

hörten bisher knapp 1100 Menschen. Gestern machte er sich im Zusammenhang mit dem heutigen Karfreitag Gedanken zum Thema “Humor”.

Wenige Stunden später zeigte der Zähler unter dem Film schon fast 500 Zugriffe an.

500 Zuhörerinnen und Zuhörer: Soviel Publikum haben Pfarrerinnen und Pfarrer sonst höchstens bei Abdankungen ganz prominenter Zeitgenossen und auch nur, wenn der oder die Verblichene das Zeitliche in jungen Jahren gesegnet hat.

Jetzt aber, wo Gläubige und Atheisten – nur sinnbildlich, versteht sich! – Schulter an Schulter im Seich stecken, scheint parallel zur Nachfrage nach Toilettenpapier auch das Bedürfnis nach geistiger Nahrung zu steigen. Der Pfarrer von Burgdorf – und zwar nur er, wenn ich das in aller Neutralität anfügen darf – hat das erkannt und versorgt die Gemeinde auf eine überaus gmögige Art und Weise mit Stoff, der in diesen schweren Zeiten nicht nur leicht verdaulich ist, sondern auch für willkommene Überraschungen in den gänzlich überraschungsfrei gewordenen Alltagen sorgt.

Den Gedanken zu haben, “Karfreitag” mit “Humor” zu verbinden, ist nur das Eine. Daraus etwas zu machen, was nicht allzuviele Menschen allzu heftig in ihren Gefühlen verletzt, dürfte ähnlich herausfordernd sein, wie in einem vollbesetzten Zirkuszelt mit Anderthalbliterflaschen voller Nytroglycerin zu jonglieren. Wenns klappt, sagen alle “Ah” und “Oh”. Wenn nicht…aber mir wei nid grüble.

Abgesehen davon: In den wenigen Fällen, in denen es schon versucht wurde, funktionierte es ja hervorragend.

Die neue Virklichkeit (25)

Mit Leuten, die einen auf dem Markt in den Wahnsinn treiben, hat der Gründonnerstag nichts zu tun.

Die grössten Fragen stellen sich mir oft in den dümmsten Momenten: Ich war gerade dabei, meine Kauwerkzeuge zu fegen, als es in mir aus dem Nichts heraus darüber zu sinnieren begann, wie eigentlich das Grün in den Donnerstag kam.

Während ich mit dem Bürsteli die Präpo Prähi Pädo Backenzähne schmirgelte, rotierte die Studiermaschine wenige Zentimeter weiter oben aus dem Stand heraus auf Hochtouren, aber nicht für lange.

Gründonnerstag: Dieser Name kann nur daherrühren, dass im österlichen Frühtau die Wälder und Höh’n wieder grünen, fallera, dachte ich, doch mit dieser These lag ich weiter von der Wirklichkeit entfernt als die Nummer 9 von der Nummer 25 in meiner Mundhöhle.

Tatsächlich heisst der Gründonnerstag Gründonnerstag wegen der alten Römer. Sie sprachen vom “Tag der Grünen”, wobei sie mit den “Grünen” nicht die hipster-bärtchentragenden, xxlkinderwagenschiebenden und lattemacciatoschlürfenden Angehörigen der nachhaltigkeitsversessenen urbanen Mittelschicht meinten, die an den Samstagsmärkten auf jedem verdammten Tomätli herumdrücken und sich mit den Verkäuferinnen und Verkäufern solange darüber unterhalten, wo, wann und vom wem die vor ihnen liegenden Zucchini geerntet wurden, bis die Leute hinter ihnen, die eigentlich nur husch ein Kilo Kartoffeln und ein paar Eier posten wollten, geistig das Sturmgewehr aus dem Kinderzimmer holen, um da vorne endlich Remedur zu schaffen, sondern jene Zeitgenossenden, welche durch die Absolution von den Sünden und Kirchenstrafen befreit worden waren.

Wir Lateiner sprechen in diesem Zusammenhang vom “dies viridium”. Es geht, für die in der Sprache Homers weniger gefestigten Leserinnen und Leser, um Erneuerung und Erfrischung oder, im Sinne des Lukas-Evangeliums 23,31, um “grünes Holz”, und alles Weitere kann, wer mag, hier nachlesen.

Aber item. Wir haben immer noch Corona und damit sicher Gescheiteres zu tun, als unsere Gedanken an eine wohlstandsverwahrloste Gesellschaft im Zentrum Europas zu verplempern, die innerthalb einer verblüffend kurzen Zeitspanne wegen hochnäsig-fahrlässig unterschätzter Ausseneinflüsse (lat. irrtum peanutum) ihres Wohlstands plus eines unschönen Teils ihres Personals oder umgekehrt verlustig ging und wenig später im bodenlosen Schlund der Weltgeschichte versank.

Im selben Loch verrosten auch die zertrümmerten Hoffnungen der Organisations-komitees, die seit spätestens letztem Juni unzählige Stunden darauf ver(sch)wendet hatten, der Bevölkerung über Ostern etwas zu bieten. Ein Blick auf die Website von Schweiz Tourismus lässt erahnen, wieviele Hektolilter von Tränen die Sitzungszimmer und Säli dieses Landes um den 16. März herum geflutet haben müssen:

Die einzigen, die sich über den kahlgeschlagenen Veranstaltungskalender freuen, sind wohl die Bibeli in Freiburg. Sie dürfen diese Tage unbeschwert piepsend und pickend verbringen statt bis zum letzten Chrälleli geschniegelt einem Publikum vorgeführt zu werden, das bei ihrem Anblick sowieso an nichts anders denkt als an marinierte Flügeli und süsssaures Curry.

Die neue Virklichkeit (24)

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“Vollentspannt”, “verunsichert” oder “demütig” erleben Freundinnen und Freunde die Corona-Isolation. Einige empfinden sie als “surreal” oder “bereichernd”. Auch “Frühlingsgefühle” kommen auf.

Es nahm mich einfach wunder: Wie erleben Menschen aus meinem Umfeld den Dauer-Hausarrest?

Deshalb bat ich 50 von ihnen, mir in einem Wort zu sagen, was ihnen zum Thema “Corona-Lockdown” einfällt. Um der Sache einen wissenschaftlich-repräsentativen Anstrich zu geben, schickte ich die Anfrage an 25 Männer und 25 Frauen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.

Weitere 50 Personen bildeten die Kontrollgruppe und erhielten sie folglich nicht.

24 Frauen und 21 Männer schrieben zurück. Einige reagierten so schnell, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, wie sie in ihrer Halbgefangenschaft fingernägelkauend an ihren Schreibtischen sassen und nur darauf warteten, dass auf ihren Compi ein Fensterchen aufpoppte, das sie dazu aufforderte, etwas – irgendetwas! – zu tun.

Für die vielen Banker aus Nigeria, die die Vermögen von längst verstorbenen Superreichen verwalten, müssten dank Corona goldene Zeiten angebrochen sein: Wenn sie 100 Leuten schreiben, sie hätten auf einem Konto 42 Millionen Dollar gefunden, die sie stante pede dem ahnungslos in der Schweiz lebenden Coucousin des Toten überweisen würden, sobald dieser ihnen die Koordinaten ihres eigenen Accounts plus 8000 Franken geschickt habe, rücken mindestens 90 Adressatinnen und Adressaten ohne lange zu überlegen beides heraus, nur, weil sie so glücklich darüber sind, dass sich endlich wieder einmal jemand bei ihnen gemeldet hat.

Eine Totalkatastrophe scheint der Notstand für niemanden darzustellen. “Unsicher” oder “verunsichert”, “Gefühlschaos” und “Längiziiti” waren die negativsten Ausdrücke bei vier weiblichen Befragten. Drei Männer fanden, die Dauerpause sei “mühselig” und mache “einsam” und “unsicher”.

Überraschend viele Teilnehmende gewinnen der aktuellen Lage positive Seiten ab: Sechs Frauen notierten “vollentspannt”, “bereichernd”, “Chance”, “ruhig”, “entschleunigend” und “GanzOkWüuMirHeiJaAues”, eine verwendete Mary Poppins’ Lieblingsausdruck supercalifraglisticexpialigetisch (das hat jetzt gedauert, bis das abgeschrieben war; schönen Dank auch) und eine freute sich über “Frühlingsgefühle”. Ihr widme ich diesen Song:

Fünf Männer mögen äbefaus nid chlage: Mit Begriffen wie “ruhig”, “Kreativitätssuperboost”, “Shuggabugga”, “geil”, “Entschleunigung” und “Entschleufantasierelaxed” signalisierten sie, dass es keinerlei Gründe dafür gibt, sich um sie Sorgen zu machen.

Die meisten Antworten lassen sich unter “Sowohl-als auch” verbuchen. “Verrückt”, “Gegenwart”, “Uffffff”, “abwartend”, “nachdenklich”, “Wartesaal”, “surreal”, “aussergewöhnlich”, “Homeofficeschoolendemamahausfrau” “herausfordernd” und “ambivalent” schrieben Frauen; eine stellte, das Thema nur um Haaresbreite verfehlend, fest, sie sei “sommerzeitumstellungsmüde”.

Eigentlichtiefenentspanntunddochgespanntwasdanochkommt” (Schlaumeier!) “Stand-by”, “surreal”, “Metamorphose”, “besäuselt”, “esistwieesist”, “abwarten”, “daheim”, “warten”, “zwiespältig” und “demütig” verwendeten Männer, um ihre Gemütszustände zu beschreiben.

Der “Stand-by”-Mann kommt von mir das über,

auch wenn der Titel des Hits allem widerspricht, was der Bundesrat und Daniel Koch vom BAG seit Anbeginn der Zeitrechnung Mitte März predigen.

In einem Monat werde ich dieselben Damen und Herren dasselbe noch einmal fragen, und in einem halben Jahr oder so erhalten sie von mir schon wieder und dann hoffentlich bald öppe zum letztem Mal Post.

Mit der “Supercali”-Frau und dem “Metamorphose”-Mann unternahm ich einen zweiten Bummel der Emme entlang. Diese Waggu werden für uns langsam zu einer lieben Gewohnheit, um nicht zu sagen: zu einer kaum mehr wegzudenkenden Tradition. Mir hei no kei Verein, um sie zu pflegen, aber mir ghöre drzue; zu den vielen Leuten nämlich, die es verstehen, ihre massig vorhandene freie Zeit zwischendurch aufs Sinnvollste zu nutzen.

Nicht nur den unermüdlich homeschoolenden Veronikas können wir nach unserem Abstecher ins Freie berichten: der Lenz ist da, und wie! Überall wächsts und blühts und spriessts und knospsts. Die von uns so geschundene Mutter Natur hat alles gegeben, um für uns das Grau des Winters mit allen Farben, die der Regenbogen hergibt, zu übermalen.

Während die Liveticker rund um den Globus die Zahlen der Corona-Toten addieren, zwitschern an den lauschigen Gestaden des Burgdorfer Hausflusses munter die Vögelein in den Bäumen und reiben sich die soeben aus dem Winterschlaf erwachten Bären den Ziger aus den Augen.

Ohne, dass wir uns abgesprochen hatten, schafften wir es über eine Stunde lang, das Thema “Corona” zu umschiffen. Doch als wir uns vor einer stillgelegten Oberstadtbeiz mit awaytaketer Tranksame von den Strapazen erholten, diskutierten wir auf einmal über die im Herbst stattfindenden Gemeindewahlen – und ehe wirs uns versahen, hatten wir den kleinen Schritt vom Burgdorfer Stapi Stefan Berger zu dessen Amtskollegen Boris Johnson in London getan (an dieser Stelle: good bettering!).

Von dem Moment an war jeder Gesprächsstoff, den wir von den Regalen unserer Gedanken holten, schneller von diesem Virus verseucht, als wir Bap sagen konnten.

Wenn wir am nächsten Dienstag ein paar Momente lang nichts von Corona hören wollen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als schweigend zu waggeln und anschliessend in stiller Kontemplation versunken zämezhöckle.

Die neue Virklichkeit (23)

“Wie lange lebe ich noch?”: In den ersten 24 Stunden nach dem positiven Corona-Test hatte Edith Todesangst. “Es gibt für niemanden einen Grund, sich vor dem Virus in Sicherheit zu wiegen”, sagt sie.

Nach 17 Tagen stand die Achterbahn der Gefühle endlich still. So lange schwankte meine frühere BZ-Arbeitskollegin Edith zwischen Todesangst, Lebensfreude, Hoffen und Bangen. Mit einer seltenen Autoimmunkrank-heit gilt sie als Hochrisikopatientin. Die Diagnose “Covid-19” traf sie aus heiterem Himmel. Seit gestern darf sie sich als “geheilt” betrachten.

Vor knapp drei Wochen erfuhrst Du am Telefon, dass du an Corona erkrankt seist. Wie hast du auf diese Diagnose reagiert?

Edith: Ich fiel auf der Stelle in eine Art Schockstarre. Ich wollte aufgrund eines anderen Infekts  – eines Pilzinfekts im Mund – einen Arzt aufsuchen. Weil es ein Samstag war, kontaktierte ich die Spezialisten meiner Autoimmunerkrankung und wurde in einem nahen Spital als normaler Notfall angemeldet. Am Schluss sagte die Ärztin, sie mache wegen meiner gefühlten Geschmacksveränderung einen Abstrich und checke mich auch auf Corona.

Ich hatte dieses Symptom auf den Pilzinfekt zurückgeführt und war erstaunt, reagierte aber gelassen; ich hatte ja kein Fieber und keinen Husten. 24 Stunden später erhielt ich den Anruf einer Pflegefachfrau. Sie sagte mir, der Corona-Test sei positiv. Ich konnte – und wollte – nicht glauben, dass das möglich war. Schliesslich hatte ich in den vergangenen Wochen pingelig sämtliche Sicherheitsmassnahmen befolgt, um Corona von mir und meinem Ehemann fernzuhalten.

Wie lange hielt diese “Schockstarre” an?

In den ersten 24 Stunden hatte ich Todesangst. Ich fragte mich immer wieder, “Warum ich?” und “Wie lange lebe ich noch?” Meine Gedanken kreisten ununterbrochen darum, wie es wohl sei, wenn ich ins Spital eingeliefert und an irgendwelche Geräte angeschlossen würde. Ich dachte über meine letzten Stunden und meine Beerdigung nach. Ich hatte Angst vor dem Alleinesein.

All diese Horrorszenarien fantasierte ich mir nicht zusammen. Die Spezialisten meiner Autoimmunerkrankung, die ich nach dem positiven Test erneut kontaktieren musste, um die Einnahme meiner Medikamente abzusprechen, hatten mich darauf hingewiesen, dass Covid-19 bei mir schwer verlaufen dürfte. Nach vier bis fünf Tagen sehe man sehe dann wohl klarer.

“Mit jedem fieberfreien Tag verlor Corona ein bisschen von seinem Schrecken”

Auf der anderen Seite waren sie sich nicht sicher, ob ich aufgrund eines Medikamentes bereits Autoimmunkörper gebildet haben könnte. Ich dürfe mich ruhig bei Husten melden und nicht erst bei Fieber. Sie würden mich dann unterstützen, es habe noch Platz im Spital, sagten sie.

Mein Mann rief mir in Erinnerung, dass es mir körperlich ja gut ging und ich weder Husten noch Fieber noch Atemnot hatte. Diese Symptome zeigten sich auch in den Folgetagen nie. Mit jedem fieberfreien Tag verlor Corona für mich ein kleines bisschen von seinem Schrecken. Aber ich war halt immer wieder mal für einen kurzen Moment wie auf Nadeln.

Du und dein Ehemann lebten über zwei Wochen lang in Heimquarantäne. Was habt ihr in dieser Zeit gemacht?

(lacht) Nicht viel. Wir mussten uns räumlich trennen. Ich lebte im Schlafzimmer, er im Rest der Wohnung. Wegen meines Infekts war ich die ersten drei Tage oft müde und schlapp. Mein Mann und ich sprachen viel miteinander durch meine Schlafzimmertür, die immer einen spaltbreit offen war. Manchmal zeichnete ich etwas. Und ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Uns beiden war wichtig, trotz des Nichtstuns ein wenig Struktur in die Tage zu bringen.

Das heisst: Wir standen immer zur selben Zeit auf und assen zur selben Zeit – räumlich getrennt, versteht sich. Wir hielten telefonisch, per Mail oder Whatsapp Kontakt zu Menschen aus unserem Freundes- und Familienkreis. Wir besprachen die Einkaufsliste und organisierten Freunde, die uns Lebensmittel- und Hygieneartikel brachten. Oder dann rief der Arbeitgeber von meinem Mann an und hatte Fragen und Anliegen. Mein Hausarzt stand regelmässig in telefonischem Kontakt mit mir.

Vormittags absolvierte ich jeden Tag ein kleines Fitnessprogramm auf der Terrasse. Nachmittags schauten Freunde vorbei, klingelten und standen vor unser Haus. Ich quatschte dann mit ihnen vom Balkon runter zum Gartenhag. Auch mit unseren Nachbarn tauschten wir uns von Balkon zu Balkon aus. Abends, wenn mein Mann im TV die Nachrichten verfolgte, stellte er das Gerät lauter, damit ich mithören konnte. Vor der Bettruhe spielten wir oft Uno, das man auf zwei Handys als Duo gegen ein anderes Paar spielen kann.

So hatte ich immer wieder das schöne Gefühl, dass in mir und um mich herum auch mit diesem Virus ein Leben stattfindet.

Ob mit einem Mini-Bärenpark…
…einem Mikro-Entenweiher…
…oder einem munzigen Autosalon: Ediths Mann gab alles, um seinem Schatz auch mit Aufstellerchen zwischendurch durch die Quarantäne zu helfen.

Direkten engen Kontakt mit deinem Mann durftest du aber nicht haben.

Nein, auf keinen Fall. So waren wir bei der Diagnose instruiert worden. Es war ja nicht klar, ob mein Mann stiller Virusträger war; es bestand die Gefahr dass ich ihn anstecke. Wir schliefen in getrennten Schlafzimmern und sorgten dafür, dass wir uns nie gleichzeitig im selben Raum aufhielten.

Wenn ich in der Wohnung etwas berührte, desinfizierte er es für den Fall, dass er die Stelle auch berührt und sich ansteckt. Wir nutzten unsere zwei Badezimmer separat, wobei ich die Dusche in „seinem“ Bad benutzen durfte. Er reinigte sie danach mit Flächendesinfektionsmittel. Die Mahlzeiten bereitete er zu und legte mir sie auf einem Tablett vor die Schlafzimmertüre. Ich ass jeweils im Schlafzimmer und er am Esstisch im Wohnzimmer. Das schmutzige Geschirr berührte er nur mit Einweg-Handschuhen. Schmutzige Wäsche musste ich in Säcken sammeln und aufbewahren, weil wir die Wohnung nicht verlassen und weder in die Waschküche noch zum Briefkasten durften.

Ihr teiltet euch eure Wohnung 17 Tage lang rund um die Uhr. Führte soviel Dauernähe auch mal zu Streit?

“Wir mussten unseren Alltag gemeinsam komplett neu organisieren”

Erstaunlicherweise nicht, nein. Mein Mann ist der beste Motivationstrainer, den ich mir vorstellen kann. Zudem bringt ihn nichts aus der Ruhe. Er hat mich bei jedem moralischen Tief immer aufgebaut. Er liess meine Lieblingsmusik laufen, legte mir ein Güezi neben das Kafi oder schrieb mir eine ganz liebe Whatsapp-Nachricht. Wir redeten viel miteinander und wussten gegenseitig jederzeit, wie es dem anderen geht. Wir mussten unseren Alltag gemeinsam komplett neu organisieren. Langeweile, die der beste Nährboden für Spannung ist, konnte so nur teilweise aufkommen.

Jetzt ist das alles vorbei. Du musstest nach 16 Tagen als Hochrisikopatientin zu einem zweiten Corona-Test, der nun negativ war. Du giltst in der Statistik als „geheilt“. Worauf freust du dich am meisten?

(Wie aus der Pistole geschossen) Dass ich bald wieder meinen Mann umarmen darf. Er hat bisher keine Symptome.

Was Veränderungen ergeben sich jetzt in deinem Alltag?

Eigentlich keine grossen. Ich muss mich nach wie vor wie eine Hochrisikopatientin verhalten. Immerhin darf ich wieder draussen spazierengehen. Ansonsten gelten die gleichen Verhaltensregeln wie vorher auch: nicht einkaufen gehen, Hände waschen, Abstand halten, Kontakte draussen auf ein Minimum beschränken und so weiter. Auch wenn ich eine Ausgangssperre nachvollziehen könnte: persönlich hoffe ich, dass es nicht so weit kommt. Ich freue mich, dass mein Radius wieder mehr als das Schlafzimmer, das Badezimmer und den Balkon umfasst.

“Es kann jeden und jede treffen”

Was rätst Du meiner Leserschaft?

Es ist mir ein riesengrosses Anliegen, den Leuten zu sagen, sie sollen sich unbedingt an die Verhaltensregeln des Bundesamtes für Gesundheit halten. Es ist nicht so, dass nur alte oder angeschlagene Personen am Corona-Virus erkranken. Es kann jeden und jede treffen. In meinem entfernten Bekanntenkreis gibt es Leute, die bis vor Kurzem noch kerngesund waren und nun mit schweren Atemproblem und hohem Fieber daheim oder im Spital liegen. Dieses Virus ist extrem unberechenbar. Es gibt für niemanden einen Grund, sich davor in Sicherheit zu wiegen. Ich war selber fest davon überzeugt, dass mich dieses Virus verschonen würde. In den vergangenen 17 Tagen musste ich lernen, dass es vor Corona keine hundertprozentig sichere Deckung gibt.

Ok. Das wärs plusminus schon…

…darf ich noch etwas anfügen?

Selbstverständlich!

Ich lache ab sofort niemanden mehr aus, der WC-Papier in etwas grösserer Menge kauft, ehrlich (lacht). Als infizierte Person musste ich nach Anweisung meiner Ärzte die Hände nach dem Waschen an einem Einweg-Papiertuch trocknen und dieses direkt in einen Kübel mit Deckel wegwerfen. Die Menge an Haushaltspapier, die ich in den letzten 17 Tagen verbraucht habe, ist unglaublich.

(Das Interview wurde telefonisch geführt. Edith ist auf Stellensuche. Weil sie nicht weiss, wie sich ihre Autoimmunkrankheit darauf auswirkt, bat sie mich, nur ihren Vornamen zu nennen.)

Zum korrekten Verhalten bei einer Selbstquarantäne gibts hier weitere Infos.

Die neue Virklichkeit (22)

“Des leere Blatt’l Papier, des liegt no immer vor mir. I schreib besser goa nix.”
(Relax, “Ein weisses Blatt’l Papier”)

Dass er kommen würde,

war mir

schon klar.

Die Frage war ja

nicht ob,

sondern wann

in meinem Leben

24 Stunden lang

nicht nur

so erschütternd wenig,

sondern dermassen

überhaupt nichts

passieren würde,

dass es hier

nullkommanull

zu berichten gibt.

Aber jetzt

ist er da,

der Tag,

und ich sitze

vor dem Compi

wie der Esel

am Berg,

nur dass Esel

in der Regel

nicht sitzen,

sondern stehen,

und dann erst noch

mit ohne

einem Compi vor sich,

und ihr Heu chätschen

und gucken,

was um sie herum

passiert.

Abgesehen davon

sind Esel,

im Gegensatz etwa

zu den Steinböcken,

Gämschi

u dä Mungge,

wie der Berner sagt,

meist nicht

in den Bergen zuhause,

sondern im Flachland

und besonders gerne

in südlichen Flachländern,

wos warm ist

und sonnig,

und wenn ich gerade

so daran denke,

darf ich ich gar

nicht daran denken,

wies jetzt

auf den Kanaren wäre,

so ohne Touristen

und Walrosse

am FKK-Strand

und ohne Leute,

die erst grossartig

eine Pälla bestellen,

nur um dann

die Muscheln und Crevetten

aus dem Reis zu klauben,

weil sie

“diesen Meerscheiss”

nicht haben müssen,

aber ich schwenke ab.

Eigentlich könnte ich jetzt

einfach einmal

nichts schreiben,

und sonst etwas machen,

die Frage wäre nur,

was,

aber mit weissen Blättern

und leeren Textmasken

komme ich einfach

nicht z Schlag

oder,

wie ein ein Fachmann

sagen würde,

wenn ich einen Fachmann

fragen würde:

damit kann ich

“nicht umgehen”

(so, jetzt ist

es raus und mir

grad hundertmal wohler.)

Wenn ich

ein weisses Papier

oder ein

fabrikneues Worddokument

vor mir habe,

muss ich es füllen,

egal womit,

nur nicht

mit einer Zeichnung,

weil zeichnen

kann ich nicht,

aber muss ich

ja auch

gar nicht können

(uff!),

und zwar ungeachtet dessen,

obs etwas

zu schreiben gibt

oder,

wie in diesem Fall,

nicht.

Wenn man schreibt,

ohne etwas zu schreiben

zu haben,

ist das Wichtigste,

dass die Leserinnen und Leser

das nicht merken.

Für sie muss alles

sein wie immer,

und das hat oft

mit dem Umfang

zu tun

(was,

auch wenns

da und dort

jetzt vielleicht

kurz wehtut,

bedeutet:

Die Länge spielt

halt doch

eine Rolle.)

Wenn sie

fast endlos

Zeile

um

Zeile

lesen können,

haben sie

automatisch das Gefühl,

schampar viel

zu entdecken,

obwohl ihre Augen

sich im Grunde genommen

nur von Wort

zu Wort

hangeln

(man könnte das

auch

ins

ganz

Extreme

steigern,

wenn

man

unbedingt

möchte,

aber

irgendwann

würde

wohl

auch

der

dümmste

Leser

und

die

doofste

Leserin

merken,

dass

hier

etwas

nicht

stimmt,

und

zwar

ganz

und

gar

nicht,

und

sich

verärgert

einer

anderen

Lektüre

zuwenden,

und das,

wollen wir

ja nicht,

Migottstüüri!)

ohne in der ganzen Zeit

auch nur einmal

etwas zu sehen

zu bekommen,

das anzuschauen

sich lohnt.