Die weit über 100 Rezensenten auf Google sind sich ein bisschen uneinig: Die einen loben den Campinglatz Bleiau in Ginsheim-Gustavsburg bei Wiesbaden als “gepflegten, ruhigen Ort zum Ausspannen”. Als “ekelhaft und schmutzig” haben ihn andere in Erinnerung.
Wir sind gestern auf dieser kleinen Insel, die durch eine Minibrücke mit dem Festland verbunden ist, angekommen. Um uns herum hats nichts als Bäume, Hecken (und, natürlich, viele andere Gäste). Abgesehen davon, dass man das WC-Papier selber mitbringen muss und gestern Abend nur noch kalt geduscht werden konnte, haben wir bisher nichts zu meckern.
Hundert Meter nebenan steht das Beizli “Zum Heurigen”, in dem wir nach unserer Ankunft je ein Wiener- und ein Rahmschnitzel verputzten. Nach der gut achtstündigen Fahrt mit zig Staus im Grossraum Frankfurt-Mainz waren wir einfach zu müde, um unseren eigenen Kochherd anzuwerfen.
Sobald unser Rudel komplett auf den Beinen ist, gehen wir mit den Velos die Gegend erkunden. Wir brauchen Bewegung, nachdem wir den gestrigen Tag fast ausschliesslich im Sitzen (Chantal und ich) und schlafend (Tess) verbracht haben. Am Nachmittag gehts ab in die Stadt. Anschliessend übernachten wir noch einmal auf diesem Platz.
Morgen nehmen wir die letzte Etappe unseres Trips in Angriff: Dann fahren wir heim nach Burgdorf.
Nach unserer Rundreise durch eines der in jeder Hinsicht gmögigsten Länder, die wie je besucht haben, trafen wir gestern gegen Abend in der 1,8 Millionen-Stadt an der Elbe ein. Weil wir am nächsten Morgen den Fischmarkt besuchen wollten, parkierten wir unseren Camper auf einem Platz nahe der Autobahn. Aber oha: Wir hatten noch nicht fertig eingecheckt, als uns die Frau am Empfang schon mitteilte, dass der Fischmarkt nur am Sonntag stattfinde.
Henu dachten wir, und begannen, uns auf der Parzelle 63 häuslich einzurichten. In dem Moment, in dem wir es uns vor dem Wagen gemütlich machen wollten, prasselten erste Regentropfen aufs Vordach. Fünf Minuten später standen Chantal und ich pflotschnass im Wagen (Tess, das kluge Hundli, hatte sich schon vorher in den Schärmen verkrümelt), während die Welt um uns herum sich in eine Waschmaschine verwandelte. Mit dem Wasser fiel auch Eis vom Himmel; fingernagelgrosse Hagelkörner donnerten auf die Dachluke und das Blech nieder. Immer wieder zuckten Blitze durch die dunkelgrauen Wolken und krachten Donnerschläge wie schweres Artilleriegeschütz.
Chantal wollte die Zeit nutzen, um zu kochen, aber daraus
wurde nichts, weil wir noch nicht dazugekommen waren, den Gashahn im hinteren
Teil des Wagens aufzudrehen. Um das nachzuholen, hätte jemand nach draussen
gehen müssen, doch dieser Jemand – der in der Enge des Campers gerade erst umständlich
frische Kleider angezogen hatte – dachte nicht im Traum daran, auch nur einen
Fuss in dieses Inferno zu setzen. Strom hatten wir auch keinen (weil, wie sich
später herausstellte, derselbe Jemand den Stecker nicht richtig in die Dose am
Auto gesteckt hatte), und so blieb uns nichts anderes übrig, als das Ende des
Gewitters abzuwarten.
Als es vorbeiwar, genossen wir an der wie mit dem Kärcher gereinigten Luft Crevetten und Zucchini an einer Currysauce und dachten darüber nach, wo es uns in den letzten anderthalb Wochen am besten gefallen hatte. Auf dem ersten Platz der Hitliste landete der Campingplatz in Fjerrtislew. Den zweiten Rang belegten ex aequo alle anderen Aufenthaltsorte mit Ausnahme von jenem in Rastatt. Dort gibts für unseren Geschmack ein bisschen zuviele Verbote (und, vor allem: Leute, die darauf achten, dass niemand dagegen verstösst).
Heute fahren wir weiter burgdorfwärts. Den nächsten Zwischenhalt legen wir in Wiesbaden ein, wo Chantals Grossvater seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Die Wettervorhersagen lassen auf einen sonnigen Tag und eine trockene Nacht schliessen. Das verhiessen sie aber auch, bevor wir in Hamburg ankamen.
Der frühe Vogel fängt den Wurm, und die frühe Aufsteherin kann sich einen Herzenswunsch erfüllen: Heute hüpften wir in Fjerrtislev schon um 6 Uhr aus den Federn, weil die Nordsee um diese Zeit noch fast spiegelglatt ist. Für Standup-Paddlerinnen wie meinen Schatz ist das die perfekte Bedingung dafür, ihrem Hobby zu frönen.
Während sie auf dem Meer in den Sonnenaufgang zu schweben schien, rannte Tess am sicheren Ufer auf und ab. Unserem Hundli war ganz und gar nicht geheuer, was ihr Fraueli auf dem Ozean trieb. Aber natürlich ging alles gut, und als Chantal wieder festen Boden unter den Füssen hatte, war die Welt für unser Labimädchen wieder in Ordnung.
Dann packten wir unsere Siebensachen und fuhren hoch bis zur nördlichsten Spitze Dänemarks. Dort, in Grene, gönnten wir uns ein üppiges Zmorge am Fuss des Leuchtturms. Den Ausflug zu den Robben, die dem Vernehmen nach überall am Strand liegen, schenkten wir uns mit Blick auf all die Touristen, die ununterbrochen aus Cars und Privatautos stiegen. Den Tieren wars vermutlich ganz recht, nicht auch noch von uns beim Sünnele im Sand gestört zu werden.
Nun geht es mit uns abwärts. Auf dem Weg zurück nach Burgdorf – wo wir am Freitag oder Samstag eintrudeln werden – sind wir in Aarhus angekommen. In der zweitgrössten Stadt Dänemarks gefällt es uns ausnehmend gut. Flotte Leute, ein architektonisch-geschichtlich beeindruckender Häusermix, anmächelige Restaurants und T Shirt-Wetter bis in den Abend hinein: Aarhus wäre auch einen längeren Aufenthalt wert.
Um die Stadt richtig entdecken zu können, fehlt uns jedoch die Zeit. Nach einer Nacht auf einem für unseren Geschmack etwas gar gut gebuchten Campingplatz geht es weiter in Richtung Heimat. In wenigen Stunden sind wir schon wieder in Deutschland. Vermutlich legen wir in der Nähe von Hamburg einen weiteren Zwischenstopp ein.
19 670 Sonnenaufgänge habe ich schon erlebt. Die meisten verliefen
recht unspektakulär, andere bekam ich nicht mit. Einige von ihnen hätten sich
als Sujets für jene Poster geeignet, die Mädchen sich früher übers Bett
hängten. Manche hätten zumindest auf Facebook für das eine und andere “Ah”
und “Oh” gesorgt. In einem Fall stieg die echte orangegelbe Kugel in genau
der Minute aus dem Meer, in dem sie im übertragenen Sinn krachend auf dem Grund
meines Herzens zerschellte.
Bis gestern hätte man also sagen können: In Sachen
“Sonnenaufgang” ist mir nichts Menschliches mehr fremd. Aber dann…dann
kam der heutige Morgen.
Um 6 Uhr stand ich mit dem Kafibecher in der einen und einer Zigi in der anderen Hand am Strand von Fjerrtislev an der Nordwestküste Dänemarks. Um 6.10 sagte etwas in mir, ich solle mich einmal umschauen. Dieser Stimme werde ich noch lange dankbar sein: Ganz weit hinten sah ich, wie die Sonne sich flirrend über den Boden erhob. Darunter hing eine kleine Wolke, aus der es zu regnen schien. Das Wasser fiel jedoch nicht auf die Erde, sondern schien in der Luft hängenzubleiben. Sehr viel weiter vorne, nur hundert Meter von mir entfernt, zog sich sich, wie mit einem riesigen Lineal gezeichnet, ein dünner Strich Nebel über den Campingplatz. Er bedeckte die oberen Hälften der Wohnwagen am Waldrand.
Ich stellte mir vor, wie in diesem Moment ein Vater mit seinem Sohn aus dem Camper steigt. Nachdem er die Türe geöffnet hat, streicht eine feuchte Kälte über sein Gesicht. Um ihn herum ist alles grau. “Scheiss Nebel!”, flucht er (gedämpft, um die Nachbarn nicht zu wecken). “Pack dein Zeug zusammen. Wir fahren nach Hause”, sagt er zu seinem Buben. Dieser versteht die Welt nicht mehr: “Wie, Nebel?”, flüstert er von unten nach oben. “Ich kann von hier aus beinahe die bayrischen Berge sehen.”
“Klappe!”, zischt der Vater aus seiner Miniwolke zurück. “Ich halte mir gerade die Hand vor die Augen, aber alles, was ich verschwommen sehen kann, ist der Ehering deiner Mutter, die ÜBRIGENS IMMER NOCH IM BETT LIEGT UND WIEDER MAL TUT, ALS OB SIE DAS ALLES NICHTS ANGEHEN WÜRDE!”.
Im Schlafraum des Wohnwagens steckt sich die Mutter die Kopfhörer des Sohnes in die Ohren und verschwindet mit einem ihr völlig unbekannten Rapper aus Düsseldorf unter die Decke.
“Los jetzt! Wir gehen! Lieber ein Jahr in Böblingen als
auch nur noch eine Viertelstunde hier! Von Nebel stand im Internet kein Wort”,
sagt der Vater zum Sohn. Der Kleine weint erst ganz leise. Dann legt er sich
auf den Boden und zetert los. “Da ist kein Nebel”, schluchzt er.
“Da ist überhaupt nichts. Es ist alles genauso wie gestern und vorgestern
und immer, und überhaupt ist Böblingen doof und du bist noch doofer!”
Bevor die Sache eskaliert, passiert ein Wunder: Die Sonne hat während der Unterhaltung der beiden soviel Kraft gewonnen, dass der Kondensstreifen, der den Vater eben noch umhüllt hat, verdampft. “Oh”, murmelt der Alte. Wortlos geht er in den Camper zurück, zu seiner Frau und dem Rapper.
Der Kleine steht auf, wischt sich die Tränen aus den Augen,
guckt in den Himmel und strahlt. Dann bummelt er los zum Planquadrat F6 in die
Reihe 4. Dort warten bestimmt schon seine neuen Freunde aus Holland auf ihn.
Papi und Mami werden es ihm bestimmt nicht übelnehmen, wenn er eine Weile wegbleibt,
um mit ihnen zu spielen.
Mein Schatz und Tess und ich hingegen haben durchs Band weg den Frieden. Auf der Fahrt nach Fjerrtislev kamen wir gestern an einem Fjord vorbei, auf dem Chantal stehpaddeln und in dem Tess bädlen konnte. Über die Bucht zieht sich eine Brücke, die wegen des Schiffsverkehrs allpott hochgeklappt wird. Zum Entsetzen des Hundlis tauchte neben Chantals Brett plötzlich eine fussballgrosse Qualle auf. Süüferli schob Tess’ Chefin das gspässige Wesen mit dem Paddel aus der Nähe des Strandes ins tiefere Wasser zurück.
Auch hier, in Nordjütland, ist es uns vögeliwohl. Um uns herum ist nichts als Natur. Neben mir pickt gerade ein Spatz Essensresten auf. Immer wieder fliegen Gänseschwärme in perfekt choreografierten Formationen über das Land. Sie erinnern irgendwie an die Patrouille Suisse, sind aber umweltkompatibler unterwegs als unsere Vorzeigestaffel und finden ihre Ziele erst noch auf Anhieb.
Eine Frage will ich mir heute unbedingt noch beantworten lassen: Wieso heisst ein so wunderschönes Fleckchen Erde “Jammerplatz”?
Langsam lichtet sich der Nebel, der mitten in der Nacht über unseren Campingplatz in Ringkøbing gekrochen war. Von den Bäumen platscht Tau. In ihren Wipfeln putzen Vögel ihr Gefieder. Die Eule, die vor wenigen Stunden noch laut schreiend umherflog, ist verstummt. Auf der Wiese hinter mir grasen Hasen. Die Luft riecht nach feuchtem Gras mit einem Hauch Salz (aber Letzteres bilde ich mich vielleicht nur ein, weil das Meer so nah ist). Das Wäldchen gehe ich mit Tess inspizieren, sobald sie geruht, aus unserem ihrem Bett zu hüpfen.
Es ist, kurz gesagt, total friedlich hier. Gestern Nachmittag kamen wir in der 10 000 Einwohner-Stadt in Westjütland an. Zuvor waren wir von Husum nach Vesterende gefahren. Dort steht, am Rande eines riesigen Feldes, ein ungewöhnliches Vogelhaus:
Einen weiteren Zwischenhalt legten wir auf dem Inselchen Rømø ein, wo wir im idyllisch-lauschigen Garten des Hattesgaard Cafe-Antik ein paar Stücke der weltfeinsten Kuchen genossen. Pappsatt fuhren wir über schnurgerade Landstrassen weiter in Richtung Norden. Die Botanik wird jetzt immer karger. Die Farben der Felder verblassen, auch wenn sich der Spätsommer in Skandinavien anfühlt wie der Frühling in der Schweiz.
Seit bald einer Woche sind wir nun unterwegs, mein Schatz und Tess und ich. Die Schönheiten der Natur faszinieren uns immer wieder aufs Neue. Noch fast mehr beeindrucken uns jedoch die Menschen, die hier leben: Sie begegnen uns Fremden mit einer Freundlichkeit, die man in dieser ungekünstelten Form nur selten erlebt. Und geben uns so immer wieder das Gefühl, willkommene Gäste zu sein statt, wie anderswo, beliebig melkbare Touristen.