Hören, riechen und sehen

Erst glaubte ich, sie mache einen Witz: Zu meinem Geburtstag lud mich Tina von Siebenthal zu einem meditativen Morgenspaziergang am Ufer der Emme ein.

In meiner Fantasie sah ich mich Bäume umarmen und mit dem Wasser reden, aber weil ich Tina ein bisschen kenne und weiss, dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden steht, sagte ich zu.

Um kurz vor 7 Uhr trafen wir uns bei der alten Wynigenbrücke. Tina erklärte mir, dass es in den nächsten 60 Minuten darum gehe, alltägliche Dinge bewusst zu sehen. Dann bummelten wir schweigend los.

“Höre, was es zu hören gibt.

Rieche, was es zu riechen gibt.

Öffne die Augen, und sehe, was es zu sehen gibt.”

Diese Worte drehten in Endlosschleife in meinem Hinterkopf, während wir nebeneinander hergingen. Den Weg kenne ich längst auswendig: Er ist die Standartroute für meine Spaziergänge mit Tess.

Doch schon nach wenigen Metern spürte ich, dass heute etwas anders war. Die Steinchen unter meinen Füssen waren dieselben wie immer, das Schloss auf der rechten Seite hatte sich kein bisschen verändert, der Wald links sah tupfgenau gleich aus wie der Wald, an dem ich sonst vorbeigehe, und doch wirkte alles ein wenig….wie soll ich sagen?…anders. Klarer, irgendwie, oder deutlicher. Un-selbstverständlicher. Und auf jeden Fall: schöner.

Über der Burg stand, wie am dunklen Himmel festgenagelt, der Mond. Ich wusste: In diesem Moment könnte ich das schönste Schlossbild schiessen, das ich je geschossen habe. Trotzdem dachte ich keine Sekunde daran, das iPhone aus der Hosentasche zu ziehen. Ich wollte diesen Anblick einfach so geniessen und in meinem Kopf abspeichern und ihn nicht mit anderen Leuten teilen. Dieses Bild auf Facebook zu stellen, wäre mir wie ein Frevel erschienen.

Leise zwitscherten Vögel, kaum hörbar rauschten Blätter, sanft gurgelte das Wasser. Der süssliche Duft modernder Blätter umstrich meine Nase. Manchmal hörte ich Tinas und meine Schritte auf dem toten Laub, und manchmal wars um uns herum fast still.

Zwischen den Bäumen und über der Schützenmatte hingen hauchdünne Nebelschleier. Auch sie liess ich unfotografiert.

Irgendwann mischte sich Autolärm in das Zwitschern und Rauschen und Gurgeln. Er wurde immer lauter. Langsam kehrten wir zurück in eine Zivilisation, die wir mit nur wenigen Schritten für ein wunderschönes Weilchen hinter uns gelassen hatten.

Die nächsten Morgenspaziergänge finden am 30. Oktober, am 13. und 27. November sowie am 11. Dezember statt. Anmeldungen nimmt Tina von Siebenthal an den Vortagen bis 12 Uhr unter +41 79 461 52 25 entgegen. Kosten: Fr. 25.–.

Ruhezeit

Regen nieselte auf den schwarzen Asphalt. Kein Mensch war zu dieser Stunde unterwegs. Um mich herum war es mucksmäuschenstill. In den wenigen Häusern an der Strasse brannte kein Licht. Ich genoss diese eigentümliche Stimmung vor unserem Hotel in Speicher AR. Dann zerrissen Scheinwerferstrahlen sekundenlang das gespenstisch-schöne Dunkel. Ein Auto fuhr vorbei. Dann wars wieder ruhig. Ich fand es fast schade, dass bald der Tag anbrechen würde.

Wunderföhn

Gibt es sie doch? Sind sie das? Kommen sie nun, um uns zu holen?

Als wir von unserer Wanderung vom Niederhorn nach Beatenberg hinunter beinahe am Ziel angelangt waren, schwebten über den Bergen gegenüber auf einmal Gebilde, die an Ufos erinnerten. Sie bewegten sich kaum. So, dachte ich, dürfte das aussehen, wenn sich Ausserirdische tatsächlich einmal dazu entschliessen sollten, unserem Planeten einen Besuch abzustatten.

Nach unserer Rückkehr stellte ich beim Durchstöbern der Facebook-Seiten einiger Freundinnen und Freunde fest, dass ich an diesem Sonntag nicht der einzige gewesen war, der sich von diesen Formationen bezaubern liess:

Den Begriff “Lenticulariswolken” las ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal. Ich beschloss, mich noch ein bisschen kundiger zu machen, und lernte: Solche Wolken kommen meist bei Föhn vor, wenn die Luft über den Bergen angehoben wird. Sie sind auch bei starkem Wind “ortsfest”, das heisst: Die Luft treibt die Wolken nicht weiter, sondern strömt durch sie hindurch.

Für die segelfliegenden Leserinnen und Leser dürften diese Erkenntnisse nicht neu sein: Sie nutzen diese Wolken, um an Höhe zu gewinnen.

Fremde Freunde

Unser Auto rumpelte über die Wiese neben dem Festplatz, und nachdem wir ausgestiegen und über das Areal geschlendert waren, stellten wir fest, dass wir – ausser dem Gastgeber – niemanden kannten, aber das machte nichts; die Leute waren uns durchs Band weg auf Anhieb sympathisch, und so setzten wir uns einfach mit einem Paar aus dem Berner Oberland und einer Frau aus Winterthur an einen langen Tisch und plauderten miteinander, als ob wir schon zigmal getroffen hätten, und verputzten dazu Fleisch vom Grill und Hörnli- und Härdöpfusalat, und als es dunkel geworden war, leuchteten die Lampions wie runde Sterne an den Bäumen, und dann gabs Livemusik, und als wir uns in dieser letzten Sommernacht des Jahres auf den Heimweg machten, wussten wir: diese Feier wird noch sehr lange weitergehen, und tatsächlich: am nächsten Tag schrieb uns der Mann, der uns eingeladen hatte, dass sich die Festivitäten zum 10-jährigen Bestehen seiner Bluesharp-Schule bis um 5 Uhr hingezogen hätten, und dass er nun leicht übermüdet, aber rundum glücklich, auf “einen der schönsten Abende meines Lebens” zurückblicken dürfe.

Couple Dänemark (X)

1947 erhielt eine Mutter in Wichita im US-Bundesstaat Kansas eine Nachricht. Darin stand, dass ihr Sohn mit schweren Verletzungen in einem Spital in Germany liege. Bei dem jungen Mann handelte es sich um Chantals Grossvater. Er war als Angehöriger der amerikanischen Streitkräfte dabei, als die Alliierten Deutschland besetzten befreiten, und ab 1945 in Wiesbaden stationiert. Für seine Einsätze – die in der Normandie begannen – wurde er mit mehreren “Bronze Star”-Medaillen ausgezeichnet.

Wobei er sich die tödlichen “multiple fractures”, von denen die Armeeführung seiner Mutter berichtet hatte, zugezogen hatte, ist bis heute unklar. Was seine Aufgabe in Deutschland war, wissen seine Nachkommen bis heute nicht.

Bei einem Bummel durch Wiesbaden stellten wir gestern fest, dass Chantals Opa seine letzten Jahre an einem sehr schönen Ort verbringen durfte. Im Gegensatz zum benachbarten Mainz wurde Wiesbaden 1945 nicht komplett in Grund und Boden gebombt. An unzähligen uralten Gebäuden und topmodernen Komplexen vorbei schlenderten wir in der sehr aufgeräumt und lebhaft wirkenden Stadt, in der “Multikulti” zwanglos gelebt statt zähneknirschend geduldet zu werden scheint, von Laden zu Laden und von Beizli zu Beizli. Irgendwann beschlossen wir, von der Schweiz aus zumindest zu versuchen, des Grossvaters Spuren zu finden.

Neben unserem Camper steht ein Wohnwagen. Die Satellitenschüssel auf seinem Dach ist ebenso ausgefahren wir die Sonnenstore. An einer Leine hängen zwei Tücher, vor der Türe stehen volle Bierharassen. Obwohl wir uns schon vorgestern Abend auf diesem Platz in Ginsheim-Gustavsburg eingenistet haben, bekamen wir die Bewohner des Wagens (Rentner auf Reisen? Verbrecher auf der Flucht? Spione im Standby-Modus?) noch nie zu Gesicht. Das Ganze wirkt ein bisschen geheimnisvoll – um nicht zu sagen: unheimlich – , aber wahrscheinlich werden wir nie erfahren, neben wem wir die vergangenen Tage verbracht haben: In wenigen Stunden fahren wir los in Richtung Heimat.

Während um mich herum die Natur erwacht, versuche ich, zu rekapitulieren, welche Orte wir auf unserem zweiwöchigen Trip in welcher Reihenfolge besucht hatten, wie es dort aussah und was uns am meisten beeindruckte. Mich im Detail an alles zu erinnern, fällt mir nicht leicht. Wir sahen so Manches und sammelten so viele Eindrücke, dass sich im Moment alles zu einem grossen – und wunderschönen – Ganzen vermengt.