Mit einem Mietautöli tuckerten wir heute über die…nunja…“Berge“ ganz in den Norden von Gran Canaria. Die rund zweieinhalbstündige Fahrt von Küste zu Küste geriet zu einem Trip durch verschiedene Klimazonen. Erst wars cheibe warm, dann cheibe windig, irgendwann cheibe chalt und plötzlich auch cheibe feucht, aber immer cheibe schön.
In meinem Hotelzimmer stehen zwei Betten. Das links ist ein bisschen weicher als das rechts, dafür ist das rechts etwas härter als das links.
Letzte Nacht lag ich im linken. Auch dieser Tag auf Gran Canaria hatte mich über meine (sehr weit gesteckten) psychischen und physischen Grenzen hinaus ins Land der totalen Erschöpfung geführt, aber sosehr ich es mir auch wünschte: einschlafen konnte ich nicht.
Im Pool-Areal unter meinem Zimmer wurde für die Gäste nämlich, wie jeden Sonntag, die “Noche español” abgewickelt. Man kann sich das vorstellen wie Schweizer Folkloreabende für Touristen aus Fernost: Hier wie dort gewähren die Veranstalter ihrer Kundschaft mit ans Pingelige grenzender Authentizität umfassende Einblicke in das kulturelle Werden, Wirken und Wesen der Eingeborenen.
Zum Einstieg liess ein DJ die Greatest Hits des sicher nicht ganz zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Rondo Veneziano durch die Anlage dröhnen
dann tanzten ein Mann in Schwarz und eine Frau in Pink einen Flamenco, der beinahe so viel Erotik ausstrahlte wie ein Steinbruch im Regen. Ein bulimisch wirkender Jüngling steppte die eigens dafür aufgebaute Bühne in Grund und Boden, und zuunguter Letzt vertrieb ein agiler Senior mit seinem Kastagnettengeklapper auch noch die schwerhörigsten Vögel aus den Palmenkronen.
Nachdem sich das totaleuphorisierte Publikum um kurz vor der Geisterstunde vom Schauplatz verzogen hatte, nahm ich einen zweiten Schlafanlauf. Minuten später zerriss überlautes Jammern und Kreischen die Stille: Kanarische Katzen scheinen den Frühling nie intensiver zu spüren als Anfang November.
An Schlaf war jetzt definitiv nicht mehr zu denken. Ich braute mir einen Kaffee. Weil ich sowieso nichts Gescheiteres (oder Dümmeres) zu tun hatte, beschloss ich, mein Zimmer einmal a Fong zu inspizieren.
Ganz besonders interessierten mich die Lichtschalter. Mit den Lichtschaltern in Hotels ist es immer so eine Sache: Erst findet man sie nicht, und wenn man sie endlich entdeckt hat, weiss man nicht, welchen man betätigen muss, um eine bestimmte Lampe anzuknipsen.
Wenn man auf den Schalter beim Bad drückt, geht das Licht über dem Bett an. Wenn man den Schalter bei der Eingangstüre aktiviert, wirds auf dem Balkon taghell. Und wenn man endlich kapiert hat, wie das alles miteinander zusammenhängt (oder eben nicht), bleiben einem in der Regel noch 8 Minuten bis zum Auschecken.
Nach den umfangreichen Tests, die ich letzte Nacht durchführte, ist mir – zumindest, was dieses eine Hotelzimmer betrifft – aber einiges klarer. Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass ich den linken Schalter drücken muss, wenn ich Licht auf dem rechten Bett brauche, und den rechten, wenn ich auf dem linken Nest lesen möchte:
Wieso das so ist? Keine Ahnung.
Genauso schleierhaft ist mir, weshalb das Wasser immer mit gefühlten 72 Grad aus dem Duschkopf rauscht, unabhängig davon, in welche Richtung ich den Hebel drehe, und warum Hotelsteckdosen grundsätzlich in genau jenen Ecken angebracht sind, die am weitesten weg vom Schreibtisch liegen.
Natürlich hätte ich zur Klärung dieser Fragen einfach den Mann an der Rezession anrufen können. Aber er, dachte ich, war bestimmt gerade in eine Online-Patience vertieft oder schlief selig, und weder beim einen noch beim anderen mochte ich ihn stören.
So grümschelte ich weiter in meinem Zimmer herum. Ich wunderte mich über dieses (wozu braucht es eigentlich noch Telefonapparate?) und staunte über jenes (im Fernseher sind ausschliesslich deutsche Sender programmiert), und als es zu tagen begann, war ich vom vielen Nachdenken dermassen kaputt, dass ich gar
Juhuu: In 24 Stunden fliegt mein Freund Martin in Playa del Inglés ein????????.
Wir liessen es schon vor einem Jahr auf Teneriffa krachen, dass Gott erbarm (siehe Bild) ????????⚡️????☄️, und sind wild entschlossen, auch auf Gran Canaria kein Sandkorn auf dem anderen zu lassen.
Wenn ich diesen Text fertiggetippt und auf “Veröffentlichen” geklickt habe, rieseln die Buchstaben durch das Kabel meines Laptops in das zweite Untergeschoss des Hotels. Sobald auch die Bilder dort angekommen sind, wird Jim aktiv.
Wobei: Jim heisst eigentlich nicht Jim, sondern Chukwuebuka. Schon bei seiner nicht ganz legalen Einreise ahnte er aber, dass ihm dieser Name bei den mannigfaltigen Bisnesses, die er auf Gran Canaria anreissen wollte, hinderlich sein könnte. Er trennte sich mit derselben Leichtigkeit von ihm, mit der er in Nigeria vier Ehefrauen samt 15 Kindern sitzengelassen hatte.
Als Jim verkaufte er am Strand zunächst original echte Gucci-Sonnenbrillen und Rolex-Uhren. Eines Tages erzählte ihm sein Freund Carl, mit dem er sich in den Favelas von Maspalomas einen abgewrackten Baucontainer teilt, dass das Hotel, in dem ich gerade meine Ferien verbringe, Gratis-WLAN (oder “Free Wifi”, wie der Spanier sagt) eingeführt habe und nun händeringend nach Leuten suche, welche gewährleisten, dass das mit dem Internet auch wirklich klappt. Aus Kostengründen verzichte man auf eine elektronische Lösung und setze, zumindest für eine auf vier Jahre angelegte Testphase, auf Manpower.
Jim, der Ende Monat jeweils astronomische Summen an Unterhaltszahlungen in die Heimat überweisen muss, erkannte sofort, dass dies für ihn die Chance war, schwarz etwas dazuzuverdienen. Er machte früher als gewöhnlich Feierabend und schickte den Hotelverantwortlichen noch am selben Tag ein Bewerbungsschreiben samt leicht frisiertem Lebenslauf, selbstverfassten Referenzen und einer kanaldeckelgrossen Uhr aus Carls Lager. Zwei Tage später hatte er den Job.
Mit einem Besen wischt er in seinem Kabäuschen all die Sätze und Fotos zusammen, die aus den Zimmern und vom Poolbereich her bei ihm landen. Er besprüht die Häufchen mit lauwarmem Wasser und knetet sie zusammen. Im Halbdunkel des fensterlosen Raums macht er sich anschliessend auf die Suche nach passenden Kartons.
Sobald er die Schachteln gefunden hat, legt er die Kugeln süüferli
hinein, füllt die leeren Stellen drumherum mit den bräunlich-gelben Filterresten
seiner Selbstgedrehten auf, klappt die Deckel zu, verklebt jede Box mit drei
Metern Scotchband – und fertig sind die Datenpakete.
Eine Schachtel nach der andern trägt er über die Treppe nach oben, ins Parterre. Beim Hinterausgang steht ein rotes Wägeli. Jim belädt es mit den Schachteln und hängt es an die Kupplung des Velos, das ihm gegen eine Gebühr von 15 Euro pro Tag als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Dann radelt er in die schwüle Nacht hinein los.
Nach gut vier Stunden erreicht er den Hafen von Las Palmas. Ausser Atem und glänzend vor Schweiss übergibt er die Pakete dem Matrosen eines in Panama registrierten Seelenverkäufers. Während der Frachter in Richtung Rotterdam und Basel lostuckert, um irgendwann auch in die Emme abzubiegen, auf der er in Richtung Burgdorf schippert, von wo aus dieser Beitrag möglicherweise noch vor Ende Jahr an die werten Leserinnen und Leser weiterverteilt wird, fräst Jim zurück ins Hotel, wo die Gäste an ihren Handys, Tablets und Macbooks, wie er weiss, immer noch oder schon wieder wie wild am Schreiben und Lesen sind.
Mit dieser Vermutung liegt er nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Surfen wollen zwar alle. Mit dem Zugang ist es für meine Mitbewohnerinnen und -bewohner hingegen chly eine Sache. Die Userkennung lautet “Zimmernummer@HPT”, als Passwort genügt der kleingeschriebene Nachname.
Das ist für manche zuviel des Komplizierten, weshalb sich die Mitarbeitenden an der Rezeption vom frühen Morgen bis am späten Abend mit einem nicht endenwollenden Strom von Menschen konfrontiert sehen, die alle dasselbe murmeln: “Ich hätte da nur eine kurze Frage, und zwar: Wie geht das mit dem Internet?”
“Für euch eigentlich ganz einfach”, seufzt Jim
tief unten im Keller. “Aber wenn ihr wüsstet, was…”
Er kommt nicht dazu, den Satz zu beenden. In der Röhre
rieselts schon wieder.
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii (wer jetzt tagelang diesen Wurm im Ohr hat, kann sich trösten: Es gäbe Schlimmeres; viel Schlimmeres), und ich war auch noch niemals auf Gran Canaria, jedenfalls nicht im Oktober und November.
Gran Canaria im Oktober und November unterscheidet sich von Gran Canaria im Dezember, Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und so weiter in zweierlei Hinsicht: Es windet stärker als sonst, und jetzt, wenige Wochen vor Weihnachten, ist die Zeit, in der Senioren scharenweise vom Festland auf die Insel strömen, um ein bisschen Sommer in den Winter hinüberzuretten.
In dem Hotel, in dem auch ich die Kältemonate um zwei Wochen abkürze, gehöre ich zu den jüngeren Gästen. Ein Tollhaus für Teenager ist das Parque Tropical in Playa del Inglés ohnehin nicht, wie ich schon bei mehreren Gelegenheiten erfahren durfte (und wie bestimmt auch das spanische Königspaar weiss, das sich in diesem Etablissement dem Vernehmen nach öppedie top anonym von den Strapazen des Regierens erholt). Aber als ich am Mittwoch eincheckte, fragte ich mich trotzdem kurz, ob der Taxifahrer mich wirklich an der richtigen Adresse und nicht vor einer geriatrischen Klinik abgesetzt habe.
Inzwischen habe ich mich an mein Umfeld gewöhnt (und es sich umgekehrt hoffentlich auch an diesen gmögigen Burschen mit der schicken Brille, der immer nur Aqua mineral naturale con gas trinkt). Genauer gesagt: Zu meiner eigenen Überraschung gefällt es mir hier cheibe guet.
Das hat nicht nur mit der Sonne und dem Sand und dem Suppenangebot (auf die Schnelle fiel mir kein anderes Wort ein, das mit S beginnt und die “Sonne”- und “Sand”-Alliteration quasi zu einer Dreifachpirouette veredelt) zu tun, sondern auch mit meinen Mitbewohnerinnen und -bewohnern.
Letzte Nacht fegte ein Sturm dermassen heftig durch die Anlage, dass ich schon um 3 Uhr erwachte, statt bis um 4 ausschlafen zu können. Ich riss das Fenster auf, um zu checken, ob die Evakuierungen schon im Gange seien, und staunte nicht schlecht: Direkt vor meinem Gemach hingen die Palmen sozusagen fast quer in der Luft. In das wütende Tosen des Windes mischte sich das krachende Rauschen der Brandung.
Einen Moment lang dachte ich darüber nach, inwiefern es wohl relevant für das lokale Schiff- und Fischgewerbe sei, wenn die Wellen von so einem Orkan ins Meer hinaus statt landeinwärts getrieben werden, wurde aber aus meinen wirtschaftspolitischen Erwägungen gerissen, bevor ich sie zu Ende denken konnte, denn in einem Zimmer gegenüber ging ein Licht an.
Ich sah einen Menschen durch den Raum tappen. Wenig später kam er zurück. Dort, wo ich das Bett vermutete, hielt er inne. Dann beugte die Figur sich hinunter. Ich dachte, oha, jetzt gehts los, und wünschte den beiden bei allem, was sie vorhaben mochten, viel Kraft, Vergnügen und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Aber dann bemerkte ich, wie die Person sich aufrichtete. Ihre Bewegungen wirkten umständlich. Nach Spass sahs jedenfalls nicht aus, sondern eher nach Chrampf.
Auf einmal standen zwei Menschen am Fenster; ein sehr grosser und ein viel kleinerer. Der grosse führte den kleinen aus dem Zimmer. Das Licht erlosch. Sekunden später schwang die Balkontüre auf. Ins Freie traten Arm in Arm ein sehr, sehr alter Mann und eine ebenso betagte Frau, wie ich im schummrigen Schein der Aussenbeleuchtung erkennen konnte.
Der Mann half der Frau, sich auf einen der Stühle zu setzen. Er tat das mit einer Hingabe und Zärtlichkeit, die mich – ungelogen – rührte. Als er sicher sein konnte, dass sies bequem hat, nahm er neben ihr Platz. Andächtig wie auf einer Kirchenbank beobachteten sie, wie die Natur sich in der Hotelanlage austobte.
Zwei Stunden später strichen die ersten Sonnenstrahlen über die Dächer. Der Sturm hatte sich in ein Lüftchen verwandelt. Die beiden höckelten immer noch da. Sie hatte ihren Kopf an seinen Oberarm gelegt und schlief. Seine Augen waren ebenfalls geschlossen, doch ich wäre jede Wette eingegangen, dass er hellwach war, um seiner Frau sofort helfen zu können, wenn sie etwas benötigt.
So sind sie, meine Oldies: Würdevoll, liebenswert – und immer füreinander da. Sie stellen ans Personal keine unerfüllbaren Ansprüche. Sudokus, Bücher oder Schach genügen den meisten, um sich die freie Zeit zu vertreiben. Manche diskutieren, viele geniessen das Dolce far niente schweigend. Hier tippt ein Ömchen hochkonzentriert auf dem Handy herum, dort blättert ein Silberrücken in einem Prospekt. Ab und zu dringt ein Kichern an meine Ohren, hin und wieder lacht jemand laut auf. Ansonsten ist wenig zu hören: Niemand hüpft grölend ins Becken, niemand brüllt nach der Bedienung, niemand schaut fern, obwohl das Gerät ununterbrochen läuft.
Contenance bewiesen meine Mitbewohnerinnen und -bewohner schon vorher: Ohne zu ellböglen oder dem Vordermann den Rollator in die von Krampfadern überwucherten Kniekehlen zu rammen, standen sie vor dem Restaurant seelenruhig Schlange, bis das Zmorgebuffet eröffnet wurde. Während die U50-Fraktion kurzbehost und in T-Shirts durch den Saal lümmelte, pickten die reiferen Semester den Käse, die Gipfeli, die Schinkenscheiben und alles wie aus dem Truckli gewandet von den Tabletts.
«Wir starten mit der Wassergymnastik!», schepperte es gegen Mittag aus den in den Bäumen versteckten Lautsprechern. Dick und dünn und Deutsch und Dänisch und grau und glatzköpfig versammelten sich nadisna im Pool, um die schlappen Glieder zumindest einmal am Tag chly auf Touren zu bringen.
Vom Beckenrand aus rief ihnen eine Hotelmitarbeiterin in einem hautengen hellblauen Ganzkörperdress zu, sie sollen vorwärts laufen und wieder rückwärts und dann ihre knallbunten Schwimmhilfen rhythmisch über den Köpfen hin- und herbewegen, «und zwar alle, meine Lieben!», und in den Boxen, in denen eben noch Richard Clayderman balladepouradelinte, waren jetzt offenkundig auf Speed gesetzte Südamerikanischer zu Gange, die mit Gitarren, Panflöten und Trommeln ohne Pause darboten, was die Anden an Liedgut hergeben, und nachdem alles vorbei war, stiegen die Seniorinnen und Senioren strahlend aus dem Wasser und verabschieden sich höflich von der Animatrice, die mindestens ihre Grossenkelin sein könnte, und schlurften zurück zu ihren Sudokus und Büchern und hatten für den Rest des Tages genau den Frieden, nach dem unzählige Jüngere in den Ferien oft ewig suchen, ohne ihn je zu finden.