Zahntastischer Jahreswechsel

Nachts um 3 riss mich höllisches Zahnweh aus dem Schlaf. Google nannte mir die Adresse eines vertrauenswürdigen Arztes in Playa del Inglés. Um 9 Uhr an diesem Silvestermorgen rief ich in die Praxis an, um zu fragen, ob noch ein Termin frei sei.

Ich soll einfach vorbeikommen, sagte eine freundliche Frau am anderen Ende der Leitung; es seien zwar noch zwei, drei andere Leute da, aber man werde sich so schnell wie möglich um mich kümmern.

Gegen 10 Uhr stand ich im Wartezimmer – die sechs Stühle waren besetzt, und irgendwie schien es keiner der Anwesenden als nötig zu erachten, für jemanden mit Dentalproblemen den Sitz freizumachen – , und schon um kurz nach Mittag lag ich auf des Doktors Stuhl. Der Mann pöpperlete am kaputten Zahn herum, röntge ihn und fragte mich dann, wie lange ich noch auf Gran Canaria bleibe.

Bis am 11. Januar, sagte ich, worauf er ein Hämpfeli seines besten Stoffs aus dem Giftschrank holte, mir die Medis feierlich übergab und mich für Donnerstag, den 2. Januar, zu einer Wurzelbehandlung aufbot.

Davon sah er dann ab. Stattdessen gabs weitere Drogen. 7 Tage später, am 9. Januar, zog er mir den Zahn. Von einer Sekunde auf die andere fühlte ich mich wieder wie ein Mensch.

Worte zu Bildern

Die Bitte kam etwas überraschend: Ob ich zur Eröffnung seiner Ausstellung im Atelier Hanne Junghans nicht ein paar Worte an die Gäste richten könnte, erkundigte sich der Burgdorfer Künstler Andreas Althaus bei mir. Es war mir eine Freude, ihm seinen Wunsch zu erfüllen:

“Liebe Kunstbegeisterte,
liebe Freundinnen und Freunde von Res Althaus
liebe Häppchenjägerinnen und -jäger

Wenn mich vor ein paar Wochen jemand gefragt hätte, was ich in meinem Leben un-be-dingt noch tun möchte, wäre mir spontan Einiges eingefallen: Ein bisschen abnehmen zum Beispiel, oder eine Runde Minigolf mit weniger als 36 Schlägen zu absolvieren, oder mit Haien zu tauchen.

Auf etwas wäre ich aber auch nicht gekommen, wenn ich tagelang Zeit zum Nachdenken gehabt hätte: eine Vernissage-Ansprache zu halten.

Vernissage-Redner (erstaunlicherweise handelte es sich tatsächlich durchs Band weg um Männer) habe ich in meiner Zeit als Journalist Dutzende erlebt. Manche referierten in Strickjacken und Manchesterhosen, einige stürzten sich dafür in ihren schönsten Anzug.

Die einen brummelten Bedeutungsschwangeres hinter unkontrolliert wuchernden Bärten hervor, andere ratterten einfach den Lebenslauf des Künstlers oder der Künstlerin herunter. Die Neulinge in der Vernissage-Rednerszene lasen ihre Ansprachen von engbeschriebenen Chärtli ab, während die Habitués frisch von der Leber weg vortrugen, was ihnen gerade in den Sinn kam.

Kein Redner glich dem anderen – aber etwas hatten sie alle gemeinsam: Zum Einstieg in ihre Referate versicherten sie den Gästen immer, welche Ehre es sei, als Laudator auserkoren worden zu sein. Und, vor allem, dass sie sich ganz bestimmt kurz fassen würden.

Eine halbe Stunde später war dann auch dem letzten Besucher klar, dass sich “kurz fassen” ein sehr dehnbarer Begriff ist. Während die Chäschüechli und Schinkengipfeli im Nebenzimmer erkalteten, philosophierten die Herren endlos über das Wirken und Wesen des immer öfter verholen gähnenden Künstlers.

Das war für alle Beteiligten manchmal ziemlich mühsam. Aber das hatte, wie ich erst jetzt als Direktbetroffener merkte, einen Grund: Vernissagenredner habens nicht leicht. Deshalb machen sie es den Leuten, zu denen sie reden, automatisch genauso schwer.

Wer gebeten wird, an einem Kunstevent ein paar Worte an die Anwesenden zu richten, steht in dem Moment auf verlorenem Posten, in dem er zusagt. Denn wenn es an einer Vernissage etwas nicht braucht, ist es ein Redner.

Ohne den Künstler oder die Künstlerin ist eine Vernissage ebenso undenkbar wie ohne Bilder oder Skulpturen oder – bhüetis! – ohne Apéro. Auf eine Ansprache wartet jedoch kein Mensch.

Ich nehme das nicht persönlich. Ich weiss ja, ehrlich gesagt, selber nicht, wieso ich hier stehe. Und, vor allem, was ich sagen soll.

Mit dem Schaffen von Res Althaus sind die meisten von Ihnen vermutlich ungleich besser vertraut als ich. Viele von Ihnen kennen Res seit Jahrzehnten. Sie haben seinen Werdegang mitverfolgt. Sie wissen, wann er sich wieso in welche Richtung entwickelte, welche Wege ihn über welche Höhen und durch welche Tiefen dahin führten, wo er heute steht, was seine starken Perioden waren und was seine vielleicht nicht ganz so starken, und wieso er manchmal lieber Rechtecke zeichnet statt Ovale.

Ich kenne Res weniger als Künstler, sondern vor allem als Freund, mit dem man genausogut über Nonsense plaudern wie tiefsinnige Gespräche führen kann. Bei uns zuhause hängen vier Bilder von ihm; eines habe ich gekauft, die anderen schenkte er uns.

Ich sehe seine Bilder jeden Tag…und jedesmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas anderes sagen wollen. Manchmal hellen sie einfach mein Gemüt auf; das tun sie besonders jetzt, in diesen nebliggrauen Herbst- und Wintertagen.

Dann sagen sie mir: Nimm nicht alles ernst. Bleib locker. Es gibt im Leben so viel Schönes und, eben: Heiteres, das viel stärker ist als die dunklen Schleier vor deinem Fenster. Du siehst das vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn du genau hinschaust, entdeckst du auch im Kleinen Grosses.

Hin und wieder entführen sie meine Fantasie in eine andere Welt. Dann wird aus dem Blatt, das auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung abgedruckt ist, eine Schildkröte, die gemächlich durch eine Steinwüste auf den Galapagosinseln kriecht und irgendwann irgendetwas erlebt. In meinem Kopf läuft ein Kurzfilm, den nur ich sehen kann – und an dem ich anschliessend stundenlang herumstudieren kann.

Unabhängig von den Gedanken, die sie in mir auslösen, ist es einfach so, dass ich mich immer freue, diese Bilder zu sehen. Als jemand, der zu seinen Zeichenlehrern nie besonders innige Verhältnisse pflegte, werde ich gelegentlich fast ein wenig neidisch auf Res.

Doch dieser Neid weicht jeweils schnell einer Art Bewunderung: Wer etwas so zeitlos Tolles schaffen und dann “einfach so” aus den Händen geben kann, geht nicht nur mit interessierten Augen, sondern vor allem mit einem sperrangelweit geöffneten Herzen durchs Leben. Und weiss instinktiv, wie er andere Menschen mit seiner oft sehr eigenen Art, die Dinge zu sehen, glücklich machen kann.

Trotzdem – oder gerade darum – glaube ich nicht, dass Res Althaus jemand ist, der anderen gerne vorschreibt, was sie zu denken haben. Wenn er – was er fast jeden Tag tut – eines seiner Werke auf Facebook postet, sorgt er damit zumindest beim in grafischer Hinsicht eher minderbemittelten Betrachter regelmässig für eine gewisse Ratlosigkeit.

Unter seine Aquarelle schreibt er Sachen wie “1986, Kaffee, Klebstreifen, Stift auf Papier 180 g2, 42,0 x 29,7 cm” oder “o.T 2019, Aquarell auf Papier 300g2, 40 x 30 cm” oder gar nichts, was ich immer besonders fies finde. Ich meine: «Kaffee» und «Klebstreifen» als Beschreibung eines Werks, an dem er viele Stunden – vielleicht sogar Tage und Wochen – gearbeitet hat: Das kann doch nicht alles sein! Da muss doch noch mehr kommen!

Aber da kommt nichts mehr. Das heisst: Da kommt schon. Sehr Vieles sogar. Aber was kommt, ist ganz und gar dem Betrachter oder der Betrachterin überlassen. Für Res gibt es kein «Du sollst» oder «Du musst», sondern nur «Du kannst» und «Du darfst».

Das gilt, wenn ich das richtig sehe, nicht nur für sein künstlerisches Schaffen. Nach diesem Motto verkehrt er auch sonst mit seinen Mitmenschen. Wenn alle Leute nach Res’ Philosphie leben würden: Die Welt wäre wesentlich bunter, frecher und zwangloser, als sie heute ist.

Auf der Suche nach Inspirationen für eine zumindest möglichst professionell wirkende Ansprache durchforstete ich das Internet nach Beispielen dafür, das Wirken eines Künstlers zu würdigen. Doch kaum hatte ich die verbale Schatztruhe der Experten geöffnet, sprangen mir die ersten Wortungeheuer entgegen:

«Die Ausstellung oszilliert, hält sich unentschieden zwischen einer physischen, indivualisierten Existenzweise und einem Sein in Gestalt eines gestreuten Verbundenseins innerhalb des Universums”, notierte einst jemand. Ich beendete die Lektüre, bevor ich wusste, um wessen Ausstellung es damals ging.

Ein paar Seiten weiter hiess es über einen anderen Künstler:

„Abstraktion und Figürlichkeit, Utopie und Alltag, Präzision und Unvollendetheit, Narration und Materialität, Kitsch und Geometrie, Strategie und Zufall – die hier entstehenden Spannungsverhältnisse werden jeweils auf unterschiedliche Weise verhandelt.“

Irgendwo las ich

„Durch die Transformation von Wirklichkeit anhand unterschiedlicher künstlerischer Verfahren steht das klare Ziel im Vordergrund, sich aus einer kunstgeschichtlichen Tradition seit der Renaissance heraus mit Zeitgenossenschaft auseinanderzusetzen.“

Dann gab ich auf.

Ich kann – und will – mir nicht vorstellen, dass sich in diesem Raum heute Menschen befinden, die mit solchen Sätzen etwas anfangen können (ich kann und will mir aber auch nicht vorstellen, was für Leute freudig solche Sätze konstruieren).

Was ich mir hingegen sehr gut vorstellen kann, ist, dass sich in diesem Raum heute sehr viele Menschen befinden, die an dem, was Res Althaus macht, einfach den Plausch haben. Die nicht zwanghaft jeden seiner Striche hinterfragen und jeden seiner Farbtupfer deuten müssen.

Viele dieser Menschen schätzen Res’ Hintersinn, seinen Humor und seine offenbar ununterbrochen sprudelnde Fantasie. Das, denke ich, zeichnet sein Schaffen aus.

Wenn darüberhinaus noch “Abstraktionen”, “Narratationen”, “Transformationen” oder irgendwelche “Spannungsverhältnisse” mit im Spiel sein sollten, wäre mir das entgangen, oder besser: hätte ich das einfach nicht bemerkt.

Das wiederum könnte damit zu tun haben, dass so geschwollen wirkende Begriffe gar nicht zu dem durch und durch bodenständigen Res Althaus passen. Würden sie zu ihm passen, hätte ich dankend abgewunken, als er mich darum bat, zu Ihnen, liebe Gäste, zu sprechen.

Aber Res Althaus: Das ist für mich der Mann, der sich ohne zu Murren seinem Hund unterwirft. Der den Feierabendumtrunk in der “Metzgere” um punkt sechs Uhr verlässt, weil er heute mit Kochen dran ist. Dens fast vertätscht vor Liebe und Stolz, wenn er von seinen Grosskindern erzählt. Und der mir schon zigmal mit leuchtenden Augen berichtet hat, wie er im letzten Jahrtausend, zu sehr vorgerückter Stunde, bei einem Deep Purple-Konzert im Berner Gaskessel auf der Hammondorgel von Jon Lord einschlief.

Res Althaus ist für mich ein Künstler, dem es ohne jeden Dünkel gelingt, den Menschen eine Freude zu bereiten, indem er einfach tut, wonach ihm gerade ist. Was er uns zeigt, wirkt – bei allem Können, das zweifellos dahintersteckt – un-gekünstelt und deshalb echt.

Millionen von Leuten buhlen mit gefotoshopten Bildern und auf hochglanzpolierten Filmchen rund um die Uhr um unsere Aufmerksamkeit. Ohne, dass wir es merken, treiben wir in einem unablässigen Strom der Beschäftigungen und Ablenkungen durchs Leben.

Seine Strömung reisst uns so stark mit, dass wir kaum eine Gelegenheit haben, kurz innezuhalten, um uns einen Blick auf jene vermeintlichen Kleinigkeiten zu gönnen, die unser Dasein mehr prägen als jede Influencerin und jeder Youtuber.

Ich danke Res von Herzen dafür, dass er uns immer wieder solche Pausen verschafft.

Und wenn es nur mit Kaffee und Klebstreifen ist.”

Wetterwechsel

So schnell kanns gehen: Eben spürte ich noch kanarischen Sand unter meinen Füssen – 24 Stunden später fotografierte ich Eis auf dem Gemüse in unserem Garten.

Fischlein duck dich

In dem Moment, in dem die Goldfische im Teich des Parque Tropical-Hotels in Playa del Inglés ihr allmontägliches „Das wird wieder eine Mist-Arbeitswoche geben“-Gejammer anstimmten, legten sich zwei Schatten auf die Wasseroberfläche.

Stürmische Zeiten

Heftige Winde haben schon unzählige Musiker inspiriert:

Davon könnte inzwischen auch ich ein Liedchen singen (lasse es aber lieber bleiben; wer mich schon singen gehört hat, wird wissen, warum) denn seit ein paar Tagen umtost Playa del Inglés ein Sturm, der mit “Hurrikan” nur unzureichend beschrieben wäre.

Wie ein gigantischer Schraubenzieher dreht er Gran Canaria in immer wieder neue Richtungen, so dass man am Morgen nie weiss, ob die Sonne vor dem Balkon oder vor dem Badezimmerfensterchen auf der anderen Seite des Zimmers aufgehen wird.

Allpott stürzen Palmenblätter in den Poolbereich. Hinter dem Tresen des Openair-Restaurants ist ein junger Mann, der sich den Job des Barkeepers sicher etwas glamouröser vorgestellt hatte, fast ununterbrochen mit dem Zusammenwischen von Scherben beschäftigt. Ständig schepperts und klirrts irgendwo.

Wie von einem Geist gestossen, gleiten auf dem glatten Boden Lounge-Sofas an verdutzten Gästen vorbei. In den Büschen und Baumwipfeln flattern Heftli, Salatblätter und Bikinioberteile, und wer sich schon frühmorgens eine Liege reserviert hat, kann davon ausgehen, dass sein Badetuch den Luftraum über Zentralafrika bis am Mittag durchflogen haben dürfte.

Warm ist es trotzdem, auch nachts. Die Leute lassen deshalb ihre Zimmertüren geöffnet, nur denken nicht alle daran, Flip-Flops oder so als Stopper vor die Schwellen zu stellen. Sobald ein Windstoss durch die Anlage saust, krachen links und rechts Türen zu, und jedesmal, wenns knallt, stelle ich mir vor, wie jemand in diesem Moment senkrecht im Bett steht vor Schreck und sich fragt, ob sein Puls jemals wieder unter 240 sinken werde.

Dieses Hudelwetter hat aber auch seine guten Seiten. Wir unternahmen gestern einen ausgedehnten Spaziergang vom Leuchtturm in Maspalomas zum Ciao-Ciao in Playa del Inglés und liessen uns dabei kostenlos rundumsandstrahlen. Kein Schüeppli verunstaltet nunmehr unsere zarten Häutchen. Ein noch intensiveres Peeling wurde nur jenen Leuten zuteil, welche den Samstag der Freikörperkultur frönend (oder “naked in the eye of the storm”, wie Roger Hodgson sagen würde) verbrachten. Sie wissen nun, was die Werbung meint, wenn sie “porentiefe Reinigung bis in die hintersten Ritzen” verspricht.

Für heute Sonntag hatten wir eigentlich erwogen, uns in Las Palmas ein Fussballspiel anzusehen. Wir sind aber nicht sicher, ob das Estadio de Gran Canaria immer noch an der Calle Fondos de Segura oder schon in Tunesien steht und verzichten deshalb auf die halbstündige Fahrt.

Stattdessen suchen wir uns lieber ein halbwegs ruhiges Eggeli, in dem wir chly die Welt in Ordnung plaudern und lesen können. Wenn wir etwas essen oder trinken wollen, brauchen wir nicht einmal aufzustehen: Früher oder später fliegt bestimmt etwas Leckeres an uns vorbei.