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Auf der Homeoffinsel (26)

Freitag, 26. Februar 2021, 9.30 Uhr

„Dong“ (so klingts, wenn neue Post auf dem immer blitzblanken Boden meines Mailfachs aufschlägt): da ist sie ja, die Auftragsbestätigung.

Ganz überraschend kommt sie nicht: der Absender und ich hatten schon gestern vereinbart, dass ich für ihn die uralten Texte auf seiner Website ins Jahr 2021 redigiere.

Und doch – es hätte auch anders kommen können. Denn über diesen Job unterhielten wir uns in einer Videokonferenz.

Auf der einen Seite der Leitung sassen der Patron und seine Tochter (also: die Juniorchefin) in einem weissen Besprechungszimmer. Die beiden sahen aus, als ob sie in einer halben Stunde an die Hochzeit eines nahen Verwandten fahren würden.

Auf der anderen Seite: ich, im ärmellosen T-Shirt, in Badehosen und mit einer Frisur, die aussah, wie Frisuren halt aussehen, wenn man sie nach dem Duschen einfach werden lässt.

Meinen Kunden trete ich in diesem Aufzug nur allerhöchst selten gegenüber (und wenn, dann nur, wenn sie eine Badi betreiben, aber derlei Klientel fehlt noch in meinem Portefeuille). Genau genommen, ist mir so öppis noch überhaupt nie passiert.

Diesmal hatte ich beim Einloggen einfach vergessen, dass gleich ja nicht nur ich meine potenziellen neuen Geschäftspartner würde sehen können, sondern auch sie mich. Natürlich kam die Verbindung in genau dem Moment zustande, in dem ich meinen Fauxpas realisierte.

Aber gut: der Auftrag ist unter Dach und Fach.

Jetzt denke ich darüber nach, wie es sich wohl auf meine Umsätze auswirken würde, wenn ich ab sofort immer…

Platz da

Sonntag, 31. Januar 2021, 9.15 Uhr

Mit rund 40 Personen an Bord hebt ein Airbus 320 von Edelweiss Air in Zürich ab. Eigentlich sollte Flug WK210 vier Stunden später in Las Palmas auf Gran Canaria landen. Weil aber einige Leute eine ebenfalls nur spärlich gebuchte Reise nach Teneriffa gebucht hatten, legte Edelweiss die beiden Flüge zusammen.

In Teneriffa steigen alle Passagiere aus. Die einen bleiben auf der Insel. Die anderen warten in einer abgetrennten Halle auf den Weiterflug. Nach einer halben Stunde dürfen wir den Flieger – sein Innenraum wurde in dieser kurzen Zeit geputzt und desinfiziert – wieder besteigen. Zusätzlich entern zwei, drei Dutzend Menschen die Maschine, welche zurück nach Zürich wollen. Genauso, wie wir einen Umweg über Teneriffa nehmen mussten, legen sie gleich einen Zwischenhalt in Las Palmas ein.

Das alles ist für sämtliche Beteiligten mit einigem Aufwand und etlichem Zeitverlust verbunden. Aufregen tut sich jedoch niemand.

Chly gespenstisch

Samstag, 30. Januar 2021, gegen 19 Uhr

Normalerweise würde es im Flughafen Zürich um diese Zeit von Menschen wimmeln.

Aber normal ist natürlich auch hier schon lange nichts mehr. Der Gang durch die Hallen ähnelt der Besichtigung einer Geisterstadt.

Auch das Restaurant des Flughafenhotels ist leer. Bis vor einem Jahr unterhielten sich an seiner Bar Leute aus allen möglichen Nationen in allen denkbaren Sprachen über das, was sie auf ihren Reisen gerade erlebt haben, oder das, was sie in den nächsten Wochen erleben möchten.

Jetzt ist dieser Treffpunkt geschlossen. Nur zwischen 18 und 21 Uhr werden Snacks serviert. Die Pizzen karrt freudlos ein Kurier mit dem Lieferwagen heran.

Neben den Liften steht ein Roboter. Man kann ihn vom Zimmer aus anrufen und ihm sagen, was man trinken möchte. Dann bringt er es hoch; er tut das lautlos und wartet nicht auf Trinkgeld. Auf mich wirkt er ein bisschen unheimlich.

Wie alles hier.

Jemensch spinnt immer

Da geht er dahin, der Sommer 2020, und kommt nie wieder. Er hats gut: Für ihn ist dieses seltsame Jahr schon vorbei.

Um es mit Wolfgang Sebastian Rilke zu sagen: Der Sommer war gross (wenn auch nicht gar so gross, wie er hätte sein können; an Regenstunden herrschte kein Mangel, und wer die Tage, an denen die Temperatur unter 30 Grad fiel, abzählen möchte, würde dafür mehr als zwei Hände benötigen, aber deswegen braucht man ihn nicht gleich als „klein“ zu verunglimpfen, und überhaupt kommts auch bei Sommern mehr auf die Innereien an als auf die Grösse).

Abgesehen davon: Wenn wir schon fast den kompletten Frühling 2020 drinnen verbracht haben – wer weiss schon, wie manchen Sumer (Klammer auf: „Sumer“ ist eine respektvolle Konzession an den langsam wegsterbenden mittelhochdeutsch sprechenden Teil der Leserschaft, Klammer zu) wir noch draussen geniessen dürfen?

Kurz, bevor er sich dem Ende zuzuneigen begann, ereigneten sich ein paar Dinge, welche die Bevölkerung in Südafrika wohl nur am Rande tangieren, es meiner unmassgeblichen Ansicht nach aber doch Wert sind, zu Augen der Nachwelt notiert zu werden.

Vielleicht beweisen die Vorfälle, was ich schon seit einem geraumen Weilchen vermute: dass es seit Corona deutlich mehr seltsame Leute gibt als vorher.

Möglicherweise deuten sie aber auch nur darauf hin, dass ich seit Mitte März ein bisschen komisch geworden bin und dass meine Toleranzgrenze ähnlich rapide sinkt wie die Covid 19-Infektionszahlen steigen (aber ich weiss: Je Tests, desto positiv undsoweiterundsofort).

Mit meinem neugewonnenen Gspüri für hochgradig Verstörendes wurde ich auf Facebook dank eines lokalen Gastronomen eines neuen Begriffes gewahr:

Ich meine: nichts gegen Holunderbeeren, wirklich nicht. Früher schossen wir besonders reife und entsprechend saftige Exemplare zu Dutzenden durch entfilzte Stifte auf die eben mit Ariel porentiefgewaschene Weisswäsche am Ständer in einem nahen Garten, und wenn jetzt jemand kommt und fragt, obs überhaupt noch gehe, bzw. gegangen sei, kann ich nur sagen: andere ballerten mit ihren Luftgewehren auf Hühner, denen sie zuvor kirschgetränkte Brotkügelchen zu picken gegeben hatten.

Aber „jemensch“? Im Ernst*In_enden? Wo kommt das her? Wo führt das hin? Und, liebe Sprachvergewaltigende: Wäre es, wenns denn schon sein muss, tschendermässig nicht konsequent, aus „der Mensch“ „das Mensch“ zu machen, auf dass niemanfraud sich mehr benachteiligt zu fühlen bräuchte, wenn jemand „jemand“ schreibt?

Jedenfalls: In Burgdorf hatte neulich jemand ein Problem. Das hätte sich bestimmt mit einem Anruf lösen lassen, oder mit einer Mail, doch auf diese Idee kam die Frau nicht. In der festen Überzeugung, dass zwingend an die Öffentlichkeit gehört, was sich in öffentlich zugänglichen Räumen abspielt, erachtete sie es als sinnvoll, ihr Anliegen den über 5000 Leserinnen und Leser der für ihre differenziert formulierten Inhalte berühmten Facebook-Seite „Du bisch vo Burgdorf…“ zur Klärung zu unterbreiten:

Möglicherweise hoffte sie tatsächlich nur auf eine Antwort. Sehr wahrscheinlich ging es ihr in einer Epoche, in der schon die Namensänderung für eine Süssware Schnappatmungen an den Stammtischen auslöst, aber vor allem darum, mit sowenig Aufwand wie nötig soviel Hysterie wie möglich zu entfachen, auf dass die Badi schleunigst ihren pädophilenfreundlichen Sanitärbereich schliesse, die Schule sich subito vom Grüsellehrer trenne und ein Gericht den Wüstling für den Rest seines kümmerlichen Lebens von der Zivilisation separiere, wenn nicht sogar der per Notrecht wiedereingeführten Todesstrafe zuführe.

135 Leserinnen und Leser kommentierten den Beitrag. Sie waren sich – was auf diesem Social Media-Kanal so unüblich ist wie, sagen wir, Hühner auf Holunderbeeren zu werfen – weitestgehend einig:

Mein Glaube an das Gute in meinen Zeitgenossinnen und -nossen war damit wieder halbwegs hergestellt, allerdings nicht für lange:

Auch datzu gähbe es sicher ettwas zu schreiben nur fehlt mir beim bessten Willen nichtz ein hoffentlich sind die Einbrecher vort.

Einen silbernen Opel Corsa gab es zwar nicht zu gewinnen (und auch sonst kein Auto); trotzdem beteiligte ich mich am 1. Burgdorfer Volks-Minigolfturnier. Dafür hatte ich mich mit 38 Punkten qualifiziert, was angesichts der Tatsache, dass ich mich wegen der ständigen Zwischenfälle in der unmittelbaren Umgebung der Anlage kaum je auf das Wesentliche konzentrieren konnte, nicht ganz selbstverständlich war.

Der Wettkampf verlief für mich und einige noch verheerender klassierte Mitstreiter ein wenig naja. Verantwortlich für unsere mutzen Resultate waren einerseits sicher das Wetter und andererseits möglicherweise auch die Gegner.

47 Punkte: Das war nicht, was ich erwartet und schon gar nicht, worauf ich monatelang hintrainiert hatte. Aufs Tiefste gekränkt und vor Selbstzweifeln bis fast auf die Knochen zerfressen, absolvierte ich den Parcours wenige Stunden später noch einmal mit einem Mitablooser, und siehe da: Für die 18 Bahnen benötigte ich im zweiten Umgang nur noch 41 Schläge (was am Morgen zum 4. Platz gereicht hätte) und er deren 46.

Doch all die Hättens, Wärens und Wenns bringen uns nicht vürschi; nicht in Zeiten wie diesen und nicht in anderen. Wir haben, wie der Franzose sagt, to face the facts, und dazu gehört, dass es auf diesem Planeten offensichtlich Menschen gibt, die des Minigölflens kundiger sind als ich.

Aber dafür muss ich weder mit nackten Lehrern duschen noch in Hindelbank Opel fahren, und das ist, wenn man lange genug darüber nachdenkt, schon sehr viel mehr, als vom Leben verlangt werden kann.