Articles with Plakate

Shoppen, spielen, beten

12 Stunden nach dem „Mandalay“-Massaker: Obwohl wir vermuten, dass die Innenstadt teilweise abgeriegelt sein würde, fahren wir aufs Geratewohl los in das Zentrum von Las Vegas.

Fünf Minuten später parkieren wir in der Tiefgarage des „Bellagio“-Hotels. Auf der Strasse herrscht vor 10 Uhr schon reger Betrieb: Stossstange an Stossstange kriechen Autos durch die Las Vegas Avenue. Touristen starren in Schaufenster, bewundern Fassaden und schlendern durch Caesar’s Palace, The Venetian mit seinem künstlichen Canale (siehe Bild oben), Treasure Island und was der Attraktionen mehr sind.

Was auffällt, sind die vielen haushohen Bildschirme, auf denen zum Blutspenden für die Überlebenden aufgerufen wird. Andere gigantische Affichen versichern, dass „man“ in Gebeten bei den Opfern des Attentats und deren Hinterbliebenen sei.

„Man“ dürfte nach all den hausgemachten und fremdbestimmten Anschlägen, von denen dieses Land in den letzten Jahren heimgesucht worden ist, inzwischen gelernt haben, eine weitere Note in den Schlitz des Geldautomaten zu schieben und gleichzeitig seiner verstorbenen und verzweifelnden Mitmenschen zu gedenken.

Sicherheitskräfte sind omnipräsent. Überall stehen Polizeiautos mit flackernden Blau- und Rotlichtern. An fast jeder Ecke beobachten Uniformierte das Geschehen. Sie machen keinen übertrieben beschäftigten Eindruck. Einige von ihnen stellen sich lächelnd für Selfies mit Passantinnen und Passanten zur Verfügung.

Nachdem sich der Attentäter am Ende seiner Gewaltorgie auch noch das eigene Leben genommen hat, dürfte ihre Anwesenheit eher psychologische denn ermittlungstechnische Gründe haben: Der Stadt geht es offensichtlich darum, den Millionen von Menschen, die hier leben, spielen, shoppen und feiern Tag für Tag und Nacht für Nacht unermesslich viel Geld liegenlassen, das Gefühl zu geben, dass sie noch ewig lange hierbleiben können, ohne etwas befürchten zu müssen.

Dazu will auch Donald Trump seinen Teil beitragen. The President wird morgen Mittwoch in Las Vegas erwartet.

Es stimmt halt schon: Ein Unglück kommt selten allein.

Ausgestorbene Briefkästen und grosszügige Kleingewerbler

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„Schwarze Wände
erdrücken die Stadt
Sonne macht uns
zu oft nur eitel
doch schon zürnen Blitze
wütet der Himmel
ermahnt uns
wieder
zu Demut und Mass.“

(Hans-Christoph Neuert, deutscher Aphoristiker und Lyriker)

Wer in einem Verein aktiv war oder ist, weiss: Irgendwann – in der Regel vor einem grösseren Anlass des Clubs – kommt der Moment, in dem es ums „Flyern und Plakaten“ geht, und zwar möglichst bald und flächendeckend.

Sobald man dann mit einem Plasticsack voller Werbekram aufgebrochen ist, wird einem klar: Um Demut zu erlernen, bedarf es nicht am wütenden Himmel zürnender Blitze, wie Hans-Christoph Neuert zu wissen glaubt.

Es genügt vollkommen, in einem Laden oder in einer Beiz zu stehen, an deren Türen und Wänden bereits zig andere Plakate prangen und auf deren Tresen schon vier Biigeli mit Flugblättern von ebenfalls um die Publikumsgunst buhlenden Veranstaltern liegen, denen marktingmässig offenkundig nichts Gescheiteres eingefallen war, als in jedem öffentlichen Raum Drucksachen in den unterschiedlichsten Grössen und Farben zu deponieren.

Dem Lokalinhaber  –  wenns ganz dumm läuft, noch mit wartender Kundschaft im Rücken – zu erklären, man führe dann und dann dort und dort das und das auf und bitte ihn, den  Chef,  höflich darum, eines dieser Poster oder und ein paar Flyer dalassen zu  dürfen: Das macht einen wirklich demütig.

Und….ja.

Deshalb bummelt man erst einmal ein bisschen durch die Quartiere, und zwar nicht am heiterhellen Tag, wenn jedermann sieht, was in der Nachbarschaft läuft, sondern erst in der Dämmerung, wenn die Leute beim Znacht sitzen und nicht mitbekommen, dass ein Fremder gerade Werbung in mit „Keine Werbung“-Klebern beklebte Briefkästen wirft.

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Aber: Es geht nicht anders, irgendwie. Denn die Briefkästen, auf denen kein solcher Hinweis prangt, scheinen – von Greenpeace, WWF und anderen sich um die Arterhaltung bemühenden Institutionen unbeprotestiert – praktisch ausgestorben zu sein.

Den von Haus zu Haus streunenden Vereinsvertreter stürzt diese Tatsache ein ums andere Mal  in ein Dilemma: Einerseits will er die Leute auf etwas wirklich Gefreutes aufmerksam machen und nicht, wie das vor und hinter ihm durch die Gassen marodierende PR-Gesindel aus Politik und Wirtschaft, auf seine Verdienste um das Gemeinwohl, Billigstfleisch oder Spottgünstigmöbel.

Andrerseits weiss er nicht erst seit dem Berner Grossratswahlkampf aus eigener Erfahrung, wie mühsam es ist, jeden Tag einen Stapel Papier zu entsorgen, der unbestellt in die Mailbox vor der Türe geflattert ist.

Schliesslich findet er für das Problem eine zumindest für ihn akzeptable Lösung: Er steckt die Flyer fast nur in Briefkästen von (je nachdem auch sehr entfernten) Bekannten. Und nimmt sich vor, sich bei den Belästigten bei Gelegenheit für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, sofern seine Opfer sich bei einem nächsten Treffen in, sagen wir, vier Monaten, noch an das Flugblatt erinnern und ihn voller unverrauchten Ärgers darüber darauf ansprechen sollten.

Grundsätzlich ist es in der Schweiz sowieso nicht verboten, „Keine Werbung“-Kleber zu übersehen (in Deutschland hingegen schon. Dort läuft das unter „Persönlichkeitsverletzung“). Gemäss einem Bericht des Tages Anzeigers besteht hierzulande lediglich eine „unverbindliche Vereinbarung“ zwischen der Post, privaten Verteilern und Empfängern. Sie besagt, dass nur politische Werbung, Post von Hilfswerken oder Amtliches in alle Briefkästen gelangen darf.

Und wenn man lange genug darüber nachdenkt, dass ein Theaterverein wie zum Beispiel die Szenerie Burgdorf den Menschen dabei hilft, das Leben auch in kultureller Hinsicht in vollen Zügen Sälen zu geniessen, kommt man fast automatisch zum Schluss, dass es sich bei diesem Verein um nichts anders handelt als, genau: um ein Hilfswerk.

Das sehen die Inhaber von all den Beizen und Läden, die man schliesslich doch noch aufsucht, offenbar genauso. Ganz so schlimm, wie befürchtet, ist die Tournee durchs lokale Kleingewerbe jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil: Von ganz, ganz wenigen Ausnahme abgesehen, gibt es in Burgdorf – was die Stammleserschaft dieses Blogs kaum erstaunen wird – niemanden, der abwinkt, wenn man ihn fragt, ob man einen Teil seines Betriebes als Werbefläche nutzen dürfe. Manche der Angefragten helfen einem sogar noch mit Chläberli aus oder versprechen, falls alle verfügbaren Plätze schon vollgeklebt sind, das Poster zu montieren, sobald ein Eggeli frei wird.

Jene wenigen, die die Annahme verweigern, nennen dafür – in einem sehr freundlichen Tonfall, notabene –  immer denselben Grund:

Wenn sie jedes Mal, wenn jemand mit Werbematerial bei ihnen aufkreuzt, ja sagen würden, wäre ihr Geschäft innert kürzester Zeit bis zur Decke mit Plakaten zugeklebt und unter Flugblättern begraben.

Der Wahlwahnsinn

Der Wahlwahnsinn

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634 Frauen und 1271 Männer möchten am 30. März (wieder) in den Grossen Rat des Kantons Bern gewählt werden. Manche Kandidatinnen und Kandidaten ellböglen mit an Nötigung grenzender Aufsässigkeit um einen der 160 Sitze.

In den Städten sind die Plätze überstellt mit Plakaten. Von den Hauswänden grinst einen alle paar Meter jemand an, der verspricht, „engagiert“, „kompetent“ und „erfahren“ die maroden Finanzen in den Griff zu bekommen oder sich um die Anliegen der Schwächsten zu kümmern oder die Umwelt zu retten oder gleich alles miteinander in Ordnung zu bringen.

Auf dem Land bietet sich dasselbe Bild: Keine Wiese, kein Acker und keine Bauernhausfassade, auf oder an der nicht mindestens ein überlebensgrosses Porträt einer Allwissenden oder eines Alleskönners prangt.

Wer vor dem Wahlkampf zuhause in Deckung geht, muss jeden Tag einen Wust von Flyern von Möchtergernpolitikerinnen und -politikern im Altpapier entsorgen. Wer seinen Computer aufstartet, um nachzuschauen, was auf Facebook und Twitter so läuft, ist eine halbe Stunde lang mit dem Wegklicken von Politwerbung beschäftigt, bevor er auf etwas Gefreutes stösst.

An ein Entrinnen vor dem Wahlwahn ist nicht zu denken: Mit etwas Glück gelingt es einem vielleicht, mit hochgeschlagenem Mantelkragen und starr zu Boden gerichtetem Blick in aller Herrgottsfrühe durch die Fussgängerzone zu huschen, ohne von Wildfremden mit einem Gipfeli beglückt zu werden.

Doch spätestens am Bahnhof, wenn die Flüchtenden schon glauben, es geschafft zu haben, gibt es kein Entrinnen mehr: Bei der Unterführung zu den Geleisen schneidet ihnen garantiert ein Grüppli von schampar aufgestellt wirkenden Männern und Frauen mit Kaffeebechern in der einen und Flugblättern in der anderen Hand den Weg ab, um sie mit der Routine von altgedienten Zeugen Jehovas in ein persönliches Gespräch zu verwickeln.

Ich weiss nicht, wieviel die Parteien und deren Exponentinnen und Exponenten für diese Stimmenfangversuche ausgeben. Aber wenn man bedenkt, dass der Druck eines Weltformat-Plakates knapp zehn Franken kostet, kann man davon ausgehen, dass nur schon die flächendeckende Verschandelung der Stadt- und Landschaft eine hübsche Stange Geld kostet (das amänd auch sinnvoll investiert werden könnte; zum Beispiel in die Sanierung der Finanzen oder die Unterstützung der Schwächsten oder die Rettung der Umwelt).

Gefühlsmässig bearbeiten die Angehörigen der linken Lager die Öffentlichkeit deutlich stärker mit medialen und leibhaftigen Auftritten als ihre Kontrahentinnen und Kontrahenten aus eher rechtsliegenden Gefilden.

Am diskretesten agieren – zumindest in meinem Umfeld – die BDP und die Grünliberalen. Sie gehen vermutlich davon aus, dass ihre Stärken und Ziele weitgehend bekannt sind und setzen daher mit einem Selbstvertrauen, dass anderen fremd zu sein scheint, auf das Prinzip „Auffallen durch Nichtauffallen“.

Alle anderen gehen offensichtlich davon aus, dass sie auf ihr Zielpublikum je sympathischer, vertrausenserweckender und glaubwürdiger wirken, desto penetranter sie auftreten.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Rechnung aufgeht.

Nachtrag 31. März: Die Wahlbeiteiligung lag bei 30 Prozent. Oder anders gesagt: Sieben von zehn Wählerinnen und Wählern liess das Polittheater kalt.

Scheinheilige Zeiten

Scheinheilige Zeiten

Unknown

Auf diese Idee muss man erst einmal kommen: Kurz, bevor die Weihnachtszeit losgeht, beglückt die Bank Credit-Now ihre Kunden Schuldner und all jene, die es noch werden sollen, mit einem Adventskalender.

Wer die Türchen aufchnüüblet, stellt ernüchtert fest: Adventskalender sind auch nicht mehr, was sie einst waren: Wo früher Schoggiherzli, Guetsli, Radiergummis oder Gutscheine versteckt waren, prangen heute Zahlen.

Aber diese Codes haben es in sich, jedenfalls dann, wenn man den Verheissungen Sirenengesängen der Bank glaubt und sich die Mühe macht, sie jeden Tag auf der Website des Kreditinstituts einzutippen.

Denn „mit ein bisschen Glück“, verspricht die Bank, „gehören Sie zu den Tagessiegern“, die Preise im Wert von über 15 000 Franken gewinnen. Und damit nicht genug: Am Heiligen Abend würden die Hauptpreise gezogen. Dabei handle es sich um fünf Media Markt-Gutscheine à 1000 Franken.

Media-Markt? Genau: Das ist einer dieser Läden, deren Erfolg nicht zuletzt darauf beruht, dass die Kundinnen und Kunden umständelos auf Pump posten können, wonach auch immer ihnen der Sinn gerade steht. Das passt irgendwie also tiptopp.

Auf der zum Kalender gehörenden Website der Bank ist zu meiner Enttäuschung noch nicht wahnsinnig viel los:

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Was auffällt: Rechts oben auf der Seite prangen nicht etwa Wünsche für eine besinnliche Zeit und ein frohes Fest, sondern ziemlich gross drei Felder, die darauf hindeuten, worums der Absenderin des Kalenders wirklich geht:

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Aufs Geratewohl hin klicke ich eines der Felder an – und bin schon beinahe dort, wo mich die Rattenfänger von Anfang an haben wollten:

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Von hier aus muss ich nur ein paar Zentimeter nach unten scrollen, um auf waseliwas zu stossen?

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Et voilà: Da ist sie, die virtuelle Pforte zur Glückseligkeit. Die Mutter, die während des Öffnens der Türchen jeden Tag aufs Neue daran herumstudiert, womit sie ihren Kindern zumindest ein kleines Geschenk kaufen könnte, und der Vater, der sich seit Wochen beinahe hintersinnt, weil er die letzte Steuerrate dieses Jahres nicht bezahlen kann, atmet spätestens jetzt, beim Anblick dieses Buttons, auf. Es gibt also, wie die Bank-now in ihrer Werbung verspricht, tatsächlich „immer eine Lösung“.

Ausser für den Fall natürlich, dass statt des Christkindchens auf einmal der Betreibungsbeamte vor der Türe steht. Aber das müssen die Mutter und der Vater nicht unbedingt wissen. Und das spielt in diesem Moment, in dem das Ende aller Sorgen in Klicknähe liegt, auch gar keine Rolle. Was jetzt zählt, ist die Chance, schnell zu Geld zu kommen.

Koste es, was es wolle.