Unter dem Schwingersteg, den Burgdorf für das “Eidgenössische” 2013 errichten liess, denke ich während eines ausgedehnten Hundebummels gerade an drei perfekte Tage im Zeichen des Sports und der Freundschaft zurück.
Frohes Vorurteileversenken
Von Aijdan und Jussuf bis Mohammad und Zimallah: Seit ein paar Wochen lerne ich billardspielend den Mittleren und Nahen Osten kennen (wobei: Zimallah war dem Gsühn auf seinem Profilbild nach eher ein Inder, aber egal. Rechts von Gais AR gibts jedenfalls so gut wie niemanden mehr, mit dem ich auf der App “8 Ball Pool” nicht schon eine mal mehr und mal weniger ruhige Kugel geschoben hätte).
Gegen wen auch immer ich haushoch gewinne oder – was bei diesem Wetter ja vorkommen kann – um die berühmte Haaresbreite verliere: Meine arabischen Gegner Partner verabschieden sich am Ende immer mit einem freundlichen “Danke”, “Viel Glück!”, “Gut gespielt” oder einem anderen Gruss, den wir Ballartisten und -artistinnen uns über die eingebaute Chat-Funktion zukommen lassen können.
Ganz andere Erfahrungen mache ich mit Jim, Rüdiger, Peter uswusf. aus den Juu-Ess-Ei, Deutschland, der Schweiz und anderen Hochentwicklungsländern: Sie versuchen ihr Vis-à-vis am virtuellen Tisch mit hämischen “Ha-Ha”s und “Höh-Hö”s zu dämon deodo demohr schleissen, aber in solchen Fällen denke ich jeweils nur: Not with me/nicht mit mir/chasch dänke/ und lasse die schwarze Acht grad äxtra gaaaanz langsam und über drei statt nur zwei Banden ins letzte Loch kullern.
Was ich damit sagen will, weiss ich, ehrlich gesagt, nicht (und zum Darübernachdenken fehlt mir die Zeit; Samir wartet mit dem Queue bei Fuss).
Fest steht aber ganz bestimmt irgendetwas, und wenns nur ist, dass man selbst bei einem simplen Computerspiel das eine und andere Vorurteil aus dem Handgelenk vom Tisch fegen kann.
Ulysse
Wenn Gott in zigtausend Kilometern Höhe sein unfassbar grosses schwarzes Tuch über die Toscana spannt und am Ende ein paar Handvoll Diamanten darüberstreut, wenn in den terrakottafarbenen Häuschen auf den Hügeln nach und nach die Lichter ausgehen und sich unten im Tal das gigantische Grillenorchester auf ein weiteres Zwölfstundenkonzert einstimmt, treffen sich die Ziegen aus der Region regelmässig am Rand einer von Bäumen und Sträuchern umrandeten Wiese.
Kein Mensch hat diesen Platz je betreten. Kein Raubtier weiss, dass es ihn gibt. Mitten auf dem Feld hat vor Urzeiten eine ganz besonders geschickte Geiss einen Pfosten in den Boden gerammt. Daran hängt ein verwittertes Schild mit der kaum noch lesbaren Aufschrift „Es wird nicht gemeckert!“. Die Tiere nennen das Feld den „Platz der Stille“.
Würde man diese Versammlungen bei Tageslicht aus der Luft fotografieren, sie sähen aus wie ein aus Millionen von Wollresten zusammengenähter braunschwarzweisser Teppich ohne Anfang und Ende. Zu Hunderten liegen Wiederkäuer aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten in diesen Nächten, die Hinterhufe weit von sich gestreckt, um ein Feuer beieinander, kauen entspannt von dem saftigen Gras, das nur hier wächst, lecken ab und an ein paar Tropfen Wasser aus Hörnern, die einst die Köpfe ihrer Ahnen geschmückt hatten, und unterhalten sich in gedämpftem Ton über Dinge, die sie gerade beschäftigen: Wo gibt es das feinste Futter? Was hältst du von diesem neuen Bartpflegemittel? Hat dein Bauer beim Melken auch so kalte Hände?
Und irgendwann…irgendwann murmelt eine der Teilnehmerinnen ganz bestimmt seinen Namen. „Ulysse“: Dieses eine Wort genügt, um die Herde schlagartig verstummen zu lassen.
Ulysse ist – für all jene, die noch nie die Ehre hatten, einer dieser Konferenzen beiwohnen zu dürfen – eine Legende. Um ihn ranken sich mehr Sagen als um jedes andere Tier in Italien; darin inbegriffen die Wölfin, die Romulus und Remus solange gesäugt hatte, bis sie stark genug waren, um in wenig mehr als einem Tag eine komplette Stadt samt Kolosseum und allem zu erbauen.
Ob Ulysse lebt und wenn ja: wo, ist in Ziegenkreisen umstritten. Die Älteren sind felsenfest davon überzeugt, dass es sich bei ihm um ein Wesen aus Fleisch und Fell handelt. Die Gitzi hingegen sind da skeptischer. Für sie ist er nicht mehr – aber auch nicht weniger – als eine Märchengestalt oder ein Phantom. Einige haben ihn schon gegoogelt, mussten aber feststellen, dass das Internet nichts über ihn hergibt. Es ist für die Kleinen also höchst unwahrscheinlich, dass er existiert.
Nur: Ulysse gibt es tatsächlich. Er wohnt im „Vecchio Imposto“, einem wunderschönen Agriturismobetrieb, in Massa Marittima, zusammen mit einem Ehepaar, einer Katze und Gästen, die in dem grossen Haus neben seinem Stall ihre Ferien verbringen. Ulysse ist 16-jährig und damit ein Methusalem. Eine durchschnittliche Ziege wird zwischen 12 und 15 Jahren alt.
Wenn es regnet, bleibt er in der Hütte. Aber sobald die Sonne scheint, öffnet Geraldina, die Chefin des Hofes, die Türe zu seinem Zimmer und führt ihn süüferli – auf seinen vom Alter verkrüppelten Beinchen kann Ulisse kaum noch gehen und stehen – in den Garten vor dem Haus. Dort bindet sie ihn mit einem langen Seil unter einen Baum und lässt ihn mit ein paar Salatblättern, Olivenzweigen und Früchten als Proviant seinen Lebensabend geniessen.
Einen grossen Teil des Tages verbringt der Bock dösend. Doch sobald jemand an ihm vorbeigeht und ihm ein „Ciao, Ulysse!“ zuruft, ist er hellwach. Dann stakst er ein paar Schrittchen auf den Besucher zu, um ihn mit seinen Glubschaugen zu mustern. Ulysse war zwar nie an einem Treffen auf dem „Platz der Stille” (was womöglich einiges zu dem Mythos, der ihn umweht, beiträgt). Dennoch hält auch er sich strikte an die goldene Regel seines Gefolges: Gemeckert wird nicht.
Vor einer Woche stand vor Ulysse auf einmal ein Hund. Unsere Meite, die uns erlaubt hat, sie in ihre Italien-Ferien zu begleiten, nahm es wahnsinnig wunder, was für ein Geschöpf sich im Grünen vor ihrer Unterkunft tummelt. Kurzentschlossen gesellte sie sich zu Ulysse, umrundete ihn wie ein Hai einen blutenden Delfin und bellte ihn lautstark an. Ulysse schaute dem ungestümen Treiben eine Weile lang zu. Dann erhob er sich majestätisch, senkte den Kopf und signalisierte Tess: „Bis hierher und nicht weiter.“
Unser Hund verstand, wie immer, beinahe auf Anhieb. Wenig später lag Tess ruhig vor Ulysse. Inzwischen sind die beiden Freunde geworden. Der Hund besucht den Geissbock, so oft es geht. Am frühen Morgen erschnuppert sie vor seinem Verschlag, ob er schon wach ist. Wenn ja, wünscht sie ihm freudig wedelnd einen schönen Tag. Wenn nein, lässt sie ihn weiterschlafen.
Im Moment, in dem ich das schreibe, liegen die beiden vis-à-vis unter einem Baum. Ulysse grast, Tess kaut auf einem Knochen herum. Zwischendurch scheinen die zwei Tiere unhörbar miteinander zu kommunizieren.
Wer weiss: Vielleicht verrät Ulysse Tess soeben den geheimen Ort der Ziegentreffen. Und empfiehlt ihr, auf den Stummeln seiner Stockzähne grinsend,doch einmal dort vorbeizuschauen.





