Heute Morgen, beim Beck am Strand:
“Das hier!”
“Focaccia?”
“Ja. Zwei.”
“Shall I warm it?”
“Was?”
“Shall I warm it?”
“Ach so. Nee. Nur Käse und Tomaten.”
Kaum ist die Zimmertüre am sehr frühen Morgen donnernd hinter mir ins Schloss gekracht (gedämpfter Applaus aus 239, 241, 245 und 247), merke ich, dass ich mich soeben selber aus meiner Kammer gesperrt habe. Der Portier händigt mir, ohne langes bürokratisches Federlesens zu machen, eine neue Karte aus.
Eine Stunde später kann ich den Ersatzbadge nicht mehr finden. Mir scheint, dass der Diensthabende bei meinem zweiten Vorsprechen etwas weniger zuvorkommend wirkt als beim ersten, aber ich kann mich natürlich auch täuschen.
So oder so beschliesse ich, die Umsetzung meines lange gehegten Vorhabens, jemanden an der Rezeption einmal frisch von der mineralwassergetränkten Leber weg zu fragen, wie hoch er oder sie eigentlich ganz spontan meinen IQ schätzen würde, auf später zu verschieben.
Ohne etwas von dem kleinen Malheur, das meiner Meinung nach nun wirklich jedem passieren kann, zu ahnen, schreibt mir mein Schatz im Laufe des Tages an den Strand: “So langsam finde ich, Du könntest jetzt heimkommen”.
Das finde ich auch.
Als in den Büschen die Lichter aus- und über der Bühne die Scheinwerfer angehen, wird es im Park des Hotels schlagartig so still, dass man die berühmte Stecknadel in den ebenso famosen Heuhaufen fallen hören könnte.
Aus dem Halbdunkel schreiten “The Tenors” an die Mikrofone, und nur schon die Art und Weise, wie die wie aus dem Truckli wirkenden Herren erst ein paar Sekunden lang einfach nur dastehen und in die Runde starren, lässt keinen Zweifel daran offen: sie sind finster entschlossen, dem knapp hundertköpfigen Publikum in den nächsten zwei Stunden genau das zu bieten, was sie ihm auf ihren Plakaten versprochen haben: eine “unforgettable night”.
Los gehts – mit Blick auf die vielen Deutschen in den Zuschauerreihen wenig überraschend – mit der getragen intonierten Fischerballade aus Schuberts Forellenquintett und einem voller Heiterkeit präsentierten Querschnitt durch Franz Lehar-Operetten.
Und dann…dann zündet das offenkundig hervorragend aufgelegte Trio unerwartet früh, aber nichtsdesto heftiger ein Feuerwerk an Melodien, das in seiner verschwenderischen Pracht nicht wenige der Damen und Herren auf den Plasticstühlen immer wieder verzückte “Ahs” und “Ohs” vor sich hinseufzen lässt: “Oh, wie so trügerisch sind Weiberherzen” (aus Rigoletto), “Nessun dorma” (aus Turandot), “Ich bin das Faktotum der schönen Welt” (aus dem Barbier von Sevilla), “Auf, trinket in vollen Zügen” (aus La Traviata; wird in den hintersten Rängen unpassenderweise mit kaum verhaltenem Gegröhle quittiert), “Das Odem der Liebe” (aus Cosi fan tutte), “Nur der Schönheit weiht’ ich mein Leben” (aus Tosca), “Sagt, holde Frauen” (aus Le nozze di Figaro) oder “Ja die Liebe hat heute Flügel” (aus Carmen): es ist, als ob Die Tenöre zum Wunschkonzert gebeten hätten, ohne, dass zuvor jemand auch nur einen Wunsch hätte äussern müssen.
Natürlich: Wohl den äusseren Umständen geschuldet (der Anlass findet im Freien bei rund 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit statt, und amänd wäre es keine schlechte Idee, wenn das Hotelmanagement gelegentlich mal über eine neue Lautsprecheranlage nachdenken würde) ist die eine oder andere Unsicherheit vor allem im Bassregister – das naturgemäss ohnehin nicht zu den bevorzugten Lagen von Tenören zählt – auch von Laien kaum zu überhören. Bei einzelnen Mezzosoprankoloraturen können die Sänger gewisse Schwächen im Ausdruck ebenfalls nur mit Mühe kaschieren.
Andrerseits: da vorne stehen nicht Luciano Pavarotti (wie auch?), Placido Domingo und José Carreras, sondern drei Männer, die tagsüber vielleicht als Taxifahrer, Pizzaiolo und Tui-Animateur arbeiten und deren verdammte Pflicht es Montagabend für Montagabend ist, vor einem aus lauter Klassikkretins bestehenden Publikum für Geld alles zu geben, was die Playbackmaschine hergibt, und wenn der Idiot, der ihnen diesen Apparat immer massiv überteuert vermietet, als Zugaben “Samba pa ti” von Carlos Santana, “Child’s anthem” von Toto und “Tubular Bells” von Mike Oldfield programmiert hat, dann ist das halt so, und dann wird eben auch das noch voller gekünstelter Inbrunst ins Grüne geschmettert, und überhaupt habe ich das Konzert der Tenöre gar nicht gesehen (drum gibts zu diesem Text auch kein Livebild, sondern nur eines, das ich beim Stromausfall in meinem Zimmer aus dem Fenster geschossen habe); natürlich nicht: irgendwo hat auch in den Ferien alles seine Grenzen.
Ich war an diesem Abend nicht einmal im Hotel, weil ich noch vor dem ersten Ton in eine von der Sintflut verschont gebliebene Strandbeiz flüchten konnte, um mir die erste Pälla dieser Ferien zu gönnen.
In eigener Sache: Leserinnen und Leser haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass manche Bilder in diesem Blog auf ihren Mobilgeräten kopfüber dargestellt werden.
Das ist auch auf meinem iPhone der Fall (nicht aber auf dem iPad, auf dem ich die Texte tippe und Fotos hochlade).
Auf Laptops und PC scheint dieses Problem nicht aufzutreten.
Audiofiles (wie im Beitrag “Schlimmer gehts immer” zum Thema “Krach im Hotel” werden ebenfalls nicht von allen Smartphones angezeigt und wiedergegeben.
Ich weiss nicht, wieso Fotos und Tondateien einmal richtig und einmal falsch und einmal überhaupt nicht veröffentlicht werden, verspreche aber, mich nach meiner Rückkehr in die Schweiz darum zu kümmern.
Mit dem Wetterbericht in einen Text einzusteigen, ist nicht die knackigste aller Möglichkeiten, in einen Text einzusteigen, auch wenn das die Kolleginnen vom swissmusicdiary womöglich chli anders sehen.
Nur: Wenn man lange genug darüber nachdenkt, kommt man irgendwann zum Schluss, dass ein meteorologischer Auftakt zwischendurch immer noch heftiger fägt als gar keiner oder einer, in dem es – um nur die paar naheliegendsten Beispiele zu nehmen – um die Börsenkurse von 1991, erste Hochrechnungen der Wahlen in Nairobi oder was auch immer zum Thema “SVP” geht.
In diesem Sinne:
Am frühen Morgen lächelte die Sonne noch vom Himmel wie ein frisch gefüttertes Baby aus dem Laufgitter. Doch dann zogen hinter dem Hoger bei Playa del Inglés erst helle, dann graue und schliesslich gfürchig dunkle Wolken auf. Wie eine gigantische schwarze Decke legten sie sich (das sich in diesem Zusammenhang aufdrängende “in Windeseile” verkneife ich mir) über die Stadt und den Strand, und wenig später…aber wenn die hier schon einmal erwähnten Reiseexperten von reisen-experten.de schreiben, auf Gran Canaria herrsche an 300 Tagen pro Jahr Schönwetter, meinen sie eben 300 und nicht 365.
Henu, dachte ich: dann gehe ich halt aufs Zimmer und lese in aller Ruhe “Totenhaus” zu Ende, den nigelnagelneuen Bestseller von Bernhard Aichner, dem Gewinner des Burgdorfer Krimipreises 2014.
Aber irgendwie…irgendwie wars auch mit der entspannten und entspannenden Lektüre nicht allzuweit her. Das hatte nicht das Geringste mit dem Inhalt des Thrillers zu tun, sondern nur und ausschliesslich damit, dass wenige Meter neben meinem Bett ununterbrochen Bohrer heulten und Fräsen kreischten.
Also verkrümelte ich mich an die Poolbar, wo ich nun mit ein paar Überlebenden der Sintflut und nicht vorzeitig abgereisten Indermittagsruhegestörten der Dinge harre, die da noch kommen mögen.
Einige von uns nippen mit entzündeten Lungen an ihrem Bier, andere mampfen mit blutenden Ohren Erdnüssli, doch auch wenn wir alle chli unguter zwäg sind als noch am Morgen, als vor unseren Balkonen munter die Vögelein jubilierten und die Putzenfrauenkolonne in der Lobby zu den Klängen von “Let’s work together” ihren traditionellen Schichtbeginntango in den frisch gewienerten Boden stampfte, stärkte uns bis soeben doch der feste Glaube daran, dass es heute im Grunde nicht mehr schlimmer werden könne.
Doch dann deutete ein plötzlich kreideweiss angelaufener Österreicher zähneklappernd auf ein Plakat am anderen Ende des Tresens: