Einzigartig: Nirgendwo auf der Welt wird es atemberaubender Abend als in dem Quartier, in dem wir in Burgdorf daheim sind (gut: nur 20 000 Kilometer weiter südlich gibts zum Erleben des Einnachtens noch zig ebenso schöne Orte, aber die sind in dem Moment, in dem ich in dieses gelborangerote Licht gucke, halt ziemlich weit weg).
Ausgepumpt
Nie hat jemand sie gelobt, kein Mensch hat je dankbar eines ihrer Ventile getätschelt. Stattdessen liessen wir Hausbewohnerinnen und -bewohner sie ununterbrochen für uns chrampfen: Wir schütteten sie rund um die Uhr mit Abwasser aus der Küche, dem Bad und der Toilette voll und gingen wie selbstverständlich davon aus, dass sie sich dann schon irgendwie darum kümmern würde.
Jahrelang ging das gut. Tag und Nacht verrichtete die Pumpe im Garten ihren Dienst, ohne sich auch nur einmal über die viele Arbeit zu beklagen. Aber jetzt: jetzt ist sie kollabiert. Für uns heisst das: Rien ne va plus, oder ämu fast rien.
Ein von unseren Vermietern eiligst aufgebotenes Careteam fuhr gestern zwar nicht mit Blaulicht, aber immerhin mit einem blauen Einsatzwagen, in unserem Quartier vor, um sich um die Darniederliegende zu kümmern. Mit viel gutem Zureden und unter Einsatz all ihres handwerklichen Könnens versuchten die Männer, sie zum Weitermachen zu bewegen, doch es nützte alles nichts. Die Experten beschlossen, die offenbar unter akuter Verstopfung leidende Patientin von ihrem Leiden zu erlösen und sie zu ersetzen. Bis ihre Nachfolgerin im Loch in der Wiese versenkt ist, gelten in unserem Haus neue Regeln:
Etwas Gutes hat der Zusammenbruch der alten Pumpe aber gehabt: Wir betrachten das Wirken der überraschend von uns Geholten rückblickend mit jener Demut, die schon zu ihren Aktivzeiten angezeigt gewesen wäre. Wir lassen Wasser nur noch wenn unbedingt nötig laufen und sorgen mit Stöpseln dafür, dass kein Tröpfchen in der Leitung verschwindet und sich von dort ungesäubert in den Boden ergiesst.
Oder, um es frei von jeglichem Pathos zu formulieren: Wir pflegen ohne Rücksicht auf unser eigenes Wohlbefinden auf einmal einen überaus umweltorientierten Umgang mit unseren Ressourcen und vergeuden nicht mehr achtlos den überlebenswichtigen Proviant der uns folgenden Generationen.
Was die neue Pumpe betrifft, die im Moment noch unter einer dicken Staubschicht in irgendeinem Lager darauf plangt, endlich zeigen zu können, was sie kann: Sie soll sich nicht zu sehr freuen. Sobald sie ihre Arbeit heute Nachmittag aufgenommen hat, entsorgen wir alles Wasser, das sich in den letzten 24 Stunden bei uns angestaut hat (siehe unten), auf einmal.
Und wenn sie, vermutlich erst gegen Abend, damit fertig geworden ist und ernüchtert denkt, “Phu! Hätte ich doch auf meine Eltern gehört und wäre, wie mein Papi, Stempeluhr in einem Zweimannbudeli geworden”, kommen die anderen Mieterinnen und Mieter nach Hause – und schütten ihre unfreiwillig angelegten Abwasservorräte ebenfalls zigliterweise in den Ausguss, ohne auch nur eine Sekunde lang kurz daran zu denken, was sie der stillen Schafferin im feuchtkalten Untergrund damit zumuten.
Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren
Ja: Wir gingen eine Zeitlang miteinander zur Schule, und klar: wir hattens immer meist oft ab und zu wirklich sauglatt zäme, und sicher: der Erinnerungen sind viele, und natürlich: gegen einen heiteren Nachmittag auf einem Hallwilerseeschiff und einen geselligen Abend in einer Waldhütte ist nichts einzuwenden, grundsätzlich. Nur…
(Stimme eines ehemaligen Schulkameraden, der seit drei Wochen damit beschäftigt ist, die Einladung für unsere Klassenzusammenkunft zu verfassen und mit allem, was das Grafikprogramm seines PCs hergibt, zu garnieren; hörbar hässig): “…was, ‘nur’?!?”
Es ist nur so: Als wir uns zum letzten Mal sahen, steckten wir bis zu den Hüften in der Pubertät. Unter der Woche schrieben wir voneinander ab, am Samstagabend drehten wir Flaschen, und während wir in grösstmöglicher Unbeschwertheit taten, was Teenager eben tun, wurden wir von Mächten, die unendlich viel stärker waren als wir alle zusammen, fast unmerklich in Richtung eines riesigen Turms mit dunklen Mauern geschubst, von dem wir wenig mehr wussten, als dass wir in ihm den Rest unseres Lebens verbringen würden.
Wir ahnten nur, was auf den Schildern zu den Verliesen in diesem Gemäuer zu lesen sein würde: “Verantwortung!”, “Berufsleben!”, “Ernsthaftigkeit!” oder schlicht “Erwachsensein!”, und zwar in dieser Schrift
oder in dieser:
Irgendwann – es muss um das Jahr 1985 herum gewesen sein – war definitiv fertig Lustig. Wir waren im Turm angekommen und hatten unsere Kammern bezogen, um darin zu studieren, Zahlen zu beigen, Sätzchen zu bilden oder uns sonstwie nützlich zu machen. Ein paar wenige verschwanden, bevor die dicke, schwere Holztüre hinter ihnen mit einem krachenden “Wumm” ins eiserne Schloss gefallen war, von der Bildfläche: Sie wanderten nach Südamerika aus oder in den Tessin oder huschten auf Nimmerwiedersehen in die Küche ihrer neuangemieteten Zweieinhalbzimmerwohnung, wo sie fortan dafür sorgten, dass der kurz nach der Abschlussprüfung zum Ehemann mutierte Kindergartenschatz jeden Tag um punkt 18 Uhr etwas Warmes in den Magen bekommt.
30 Jahre ist das nun her, und je nach Klasse sogar schon 40, und wenn ich daran denke, dass viele von uns heuer 50 Jahre alt oder jung werden, brauche ich nicht übertrieben viel Fantasie, um mir vorzustellen, was in absehbarer Zeit in meinen Briefkasten flattern wird.
Aber zumindest in meinem Fall können sich Organisatorinnen und Organisatoren von Klassenzusammenkünften und Jahrgängertreffen das Porto sparen und das Geld stattdessen in ein Apéro-Chäschüechli investieren. An derlei Meetings nehme ich, wie schon vor 10 und 20 Jahren, nicht teil.
Das soll, bitte, niemand persönlich nehmen. Ich habe nichts dagegen, mit Menschen zu reden, mit denen ich im letzten Jahrhundert einen grossen Teil meiner Zeit verbracht hatte. Ich hätte auch kein Problem damit, mit jemandem ein Kafi zu trinken, dem ich seinerzeit weiträumig aus dem Weg gegangen war, weil er mich auf dem Pausenplatz verklopft oder – noch schlimmer – mir eines unschönen Sommerabends auf dem Lunapark beim Reinacher Zentralschulhaus, direkt neben einem von Erich Murers körperkontaktförderden Highspeedkarussells, die Freundin ausgespannt hat (an dieser Stelle: Herzliche Grüsse an B.A., die inzwischen ziemlich sicher nicht mehr A. heisst, was mir allerdings, längst glücklich in meinem eigenen wunderschönen Ehehafen ruhend, so egal ist wie, sagen wir, die neue CD von Xavier Naidoo).
Aber ich habe, um es kurz zu machen (Stimme des immer noch an seiner Einladung bastelnden Ex-Kameraden; jetzt stinksauer-frustriert: “kurz?!?”), einfach keine Lust, mich stundenlang über schlüsselbundwerfende, ohrfeigende, zerstreute, überforderte oder hochnäsige Pädagogen von einst zu unterhalten. Diese Tempi sind längst passati und meiner unmassgeblichen Ansicht nach keiner Rede mehr wert.
Sehr viel mehr gibts an derlei Anlässen scheints ohnehin nicht zu besprechen, abgesehen vielleicht von gut zwei Dutzend Lebensläufen samt allen beruflichen Gipfelstürmen und privaten Abgründen, aber bis die bis ins letzte Detail geschildert und von den Umsitzenden angemessen gewürdigt sind (“Was? Zwei Kinder?? Und trotzdem 60 Prozent im Laden???”), ist auch der glühendste Nostalgiker abgekühlt, die grösste Gwundernase auf Minimalmass geschrumpft und der letzte Zug nach Burgdorf abgefahren.
Nichts gegen Brücken in die Vergangenheit, nichts gegen Beziehungen zu Leuten von damals – aber bitte nicht von A wie “Ansprache des in Ehren ergrauten alt Rektors” bis Z wie “Zämetlampefülle” durchorganisiert und in einem Rahmen, der sich von jenem eines Schulzimmers im Grunde nur optisch unterscheidet: Alle sitzen an ihren Plätzen, niemand kann unbemerkt abhauen und jedermann und jedefrau ist froh, wenn er oder sie nicht allzu negativ auffällt. A schmachtet B an, C lästert mit D über E, F meldet sich ständig zu Wort, und G gibt den Clown. H., I., J., K., L., M., N., O., P. Q. (falls vorhanden), R., S., T., U., V., W., X. (siehe Q.), Y. und Z. zücken im Viertelstundentakt das Handy, um den Lieben zuhause mitzuteilen, es laufe alles, wie erwartet befürchtet und man sei spätestens um Mitternacht wieder da.
Wenn ich wissen will, wies es einem Ex-Gspändli geht, schreibe ich eine Mail oder sage ihm oder ihr via Facebook, Linkedin oder auf einem anderen Kanal Hallo. Dann schreiben oder sehen wir uns, plaudern chli miteinander – und gehen dann wieder unserer Wege; ohne falsche und in aller Regel tiefrosagefärbte Sentimentalität, und ohne uns einen halben Tag und eine halbe Nacht lang vormachen zu müssen, es sei immer noch alles wie früher; wie damals, als alles so lustig und unkompliziert war und wir bis zur Ankunft am Turm davon ausgehen durften, dass es kein Morgen geben und uns die ganze Welt gehören würde.
Von wegen “die heutige Jugend….”
Man erinnert sich (nicht nur dann, wenn man in dem Film eine kleine Rolle spielen durfte): Im letzten Sommer veröffentlichten die Berner Halunke ihr Video zum Song “Nidohnidi”.
Dieser Streifen inspirierte eines Klasse des Seefeld-Gymnasiums in Thun nun zu einer eigenen Version:
Soll keiner mehr sagen, “die heutige Jugend” habe nur Sex & Drugs & Flausen im Kopf. Sie kann auch anders – und wie! Das Werk ihrer Kopisten wissen auch die Urheber zu schätzen: Die Thunerinnen und Thuner hätten “ä Höllebüetz!” geleistet, vermerken die Halunke anerkennend auf ihrer Facebook-Site.










