Kleine Frau mit grosser Stimme

1926765_10151930945588093_899080672_n

(Bild: Von Shawn Mayers Facebook-Seite geklaut)

Shawn Mayer stammt aus dem 40 Seelen-Kaff May City in Iowa, ist erst 25 Jahre jung, klingt aber heute schon wie Amanda Marshall vor ihrer frühzeitigen Selbstpensionierung, hat eine Bühnenpräsenz, die manchen ihrer Berufskolleginnen – sagen wir: Amy McDonald – auch nach vielen Tourneejahren fehlt, singt vorwiegend über zerbrochene Beziehungen…und machte sich von der Country-Metropole Nashville aus auf, mit ihren Geschichten und Melodien die Welt zu erobern. Zum Auftakt ihres Feldzuges gewann sie vor Millionen von Zuschauern den vom TV-Sender NBC veranstalteten Wettbewerb “Nashville Star”.

Auf ihrer Facebook-Seite heisst es: “She’s not afraid of hard work and has strong determination to push forward, even when she finds herself walking against the wind.” Und weiter: “Shawn is a woman who believes in the power of a song.”

Der Glaube an die Kraft ihrer Lieder ist gerechtfertigt: Was die zierliche Frau in Schwarz gestern Abend während knapp zweier Stunden voller Wucht und Dampf und Energie im Theater Z in Burgdorf ablieferte, liess den Gästen die Münder noch offenstehen, als das Licht längst wieder angegangen war und die Heldin des Abends an der Bar mit Zuhörerinnen und Zuhörern plauderte und CDs signierte.

IMG_0112

Die Höhepunkte ihres Auftritts waren zwar zwei improvisierte Duette mit der amerikanisch-bernischen Soulinterpretin Freda Godlett. Doch schon lange, bevor Godlett die Bühne betrat, war den Anwesenden – zumindest jenen, die das Konzert nicht dazu nutzten, sich mit ihren Freundinnen und Freunden lautstark und ununterbrochen über die Ereignisse der letzten Woche zu unterhalten – klar: Da vorne sitzt eine Frau, denen von verschiedenen Männern schon  manche Beule und Narbe zugefügt wurde,  und die nun finster entschlossen ist, mit ihrer Mehroktaven-Stimme allen zu erzählen, woher diese Verletzungen stammen und was sie daraus machte.

“Not again”, “I’m not looking back”, “Right Mistake”, “Back around”, “Overcome” und fast all die anderen Titel, die sie zwischen ihren bisweilen etwas uferlosen Ansagen ins Mikrophon röhrt, sind weniger Songs als vielmehr Abrechnungen. Und immer, wenn der Schlussakkord verklungen ist, blitzt in ihren Augen etwas auf, das signalisiert: “So. Dem Drecksack habe ichs jetzt wieder gegeben.”

So schmerzhaft all die Enttäuschungen für sie auch gewesen sein mögen: Vermutlich machen gerade sie den grossen Unterschied zwischen im Studio hochgezüchteten Singer/Songwriterinnen von der Stange und Shawn Mayer aus. Die einen unterhalten. Shawn Mayer fasziniert.

Die Sache mit dem superduper Kundengeschenk

Kalender3

Wenn sich jemals eine Task Force “Kundengeschenke” etwas Sinnvolles ausgedacht hat, war es jene der Firma Cornércard in Lugano: Zu meinem Geburtstag beglückte sie mich mit einem…

…gedämpftes Licht, Trommelwirbel, strengstes Blitzverbot…

…Kalender.

Und zwar nicht mit einem von indischen Kindern gefertigten 0815-Bhaltis, sondern mit einem ganz persönlich extra nur für mich individuell gestalteten Tages- und Wochen- und Monateanzeiger!

Jetzt weiss ich auch ohne iPhone immer, welches Datum wir gerade haben. Und bin zumindest bis im Oktober 2015 das Problem los, meinen Namen zu vergessen, denn das, vermute ich, ist der Clou dieses Kalenders: dass mein Name draufsteht.

Kalender1

Die entscheidende Sitzung fand gut unterrichteten Quellen zufolge in einem Viersternehotel in Florenz statt und lief scheints wie folgt ab:

Vorsitzender: Also. Was machen wir jetzt?

Gruppenmitglied A: Was, was machen wir jetzt?

Vorsitzender: Wegen der Geburtstagsgeschenke. Für unsere Kundinnen und Kunden.

A: Ach so. Ja…gute Frage.

Vorsitzender: Wir haben an diesen zwei Sitzungstagen drei Varianten evaluiert (geht zur Flipchart): Einen Kalender, ein Portemonnaie und einen USB-Stick. Alles mit Aufdruck.

Gruppenmitglied B: Was ist für uns am Teuersten?

Vorsitzender: Das Portemonnaie. Der Kalender kostet fast nichts. Wäre ein Gegengeschäft.

B: Dann der Kalender.

A: Ich bin immer noch für die Gutscheine.

Vorsitzender: Was für Gutscheine?

A: War nur so eine Idee. Gutscheine sind immer gut. Meine Frau…

Vorsitzender: Was meinen die anderen? Kalender? Portemonnaie? Stick?

Gruppenmitglied C: Stick. Einige unserer Kunden haben schon einen Computer.

Gruppenmitglied D: Portemonnaie. Einige unserer Kunden haben noch Geld.

C: (zu D.): Tubel.

D. (zu C.): Selber Tubel.

C. (zu C.) Ist doch wahr. Ich wollte nur sagen…

D. (zu D.) …ich habs schon verstanden.

Gruppenmitglied E: Portemonnaie.

Gruppenmitglieder F-U: Kalender. Kalender. Kalender. Kalender, Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender. Kalender.

Kalender4

Vorsitzender: Oh!

Gruppenmitglied K: Ich spreche hier sicher auch für die anderen, wenn ich sage, dass uns diese Diskussion langsam ein bisschen ermüdet. Ist ja jedes Jahr dasselbe, und am Schluss gibts einen Kalender.

Vorsitzender: Aaaaaber – in diesem Jahr gibts einen mit Namen. Das ist etwas anderes als einer ohne. Etwas ganz anderes! Mit Namen, da denkt der Kunde: Wow! Die kennen mich! Ich bin für die nicht nur eine Nummer! Denen gebe ich mein ganzes Geld!

F-U: Nicken ermattet.

A. Ein Gutschein hätte den Vorteil…

Vorsitzender: …wollten Sie nicht schon lange nach draussen gehen, um eine zu rauchen?

A.: Doch. Danke. Bin schon weg. (Erhebt sich und verlässt den Raum. Kündigt anderntags, wandert nach Neuseeland aus und wird Biobauer.)

Vorsitzender: Gut. Also. Dann der Kalender.

D und E (im Duett): Wieso?

Vorsitzender: Weil die Mehrheit soeben für den Kalender gestimmt hat.

D: Wir haben gar nicht abgestimmt.

Vorsitzender: Nein, aber…

D:  …eben. Und wo keine Abstimmung, da kein Resultat und schon gar kein Ende dieses Meetings.

Vorsitzender: Fast alle haben vorhin gesagt “Kalender”. Daraus habe ich geschlossen…

E: D hat Recht. Wir haben nicht abgestimmt.

Vorsitzender (leicht gereizt): Schön, stimmen wir ab. Wer ist…

Teilnehmer L: Angenommen, wir nehmen den Kalender – was kommt da drauf?

Kalender2

Vorsitzender: Was auf so Kalender halt kommt. Die Monate und Wochen und Tage, und natürlich so Sujets. Plus, eben, der Name des Empfängers. In Ihrem Fall also Ludwig.

L: Lukas.

Vorsitzender: Sorry. Lukas. Jedenfalls…

Teilnehmer H: Irgendwer müsste das Zeug ja noch gestalten, grafisch, meine ich. Gibts da schon Ideen?

Vorsitzender: Das macht dann unsere Grafikabteilung.

D: Aha. Das ist also schon eingefädelt. Dann können wir uns die Abstimmung auch schenken.

Vorsitzender: Ich habe nicht gesagt, dass wir abstimmen.

D. Mit Verlaub: Doch, haben Sie.

Vorsitzender: Nein, habe ich nicht.

D (blättert in seinen Notizen): Hier steht, und ich zitiere wörtlich: “Chef: ‘Schön, stimmen wir ab'”. Das war vor einer halben Minute.

Vorsitzender: Das habe ich nur gesagt, weil…

D:  Sie sagten “Schön, stimmen wir ab”. Und jetzt erfahren wir, dass das mit dem Druck und der Grafik und allem schon eingefädelt ist. Das geht für mich nicht auf. Das stimmt für mich nicht. Das ist doch keine Art, mit seinem Personal umzugehen, vertami!!!

IMG_0079

Vorsitzender: Müssen wir jetzt wirklich darüber abstimmen, ob wir abstimmen sollen?

Teilnehmer G (mehr zu sich selber): Ich glaubs ja nicht.

D (immer noch stinksauer): Wer ist für die Kalender?

Alle Teilnehmer: Heben die Hände.

D: Wer ist fürs Portemonaie?

Drei Teilnehmer: Heben die Hände.

D: Und wer für den Stick?

Zwei Teilnehmer: Heben die Hände.

Vorsitzender (grummelt): Super Abstimmung, das, wirklich.

D: Egal. Die Mehrheit ist für den Kalender.

E: Wie immer.

Vorsitzender: Spielt keine Rolle. Wann treffen wir uns wieder? Weihnachten steht vor der Türe, und auch da…

B: Wir haben ja immer noch die Portemonnaies und die Sticks. Das können wir auch intern regeln, ich meine: per Mail.

Vorsitzender: Nein, das müssen wir noch einmal von vorne besprechen. Wir haben ein Budget, und Weihnachten und Geburtstag sind sowieso zwei Paar Schuhe.

G (mehr zu sich selber): So, so.

Vorsitzender: Eben. Der nächste Termin. Wann können wir…

B:  Muss im Kalender nachsehen. Aber ich habe erst in sieben Monaten Geburtstag.

Nach dem Schuss der Genuss

IMG_0037

Kleiner Tipp für Reh-, Hirsch- und Wildschweinfreunde: Im Restaurant Sommerhaus am Waldrand von Burgdorf gibt es aktuell nicht nur Wild der Spitzenklasse; auch der ebenso freundliche wie unaufdringliche Service überzeugt auf der ganzen Linie. Wir gönnten uns einen Rehpfeffer mit Spätzli und allem und hatten am Ende, auch wenn die Teller mehr als grosszügig gefüllt waren, keine Sekunde das Gefühl, uns überessen zu haben.

Stadtbilder (37)

IMG_0022

Wolle am Laufmeter: Hunderte von Schafen und Widdern warten an diesem kühlen Herbstmorgen bei der Burgdorfer Markthalle auf Käufer. Um sich die Zeit zu vertreiben, blöken sie im Chor vor sich hin. Was die Menschen längst abgeschafft haben (sollten), ist für sie das Nomalste der Welt: die Rassentrennung.

Drunter und drüber

Aha: Wenn wir daheim sind und Hera und Zeus, unsere Schildkrötenbabys, beobachten, können wir in der Regel lange warten, bis in ihrem Plastichäuschen etwas passiert. Meist liegen die beiden Griechen an der künstlichen Sonne, dösen, halb im Sand vergraben, vor sich hin oder verstecken sich leise blätterkauend im Busch.

Aber wenn unsere Untermieter sich alleine zuhause wähnen, läufts rund: Dann watscheln sie kreuz und quer durchs Gehege, tappsen sie durch ihr Bädli und veranstalten sie Kletterübungen, bis eines auf dem Rücken liegt…und dann vermutlich doch froh ist, nicht stundenlang sturmfreie Bude zu haben.