Bei allem Verständnis dafür, dass Katzen im Frühling noch anderes zu tun haben, als auf der Strasse zu sitzen und auf Menschen zu warten, denen sie um die Beine streichen können: Langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen um unseren Quartiertiger.
Seit Wochen fehlt von ihm jede Spur. Merkwürdig ist: Das scheint, ausser mich und Chantal, keinen Menschen zu erstaunen. Es hängen keine “Vermisst wird…”-Plakätchen an Gartenzäunen und Hauswänden, es gibt keine Fahndungsaktionen am Radio und auf Telebärn, es kommt niemand am hellichten Tag klingeln und mit sorgenvoller Miene fragen, ob man vielleicht zufälligerweise… .
Nichts dergleichen passiert. Das Leben im alten Markt geht seinen gewohnten Gang.
Was kann das bedeuten? Dass “unsere” Katze immer mal wieder wochenlang verschwindet, ohne zumindest eine Notiz zu hinterlassen, auf der steht, wann ungefähr sie wieder zurückkehrt?
Oder dass unsere Nachbarn gar nicht so freundlich sind, wie wir bisher dachten? Haben sie die Katze dem Besitzer des China-Restaurants in der Schmiedengasse verkauft? Oder sie in einer stockfinsteren Neumondnacht auf einem kalten Steinaltar unter dem Schloss, stundenlang Unverständliches murmelnd, irgendwelchen Oberstadtgöttern geopfert? Wenn ja: Welchen? Und wozu?
Ich merke gerade: Das bringt nichts, dieses Nachdenken. Es macht mich halb konfus. Es…wenn… qrk.tatsächlich…Kerzen…CRASHBOOMBANG!…in spirito santo…9eoriu h8w7 zewrw…///////+dontthinktwiceit’sallrightthetimestheyareachangin’…!hmpf!^…Wuhaaaaaaahihi…£==$$ösdfk,;52&%*….NIFlug538***CHT!!!…zi….
Nicht alle Leserinnen und Leser dieses Blogs sind BZ-Abonnentinnen und -enten. Und nicht alle sind bei Facebook.
Als kleiner Service für diese beiden Randgruppen stelle ich hier der Vollständigkeit halber noch rein, was ich in der BZ neulich über Facebook und die Leute, die auf Facebook miteinander verkehren, geschrieben habe.
Das heisst: nein. Hauptdarsteller sind all jene, die der Sängerin und siebenfachen Schweizer Meisterin im Stepptanzen das Leben in den Jahren zuvor zur Hölle gemacht hatten.
Los war es damit gegangen, dass der “Blick” 1998, unmittelbar vor Gunvors Auftritt am Eurovision Song Contest – der damals noch “Concours Eurovision de la chanson” hiess – Nacktbilder der damals 23-Jährigen publizierte. Diese waren von einem luschen Fotografen mit dem Einverständnis der jungen Frau geschossen worden. Von einem Verkauf der Bilder an den “Blick” war jedoch nie die Rede gewesen. Der Fotograf wurde später wegen verschiedener Mileu-Delikte zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt.
Vor einem zig millionenköpfigen Publikum ging Gunvor am europäischen Gesangswettberb mit “Lass ihn” leer aus. Dafür brachen auf dem Boulevard alle Dämme: Jedes noch so intime Detail aus dem persönlichsten Bereich der Bernerin wurde mit einer bis dahin selten gesehenen Gnadenlosigkeit an die Öffentlichkeit gezerrt.
Gunvor tauchte ab.
Und wieder auf.
Im Musical “Storm” spielte sie die
lesbische Geschäftsfrau Eve.
Später realisierte sie den oben gezeigten Videoclip, der Abrechnung, Psychohygiene und Gegendarstellung in einem gewesen sein dürfte. Und sie nahm das Doppelalbum “From A to Z” auf.
All diese Aktivitäten zeigten: Da lässt sich eine ungeahnt starke Person von nichts und niemandem zu Boden drücken. Da steht eine Frau immer wieder auf. Da weiss eine Künstlerin, dass das letzte Wörtchen noch lange nicht gesprochen ist.
Und dass, wenn überhaupt, sie diejenige sein wird, die dieses Wörtchen spricht.
Doch trotz aller Bemühungen und ungeachtet ihrer von niemandem bestrittenen gesanglichen Fähigkeiten blieb sie für die Masse “die mit den null Punkten am Concours”. Die mit den Fotos und den Sexgeschichten und den Schulden und allem.
Der ganz grosse Durchbruch blieb aus. Auch von meinem Radar war Gunvor Guggisberg irgendwann verschwunden.
Aber dann…dann schlurfte ich vor ein paar Wochen planlos durchs Internet und stolperte dabei über den Facebook-Account einer gewissen “Gunvor Singer”. Es dauerte nicht lange, bis wir “Freunde” waren.
Ich schrieb ihr, dass ich “From A to Z” gerne haben möchte, aber weder in Plattenläden noch bei iTunes finden könne. Sie antwortete, die CD werde nicht mehr produziert. Also stürmte ich so lange herum, bis sie mir versprach, mir eines der letzten Exemplare aus ihrem Privatbestand zu schicken.
Heute Morgen ging ich an den Briefkasten – et voilà:
Ich drehte das Päckli um und war sehr erfreut, als ich sah, von wem es stammte:
Darin befand sich, wie die Absenderin versprochen hatte, eine ihrer
offiziell gar nicht mehr erhältlichen CDs
plus
eine liebevoll signierte Autogrammkarte.
Die CD selber…ich weiss nicht. Ich habe vorhin versucht, Gunvor zu erklären, wie die zwei Silberscheiben in meinen Ohren klingen. “Wunderschön” war alles, was mir dazu einfiel. Die Sängerin interpretiert darauf knapp drei Dutzend mehr und weniger bekannte Lieder auf eine Weise, die – Achtung, Klischee! – Dauergänsehaut verursacht.
Bemerkenswert, aber wenig erstaunlich ist: Gunvor Guggisberg scheute für “From A to Z” kein Risiko. Sie muss, als sie ins Studio ging, gewusst haben, wie gross die Gefahr ist, an Herausforderungen wie “Nothing compares 2 u”, “Endless love”, “Heaven help my heart” oder “Power of love” zu scheitern. Wer einen dieser Songs falsch gesungen hört, wird ihn sich nachher auch im Original nie wieder antun.
Doch Gunvor liess sich durch diese Vorgabe nicht beirren: Sie nahm die selbst aufgestellten hohen Hürden scheinbar locker und leicht – und schaffte es darüberhinaus noch, jedem einzelnen Lied eine ganz persönliche Note zu geben.
Im Moment weilt Gunvor, wie ich ihren Nachrichten auf Facebook entnehme, in Berlin. Sie schreibt über Treffen mit ihrem neuen Manager, Aufnahmen im Tonstudio, Videodrehs und andere Engagements und weist regelmässig darauf hin, wann sie wo auftritt. All diese Ankündigungen lassen darauf schliessen hoffen, dass sie auf dem besten Weg zurück ist ins ganz helle – und diesmal hoffentlich schattenlose – Rampenlicht. Wenn sie nichts Geschäftliches postet, lässt sie die Welt wissen, wie rundum glücklich sie mit ihrem Leben sei.
Fest steht: Am 10. Mai tauft sie ihre neue Single. Und Mitte Dezember träumt sie ihren eigenen “Weihnachtstraum” im Winterzirkus in Wettingen.
Aus einem Alb- einen Weihnachtstraum zu machen: das schaffen nicht sehr viele Menschen.
Seit ein paar Tagen überschlagen sich die Ereignisse mit einer Kadenz, die einen schwindlig werden lässt.
Was am Morgen zig Experten auf unzähligen Kanälen analysieren aus dem Kaffeesatz lesen, ist am Mittag überholt und am Abend vergessen. Oder erinnert sich noch jemand an den Vornamen jenes deutschen Ministers, der die Hälfte seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte und dann zurücktreten musste?
Na?
Karl vielleicht? – Richtig.
Weiter?
Theodor? – Genau.
Und wie noch?
Eben: Das weiss wenige Wochen nach einer Affäre, die mindestens die ganze Welt bewegt hatte, kein Mensch mehr.
(Für jene, die jetzt sagen, der Name liege ihnen auf der Zunge: Er lautet Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg*).
Und dann…dann geriet die Welt komplett aus den Fugen. Gewissheiten, die uns bisher gedankenlos durch den Fluss der Zeit treiben liessen, verkamen innert Minuten zur Makulatur.
Als Erstes wurde unser Glaube an das Gute im Wesen der Bahnkontrolleure erschüttert, als zwei BLS-Angestellte zwischen Langenthal und Huttwil
Fast gleichzeitig gab das Schweizer Fernsehen bekannt, dass es
keine “Simpsons”-
Folgen mehr ausstrahlen werde, in denen Zwischenfälle im Atomkraftwerk von Springfield gezeigt werden. Die japanische Bevölkerung wird ob dieser Nachricht erleichtert aufgeatmet haben; mir fehlt seither ein Fixpunkt meiner Feierabendgestaltung.
Wie ein solides Stück Treibholz in einem Meer der Unsicherheiten erschien mir da unser traditioneller BZ-Besuch im Theater Adliswil, wo unser früherer Kollege Max Trossmann (links im Bild) als hyperventilierender Kommissar Heiri Koller am “Tatort Adliswil” ermittelte. Es ging, wenig überraschend, genau so turbulent und heiter zu und her, wie wir uns das vorgestellt und erhofft hatten. Wir ziehen, einmal mehr, den Hut (aber nicht jenen von Kommissar Koller; bhüetis!) vor der Leistung dieser Amateur-Truppe, die Jahr für Jahr höchst professionelle Leistungen auf der Bühne und in der Küche bietet und bitten die Leute vom Vorverkauf, uns für die Aufführung 2012 schon mal fünf Tickets zur Seite zu legen.
Für die Statistik: Selbstverständlich gelang es uns Emmentalern auch im vierten Anlauf nicht, Adliswil auf Anhieb zu finden, aber: Wir machen Fortschritte. Zum ersten Mal, seit wir die Schauspielkolleginnen und -kollegen im Züribiet besuchen, schafften wir es, so zeitig in der “Kulturschachtle” zu sein, dass es für ein stressfreies Nachtessen vor der Vorstellung reichte.
Den 11. März 2011 wird Yolanda Bögli nie vergessen: An jenem Freitag raste ein Tsunami-Ausläufer von Japan her auf Ecuador zu, wo die Luzernerin ein Hotel betreibt. Die Bewohner der Küstenregion – darunter auch Yoli und ihre Gäste – wurden ins Hochland evakuiert. Auf meinen Wunsch schildert Yolanda hier, wie sie, ihre Freunde und Wildfremde die Stunden bis zum Eintreffen de Welle erlebt haben, wie in der Notunterkunft Pfadilager-Stimmung aufkam und womit die vorübergehend Vertriebenen für ihr Ausharren entschädigt wurden.
“Ecuador, Atacames, Provinz Esmeraldas, 11. März 2011, 5:45 Uhr: Der erste von unzähligen Anrufen meiner Freunde aus ganz Ecuador: „Schalte den Fernseher ein, eine Tsunami-Warnung“. Die schrecklichen Bilder aus Japan lähmen uns. Dann bringen Satellitenbilder Klarheit: Ausläufer des Meerbebens rasen gegen die südamerikanische Pazifikküste – und damit direkt auf uns zu.
Sofort weckte ich alle Gäste, die mich nach einer kurzen Nacht verwirrt und ängstlich und ungläubig anschauen. In ihren Pyjamas versammeln sie sich mit uns vor dem Fernseher. Ich telefoniere einigen Spätschläfern und Partygängern, um sie auf den Ausnahmezustand aufmerksam zu machen. Frühmorgens ordnet der ecuadorianische Präsident Rafael Correa die Evakuierung an: ab 14 Uhr müssen sich die Bewohner des Küstengebietes auf mindestens 30 Meter Höhe begeben, die Errichtung von Notlagern sei ab sofort im Gange. Zwischen 17 und 19 Uhr werde “die Welle” in Ecuador erwartet.
Wir haben also jede Menge Zeit, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.
Hostal „Chill Inn Atacames“, Calle Ostiones: Unsere Gäste schicke ich sofort zum Busterminal, um Billette zu kaufen, die eine knappe Stunde später bereits Mangeware sein werden. Als alle ausgecheckt haben und sich auf dem Weg in die sichere Sierra auf dem Hügel machen, geht es für uns im Hotel ans Vorbereiten. Meine Nachbarn, die etwas mehr Erfahrung haben mit solchen Situationen, geben wertvolle Tipps, was man alles in das Evakuierungslager mitnehmen soll. Einige Surferfreunde wollen sich nicht evakuieren zu lassen, sondern in Meeresnähe bleiben. Es gibt eben auch hier eine Menge verrückter Menschen.
Es bleiben noch drei Leute, um die ich mich sorge: Meine Mutter, die wir bereits frühmorgens in die Dialyse schickten und gegen Mittag zurück erwarten; Andrea, eine Freundin aus Deutschland, die als Volontärin für ein paar Wochen in meinem Hostal mitarbeitet. Und Miriam, eine andere Freundin, die meine Mutter auf ihrer Reise nach Ecuador begleitet, und die sich im Moment in Galápagos aufhält.
Vor ihrer Abfahrt halfen uns einige Gäste Stühle, Tische und schwerere Gegenstände in höher gelegene Stockwerke zu hieven. Zusammen mit Andrea schaffen wir sämtliche elektronischen Geräte, alle Lebensmittel, die nicht gekühlt werden müssen, Werkzeugkasten, Notapotheke, Spiele, Gitarre, Filme, ein wenig Geschirr, Besteck, Gläser, Reinigungsmittel und die wertvolleren Sachen in mein Zimmer im dritten Stock. In unserer Strasse hat nur ein einziger Laden geöffnet. In diesem decken wir uns mit Wasser und Zigaretten ein.
Um 11 Uhr wissen wir noch immer nicht, wie die Evakuierung vonstatten gehen soll.
Mehr als nur sieben Sachen
Ich führe Gespräche mit Nachbarn und rufe bei Freunden an. Eine französische Freundin aus Quito, die hier ihren Freund besucht, hat grosse Angst und ist unterwegs in eines der Notlager im benachbarten Tonsupa. Also entschliessen auch wir uns, dahin zu gehen, sobald meine Mutter da ist. Sie hat das ganze Drama die ganze Zeit am TV mitverfolgt, aber kaum ein Wort verstanden, was für sie nicht gerade angenehm war.
Nachdem alles verstaut ist, beginnen wir mit dem Einpacken unserer sieben Sachen. Da bei solchen Aktionen oftmals Diebstähle in verlassenen Häusern beklagt werden, nehmen wir alles Geld, Pässe, wichtige Dokumente, Laptops, Telefone und Kameras mit. Des Weiteren packen wir Wasser, Sandwiches, Decken, Lein- und andere Tücher, Zahnbürsten, Duschmittel und wärmere Kleider ein.
Die Vorbereitung für die Evakuierung verläuft in meiner Strasse und unter den meisten meiner Freunde sehr ruhig und ernst. Viele Leute wollen gar nicht evakuiert werden. Sie haben solche Aktionen schon mehrmals erlebt, ohne, dass je ein Ernstfall eingetreten wäre. Für sie ist das Ganze wieder nur viel Lärm um nichts. Es gibt auch ein paar ältere Menschen, die ihr Haus nicht verlassen wollen.
Zu diesem Zeitpunkt sind alle Augen auf Hawaii gerichtet. Was genau auf dieser Insel passiert, wissen wir wegen all den widersprüchlichen Meldungen nicht. Fest steht: Die Riesenwelle ist weiterhin mit viel Kraft unterwegs.
Ab in die Höhe
Um 13.30 Uhr steigen Andrea und ich in das Taxi, das meine Mutter zurückgebracht hat. Wir fragen auf dem Gemeindeplatz nach, wo das Evakuierungslager liege. Der Taxifahrer verabschiedet sich am Zielort mit einem „mucha suerte y que Dios les bediga“ („viel Glück und dass Gott Euch segnet“).
Gaelle, die Fraenzösin, wartet auf der Hochebene schon sehnsüchtig auf uns. Endlich kennt sie jemanden. Wir vier richten uns unter einem 2,5 mal 2,5 Meter kleinen Stück Erde unter einem grossen Plastikdach ein, inmitten von Einheimischen. Der Boden ist trocken und von Traktorspuren ausgefahren. Irgendwo finden wir einen grossen Karton, den wir unter unsere Decken schieben. Nun können wir bequemer sitzen. Tücher und Rucksäcke dienen als Matratzen und Kissen.
Das lange Warten beginnt. Meine 70jährige, gesundheitlich angeschlagene Mutter und wir stellen uns frohgemut auf den Nachmittagsaufenthalt im Lager ein und machten eine erste Erkundungstour. Auf dem Hauptplatz des Lagers steht das Rotkreuz-zelt, wo Helfer die Lage am Computer überblicken. Von hier aus werden über einen Lautsprecher die Ansprachen von Präsident Correas und allgemeine Infos übertragen.
Die Tsunami-Welle wurde in Galápagos um 17 Uhr erwartet. Miriam teilt uns im Verlauf des Tages per SMS mit, sie und ihre Leute würden mit ihrer Yacht aufs offene Meer hinausfahren, wo das Wasser mindestens 100 Meter tief sei und wo die immer schwächer und langsamer werdende Welle kaum spürbar sein dürfte.Mit ungefähr 40 Minuten Verspätung wird der Hafen von San Cristobal von einer etwas heftigeren Welle erreicht, die einigen Schaden anrichtet. Die übrigen Inseln von Galápagos bleiben verschont, Auch die Kreuzfahrt- und anderen Yachten sind unbeschädigt.
Eine Sorge weniger.
Nur die Instrumente fehlen
Ein wunderschöner Sonnenuntergang und die amtemberaubende Aussicht aufs Meer belohnen uns für das lange Warten, das wir mit Kartenspielen, Nickerchen, Interviews geben und dem Auswerten von Informationen überbrücken. Als es dunkel wird, passiert noch immer nichts an unserer Küste. 19 Uhr ist längst vorbei, als aus Esmeraldas und einigen andern Stationen an der Küste unserer Provinz Meldungen über das eigenartige Rein und Raus des Meeres und etwas höhere Wellen hereinkommen. Alles in allem klingt das nicht sehr Besorgnis erregend.
Einige unserer 300 „Nachbarn“ bereiten auf ihren mobilen Gasküchen ein Nachtessen zu. Von den Feuern aus strömen leckere Düfte durchs Lager. Wir machten den ganzen Nachmittag über Sprüche über unser notdürftiges Pfadilager. Jetzt kommt richtige Lagerstimmung auf. Es fehlen nur noch ein paar Instrumente, und das Fest könnte beginnen.
Wann genau die Welle in Atacames eintrifft, können wir in unserem hochgelegenen Camp nicht ausmachen. Die ersten Leute packen ihre Sachen. An eine Rückkehr ist vorerst allerdings nicht zu denken. Der Staatspräsident will die Evakuierung aus Sicherheitsgründen bis 22 Uhr aufrechterhalten. Wir legen uns für ein Nickerchen hin. Um 22 Uhr heisst es aus der Rotkreuz-Station, der Präsident verlängere die Evakuation um eine weitere Stunde.
Meine Leute werden langsam ungeduldig. Mutter legt sich wieder hin, als die ersten Gerüchte aufkommen, dass wir die ganze Nacht im Lager bleiben sollten. „So nicht, lieber Präsident“, denken wir. „Sie können uns doch nicht ohne Verpflegung und ohne sanitäre Einrichtungen die ganze Nacht lang auf diesem harten, unebenen Boden darben lassen.”
Um 23 Uhr beschliesse ich, dass Mutter die Nacht nicht so verbringen müsse. Wir suchen nach einer Lösung. Dann wird uns endlich mitgeteilt, dass die Evakuierung beendet sei.
Da wir nicht mitten in der Nacht von einem der offiziellen Rückführungsbusse im Dorf ausgeladen werden wollen, organisieren wir ein Taxi, das uns um 1 Uhr morgens zuhause ablädt. Das Hotel ist unbeschädigt; es ist nirgendwo Wasser eingedrungen. Niemand hat etwas gestohlen. Es gibt überhaupt nichts zu bemängeln oder zu beklagen.
Aber: Wir sind um eine interessante Erfahrung reicher.
Der Tsunami-Notfallplan, der letztes Jahr nach dem Chile-Wasserbeben erarbeitet wurde, ist jetzt ausgetestet. Er hat für eine so kurze Evakuierung funktioniert. Allerdings weist er logistische und organisatorische Mängel auf, die hoffentlich bis zur nächsten Riesenwelle ausgebügelt werden können.
Yolanda Bögli, Atacames, Ecuador”
(Die Autorin und ich kennen uns seit einem Vierteljahrhundert. Wir arbeiteten in Menziken Büro an Büro; sie bei der „Winterthur“-Versicherung, ich beim „Wynentaler Blatt“. Nachdem sie nach Ecuador ausgewandert war und ich nach Freiburg, verloren wir uns aus den Augen. Über Facebook haben wir uns wieder getroffen.)