Das tollste Geschenk

Da will man am frühen Morgen, nach einer mehrtägigen Computerabstinenz, mal wieder in dieses Internet gehen – und kaum hat mans geöffnet, purzeln einem auch schon die ersten Geburtstagswünsche entgegen. Manche hatte man unbedingt erwartet, andere kommen eher überraschend – aber aufstellende Wirkung haben sie alle. Es ist so schön, sich zumindest an einem von 365 Tagen nicht so alleine fühlen zu müssen auf dieser kalten, windigen und nassen Welt, in der ein paar Chilenen aus dem Untergrund einen neuen Sonnenbrillentrend setzen können, während in Asien weiterhin minderjährige Haifische billige T-Shirts für modebewusste Inder zusammennähen.

An meinem 45. Geburtstag gestatte ich mir, liebe Festgemeinde, einen kurzen Blick zurück…und schaue jetzt vorne. Heute ist, um es mit den Worten des grossen Tierforschers Louis Armstrong zu sagen, ein kleiner Tag für mich, aber ein grosser Tag für meinen Brüetsch: Ab 13.30 Uhr läuft er den Hallwilersee-Halbmarathon.

Vor einem Jahr hätte, ausser mir, noch niemand viel darauf verwettet, dass er das am 16. Oktober 2010 tun würde. Damals wog er 25 Kilo mehr, rauchte, kannte das Wort „Bewegung“ nur vom Hörensagen oder – wer weiss? – aus etwas handlungsarmen Filmen und frönte, wie man so sagt, einem alles in allem recht flatterhaften Lebenswandel.

Aber dann: klemmte er sich in seinen ausgeprägten Hintern, begann, nordic zu walken und gesund zu essen, entsagte er dem Nikotin, begab er sich regelmässig ins Fitnesstudio, absolvierte er aus einer Laune heraus den „Engadiner“ und verlobte er sich schliesslich mit seinem Schatz, was dem Wohlbefinden von beiden Beteiligten ebenfalls höchst förderlich war.

Und nun steht er in wenigen Stunden in der Häsigasse am Start zum – nach dem Heiratsantrag – wohl grössten Abenteuer seines Lebens.

Liebe Festgemeinde: Wenn das keinen Applaus wert ist – was dann?

Danke.

Womöglich Sehr wahrscheinlich Ganz bestimmt klingts ein wenig pathetisch, wenn ich sage, dass das mein tollstes Geburigeschenk sein wird: den Brüetsch heute Nachmittag im Ziel des Hallwilerseelaufes einlaufen zu sehen. Natürlich wusste ich schon vor einem Jahr, dass er das schaffen wird. Aber ich konnte damals unmöglich ahnen, wie stolz ich in nicht allzu ferner Zukunft auf meinen kleinen Bruder sein würde: schampar.

Nachtrag: Urs hat den See in zwei Stunden, acht Minuten und dreizehn Sekunden umrundet. Und war im Ziel ein gefragter Mann:

Der Fanclub scheute weder Kosten für Farben noch Mühe zum Malen:

Trauriger Meister

Eigentlich ist heute ein grosser Freudentag: Steve Lukather’s neue Solo-CD „All’s well that ends well“ ist nach Monaten des Draufwartens endlich erhältlich. Um 1.50 Uhr habe ich sie runtergeladen. Jetzt, um 2.35, nach dem ersten Durchhören, musskanndarf ich in aller Unvoreingenommenheit sagen: dem Gründer, Gitarristen und Sänger von Toto ist – einmal mehr – ein Meisterwerk gelungen.

Doch ungetrübt ist der Spass nicht. Denn wer sich anhört, was der Musiker in den neun neuen Songs erzählt, merkt auch ohne abgeschlossenes Psychologiestudium: hier singt sich jemand eine mittelprächtige Lebenskrise von der Seele.  Schon zum Einstieg beschreibt Lukather die „Darkness in my world“. Später geht es um ein nicht mehr zu kittendes „Hole in my soul“, darum, dass er nicht zurückschauen kann und dass ihm jemand please nicht sagen soll, „that it’s over“.  

Wer damit gemeint ist, ist klar: der Künstler und seine Ehefrau haben sich neulich nach zig gemeinsamen Jahren getrennt. Und irgendwie scheint da noch einiges mehr dafür gesorgt zu haben, dass Lukathers heile Welt drüben, in Los Angeles, aus den Fugen geraten ist: die unheilbare Krankheit seines Toto-Kumpels Mike Porcaro? Die Frage, wofür es sich eigentlich lohnt, monatelang weit weg von daheim durch die Weltgeschichte zu touren, wenn man sowieso längst mehr hat, als sich viele andere Menschen nicht einmal zu wünschen wagen? Niemand weiss es.

In sämtlichen Liedern auf „All’s well that ends well“ schwingt ein  pessimistisch-trauriger Unterton mit, der so gar nicht zu dem – offensichtlich nur scheinbar – aufgestellten Steve Lukather passt, den man im letzten Sommer auf der Piazza Grande ihn Locarno gesehen und gehört hat.

„Can’t look back“ ist ein schönes(?) Beispiel für die allgemeine Tristesse:

Musikalisch gibts an Lukathers jüngstem Wurf aber – wie erhofft und erwartet – nichts auszusetzen. Nur, eben: Wer scheinbar locker aus dem Handgelenk geschüttelte Melodiewunder aus Toto-Zeiten erwartet, wird die Scheibe womöglich ernüchtert zurück ins Regal stellen. Steve Lukather setzt seinen Freunden im Herbst 2010 ziemlich schwere Kost vor.

Der Angriff der Killerkatze

Da überwindet man sich unter dem Hochnebel endlich zu einem Spaziergang an der sehr frischen Luft. Und wenn man sich nachher, halb durchfroren, arglos wieder der warmen Wohnung nähert – schiesst aus dem Gebüsch Nachbars Killerkatze hervor, packt ihr schockstarres Opfer…

…und beisst erbarmungslos zu:

Der Kampf ist erst nach einer halben Ewigkeit entschieden: Es gewinnt das Gute über das schampar Herzige:

Afrika mitten in Bern

Auch auf die Gefahr hin, wegen zu grossen Zulaufs nächstes Mal keinen Platz mehr zu finden: Wer pikant gewürztes Fleisch, exotisch zubereitetes Gemüse, sämige Suppen und ein unkompliziert-herzliches Ambiente schätzt, ist bei Big Mama im Muritreff an der Muristrasse 75a im Berner Ostring bestens aufgehoben. Jeden zweiten Samstag im Monat kreieren dort eine Mutter und ihre beiden Töchter ein original afrikanisches Nachtessen, das weder in kulinarischer noch in servicetechnischer Hinsicht irgendwelche Wünsche offenlässt (und wenn, höchstens den, dass der Magen endlos aufnehmen möge, was die Augen am Buffet sehen).  

Mein Schatz und ich liessen uns bei Big Mama gestern zum zweiten Mal rundumverwöhnen. Wir würden das gerne auch weiterhin tun. Wenn ich den Geheimtipp jetzt trotzdem verraten habe, dann nur, weil auch beim Essen gilt: geteilte Freude ist doppelte Freude. 

Trauer, marsch!

Gut. Also. Trauern wir.
Heute um: Steve Lee, Sänger der Schweizer Rockband Gotthard, gestorben bei einem Töffunfall in den Vereinigten Staaten.

Dass die meisten von uns den Verblichenen höchstens vom Hörenlesen her kannten, soll uns nicht daran hindern, kollektiv in tiefe Betroffenheit zu versinken. Wie das geht, wissen wir spätestens seit jenem 11. September, an dem Terroristen Flugzeuge in Bomben verwandelten und damit 3000 Leute ermordeten. Kaum hatten sich die dicksten Rauchschwaden verzogen, titelten die Zeitungen: „Die Welt in Trauer“, „Die Schweiz in Trauer“ oder, falls sich mit Mühe und Not ein lokaler Bezug konstruieren liess: „Konolfingen trauert“.

An Gelegenheiten, das nationale und internationale Trauern um völlig unbekannte Menschen weiter zu üben, fehlte es in den folgenden Jahren nicht. Es gab einen Tsunami, es gab Erdbeben, es gab Kriege und es gab Michael Jackson.

Was mich dabei immer ein wenig irritierte, war: Von alleine stellten sich bei mir in all diesen Fällen nie Trauergefühle ein. Staunen? Oft. Wut? Teilweise. Fassungslosigkeit: Manchmal. Aber dass ich traurig bin: Das mussten mir jedesmal erst die Medien einhämmern. 

Wie, eben: jetzt wieder im Fall von Steve Lee. Die Nachricht von seinem Tod war noch keine halbe Stunde lang durchs Internet gejagt worden, als ich mit mir eine Wette abschloss, dass es keine weitere halbe Stunde dauern würde, bis mir jemand mitteilt, dass „die Schweiz trauert“. Und siehe da: 20 Minuten später ereilte mich via Facebook die Nachricht: „Die Schweiz trauert.“

In dem Moment, in dem ich das schreibe, spielen die Radiostationen landauf und -ab Gotthard-Songs nonstopp. Auch das restliche Trauerbewältigungsprogramm wird in den bewährten Bahnen verlaufen: Am Abend würdigt jeder Sender zwischen Basel und Lugano das Schaffen des Musikers. In Internetforen überbieten die Verschwörungstheoretiker mit Berichten von Augenzeugen, die ganz in der Nähe der Unfallstelle Männer mit kleinen Knöpfen im Ohr, Sonnenbrillen vor den Augen und T-Shirts mit der Aufschrift „CIA“ gesehen haben wollen.

Morgen haben die Psychologen das Wort, um das Geschehen für die verheulten Massen „einzuordnen“ und einigermassen fassbar zu machen. Voraussichtlich am Samstag wird sich ein Verkehrsexperte mit dem Satz zitieren lassen, dass „immer ein Restrisiko“ bleibe, wenn ein Mensch von einer Harley Davidson getroffen wird. In den Sonntagszeitungen wirft womöglich ein Onkel des Sängers die Frage auf, wieso der Leichnam seines Neffen nicht längst in die Schweiz überführt worden sei, worauf ein Rega-Sprecher sagen wird, dazu dürfe er nichts sagen. Das wiederum veranlasst die eigentlich längst ermatteten Verschwörungstheoriker dazu, ihre Computer erneut hochzufahren. 

Vielleicht erinnern sich nächste Woche in diesem und jenem Heftli ein paar Prominente an „meine schönsten Stunden mit Steve“; mit besonderer Spannung werden die Einlassungen von Nella Martinetti erwartet.

Dann – sagen wir: um nächsten Mittwoch herum – hat die Trauergemeinde das Gröbste überstanden.

Und wenn in einem Jahr ein Gotthard-Song am Radio läuft, diskutieren nur noch Vereinzelte darüber, ob der glatzköpfige Gitarrist dieser Band damals eigentlich an einer Überdosis gestorben sei oder nicht doch beim Schwimmen im Meer.