Aus der guten, alten Zeit

Der monströse Car passt in die Burgdorfer Oberstadt wie Moby Dick auf eine Alp. Vor Kurzem stand das Gefährt in Linz, Prag, Berlin, Hamburg, Köln und Paris. Morgen bringt es seine Passagiere nach Freiburg im Breisgau, Karlsruhe, Dresden und Leipzig. Dann gehts durch die Niederlande und Belgien ab nach London, wo für John Mayall, den Mieter des Busses, vor weit über einem halben Jahrhundert alles begann.

In London zog er mit Jimmy Hendrix um die Häuser. In London erfand er den “Weissen Blues”. In London gründete er die “Bluesbreakers”, bei denen Talente wie Eric Clapton, Peter Green, Mick Taylor, Ginger Baker, Walter Trout, John McVie oder Mick Fleetwood eine künstlerische Heimat fanden, von der aus sie später die Welt eroberten.

In “Blues for the lost days” erinnert sich Mayall an die guten, alten Zeiten:

“From a home in the country with the blues
on my wind-up gramophone.
Headin’ out to the city,
movin’ round like a rollin’ stone.
With a band of Bluesbreakers
make a mark down here on my own.

We had Freddie King, Sonny Boy and Hendrix
And they’d be sitting in till the break of dawn.
Sweating at the all night Flamingo
and comin’ out to pigeons on a Sunday morn.
So many good times, so much music.
But back then nobody knew
that the London blues were born.”

84 Jahre alt ist der Mann inzwischen, doch als er die Bühne des Casino Theaters betritt, ist davon nichts zu spüren. Gegen Ende des Tages, an dem für Chuck Berry – den Vater des Rock’n’Roll – der Schlussakkord seines Lebens erklang, scheint er sich einfach nur darüber zu freuen, ein bisschen Zeit mit Leuten verbringen zu dürfen, die musikalisch ticken wie er.

Während sich andere rockende Senioren damit begnügen, vor wechselndem Publikum ständig das gleiche Programm hinunterzuspulen, ändert John Mayall die Setlist auf seiner “Livin’ and lovin’ the Blues”-Tour von Auftritt zu Auftritt.

In Bordeaux sah sie so aus

,

in Hamburg so

,

in Warschau so

und in Wien so:


(Quelle: www.setlist.fm)

Auch in Burgdorf scheint das Programm, wenn überhaupt, erst kurz vor dem Gig in groben Zügen besprochen worden zu sein. Um sicherzustellen, dass das Personal mit dem selben Stück beginnt wie er, sagt Mayall jeweils an, was gleich folgt.

Innerhalb dieser Leitplanken improvisiert die Band, was das Zeug hält. Mitten im Song wechselt sie von Moll zu Dur und wieder zurück. Der Drummer und der Basser erhalten viel Raum für Soli, und wenns einem von beiden gerade nicht drum ist, sich zu exponieren, signalisiert er das mit einem kaum sichtbaren Kopfschütteln und einem verstohlenen Grinsen, worauf der Meister alleine weitermacht, bis irgendwann alle miteinander finden, es sei jetzt langsam an der Zeit, zusammen in die Zielgerade einzubiegen.

Ein Schlagzeug für Jay Davenport, eine Bassgitarre für Greg Rzab (er hat schon Buddy Guy, Mark Knopfler, Jeff Beck, Otis Rush, Bonnie Raitt, Eric Clapton oder Jimmy Page begleitet), eine (selbstgebaute!) Gitarre, ein E-Piano, ein Keyboard plus eine Mundharmonika für den Chef: Mehr brauchen John Mayall und seine Mitstreiter nicht, um ihre knapp 300 Gäste mit einem kurzweiligen Mix aus uralten Heulern und nigelnagelneuen Songs in nostalgische Verzückung zu versetzen.

In dem dringend renovierungsbedürftigen Gebäude rummsts und wummsts und chlöpfts und tätschts bisweilen, als ob eine Horde Halbwüchsiger ihren neuen Proberaum einweihen würde. Dann wisperts und wimmerts auf einmal nur noch, bis es im Saal beinahe still ist. Von der Bühne schwirren, kaum wahrnehmbar, vereinzelte Töne durch den Raum, die mit dem, was gerade verklungen ist, nur entfernt etwas zu tun zu haben scheinen. Sie vermengen sich miteinander, werden mit Grooves unterlegt und mit Shuffles angereichert und bilden irgendwann ein neues Ganzes, das auf magische Weise perfekt zu dem passt, was vorher gewesen war.

Zu den ganz grossen Momenten des Abends gehören der 1997 komponierte und schwer autobiographische “Blues for the lost days”, “It’s hard going up”, “Help me”, “Movin’ out and movin’ on”, “Blues for the lost days” und das auf mindestens eine halbe Ewigkeit gestreckte und mit einem Gruss an Deep Purple versehene “California” vom 1969 erschienenen Meilenstein-Album “The turning point”.

Wobei: Was John Mayall spielt, ist den meisten seiner mit ihm gereiften Fans – der Altersdurchschnitt im Casino Theater dürfte bei plusminus 60 liegen – von Herzen egal. Für sie ist nur wichtig, dass er spielt, und zwar genauso, wie sie es von ihm seit jeher kennen: Erdig und ehrlich und ohne all die elektronischen Mäscheli und Bändeli, mit denen der Nachwuchskünstler von heute sein Liedgut künstlich aufzupeppen pflegt.

Minuten, nachdem die Standing Ovation im Saal abgeebbt ist, stehen Mayall, Davenport und Rzap im Entrée des Casino Theaters. Sie nehmen Gratulationen entgegen, signieren Karten und Platten, plaudern mit Gästen und vermitteln dabei – Riesencar hin, Eric Clapton her – überhaupt nicht den Eindruck, jemand Besonderes zu sein.

Entweder ist ihnen nicht bewusst, dass sie ihnen wildfremden Leuten, einmal mehr, einen wunderschönen Abend bereitet haben. Oder dann ist es ihnen klar – aber für sie kein Grund, darum viel Aufhebens zu machen.

Menschen dieses Schlages meint John Mayall vermutlich, wenn er in “Blues for the lost days singt:

“Today I got to thinking,
where go friends that drift apart?
Some of them are dead and gone now
But they still live on in my heart.”

In den Spendierhosen

Aus lauter Vorfreude darüber, mit The Great Light of Slow (Bild) am 1. April erneut eine grossartige Band im Theater Z in Burgdorf begrüssen zu dürfen, montieren wir Rocknrolldies unsere Spendierhosen.

Der erste Besucher erhält „Homebound“, die Debüt-CD unserer Gäste, geschenkt.

Der zweite bezahlt keinen Eintritt.

Dem dritten und vierten drücken wir eine exklusive (es gibt davon nur zehn Stück) Rocknrolldies-Tasse in die Hand.

Für den fünften und sechsten gibts ein schickes Rocknrolldies-Chäppi.

Der siebte, achte, neunte und zehnte kann sich an der Theater Z-Bar mit einem Gratisdrink auf den Gig einstimmen.

(Nachtrag 1. April: Weil der Schlagzeuger erkrankt war, musste das Konzert kurzfristig abgesagt werden.)

Verblasste Sterne

Sie gehörten damals, in den 70er und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, zu den ganz, ganz Grossen. Mit ihren Alben “Gone to earth”, “XII” und “Eyes of the universe” verzauberten Barclay James Harvest Millionen von Menschen rund um den Erdball.
Kuschelweichgespülte Songs wie “Hymn”, “Poor man’s moody Blues”, “Mocking Bird”, “Child of the Universe” oder “Life is for living” gehörten zur Grundausstattung jedes Plattenauflegers, der Intensivpubertierenden in den Partyräumen wohlwollender (oder naiver) Eltern ermöglichte, sich als “geschlossenes Tanzen” getarnten Kollektivknutschereien hinzugeben (an dieser Stelle: Beste Grüsse an I.M. aus B.!)

Doch dann begann der Stern der Balladenkönige aus England zu verblassen. Im März 1998 gaben John Lees, Woolly Wolstenholme, Les Holroyd und Mel Pritchard bekannt, dass Barclay James Harvest eine Pause einlege. Lees und Wolstenholme gingen ihrer eigenen Wege mit einer Gruppe namens Barclay James Harvest Through the Eye of John Lees (BJHTTEOJL; die “Abkürzung” ist kein Witz), Les Holroyd suchte sein Glück mit Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd (BJHFLH).

Es folgte, was in solchen Fällen oft folgt: Alle paar Schaltjahre ein Best of- oder Livealbum, Neuinterpretationen alter Hits und Auftritte mit osteuropäischen Orchestern.

Nun, am 23. April, gastiert der John Lees-Ableger von Barclay James Harvest in der Kulturfabrik Kofmehl in Solothurn. Der Andrang hält sich im Rahmen: Die Veranstalterin bewirbt das Konzert seit Wochen täglich auf Facebook. Inzwischen zeigen sich knapp 200 Leute “interessiert” daran, dem Gig beizuwohnen. Weitere 50 haben mit der Verbindlichkeit eines Klicks zugesichert, sich die Truppe vor Ort anzuhören.

Wer einen Blick auf all die Städte und Stadien wirft, in denen die Meister des Schmusepop in ihrer Hochblüte aufgetreten sind, kämpft angesichts dieser Zahlen gegen das Augenwasser.

Andrerseits: Schon 1993 musste die Band “due to poor ticket sales” einen grossen Teil ihrer Europatournee absagen:

So betrachtet, ist das Solothurner Gastspiel von John Lees und seinen musikalischen Resteverwertern schon fast wieder ein Schritt auf dem Weg nach oben.

Oder zumindest aus der Bedeutungslosigkeit.

Der kurze Brief zum langen Abschied


(Bild: Von deiner Facebook-Seite geklaut)

Liebe Nicole

Reisende soll man nicht aufhalten, klar. Seit du uns verkündet hast, dass du unserem Paradiesli im alten Markt 6 in Burgdorf den Rücken kehren wirst, um im nahen Osten eine andere Unterkunft zu beziehen, überlegten Chantal und ich uns trotzdem mehr als einmal, wie wir das verhindern könnten (nachts um 3 Uhr deine Türe zuzunageln, war die juristisch vertretbarste Option. Eine andere war, dich solange bei Wasser und Vegankost im Keller einzuschliessen, bis du freiwillig sagst, du würdest doch lieber hierbleiben).

Doch die Entschlossenheit, mit der du in den letzten Wochen deine Siebenhunderttausendsachen in feinsäuberlich nummerierte Kisten packtest, und, vor allem, deine hör-, sicht- und spürbare Vorfreude darauf, mit deinem Schatz in the middle of the sanktgallischen Nowheres zusammenleben zu können, liessen uns all diese Pläne vergessen. Wir haben uns zu unserem eigenen Erstaunen sogar soweit gefasst, dass wir dir und Marcel aufrichtigst alles gönnen, was euch in der Ferne an Schönem bevorstehen mag.

Offen bleibt, was jetzt aus uns werden wird, und aus unseren Tieren und überhaupt.

Wenn ich mutterseelenallein todkrank zuhause liege: Wer fragt mich per Whatsapp, ob sie mir vom Einkaufsbummel etwas mitbringen soll?

Wenn Chantal und ich für ein Weilchen fort sind: Wer kümmert sich um die Schildis im Garten?

Wenn unserer Meite – dem herzigen Hundli, in das du dich schon am Tag seines Einzugs bei uns verliebt hast, dem du auf langen Spaziergängen die grosse, weite Welt zeigtest und dem du zum Chillen immer wieder bereitwillig dein Sofa zur Verfügung stelltest – spontan nach Streicheleinheiten seiner Lieblingsnachbarin zumute ist: Was sollen wir dem verständnislos vor sich hinwinselnden Geschöpf dann sagen? Dass seine Nicole in ihren letzten Unterwasserferien von einem Hai gefressen wurde?


(Bild: Ebenfalls ab deiner Facebook-Seite gestohlen)

Gestern Morgen schleppten starke Männer dein Hab und Gut in einen Lastwagen. Heute hast du geputzt und die Schlüssel abgegeben. Dann verabschiedetest du dich von uns und von Tess, setztest dich in deinen Mini, fuhrst ein letztes Mal durchs Quartier, bogst ins Schlossgässli ab – und warst verschwunden.

Du wirst uns fehlen, liebe Nicole, aber nicht für lange. Auch wenn du Burgdorf inzwischen auf Bisaufweiteresnichtwiedersehen hinter dir gelassen haben dürfest:

Aus den Zimmern in unseren Herzen wegzuzügeln, schaffst du nie.