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Biobombe auf dem Balkon

Donnerstag, 26. August 2021, 14.03 Uhr: Aus heiterem Himmel telefoniert mir die beste Floristin der Welt. Bei ihr habe sich soeben jemand von einem Bundesamt gemeldet, sagt sie. Der Mann habe sie gebeten, ihm die Koordinaten jenes Kunden zu geben, dem sie neulich einen Topf Rosmarin geliefert habe. Dieser Kunde sei ich. Worum genau es gehe, wisse sie nicht. Möglicherweise sei die Pflanze krank. Vielleicht handle es sich aber auch nur um einen Scherzanruf. Selbstverständlich dürfe sie ihm meine Kontaktdaten übermitteln, antworte ich.

Donnerstag, 26. August 2021, 14.31 Uhr: Die Floristin leitet mir eine Mail weiter, die ihr ein Mitarbeiter des Fachbereichs Pflanzengesundheit und Sorten des Bundesamtes für Landwirtschaft soeben geschickt hat:

Donnerstag, 26. August 2021, 18.29 Uhr: Anruf eines Mitarbeiters des Fachbereichs Pflanzengesundheit und Sorten des Bundesamtes für Landwirtschaft des Eidgenössischen Departementes für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Offenbar pressierts. Ob er morgen bei mir vorbeikommen könne, begehrt er zu wissen. Klar, sage ich; um 9 wäre tiptopp.

Freitag, 27. August 2021, 9.10 Uhr: Der Inspektor ist da.

Er schaut sich die Pflanze kurz an und beschliesst, sie gleich mitzunehmen. Während er Papier- und Onlineformulare ausfüllt, berichtet er, dass das Kraut aus einer Zucht in Portugal stamme. Die Krankheit, welche es möglicherweise (es gilt die Unschuldsvermutung) befallen habe, richte besonders in Süditalien verheerende Schäden an jahrhundertealten Olivenbäumen an. In der Schweiz seien primär Apfelplantagen und Rebberge betroffen. Miteinander zerren wir das Grünzeug aus dem Kübel. Der Fachmann verstaut es in einem Ghüdersack.

Das Prozedere hat irgendwie etwas Unwürdiges. Erst vorgestern benutzte ich diesen Rosmarin noch, um 5 Liter Bolognese-Sauce zu verfeinern. Deshalb frage ich den Experten, ob ich nun eine Rückrufaktion starten müsse. Immerhin handle es sich bei der Xyllella Fastidiosa laut der Website seines Amtes um ein hochgefährliches Bakterium.

Neinnein, sagt der Wissenschaftler; Menschen bräuchten sich deswegen keine Sorgen zu machen. Zum Abschied händigt er mir ein Papier aus, auf dem er bestätigt, meinen Rosmarin im Namen der Schweizerischen Eidgenossenschaft beschlagnahmt zu haben. Mit diesem Dokument kann die Floristin für mich im Frühling eine Ersatzpflanze beziehen.

Nachtrag 15. September 2021, 11.30 Uhr: Der Wissenschaftler ruft an und teilt mit, die Pflanze sei „nicht krank“ gewesen.

Nachtrag 20. September 2021: Die Geschichte wirft Wellen bis in den Aargau.

Kurz und bündnerig (I)

Liebe alle

Ich bin gerade in Davos angekommen in Davos isst es supperschön man glaubts gar nicht! Immer scheint die Sonne und die Läute sind nett. Ich habe nicht kalt es isst warm.

Auf den Bergen hat es Gemschen und Murmeln UND STEINBÖCKE!!! aber nur wenn die Jäger nicht jagen sonst Guetnachtamsächsi.

In meinem Hotel sind schöne Zimmer aus Holz + 1 Restorant zum essen und jassen nur habe ich leiderleider keine Jasskarten mitgenommen weil ich das nicht wusste und sowiso will niemand mit mir spielen nicht einmal die Bündner ich finde die Bündner sind ein bischen toff.

Viele Grüsse!

Die neue Virklichkeit (24)

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„Vollentspannt“, „verunsichert“ oder „demütig“ erleben Freundinnen und Freunde die Corona-Isolation. Einige empfinden sie als „surreal“ oder „bereichernd“. Auch „Frühlingsgefühle“ kommen auf.

Es nahm mich einfach wunder: Wie erleben Menschen aus meinem Umfeld den Dauer-Hausarrest?

Deshalb bat ich 50 von ihnen, mir in einem Wort zu sagen, was ihnen zum Thema „Corona-Lockdown“ einfällt. Um der Sache einen wissenschaftlich-repräsentativen Anstrich zu geben, schickte ich die Anfrage an 25 Männer und 25 Frauen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten.

Weitere 50 Personen bildeten die Kontrollgruppe und erhielten sie folglich nicht.

24 Frauen und 21 Männer schrieben zurück. Einige reagierten so schnell, dass ich mir lebhaft vorstellen konnte, wie sie in ihrer Halbgefangenschaft fingernägelkauend an ihren Schreibtischen sassen und nur darauf warteten, dass auf ihren Compi ein Fensterchen aufpoppte, das sie dazu aufforderte, etwas – irgendetwas! – zu tun.

Für die vielen Banker aus Nigeria, die die Vermögen von längst verstorbenen Superreichen verwalten, müssten dank Corona goldene Zeiten angebrochen sein: Wenn sie 100 Leuten schreiben, sie hätten auf einem Konto 42 Millionen Dollar gefunden, die sie stante pede dem ahnungslos in der Schweiz lebenden Coucousin des Toten überweisen würden, sobald dieser ihnen die Koordinaten ihres eigenen Accounts plus 8000 Franken geschickt habe, rücken mindestens 90 Adressatinnen und Adressaten ohne lange zu überlegen beides heraus, nur, weil sie so glücklich darüber sind, dass sich endlich wieder einmal jemand bei ihnen gemeldet hat.

Eine Totalkatastrophe scheint der Notstand für niemanden darzustellen. „Unsicher“ oder „verunsichert“, „Gefühlschaos“ und „Längiziiti“ waren die negativsten Ausdrücke bei vier weiblichen Befragten. Drei Männer fanden, die Dauerpause sei „mühselig“ und mache „einsam“ und „unsicher“.

Überraschend viele Teilnehmende gewinnen der aktuellen Lage positive Seiten ab: Sechs Frauen notierten „vollentspannt“, „bereichernd“, „Chance“, „ruhig“, „entschleunigend“ und „GanzOkWüuMirHeiJaAues“, eine verwendete Mary Poppins‘ Lieblingsausdruck supercalifraglisticexpialigetisch (das hat jetzt gedauert, bis das abgeschrieben war; schönen Dank auch) und eine freute sich über „Frühlingsgefühle“. Ihr widme ich diesen Song:

Fünf Männer mögen äbefaus nid chlage: Mit Begriffen wie „ruhig“, „Kreativitätssuperboost“, „Shuggabugga“, „geil“, „Entschleunigung“ und „Entschleufantasierelaxed“ signalisierten sie, dass es keinerlei Gründe dafür gibt, sich um sie Sorgen zu machen.

Die meisten Antworten lassen sich unter „Sowohl-als auch“ verbuchen. „Verrückt“, „Gegenwart“, „Uffffff“, „abwartend“, „nachdenklich“, „Wartesaal“, „surreal“, „aussergewöhnlich“, „Homeofficeschoolendemamahausfrau“ „herausfordernd“ und „ambivalent“ schrieben Frauen; eine stellte, das Thema nur um Haaresbreite verfehlend, fest, sie sei „sommerzeitumstellungsmüde“.

Eigentlichtiefenentspanntunddochgespanntwasdanochkommt“ (Schlaumeier!) „Stand-by“, „surreal“, „Metamorphose“, „besäuselt“, „esistwieesist“, „abwarten“, „daheim“, „warten“, „zwiespältig“ und „demütig“ verwendeten Männer, um ihre Gemütszustände zu beschreiben.

Der „Stand-by“-Mann kommt von mir das über,

auch wenn der Titel des Hits allem widerspricht, was der Bundesrat und Daniel Koch vom BAG seit Anbeginn der Zeitrechnung Mitte März predigen.

In einem Monat werde ich dieselben Damen und Herren dasselbe noch einmal fragen, und in einem halben Jahr oder so erhalten sie von mir schon wieder und dann hoffentlich bald öppe zum letztem Mal Post.

Mit der „Supercali“-Frau und dem „Metamorphose“-Mann unternahm ich einen zweiten Bummel der Emme entlang. Diese Waggu werden für uns langsam zu einer lieben Gewohnheit, um nicht zu sagen: zu einer kaum mehr wegzudenkenden Tradition. Mir hei no kei Verein, um sie zu pflegen, aber mir ghöre drzue; zu den vielen Leuten nämlich, die es verstehen, ihre massig vorhandene freie Zeit zwischendurch aufs Sinnvollste zu nutzen.

Nicht nur den unermüdlich homeschoolenden Veronikas können wir nach unserem Abstecher ins Freie berichten: der Lenz ist da, und wie! Überall wächsts und blühts und spriessts und knospsts. Die von uns so geschundene Mutter Natur hat alles gegeben, um für uns das Grau des Winters mit allen Farben, die der Regenbogen hergibt, zu übermalen.

Während die Liveticker rund um den Globus die Zahlen der Corona-Toten addieren, zwitschern an den lauschigen Gestaden des Burgdorfer Hausflusses munter die Vögelein in den Bäumen und reiben sich die soeben aus dem Winterschlaf erwachten Bären den Ziger aus den Augen.

Ohne, dass wir uns abgesprochen hatten, schafften wir es über eine Stunde lang, das Thema „Corona“ zu umschiffen. Doch als wir uns vor einer stillgelegten Oberstadtbeiz mit awaytaketer Tranksame von den Strapazen erholten, diskutierten wir auf einmal über die im Herbst stattfindenden Gemeindewahlen – und ehe wirs uns versahen, hatten wir den kleinen Schritt vom Burgdorfer Stapi Stefan Berger zu dessen Amtskollegen Boris Johnson in London getan (an dieser Stelle: good bettering!).

Von dem Moment an war jeder Gesprächsstoff, den wir von den Regalen unserer Gedanken holten, schneller von diesem Virus verseucht, als wir Bap sagen konnten.

Wenn wir am nächsten Dienstag ein paar Momente lang nichts von Corona hören wollen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als schweigend zu waggeln und anschliessend in stiller Kontemplation versunken zämezhöckle.

Die neue Virklichkeit (13)

Kleiner Aufwand – grosse Freude: Ein simpler Bummel der Emme entlang erscheint inzwischen nicht nur Angehörigen der Risikogruppe wie ein Geschenk.

Vor vier Stunden begann die Sommerzeit, für den Nachmittag ist Schnee angesagt: Das liest sich auf den ersten Blick ein bisschen schräg. Beim zweiten Hinsehen passt es in einer Welt, in der nur noch ganz wenig ist, wie es im Grunde schon lange vor dem Corona-Ausbruch zum letzten Mal war (also gegen Ende des verflossenen Jahrtausends, ganz bestimmt aber vor 9/11, dem Klimaschock und der Flüchtlingskrise) jedoch recht gut zusammen.

Die Zeit spielt, sicher nicht nur für mich, immer mehr eine Nebenrolle. Gestern realisierte ich erst lange nach dem Aufstehen, dass Samstag ist. Vorher war ich davon ausgegangen, wir hätten Mittwoch. Die Tage fühlen sich alle gleich an. Was auch immer sie einst voneinander unterschieden haben mochte (Wochenplanungssitzung am Montag, Yoga am Dienstag, Singprobe am Mittwoch, Vorstandstreffen am Donnerstag, Jassen am Freitag, Swingerclub am Samstag, Kirchgang am Sonntag), strich ein von blossem Auge unsichtbares Etwas über Nacht aus den Agenden von Millionen von Menschen.

Mit einer Freundin und einem Freund bummelte ich am Nachmittag der Emme entlang. Erleichtert stellten wir fest fest: Der Fluss, die Enten, die Bäume, die Sträucher – es ist noch alles da. Und wirkt ungleich schöner denn je. Bevor wir nach einer Stunde Unsfreuens auseinandergingen und uns vor den Bakterien versteckten, versicherten wir uns, dass das nicht unser letztes Ausflügli gewesen sei.

Es hatte sich angefühlt wie Miniferien. Es öffnete für uns einen Spalt in das Leben, das wir uns alle zurückwünschen (obwohl wir ahnen, dass wir es, zumindest in der uns vertrauten Form, nicht zurückerhalten werden) und ermöglichte uns, über viele kleine Naturwunder zu staunen, an denen wir im Februar achtlos vorbeigegangen wären. Es gab uns die Gelegenheit, mit anderen Menschen zu reden, Gedanken auszutauschen und zäme zu lachen.

Es tat, kurz gesagt, einfach gut; wie ein eisgekühltes Cola Zero an einem glutheissen Sommertag. Solche Erfrischungen stehen für uns nach wie vor bereit. Sie sind bis auf Weiteres allerdings nur in schnell geleerten Eindezigläschen zu haben.

Eigentlich machen die meisten von uns seit dem Lockdown am 16. März ja nichts anderes als das, was John Lennon (für die jüngeren Leserinnen und Leser: John Lennon war ein englischer Musikant, der es weit hätte bringen können, wenn er nicht am 8. Dezember 1980 erschossen worden wäre) auf seinem letzten Album „Double Fantasy“ besang: Sitting here watching the wheels go round and round.

Der Unterschied zu ihm ist einfach, dass wir höchstens noch in mondlosen Nächten um 2 Uhr in den Park gehen, damit uns niemand wegen fahrlässigen versuchten Massenmordes anzeigen kann, uns vor und nach dem Teigkneten die Hände chemisch reinigen, bald nur noch dank der Schilderungen unserer Vorfahren wissen, was ein Rummelplatz ist und keine Ahnung haben, wann wir das nächste Mal einen Strand sehen werden, und ob überhaupt je.

Die Hoffnungen darauf scheinen halbwegs intakt zu sein. An einer Medienkonferenz sagte Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit gestern: „Die schlimmsten Prognosen, die wie vor ein paar Wochen gemacht haben, sind nicht eingetreten.“

Ich verbuchte das sogleich als gute Nachricht, wunderte mich aber im selben Moment darüber, dass das Gehirn und das Gemüt sich offensichtlich schon mit sehr wenig zufriedengeben, um etwas positiv zu werten.

Schön ist auf jeden Fall: Im Haus gegenüber lebt ein Mann, der oft genau dann aus dem offenen Fenster schaut, wenn ich auf dem Balkon meinen Nikotinhaushalt regle. Ich weiss nicht, ob er alleine da wohnt oder ob seine Frau ihren Kopf erst nach dem Eindunkeln für ein paar Minuten ins Freie halten darf, aber das ist ja egal (ämu mir, der Frau vielleicht weniger).

Erst fiel uns nicht auf, dass wir häufig gleichzeitig das Bedürfnis nach einer kurzen Luftveränderung verspüren. Dann begannen wir, ein bisschen zu grinsen, wenn wir uns sahen. Inzwischen winken wir uns manchmal zu.

Wenn das so weitergeht (und das geht es, irgendwie, ja zweifellos), halten wir in vier oder fünf Wochen grosse Kartons mit unseren Vornamen hoch, um uns einander vorzustellen.

Hallo du!

Ganz geheuer sind sie einander noch nicht, die Alpacas beim Burgdorfer Gsteighof-Schulhaus und unsere Meite. Aber wenn wir mit Tess noch ein paar Mal am Gehege der Südamerikaner vorbeibummeln, sind sie bestimmt schon bald beste Freunde.