“And then – come back”

“So there you are across the seas
And here we are in Australia.

There you are exploring the world
And here we are in Australia.

With our Gumnur Babies and Banksia Men
The Possum, kangaroo and native hen.

Sea eagles soaring above the Hazards
Wattle birds, wombats and blue-tongue lizards.

A flotilla of yachts float in the bay
Warm sun on the sand, a blue summer’s day.

Dolphin’s leaping, gannets in flight
Southern Cross shining in the night.

There you are in a far, far land
And here we are in Australia.

So savour the world, drink your fill
And then –
come back home to Australia.”

(Dieses Gedicht schrieb die australische Autorin Molly Greaves (“Memoirs of Freycinet”) für ihren Sohn Mikal, als er zweieinhalb Jahre lang im Ausland lebte).

Weiter gehts

Es ist schon seltsam: Zuhause, in Burgdorf, kann ich immer bis 4 Uhr ausschlafen. Hier, in Tasmanien, erwache ich schon um kurz vor halb Drei.

Einmal schreckte ich aus einem Traum hoch, der inhaltlich alles zu Guetnachtgschichtli degradierte, was ich schon an in Blut marinierten und mit menschlichen Innereien garnierten Thrillern gelesen habe, 24 Stunden später drückte die Blase, gestern zankten sich auf einem Baum neben unserer Unterkunft zwei Kookaborras („Lachende Hanse“, wie der Lateiner sagt) in Metallica-Lautstärke, und jetzt sitze ich schon wieder zu dieser doch noch recht frühen Stunde auf der Terrasse vor unseren Häuschen in der Freycinet-Lodge an der Great Oyster Bay, lasse den Wind meine Locken verwuscheln, lausche dem Getier, das für mich unsichtbar durchs Unterholz kreucht und fleucht und den Fröschen, die nebenan quaken, und starre dabei irritiert auf den Kalender, der mir anzeigt, dass schon ein Drittel unserer Ferien Down Under vorbei ist.

Über eine Woche lang haben wir nun auf dieser Insel zwischen Australien und der Antarktis verbracht – und waren jeden Tag aufs Neue begeistert über den Reichtum an Tieren und Pflanzen, die wunderschönen Landschaften, die oft pittoresken, in jedem Fall aber sehr gepflegt wirkenden Örtchen und die ungekünstelte Freundlichkeit der Menschen, die hier leben.

Auch wenn Tasmanien mit seinen endlosen Hügelketten und den sich von irgendwo nach nirgendwo erstreckenden Buschgebieten auf den ersten Blick nicht übertrieben einladend wirken mag: Wer hierherkommt und bereit ist, sich auf dieses spezielle Land und seine selbstbewussten, naturverbundenen und chli knorrigen Bewohnerinnen und Bewohner einzulassen, fühlt sich auf Anhieb wohl und willkommengeheissen.

Wettermässig entsprach das Haben nicht ganz meinem Soll: Eigentlich hatte ich brütendheisse Tage und lauwarme Abende erwartet. Dem war nur bedingt so: Das Klima ähnelt plusminus jenem in einem normalen Schweizer Sommer. Sobald die Sonne weg ist, wirds sogar frisch bis an den Schlotterpunkt. Als wir gestern den East Coast Natureworld-Tierpark besuchten, fiel vom Himmel plötzlich Wasser auf die Tasmanischen Teufel, Kängurus, Strausse, Wombats und menschlichen Anwesenden.

Doch wenn ich mir auf Facebook zwischendurch anschaue, wie es aktuell zuhause aussieht und mir eine Freundin via Whatsapp zähneklappernd mitteilt, in Burgdorf sei es „arschkalt“, mussdarf ich sagen: Es gibt nichts zu klagen.

Morgen früh fahren wir von Coles Bay zurück nach Hobart, um den Flieger zu besteigen, der uns nach Brisbane an der australischen Ostküste bringen wird. Von dort fahren wir den Gästezimmern von Familienmitgliedern entlang in den Süden, wobei: „fahren wir“ trifft es nicht ganz. Am Steuer sitzt mein Schatz, während ich mich ums Musikalische kümmere und mit einem 50 Prozent-Pensum darum, dass unsere geistreichen Konversationen über Gott und die Welt im Allgemeinen und das grosse Ganze im Besonderen nie abreissen. Rock’n’Roll meets Immanuel Kant, während die Skyline von Sydney sich immer klarer am Horizont abzeichnet:

Wenn das nicht fägt – was dann?

Die Meite fühlt sich rudelwohl

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(Bilder: zvg)

Horis Rossfleisch, Nachbarinnen und Nachbarn, das Schloss, Familienmitglieder und Freunde, die Burgdorfer Altstadt, die Wohnung, die Emme und so weiter, und so fort: Es gibt, wie Drafi Deutscher zusammengezählt hat, nicht nur Millionen von Sternen, sondern auch mindestens ebensoviele Menschen, Orte und Dinge, die man hier, 13 000 Kilometer von zuhause entfernt, vermissen könnte (bevors Klagen im Sinne von „Du willst ja nicht ernsthaft behaupten, dass dir ein Pferdesteak wichtiger ist als ich?!?“ gibt: Die Reihenfolge ist völlig willkürlich), aber das einzige, was uns Down Under wirklich fehlt, ist…

…(anschwellender Trommelwirbel, Stockatmung im Publikum)…

…unser Hund.

Seit über einer Woche haben wir Tess nun nicht mehr gesehen – jedenfalls nicht live -, und es vergeht kein Tag (was sage ich: kaum eine Minute!), ohne, dass wir uns fragen, wie es unserer Meite wohl geht und was sie in diesem Moment ächt so macht.

Sie nach Tasmanien und Australien mitzunehmen, war für uns keine Option: Uns wollten wir den gigantischen Papierkrieg, den der Import eines Tieres mit sich bringen würde, ersparen, und Tess den Aufenthalt in einer Quarantänestation und die dreissigstündige Reise in den Frachträumen von Flugzeugen.

Also schauten wir uns beizeiten nach einem Plätzchen um, an dem wir sie für knapp einen Monat unterbringen können im Wissen darum, dass dort a) rund um die Uhr zu ihr geschaut wird und dass sie b) die Gelegenheit hat, nach Herzenslust mit Artgenossinnen und Artgenossen zu spielen (ich merke gerade: In meinem Unterbewusstsein, das offensichtlich fleissig mittippt, hat das Tschendergehyster schon Spuren hinterlassen; ich verwende neuerdings auch für Tiere die männliche und weibliche Form, um ja niemandem auf die Pfoten zu trampen).

Fündig wurden wir im Hundehort Rudel-Treff von Claudia d’Ignoti in Wynigen. Nach zwei, drei Testaufenthalten und einer Probeübernachtung war für uns klar, dass Tess dort so gut aufgehoben sein würde wie wir in unseren Unterkünften in Tasmanien und Australien.

In ihrem Feriendaheim wars Tess sofort pudel-, bzw. labradorwohl. Minuten, nachdem sie es zum ersten Mal betreten hatte, gehörte es samt dem Mobiliar und dem Aussengehege und der Chefin und allem ihr. Wenn wir sie abends abholten, war sie zufrieden und glücklich und vom Herumtollen total ausgepowert. Für uns stand fest: Wenn wir unser Mädel schon fremdplazieren müssen, dann hier, in diesem alten Haus, an dem auch Rocky Tocky seine helle Freude gehabt hätte (und Pippi Langstrumpf erst recht!).

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Dank des Umstandes, dass Claudia d’Ignoti die Aussenwelt mit schöner Regelmässigkeit via Facebook über das turbulente Treiben in und bei ihrer Pension auf dem Laufenden hält, sind wir dabei, wenn Tess mit ihren Kolleginnen und Kollegen (schon wieder. Ich muss das irgendwie abstellen) spazieren geht, herumblödelt, frisst, schmust und – auch das gibts zwischendurch offenbar – schläft.

Von unserem Bedürfnis, Tess, wenn auch nur virtuell, chli in der Nähe zu haben, profitiert nicht zuletzt die Swisscom. Loggten wir uns anfänglich nur in WLan-Netzen ins Internet ein, gehen wir unseren Gwundernasen folgend inzwischen auch hemmungslos online, wenn im Hintergrund der Gebührenzähler überlaut rattert.

Tess brauchts nicht zu kümmern, wenn wir ihretwegen immer näher an den Rand des Ruins surfen; wir ziehen ihr unsere Auslagen bestimmt nicht vom Futter ab, und falls es finanziell tatsächlich eng werden sollte, könnten wir ja immer noch das Auto verkaufen, unser Hab und Gut versteigern und in eine Sozialwohnung umziehen.

Was uns wirklich umtreibt, ist die Frage, was am Morgen des 26. Dezember passieren wird. Dann möchten wir sie in Wynigen “ga reiche”, wie der Ämmitauer sagt (und die Ämmitauerin auch, aber das habe ich jetzt extra nicht geschrieben; ich mache Fortschritte). Nur: Vielleicht hat sie sich bis dann dermassen an ihr Paradiesli gewöhnt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden mag, ins Leben B zurückzutrotten.

Unsere Befürchtungen kommen nicht von ungefähr. Wer schon mit Tess zu tun gehabt hat, weiss: Wenn sie etwas will – oder, eben: nicht will -, kann sie sehr, sehr stur sein.

Zeitstillstand

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Freycinet Lodge: So lautet unsere Adresse in Tasmanien, seit wir Hobart vor drei Tagen verlassen haben.

“Freycinet” klingt ähnlich wie “Freixenet”, doch unser Hotel hat mit dem Wein nichts zu tun. Der Name “Freycinet” stammt der Legende zufolge von einem Schweizer Missionar namens Joseph “Sepp” Frey, der diesen Teil der Insel in der Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte. Weil er die Eingeborenen – anders als viele seiner Berufskollegen – überaus nett behandelte, nannten sie ihn irgendwann “Freycinet”.

Was es mit dem “ci” zwischen “Frey” und “net” auf sich hat, ist unklar. Genau genommen, weiss ich sowieso nicht, ob die Geschichte stimmt. Sie ist mir soeben eingefallen, aber irgendwie, finde ich, klingt sie mindestens ebenso einleuchtend wie jene, mit der Stephen King, der grosse Horrorautor, einst begründete, wieso alle Menschen ein Grübchen zwischen der Oberlippe und der Nase haben. Seiner Ansicht nach verfügen ungeborene Kinder über das komplette Wissen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Doch kurz, bevor sie zur Welt kommen, besucht sie ein Engel. Er sagt leise “pssst” – und drückt ihnen dabei ganz, ganz sanft einen Zeigefinger auf den Mund. Das Wissen verschwindet – das Grübchen bleibt.

Bleiben tun auch mein Schatz und ich an diesem paradiesischen Ort, und zwar sehr gerne, und noch bis Samstag. “Time stands still and your cares will wash away from the moment you arrive”, schreiben die Chefs des Hotels auf ihrer Website, und ehrlich gesagt: Sie übertreiben damit kein bisschen.

24 Stunden am Tag und auch am Abend geniessen die Gäste einen atemberaubenden Blick auf die Great Oyster Bay an der tasmanischen Ostküste. Gleichmütig und sanft plätschern die Wellen an das mal steinige und mal sandige Ufer. Vom Meer her weht ein laues Lüftchen, in den Sträuchern und Bäumen zwitschern Vögel, und wer mitten in der Nacht erwacht und aus dem Bett steigt, um auf der Terrasse seines holzverkleideten Einzimmerhäuschens auf den Morgen zu warten, hört ununterbrochen kleine Tiere durch das Gestrüpp wieseln.

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(Bild: Schatz)

Etwas abseits der Anlage, an einer Brätlistelle in einem Wäldchen, beobachteten mein Schatz und ich gestern Abend zwei Opossums, die mit grossem Eifer nach Essensresten suchen. Kurz zuvor hatten wir in der Nähe des Strandes ein Wallaby gesehen. Nachdem es uns eine Weile lang neugierig beäugt hatte, hoppelte es davon. Das kleine Känguru lief uns noch zwei, drei Mal über den Weg (oder umgekehrt), dann verschwand es im Dunkel der Nacht.

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Heute gings mit uns steil obsi: Nach einem knapp einstündigen Marsch durch die Hazard Mountains im Freycinet Nationalpark genossen wir um die Mittagszeit herum die einzigartige Aussicht auf die Wineglass Bay. Inzwischen sind wir wieder zurück in der Lodge – aber nicht für lange: Sobald die Sonne im Meer versunken ist, gehen wir nachschauen, was unsere neuen Freunde im Busch so treiben.

Klorigami

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Segelschiffli, der Taj Mahal, die entscheidenden Szenen der Schlacht von Waterloo: Wenn es darum geht, Hotelgästen, die zum ersten Mal das WC in ihrem Zimmer aufsuchen, ein entgeistertes “Läck! Komm mal ins Bad! Das musst du dir anschauen!” zu entlocken, ist den für das Toilettenpapierdesign zuständigen Facility-Mangagerinnen kein Aufwand zu gross.

Der Rohstoff für ihre Origami-Orgien stammt aus einer abgelegenen Ecke des Amazonas-Urwaldes, wo Heerscharen von barfüssigen chinesischen Zweitkindern rund um die Uhr Bäume auf den Tausendstel Millimeter präzise plattstampfen. Dass zum Falten nur fast transparentes Papier verwendet wird, hat laut Silvie von der Rolle, der Medienreferentin des Branchenverbandes „Kloho!“, einen einfachen Grund: „Damit geht es am besten.“

Bei allem Verständnis für die kreativen Anliegen des Herbergenpersonals: Die Endverbraucher rufen immer lauter nach mehrlagigem Material, um sich auch nach intensivsten Sitzungen von der besten Kehrseite zeigen zu können. Ob das Papier den Eifelturm oder die Freiheitsstatue darstellt, sei für ihn “von sekundärer Relevanz”, sagt ein Banker, der viel Zeit in Hotels verbringt. “Für mich zählt nur, dass ich meine Geschäfte auf eine saubere Art und Weise abschliessen kann.”

Mit ultradünnem Toilettenpapier, „das schon beim Anschauen reisst“, sei ihm das nicht möglich – im Gegenteil: „Das Festhalten an der Einlagentechnik zwingt mich dazu, auch für den kleinsten Scheiss kilometerweise Papier zu vergeuden, das die Menschheit sicher noch für Gescheiteres verwenden könnte.“

Wobei: Wenn – nur einmal angenommen – eine Seafoodbeiz zwischen Hobart und Coles Bay von einer Buslandung Japaner gestürmt wird, die Sekunden später drängelnd und nörgelnd den ganzen Betrieb durcheinanderbringen, und man nach einem Weg sucht, sich ein bisschen an den Hopplajetztkommich-A…siaten zu rächen, gibt es wenig Naheliegenderes, als sich in der einzigen Toilette des Lokals mit dem letzten WC-Papier so lange die Brille zu putzen, die Nase zu schneuzen und so weiter und so fort, bis nur noch der blanke Karton übrig ist.

Dann verlässt man das Örtchen im beruhigenden Wissen darum, dass in absehbarer Zeit eine der Nervensägen mit heruntergelassenen Hosen auf der Schüssel festsitzt und sich zähneklappernd fragt, wie lange seine Mitreisenden wohl auf ihn warten und wenn ja, was sie sagen werden, wenn sie merken, dass mit ihm in hygienischer Hinsicht etwas hinten und – je nach Konsistenz und Menge – auch vorne nicht stimmt.