Toller Serswiss

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Am späten Abend des 19. Dezember letzten Jahres standen wir am Check-in im Flughafen von Maskat. Wir hatten all unser Ferienhabundgut in einem einzigen Koffer verstaut, der nicht ganz 30 Kilogramm wog, und dachten, das sei schon in Ordnung so. Immerhin sind pro Gepäckstück erfahrungsgemäss 20 bis 25 Kilo erlaubt. Ein Fall von Übergewicht lag nach unserem Dafürhalten folglich nicht vor; jedenfalls nicht, was den Koffer betraf.

Aber oha: Der Herr am Swiss-Schalter sagte, das gehe nicht, bzw., das koste zusätzlich, bzw., wir könnten uns “dort hinten” gerne Schachteln besorgen und neu packen.

Letzteres, sagte ich, komme nicht in Frage, worauf der Herr ungerührt antwortete, dann mache das 60 omanische Rial oder rund 150 Franken. Zähneknirschend zückte ich unsere Kreditkarte.

Während wir auf unseren Abflug warteten, schrieb mein Schatz noch vor Ort eine Mail an die Swiss, um sich freundlich über den ebenso unerwarteten wie happigen Aufpreis zu beschweren.

Zurück in der Schweiz, berichtete ich Martin Hintermann, dem Inhaber des Reisebüros unseres Vertrauens, von dem Zwischenfall. Sein Erstaunen hielt sich in Grenzen: “Das mit dem Gepäck hat ziemlich geändert”, liess er mich wissen. “Einige Airlines erlauben einen Koffer mit 30 Kilo, andere gar kein Gepäck oder nur gegen Bezahlung. Bei den meisten aber gilt die Regel: 1 x 23 Kilogramm Aufgabegepäck.” Er sei, schloss er, “gespannt, ob die Swiss zurückschreibt”.

Das tat sie. Heute – drei Wochen später – teilte uns Kristina Grell vom Swiss-Kundendienst Folgendes mit:

“Ich bedaure, dass auf Ihrer Reise mit Swiss Unklarheiten bezüglich unserer Gepäckbestimmungen aufgetaucht und Ihnen deshalb Mehrkosten entstanden sind und möchte mich im Namen von Swiss in aller Form für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldigen.

Die erlaubte Freigepäckmenge richtet sich nach Ihrem Reiseziel, Ihrem Miles & More-Status und der von Ihnen gewählten Buchungsklasse. In Ihrem Fall durften Sie daher pro Person jeweils 1 Gepäckstück à 23 Kilogramm mit sich führen. Gepäckstücke, die grösser oder schwerer sind, werden kostenpflichtig als Übergepäck transportiert. Wird die Anzahl der kostenlosen Gepäckstücke überschritten, fallen für jedes zusätzliche Gepäckstück Gebühren an.

Unsere Freigepäcklimiten gelten pro Person, weshalb es bedauerlicherweise nicht möglich ist, bei zwei Passagieren mit nur einem Gepäckstück die Übergepäcksgebühr fallen zu lassen. Daher wurde die von Ihnen in Maskat bezahlte Gebühr korrekt berechnet. In Zürich hätte diese korrekterweise ebenfalls berechnet werden müssen.

Gerne würde ich Ihnen in diesem speziellen Fall die erwähnten Kosten in Höhe von 152 Franken (entspricht 58 omanischen Rial) ohne Anerkennung einer Rechtspflicht erstatten. Hierfür würde ich Sie bitten, mir Ihre Bankdetails zu senden.

Gerne erwarte ich Ihre Antwort und stehe Ihnen bei weiteren Fragen jederzeit persönlich zur Verfügung.”

Wir sagen nur “potz, potz” – und Dankeschön!

Kaum zu glauben, aber wahr

Es ist schon wahnsinnig: Über 30 Jahre, nachdem sie mit Abba zum letzten Mal auf einer Bühne stand, und 40 Jahre nach “Waterloo” trat Agnetha Fältskog an einer von der BBC ausgerichteten Gala für Kinder in Not wieder einmal live auf. Mit Gary Barlow, dem Ex-Sänger von Take That, sang sie das von ihm für sie komponierte “I should have followed you home”…und sorgte nicht nur beim Publikum in der Halle, sondern ganz bestimmt auch bei Millionen von TV-Zuschauern und Fans, die den rührenden Auftritt im Internet mitverfolgten, für Hühnerhaut.

Die Stimme, die Augen, die Bewegungen und, vor allem: diese Ausstrahlung – “die Blonde von Abba” hat sich in all den Jahren kein bisschen verändert, sieht man einmal von ein paar Fältchen im Gesicht ab. Aber die stören nicht, ganz im Gegenteil. Sie machen die 63-jährige Frau – falls das überhaupt möglich ist – nur noch sympathischer.

“Cant’t believe it’s really you”, singt Barlow zum Einstieg. Es ist tatsächlich kaum zu glauben, dass sie es ist. Aber glücklicherweise wahr.

(Und ja, ich weiss: Das alles ist jetzt auch schon wieder ein Jahr her. Nur: Ich freue mich darüber halt immer noch wie ein kleines Kind.)

Oh là là!

Frisch pensioniert und ein bisschen frustriert: Das ist Caroline, eine ehemalige Zahnärztin an der französischen Kanalküste. Damit sie ihren Ruhestand mit etwas Sinnvollem ausfüllen kann, schenken ihre Töchter ihr einen Schnupperkurs beim Senioren-Freizeitclub “Die schönen Tage”. Dort kommt Caroline schnell Julien, dem sehr viel jüngeren Informatik-Lehrer näher, und…

…einen herzigeren Film haben mein Schatz und ich seit Langem nicht genossen. Falls er wieder einmal am TV zu sehen sein sollte: unbedingt einschalten!

(Eine ausführlichere Kritik findet sich hier.)

Zurück in den Alltag

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Langenthal, in der Marktgasse, am Samstag, 4. Januar, nachmittags: Nieselregen wäscht den Schnee von der Strasse. Menschen hasten von Laden zu Laden, als ob ihre letzten Einkäufe schon Wochen zurückliegen würden. Mein Schatz und ich sitzen mit einem befreundeten Paar in einem gemütlichen Café. Entspannt unterhalten wir uns über Weihnachten, Silvester und die Ferien und schmieden Pläne für die nähere Zukunft.

Auf dem nassglänzenden Boden vor dem Lokal liegt, von niemandem beachtet, eine zerbrochene Christbaumkugel. Keine zwei Wochen ist es erst her, dass sie in einer Stube oder in einem Schaufenster, von Kerzenlicht oder kleinen Spots beschienen, dazu beitrug, Adventsstimmung zu verbreiten. Spätestens am Montag wird ein Mitarbeiter der städtischen Reinigungsequipe sie aufheben und hinten in den Ghüderwagen werfen. Zur selben Zeit werden in den Büros landauf und -ab die Computer hochgefahren und erste Besprechungen abgehalten. Dann sind die Feiertage endgültig vorbei.

Nach allen Regeln der Kunst

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“Grenzen wurden überschritten und verschoben, Werte deklamiert und gleich wieder verraten, Fakten geschaffen, ohne die Folgen zu bedenken”, schrieb Markus Spillmann, der seit zwei Tagen ehemalige Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, zu seinem Abschied von der “alten Tante”.

Was er damit meinte, war klar: Er erinnerte zum Beispiel an die von der “Schweiz am Sonntag” losgetretene Selfie-Affäre um den Badener Stadtpräsidenten Geri Müller, die in der “Weltwoche” veröffentlichte Koran-“Analyse” des Satirikers Andreas Thiel, den vor allem vom “Blick” mit einer Endlos-Serie am Köcheln gehaltenen “Carlos-Skandal” oder, vielleicht, auch an die von seiner eigenen Zeitung öffentlich vorgeführte Sekretärin im Bundeshaus.

Journalisten, führte Spillmann aus, käme nach wie vor und mehr denn je “eine besondere Bedeutung zu”, denn “sie schaffen Ordnung, wo Chaos herrscht, leuchten aus, wo es dunkel ist, trennen Relevantes vom Unsinn – und sie bieten Orientierung in einem Meer des Belanglosen und Vorgefassten”.

Ungefähr zu der Zeit, in der Spillmann seine Betrachtungen in den Computer tippte, vermeldete das Innerschweizer Onlineportal “zentral+”, dass eine verheiratete Zuger Politikerin von einem mit ihr befreundeten Zuger Politiker nach einer Feier am 20. Dezember “möglicherweise mit K.O.-Tropfen betäubt” und sexuell missbraucht worden sei.

Schon zwei Tage zuvor seien sich die beiden an einem anderen festlichen Anlass “sehr nahe gekommen”, berichteten die internetten Rechercheure, sabbernd vor Enthüllungseifer, weiter. Als Quellen dienten ihnen anonyme Partyteilnehmer, die angaben, sie hätten die beiden “knutschend im Gang vor der Toilette” gesehen und “in einem Nebenraum beim Sex erwischt”

Um wen es sich bei der Frau und dem Mann handelt, schrieb das Online-Portal nicht. Doch wer Genaueres wissen wollte, brauchte nicht lange auf Aufklärung zu warten: Tags darauf präsentierte der “Blick” das mutmassliche Opfer und den möglichen Täter mit vollen Namen; im ganz bestimmt ehrlichen Bemühen darum, Verwechslungen vorzubeugen und Missverständnisse auszuschliessen, zeigte das Boulevardblatt auch ein Bild der Frau.

Daraufhin barsten in zig anderen Redaktionen alle Hemmschranken: Das Gratisheftli “20minuten” liess sich die knackige Story ebensowenig entgehen wie die renommierte “Die Welt”. Bedenken wegen ihres Wahrheitsgehaltes schienen nicht angezeigt. Schliesslich hatte Fridolin Luchsinger, der Chefredaktor des “Blick”, gegenüber “zentral+” versichert, seine Leute hätten den Fall «nach allen Regeln der Kunst ausrecherchiert».

“Nach allen Regeln der Kunst” scheint für Luchsinger allerdings ein dehnbarer Begriff zu sein: Die Politikerin wurde von der Redaktion laut “zentral+” nicht um eine Stellungnahme gebeten. Hätte der “Blick” bei ihr nachgefragt, wäre die Geschichte um das eine und andere pikante Detail ärmer geworden: Dann hätte die Politikerin darlegen können, dass sie an der Feier, an der das angebliche Techtelmechtel mit dem Politiker seinen Anfang nahm, gar nicht zugegen gewesen sei und von “Knutschen im Gang” und “Sex im Nebenraum” weder die Rede noch die Schreibe sein könne.

Wie die als Opfer abgestempelte und als Schlampe diskreditierte Politikerin und dreifache Mutter ihre Feiertage verbracht hat? Niemand weiss es (und niemanden geht es etwas an). Der angeschuldigte Politiker seinerseits sass eine Nacht lang in Untersuchungshaft und verschwand anschliessend in die Ferien ins Ausland. Gegen ihn wird wegen “Handlungen gegen die sexuelle Integrität” vorermittelt.

Ordnung schaffen, wo Chaos herrscht, ausleuchten, wo es dunkel ist, Relevantes vom Unsinn trennen – und Orientierung in einem Meer des Belanglosen und Vorgefassten bieten: Das sind laut dem über Nacht abgesetzten NZZ-Chef die hehrsten Gebote für ernstzunehmende Journalisten. Markus Spillmann wird gewusst haben, wieso er sie seinen Kolleginnen und Kollegen bei seinem Abgang noch einmal in Erinnerung rief.

Aber kaum ernsthaft daran glauben, dass sich alle daran halten.

Nachtrag 2. März: Blut- und Haaranalysen ergaben, dass bei dem Techtelmechtel keine K.O.-Tropfen im Spiel waren.