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Month: June 2010

Das Monster am Fenster

Bisher kam sie nur in den Abendstunden vorbei,  um vor einem meiner Fenster wie ein schnurloses Jojo auf und ab zu schweben und helmutkohlmässig vor sich hinzubrummen.

Aber heute ist die Hornisse schon am frühen Morgen da. Vielleicht will sie nur wissen, ob in meiner Wohnung alles in Ordnung ist. Vielleicht hat sie sich aber längst ausgerechnet, dass der Typ da drin als Vorrat bis weit in den Winter hinein reichen würde und fragt sich in diesem Moment, ob sie genügend Gift intus habe, um ihn mit einem gezielten Stich in die Halsschlagader zu töten.

Hinein kam sie erst einmal. Als ob sie zuviel getrunken hätte, sauste sie in einem merkwürdigen Zickzackflug unter den alten Holzbalken und hinter dem Sofa durch. Dann flog sie hoch auf die Galerie, wo mein Bett steht. So gelassen wie möglich schaute ich ihr bei ihrem Erkundungsflug zu. In der Sonntagsschule hatte ich gelernt, dass jedes Tier seine Daseinsberechtigung hat. Also , dachte ich mir, wird auch diese Hornisse für etwas gut sein. Abgesehen davon warten in ihrem Nest bestimmt ein lieber Mann oder eine tolle Frau und herzige Kinder auf sie. Und wie sang schon Bob Marley? “Let’s get together and feel alright.”  

Doch dann musste ich aufs WC. Als ich nach zwei oder drei Minuten wieder herauskam, war sie nicht mehr zu sehen. Und nicht mehr zu hören. 

Erst dachte ich: schön. Sie ist weg. Doch dann flüsterte in meinem Hinterkopf eine leise, aber unüberhörbare Stimme: “Täusch dich nicht, mein Lieber. Sie ist nach wie vor in der Wohnung. Du kannst sie nur nicht sehen. Sie hat sich versteckt. Sie wartet. Auf dich.”

Das mit dem “feel alright” hatte sich damit erledigt. Der Gedanke, dass irgendwo in meiner Wohnung eine Hornisse mit geladener Waffe darauf wartet, mich hinterrücks zur Strecke zu bringen, klebte für den Rest des Abends wie Sirup in meinen Gehirnwindungen. 

Haie sterben, wenn sie sich nicht bewegen. Wie ist das bei Hornissen? Wie lange kann eine Hornisse reglos dasitzen, ohne wegen Sauerstoffmangels bleibende Schäden zu riskieren? Wobei: Welche Rolle spielt es für das Opfer, ob sein Killer einen Schaden hat oder nicht?

Falls mich jemand beim Schlafengehen beobachtet haben sollte, dürfte er sich Gedanken gemacht haben, die sich kaum von einer forensischen Diagnose unterscheiden. Wie ein kleines Kind, das in den Kleiderschrank guckt, um sicherzugehen, dass darin auch heute Abend kein Monster sitzt, das sich mit seinen nadeldünnen gefletschten Spitzzähnen aufs Lichterlöschen freut, schaute ich hinter dem Schäftli und – ja – unter beiden Decken und Kissen nach, ob das Vieh vielleicht…aber es war nicht. Es dauerte trotzdem ein Weilchen, bis ich im insektenlosen Traumland angekommen war.

Und jetzt, eben: Seit einer halben Stunde möchte ich am Fenster eine Zigarette rauchen. Aber solange sie da ist, lasse ich das schön bleiben.

Zu ihren Gunsten gehe ich jetzt einfach einmal davon aus, dass Hornissen genau dafür geschaffen wurden: um die Menschen vom Rauchen abzuhalten.

Geburt eines Gerüchts

Am Samstag war in der Berner Zeitung diese Geschichte zu lesen.

Es ging um einen Burgdorfer Stadtrat, der im Parlament behauptet hatte, der Winterdienst trage möglicherweise eine Mitschuld am tödlichen Unfall einer Velofahrerin. Nachdem die BZ seine These durch Rückfragen bei der Kantonspolizei und einem Wetterdienst widerlegt hatte, zog der Politiker seine Aussage Ende Woche zurück und entschuldigte sich dafür nach allen Seiten.

Tags darauf, am Sonntagmorgen, sitzt ein älteres Paar bei Kaffee und Gipfeli vor dem Chrigu-Beck. Sie liest die Zeitung . Auf einmal fragt sie ihn: “Hast du das auch gelesen, von diesem Politiker?”

Er: “Der, der scheints fast eine Velofahrerin zu Tode gefahren hat? Ja; habe ich gestern schon gesehen.”

Sonne und Schatten

 

Steve Lukather aus Los Angeles gings prächtig. Auf Facebook liess der Gründer, Gitarrist und Teilzeit-Sänger von Toto seine Freunde alle paar Tage wissen, dass er mit seinem Solo-Album flott vorankomme und dass die Proben für die bevorstehende Toto-Tournee – die die Band am 15. Juli auch nach Locarno führen wird – das reinste Vergnügen seien (“it is already sounding amazing. It will be alot of fun”). Den Vatertag beging er am Wochenende in seiner Heimat im sonnigen Kalifornien mit seiner Familie, die ihm mehr bedeutet als alle goldenen Schallplatten und ausverkauften Stadien zusammen.

Ein Leben wie im Paradies, konnte man meinen.

Und dann, heute Morgen: “The world lost a great woman today. My Mom.”

Ätsch, ein Bätsch

Da sind die Presseausweise für das Berner Kantonalturnfest 2010 in Utzenstorf, Kirchberg, Bätterkinden und Koppigen. Tja.

Mit einem möglichst auffälligen Badge am Hals eine Veranstaltung besuchen zu können: das ist für manche Jungjournalisten das Boaheyplusultra. Dabei gilt: je prestigeträchtiger der Anlass, desto besser. Ans Folkfestival der örtlichen Pfadiabteilung schafft es mit einem Notizblock in der Hand jeder gratis. Nur erhält er dann nicht eine sorgfältig verschweisste und aufwändig gestaltete Kunststoffkarte zum Umhängen, sondern höchstens ein buntes Bändeli fürs Handgelenk, das kein Mensch sieht. Also kann er genausogut Eintritt bezahlen. Oder das Festival Festival bleiben lassen. Das wäre vermutlich die schlauste Variante. Denn wenn er seinen Kollegen am Montag erzählt, er habe den Samstagabend als falscher Reporter bei den Pfadern verbracht, kommt er unter Umständen nicht ganz so cool rüber, wie er vielleicht meint.

Wer sich aber, zum Beispiel, für das epochale Pink Floyd-Konzert akkreditieren wollte, das am 7. August 1994 in Basel über die galaktisch dekorierte und ausserirdisch beleuchtete Bühne des St. Jakob-Stadions ging, musste sich schon etwas mehr einfallen lassen.

Wobei: nein. Stimmt nicht. Ein Ampère krimineller Energie genügte.

Der Typ, der an jenem für alle Zeiten unvergesslichen Abend mit umgehängtem Badge durch die monumentalen floyd’schen Klanggebilde schlurfte, hatte sich gegenüber der Konzertveranstalterin per Fax als langjähriger freier Journalist ausgegeben, der seinen Bericht anschliessend verschiedenen Zeitungen anbieten würde. Tatsächlich war er fest angestellt beim Wynentaler Blatt, das weder über eine eigene Kulturseite verfügte noch über sonst ein Gefäss, in dem Pink Floyd oder eine beliebige andere Band dieser Grössenordnung hätte abgehandelt werden können. Aber das brauchte die Hüterin der Pressepässe nicht unbedingt zu wissen. 

Nachzuprüfen, ob die Angaben stimmen, hätte sie Tage gekostet: Das Internet mit all seinen Suchmöglichkeiten steckte noch schwer in den Kinderschuhen. Und bei allen Schweizer Zeitungen anzufragen, ob sie tatsächlich einen Herrn Sowieso als Rockkritiker beschäftigen, hätte das Zeitbudget der Medienverantwortlichen gesprengt. Auch wenn sie sich auf die Deutschschweizer Zeitungen beschränkt hätte (oh ja, liebe Kinder: damals gab es in jedem Kanton zwei oder mehr Tageszeitungen. Man musste sie bezahlen. Aber an Geld war kein Mangel: Die Menschen schossen sich ihr Essen selber. Und in ihren Hütten wohnten sie mietfrei, sofern sie sie eigenhändig auf die Pfähle im Wasser gehievt hatten).

Auf diese Weise mogelte sich der anonsten überaus korrekte und sehr sympathische junge Mann als hochgeschätzter, freundlich willkommen geheissener und oft fürstlich bewirteter Vertreter der schwarzen Kunst kostenlos von Grossveranstaltung zu Grossveranstaltung, ohne später auch nur eine Zeile darüber zu schreiben: Tina Turner, Stephan Eicher, Marillion, Supertramp, Chris de Burgh, Iron Maiden, Joe Cocker, Asia, Saga, Deep Purple, Jimmy Cliff, Nazareth, Rainhard Fendrich, Eric Clapton, Climax Blues Band, Gölä, Uriah Heep, Bap, Meat Loaf, Mike & the Mechanics und so weiter und so fort…es funktionierte immer. Fast immer; im In- und Ausland. Auch auf sportlicher Ebene: Cupfinal in Bern, Sixdays in Zürich, Autorennen in Hockenheim, Superzehnkampf der Schweizer Sporthilfe, Europacup-Halbfinale zwischen Bayern München und Milan in der gemütlichen Zweier-Kommentatorenkabine unter dem Dach des Olympiastadions – kein Problem.

Absolute Höhepunkte waren: 

– das Openair-Festival in Arbon 1987 mit den gerade von ihrer triumphalen “Headhunter”-Tour durch die USA zurückgekehrten Krokus, Rory Gallagher, den Böjuer Wild Hearts und vielen anderen,

– das Out in the Green-Festival in Frauenfeld 1991 mit den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, The Beach Boys, John Lee Hooker, Vaya con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Manfred Mann’s Eartband, Mothers Finest, den Toten Hosen und der Little River Band…

…Moment: Ich muss mir kurz die Tränen wegwischen; ich sehe nicht mehr bis zum Bildschirm…

…sowie

– das Eidgenössische Schwing- und Älperfest in Olten; vor x hunderttausend TV-Zuschauern sass der kleine Badge-Betrüger beim Schlussgang zwischen Forrer Arnold und Abderhalden Jörg direkt am wichtigsten Sägemehlring der Welt.

Doch irgendwann wurde es ihm zu blöd. Einerseits hängten die Veranstalter die Akkreditierungshürden immer höher. Andrerseits sah er an derlei Anlässen mit wachsender Empörung zunehmend Leute, die sich mit auf obskuren Wegen ergatterten Pressebadges grossartig als Journalisten ausgaben, aber nicht im Traum daran dachten, für den Gratiseintritt samt Wein und Bier und Schinkengipfeli und allem auch nur ein Minimum an Schreibarbeit zu leisten.

Mit diesem Pack wollte er nichts mehr zu tun haben. Und schwor sich, ab sofort artig für die Tickets zu bezahlen. Wenn sein muss und ihn die Band interessiert: auch am Folk-Abend der Pfader.

Lieb und zu teuer

Liebes GA

Machen wir uns nichts vor: Unsere Beziehung basierte von Anfang an auf reiner Berechnung. Die grossen Sentimentalitäten können wir uns also schenken.

Als ich in Solothurn lebte, lohnte es sich für mich sehr, dich immer in meiner Nähe zu haben: Fr. 4.60 x 2 x 4 x 4 x 12 macht Fr. 1’766.40. Dazu kamen immer wieder Fahrten zum Schatz nach Zug, zu den Lieben im Aargau und andere Ausflüge, so dass sich die 3100 Franken, die ich vor knapp einem Jahr in dich investiert habe, schnell auszuzahlen begannen.

Aber jetzt, wo ich in Burgdorf wohne, brauche ich dich nicht mehr. Am 22. Juni läuft deine Zeit ab. Den Brief, mit dem mich die SBB dazu ermuntern wollte, unser Verhältnis zu verlängern, habe ich weggeworfen.

Sicher: Wir hatten, um es mir diesen Deutschen zu sagen, von denen nachvollziehbarerweise kein Mensch mehr spricht, ‘ne geile Zeit. Es ist ein tolles Gefühl, einfach in den nächstbesten Zug oder Bus oder ins Tram zu steigen oder spontan ein Schiff zu entern, ohne sich vorher um ein Billet kümmern zu müssen. In den zwölf Monaten unseres Zusammenseins hast du mich nur einmal hängen lassen: Als ich auf die Kleine Scheidegg fuhr, zu Frau Utiger und den anderen, sagte der Kondi, mit dir könne er nichts anfangen. Ansonsten: kein Grund zur Klage. Ich spürte dich nicht, wusste aber jederzeit, dass du für mich da bist.

Trotzdem ist es jetzt, um es mit diesem Italiener zu sagen, von dem begreiflicherweise ebenfalls niemand mehr redet, time to say goodbye.  Du bist mir zwar immer noch lieb, aber zu teuer geworden.

Deshalb beende ich unsere Beziehung demnächst so, wie ich bisher noch keine Beziehung beendet habe: Ich schneide dich einfach in Stücke.

Vom Radar verschwunden

Wenn uns jemand gefragt hätte, was wir seien, hätten wir gesagt: “So etwas wie Freunde”.

Ohne viel gemeinsam zu haben, hockten wir ständig zusammen. Immer um 11 und spätestens um 17 Uhr wieder trafen wir uns im Reinacher “Löwen” oder im Pfeffiker “Bären”. Stundenlang liessen wir uns über die da oben aus, die denen hier unten das Leben immer schwerer machen.

Das Thema aller Themen war die Aargauer Kantonspolizei mit ihren Promillekontrollen. Wer das Billet abgeben musste, war der Held.

Was uns verband, war die Möglichkeit, uns nach Belieben aus dem Geschäft ausklinken zu können und – aber das hätte keiner je zugegeben – eine innere Leere, die sich am besten mit Bier füllen liess; Tag für Tag. Abend für Abend. Woche für Woche. Jahr für Jahr.

Aber gegen aussen hatten wir alles im Griff. Wir hätten jederzeit aufhören können, miteinander die Welt in Ordnung zu diskutieren und nebenbei halt noch das eine oder andere Glas zu trinken. 

Nur wollten wir nicht.

Im Sommer 1996 sass ich zum letzten Mal in der Runde. Als ich nach Freiburg wegzügelte, versprachen alle, mich in der Westschweiz besuchen zu kommen. Daraus wurde, was schon beim Abschied jedermann wusste, nichts.

Einen einzigen meinen Stammtischbrüder habe ich nach x Jahren wiedergesehen, als ich im “Bären” auf das Zügli nach Aarau wartete. Das erste, was er wissen wollte, war, ob ich wieder autofahren dürfe. Ich zahlte und ging. Ein anderer rief eines Nachts an, um mich lallend etwas über Johnny Cash zu fragen.  

Einige meiner früheren Kollegen sind inzwischen verstorben. Über Tote nichts Schlechtes; natürlich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die hinterbliebenen Gattinnen endlos weinten. Die meisten Tränen dürften sie vergossen haben, als ihre Männer noch lebten.

Was die anderen machen, weiss ich nicht. Sie sind, wie von einem schwarzen Loch verschluckt, von meinem Radar verschwunden. In der Zeit, die seit unserem letzten Bier vergangen ist, hat sich mein Umfeld fast von alleine rundumneuert. Es ist kleiner geworden und setzt sich nicht mehr aus Menschen zusammen, für die der Schein mehr zählt als das Sein. 

Vor allem aber besteht es jetzt aus Leuten, die nicht “so etwas wie” Freunde darstellen. Sondern aus Menschen, die Freunde sind.

Und deshalb bleiben.

Dinner for six, two, three, two, one

Einen schönen Teil des Wochenendes verbrachten mein Schatz und ich in verschiedenen Läden und in der Küche. Wir hatten ziemlich Grosses vor: Indisch in mehreren Gängen für sechs Personen. Am Sonntag ab 10 Uhr standen wir am Brett und am Herd und schnippelten und schnetzelten uns einen ab für den Besuch, der um 17 Uhr eintrudeln sollte.

In dem Moment, als wir die Sau und das Schaf in die Pfanne hauen wollten, meldete sich der Geburtstag feiernde Hauptgast krankheitshalber ab. So hatte die ganze Einladung natürlich keinen Sinn mehr. Sämtliche Versuche, ersatzweise Bekannte und Verwandte kurzfristig aufzubieten, scheiterten aufgrund längst fixierter Sonntagabendprogramme.

Auch mein Brüetsch winkte ab. Doch nachdem ich ihn per Handybild darauf hingewiesen hatte, was er alles verpassen würde und ihm versicherte, er könne Deutschland-Australien auch in unserer guten Stube sehen, sagte er zu. Also deckten wir wieder auf und kochten voller wiedererwachter Vorfreude weiter.

Das Fleisch war noch nicht richtig angebraten, als sich mein Bruderherz live von der Autobahn meldete: Er stehe wegen eines Unfalls im Stau und komme bis auf Weiteres nicht vorwärts und wenn, dann nur im Schritttempo über den sintgefluteten Asphalt. Kurz: Wenns uns nicht allzuviel ausmachen würde, nähme er am Liebsten die nächste Ausfahrt, um sich über Nebenstrassen zu sich nach Hause durchzuschlagen.

Natürlich machte uns das nichts aus. Wir kochten fertig, tischten auf…und waren unerklärlicherweise satt, bevor wir richtig mit Essen begonnen hatten. 

Ein Gutes hat die Sache: Chantal und ich können jetzt ohne jeden Aufwand bis Ende Woche Indisch schlemmen.