Die neue Virklichkeit (I)

Hello, hello, hello…is there anybody out there?„: Hofstetters Blick auf die Hofstatt am Tag 1 danach.

„Der Bundesrat hat heute entschieden, die Situation als ausserordentliche Lage zu erklären“: 15 Stunden sind vergangen, seit die Landesregierung verkündete, dass wegen des Corona-Virus sämtliche Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe bis vorerst am 19. April 2020 geschlossen würden.

Nach Barcelona, Mailand, Paris oder Tokio versank daraufhin auch die Burgdorfer Altstadt in den Tiefschlaf. Am Schlossfuss ne va rien plus, oder ämu fast rien. Mit einem Kafi in der einen und einer Zigi in der anderen Hand stand ich vorhin auf meinem Balkon. Um mich herum herrschte eine friedhofähnliche Stille, aber gut: das kam morgens um 3.20 Uhr schon vor „Corona“ gelegentlich vor.

Hinter den Fenstern der Nachbarhäuser war es noch dunkel. Nur in einer Wohnung brannte Licht. Ein älterer Mann sass in einem blauen Trainingsanzug an einem Tisch. Vor ihm lag ein Blatt Papier. Was er wohl schrieb? Eine Poschtiliste („WC-Papier!“)? Einen Brief an die Enkel („Das Alleinsein macht mir sozusagen fast überhaupt gar nichts aus. Ihr braucht mich in den nächsten Wochen wirklich nicht unbedingt besuchen zu kommen, um mich ein bisschen aufzuheitern.“)? Sein Testament („…vermache ich hiermit alles dem flotten Herrn, der im Haus gegenüber auf seinem Terrässli steht und raucht.“)?

Niemand weiss es, und niemanden gehts etwas an, aber irgendwie…irgendwie frage ich mich halt trotzdem, was all die Leute mit all ihrer Zeit jetzt wohl machen. Am Tag 1 nach dem grossen Shutdown geht es ja nocht; es ist alles wie vorher, nur komplett anders. Aber wie sieht das in zwei Wochen aus, oder in anderthalb Monaten, oder, falls es wirklich blöd läuft, am 16. Oktober 2027?

Wenn die Männer und Frauen, die ihre Tage bisher im Büro verbrachten, ständig und zunehmend missmutig daheim herumhocken rund um die Uhr direkt neben ihren Partnerinnen und Partnern homeofficlen und die Kinder (die via Skype live mitverfolgen können, wie ihr Lehrer in seinen eigenen vier Wänden nadisna verwahrlost; erst unterrichtete er vom Stubentisch aus, aber seit er aus der Küche doziert, verschwindet er immer öfter aus dem Bild. Dann hört man, wie er den Kühlschrank öffnet und wenig später ein hastiges Glucksen und dann ein befreites „Aaah.“ ) in ihren rundumsterilisierten Zimmern unerbittlich „Wir wollen in den Europapark!“ flennen und der Hund, der am 16. März zum letzten Mal einen Bislibummel machen durfte, kurz vor Weihnachten wirklich mal wieder rausmüsste – was steigt dann eher: Die Scheidungs- oder die Geburtenrate? Wie lange dauert es, bis Häusliche Gewalt einsam an der Spitze der Kriminalitätsstatistik steht, während die Dämmerungseinbrüche weit abgeschlagen auf dem hintersten Platz der Hitparade versauern?

A propos „sauer“: Dass nicht alle Geschäftsleute in spontanen Jubel ausbrachen, als der Bundesrat die Schweiz gestern auf Null stellte, ist mehr als verständlich. Was ich nicht ganz begreife, ist, dass diese Verordnungen einige Unternehmerinnen und Unternehmer (ich setzte vor Unternehmerinnen und Unternehmer extra keine Gänsefüsschen, um sie nicht unnötig blosszustellen) offenbar genauso erschreckten wie, sagen wir, Xavier Naidoo mich erschrecken täte, wenn er hinter meinem Rücken in diesem Moment „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer!“ brüllen würde.

Ich meine: Das kam ja nicht gänzlich „out of the blue“, wie der Franzose sagt. Wer Augen hat, zu sehen, konnte sehen, wer Ohren hat, zu hören, konnte hören, und darüberhinaus gilt, was Jimmy Cliff in seinem inzwischen doch auch schon wieder recht fortgeschrittenen Alter (Risikogruppe!) nicht müde wird zu predigen, ich aber grad nicht präsent habe (oder „abrufen kann“, wie Fussballtrainer sich auszudrücken beliebten, als weiland, im Mittelalter, noch Fussball gespielt wurde).

Der Direktor des schicksten Hotels der Stadt etwa sagte mir schon gestern Morgen, dass am Abend wohl Feierabend sein werde, und zwar für länger. Nicht wenige Geschäftsleute beauftragten mich letzte Woche damit, Briefe an ihre Lieferanten und Kunden zu schreiben, in denen steht, dass ihre Betriebe höchstwahrscheinlich bis auf Weiteres dichtmachen würden, sie aber per Mail, Telefon und – man glaubts nicht – zum Teil auch dank ihres Faxgeräts weiterhin erreichbar seien.

Andere hingegen überraschten die bundesrätlichen Beschlüsse wie ein Sommerhagel eine Hochzeitsgesellschaft am See. Auf die Idee, sich einmal auf der Website des Bundesamtes für Gesundheitswesen oder sonstwo über den Kampfverlauf an der Corona-Front zu informieren, kamen sie in der ganzen Zeit, in der der Krieg gegen das (oder den?) Virus nun schon tobt, offenkundig nie.

Aber dafür wissen sie als Einzige genau, wer die Misere ausgelöst hat, und wieso: Angela Merkel und Greta Thunberg schossen die Bakterien eines Nachts von ihren 5G-Antennen aus in den sternenbesprenkelten Himmel über Wuhan, um sich bei George Bush dafür zu rächen, dass er am 9. September 2001 Greenpeace mit der Sprengung des World Trade Centers in New York beauftragt hatte.

Weil sich in diesem Moment der Wind drehte, gerieten die Dinge Sekunden nach dem Abschuss chly ausser Kontrolle, aber nach Verantwortlichen dafür braucht man ebenfalls nicht lange zu suchen. Die Flüchtlinge warens, und allen voran natürlich jene aus dem Ausland.

Aber item: Das sind nicht meine Probleme. Ich blicke der Zukunft ganz au contraire mit der von Bundesrat Alain Berset mehrfach angemahnten „Ruhe und Entschlossnheit“ entgegen. Mein Büro habe ich sowieso zuhause, das Netflix-Abo ist bezahlt und mit meinen Vorräten komme ich über die Runden, bis auch der hinterste und letzte Hamsterkäufer begriffen hat, dass in der Schweiz bis ans Ende aller Tage Nahrungsmittel und Hygieneartikel im Überfluss bereitstehen und ich mit meinen Ikea-Taschen wieder einkaufen gehen kann, ohne mich vor jedem Gestell fremdschämen zu müssen.

1 Kommentar

  1. Humor ist wenn man trotzdem lacht. In der schockierenden Zeit muss man auch lachen können. Ich hoffe sehr, dass wir alle durchhalten ohne zu versauern.

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