Die Normalität des Abnormalen

Es fliesst nach wie vor recht gemächlich dahin, das Leben, wie „Der lange, ruhige Fluss“ von Étienne Chatiliez (diesen Film habe ich nie gesehen, aber immerhin weiss ich, dass er eine Familie porträtiert, bei der sich alles um den Fernseher dreht, und von daher passt er gar nicht schlecht in die langsam zu Tode bemühten „Zeiten wie diese“), und alles ist wieder gut oder zumindest dabei, besser zu werden, ausser in Basel,

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aber wenn wundert das bei einem Stamm, dessen Angehörige in grosses Wehklagen ausbrechen, wenn sie einmal in zweitausend Jahren darauf verzichten müssen, Ende Winter in aller Herrgottsfrühe piccolölend und trümmelend durch die Gassen zu wanken, und die ausser inhaftierten Tieren und einem Tennisspieler nichts haben, womit sie vor dem Rest der Welt bluffen können, oder ämu sehr viel weniger als, sagen wir, Burgdorf mit seiner Altstadt und dem Schloss und überhaupt?

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Imposanter als jedes Zoozebra: das Schloss aller Schlösser.

Nadisna kehren die Leute aus ihren Home Offices an die Arbeit in ihre Büros zurück. Das dürfte nicht allen gleich leicht fallen: Der eine oder die andere hat sich mit seinen Aktenstapeln und ihren Kundendossiers in den letzten zwei Monaten womöglich so gäbig zwischen Schlafzimmer und Küche eingerichtet, dass er oder sie keinen Grund für ein übereiltes Comeback im vom Chef überwachten Massenschlag sieht.

Meine Zeit als Dauerheimwerker ist ebenfalls abgelaufen, aber ich kann meine geschäftlichen Habseligkeiten im Gegensatz zu vielen anderen Erwerbstätigen freiwillig und ohne nennenswerte Gemütlichkeitseinbussen von hier nach dort verlegen:

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Home Office, extended Version.

Wie wird das wohl sein in einigen Jahren, wenn die Eltern ihren Kindern von früher erzählen? „Weisst du, Max: Bevor wir dich an einem dieser langweiligen Aprilnachmittage des Jahres 2020 eher versehentlich zeugten, weil uns das ewige Netflixen grad etwas verleidet war, gab es sogenannte Festivals, an denen Tausende von Menschen miteinander Musik hörten, und glaubs oder nicht: zur Begrüssung küssten sich auch wildfremde Leute dreimal auf die Wangen.“

Was wir zu Jahresbeginn noch als undenkbar abgetan hätten, wurde fast über Nacht Wirklichkeit. Das Abnormale von gestern ist die Normalität von heute (und morgen. Und übermorgen. Und so weiter). Die Markierungen, mit denen wir in den Beizen, in den Läden und auf den Märkten seit Kurzem auf Abstand gehalten werden, sind bald überflüssig. Die meisten von uns haben sich bereits daran gewöhnt, einander distanziert zu begegnen, aufs Händereichen zu verzichten und schriftlich oder in Videokonferenzen zu klären, was sie zuvor von Angesicht zu Angesicht regeln konnten.

Dadurch sind die Infektionszahlen rapide gesunken, doch irgendwie mag ich mich trotzdem nicht recht darüber freuen, dass wir diese Massnahmen schon soweit verinnerlicht haben, dass sie uns als alltäglich erscheinen.

Sie sorgen zwar für Sicherheit. Aber auch dafür, dass sich der Frühsommer 2020 seltsam kühl anfühlt.

„Es gab eine Zeit, lieber Max, in der die Menschen nicht ängstlich durch die Bahnhöfe hasteten, und manchmal dicht an dicht nebeneinander standen, um schöne Musik zu geniessen.“

2 Kommentare

  1. Dein Text weckt den Verdacht, dass Du «seit Corona» keine Hände geschüttelt hast.
    Das wäre schade — diese magischen, fast verschwörerischen Momente, wenn man jemandem, den man eigentlich nicht näher kannte, nach einem unausgesprochenen «?» … «!» einfach die Hand gab, werde ich nicht vergessen.

  2. Danke Hannes,

    deine Zeilen gefallen mir sehr, deine Beobachtungsgabe und dein Humor sind treffend in dieser schon etwas seltsamen Zeit.

    Auch für mich war und ist der Spagat zwischen Normalität und behördlicher Verordnung eine tägliche Herausforderung. Hoffen wir, dass die Wertschätzung von vielen kleinen Gesten und die Freude an unseren Mitmenschen wieder alltäglich werden!

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