Zum Inhalt springen

Schreibzeug Posts

Grosse Musik im kleinen Kreis

Das ging aber schnell: Kaum sind Skinny Machines, eine ebenso talentierte wie sympathische Band aus London, aus dem Emmental nach Great Britain zurückgekehrt, geben die jungen Herren samt dem Burgdorfer Dan Roth am Schlagzeug ein Comeback in der Schweiz. Ende März nehmen sie in Iseltwald ihre erste CD auf. Mit der selbstironisch „Rare Demo“ getauften Minischeibe haben sie bereits einen ersten Schritt auf dem Weg zum Silberling gemacht.

„Von unserem Management auf der Insel haben wir uns getrennt, weil wir endlich vorwärts kommen wollen“, sagt Roth. „Es hat keinen Sinn, monatelang auf einen Termin zu warten, an dem wir ins Studio können. Im dümmsten Fall sind uns die Songs halb verleidet, wenn es irgendwann soweit ist.“ 

Statt weiterhin vom Goodwill eines Bürolisten abhängig zu sein, der sich noch um x andere hoffnungsvolle Musiker kümmert (oder eben nicht), nahmen Skinny Machines die Sache nun selber in die Hand. Und fuhren vor ein paar Tagen mit ihrem alten Lieferwagen voller Instrumente und Equipment erneut von London nach Burgdorf, wo sie Roths Mutter Christine mit Freuden (und, zum Beispiel: Waadtländer Saucissons) verpflegt, beziehungsweise nach Oberburg, wo sie schon bei ihrem letzten Aufenthalt im Emmental eine Wohnung gemietet haben, um sich auf die Plattenproduktion vorbereiten zu können.

Weils nicht schaden kann, sich bis zum Gang in Studio noch ein wenig Live-Routine anzuspielen und weil der Zins ja irgendwie bezahlt werden muss, treten Skinny Machines in diesen Tagen an Orten auf, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Nach einem Engagement im Luzerner „Schweizerhof“ stöpselte der flotte Vierter seine Instrumente am Samstagabend kurzerhand und ohne dafür gross Werbung zu machen, im Café Anna in der Burgdorfer Altstadt ein.

Vier Stühle, ein paar Deckenlampen, ein Mischpult und etwas Strom: Mehr brauchen die Musiker nicht, um den Gig zu einem Ereignis zu machen, an das sich die vielleicht 30 Gäste noch ein ganzes Weilchen mit grossem Vergnügen zurückerinnern werden. Um etwas Abwechslung in den Probenalltag zu bringen und um mal zu sehen hören, wies ohne elektronische Vollverstärkung klingt, betritt das Quartett von der Insel Neuland: Es spielt ein rein akustisches Set. Die erste und einzige Probe dafür erfolgte wenige Stunden vor dem Auftritt, wie Gitarrist und Sänger Jay Marsh in einer Rauchpause vor dem Restaurant sagt.

Mehr zu üben brauchte die Band – die übrigens nicht nur zum Arbeiten in der Schweiz ist – nicht: Harmonisch tiptopp aufeinander abgestimmt, legten die sehr auf eingängige Melodien und knackige Riffs erpichten Alternativrocker zwei Stunden lang musikalische Mosaiksteine nebeneinander, die am Ende ein sehr facettenreiches und gleichzeitig bemerkenswert homogen wirkendes Bild ergeben. 

„Eines Tages“, denkt man, während man sich bemüht, Annas hausgemachtes Tiramisu nicht in einem Stück zu vertilgen und sich fest vornimmt, nicht gleich noch drei Portionen zu bestellen, „eines Tages kommen die ganz gross heraus. Irgendwann spielen die im platschvollen Stade de Suisse, mit ‚Muse‘ oder so als Vorgruppe.“

Das wäre ganz im Sinne von Leadsänger Marsh, der, bei aller Locker- und Liebenswürdigkeit, die er auf der Bühne ausstrahlt, eine ordentliche Portion Ehrgeiz in das Projekt „Skinny Machines“ steckt. Er hat seinen Job für die Musik aufgegeben und begründete diesen Schritt in einem Gespräch mit dem „Independent“ so:  „Being successful in the music industry doesn’t simply come down to raw musical talent. It also needs to be approached as if it were a business, in the same way as being a self-employed plumber or electrician.“  

Andrerseits: Wenn die Jungs erst einmal gross sind, ist es womöglich bis auf Weiteres vorbei mit spontanen und ungekünstelten Mini-Gigs wie gestern bei Anna. So gesehen…

 

Leave a Comment

Ein Herz in Burgdorf

Da geht ein Licht an, dort singt ein Vogel, weit weg schletzt eine Autotüre: Die Stadt erwacht.

Sie tut das nicht hastig. Es ist, als ob sie sich erst gemütlich räkeln und strecken würde, bevor sie ihre 30 000 Augen öffnet. Ich stehe am offenen Fenster, schaue ihr dabei zu – und fühle mich rundum wohl. Zufrieden. Glücklich. Angekommen. Daheim.

Seit einer Woche lebe ich jetzt in Burgdorf. Erst vor acht Tagen habe ich mich in diesem wunderschönen, uralten Haus am Fuss des Schlosses eingenistet. Und doch kommt es mir vor, als ob ich schon seit einer halben Ewigkeit hier wäre. 

Es stimmt einfach alles: Die Landschaft, das Umfeld, die Menschen. Wenn ich nach rechts blicke, sehe ich dichten Wald auf wuchtigen Felsen. Schaue ich geradeaus, erblicke ich am Horizont die schneebedeckte Jurakette. Hinter dem kleinen Park, der an „mein“ Haus grenzt, beginnt die Oberstadt. Am Donnerstagabend streunte ich ein Weilchen durch dieses angeblich rasant aussterbende Quartier. Von Untergangsstimmung spürte ich wenig bis nichts. In anderen Kleinstädten siehts um diese Zeit tupfgenau gleich aus:  Jugendliche in Kohlesackhosen, Pärchen auf dem Heimweg, einsame Seelen beim vierten Bier.

Die Nachbarn sind mir mit einem ebenso ehrlichen wie unaufdringlichen Zutrauen begegnet, das ich weder in Freiburg noch in Solothurn erlebt habe. Wobei: Nach Freiburg und Solothurn war ich nicht gezügelt, weil ich unbedingt dahin wollte, sondern jobbedingt. In Freiburg schleppte ich Probleme mit mir herum, von denen ich damals noch gar nichts wusste (oder, eher: nichts wissen wollte). In Solothurn: naja. Ich weiss nicht. Wir wurden einfach nie richtig warm miteinander, die Stadt und ihre Bewohner und ich. Aber das kann passieren.

Doch lange, bevor Chantal und ich mit dem vollgestopften Lieferwagen im Alten Markt einfuhren, war mir klar: Burdlef und ich – das passt. In den fünf Jahren, die ich nun in der Emmestadt arbeite, hat mich die Wärme und Herzlichkeit ihrer Einwohnerinnen und Einwohner immer wieder erstaunt. Die Neugierde, mit der ich mich ihnen nicht nur aus beruflichen Gründen nähere, schreckt die Leute in Burgdorf nicht ab; die Menschen scheinen sich vielmehr zu freuen über das Interesse, das man ihn ihnen, ihrer Arbeit oder ihren Sorgen und Sörgelchen entgegenbringt.  

Natürlich freuen sich nicht alle gleichermassen: Manche Burgdorferinnen und Burgdorfer sind grauenhafte Chnorzis. Das macht sie jedoch nicht unsympathisch; ganz im Gegenteil. Der Burgdorfer sagt halt, was er denkt. Und wenn er nichts sagen will, sagt er eben nichts.

Unten auf der Strasse sind jetzt mehr Autos unterwegs als noch vor einer halben Stunde. In der Schmiedengasse machen die Marktleute ihre Stände bereit. Oben, im Schlafzimmer, höre ich Chantal leise stmen. Art Garfunkel singt von seinem „Heart in New York„. Ich schaue aus dem Fenster und freue mich darüber, den leisen Herzschlag von Burgdorf zu hören.

Und, vor allem: ihn ständig zu spüren.

Nachtrag 12.30 Uhr: Kaum hatte ich fertig geschrieben, fielen Millionen von Leintüchern vom Himmel. Sie fallen immer noch. Aber hier stört mich nicht einmal Dauerschnee.

1 Comment

Party-Pause

Einverstanden: Wenn es sich um, sagen wir, AC/DC handeln würde oder um Muse oder das André Rieu-Orchester, wärs noch dramatischer.

Anlass zu leiser Trübsal  bietet jedoch schon, was in diesen Minuten aus dem Management und von hinter dem Schlagzeug der Party-Rockband Bäng-Gäng verlautet: Die Sängerin hauts ab nach Amerika, was die Band zu einer Zwangspause…äh…zwingt. „Goldkehlchen Anja will ennet dem grossen Teich nachsehen, ob das Leben dort Ähnliches zu bieten hat wie in unseren Breiten- und Längengraden“, heisst es in der Mitteilung.

Die in diesem Frühling geplante Aufnahme einer neuen CD liegt damit ebenso auf Eis wie die von unzähligen Fans erwartete Fertigstellung einer opulent ausgestatteten Doppel-Live-DVD mit einem Zusammenschnitt der zehn besten letztjährigen Gigs, bereits fixierte Autogrammstunden in den Manors und Mediamärkten dieses Landes, Plausch-Fussballturniere gegen musikalische Mitbewerber (als nächste wären Kiss in Grund und Boden gekickt worden) und längst  vereinbarte Anheizer-Engagements.

Deep Purple können nur hoffen, dass die Bäng-Gäng-Sängerin im November, wie versprochen, back in Switzerland ist. Sonst müssen sie sich für ihr Konzert in Huttwil eine andere Vorgruppe suchen. Und weil Gotthard nun schon x mal genau da aufgetreten sind und auf Hundert und zurück überall spielen, wohin man sie einlädt, läge für die Veranstalter die Idee dann wohl nicht sehr ferne, Fotthard statt Bäng-Gäng…aber wir wollen nicht daran denken. Und schon gar nicht daran, dass auch die Jungs von Pegasus dann schon wieder sehr grosse Auftrittsapazitäten haben könnten.

Es ist, um es mit dem grossen Wildhüter Lance Armstrong zu sagen, ein kleiner Schritt für die Sängerin. Aber ein grosser Schnitt für die Band. Und, vor allem, für deren Fans.

Nachtrag 8. April Die Band gibt Entwarnung: „Anfang April war es tatsächlich so weit: Unsere Sängerin Anja sagte ‚Tschüss‘ und flog über den grossen Teich in die USA! Glücklicherweise ist es kein Abschied für die Ewigkeit – im Juli ist sie back in Good old Switzerland und bringt das Bäng Gäng Mikrofon wieder zum Glühen! In der Zwischenzeit herrscht natürlich – sagen wir – ‚eingeschränkter Betrieb‘. Dank unseres Ur-Sängers Toni können wir aber weiterhin wöchentlich im Bandraum (‚Mushroom‘) dem gepflegten Lärm fröhnen… und proben! Also: Live-Aktivitäten sind im Moment keine geplant – ‚Backoffice‘-Arbeit hingegen schon!“

 

1 Comment

Endlich daheim

Wenn ich vom Laptop aufblicke, sehe ich über drei flackernde Kerzen hinweg Chantal auf dem Sofa sitzen; sie hat die Beine in eine weisse Decke gehüllt und liest in ihrem Buch. Wenn die Entspannung ein Mensch wäre: sie sähe genauso aus wie mein Schatz in diesem Moment.

In den letzten drei Tagen haben wir Entspannung und Ruhe sehr klein geschrieben. Die Züglete von Solothurn nach Burgdorf schlauchte uns mehr, als wir erwartet hatten. Zwar hatte ich in der Barockstadt den halben Hausrat liquidiert. Aber was wir in die Emmestadt transportierten, war immer noch mehr als genug.

Nur: Jetzt, wo ich in diesem uralten Haus unter diesen dunklen Balken sitze, die schon Jahrhunderte vor mir da waren und bestimmt auch noch Jahrhunderte nach mir da sein werden, jetzt, wo David Gilmour jede Ritze meines neuen Daheims mit seinen traumhaft-sphärischen Klängen erfüllt, jetzt, wo alles an seinem Ort ist und es nach Kaffee und Wachs durftet und wir aus der wohligen Wärme beobachten können, wie es draussen hudlet und macht – jetzt ist der Chrampf vorbei.

Nichts erinnert mehr daran, dass ich vorgestern im Media Markt meinen neuen Fernseher abholen wollte, obwohl ich die Quittung dafür in meiner unendlichen Weitsicht längst weggeworfen hatte (doch, doch: am Ende hat es geklappt, auch ohne Beleg). Wie wir, zusammen mit Michu und Markus (denen ich von Herzen für ihren Einsatz danke! Ohne sie würde Chantal nun nicht sitzen, wo sie sitzt) das mindestens vier Tonnen schwere Sofa von der einen Wohnung hinunterfugten und durch einen engen, kurvigen Gang in die andere Wohnung im zweiten Stock hochstemmten – fast vergessen. Dass Ikea versäumt  hat, den Bettrahmen zu liefern: egal. Das verstauchte Handgelenk, der in zehntausend Stücke zerborstene Spiegel, der kaputte Topf, der Spriessen im Finger: was solls.

Was zählt, ist, dass ich mich – nein: dass wir uns; das ist ja das Schönste von allem – rundum daheim fühlen in diesem Haus, in diesen vier Wänden, in dieser Stadt.

 

3 Comments

Dickes Kompliment

Bis vor ein paar Monaten hätte es niemanden erstaunt, wenn der Pneuhersteller Michelin meinen Bruder als neues Werbemännchen engagiert hätte.

Dann befand mein Brüetsch, jetzt sei genug Heu drunten, beziehungsweise: endgültig zuviel Fleisch Fett am Knochen. Zusammen mit  seinem Arbeitskollegen Marco Kugel (sic!) und mit Hilfe eines Personal Coaches stürzte er sich in ein Fitness- und Abnehmprogramm, das ohne Weiteres als sehr ambitioniert bezeichnet werden kann. Inzwischen dürfte er um die 20 Kilo verloren haben und kann sich darauf einstellen, demnächst als Hauptdarsteller der neuen Lätta-Kampagne verpflichtet zu werden.

Anzeichen für ein Comeback der Pfunde gibt es nicht. Ganz im Gegenteil: Genauso, wie Forrest Gump seinerzeit einfach einmal losrannte und dann nicht mehr aufhörte mit dem Laufen, zieht auch mein Bruderherz durch, was er angefangen hat.  Als Ziel hatten er und sein Sportsfreund sich ursprünglich gesetzt, im Herbst 2010 den Halbmarathon um den Hallwilersee zu absolvieren. Doch dabei lässt es Urs nicht bewenden. Aus lauter Spass an der Freud‘ nimmt er schon Anfang Mai am Surseer Stadtlauf teil. Und gestern hat er kurzfristig beschlossen, zum ersten Mal in seinem Leben – und weitgehend unbelastet von langläuferischen Vorkenntnissen – am „Engadiner“ zu starten. Falls er sich für weitere Läufe – zum Beispiel den hier – anmeldet: Ich bin der Letzte, der sich darüber wundert.

Als grosser Bruder beobachte ich seine Aktivitäten – vor ein paar Tagen hat er auch noch mit dem Rauchen aufgehört – mit einer Mischung aus einigem Erstaunen, leisem Neid und, vor allem, grossen Stolz. Und merke, dass nicht nur die Älteren den Jüngeren ein Vorbild sein müssten können.

Das funktioniert auch umgekehrt.

 

2 Comments

Freund Mischa und das ewige Versprechen

Was haben wir miteinander nicht schon erlebt: Aufstiege, Abstürze, Abschiede und Annährungen – also alles, von A bis A, manchmal selber, öfter bei anderen, hin und wieder von Leuten, die wir gar nicht kannten.

Mischa und ich sind uns vor, sagen wir:  zehn Jahren in einem Büro zugelaufen. Seither: eben. Ich werde ihm nie vergessen, dass er mich an einem Ort besuchen kam, an dem mich sonst niemand von all jenen besuchte, die vorher fest zugesagt hatten, mich zu besuchen. Er seinerseits erinnert sich bestimmt noch heute mit Freuden daran, wie ich ihm in Freiburg den Weg zu einem Konzertlokal „ganz in der Nähe des Bahnhofs“ zeigen wollte, worauf wir im strömenden Regen beinahe bis Lausanne spazierten. Er weiss vieles von mir, ich weiss vieles von ihm. Wir haben einander also in der Hand. Das machts es für uns ein bisschen schwierig, einander zu erpressen. Aber es bildet eine solide Basis für eine Freundschaft.

Zum letzten Mal gesehen haben wir uns Mitte letzten Jahres. Die Monate dazwischen schrieben wir uns mehr oder weniger regelmässig, es sei schon eine Schande, dass wir uns nicht öfter treffen und versprachen uns fest, das subito zu ändern. Dann machten wir einen Termin ab, wobei wir meist schon in diesem Moment wussten, dass einer der beiden kurz vorher wieder absagen würde. Das machte nichts, weder ihm noch mir. Es war einfach so. Es gehörte dazu.

Heute Morgen war ich gerade mit dem Entrümpeln meines Estrichs beschäftigt und völlig ausser Puste, als er anrief und fragte, wie es so laufe, und ach ja, genau, ich sei ja am Packen. Wann ich jetzt eigentlich nach Burgdorf zügle, wollte er, der fast alles von mir weiss, von mir wissen, und dankte mir für ein Kompliment, das ich ihm nie gemacht habe und hängte dann wieder auf, was mir sehr recht war, weil ich weiter ausmisten wollte.

Wir verblieben so, dass wir etwas abmachen, sobald ich in Burgdorf lebe. Von Burgdorf nach Bern und umgekehrt sinds mit dem Zug 15 Minuten, während man von Solothurn nach Bern fast eine Stunde lang in der Bahn sitzt. Die Verlegung meines Lebensmittelpunktes hat, nebst unzähligen anderen Vorteilen, also noch etwas Gutes: Sie eröffnet mir und ihm die Gelegenheit, uns jederzeit spontan für eine Pizza verabreden zu können.

Ein Essen absagen kann man ja unabhängig davon, wo man wohnt.

 

2 Comments

Aller Anfang ist ein Couvert, vielleicht

„Fast ein Gutschein“, steht auf dem Couvert, das der junge Mann um 6.45 einer der drei Kassierinnen im Laden beim Solothurner Bahnhof schüchtern aushändigt.

Hinter ihm stehen vier Kunden. Er hat keine Zeit für Erklärungen, sie kann oder will nicht fragen, was das bedeute. Sie nimmt das Couvert lächelnd entgegen und legt es neben die Kasse. Man kann durch seine dicke Jacke beobachten, wie sich seine Muskeln im Bruchteil der Sekunde, den sie benötigt, um den Umschlag an sich zu nehmen, entspannt.

Während man darauf wartet, bedient zu werden, überlegt man sich, was wohl in dem Umschlag sein könnte. Und, vor allem: Ob die Verkäuferin und der Kunde einander bereits kennen. Oder ob der Mann die Frau, für die er bisher bloss einer von unzähligen Kunden war, schon x mal an ihrer Kasse hat stehen sehen, sie immer sympathischer fand und nun all seinen Mut zusammennahm, um endlich einen ersten Schritt auf sie zuzumachen. Ob er, wer weiss, gar nichts von der Verkäuferin will, sondern von ihrer Schwester, deren Adresse er nicht kennt.

Vielleicht – irgendwie hofft man das schwer –  sitzen die beiden in, sagen wir: zehn Jahren nebeneinander auf dem Sofa. Während sie ihren zwei Kindern beim Spielen zuschaut, sagt er: „Weisst du noch, damals, mit dem Couvert?“. Sie kuschelt sich an ihn, guckt ihm liebevoll in die Augen und antwortet: „Wenn du das nicht gemacht hättest, wären wir jetzt nicht hier.“

jho

Leave a Comment

Demnächst, beim Chef

gespräcjhEs ist fast wie vor Weihnachten: Mit fiebriger Vorfreude warten unzählige Menschen in ihren Büros und an ihren Maschinen darauf, hereingebeten zu werden, um sich die Bescherung anzusehenhören. Wie alle Jahre, wenns langsam gegen den Frühling zugeht, naht auch jetzt wieder die hohe Zeit der Qualifikationsgespräche.

Man kann diese Besprechungen nicht ernst genug nehmen: Wann bietet sich den Vorgesetzten schon die Gelegenheit, einem zu sagen, das und das habe man am 17. Mai letzten Jahres gut gemacht und das und das am 18. November dafür ziemlich verbockt, wenn nicht jetzt, Monate später? Wann sonst als in diesem einen Moment haben sie die Möglichkeit, einen zu bitten, chli konzentrierter zu schaffen oder sich ab und zu auch um eher Unangenehmes zu kümmern? Eben. Man sieht sich ja nie in diesen verwinkelten Räumen, in denen sich jeder vom Morgen früh bis am Abend spät in seinem Büro einschliesst; immer darauf bedacht, jeglichen Kontakt zu den Gspändli zu vermeiden.

So sitzt man dann halt alle zwölf Monate einmal dem Chef gegenüber und fragt sich bange, was zum Teufel er auf diesen Formularen alles über einen angekreuzt und notiert hat. Man nickt an strategisch wichtigen Stellen, lässt hier ein „Ja, klar!“ fallen, schüttelt da über sich selber den Kopf, murmelt dort ein schuldbewusstes „Hm…“ und strahlt wie ein kleines Kind, wenn einem der Vorgesetzte zum Abschluss, wie es sich mitarbeitermotivationsfördernd gehört, etwas Positives mit auf den Weg zurück an die Arbeit gibt.

Dann macht man, hochkonzentriert, an der vor dem Gespräch angefangenen Büez weiter und vergisst vor lauter Freude darüber, dass mans überstanden hat, glatt, sich zu überlegen, was genau einem diese Qualifizierung jetzt bringt.

Mehr Lohn? Die Arbeitgeberin hat ihr Personal schon vor Wochen dahingehend orientiert,  dass es sich allfällige Gedanken an höhere Gagen gleich aus dem Kopf schlagen kann; was würden auch die Aktionäre denken.

Eine Beförderung? Wer auf der Karriereleiter eine Sprosse hochklettern will, findet auch ohne Multipltschoissbögen Mittel und Wege und Beziehungen, um sein Ziel zu erreichen. Alle anderen sind einfach froh darüber, ihre Jobs behalten zu können.

Eine bessere Arbeitsleistung Performance? Mag sein. Jeder und jede bemüht sich nach dem Untervieraugen-Termin schliesslich nach Kräften, die Kritikpunkte subito auszumerzen, auf dass sie nächstes Jahr kein Thema mehr sein mögen.

Das heisst: Wenn die Qualifikationsgespräche bringen würden, was sie bringen sollen, wären sie längst überflüssig geworden. Dann wäre alles, wies sein muss. Offensichtlich bringen sie aber nicht, was sie bringen sollten, sonst müssten sie nicht Jahr für Jahr geführt werden.

Also könnte man sie genausogut abschaffen. Und stattdessen – als Chef und als Mitarbeiter – vermehrt versuchen, genau dann zu loben und tadeln, wenn es tatsächlich etwas zu loben oder tadeln gibt. Zur Sicherheit kann mans ja immer noch schriftlich festhalten und von beiden Beteiligten unterschreiben lassen, damit die Verwaltung weiterhin etwas zum Ablegen hat.

 

Leave a Comment

Saures und Süsses

„Aunty, aunty! Sweeets!“ –  Geht es um Süsses, so verleihen indische Kinder in Trauben ihrer Forderung – getarnt als Bitte, mit breitem Lachen vorgebracht – lautstark Nachdruck. Darin spiegelt sich die Intensität dieser bunten Welt: eine Basis von konstanter Reizüberflutung, der unsere Delegation in diesen Tagen im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh ausgesetzt ist. Dieser Ort scheint unablässig zu brummen, tagsüber auf den Strassen, auf denen der Verkehr sich nicht vorhandenen Regeln folgend seinen Weg bahnt.

Karunalaya_2010 219

Funktioniert die Hupe, ist das Fahrzeug fahrtüchtig. Und die meisten Fahrer scheinen sich andauernd davon überzeugen zu wollen, dass sie noch intakt ist. Selbst nachts kennt Indien keine Ruhe, wenn in der Ferne die Güterzüge unterwegs sind. Wenn Vögel zetern, die man tagsüber nicht zu Gesicht bekommt. Wenn sich die Wasserpumpe hinter dem Haus anhört wie ein überholter Dieselgenerator.

Karunalaya_2010 168

Die Vögel und die Pumpe sind ansonsten Teil einer Oase: Bethany Karunalaya, ein Waisenheim am Rande von Hyderabad, einer Stadt, die mit ihrer Agglomeration so viele Einwohner zählt, wie die ganze Schweiz Einwohner hat. Hier leben fast 60 Kinder mit hinduistischem und muslimischem Hintergrund. Längst nicht alle von ihnen haben beide Elternteile verloren, viele von ihnen sind durch die Lebensumstände hier zu sozialen Waisen geworden: Mausarme Familien und Krankheiten wie HIV prägen ihre Herkunft, sodass sich niemand mehr um sie kümmern konnte. «In Karunalaya», sagt Pater Joseph, «sind alle willkommen – egal, woher sie kommen und woran sie glauben.»

Vater nennen sie ihn, der im Namen der katholischen Mission Order of the Imitation of Christ (OIC) dieses Zuhause führt. Vor sieben Jahren hat er das Land gekauft und die ersten Steine für eine Zufluchtsstätte gelegt: 50 Quadratmeter insgesamt, die Waisenkindern, körperlich und geistig Behinderten, alten und sterbenden Menschen ein Obdach bieten. Mehrere Organisationen aus dem Westen wurden auf Karunalaya aufmerksam, darunter die Zuger Stiftung «Licht für vergessene Kinder». Sie schiesst Geld ein, das dafür verwendet wird, ein neues Haupthaus zu bauen. Dazu kommt ein monatlicher Beitrag, der einen Teil der Nahrungsmittel finanziert.

Karunalaya_2010 011Mit den verbesserten Lebensumständen nimmt Joseph auch nach und nach mehr Bedürftige unter seine Fittiche: Innert weniger Jahre ist die Zahl der Bewohner von 20 auf 80 gestiegen, dazu kommen 11 Bedienstete, die in der Küche, den Schulräumen und den Stallungen nach dem Rechten sehen. «Immer wieder kommen Eltern vorbei, die ihre Kinder abgeben möchten», sagt Joseph. Karunalaya eilt in einer armen Gegend der Ruf voraus, gut abgesichert zu sein. Mit knapp 3500 Franken monatlich bestreitet Joseph heute, was an Kosten anfällt: Essen, Kleidung, Schultaxen, Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Löhne, Futter, Benzin und mehr, rechnet er vor. Bei einem nahezu 100-Personen-Betrieb eine kleine Summe.

Karunalaya_2010 029Dieser privilegierte Ort ist denn auch nicht unumstritten. Gute Beziehungen zum Westen wecken Begehrlichkeiten rundum. Im religiösen Schmelztiegel Hyderabad – muslimische Dominanz vor hinduistischer Tradition – spielt auch die Religionszugehörigkeit eine grosse Rolle. Nicht alle sehen es hier gerne, wenn Kinder mit Bibelzitaten, Rosenkranz und Messen aufwachsen und ihnen eine umfassende christliche Erziehung zuteil wird. Nicht wenige von ihnen werden selbst den Weg der Kirche wählen und sich dereinst in den Dienst von anderen stellen. Der katholische Priester selbst ist so einem dauernden Balanceakt ausgesetzt. Im Norden, erzählt man sich, wurden Pater seines Ordens umgebracht.
Karunalaya_2010 153Zudem stellt auch die indische Gesellschaft klare Ansprüche an das Zusammenleben. Das Kinderheim sei daher auch ein eigentliches Mädchenheim, denn gemischte Heime würden nicht toleriert, sagt Joseph. Die wenigen Jungen, die in Karunalaya leben, sind noch sehr klein und müssen früher oder später an andere Orte gebracht werden. Das Kastensystem – es existiert auf dem Papier nicht mehr, wohl aber in den Köpfen – schränkt die Perspektiven der Heimkinder stark ein. Den heiratsfähigen Mädchen eine Mitgift zu entrichten, sei ihm nicht möglich, sagt Joseph. Die Bildung ist ihr Kapital, darin investiert er Geduld, Geld und Zeit.

Ob als Vater seiner Kinder, als geistiger und tatsächlicher Leiter eines KMU: Nachts schläft Joseph wenig, meist nur stundenweise. Die Verantwortung lastet schwer auf ihm. Mit vereinten Kräften wurde über die Jahre in Projekte investiert, die entscheidend zur Existenzsicherung beitragen. In zwei Milchkühe etwa, um die Ernährung der Kinder zu verbessern. In hundert Küken, die grossgezogen werden. In eine Mangobaumplantage, um dem kargen roten Boden rundum wenigstens etwas abzugewinnen. Ein Auto kam dazu. Dann eine Pilzzucht. Ein Nähatelier. Eine Druckerei. Letztere beiden stecken noch in Kinderschuhen, hier fehlen die Mittel. Karunalaya_2010 258

Das Ziel aber steht fest: Karunalaya soll so unabhängig wie nur möglich werden, gegen aussen wie gegen innen.
Zum Abschied stehen die Kinder leise Spalier. Süssigkeiten sind nicht mehr der Rede wert. Stattdessen fliessen Tränen. Auf beiden Seiten.

 

1 Comment
Das Copyright für alle Beiträge liegt beim Betreiber dieses Blogs.