Ohne Worte, ämu fast

Die Beatles verewigten sie in “A day in the life”, Deep Purple führten darin ihr “Concerto for Group and Orchestra” urauf, Pink Floyd bekamen Hausverbot, weil sie in dem 1871 eingeweihten Bau echte Kanonen abfeuerten, Cream traten dort ein letztes Mal auf, Eric Clapton verkaufte sie über 200 Mal aus, Al Green war ebenso da wie B.B. King und Bob Dylan und Joe Bonamassa und Phil Collins und Mark Knopfler undsoweiterundsofort; wer die Bilder in den rund um die Arena führenden Fluren betrachtet, erstarrt beinahe vor Ehrfurcht, und jetzt spielten Toto zur Feier ihres 40-jährigen Bandjubiläums in der Royal Albert Hall in London, und mein Schatz und ich waren dabei, und auch wenn der Begriff “Once in a lifetime-experience” für manche vielleicht chli gar übertrieben klingen mag: Für Chantal und mich wars eine, und für die Musiker hörbar auch, und für die anderen 9000 Fans ebenfalls, und ehrlich gesagt, weiss ich jetzt – ich bin immer noch halb in Africa und versuche, the line zur Realität zu holden – gar nicht so recht, wie ich beschreiben soll, was ich an diesem Abend des 1. April 2018 über zwei Stunden lang dachte und, vor allem, fühlte; es hat keinen Sinn, nach Worten für etwas zu suchen, wofür es keine Worte gibt (Will Lavin hat sich auf jow.co.uk in dieser Hinsicht mehr Mühe gegeben, aber irgendwie ist auch er gescheitert, wobei: Mit “The night had it all” traf ers nicht schlecht).

Der Stehaufmann

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Ein Konzert von Hanery Amman mitzuerleben: Das ist, wie mit seinen besten Freunden Geburtstag zu feiern und alle fünf Minuten ein noch tolleres Geschenk auspacken zu dürfen. Oder, wie in einer Zeitmaschine zu sitzen und durch vergangene Jahrzehnte zu reisen.

“Teddybär”, “D Rosmarie und i”, “Musig wo’s bringt”, “Rote Wy”… der Mann mit den chli schütteren grauen Haaren, der am 27. Brienzersee Rockfestival auf die Bühne schlendert, als ob er zur Helferequipe gehören würde, hat die Mundartmusik geprägt wie kein anderer vor und nach ihm.

Teenager kennen seine Songs ebenso auswendig wie deren Eltern und Grosseltern. Was Hanery Amman geschaffen hat, gehört zum helvetischen Volksgut und wird in Schulen gesungen und in Pfadilagern und an Hochzeiten und Abdankungen landauf und -ab. In seinem Heimatort Interlaken wurde ein Platz nach ihm (und Polo Hofer) benannt; die aus seiner Feder erblühten “Alperose” wurden von den Zuschauerinnen und Zuschauern des Schweizer Fernsehens zum “grössten Schweizer Hit aller Zeiten” gewählt.

Hanery Amman ist – so abgedroschen der Begriff inzwischen sein mag – eine Legende, schon zu Lebzeiten, und bräuchte längst niemandem mehr etwas zu beweisen, ausser vielleicht sich selber. Aber auch das ist nicht sicher: Viel Aufhebens um sich und sein Schaffen zu machen, ist Hanery Ammans Sache nicht.

Dafür gibt es nur wenige kunstschaffende Zeitgenossen, um die sich soviele Mythen ranken wie um den “Chopin des Oberlandes” (wie Hofer seinen alten “Rumpelstilz”-Kumpel” einst genannt hat). Leute, die ihn näher (zu) kennen (glauben), sagen, er sei launisch, mürrisch, unzugänglich, eigenbrötlerisch und stur bis zur Verbissenheit. Er schlafe wegen seines Tinnitus so gut wie nie, komponiere grundsätzlich nackt und horte im Keller seines Daheims unzählige Songs, für die etliche seiner Berufskollegen töten würden, denke aber aus unerfindlichen Gründen nicht im Traum daran, damit ins Studio zu gehen, um sie für die Nachwelt zu konservieren.

Im Jahr 2000 erschien sein bisher letztes Album. “Solitaire” gehört zum Intimsten, Eindrücklichsten und Berührendsten, was ein Musiker hierzulande je produziert hat. Die CD wirkt vom ersten bis zum letzten Ton wie ein Vermächtnis. Amman beschäftigt sich darauf dermassen intensiv und offen mit den Licht- und Schattenseiten des Lebens, dass jedermann, der sich das Werk anhört, ahnt oder weiss: Hier kehrt jemand sein Innerstes nach aussen, um einerseits von seinen Erfahrugsn zu berichten, und um andrerseits seinen Mitmenschen etwas mit auf den Weg geben zu können, von dem sie noch lange zehren dürfen. “Wenn die Schweiz eine Musik verdient hat, dann diese”, befand die “Weltwoche” damals.

Sehr lange konnte sich Hanery Amman auf den Lorbeeren für sein Opus Magnum nicht ausruhen. 2007 wurde bei ihm Krebs diagnostizert. Es folgten Operationen, Chemotherapien und dicke Schlagzeilen, und wenn man mit jemandem zusammensass, der Hanery in den letzten Monaten getroffen haben könnte, lautete die erste Frage an ihn oder sie immer, “wie gehts ihm?”, und die Antwort darauf mit trauriger Regelmässigkeit “schon recht, aber es ist natürlich noch lange nicht vorbei”.

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Ganz von der Bildfläche verschwand der Musiker aber nie. Immer wieder gab es Gerüchte um ein Comeback, und ab und zu trat er sogar irgendwo auf. Zu seinem 60. Geburtstag vermachte er seinen Fans “als Dankeschön fürs Warten” gratis das Lied vom “Waldgeischt”. Für die Hip-Popper Halunke, die ihre Wurzeln ebenfalls im Oberland haben, veredelte er spielend und singend “Hopfe und Malz” auf deren Silberling “Houston, we are ok”.

Ansonsten wurde es um Hanery Amman aber immer ruhiger. Und schliesslich sogar beängstigend still.

Und jetzt – jetzt höckelt er an seinem Elektropiano und spielt sich, als ob nie etwas gewesen wäre, eine vom Veranstalter vorgegebene Stunde lang durch eine kleine Auswahl seiner Hits. Er winkt ins Publikum, treibt die Bandkollegen an, lässt seine berühmten Arpeggi durch die Boxen perlen und schüttelt Soli aus dem Ärmel, die nicht wenigen Lederjackenträgern und Anhängerinnen der Jeanskuttenfaktion Tränen der Freude und Rührung in die Augen treiben.

“Hanery Amman” und “krank”: Diese beiden Begriffe passen an diesem in jeder Hinsicht prächtigen Nachmittag nicht zusammen – ganz im Gegenteil: Mit jedem Ton, den Amman seinem Instrument entlockt, und mit jeder Silbe, die er zuweilen eher krächzt denn singt, scheint er seinen Fans versichern zu wollen: Macht euch keine Sorgen; ich habs überstanden.

Dann erzählt er seine wohl schönste Geschichte; jene, die mit “s het grägnet i de Bärge” beginnt und die ihn und seine Rosmarie bis Spanie führt. Spätestens, als die beiden zäme blutt ids Wasser renne und Muschle sueche im Sand, ist allen im Festzelt klar, dass sie in diesem Moment etwas erleben, was sich ohne Übertreibung mit “Wunder” umschreiben lässt:

Die triumphale Rückkehr von einem, den manche schon für immer verloren geglaubt hatten.

Weitere Konzertdaten:

19.11.14 Interlaken
19.12.14 Münchenbuchsee
20.12.14 Interlaken
09.01.15 Luzern
17.01.15 Rubigen
31.01.15 Pratteln
07.02.15 Grosshöchstetten
21.02.15 Burgdorf
21.03.15 Murten

Viel Weiteres von und über Hanery Amman kann hier nachgelesen werden.

Als Burgdorf zu beben begann

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Heute vor einem Jahr: Ganz Burgdorf scheint in die Schwingerhosen zu steigen. Ladeninhaber dekorieren liebe- und fantasievoll ihre Schaufenster um. Hausbesitzer und Mieter putzen ihre Wohnungen heraus, denn schon bald kommen Gäste von zum Teil sehr weit her, um ein-, zweimal bei praktischerweise hier ansässigen Familienmitgliedern, Freunden oder Wildfremden zu übernachten. Tausende von Helferinnen und Helfern stehen bereit. Wer auf dem Gang durch die Stadt einmal stehenbleibt und die Stimmung auf sich wirken lässt, glaubt zu spüren, dass alles um ihn herum ein bisschen bebt.

Noch ahnt niemand, was genau Burgdorf und damit dem ganzen Emmental bevorsteht, aber allen ist klar: Das gibt eine Riesensache. Eine Viertelmillion Menschen erwartet das Organisationskomitee. 250 000: Diese Zahl liegt jenseits des Vorstellungsvermögens. Deshalb diskutieren die Leute in den Beizen und Bars und beim Posten lieber ununterbrochen über die Wetteraussichten, die Frage, ob der Bahnhof die bevorstehende Invasion wohl überstehen werde, jenen Hotelier mit Migrationshintergrund, der für seine Zimmer auf einmal Wucherpreise verlangt in der – wie sich schnell zeigen sollte: irrigen – Annahme, Schwingfans seien dumm, und, vor allem, natürlich darüber, ob Wenger Kilian König bleibt oder ob er die Krone wird abgeben müssen; an Sempach Matthias, zum Beispiel, oder an Stucki Chrigu. Ersterer ist laut Experten “in der Form seines Lebens”, Letzterer hätte es gemäss Fachleuten “längst verdient”.

Fünf Wochen später pilgern 350 000 Menschen nach Burgdorf. Sie erleben ein perfektes Fest, das es in der Schweiz noch nie gegeben hat – und das es in dieser Form und Grösse wohl auch nie mehr geben wird.

Die Emmestadt – nein: das ganze Land – blickt nach der Inthronisierung des neuen Königs auf drei Wundertage zurück, die jene, die in irgendeiner Form daran beteiligt waren, nie werden vergessen können, und auch nie werden vergessen wollen.

Inselleben (IV)

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Tag 4, Abend: Nachdem ich das WM-Spiel der Schweiz gegen Frankreich zum Glück extra verpasst habe, schaue ich im TV-Eggeli am Hotelpool heute den Deutschen gegen Ghana zu. Vom Barkeeper meines Vertrauens habe ich mir gegen ein kleines Bakshish einen Platz reservieren lassen. Wenig später sollte sich zeigen, dass das nicht unbedingt nötig gewesen wäre (siehe Bild oben).

Die Stimmung in unserer naturgemäss germanisch dominierten Mini-IG ist bis zum nicht alle restlos happy machenden end heiter und entspannt. Graue Haare statt Glatzen, Weisswein statt Wodka, Häkeljacken statt Hakenkreuze, Bravos statt Buhs und Röckli statt Raketen: Imagine all the Fussballfans livin’ life immer so in peace.

Vor lauter Freude darüber, dass sich auch bei Halbzeit noch keine Toten und Verletzten zwischen den Stuhlreihen stapeln, erwäge ich kurz, “Hopp Ghana!” zu brüllen, lasse es dann aus Rücksicht auf jene Hotelgäste, die nach dem Znacht früh in die Federn gehüpft sind, damit sie auch morgen wieder kraftvoll zubeissen können, bleiben.

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(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Zwischen Tag 4 und Tag 5: Sekunden, bevor ich am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Beinwil am See mit meinem Freund Hannes Zaugg-Graf in den Schlussgang steige (als Kampfrichter fungieren Pesche Leu von der kulturfabrikbigla, mein Brüetsch und Deutschlands Nationaltrainer Joachim Löw; als Lebendpreis winkt ein im Hallwilersee parkierter Blauwal, auf den mangels eines passenden Stalls weder mein Gegner noch ich übertrieben erpicht sind), beauftragt Elisabeth Zäch mich damit, das Schloss Burgdorf vom Keller bis zum Dach und innen und aussen schwarzgelbkariert zu bemalen, mit Neocolor, und zwar ganz alleine (“wir haben kein Geld und du hast ja Zeit”), bis Ende nächster Woche.

Es dauert ein Weilchen, bis ich wieder einschlafen kann.

Tag 5, nach einer verchrügleten Nacht: Der Sommerhit des Jahres 2014 auf Gran Canaria heisst…

(Trommelwirbel, atemlose Spannung, strengstes Blitzlichtverbot)

…“Killing my softly“ , wie schon letztes Jahr und vorletztes und vermutlich auch vorvor- und vorvorvorletztes.

Irgendwie ist es schon faszinierend: Vor über 40 Jahren war „Killing me softly“, das damals noch “Killing me softly with his Blues” hiess (vielleicht ist das wichtig, vielleicht auch nicht) – zum ersten Mal ein internationaler Hit. Gesungen hatte ihn damals Roberta Flack, und zwar so:

23 Jahre später schoss der Song in der Fassung der Fugees schon wieder an die Spitze von zig Hitparaden in Europa und Übersee. Seither kreist er wie ein Kettenbrief rund um den Erdball und legt immer genau dann einen Halt auf den Kanaren ein, wenn ich auf selbigen dem hemmungslosen Faulenzen fröne.

Wo auch immer man geht und steht und höcklet: Spätestens nach einer Viertelstunde legt Lauryn Hill los mit “Strumming my pain with his fingers, singing my life with his words…”.

Was die Hiphopballade zu einem unlöschbaren Dauerbrenner macht, hat sich mir auch nach dem achtmillionsten Zwangshören nicht zur Gänze erschlossen. Mir ist sie nach dem dritten Mal verleidet wie seinerzeit die Schule nach der ersten Pause. Dennoch scheint das Lied ein musikalischer Nenner zu sein, auf den sich sämtliche Touristen zwischen Abu Dhabi und Zagreb einigen können. So betrachtet, gibts an ihm wenig auszusetzen. Ich weiss gar nicht, was ich habe.

Wenn – nein: falls – ich in zehn Jahren nach Playa del Inglés zurückkomme, dröhnt womöglich endlich etwas anderes aus den Boxen über den Beizen und Bars. „Feel“ von Robbie Williams etwa; das kam 2002 auf den Markt und hat folglich beste Aussichen, 2024 zum neusten Heuler in den Ualaubaparadiesen zu avancieren.

Wetten, dass es nicht nur Markus’ Lanzleuten bald langweilig wird?

Nichts – nicht einmal die “historische Pleite” der FC Bayern-Reserven gegen Augsburg – versetzt die Gemüter der Deutschen in Playa del Inglés gegenwärtig mehr in Wallung als das seit gestern Abend absehbare Ende von “Wetten, dass…”.

Ob in der Schlange am Zmorgebuffet, auf den Hockern in der Bar oder auf den Liegen am Pool: Überall ist der nun endgültig besiegelte Untergang des einstigen Flaggschiffs der Fernsehunterhaltung das Thema.

Erfreut klingende Stimmen sind kaum zu vernehmen, ganz im Gegenteil: Zäntume wird das Aus bedauert.

Die Leute hier sagen

“ein bisschen Zeit hättense dem Lanz schon geben dürfen”

oder

“dass der kein zweiter Gottschalk ist, wusste man ja schon vorher”

oder einfach nur

“schade”.

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Das mag einerseits daran liegen, dass der Altersdurchschnitt der Touristen, die Playa del Inglés in diesen Tagen bevölkern, plusminus 50 Jahre betragen dürfte. Diese Leute legen einen gewissen Wert auf Kontinuität.

Das gemeinsame Mörderraten am “Tatort” ist für sie ebenso ein Ritual wie die Zeitungslektüre vor dem Gang zur Arbeit oder die Paarung am Sonntagmorgen um halb Zehn.

Für manche von ihnen zählt die regelmässig in ihren Wohnzimmern auftauchende TV-Prominenz zum erweiterten Familienkreis. Dazu gehört selbstverständlich auch Markus Lanz, der vierte und letzte Moderator von “Wetten, dass…”.

Unzählige Menschen haben den vielgescholtenen und “stahlbetonlockerlässigen” 45-Jährigen genauso bereitwillig “adoptiert” wie schon dessen Vorgänger Frank Elstner, Thomas Gottschalk und viele weitere “Schätzchen” und “Schwiegermutterträume” aus anderen Showsparten, deren Biografien und Geheimnisse sie dank der Hofberichterstatter der “Gala” und der “Bunten” und der “Freizeit Revue” in- und auswendig zu kennen glauben.

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Nun wird der “Charming-Boy, den man nachmittags gerne zu Kaffee und Kuchen” einladen würde, zumindest teilweise vom Bildschirm verschwinden (als Talkmaster bleibt er seinem Fanclub erhalten, obwohl er auch in dieser Funktion alles andere als unumstritten ist, nachdem er ein Gespräch mit der “Linke”-Vorzeigefrau Sarah Wagenknecht zu einem hochnotpeinlichen Verhör ausarten liess).

Einen solch massiven Eingriff in ihre Lebensgewohnheiten empfinden nicht nur Wochenaufenthalter auf den Kanaren als persönlichen Affront.

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“Wetten dass…”: Das ist für sie eine heile Welt mit Pop- und Filmstars aus England und Amerika oder, falls die gerade keine Zeit oder nichts zu verkaufen haben, wenigstens Iris Berben und Peter Maffay.

Das ist für sie Musik, die man vom Radio her kennt, und nicht so Krawallkram wie beim Bohlen, der immer nur pubertierende Verhaltensauffällige demütigt, oder hochgeistiges Zeugs wie diese Literatursendungen auf Arte, bei denen niemand nachkommt.

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Dazu kommt (vermutlich): Wer “Wetten, dass…” schätzt, ist altersbedingt abgeklärt genug, um die Kübel voller Häme, die primär Onlinemedien oft und gerne über Lanz ausschütten, zu übersehen.

Was schlechtrasierte und dauerbekiffte Kretins unbelastet von jedem Promifachwissen im Internet absondern, ist für den kommunen Wettendasser vernachlässigbar, solange die bunten Blätter sauber recherchierte Homestories über seine Idole publizieren.

Die noch verbliebenen “Wetten, dass…”-Zuschauer interessiert nur sehr peripher, ob die einst grösste “Samstagabendkiste” Europas im Laufe der Zeit (und nicht erst unter Markus Lanz) zu einer längstfädigen Dauerwerbesendung mutierte, in der ein Gast nach dem anderen seine neue CD oder ihren neuen Film anpreisen durfte, oder ob der Tätschmeister seinen vertraglich aufs Sofa gefesselten Berühmtheiten Fragen zum Sinn des Lebens stellt.

“Wetten dass…”-Zuschauer wollen zwei, drei Stunden lang von ihrem Alltag abgelenkt und unterhalten werden; nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Diese Zerstreuung wird ihnen ab Mitte Dezember fehlen. Ein adäquater Ersatz ist weit und breit nicht in Sicht.

Unzählige Gewohnheitstiere aus Deutschland (und mit ihnen auch “unsere zugeschalteten Zuschauer aus Österreich und der Schweiz”) stehen deshalb eher früher als später vor einem existenziellen Problem:

Was zum Teufel sollen wir an jenen sechs oder sieben Samstagabenden im Jahr machen, an denen kein “Wetten, dass…” läuft?

(Nachtrag: Ja – Markus Lanz ist gebürtiger Südtiroler und italienischer Staatsbürger. So betrachtet, ist das mit den “Lanzleuten” im Titel dieses Beitrags nur bedingt richtig. Aber ich lasse mir ein Wortspiel sicher nicht durch Fakten kaputtmachen.)

Ein Museum fürs “Eidgenössische”

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Mit viel Liebe zum Detail hat die Burgdorfer Einwohner- und Sicherheitsdirektion nach dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest 2013 eine “Schwingerstube” eingerichtet. In der alten Wache der früheren Stadtpolizei im Kirchbühl 23 sind Souvenirs an den grössten Sportanlass ausgestellt, den das Emmental je erlebt hat.

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Der ganzseitige Zeitungsbericht über die Vergabe des “Eidgenössischen” nach Burgdorf – jener historische Moment liegt inzwischen schon fünf Jahre zurück – fehlt ebensowenig wie ein Poster des Organisationskomitees, Bilder von Schwingerkönig Matthias Sempach und seinem Muni Fors vo dr Lueg, Zwilchhosen, Autogramme der Patrouille Suisse, Urkunden, Fanartikel, eine Sponsorenwand oder beeindruckende Luftaufnahmen von der temporär grössten Arena der Welt.

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Nur Sägemehl liegt in der “Schwingerstube” keines herum. Aber das macht nichts: Dessen Duft hat ohnehin noch jedermann in der Nase, der an dieser megafägigen Gigaveranstaltung im Sommer 2013 auf irgendeine Art und Weise mit von der Partie sein durfte.

Das waren noch Zeiten

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“Der Veranstalter empfahl uns aufgrund seiner trüben Erfahrungen, am besten einfach weiterzuspielen, was immer auch im Saal passierte, die Saalbeleuchtung voll aufzudrehen und unsere eigene Lightshow zu vergessen.

Seine Warnungen waren nichts im Vergleich zu dem, was sich zeigte, als ich meinen Platz hinter den Trommeln einnahm. Die dunkle Lache dort, wo noch ein paar Minuten zuvor der Drummer der vorigen Band gesessen hatte, war nicht zu übersehen. Er hatte offensichtlich zu wünschen übrig gelassen und dafür buchstäblich bluten müssen.

Als wir anfingen zu spielen und die Beleuchtung dämpften, verfielen die Zuhörer in staunendes Schweigen. Zunächst nahmen wir an, unsere Musik und die Lightshow hätten ihr Interesse geweckt.

Doch ein schauriges Gepolter belehrte uns bald eines Besseren: Die Dunkelheit bot ihnen lediglich die willkommene Gelegenheit, wie die Berserker übereinander herzufallen.

Erst sehr spät befolgten wir dann den Ratschlag des Veranstalters und erfüllten unseren Teil des Vertrages, mit psychedelischer Musik das Getöse der urlaubswütigen Schotten, die sich munter gegenseitig das Mark aus den Knochen droschen, zu begleiten.”

(Schlagzeuger Nick Mason erinnert sich in seinem Buch “Inside out” an einen frühen Auftritt seiner Band Pink Floyd)

Live vom “Eidgenössischen”: Unter Fans

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Die NZZ staunte: “In der ganzen Region räumen Familien Mansarden, Gästezimmer und Nebengebäude leer, richten sie freundlich her und stellen ihre sonst eher reservierte Art auf Gastfreundschaft um”, notierte Daniel Gerny in dem Weltblatt eine Woche vor dem “Eidgenössischen” nach einer Stippvisite in Burgdorf.

“Nicht der grosse Gewinn” locke bei diesem Geschäft, hiess es in dem Artikel weiter; “eher schon das unbezahlbare Gefühl, durch Offenheit und Sympathie ein kleiner Teil dieses grossen Ganzen zu werden, von dem jeder im Emmental hofft, dass es in seiner Art unvergesslich bleibt.”

Ein kleiner Teil dieses unfassbar grossen Ganzen waren heute auch Chantal und ich mit unseren zwei Gästen aus dem “Schlossgeist”-Zimmer im “Hotel Schwingfest. Dass es sich bei den Besuchern um meinen

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Brüetsch (rechts) und dessen besten Freund Stephan handelt, ist Zufall: Wir hätten auch jeden anderen beherbergt, der eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit für das “Eidgenössische” suchte. Aber wenn sich, kaum ist das Zimmer online ausgeschrieben, als erster der eigene Bruder meldet, ist das natürlich umso schöner.

Und so stürzten wir uns mit unseren Besuchern und unseren ehemaligen Nachbarn in die über hunderttausendköpfige Masse aus Menschen. Bevor wir das Fest sahen, konnten wir es schon riechen; die Luft über dem Emmental ist in diesen Tagen geschwängert mit Käse-, Bratwurst-, Wein- und Bierdüften.

Vor allem aber konnten wir das Fest spüren: Wer sich dem Areal nähert, fühlt fast körperlich, wie es vor Energie vibriert.

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Das Gelände  entpuppte sich als  kleine Stadt am Rande der Stadt: Entlang der mehreren hundert Meter langen Schwingergasse  vor und hinter der Arena reiht sich ein Beizchen ans andere. Es gibt Kafffeebuden, Souvenirstände, Chnobilbrotservalatkebabraceletteverkäufer ohne Ende, alle paar Meter andere Volksmusiklänge, unzählige WC-Häuschen und Notfallzelte.

Was es nicht gibt, sind Ärger und Streitigkeiten. All die Menschen, die sich hier versammelt haben, wollen offensichtlich nur eines: Miteinander ein fröhliches Wochenende verbringen. Für manche spielt dabei der Sport die Hauptrolle. Andere freuen sich darüber, alte Bekannte zu treffen und neue Freundschaften zu schliessen. Wieder andere lassen sich einfach treiben und schauen, was passiert.

Zu den unbestrittenen Höhepunkten des Tages gehörte nach der Premiere am Freitag auch heute  die rund 20minütige Show der Patrouille Suisse:

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Gegen Abend waren die “Hotel Schwingfest”-Zimmerverfügungsteller und ihre Gäste von der Stadt Burgdorf zu einem Apéro geladen. Sie strömten in Scharen ins Zelt, um mit Lorenz Klopfstein vom Stadtmarketing, dem Initiaten der Aktion, und miteinander auf eines der tollsten Hotels, das je realisiert wurde, anzustossen:

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Von den Wettkämpfen haben wir kaum etwas gesehen, und wenn, dann nur auf einer der Grossleinwände an der Stadionwand. Morgen aber sitzen wir von sehr früh bis spät in der Emmental-Arena und verfolgen die Kämpfe im Sägemehl live.

 

 

 

 

Feier-Abend

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(Bild: pd)

Eine über 30jährige Bandgeschichte so in ein zweieinhalbstündiges Konzert zu packen, dass am Ende über 10 000 Menschen wunschlos glücklich sind: Das schafft nur, wer trotz Millionen von verkauften Platten mit dem Kopf und dem Herzen nahe beim “Volk” geblieben ist.

Die Toten Hosen demonstrieren bei ihrem Auftritt am 10. “Moon and Stars”-Festival in Locarno eindrücklich, dass sich Grossveranstaltungen auch so gestalten lassen, dass sie nicht zur musikalischen Massenabfertigung verkommen. Mit viel Gspüri für die Träume, Hoffnungen und Erinnerungen all der Menschen auf der Piazza Grande zündet die Kulttruppe aus Düsseldorf ein Feuerwerk, das jeder Besucher ein bisschen als sein ganz persönliches betrachten und bewundern darf.

“Hier kommt Alex”, “Alles aus Liebe”, “Sascha”, “Steh auf, wenn du am Boden bist”, “Eigekühlter Bommerlunder”, das extra für diesen Auftritt aus der Mottenkiste geholte “Azzurro”, zig weitere Uralt-Hits, Müsterchen aus der jüngsten Schaffensperiode (“Ballast der Republik”, “Altes Fieber”) und, natürlich, das längst zur Allzweckhymne avancierte “Tage wie diese” treiben dem Punker, der in der ersten Reihe jedes Wort mitgröhlt, genauso die Freudentränen in die Augen wie der Bankiersgattin auf der VIP-Tribüne, die vor dem Konzert nur gewusst hatte, dass “Die Hosen” doch die sind mit diesem lustigen Lied über einen “Junge”, dem immer gesagt wird, was er zu tun hat, und was nicht.

23 Uhr ist vorbei, als auf der Piazza immer noch gefeiert und um Zugaben geklatscht wird. Zigtausend Deutschschweizer geben alles, um fünf Deutsche möglichst lange im Tessin zu behalten: Das gab es bis zum Besuch der “Toten Hosen” nicht allzuoft.

Das Geburtstagskind macht ein Riesengeschenk

Ihren 35. Geburtstag feierten Toto auch mit einem Konzert im Zürcher Hallenstadion. Steve Lukather (Gitarre und Gesang), David Paich (Keyboards und Gesang), Steve Porcaro (Keyboards), Joseph Williams (Gesang), Nathan East (Bass) und Simon Phillips (Drums) bescherten vier- oder fünftausend Fans eine über zweistündige Party, in deren Verlauf sie nicht nur ihre allergrössten Hits zum buchstäblich Besten gaben, sondern auch eher unbekannte Songs glänzen liessen:

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Steve Vai, einer der erfolgreichsten Rockgitarristen der Welt, hatte die Jubiläumsshow von Toto kurz zuvor in Rom gesehen. Auf seiner Facebook-Seite notierte er anschliessend: “I don’t think I ever heard a band sound this good live. This is a band that created their own unique sound. The perfect blending of rock, pop, fusion and a little jazz rolled into a huge accessible bundle.”

“Perfekt”: Das war auch das Toto-Gastspiel in Zürich, obwohl es eine halbe Stunde später begann als geplant, weil der Bandbus auf dem Weg nach Oerlikon in die Knie gegangen war.

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(Bild: Bruderherz)

Von Pflichtübung oder routiniertem Abhaken eines weiteren Programmpunktes auf dem Tourneeplan war nichts zu spüren, ganz im Gegenteil: Von “On the run” bis “Home of the brave” zündete das offensichtlich und hörbar bestens aufgelegte Quintett ein musikalisches Feuerwerk nach dem anderen.

Höhepunkt der Party waren natur- und erwartungsgemäss “Rosanna”, “Africa” und “Hold the line”, die Überhits aus den 80ern, die in all den Jahren aber nicht das geringste Stäubchen angesetzt haben…

…wobei: Ehrlich gesagt, ist “Rosanna” inzwischen schon nicht mehr die Allerknackigste. Bei allem Respekt: Sie wirkt ein bisschen wie eine 40jährige Mutter, die ihre 16jährige Tochter leicht overschminked in den Ausgang begleiten will, auch wenn dort manche finden, sie wäre vielleicht besser daheim geblieben, die Gute, und hätte sich einen gemütlichen Fernsehabend mit Popcorn und ein paar Folgen der “Desperate Housewives” gegönnt.

Ein sagenhaftes Gespür für Harmonien und Melodien, eine unerreichte Präzision im Zusammenspiel und die pure Freude daran, immer noch miteinander Musik machen zu dürfen: All das kumulierte in Zürich zu einem unvergesslichen Fest, an dem die Feiernden ihre Freunde ungleich üppiger beschenkten als umgekehrt.

Den Gästen blieb nur eines: Die Jubilare mit nicht endenwollenden Standing Ovations in die Nacht zu entlassen und ihnen noch viele, viele weitere tolle Jahre zu wünschen.

Verdankenswerterweise hat der mir unbekannte Bradley van Dijk im Ziggo Dome von Amsterdam einige Konzertschnipsel für die Ewigkeit festgehalten:

(Übrigens: Zur Entstehungsgeschichte von “Africa” hat dessen Komponist David Paich dem “Rock Cellar Magazine” ein bemerkenswertes Interview gegeben.)