Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die “Search”-App und tippte “Schlüsseldienst” und “Burgdorf” ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass “in maximal 20 bis 40 Minuten” ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den “Beobachter” lesen müssen.

Auf Zeitreise

Als ich Martin Schuppli zum ersten Mal traf, war er mir auf Anhieb sympathisch. Der frühere “Blick”- und “Schweizer Illustrierte”-Redaktor betreibt seit einiger Zeit das sehr lesenswerte Onlineportal “deinadieu.ch“.

Vor ein paar Wochen fragte er mich, ob er sich mit mir über meine Geschichte als Ex-Alkoholiker unterhalten könne. Ich sagte spontan zu. Wenig später trafen wir uns in Burgdorf. Was bei dieser Begegnung herausgekommen ist, kann hier nachgelesen werden.

Für mich hätte sich das Gespräch auch dann gelohnt, wenn Martin es anschliessend nicht journalistisch verwertet hätte: Es war für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit – und in die (hoffentlich noch in sehr weiter Ferne liegende) Zukunft.

Nachtrag, gegen Abend: Dass dieses Interview einen gewissen “Impact” haben würde, war mir klar.

Dass das Echo darauf so viel- und doch einstimmig ausfallen würde, konnte ich aber nicht ahnen.

Kaum war der Beitrag auf Facebook verlinkt, wurde er kommentiert. Von Menschen, die ich kenne. Und von Leuten, die ich vielleicht noch kennenlerne.

Auch auf deinadieu.ch selber gabs Zuspruch:

Dazu kamen (und kommen) Whatsapp-Nachrichten, Anrufe, Mails…es nimmt fast kein Ende.

Sosehr mich all diese Reaktionen freuen, sosehr überrascht mich, dass das Thema “Alkohol” offenbar immer noch mit einer Art “Tabu” belegt ist.

Alleine in der Schweiz sind gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 250 000 bis 300 000 Menschen alkoholabhängig. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es in jeder Familie mindestens einen Menschen gibt, der zuviel trinkt. So betrachtet, unterscheidet sich diese Krankheit in nichts von einem Beinbruch, einem Rückenleiden oder einem Herzinfarkt.

Und doch: Während die Leute in der Regel mit grösster Selbstverständlichkeit über ihre Beinbrüche, Rückenleiden oder Herzinfarkte reden, fassen sie das Thema “Alkohol” – wenn überhaupt – nur mit spitzen Fingern an. Das betrifft irgendwie immer nur die anderen.

Wenn die Gesellschaft lernen würde, genauso entspannt über Alkmissbrauch zu sprechen wie über zig andere Krankheiten auch, wäre, denke ich, allen geholfen.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Special Edition

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Was hat das neue Album von Pink Floyd (ja: von Pink Floyd!) mit dem Ebola-Virus zu tun und inwiefern beeinflusst die Börse in Südostasien das Wetter an Weihnachten?

Niemand kann das sagen, auch ich nicht, aber anzufangen, darüber nachzudenken, erscheint mir wenig sinnvoll: Wer weiss schon, was dabei herauskommt. Und, vor allem, was nicht.

Obwohl…

…nein.

Trotzdem: Immer, wenn ich einkaufen oder in eine der vielen Burgdorfer Underground-Discos abhotten gehe, höre ich: “Schreib doch mal wieder etwas über den Gang der Dinge! Es hängt schliesslich immer alles zusammen!!” oder “Ich vermisse Das Grosse Ganze” oder “Mir fehlen die Linien. Gazastreifen, Ukraine, Einheitskrankenkassenabstimmung: Da müsste doch jemand geistig ein paar Leitplanken setzen, oder zumindest den einen und anderen Gedankenwegweiser hinstellen, damit man weiss, wie das läuft auf der Welt. Damit man mitreden kann. Wer, wenn nicht…”.

Nun denn.

Zum Thema “Gazastreifen” ist Folgendes zu sagen:

Keine Hoffnung auf Frieden

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Von unserem Nahost-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es im Nahen Osten auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Israel und seinen Nachbarn, den Palästinensern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot aus, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Zum Thema “Ukraine” nur soviel:

Die Zukunft wirds zeigen

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Von unserem Russland-Korrespondenten Johannes Hofstetter

Immer wieder blüht es hinter dem Ural auf, das zarte Pflänzchen namens “Frieden”. Doch eine Chance darauf, zu wachsen, hat es nicht. Zu verhärtet sind die Fronten zwischen Russland und seinen Nachbarn, den Ukrainern. Auch angesichts der Tausenden von Toten und Verletzten, die dieser Konflikt schon gefordert hat, stehen sich die beiden Seiten so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Gefragt ist jetzt die starke Hand der UNO. Nur sie kann die verfeindeten Parteien wieder an einen Tisch bringen und zumindest versuchen, deeskalierende Gespräche in die Wege zu leiten. Verzichtet die Internationale Staatengemeinschaft darauf oder schlagen die Kontrahenten dieses Angebot an, wäre eine grosse Chance vertan. Alles Weitere wird die Zukunft weisen.

Was die Einheitskrankenkassenabstimmung betrifft, bin ich nicht so a Schuur. Ich empfehle ein Ja, weil Nein so destruktiv wirkt, und so unstaatstragend (“staatstragend”: Dieses Wort wollte ich schon immer mal in diesem Blog unterbringen).

“Nein!” – Das schoss mir auch durch den Kopf, als ich vorgestern Abend feststellen musste, dass sich mein iPad nicht mehr synchronisieren liess. Nachdem ich alle möglichen einschlägigen Foren abgeklappert hatte, ohne auch nur ein Kilobyte weitergekommen zu ein, schrie ich auf Facebook um Hilfe:

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Irgendeine(r) von meinen 281 Freunden und Freundinnen wird wohl wissen, was zu tun ist, wenn unversehens ein Hightech-Armaggeddon über einem losbricht, dachte ich mir – und siehe da: Meine Hoffnungen wurden nicht entäuscht, jedenfalls nicht durchgehend, aber in einem Fall schon; ganz massiv, sogar. Darauf mag ich jetzt aber nicht eingehen.

Als Erster meldete sich ein Politiker mit einem Nacktselfie-Scherz, den ich unter anderen Umständen und mit etwas gutem Willen vielleicht als halbwegs witzig hätte taxieren können, den aber in meiner Notlage als nichts anderes als, um es sehr zurückhaltend zu formulieren, total daneben!!! empfand. Nur zum Sagen: Nie fühlte ich mich gedemütigter, erniedrigter und verletzter und alles.

Aber kurz, bevor ich den Glauben an das Gute im Menschen definitiv zu verlieren drohte, trudelte auf meiner Facebookseite nadisna auch Hilfreiches ein. In dem Moment, in dem ich das schreibe, wird das iPad im Hintergrund lautlos neu…äh…formma sinch geupp

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gemacht, und wenn es so weiterläuft, ist das Gerät bis am Mittag wieder wie frisch aus dem Laden, mitsamt allen Nacktselfies drauf, die zum Teil schon vor 25, 30 oder 35 Jahren geschossen wurden, was natürlich nicht stimmt, mir aber die Gelegenheit bietet, mit einer Superduperüberleitung elegant zum nächsten Thema zu wechseln: Dem Unsinn, Platten, die vor 25, 30 oder 35 Jahren erschienen sind, als Jubiläums”geschenk” verpackt als “Remastered Edition”, “Special Edition” oder “Deluxe Special Edition” neu aufzulegen.

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Fleetwood Mac (“Rumours”), Cheap Trick (“Dream Police”), Prince (“Purple Rain”), Bob Marley (“Kaya”), Eric Clapton (“Slowhand”) und und und: Keine Band und keine Plattenfirma, die etwas auf sich hält (oder wenigstens noch schemenhaft existiert), verzichtet darauf, die Perlen von einst, frisch poliert, noch einmal auf den Markt zu werfen, wobei der Ausdruck “Frisch poliert” alles andere als immer zutrifft.

Der Unterschied zwischen den CDs von gestern und deren aufgemotzten Kopien von heute besteht in der Regel darin, dass damals nur auf die Scheibe kam, was die Musiker und deren Manager als tiptopp befunden hatten, während mit den Neuauflagen hemmungslos all das unausgegorene und halbfertige Zeugs öffentlich entsorgt wird, das seinerzeit aus guten Gründen im Giftschrank des Studios gelandet war, und dann erst noch zu Preisen, die mindestens so augenwassersprudelnlassend sind wie Sprüche über Nacktselfies an die Adresse von Mitmenschen, die wegen ihres nicht funktionierenden iPads fast die Schraube machen vor Kummer.

Wenn das so weitergeht, fange ich jetzt dann auch damit an, längst vergilbte Blogbeiträge zu recyclen und als Mehrwert am Ende ein “Adkfjhieruthi lddfiewqp dfs sf!” oder ein “plklwerwjzu .wqwe tu?” oder so anzuhängen. Mal sehen, obs jemand merkt.

Empfehlenswerte Links: Der “Chefkoch” kennt leckere Herbstmenüs. Eric Pfeil tippt für den von mir über wegen seiner Hitlisten überaus geschätzten “Rolling Stone” jeden Monat ein fantastisches Pop-Tagebuch. Die “Baumhausfee” hat in der Burgdorfer Oberstadt nicht nur vor Kurzem ein Lädeli eröffnet, sondern schreibt auch sehr kurzweilig-informative Texte. Wer sich über Stilblüten in Zeitungen halb tot lachen kann, ist hier richtig. Die kulturfabrikbigla eröffnet am Freitag ihre sechste Spielzeit, und wer wissen will, wie “Gala”, die “Neue Revue” und all die anderen People-Magazine Schundheftli funktionieren, wirft am besten einen Blick in den “Topf voll Gold”.

Was gibts sonst noch Neues auf diesem unserem Planeten, den wir nur geliehen erhalten haben, mit dem wir aber umgehen, als ob und so weiter und so fort?

Ach ja: Das mit mir entfernt bekannte Ehepaar H.-S. aus B. macht seit gestern Ferien auf Gran Canaria und dokumentiert dieselben schon fleissig im Netz:

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Ich mags ihm gönnen, wirklich, und bin kein bisschen neidisch.

Höchst airfreulich

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Im sehr gut besetzten Feierabendzug ab Olten liess ich gestern mein iPad air liegen. Eine Stunde später rief mich eine mir unbekannte Frau an: Sie sei Zugbegleiterin und habe zwischen Olten und Langenthal – wo ich ausgestiegen war – “ein E-Book oder etwas Ähnliches” gefunden; ob das wohl mir gehöre. Ich sagte, ja, wenn es in einer schwarzen Mappe mit einem silbrigen Aufdruck stecke, sei das tatsächlich mein iPad. Daraufhin sagte die Frau, sie sei jetzt gerade im Hauptbahnhof in Bern. Sie gebe das Gerät gleich am Schalter ab; dort könne ich es heute noch abholen gehen.

In der Schalterhalle in Bern standen Dutzende von Menschen herum, die, mit einem Nümmerli in der Hand, ungeduldig darauf warteten, bedient zu werden. Ich fragte einen jungen Mann in SBB-Uniform, der zufällig in der Nähe war, ob er kurz Zeit habe, und erzählte ihm meine Kurzgeschichte. Der Mann versprach, sich der Sache anzunehmen, und verschwand.

Zehn Minuten später war er wieder bei mir, mit dem iPad in der Hand. Umständelos händigte er es mir aus. Er wollte nicht einmal einen Ausweis oder so sehen, um zu prüfen, ob ich auch wirklich der rechtmässige Besitzer des Tabletts sei.

Falls die Zugbegleiterin und der flotte junge Schalterhallenherr das hier zufällig lesen sollten: Vielen, vielen Dank nochmals!

“Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe”

Glass of Red Wine on White

In meinem Mailfach lag neulich ein sehr langer Brief. Eine mir unbekannte Frau teilte mir mit, dass sie eine eifrige Leserin dieses Blogs sei.

Vor allem  diesen und diesen und diesen Beitrag habe sie “immer und immer wieder” studiert, weil diese Texte etwas in ihr berühren. Etwas, was auch sie betreffe.  Sie vermute, dass ich wisse, was sie meine.

Dann kam sie – und ich sah sie irgendwie vor mir, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen vor dieser für sie wahnsinnig hohen Hürde stand, die Augen schloss, auf Zehn zählte und  dann sprang – zur Sache: Sie würde gerne mit jemanden über ihre Alkoholsucht reden, schrieb sie, und ihre Gedanken mit einem Menschen teilen, der über einschlägige Erfahrungen verfügt.

In dem Dorf, in dem sie lebt, habe sie dazu keine Gelegenheit. Sich den Anonymen Alkoholikern oder dem Blauen Kreuz anzuschliessen, sei für sie wegen der kleinräumigen Jederkenntjeden-Verhältnisse keine Option. Abgesehen von ihrer Familie und ihren engsten Freunden wisse niemand, dass sie über Jahre hinweg jeden Tag knapp zwei Liter Rotwein getrunken habe.

Um ihre Krankheit geheimzuhalten, habe sie sich mit den üblichen Tricks beholfen: “Ich konsumierte nur alleine und zuhause. In der Öffentlichkeit oder an geschäftlichen Anlässen habe ich meist dankend abgelehnt. Dafür trank ich dann daheim weiter.”

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Inzwischen sei die Situation für sie physisch und physisch dermassen belastend geworden, dass sie einen Arzt und eine Psychologin habe einschalten müssen.

Das alleine, glaube sie, bringe sie jedoch nicht entscheidend weiter.  Deshalb frage sie jetzt mich als ehemaligen und längst “trockenen” Direktbetroffenen, ob ich sie auf der Suche nach einem Pfad aus dem Sumpf ein Stück weit begleiten könne und wolle.

Für mich stand ausser Frage, dass ich der Frau im Rahmen meiner Möglichkeiten unter die Arme greifen würde. Ich schrieb ihr zurück, ich stehe für Gespräche jederzeit zur Verfügung. Allerdings würde ich es aus geografischen Gründen vorziehen, wenn wir diese Unterhaltungen schriftlich führen könnten.

Damit – sowie mit ein paar Spielregeln, die ich aufstellte, um keine falschen Hoffnungen zu wecken und die gegenseitige Ehrlichkeit zu gewährleisten – war die Frau einverstanden.

Wobei: Was heisst schon „einverstanden“? Sie sitze, meine Mail vor Augen, „vor dem PC und heule, was das Zeug hält“, liess sie mich in ihrer nächsten Zuschrift wissen. Allerdings weine sie nicht aus Frust oder Verzeiflung.; es sei vielmehr„ein befreiendes Heulen“.

In den folgenden Tagen entspann sich in drei Dutzend elektronischen Briefen ein Dialog, den ich hier auszugsweise und stellenweise leicht redigiert wiedergebe. Bevor ich den Text freischaltete, gab ich ihn der Frau zu lesen; ich wollte sie nicht mit der Veröffentlichung ihrer Geschichte überraschen, brüskieren oder gar verletzen. Ich sagte ihr, ich hätte kein Problem damit, wenn sie sich gegen eine Publikation aussprechen würde. Doch die Frau hatte keine Einwände; ganz im Gegenteil.

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Sie an mich: “Ich SCHÄME mich!!!! Das ist das schlimmste Gefühl für mich!“

Ich an sie: “Jeder Alkoholiker schadet mit seiner Trinkerei nicht nur sich selber. Er lässt auch sein privates und geschäftliches Umfeld mit-leiden. Nur: Das tut jeder kranke Mensch. Er macht das nicht in der Absicht, jemandem zu schaden. Und hat folglich auch keinen Grund, sich dafür zu schämen.”

Sie an mich: “Im Moment arbeite ich nicht. Nach einer krankheitsbedingten Auszeit hätte ich zwar wieder in den Betrieb zurückkehren können, aber das wollte ich nicht. Denn immer, wenn die Umsätze seiner Ansicht nach zu niedrig waren, rief mich am Abend der Chef an und schiss mich gottsjämmerlich zusammen. Diesen Frust konnte ich nur mit Wein bewältigen.”

Ich an sie: “Wichtiger als eine Arbeitsstelle ist, dass du körperlich und seelisch wieder auf die Beine kommst. Wenn du wieder festen Boden unter den Füssen hast, kannst du daran denken, loszumarschieren.”

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Sie an mich: “Mit der Arbeit hatte ich ein Sauschwein, da unser Chef nur sporadisch vorbeischaute. Wenn er hin und wieder für zwei, drei Stunden auftauchte, riss ich mich zusammen. Natürlich habe ich auch während der Arbeit konsumiert! Da ich aber schon immer ein Laferi war, fiel ich wahrscheinlich nicht aus dem Rahmen. Und mit Täfeli und Mundspray kann man ja viel vertuschen. Ja – man wird generell einfallsreich. Man entwickelt unglaubliche Strategien.”

Ich an sie: “Viele Alkoholiker merken erst, dass etwas schiefläuft und sie etwas dagegen unternehmen müss(t)en, wenn ihnen der vermeintlich feste Boden unter den Füssen wegbröckelt. Dann hilft auch die rafffinierteste Taktik nichts mehr. Doch bis dahin ignorieren sie die bisweilen schon riesengrossen Zeichen an der Wand. Mein Chef stellte mich damals nach drei Verwarnungen auf die Strasse. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Denn an jenem Tag wurde aus meiner vagen Vermutung, dass es möglicherweise an der Zeit wäre, mein Leben von Grund auf zu ändern, Gewissheit.”

Sie an mich: “Ich habe sehr schlecht geschlafen. Tausend Gedanken schwirren durch mein Hirni. Ich denke immer noch, dass ich mich dem Ganzen stellen muss. Auch wenn es mich gerade wieder einmal erhudlet – verdrängen nützt nichts; das habe ich gemerkt. Und endlich weiss ich, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin. Ich habe ewig lange das Gefühl gehabt, der einzige Mensch mit einem Alkoholproblem zu sein, obwohl mir Ärzte und Therapeuten immer wieder versicherten, dass dem nicht so sei.

Ich glaube, ich bin von der Wahrheit schockiert. Ich habe den ganzen Schrott einfach zur Seite gestossen und Jupiduutrallalaa in den Tag hineingelebt. Ich habe mich geweigert, zu akzeptieren, dass ich unter einer Leberzirrhose leide. Ich wollte davon nichts hören und nichts lesen. Ich hörte nicht darauf, was die Ärzte sagten. Wenn am Fernsehen etwas über Lebererkankungen gezeigt wurde, schaute ich weg. Ich bin vor allem davongelaufen.

Und jetzt, wo ich mich entschlossen habe, den ganzen Mist wegzuräumen, kommt das alles hoch. Ich fühle mich gerade wie…ich weiss nicht…wie Scheisse. Ich will immer nur das Schöne und Gute sehen. Am liebsten wäre mir, wenn das ganze Puff schon aufgeräumt wäre.”

Ich an sie: “Dass dich dein Fall immer wieder erhudlet, ist nichts als natürlich. Du steckst mitten in einem Schlamassel, von dem du bis vor nicht allzulanger Zeit nur geahnt hast, dass es existiert…und jetzt, nach vielen Jahren, siehst und spürst du, wie gross es wirklich ist.

Ich habe mich damals auch nächtelang hintersinnt und wegen der hohen (Schulden-)Berge vor mir oft das weite, freie Land dahinter kaum mehr gesehen.

Aber dann sagte ich mir jeweils: Jetzt bist du schon bis hierher und hierher gekommen. Also wirst dus auch dorthin und dorthin schaffen. Mit dieser Politik der kleinen Schritte kommst du am Weitesten.

Meine Geschichte liegt zehn Jahre zurück. Für mich ist sie, was für andere Leute die Briefmarkensammlung auf dem Estrich darstellt: Man weiss, dass sie da ist, nimmt sie aber nur noch bei besonderen Gelegenheiten hervor. Zum Beispiel, wenn jemand, der sich ebenfalls für Marken interessiert, aus heiterem Himmel fragt, ob er (nein: sie) die Alben vielleicht einmal sehen könne…

Du hast erst vor relativ kurzer Zeit damit angefangen, dich freizukämpfen. Das erfordert viel Kraft und Geduld und Nerven und die Fähigkeit, immer wieder nach vorne zu blicken und daran zu glauben, dass es klappen wird. Lass dir diesen Optimismus auf keinen Fall nehmen. Du hast die richtige Strasse gefunden. Andere wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt. Sie hätten – oder haben – allen Grund, verzweifelt zu sein.

Hast du dir auch schon überlegt, dich für eine Weile in eine Klinik zurückzuziehen? Dann bist du weg von dem ganzen anderen Zeug, hast lauter Profis um dich herum und – sehr wichtig! – triffst zig Menschen, die dieselben Schwierigkeiten haben wir du.”

Sie an mich: “Dein Vorschlag tönt extrem richtig. Ich denke auch, dass mir die Ruhe sehr guttun würde. Ich habe am Anfang alle zwei Wochen einen Termin bei meiner Therapeutin gehabt. Dann haben wir die Gespräche auf meinen Wunsch auf einmal pro Monat reduziert, weil ich davon ausging, keine so engmaschige Betreuung mehr zu benötigen. Klar würde sich ein Klinikaufenthalt irgendwie einrichten lassen. Um mich herum ist ständig ein Gewusel. Ich kann mich überhaupt nicht entspannen.”

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Ich an sie: “In einer Suchtklinik geht es darum, konzentriert am eigentlichen Problem arbeiten zu können und gleichzeitig auf neue Gedanken zu kommen. Und ums Reden über Erfahrungen und Teilen von Erlebnissen (kurz gesagt: um genau das, was du dir wünschst).

Das geht nicht mit einer Therapiesitzung alle paar Wochen. Da muss ein Intensivprogramm her. Wenn du im Garten Unkraut hast, fährst du auch nicht einmal im Monat mit dem Rasenmäher drüber. Dann rupfst dus aus, mit der Wurzel. Das ist zwar viel anstrengender, aber wesentlich wirkungsvoller.”

Sie an mich: “Meine Welt hat jetzt wieder eine angenehmere Farbe.”

Ich an sie: “Ich schlage dir jetzt Folgendes vor: Du sagst deiner Familie, das du fest entschlossen bist, dich ein für allemal von der Trinkerei zu lösen. Weiter erklärst du ihr, dass das nicht nur für dich mit einem grossen Aufwand verbunden ist, sondern auch für sie. Du sagst deinen Lieben, dass du möglichst bald eine Therapie machen willst, in einer Klinik, und dass sie in dieser Zeit ohne dich werden auskommen müssen. Ich bin sicher, dass das alle verstehen. Und ich bin vor allem überzeugt davon, dass darüber alle mehr als nur glücklich sein werden.

Dann gehst du zu deinem Hausarzt und bittest ihn, dich in eine für dich geeignete Klinik zu überweisen.”

Sie an mich: “Das mit einer Therapie weg von zuhause klingt schon verlockend und auch vernünftig. Ich werde die Möglichkeiten bei der Psychologin nächste Woche ansprechen…und dann schauen wir mal. Zeitlich müsste dies einfach noch ein wenig warten, jedenfalls bis nach den Sommerferien. Bei uns steht relativ viel Wichtiges an.”

Ich an sie: “Mit Unverbindlichkeiten wie ‘schauen wir mal’ und ‘noch ein wenig warten’ kommst du nicht weit. Und ‘etwas Wichtiges’ wird auch nach den Ferien wieder anstehen. Einen Grund, die Therapie nicht antreten (oder zumindest fix einfädeln) zu können, findest du jederzeit. Denn wenn es im Leben eines Alkoholikers an etwas nicht fehlt, sind es Ausreden.

Du musst erkennen, dass für dich im Moment du das Wichtigste bist. Du kannst deiner Familie und deinen Freunden nur dann eine Stütze und ein Wegweiser oder auch ‘mur’ eine verlässliche Begleiterin sein, wenn zu zwäg bist. Doch das bist du nicht. Du bist schwach und verletzlich und labil und hilfsbedürftig und viele, viele Kilometer davon entfernt, ein freies und souveränes Leben führen zu können.

Aber ich bin nicht dein Therapeut und schon gar nicht dein Vormund. Ich habe dir nur erzählt, was in meinem Fall zum Ziel geführt hat. Ob und wie du diese Hinweise nutzt, ist dir überlassen. Es ist dein Leben.”

Sie an mich: “Deine Worte haben mich richtig ‘müffelig’ gemacht! Weisst du, warum? Es ist wieder einmal die Wahrheit, die ich nicht oder kaum ertragen kann! Ich möchte Recht haben, nicht die anderen. Das ist ein Charakterzug von mir, den ich schon früher hatte, vor meiner Flucht in eine vermeintlich heile Welt. In dieser Welt war alles Unangenehme nur gedämpft und für mich viel erträglicher. Ich sage mir immer, ich könne nichts dafür; alle seien zu mir so ungerecht. Aber ich weiss ja: Das ist nicht die Lösung. Ich habe meinen Ärger nun auf dem Hometrainer statt mit Wein abreagiert. Darauf bin ich stolz.

Habe ich einen Flick ab? Bist du in deinen Therapiesitzungen nie wütend geworden, weil du genau gewusst hast: Was diese Leute sagen, ist richtig, und ich liege falsch? Und dass du trotzdem nicht wolltest, dass sie Recht haben? Mich so zu sehen, wie ich mich soeben gesehen habe, tat verdammt weh. Aber es löste in mir auch einige Blockaden.”

Ich an sie: “Wer Recht hat und wer nicht, ist in einer Therapie meiner Meinung nach ziemlich egal. Wichtiger sind all die Gelegenheiten, über sich, seine Lage, seine Vergangenheit und seine Zukunft nachzudenken, daraus die passenden Schlüsse zu ziehen und die Weichen neu zu stellen (und zwar so, dass sie etwas aushalten und nicht beim ersten Zügli, das vorbeikommt, wieder verrutschen).

Wenn dich meine Post zum Hirnen gebracht hat: Tiptopp. Ich kann dir nur sagen: Hör auf damit, vor der Wirklichkeit zu fliehen. Hör auf damit, andere(s) für dein Befinden verantwortlich zu machen. Hör auf damit, dich selber zu bemitleiden.

Stell dich stattdessen deinem Feind. Geh auf ihn zu, schau ihn dir genau an – und mach ihn fertig.

Sei dir aber bewusst, dass du das alleine und in deiner gewohnten Umgebung nicht schaffst. Auf diesem Feld kannst du dich nicht auf ihn konzentrieren, weil du ständig abgelenkt wirst. Abgesehen davon geniesst er auf diesem Platz Heimvorteil. Die Kämpfe, die ihr beide schon darauf ausgetragen habt, hat er alle gewonnen.

Also: Lock deinen Gegner auf ein Terrain, auf dem er sich so unsicher fühlt wie nirgendwo sonst, und vertrau darauf, dass dort viele bis an die Zähne bewaffnete Leute nur darauf warten, dich bei deiner hoffentlich letzten und wichtigsten Konfrontation mit ihm zu unterstützen.

Diese Menschen kennen seine Schwachstellen. Sie werden sie dir zeigen und mit dir so lange trainieren, bis du dich dem Feind voller Stärke und mit einer Unmenge Selbstvertrauen stellen kannst.”

Sie an mich: “Es geht mir gut. Ich bin ausgeglichen und mein aufgewühltes Inneres hat sich beruhigt. Ich hatte ein tolles Wochenende mit zwei sehr guten und eingeweihten Freunden. Sie vermitteln mir, dass sie stolz sind auf mich und den Weg, den ich gewählt habe. Das tut mir sehr gut!

Natürlich ist deswegen nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber in und mit mir passierte in den letzten Tagen etwas. Das fühlte sich im ersten Augenblick beängstigend an. Doch jetzt spüre ich Zufriedenheit und Genugtuung. Ich habe gemerkt, was für mich stimmt und was nicht. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, ein Schrittchen weitergekommen zu sein. Ich werde dieses Schrittchen in meiner nächsten Therapiestunde erwähnen!”

Sie an mich (ein paar Tage später): Das Gespräch mit meiner Therapeutin war gut, aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend. Ich habe mit ihr einige unserer Mails angeschaut. Wir sind aber noch nicht ausführlich darauf eingegangen, da uns dafür die Zeit fehlte. Wir treffen uns nächste Woche wieder. Ich stehe auf dem richtigen Weg und komme darauf sogar vorwärts.”

Ich an sie: “‘Aufwühlend, traurig, aber auch schön und mutmachend…’: So werden noch unzählige Gespräche verlaufen, die du auf deiner Reise in die Abstinenz führen wirst. Je mehr sie dich beschäftigen und je mehr sie dir zu denken geben, desto besser! Halt mich über deinen nächsten Therapiebesuch auf dem Laufenden. Ich bin gespannt, was deine Psychologin zu all dem sagt, was du in den letzten Wochen unternommen, gelesen und geschrieben hast.”

Das wars, fürs Erste. Ich weiss noch nicht, wie sich die Frau entschieden hat. So oder so wünsche ich ihr von Herzen das Allerbeste, die nötige Portion Glück – und Angehörige und Freunde, die sie begleiten und verständnisvoll auf ihren Weg zurückschubsen, falls sie einmal davon abkommen sollte.

Jetzt, wo das Allergröbste für sie hoffentlich überstanden ist, kann ich ihr es ja verraten: Unser Mailerei hat nicht nur ihr etwas gebracht. Auch ich habe davon profitieren dürfen.

Und, wer weiss: Vielleicht erkennt der eine Leser oder die andere Leserin sich in diesem oder jenem Abschnitt wieder.

Das wäre dann vielleicht die Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht eine gute Idee wäre, einfach mal jemandem zu schreiben.

Suchtfünf

 

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“Die Kriminalität ist auf Gran Canaria nicht sonderlich hoch”, behauptet das der lokalen Tourismusbranche vermutlich nicht allzu fernstehende “Informations”portal grancanariaonline.com.

“Nicht sonderlich hoch”? Naja:

Mitte Juli erstach in Playa di Arinaga eine Frau ihren Freund.

Wenig später entdeckte die Polizei in einer Wohnung in Las Palmas die stark verweste Leiche einer Frau, die allem Anschein nach ebenfalls einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefellen war.

Ebenfalls im Juli wurde ein Deutscher verhaftet. Er soll Ualauban grosse Rabatte auf Reisen versprochen haben, die keinen Wert hatten.

Am letzten Samstag fanden Ordnungshüter in La Orotava die Leiche eines neugeborenen Babys; sie lag in einem Müllsack. Die Mutter sitzt hinter Gittern.

Vor diesem Hintergrund ist mein “Fall” kaum der Rede wert: Mir wurde gestern Abend das iPhone geklaut, das ich erst vor ein paar Wochen gekauft hatte.

Eben sass ich mit ihm noch, nichts Böses ahnend, in einem Beizli am Strand. Wie zwei Frischverliebte teilten wir uns einen Stracciatella-Pistache-Coupe (ohne Rahm, wegen ihm). Dann machte ich mich auf den Weg zum Hotel. Als ich beim zehn Meter vom Café entfernten Taxistand vorbeiging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Oder genauer gesagt: Dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Ein zögerlicher Griff in die Hose bestätigte, was mein Unterbewusstsein sofort vermutet hatte: Das Handy war weg.

Und mit ihm 6004 Lieder, über 3000 Fotos, sämtliche Unterlagen der Szenerie Burgdorf, unzählige Mails und SMS, Kalendereinträge, einige harmlose, aber aufwendig gedrehte Filme, die Jass-App, die Wetter-App plus, last but absolut nicht least, die Möglichkeit, jederzeit meinen Schatz anrufen zu können, nur, um kurz ihre Stimme zu hören.

Aber gut: Immer noch lieber kurz von der Aussenwelt ab- als in einem Apartment aufgeschnitten.

Glücklicherweise I wurden meine Kommunikationswege nicht komplett veschüttet. Und glücklicherweise II ist das meiste, was mir abhanden gekommen ist, auf dem Compi zuhause gespeichert. Ich werde das neue Handy nur an ihn anschliessen müssen, und schwupp: Sind Toto, Deep Purple, Abba, die Halunke, Mark Knopfler, die Hochzeits- und Ferienbilder, die Termine (Juhui!) sowie die privaten und geschäftlichen Korrespondenzen wieder da.

Das ist ein Grund zum Feiern. Wir machen ein bisschen Musik:

Kaum im Hotel angekommen, warf ich den Laptop an, um Chantal zu schon sehr vorgerückter Stunde zu bitten, die Swisscom-Hotline anzurufen und das iPhone sperren zu lassen. Wenig später meldete sie: Alles ok.

Von der Poolbar aus, an der die anderen Gäste andächtig einem Soulsänger lauschten, der Harry Belafonte nachmachte, rief ich dem Dieb, der sich bestimmt schon auf eine lange Jassnacht gefreut hatte, ein hämisches “Ha!” hinterher. Daraufhin tippte ich ein paar Mails an Leute, die in meinem Leben sonst nur eine sehr periphere Rolle spielen, für mich jetzt jedoch schlagartig sehr wichtig wurden.

Jetzt gehe ich zum nächstbesten Polizeirevier, um den Frevel für die Versicherung anzuzeigen.

Auf eine merkwürdige Weise bin ich sehr gespannt darauf, die echten Kollegen von Paolo Cruz und (dem inzwischen wohl eher unehrenhaft aus dem Dienst ausgeschienenen) Daniele Corrida kennenzulernen.

Nachtrag: Das Handy ist tags darauf wieder aufgetaucht.

Im Land der Träume

Ohne lange zu überlegen, was passieren könnte, haben wir vom BZ-Forum vor ein paar Monaten die Rubrik “Wünsch dir was” lanciert. Sie funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Leserinnen und Leser schreiben uns, wovon sie – oder Menschen, die ihnen nahestehen – schon lange träumen; wir versuchen, den Wunsch zu erfüllen. Nicht mit Geld, sondern mit Hilfe von Firmen, Vereinen – und, vor allem: von anderen Leserinnen und Lesern.

Inzwischen verbringen wir auf der Redaktion einen Teil unserer Tage damit, Christkind zu spielen, oder Harry Potter. Mit Journalismus hat das nur am äusseren Rande zu tun. Aber es macht mindestens soviel Spass, wie über eine Stadtratsdebatte zur Verlängerung eines Trottoirs zu berichten.

Und was wünschen sich die Leute? Flachbildfernseher? Wasserbetten? Ausflüge in den Europapark?

Chasch dänke.

Die Menschen möchten in einem Seitenwagen über Pässe fräsen, in einem alten Döschwoo über Land tuckern oder im Führerstand einer Loki durch den Gotthard rasen. Sie lassen uns wissen, ihre Mutter im Altersheim würde gerne mit einen Spitzenschwinger plaudern. Sie wollen hinter die Kulissen bei den Thuner Seespielen blicken, auf einem Elefanten reiten, bei einer Gehirnoperation zuschauen, einen Tag lang Affen pflegen, tauchen, (als IV-Rentner) mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug springen, einige Stunden mit Raubtieren verbringen oder, wie jene todkranke Frau mit den gelähmten Beinen, “noch einmal im Leben die Alpenluft riechen”.

All diese Wünsche – und ein paar mehr – haben wir realisiert und werden wir noch realisieren. Ständig kommen neue hinzu.

Wenn wir in der BZ schreiben, dass sich Herr X das und das wünscht, dauert es nie lange, bis sich jemand meldet, der helfen kann und will. Wenn wir – wie bei der Fahrt durch den Gotthard oder bei der Operation – um fremde Hilfe bitten, wird uns die bemerkenswert unbürokratisch gewährt. In der ganzen Zeit hat kein Mensch gefragt, was er davon habe, wenn er einen kleineren oder grösseren Traum wahr werden lässt.

Das ist für mich das Schönste an der Aktion: Immer wieder zu sehen, dass es unzählige Leute gibt, die spontan bereit sind, Wildfremden einfach so eine riesige Freude zu bereiten.

In einem Paradies auf Zeit

Nach zwei Wochen Australien ist es an der Zeit, diesem Land und seinen 22 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern einen dicken Kranz zu winden: freundlichere, zuvorkommendere, aufgestelltere und – für Schweizer sehr wichtig! – reinlichere Menschen gibt es vermutlich auf der ganzen Welt nicht.

Wo auch immer wir hinkommen, werden wir nicht wie wandelnde Bancomaten behandelt, die nur darauf warten, geleert zu werden. Sondern wie alte Bekannte, die man nach vielen Jahren wieder einmal sieht. Das leicht bis sehr hochnäsige Getue und Gehabe, mit der viele Schweizer auf ihre zahlenden Gäste zu- oder losgehen, ist den Aussies fremd.

Natürlich freuen sich auch die Australier über das viele Geld der Touristen. In erster Linie schätzen sie jedoch das Interesse, das man ihnen und ihrer Heimat entgegenbringt. Seis die Polizistin im Notfalldienst, die Frau an der Supermarktkasse, der Mann am Autobahnraststättengrill oder der Kunde im Plattenladen: sie alle scheinen mit einem angeborenen Lächeln durchs Leben zu gehen, das ungleich ehrlicher wirkt als das oft aufgesetzte “How loveley, my dear!”-Gehyster vieler Amerikanerinnen und Amerikaner.

Wenn einen ein Australier fragt, wie es einem so geht, tut er das in der Regel nicht, weils die Höflichkeit gebietet, sondern, weils ihn wirklich wunder nimmt. Und wenn man darauf antworten würde, man sei gerade nicht so gut drauf, würde er alles unternehmen, um das auf der Stelle zu ändern. Während “der Amerikaner” sagt, “wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind”, sagt “der Australier”, “dein Freund ist mein Freund”.

Die Hilfsbereitschaft ist grenzenlos: Vorgestern zum Beispiel verlor ich in Byron Bay mein Portemonnaie samt 160 Dollar Bargeld und der Kreditkarte. Das Betreiberpaar des Motels, in dem wir erst am Vorabend eingecheckt haben, stellte mir, noch bevor ich darum gebeten hatte, sein Telefon zur Verfügung, rief die Restaurateure im Umfeld jenes Platzes an, auf dem der Geldbeutel vermutlich verschwunden war und gewährte mir kostenlosen Zugang zu seiner Internetleitung, damit ich den ganzen administrativen Kram erledigen konnte. Tags darauf erkundigten sie sich, ob es mit dem Kartensperren und so geklappt habe. Als ich sagte, es sei alles in Ordnung, freuten sie sich, als ob es sie persönlich betroffen hätte.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob derselbe Service auch in der Schweiz mit derselben Selbstverständlichkeit geboten worden wäre. In der Schweiz hätten die Hoteliers zuerst einmal gefragt, ob wir die Rechnung jetzt trotzdem bezahlen könnten und wenn nein, wen man dafür haftbar machen könnte. Das Internet koste zehn Stutz; wenns geht, bitte cash.

Abgesehen davon gilt es, mit dem einen und anderen Vorurteil aufzuräumen: Die Australier sitzen nicht den ganzen Tag an der Sonne, um ein Bier nach dem anderen in sich hineinzuschütten. Zweifellos haben auch sie es gerne gemütlich; und ganz bestimmt sind sie nicht die ersten, die gehen, wenns am Schönsten ist. Aber den grössten Teil ihrer Zeit verbringen sie mit zum Teil sehr harter Arbeit auf Dächern, in Gärten, auf staubigen oder überschwemmten Landstrassen und in Spitälern.

In den Beizen gelten alkoholausschankmässig mindestens so strikte Regeln wie in der Schweiz. Und wer zuviel intus hat, fliegt raus, ohne der Bedienung “Noch eines!” zulallen zu können. Für Nikotinjunkies ist Australien die Hölle: das Rauchen ist nicht nur in den Restaurants, sondern weitestgehend auch in Strassencafés verboten. Ein Päckli Zigaretten kostet 17 Franken. Wer eine Zigi auf die Strasse wirft und sich dabei erwischen lässt, muss sein Monatsbudget neu überdenken.

Sicher: Wir sehen hier nur die touristische Seite eines Landes, das noch Hunderttausende von anderen Facetten hat. Auch in Australien gibt es Mord und Totschlag und Männer, die ihre Frauen verprügeln. Ich sage nicht, dass die Australier bessere Menschen sind als wir Schweizer oder die Griechen oder die Kroaten. Aber die Art und Weise, wie sie mit dem Leben umgehen und die Herzlichkeit, mit der sie Wildfremden begegnen, ist einzigartig. Für uns Nordhalbkugler scheint sie fast unwirklich, doch für die Aussies ist sie offensichtlich selbstverständlich.

Aber auswandern? Hierbleiben? Lieber nicht. Vermutlich ist es mit Australien wie mit allem Schönen: man realisiert es nur, wenn man auch das Unschöne kennt. Und soviel Wunderbares, wie wir hier fünf Wochen lang unbeschattet von allem Hässlichen erleben und sehen dürfen: das ist in der Realität auf Dauer nicht zu haben. Auch nicht in Australien.

Klasse an der Kasse

Die Schlange wird lang und länger.

Ganz zuvorderst steht eine vielleicht 80jährige Frau mit dünnen, grauen Haaren und einem kleinen Buckel. Während sie leise mit der Kassierin spricht, stockert sie mit ihren runzligen Fingern ununterbrochen in ihrem Portemonnaie herum. Die Kassierin schaut ihr unbeteiligt zu. Nein: genervt. Die Kassierin schaut der Rentnerin, die seit sicher einer halben Minute den ganzen Betrieb hier aufhält, sehr genervt zu.  

Alle wissen, was los ist; auch ich. Niemand unternimmt etwas; auch ich nicht.

Alle wären einfach nur froh, wenn die alte Frau möglichst heute noch irgendwo Geld finden würde.

“Wieviel fehlt?”, erkundigt sich auf einmal ein Mann aus der Schlange nebenan. Die alte Frau zuckt zusammen.

“Sechsfünfzig”, sagt die Kassierin. Und, weil sie glaubt, der Mann habe sie nicht verstanden, oder weil sie findet, sie müsse ihre Kundin noch ein bisschen mehr demütigen, wiederholt sie: “SECHSFÜNFZIG!”

Sie könnte es auch über den Ladenlautsprecher durchgeben. Vielleicht denkt sie tatsächlich eine Sekunde lang darüber nach.

Der Mann entnimmt seinem Geldbeutel eine Zehnernote und bittet seine Kassierin, sie unserer Kassierin hinüberzureichen.

Die Seniorin dreht sich zu ihm um. Ihre Augen sagen “Danke”. Und “Hat es in diesem Boden kein Loch, in das ich für eine Stunde verschwinden könnte?” Die Kassierin drückt ihr dreifünfzig in die Hand. Die alte Frau scheint zu überlegen, wie sie dem Mann das Münz geben könnte, ohne den Jahresumsatz dieser Coop-Filiale gleich noch einmal zu gefährden. 

Der Mann winkt ab: “Behalten Sies. Gehen sie einen Kaffee trinken. Das beruhigt.”