Verkehrte Welt

Wenn am Montag Bruce Springsteen im Zürcher Letzigrund spielt, stehen wir nicht im Publikum.

Ganz zuvorderst am Bühnenrand feiern jedoch die besten Trauzeugen der Welt den “Boss”.

Mein Schatz und ich

hüten

derweil ihren Sohn, das heisst: unseren Neffen.

Das ist eine ganz neue Erkenntnis: Man kann sich wie gstört auf ein Konzert freuen, an das man gar nicht geht.

Vorfreuden ohne Ende

Kaum hat die Monate-, Wochen- und Tagezählerei vor der (einen?) Hochzeit des Jahres ein Happy End gefunden, tickt auch schon der nächste Countdown: Am 16. Juli spielt die beste Band der Welt in Zürich. Natürlich lässt sich das eine mit dem anderen kaum vergleichen. Aber einen gemeinsamen Nenner gibts trotzdem: Das pure Glück und eine Riesenfreude darüber, mit von der Partie zu sein.

An die ganz Schlauen

Zur Info für investigative Kolleginnen und Kollegen bei einschlägig interessierten Medien: Weder auf diesem Blog noch auf meinem Facebook-Profil gibt es Bilder von Judiths und Urs’ Hochzeit zu klauen sehen oder Informationen über das Fest herauszukopieren zu lesen.

Das Brautpaar und die Trauzeugen wünschen das so. Ich komme dieser Bitte – wie alle anderen Gäste sicher auch – gerne nach.

Also: Spart euch die Mühe, fahrt eure Compis einfach mal abe – und macht euch ebenfalls einen wunderschönen Tag!

Des Bräutigrambruders neue Kleider

Möglicherweise habe ich es schon einmal erwähnt: Am 13. Mai heiratet Judith meinen Brüetsch, bzw. mein Brüetsch seine Judith. Ich bin deshalb auf einer für mich ganz und gar ungewohnten Mission in fremdem Gelände: Ich brauche bis in genau 30 Tagen einen Anzug. Einen richtigen, schicken. Einen, der, wenn er ein Kebab wäre, als “mit scharf und allem” bestellt würde. Einen, den man einmal trägt und dann nie wieder, weil man in ihm überall sonst etwas overdressed wirkt.

Also schaute ich mich in einer schlaflosen Nacht chli auf der Website eines Schweizer Herrenausstatters um. Was ich da sah, wirkte recht anmächelig, um nicht zu sagen: halbwegs passabel. Allerdings konnte ich mir nicht vorstellen, dass man dieses Geschäft einfach so betreten und fünf Minuten später umständelos erledigter Dinge wieder verlassen kann.

Schon beim Betrachten der Homepage roch ich einen Schwarm ekelhaft gegelter und penetrant parfümierter Verkäufer, die ununterbrochen um mich herumwieseln und mir beflissen dieses Hemd zeigen und jene Weste vorführen und mir freudig im Schritt und am Hosenbund herumfummeln, obwohl ich, schon Stunden zuvor, auf den ersten Blick gewusst hatte, was ich wollte; und obwohl das passte wie angegossen, aber nein: Der Herr Kunde wird ausgerechnet heute ganz besonders zuvorkommend behandelt, drum: noch mehr Hemden und Hosen und Jacken und Krawatten und weiteres vor Unterwürfigkeit fast auf den teuren Teppich sabberndes Personal, das mit nie nachlassender Begeisterung an einem zerrt und zupft und noch mehr Gänge in die Hölle Garderobe, in der man sich schon lange nicht mehr umzieht, sondern in der man nur ungefähr die Zeitspanne abwartet, die man zum Umziehen benötigen würde, und aus der man dann herausruft, die Sachen seien zu gross oder zu klein oder zu lange oder zu kurz oder zu hell oder zu dunkel, worauf man das wie zehntausend alte Socken müffelnde Kabäuschen wieder verlässt in der Hoffnung, von den Hyänen, die draussen mit neuen Stapeln von Wäsche auf ihr längst waidwund beratenes Opfer lauern, die sie ihm un-be-dingt noch zeigen wollen, entweder schnell und schmerzlos getötet oder aber endlich, ENDLICH!, in Ruhe gelassen zu werden, damit man mit dem Zeug, das man ganz am Anfang ausgesucht hatte, zur Kasse und dann aus der Glastüre gehen kann – und fertig.

Vielleicht ahnt man, wo das Problem liegt.

Jedenfalls liess ich den Kleiderladen geistig in Flammen aufgehen, wartete, bis auch die letzte Fliege und der letzte Lehrling verkohlt war, und rief dann eine zweihundert Kilometer entfernt stationierte Feuerwehr an.

Um das Projekt trotzdem vorwärts zu bringen, besprach ich die Hochzeitskleidersfrage heute Nachmittag mit zwei Kollegen auf dem Dach des BZ-Gebäudes. Der eine sagte, er würde für diesen Anlass “etwas ganz Normales” anziehen und riet zu Jeans und einem Hemd. Ich sagte, das sei unmöglich; immerhin gehe es um die Hochzeit von meinem Bruder, worauf der Kollege erwiderte: “Eben.”

Der andere Kollege riet mir dringend, einen Laden namens “We” an der Berner Marktgasse aufzusuchen. Die hätten da alles, was der Gast des hohen Festes begehre, und dann erst noch zu sehr, sehr humanen Preisen. Mit 400 Franken sei mann dabei; alles inklusive, ausser den Schuhen.

Ich stand so gut wie in dem Lokal, als der Kollege fortfuhr: Das Beste an dem Geschäft seien nicht einmal die Preise. “Sagenhaft” sei vor allem: “die Beratung”. Die “We”-Leute – und das war der Moment, in dem ich beinahe aus dem fünften Stock in die Lorraine hinuntergesprungen wäre – würden sich im Gegensatz zu Verkäufern in anderen Modehäusern “noch so richtig Zeit nehmen für einen”.

Ganz alleine auf der Welt

22.40 Uhr: Ich gehe ins Bett.

0.00 Uhr: Starre immer noch an die Decke. Der Magen spinnt. Er weiss, dass ich abnehmen will. Heute habe ich damit begonnen. Würste? Schoggi? Weissbrot und Greyerzer? Chasch dänke. Stattdessen: Müesli, Knäcke, Hüttenkäse. Und mehr Bewegung. Das macht ihn hässig.

0.42 Uhr: Es hat keinen Sinn. Ich beschliesse aus dem fast hohlen Bauch heraus, aufzustehen.

0.43 Uhr: WC. Die erste Sitzung des noch sehr jungen Tages. Wenn ich der Tag wäre, würde ich grummeln: “Super Start. Vielen Dank auch. Wollen wir nicht noch einmal von vorne anfangen?”

0.47 Uhr: Was jetzt?

0.48 Uhr: Ich brenne für einen Kollegen “Ending on a high note“, das letzte (und fantastische) Doppelalbum von A-ha.

0.57 Uhr: Krämpfe. Wasser kochen für einen “Beste Freundinnen-Tee”.

1.05 Uhr: “1 gegen 100” auf Schweiz 1. Noch nie gesehen. Sven Epiney hat gealtet. Die grauen Haare stehen ihm aber gar nicht so schlecht. Oh: Das ist ja René Rindlisbacher.

1.14 Uhr: Im NDR diskutiert “Beckmann” mit Gästen über Guido Westerwelle. Es geht irgendwie darum, dass keine fünf Prozent der FDP-Wähler einen Tsunami vor Japan ausgelöst haben, weshalb in Libyen jetzt ein erbitterter Kampf um Herbert Grönemeyers neue CD tobt. Als ich Grönemeyer zum ersten und letzten Mal leibhaftig vor mir sah, stand er auf der Bühne der halb ausverkauften Mehrzweckhalle in Zofingen und sang über Männer. “Klarer Fall von One-Hit-Wonder”, dachte ich damals. Henu.

1.23 Uhr: Auf RTLII gibts “Ärger im Revier“. Hauptdarsteller ist ein Pole, der “ohne güldigen Füroschein” in Deutschland unterwegs war und der jetzt, auf dem Polizeiposten, chli renitent tut. “Do hob ich kein Bock drauf”, sagt ein Beamter. Der Pole ist schwer beeindruckt.

1.31 Uhr: Feiner Tee. Gut, habe ich gleich einen ganzen Krug voll gemacht. Sollte ihn noch ein Weilchen ziehen lassen, mag aber nicht warten.

1.50 Uhr: Der Ärger im Revier nimmt kein Ende. Wegen “Sochbeschädigung” fahnden Polizisten in einem etwas trostlos wirkenden Quartier erfolgreich nach “rechten Schlägern”. Einer der Neonazis erhält einen “Blotzverweis” und macht sich vom Acker. Wenn das vor 70 Jahren nur auch so einfach gegangen wäre. Ein Zehnjähriger kann von Beamten in letzter Sekunde daran gehindert werden, seinen Hamster an die Wand zu werfen. Das sind sie wohl, die “blühenden Landschaften“.

1.54 Uhr: Wie getrunken, so gestunken.

2.02 Uhr: Im Vatikan habe es einen “geheimen Lustgarten” gegeben, berichtet Arte. Die Päpste seien “wirklich grosse Sammler” gewesen, sagt ein Sprecher. Sie hätten “alles gesammelt; auch Erotisches und Sexuelles”.

2.03 Uhr: Nimm das, Benedikt, und such mit Urbi und Orbi beim Deutschen Sportfernsehen zusammen, was dir in der Sammlung noch fehlt!

2.05 Uhr: Start eines Mailversuchs an die Bald-Verwandtschaft in Australien.

2.23 Uhr: Abbruch des Mailversuchs. Was es zu sagen gibt, haben mein Schatz und ich Nat, Sylvie und Eric schon am Sonntagmorgen am Telefon gesagt. But if you’re reading this, mates: You’re simply the fuckin’ best!!!

2.35 Uhr: 131 “Freundinnen” und “Freunde” auf Facebook und dazu (oder vor allem) ein paar ohne Anführungszeichen im richtigen Leben. Aber wenn man mal einen oder eine brauchen könnte: tja. Kein Schwein ruft mich an. Niemand hat mich gern. Ich fühle mich ganz alleine auf der Welt.

2.37 Uhr: Zurück ins Bett. “You can get it if you really want”, behauptet Jimmy Cliff.

3.12 Uhr: Heieiei. “You can’t always get what you want”, wissen die Rolling Stones.

3.20 Uhr: Teatime mit Lou Reed.

3.22 Uhr: Von meinem Fenster aus sehe ich in fünf Unterstadt-Wohnungen Licht brennen. Aus zwei Zimmern flackert bläulich ein Fernseher. Was machen die Leute um diese Zeit? Man sollte einfach hinuntergehen, klingeln und fragen. Man sollte noch vieles. Schlafen, zum Beispiel. In fünf oder sechs Stunden werde ich auf der Redaktion erwartet.

3.26 Uhr: Schon wieder. Die hausgemachte “Tropfenmischung Leber-Galle” von der Drogerie Ryser wirkt wie verrückt. Sie wandelt das Fett, das man trotz aller Fettaufnahmeverhütungsmassnahmen zu sich genommen hat, in Wasser um, das gleich durch die Kanalisation rauschen wird. Wieso erkennt man die Wunder dieser Welt mitten in der Nacht besser als am helllichten Tag? Und wieso kann man sich über diese Wunder trotzdem nicht so richtig freuen, weil…Moment.

3.36 Uhr: Internetrecherche auf fremdem Terrain. Ich brauche in diesem Jahr vermutlich zwei Hochzeitsanzüge. Am 13. Mai heiraten unsere Trauzeugen, irgendwann später dann Chantal und ich. Eines meiner Bürogespändli sagte, das bringe nichts und koste nur viel, zwei Anzüge zu postenn. Ich soll mich doch beim Stadttheater Bern erkundigen, ob sie in ihrem Fundus nicht etwas zum Ausleihen hätten. Bei jedem anderen Fest würde ich mir das überlegen. Aber in diesen Fällen…ich weiss nicht. Das heisst: Natürlich weiss ich. Das geht nicht, mit Theaterklamotten. Dann könnte ich für unseren grossen Tag auch gleich die Eheringe mieten.

3.43 Uhr: Liegts am Tee? Was macht einen Tee zum “Beste Freundinnen-Tee”? Was genau hats da drin? Wonach duften beste Freundinnen? Warum haben eigentlich Frauen immer beste Freundinnen und Männer nur selten beste Freunde? Weil die Männer Angst haben, gleich als schwul zu gelten, wenn sie sagen, “Fritz ist mein bester Freund?” Falls ja: Was sagt das über die Männer im Allgemeinen aus? Und über Fritz im Besonderen?

4.00 Uhr: Eine gute Zeit, wenn amänd auch nicht unbedingt die passende Gelegenheit, um der Öffentlichkeit einen Blick in meinen Kühlschrank zu erlauben.

4.02 Uhr: Nächstes Mal schreibe ich von Anfang auf dem WC.

4.06 Uhr: Bauer sucht Frau. Journalist hat gefunden, und erst noch die beste von allen!!!

4.13 Uhr: Tea for one.

4.16 Uhr: Sehr wichtig: Zwischenmahlzeiten, damit der Bauch immer chli öppis zu tun hat. Die Frage ist nur: links- oder rechtsgebogen? Und: Wie schlau ist das, jetzt?

4.17 Uhr: Der Nachrichtensender N-TV berichtet über einen Comicfilm von Arnold Schwarzenegger. Hochinteressant.

4.20 Uhr: Ärger im Revier; diesmal unter Katern im alten Markt.

4.27 Uhr: Bald habe ich die Burgdorfer Kanalisation im Alleingang amortisiert.

4.29 Uhr: Ein Blinklicht am Himmel. Schöne Ferien, ihr Säcke!

4.31 Uhr: Was bloggen andere? Stefan Niggemeier zersägt die “Bunte”-Chefin, Herm würdigt gewohnt liebenswürdig den “Jubiläums-Musikantenstadl” (hoffentlich liefert er bald Teil 2), Lukas Heinser blickt auf das erste Musikquartal 2011 zurück. Sehr lesenswert, alle drei; wie immer, eigentlich. Ebenfalls zu empfehlen: Die Stellungnahme der Schweizer PresserätInnen zur AuseinandErSiesetzung zwischen der gleichstellenden Doris Stump und dem “Blick”. Ich hätte dem “Blick” – auch als Nicht-Elter – ein milderes “Urteil” gegönnt.

4.37 Uhr: “Die folgende Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet.” – Hopperla. Umschalten.

4.37 Uhr: Telebärn präsentiert die allwöchentliche Musig-Stubete. “Ich habe dich so lang vermisst, wusste, dass es Liebe ist”, singen “Silberstern”, und machen damit viele Menschen glücklich:

4.58 Uhr: Ein Kafi wäre ein Kafi wäre ein Kafi. Ich bleibe beim Tee. Der Magen zickt immer noch herum. Vielleicht hätte ich doch die rechtsgebogene Banane nehmen sollen.

5.26 Uhr: Ich will ja nicht jammern, tus aber trotzdem. Langsam wirds chli mühsam. Auch für die Leute im Wasserwerk, die jetzt nichts Böses ahnend ihren Dienst antreten.

6.26 Uhr: Die kühle Luft riecht wie frisch gewaschen. In den Bäumen und Sträuchern erwachen die Vögel. Unten, auf der Hauptstrasse, rauschen Lastwagen vorbei. An der Tankstelle stehen drei Autos. Hinter immer mehr Fensterläden und Vorhängen wirds hell. Langsam verblassen die Sterne. Der Magen? Ist immer noch stinksauer.

Aber: