“Gitarrensaiten auf Kettensägen”

“Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.”

(Bob Dylan in “The times they are a-changin’“)

Eigentlich hatte ich im “Zeit“-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

“Die fünf ‘Rollenden Steine’ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‘Beatles’, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.”

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

“Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‘Live And Let Die’, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‘White Horses’ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.”

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

“Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.”

(Über den “Pop-Held der Computerzeit” im April 1984.)

“Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‘Squeeze-mylemon’ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.”

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel “Niedergang einer der besten Rock-Gruppen”.)

“Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‘Rock-Pop’. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‘Heavy metal’. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‘Iron Maiden’, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‘Supertramp’ wie Fahrstuhlmusik. Die ‘Scorpions’ spielen. Nun ja ‘spielen’. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‘Heavy metal’-Sound. In der Sprache der ‘Heavy metal’-Fans ein ‘tierisch guter Sound’. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.”

(Aus einer Betrachtung zum Thema “Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat”.)

“Was die Beatles in ‘Sergeant Pepper’ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‘Tip’) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.”

(Über “The piper at the gates of dawn” von Pink Floyd im November 1967.)

“Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.”

(Über Prince im August 1986.)

“Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'”.

(Über Rammsteins “Musik aus der Folterkammer” im November 1997)

“Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.”

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.”

(Zum 60. Geburtstag des “tätigen Jazz-Vulkans” im Mai 1986.)

“Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‘Roll Over Beethoven’ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‘Let It Rock’, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‘Entengang’ (‘Duck Walk’) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.”

(Über ein Konzert des “absoluten Rock-Idols” Chuck Berry im Februar 1973.)

“Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.”

(Aus einer Abhandlung zum Thema “Reggae” im Mai 1979.)

Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.”

(Über “ein Rock-Idol und seine Kritiker” im Juni 1978.)

“Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.”

(Über den “Mann, der den Rock’n’Roll retten soll” im April 1981.)

The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.”

Über die “Top-Stars von den britischen Inseln” im Februar 1964.

Nicht zum Aaluege

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Sonntag, 27. Juli: Auf der Terrasse des Landgasthofs Lueg sind zur Mittagszeit nur wenige Tische besetzt. Das erstaunt, denn das auf knapp 900 Metern über Meer gelegene Restaurant geniesst nicht nur in kulinarischer Hinsicht einen sehr guten Ruf. Auch auf Wanderer, Velo- und Töffahrer oder Bustouristen wirkt es wegen der einzigartigen Aussicht seit jeher wie ein Magnet.

Doch nun sind die Betreiber des Gasthofs offensichtlich zum Schluss gekommen, dass in diesem wunderschönen Naherholungsgebiet noch etwas fehlt, worauf sie mitten auf die grüne Wiese die “Lueg-Arena” (siehe Bild oben) stellten und damit einen “Ort” schufen, “der einlädt, Traditionen wie eine Viehschau zu pflegen”, wie die Erbauer auf ihrer Website erläutern.

Damit hat endlich auch die in kultureller Hinsicht schwer darbende Emmentaler Bevölkerung die Gelegenheit, Ländlerabende, Volksheater oder zeitgenössisches Liedgut live zu geniessen.

Mit dem Blick über die Landschaft ist es von der Gartenbeiz aus allerdings weitgehend vorbei. Die Openair-Gaschtig scheint das künstlerisch-sportliche Engagement und die dazu nötigen infrastrukturiellen Neuerungen nur bedingt zu würdigen:

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Der Soundtrack zu den Mensbeschwerden

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Kaum hat man sich halbwegs daran gewöhnt damit abgefunden, dass mobiltelefonierende Zeitgenossinnen und -genossen auch im Zug und in der Beiz ungeniert Intimstes preisgeben (“Bis üüs gits hüt Ghackets mit Hörnli!”), gilt es, sich mit einem neuen Trend zu arrangieren: Immer weniger Menschen besuchen Konzerte zur kulturellen Erbauung. Sie bezahlen 50, 80, 150 oder 200 Franken Eintritt, um sich mit Leuten, die sie seit einer halben Ewigkeit – lies: seit dem allmorgendlichen Schwatz im “Starbucks” – nicht mehr gesehen haben, zu unterhalten.

Die Begleitmusik liefern zum Teil hochkarätige Künstlerinnen und Künstler, denen spätestens in der Konzertsaison 2013 dämmern dürfte: “Es ist völlig egal, was wir wie spielen. Hier setzt sich sowieso jeder und jede selber in Szene. Aber solange sie uns nicht von der Bühne pfeifen, weil sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, und solange die Gage stimmt, können wir damit leben.”

Menstruationsbeschwerden, die Steuerrechnung, der neue Chef oder die bevorstehende Chriesiernte: Kein Thema ist zu abwegig, um nicht in extenso und coram publico verhandelt zu werden. Und zwar in einer Lautstärke, die es den Umstehenden und -sitzenden verunmöglicht, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren.

Ohne Rücksicht auf die schweigende Mehr(?)heit plaudert das Plapperpack vom Intro bis zum Schlussakkord drauflos, was das Zeug hält.

Das Geschehen auf der Bühne ist den kollektiv an Wortdurchfall leidenden Nervensägen egal. Hauptsache, man und frau ist bei was auch immer mit von der Partie. Als Beleg für die Anwesenheit gilt ein eiligst auf Facebook gepostetes Handybildli, das hochgereckte Handys von Leuten zeigt, die chli weiter vorne stehen und ihrerseits hochgereckte Handys fotografieren, mit denen hochgereckte Handys abgelichtet werden.

Sobald das Bild online ist, kann man sich – die Band spielt mit akustischen Instrumenten gerade eine leise Ballade – wieder dem zuwenden, was an diesem Abend wirklich zählt: Der Frage, ob Melanie einen Neuen habe.

Wie sehen das die mitlesenden Künstlerinnen und Künstler? Bekommt ihr mit, wenn im Publikum während eurer Darbietungen geredet wird? Falls ja: Stört euch das? Oder spielt “man” da routiniert darüberhinweg in der leisen Hoffnung, dass die zahlenden Gäste am nächsten Spielort ein etwas weniger banausiges Verhalten an den Abend legen werden?

Drei Franken für eine Minute Musik

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11. September 2001: Arabische Terroristen steuern Passagierflugzeuge in das World Trade Center und in das Pentagon.

11. September 2013: Roger Waters, der ehemalige Kopf von Pink Floyd, führt “The Wall”, das eine der beiden Jahrhundertwerke seiner Ex-Band, im Zürcher Letzigrundstadion auf.

Was die beiden Daten miteinander zu tun haben? Nichts, eigentlich. Ich brauche nur einen knackigen Einstieg für diesen Beitrag, weil mir für einen geistreicheren Anfang die Worte fehlten.

Abhanden kamen sie mir vorhin in der Ticket-Vorverkaufsstelle im Burgdorfer Bahnhof. Dort blätterte ich für die zwei “Wall”-Billete total SFr. 409.40 hin, wobei man den Halsabschneidern Dealern vom Ticketcorner zugute halten muss, dass die je sechs Franken Bearbeitungsgebühren in dieser Summe bereits enthalten waren.

Zweihundertvierfrankensiebzig: Soviel habe ich für einen Konzerteintritt in meinem ganzen Leben noch nie bezahlt.

Wenn ein Veranstalter sich vor 20 Jahren erdreistet hätte, mehr als hundert Franken für ein Billet zu verlangen, hätte er entweder die Beatles in Originalbesetzung plus Abba als Vorband plus Jimy Hendrix als Gastgitarrist plus Janis Joplin als Schubidu-Sängerin im Hintergrund auf die Bühne bringen müssen – oder dann wäre er noch vor dem Soundcheck Konkurs gegangen, weil es keinem Menschen eingefallen wäre, zu diesen Wuchertarifen ein Ticket zu posten.

Doch the times, they are, wie Bob Dylan schon vor grob geschätzten 837 Jahren gesungen hat, a-changing. Heute regt sich kaum jemand mehr auf, wenn er für eine Minute Livemusik mit drei Franken zur Kasse gebeten wird (wers nicht glaubt: “The Wall” dauert auf CD

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66.35 Minuten.

Und 409.40 geteilt durch 66.35 macht…eben.

Der Waters-Gig ist jedenfalls so gut wie ausverkauft. Er wäre es vermutlich auch, wenn der Eintritt pro Kopf 300 oder 400 Franken kosten würde, weil: “The Wall” ist ein einsam aufragendes Monument in der Musiklandschaft. Eine Ikone aus Klängen und Effekten. Der Wahnsinn – im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Oder kurz: Etwas, was man einfach gesehen haben muss, wenns schon einmal da ist.

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Der britische Musikprofessor und Rockkritiker Simon Frith erklärt diese “Ich will an dieses Konzert, koste es, was es wolle”-Mentalität in einem sehr lesenswerten Gespräch mit “Spiegel online” so:

“Die Live-Erfahrung ist schon immer zentraler Bestandteil des musikalischen Erlebens und des Fantums gewesen. Wer würde schon sagen: Tolle Band, aber live würde ich die nie sehen wollen?”

An tollen Bands und Solisten fehlts in der Schweiz auch heuer nicht. Sie sind zu folgenden Preisen zu sehen und hören:

Bon Jovi oder Bruce Springsteen kosten mindestens 108 Franken,

Patricia Kaas oder Peter Gabriel kann man für 90, bzw. 85 Franken erleben.

Kiss oder Krokus gibts für 88, bzw. 70 Franken.

Wieso sich all diese und andere Schwergewichte nicht ein Vorbild an den Halunke nehmen, die im im Maison Pierre für 30 Franken und damit fast gratis auftreten: Niemand weiss es.

Das heisst – doch. Inzwischen kennen es ja alle, das traurige Lied von den Künstlern, die wegen des Internets kaum mehr Geld verdienen. Und die ihre Haut deshalb auf endlosen Tourneen durch die grössten Stadien rund um den Erdball so teuer wie möglich verkaufen müssen.

Laut dem Experten Firth explodierten die Tickettarife ab Mitte der 90er-Jahre: “Damals fingen die CD-Preise an zu sinken. Den Bands brachen daraufhin die Einnahmen weg, und der finanzielle Druck stieg, sich eine neue Geldquelle zu suchen. Später, durch die Digitalisierung, hat sich dieser Trend natürlich drastisch verstärkt.”

Von dieser Entwicklung könnten jedoch nur die Künstler in der Grössenordnung von U2, Madonna, den Rolling Stones oder, eben, Roger Waters profitieren. Kleinere Bands müssten schauen, wo sie bleiben, denn “ihnen fehlt das entsprechende Publikum – sowohl die reine Masse an Menschen als auch der Ruf, das hohe Eintrittsgeld wert zu sein. Neue Bands müssen ihre ersten Touren mittlerweile selbst subventionieren, bis sie sich eine signifikante Fangemeinde erspielt haben.”

Doch trotz allem Verständnis für die Existenzängste der musizierenden Zunft: Zweihundert Stutz für Roger Waters – das ist ebenso jenseits von der Normalität wie dessen “grandios-pompöses Multimedia-Spektakel”:

(Stimme von den billigen Plätzen im Leserkreis): “Sag mal: Hat dich jemand gezwungen, diese Tickets zu kaufen?”

“Nein, natürlich nicht.”

“Also. Was soll das Gejammer?”

“Das ist kein Gejammer. Das ist eine schon fast wissenschaftliche…”

“…hör doch auf. Du meckerst hier ständig über Preise für etwas, was du im Grunde gar nicht brauchst.”

“Natürlich brauche ich das.”

“Was?”

“Die Musik. Die Stimmung. Zu hören, wie etwas live klingt, was ich bisher nur ab Platte kannte.”

“Schon klar. Aber wenn dus schon brauchst, kannst du dafür ja auch bezahlen. Du bekommst ja auch etwas dafür.”

“Wie gesagt: Ich bezahle ja gerne, nur…”

“Eben. Dann hör auf zu motzen.”

“Ich motze nicht.”

“Tust du doch.”

“Gut, dann motze ich halt. Liest du hier ab und zu mit?”

“Klar. Ich bin dein grösster Fan. Ich lese alles von dir, auch den grössten Schrott.”

“Wunderbar. Ab sofort kostet ein Beitrag fünf Franken. Mit Bild machts acht Stutz, und wenn noch ein Video dabei ist, kann du mir eine Zehnernote überweisen.”

“Spinnst du jetzt?”

“Zwingt dich jemand, diesen Blog zu lesen?”

“Nein, aber…”

“Du brauchst das einfach, fürs Wohlbefinden und so.”

“Genau.”

“Et voilà”.

“Du wirst ja nicht ernsthaft diesen Blog mit einem Rolling Stones-Konzert…”

“…natürlich nicht. Ich sage nur…”

“Hör doch auf.”

“Hör du doch auf.”

“Depp.”

“Aff.”

“Idiot.”

“Hör mal: Ich muss hier weiter…”

“…mach nur. Ich bin weg. Für immer.”

“Auch gut. Du ziehst hier sowieso nur das Durchschnittsniveau der Leserschaft in den intellektuellen Abgrund.”

“Das war jetzt gemein.”

“Aber wahr.”

“Schreibst du morgen wieder etwas?”

“Mal sehen. Kommt drauf an.”

“Worauf?”

“Auf alles.”

“Super. Ich freu mich.”

Von Strand zu Strand durchs Land

Aha: Die Sommertournee der Stranded Heroes nimmt Formen an.

Freunde hochklassiger Rockmusik kommen im Bernbiet gleich zweimal auf ihre Kosten: Am 15. Juni spielen die Seetaler im legendären Gaskessel; am 7. Juli injizieren sie ihr “Metamorphin” den Besucherinnen und Besuchern des Cholerock Openair in Hünibach.

Nachtrag: Die “Helden” stürmen auch das ruhmreiche Berner Bierhübeli. Am 29. März spielen sie als Vorband von “The Subways” (GB). Beginn: 20.30 Uhr.

Sonderwünsche haben die Leute

Um das Thema “Extrawürste von Stars auf Tournee” ranken sich Legenden, seit der erste Musiker mit seiner Gitarre woanders gespielt hat als in seinem Stammpub um die Ecke.

Und wer weiss: Vielleicht mussten schon in finsterster Vorzeit ganze Höhlen neu bemalt werden, wenn im Sommer Omark vorbeikam, um mit dem Aufeinanderschlagen von verschieden grossen Steinen ganze Sippen in Ekstase zu versetzen.

Überhaupt, dieser Omark. Vor dem Auftritt nur Mammut- statt Ziegenmilch; und nach dem Konzert Entrecôte vom Säbelzahntiger statt Huhn vom offenen Feuer. Er war, darin sind sich alle einig, die sich an ihn erinnern, eine grauenhafte Zicke. Aber: Er bot jedesmal eine tolle Show.

Omark selber blieb Zeit seines 14jährigen Lebens auf die ihm eigene Art bescheiden. Es sei ja “only Rock”; mehr habe er nicht, sagte er jedem, unabhängig davon, ob er es hören wollte oder nicht. Und fügte an: “But they like it!”. An guten Tagen schaffte er es, seine  wulstigen Lippen bei diesem Satz so zu schürzen, dass es wirkte, als würde er grinsen; seine halb verfaulten Zahnstummel sah dann nur, wer ganz genau hinschaute. Und hätte nicht eines unschönen Morgens eines seiner Groupies gepetzt: Niemand hätte je erfahren, welch grauenhafter Geruch demselben Mund entströmt, der kurz zuvor noch einen solch zauberhaften Singsang zustande gebracht hatte.

Aber item. Ein paar Jahrtausende später legen die Stars in Sachen “Sonderwünsche” einen ähnlichen Einfallsreichtum an den Tag wie seinerzeit Omark.

Zu den pflegeleichteren Künstlern gehören die Bluesrocker von AC/DC. Wer sie engagiert, braucht nicht extra eine Mehrzweckhalle zu bauen, nur, weil die Band einen gewissen Wert auf grosse Garderoben legt. Die Australier benötigen hinter der Bühne literweise Mineralwasser, Energiedrinks, Tee plus ein paar Kilo Chips, Nüsschen, Popcorn sowie eine grosse Schale mit Früchten. Sehr wichtig:  Aschenbecher aus Glas. Sehr erstaunlich: Vor dem Auftritt gibts kein Bier.

Auch Gitarrengott Eric Clapton stellt an die Konzertvertanstalter keine unerfüllbaren Ansprüche. Er und seine Band sind zufrieden, wenn sie einen Raum zur Verfügung haben, in dem sie ihren Töggelikasten aufbauen können. Und wenn sichergestellt ist, dass sich die Bläser in einem anderen Zimmer einspielen können als der Rest der Truppe.

 

Ein wenig komplizierter gestaltet sich naturgemäss die Beherbergung von Familienvater Bruce Springsteen. Er legt grossen Wert auf frische Früchte, mag spezielle Mineralwasser und verlangt – was ihm eher hoch anzurechnen als zu verübeln ist – Extra-Mahlzeiten für seine Frau Patti Scialfa und allenfalls mitreisende Kinder.Menge und Art des Bestecks sind dem Boss wichtig: Je zwei Gabeln, ein Messer, plus ein Suppen- und ein Teelöffel – und zwar alles aus Silber – wollen er, bzw. sein Management auf dem Tisch liegen sehen.

Alicia Keys, die ungekrönte Königin des R&B, isst “nur Fische und Gemüse”, wie es in den Spielregeln heisst. Weiter mag sie Kräutertees, Mehrkornsnacks und Honig. Wenn Nüsse, dann ungesalzene. Und wenn Zucker, dann braunen. Um den kulinarischen Wünschen der Dame gerecht zu werden, hat der Veranstalter vorab bei drei “quality restaurants” Meeresfrüchte-Menüs zu ordern.  Zwingend dazu gehören für Alicia Keys Kerzen. Aber nicht irgendwelche Billigwachszapfen von der Art, wie sie ihre Fans auf die Christbäume stecken: Verlangt werden “French Vanilla, “Rain shower”, “Wild berry” oder “Tangerine Ginger”.

Wenig überraschend, stellen die Rolling Stones mit ihren XXL-Auftrittsbedingungen alle Branchenkollegen und Mitbewerber in den Schatten: Sie schreiben den Organisatoren nicht nur vor, was für Lampen, Teppiche und Blumen sie in ihren Garderoben haben wollen. Sie lassen auch regeln, welche und wieviele Spiegel wo zu hängen haben, haben genaue Vorstellungen davon, wie oft und wie gründlich geputzt werden muss und bestehen auf Fitnessräumen für jedes einzelne Bandmitglied. Ihre Wunschliste für den Backstage-Bereich umfasst mehrere Seiten. Darin enthalten sind Anliegen, die einem normalen Menschen auch nach längerem Nachdenken nicht in den Sinn kommen würden.

Die – an sich geheimen – “Wunschzettel” (oder Bestellformulare) der Stars sammelt seit 1997 das Onlineportal “The Smokin’ Gun”. Auf dieser Seite habe ich die oben erwähnten Beispiele entdeckt.

Und noch viele, viele weitere mehr.

Das Jaquet im Ventilator

 

“Unsere Herausforderung ist: <Wie beginne ich einen Konzertbericht?>: Mit diesen Worten stimmte Esther <Äschti> Burri, die Betreiberin des Online-Portals “Swissmusicdiary“, einer kleinen Kritik zu, die ich neulich hier angebracht habe.

Wenig später rapportieren die Führerinnen und Führer des Schweizer Musik-Tagebuches das Geschehen am Openair Hoch-Ybrig. Und siehe da: Mit an Verbissenheit grenzendem Ehrgeiz stellen sie sich der Vorgabe, auf meteorologischen Firlefanz zu verzichten. Nun setzen sie sich – was auch die Hauptdarsteller auf der Bühne freuen dürfte – von allem Textanfang an mit grosser Ernsthaftigkeit mit dem musikalischen Schaffen auseinander:

“Elegant präsentieren sich die Herren von Monotales. Die Luzerner tragen Jaquet und teilweise auch Kravatte.”

Aufs Wetter wird nur noch ein Ausnahmefällen zurückgegriffen:

– „Nach 24 Stunden Regen endlich blauer Himmel, gepaart mit einer unbeschreiblichen Energie, welche von der Bühne drückt.“

– „1… 2… 3… 4… 5… 6… 7… 8… und sie reissen sich die Kleider vom Laibe um sie als Ventilator in der Luft zu schwingen. Sie, das sind die Open Season Fääns, welche am Openair Hochybrig dem Regen trotzen und eine Party liefern, welche sich mit allen (Regen-) Wassern gewaschen hat!“

– „Wo sind all die Fans von guter Schweizer Musik? Es verstecken sich wohl noch alle Ybriger irgendwo im Trockenen, denn als ich beim ersten Song von Melonmoon auf den Platz vor der Bühne trete, kann ich die Menschen dort an zwei Händen abzählen.“

Abgesehen davon bieten die als Medienschaffende getarnten Fans “Swissmusicdiary”-Chronisten Musikjournalismus vom Feinsten:

– “Das Publikum singt mit, schwingt immer wieder die Arme, während Myron die Wolken vertreiben und die Berge rund um das Openair Gelände erzittern lassen. Danke Jungs, uns hat es Spass gemacht – gerne wieder mal vor einem Konzert. Und danke auch für die wischende Unterstützung, welche ihr der Abfallcrew geliefert habt.”

– “Der Dauerregen schlägt auf die Stimmung der Band, welche sich dann auch prompt auf das Publikum überträgt. Sie kämpfen sichtlich und tatsächlich lockern sich die dunkelgrauen Wolken während des Auftritts auf und die Regentropfen werden spärlicher. (…) Schade, dass die ansprechende Musik von Melonmoon in diesem Wetter gnadenlos untergeht. (…) Demnächst soll der Regen komplett aussetzen und die positive Stimmung ist bereits vorprogrammiert.”

– “Der geteerte Platz bietet festen Untergrund, die Musik ist toll, nur Petrus will auch noch ein Wörtchen mitreden.”

– “Neben Gitarren, Piano, Bass und Schlagzeug kommt auch die Mundharmonika zum Einsatz. Mal ruhig, dann wieder mit zackigem Tempo, die Musik der Monotales treibt die Tanzfüsse automatisch an und geklatscht wird auch hin und wieder. Viel mehr gibt es zu den Monotales nicht zu sagen, es war einfach gut – ich habe es genossen und komme bestimmt wieder.”

 

Ich habs auch genossen. Auf  Wiederlesen!

 

Immer dieses Wetter vor den Konzerten

 
Was möchte der Musikliebhaber, der ein Konzert gesehen – oder verpasst – hat, von den Kritikerinnen und Kritikern nachher wissen?

Welche Songs die Band spielte? Wie lange sie auf der Bühne stand? Ob sie beim 84. Auftritt ihrer Tournee noch einigermassen frisch wirkte? Ob der Sänger auf das Publikum einging? Welche Stimmung in der Halle oder auf der Wiese herrschte?

Alles falsch. Das Onlineportal swissmusicdiary weiss – der Fan will vor allem eines: Den Wetterbericht.

Und zwar nicht erst in der Mitte oder am Ende des Artikels oder in einem Nebensatz versteckt, sondern ganz am Anfang.

Beispiele gefällig? Bitte sehr:

– „Brienz begrüsst uns mit strahlendem Sonnenschein.“

–  „Das Festival am Zürichsee scheint regenerprobt zu sein.“

– “Die Sonne brennt, es ist nicht mehr wirklich angenehm im Schlafsack – also aufstehen, frühstücken, abbauen, alles im Auto verstauen und gemütlich auf das Gelände schlendern…”

– “Kurz vor dem Schmelzpunkt lassen wir den heissen Sommertag draussen und begeben uns in das Kaufleuten.”

– “Ein lauer Frühlingsabend geht seinem Ende entgegen…”

–  „Warm scheint sie vom Himmel, die Frühlingssonne an diesem Oster Vorabend, welcher das lange Weekend einläutet.“

–  „Bei der Hinfahrt ans Openair Hochybrig denke ich mir, wenn es einer schafft, den Regen zu vertreiben und die Wärme zu bringen – dann er!“

–  „Die Wintersonne wärmt den Rücken und inmitten der verschneiten Bergen tönt es von der Bühne auf dem Höhenweg in Interlaken: „Achtung, Fertig, Los – Hie isch de Bär los!“.“

–  „Strahlend blauer Himmel und die Aussicht auf gute Konzerte – Was könnte einem da die Stimmung noch verderben…“

–  „Der Winter vermiest mir lange Auto Fahrten, daher geniesse ich es sehr, wenn die gute Musik zu mir kommt.“

– „Unser Zelt steht, die Regenpause ist vorbei.“

–  „Wieder ein heisser Sommertag – und wieder ein heisses Konzert am Abend.“

–  „Während die Schweiz im Schnee versinkt, machen sich an der Wärme im Ventil drei sehr lustige Menschen auf die Suche nach den verlorenen Geschenken.“

–  „Das Publikum verzieht sich vom Regen und tröpfelt in das Zelt.“

–  „Irgendwann im Verlaufe von diesem nebligen, regnerischen Samstagnachmittag …“

–  „Nach einer ziemlich kalten Nacht starte ich den Tag mit Lieblingsmusik.“

–  „Der Schnee taut, die ersten Blumen färben die Wiesen, die Tage werden länger und Sonnenstrahlen erfreuen unser Gemüt. Es ist Frühling!“

–  „Beim aufstehen am Samstagmorgen denke ich, oho Schnee und ich will heute wiedermal durch die halbe Schweiz fahren.“

–  „Das aus dem warmen Schlafsack kriechen wird bei Regen definitiv zur Qual!“

– „Da das Seewasser noch nicht die angenehme Badetemperatur erreicht hat, entscheide ich mich, den Samstagabend indoor – mit Trummer & Nadja Stoller zu verbringen.“

Eigentlich wollte ich – mit Blick auf die gerade angelaufene Openair-Saison – ein paar Schweizer Musik-Websites vergleichen. Wie haben sich die Pionierinnen und Pioniere von trespass.ch entwickelt? Was bietet musiclinx.ch? Was dürfen die Besucherinnen und Besucher der Schweizer Musikdatenbank erwarten?

Dann knöpfte ich mir zum Einstieg ausgerechnet den “Schweizer Konzertkalender” vor. So nennt sich das von Hobbyschreiberinnen, -schreibern und -fotografen betriebene und von Konzertveranstaltern mitgesponserte Portal auf Deutsch.

Spätestens beim Hinweis auf die Seewassertemperatur (Oho: Schnee?) war mir die Lust auf das Rating vergangen, bevor ich richtig losgelegt hatte. Ich fand, so eine Gegenüberstellung wäre irgendwie unfair. Gegenüber swissmusicdiary, gegenüber den Kritikern auf andern Online-Kanälen – und, vor allem: gegenüber den professionellen Anbietern von Meteo-Seiten.

Vielleicht nehme ich später einen zweiten Anlauf.

Doch das hängt ganz vom Wetter ab.

 

Vom Albtraum zum Weihnachtsmärchen

Der Videoclip wirkt, als ob er gestern gedreht worden wäre. Dabei ist er schon beinahe zehnjährig:

Hauptdarstellerin ist Gunvor Guggisberg.

Das heisst: nein. Hauptdarsteller sind all jene, die der Sängerin und siebenfachen Schweizer Meisterin im Stepptanzen das Leben in den Jahren zuvor zur Hölle gemacht hatten.

Los war es damit gegangen, dass der “Blick” 1998, unmittelbar vor Gunvors Auftritt am Eurovision Song Contest – der damals noch “Concours Eurovision de la chanson” hiess – Nacktbilder der damals 23-Jährigen publizierte. Diese waren von einem luschen Fotografen mit dem Einverständnis der jungen Frau geschossen worden. Von einem Verkauf der Bilder an den “Blick” war jedoch nie die Rede gewesen. Der Fotograf wurde später wegen verschiedener Mileu-Delikte zu 30 Monaten Gefängnis verurteilt.

Vor einem zig millionenköpfigen Publikum ging Gunvor am europäischen Gesangswettberb mit “Lass ihn” leer aus. Dafür brachen auf dem Boulevard alle Dämme: Jedes noch so intime Detail aus dem persönlichsten Bereich der Bernerin wurde mit einer bis dahin selten gesehenen Gnadenlosigkeit an die Öffentlichkeit gezerrt.

Gunvor tauchte ab.

Und wieder auf.

Im Musical “Storm” spielte sie die

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lesbische Geschäftsfrau Eve.

Später realisierte sie den oben gezeigten Videoclip, der Abrechnung, Psychohygiene und Gegendarstellung in einem gewesen sein dürfte. Und sie nahm das Doppelalbum “From A to Z” auf.

All diese Aktivitäten zeigten: Da lässt sich eine ungeahnt starke Person von nichts und niemandem zu Boden drücken. Da steht eine Frau immer wieder auf. Da weiss eine Künstlerin, dass das letzte Wörtchen noch lange nicht gesprochen ist.

Und dass, wenn überhaupt, sie diejenige sein wird, die dieses Wörtchen spricht.

Doch trotz aller Bemühungen und ungeachtet ihrer von niemandem bestrittenen gesanglichen Fähigkeiten blieb sie für die Masse “die mit den null Punkten am Concours”. Die mit den Fotos und den Sexgeschichten und den Schulden und allem.

Der ganz grosse Durchbruch blieb aus. Auch von meinem Radar war Gunvor Guggisberg irgendwann verschwunden.

Aber dann…dann schlurfte ich vor ein paar Wochen planlos durchs Internet und stolperte dabei über den Facebook-Account einer gewissen “Gunvor Singer”. Es dauerte nicht lange, bis wir “Freunde” waren.

Ich schrieb ihr, dass ich “From A to Z” gerne haben möchte, aber weder in Plattenläden noch bei iTunes finden könne. Sie antwortete, die CD werde nicht mehr produziert. Also stürmte ich so lange herum, bis sie mir versprach, mir eines der letzten Exemplare aus ihrem Privatbestand zu schicken.

Heute Morgen ging ich an den Briefkasten – et voilà:

Ich drehte das Päckli um und war sehr erfreut, als ich sah, von wem es stammte:

Darin befand sich, wie die Absenderin versprochen hatte, eine ihrer

offiziell gar nicht mehr erhältlichen CDs

plus

eine liebevoll signierte Autogrammkarte.

Die CD selber…ich weiss nicht. Ich habe vorhin versucht, Gunvor zu erklären, wie die zwei Silberscheiben in meinen Ohren klingen. “Wunderschön” war alles, was mir dazu einfiel. Die Sängerin interpretiert darauf knapp drei Dutzend mehr und weniger bekannte Lieder auf eine Weise, die – Achtung, Klischee! – Dauergänsehaut verursacht.

Bemerkenswert, aber wenig erstaunlich ist: Gunvor Guggisberg scheute für “From A to Z” kein Risiko. Sie muss, als sie ins Studio ging, gewusst haben, wie gross die Gefahr ist, an Herausforderungen wie “Nothing compares 2 u”, “Endless love”, “Heaven help my heart” oder “Power of love” zu scheitern. Wer einen dieser Songs falsch gesungen hört, wird ihn sich nachher auch im Original nie wieder antun.

Doch Gunvor liess sich durch diese Vorgabe nicht beirren: Sie nahm die selbst aufgestellten hohen Hürden scheinbar locker und leicht – und schaffte es darüberhinaus noch, jedem einzelnen Lied eine ganz persönliche Note zu geben.

Im Moment weilt Gunvor, wie ich ihren Nachrichten auf Facebook entnehme, in Berlin. Sie schreibt über Treffen mit ihrem neuen Manager, Aufnahmen im Tonstudio, Videodrehs und andere Engagements und weist regelmässig darauf hin, wann sie wo auftritt. All diese Ankündigungen lassen darauf schliessen hoffen, dass sie auf dem besten Weg zurück ist ins ganz helle – und diesmal hoffentlich schattenlose – Rampenlicht. Wenn sie nichts Geschäftliches postet, lässt sie die Welt wissen, wie rundum glücklich sie mit ihrem Leben sei.

Fest steht: Am 10. Mai tauft sie ihre neue Single. Und Mitte Dezember träumt sie ihren eigenen “Weihnachtstraum” im Winterzirkus in Wettingen.

Aus einem Alb- einen Weihnachtstraum zu machen: das schaffen nicht sehr viele Menschen.