Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Kleines Diliebemma

Um mir die Zeit bis zum Sonnenaufgang sinnvoll zu vertreiben, machte ich vorhin wieder einmal bei einem dieser wissenschaftlich durch und durch fundierten Persönlichkeitstests mit, die einem auf Facebook regelmässig empfohlen werden.

Wenn ich jetzt behaupten würde, das Resultat (siehe Bild) habe mich überrascht, könnte dies auf Defizite in meiner Selbsteinschätzung hinweisen.

Andrerseits: Wenn ich sage, genau das und nichts anderes hätte ich erwartet, heisst es vielleicht, ich sei überheblich.

Drum lasse ich das Ergebnis jetzt einfach mal so hier stehen.

Potz tuusig

Kommentare im Internet können auch Freude bereiten: Gestern teilte ich auf Facebook mit, dass ich zum neuen Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes gewählt worden sei (siebe Bild oben). Und dass diese Vereinigung von rund 170 Geschäftsleuten, Gastronomen, Atelierbetreiberinnen, Privatpersonen und so weiter plane, eine grosse Adventsaktion durchzuführen. Unter dem Motto „Zu Gast im Geschäft“ öffnen Gewerbetreibende in der Oberstadt und im Kornhausquartier ihre Türen im Dezember für Menschen, die einmal einen Blick hinter Kulissen werfen möchten, die sie sonst nur von aussen sehen.

Mit dem einen oder anderen “Like” hatte ich gerechnet. Nicht aber damit:

Lebendiger Umgang mit dem Sterben

(Bild: deinadieu.ch)

Der Tod näherte sich mir in den letzten Monaten mit einer an Penetranz grenzenden Regelmässigkeit: Einerseits klopfte er öfter denn je an die Türen von mir nahestehenden Menschen, andererseits raffte er zig Musikerinnen und Musiker dahin, die mich zum Teil seit Jahrzehnten begleitet hatten. Darüberhinaus stiess ich bei der Zeitungslektüre immer wieder auf schwarzumrandete Anzeigen, die vom  Hinschied von Gleichaltrigen kündeten.

Fast unbewusst begann ich deshalb, nach Lesestoff über das Sterben zu suchen. Dabei merkte ich schnell: An religiös oder esotherisch angehauchten  sowie literarisch gestalteten Texten zum Thema herrscht kein Mangel; ganz im Gegenteil. Danach stand mir der Sinn aber nicht. Ich wollte diese schwere Kost in möglichst bekömmlichen Portionen serviert bekommen.

Nur: Über den Tod so unverkrampft schreiben wie über das Ferienmachen, Essen oder Heiraten – geht das überhaupt?

Ja, das geht. Sofern die Autorinnen und Autoren über die Bereitschaft und das Gspüri verfügen, sich mit dieser hochsensiblen Materie auseinanderzusetzen und immer wieder Gesprächspartnerinnen und -partner finden, welche sich praktisch rund um die Uhr mit dem endgültigen Abschiednehmen befassen.

Und die der Trauer, dem Schmerz und – wer weiss? – der Wut, die damit einhergehen, folglich mit einer Gelassenheit begegnen (dürfen), die dem Grossteil der Leserschaft naturgemäss fehlt.


(Bild: zvg)

Der Aargauer Journalist Martin Schuppli (Bild) betreibt mit dem Ökonomen Nicolas Gehrig und dem Software-Architekten Hasan Parag seit gut einem Jahr die Site DeinAdieu.ch. Den Machern des “ersten Dialog- und Serviceportals zum Lebensende” geht es gemäss ihren eigenen Angaben darum, dem Sterben “den Schrecken zu nehmen”. Angesprochen würden “Leute, die ihr Sterben selber in die Hand nehmen möchten” sowie Angehörige, “die sich und ihrer Familie ein selbstbestimmtes und erfüllendes Sterben ermöglichen wollen”.

Wenn jemand sterbe, seien die Hinterbliebenen erst einmal “hilflos”, sagt Schuppli. Das sechsköpfige Team von Deinadieu versorge sie mit Informationen und Anleitungen – und gebe ihnen die Gelegenheit, “darüber zu sprechen”. Beratend zur Seite stehen der Redaktion Experten wie der Palliativmediziner Roland Kunz, die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle oder die Rechtsprofessorin Dr. Regina Aebi-Müller.

Porträtiert werden beispielsweise ein Theologe, der Menschen beim Sterben begleitet, ein Wirt, der schon über 1000 Traueressen ausgerichtet hat, eine Sarg- und Urnengestalterin, die den Tod als “eine grossartige Chance” versteht oder ein Trompeter, der regelmässig Abdankungen und Beerdigungen musikalisch umrahmt. Porträtiert werden, nebst vielen anderen, auch ein Bestatter, ein Veterinär, die Chefin eines Tierkrematoriums oder Leute, die als Medium arbeiten.

Sie alle berichten freimütig von ihren Erfahrungen und gewähren mit bemerkenswerter Offenheit Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelten. Das Bemühen, Aussenstehenden verständlich zu machen, was letztlich wohl nie ganz verständlich gemacht werden kann, ist jederzeit erkennbar.

Statt Moralinspritzen aufzuziehen und mahnend den Zeigefinger zu heben, lassen die Sterbeexperten Worte wirken. Pfarrer Gabriel Looser, der miterleben musste, wie sich in Bern jemand von einer Brücke in den Tod stürzte, sagt: «Wenn sich jemand für ein selbstgewähltes Ende mittels Suizid entscheidet, beurteile ich das nicht. Und verurteilen tue ich es schon gar nicht. Diesen Entscheid kann nur der Betroffene selbst beurteilen.»

Michele Casale – der Gastronom, der Trauernde verköstigt – erinnert sich heute noch voller Freude an den Abschied von Schauspieler Paul Bühlmann: “Madonna, das war eine Grande Fiesta.” Dazu passt die Philosophie von Alice Hofer, die in Thun eine “Praxis für angewandte Vergänglichkeit” betreibt. Sie betrachtet das Leben als “Inszenierung auf der irdischen Bühne”. Der Tod ist für sie “der letzte Akt, bevor wir wieder hinter die Kulissen gehen.» Deshalb habe, wer stirbt, “einen Schlussapplaus verdient”.

Neben journalistischen Elementen bietet Deinadieu auch jede Menge an praktischer Unterstützung: Ein Bestattungsplaner gehört ebenso zum Serviceteil wie Testamentsvorlagen, eine Auflistung der Bestattungskosten und Grabnutzungsgebühren in verschiedenen Schweizer Städten, Tipps in Sachen “Patientenverfügung” und “Palliative Care”, Muster für Todesanzeigen, Danksagungen und Kondolenzschreiben oder die Möglichkeit, seinen Nachlass digital zu regeln. Weiter sind die Kontaktdaten von zig Bestattern, Musikern, Trauerrednerinnen und -rednern, Restaurants sowie Dutzende privater Friedwälder aufgelistet.

Mehrere Stunden habe ich diese Nacht damit zugebracht, virtuell in Deinadieu zu blättern. Jetzt, nachdem ich auf der letzten Seite angelangt bin, muss ich sagen: Die Angst vor dem Sterben und dem Tod – weniger meinem eigenen als vielmehr jenem von Menschen in meinem Umfeld – kann das Portal mir nicht nehmen.

Aber immerhin:  Nur schon die Erkenntnis, dass es im Diesseits Leute gibt, die sich auf eine höchst lebendige Art und Weise mit dem Gang ins Jenseits beschäftigen, wirkt auf mich sehr beruhigend.

Nachtrag 10. Januar: Auch das Schweizer Fernsehen beschäftigt sich in der Sendung Puls mit “Bestattungen à la carte” und stellt Martin Schuppli vor.

 

 

 

Frohes Vorurteileversenken

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Von Aijdan und Jussuf bis Mohammad und Zimallah: Seit ein paar Wochen lerne ich billardspielend den Mittleren und Nahen Osten kennen (wobei: Zimallah war dem Gsühn auf seinem Profilbild nach eher ein Inder, aber egal. Rechts von Gais AR gibts jedenfalls so gut wie niemanden mehr, mit dem ich auf der App “8 Ball Pool” nicht schon eine mal mehr und mal weniger ruhige Kugel geschoben hätte).

Gegen wen auch immer ich haushoch gewinne oder – was bei diesem Wetter ja vorkommen kann – um die berühmte Haaresbreite verliere: Meine arabischen Gegner Partner verabschieden sich am Ende immer mit einem freundlichen “Danke”, “Viel Glück!”, “Gut gespielt” oder einem anderen Gruss, den wir Ballartisten und -artistinnen uns über die eingebaute Chat-Funktion zukommen lassen können.

Ganz andere Erfahrungen mache ich mit Jim, Rüdiger, Peter uswusf. aus den Juu-Ess-Ei, Deutschland, der Schweiz und anderen Hochentwicklungsländern: Sie versuchen ihr Vis-à-vis am virtuellen Tisch mit hämischen “Ha-Ha”s und “Höh-Hö”s zu dämon deodo demohr schleissen, aber in solchen Fällen denke ich jeweils nur: Not with me/nicht mit mir/chasch dänke/ und lasse die schwarze Acht grad äxtra gaaaanz langsam und über drei statt nur zwei Banden ins letzte Loch kullern.

Was ich damit sagen will, weiss ich, ehrlich gesagt, nicht (und zum Darübernachdenken fehlt mir die Zeit; Samir wartet mit dem Queue bei Fuss).

Fest steht aber ganz bestimmt irgendetwas, und wenns nur ist, dass man selbst bei einem simplen Computerspiel das eine und andere Vorurteil aus dem Handgelenk vom Tisch fegen kann.

Cooler Typ

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Ich weiss nicht, wer beim Aussichtspunkt unter dem Schloss Burgdorf diesen Schneemann gebaut hat. Mit Blick auf seine schmucke Kopfbedeckung ist klar: es muss ein Schwingerfreund gewesen sein.

Klar ist auch: nur ein paar Meter weiter unten wohnt Francesco M. Rappa, der OK-Vizepräsident des “Eidgenössischen” 2013 in Burgdorf.

Ich könnte ihn, wenn ich mit dem Hund sowieso gleich auf die erste Bislirunde gehe, spontan aus dem Haus klingeln und mich bei ihm danach erkundigen, ob er der Stadt diesen Schutzeisheiligen auf Zeit spendiert hat.

Das Rätsel um dem Schöpfer des coolen Typen bleibt allerdings wohl für immer ungelöst: Um 4.52 Uhr am Morgen ist es nochli früh für Hausfriedensbrüche. Und später am Tag, sobald die Sonne wieder scheint, steht der Schneeschwinger schon mitten im ersten und letzten Schlussgang seines Lebens.

Nachtrag: Auf die schriftliche Frage des Blogwarts, ob er der Stadt diesen Prachtskerl modelliert habe, antwortet Francesco Rappa, er sei “unschuldig”.

Das blutte Zähni schlägt alles

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Es ist ja nicht so, dass ich beim Schreiben ständig daran denke, wie der Text, den ich gerade tippe, bei den Leserinnen und Leser ankommen wird. Aber gegen Ende Jahr einmal durch verschlungene Gänge in den dunklen Maschinenraum dieses Blogs hinunterzusteigen und dort, in der hintersten und finstersten Ecke, den Klick-Zähler abzulesen: das macht halt schon irgendwie Spass.

Die meistgelesenen Beiträge 2015 waren:

1) “Blutti Zähni” (14’733 Klicks)

2) “Offenbar geht es um Ihr Postfach” (13’220)

3) “Liebe Klassenzusammenkunfts-Organisatorinnen und -Organisatoren” (13’008)

4) “Hochentspannung im Burgdorfer Kraftwerk” (11’561)

5) “Versuch einer Antwort an Frieda, die flotte Bohne” (10’243)

6) “Überglückliche Fügung” (10’103)

7) “Unter Männern” (9’924)

8) “Ein flotter Dreier zum Dreiunddreissigsten” (9’894)

9) “Paradies in der Pampa” (9’705)

10) “Ein stierisch gmögiger Pfundskerl” (6’681)

Interessant ist: der Artikel, für den ich mit Abstand am meisten Zeit aufgewendet habe (nämlich der hier), schaffte es nicht einmal auf eine vierstellige Besucherzahl. Aber wie ich meine Pappenheimerinnen und -heimer inzwischen kenne, dürfte es von diesem Moment an nur noch eine Frage von Minuten sein, bis auch er dem Tausenderclub angehört.

Für Eure Zeit, Euer Interesse, Eure Zuschriften und Eure Anregungen danke ich Euch, liebe Leserinnen und Leser, von Herzen. Auch wenn es noch ein paar Tage dauert: ich freue mich heute schon darauf, Euch auch im 2016 wieder in meinem virtuellen Stübli begrüssen zu dürfen.

Abschied ohne Tränen

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Was den einen der Frühlingsputz ihrer Wohnung, ist mir die Herbstausmistete meiner Freundesliste auf Facebook: 116 Damen und Herren löschte ich in den letzten Wochen mit einem Mausklick aus meinem virtuellen Bekanntenkreis.

Der Säuberungsaktion zum Opfer (wobei: “Opfer” ist in diesem Zusammenhang ein grosses Wort; ich weiss) fielen zuerst all jene Voyeure und Voyeusen, die immer nur lesen, was andere schreiben, aber nie selber etwas über sich berichten. Ihnen folgten mehrere Leute, die ununterbrochen Dinge posten, die mich nicht interessieren. Am Schluss entledigte ich mich noch einiger Nervensägen, die mir irgendwann von irgendwoher zugelaufen waren und von denen ich auch Jahre später keine Ahnung hatte, was ich mit ihnen zu tun haben könnte oder zu tun haben möchte.

Aktuell umfasst mein Facebook-Freundeskreis jetzt noch knapp 200 Personen. Die meisten von ihnen kenne ich persönlich, und mit jenen, mit denen ich bisher keinen direkten Kontakt hatte, könnte ich mir ohne Weiteres vorstellen, zumindest einmal einen Kaffee trinken zu gehen. Ihre Texte, Bilder und Filmchen bringen mich zum Schmunzeln, Staunen, Kopfschütteln undoder Nachdenken. Sie geben mir manchmal Feedbacks, diskutieren gerne auch Nebensächliches und tragen mit ihren Aktivitäten und ihrem Interesse, kurz gesagt, einiges dazu bei, dass ich mich in der Online-Welt meist rundum wohlfühle.

Bemerkenswert ist: Einige meiner nun ehemaligen “Freundinnen” und “Freunde” habe ich in der Zwischenzeit live getroffen. Keinem und keiner einzigen von ihnen scheint aufgefallen zu sein, was ihm oder ihr widerfahren ist. Über die Entrümpelung hat sich jedenfalls kein Mensch beklagt oder auch nur gewundert.

Entweder hat also noch niemand mitbekommen, dass er oder sie für mich nur noch am Rande existiert, oder dann ist es den Gelöschten egal, dass sie in meinem Leben keine Rolle mehr spielen. Im Ergebnis läuft beides auf dasselbe hinaus: Die Trauer über den Verlust hält sich hüben wie drüben in sehr überschaubaren Grenzen.

Galerie feiert Wiedereröffnung

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Kinder, wie die Zeit vergeht! Schon vier Jahre ist es her, seit dieser Blog wegen eines simplen Bildes von zwei Füssen vorübergehend zur Galerie mutierte.

Nun ist es wieder Sommer geworden, und erneut stellen aller Gattig Leute Fotos von ihren südlichsten Extremitäten online. Auf Facebook hat über Pfingsten zum Beispiel Leimbachs Gemeindeammann (für die Berner Leserschaft: Gemeindepräsidentin) Janine Murer-Merz zumindest einen ihrer Füsse präsentiert:

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Auf Nachfrage lieferte sie mir dann auch noch eine Gesamtansicht,

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und in dem Moment, in dem diese Aufnahme in meinem Postfach gelandet war, dachte ich, es wäre vielleicht eine gute Idee, die “Ausstellung” von damals wieder zu eröffnen und chli auszubauen. Immerhin handelt es sich bei jenem Beitrag – warum auch immer – um einen der meistgeklickten Posts in diesem Forum.

Also: Wer ebenfalls findet, das sei eine internette Sache, kann mir gerne ein Foto seiner oder ihrer Füsse schicken, und zwar an hofstetter.hannes@gmail.com, oder als persönliche Nachricht auf Facebook.

Ich freue mich über jede Zusendung und verspreche, dass ich sämtliche Beiträge vertraulich behandeln werde (“vertraulich” im Sinne von “werden sofort hier veröffentlicht”).

Nachtrag, knapp eine Woche später: Das Interesse an einer Neubelebung der Aktion “Fussbilder” hält sich in Grenzen. Auf diesen Aufruf hin erhielt ich exakt null Fotos. Die Galerie wird also geschlossen, bevor sie richtig wiedereröffnet werden konnte.

Vo Böju för Böjuer

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Es ist zum Verzeifeln: Alle Jahre wieder erhält jemand den Literaturnobelpreis für verschwurbelte Texte, die kein Mensch liest. Auf die Idee, jemanden auszuzeichnen, der etwas erschafft, was lesende Zeitgenossinnen und -genossen zuhauf interessiert und erfreut, ist offensichtlich noch niemand gekommen.

Ein heisser Kandidat – oder eine heisse Kandidatin – für diese Ehrung wäre jene Person, die auf Facebook vor ein paar Monaten die Seite “Du bist von…, wenn du…” lancierte.

Seit jenem Tag können Leute wie du und ich online notieren, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an den Ort denken, in dem sie aufgewachsen sind, und in dem sie einen prägenden Teil ihres Lebens verbracht haben.

Weil sich im Internet nicht nur Schrott in Sekundenbruchteilen über den ganzen Globus verstreuen lässt, sondern weil sich dank dieses Mediums auch immer mal wieder eine gute Idee rasend schnell fortpflanzt, gibt es inzwischen unzählige solcher Seiten, und stündlich werden es mehr.

Sie entwickeln sich nach und nach zu einem gigantischen kollektiven Gedächtnis, auf das auch kommende Generationen mit einem Mausklick werden zurückgreifen können.

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Was im Laufe der Zeit vergessen gegangen ist (oder in zig teuren Sitzungen beim Psychiater für vermeintlich immer verdrängt werden konnte), wird bei der Lektüre dieser Beiträge an die Oberfläche gespült.

Ehemalige Lehrer, Polizisten und Schulhausabwarte, Treffpunkte für Verliebte, Ladenbesitzer, kurlige Dorforginale oder kleine Welten bewegende Ereignisse: Die Bandbreite der Themen hat keinen Anfang und – hoffentlich – nie ein Ende.

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Auch für meine Heimatgemeinde wurde neulich eine derartige Seite aufgeschaltet (für Facebooker: Hier ist sie). “Du besch vo Böju, wenn…” heisst die virtuelle Fundgrube, in der schon weit über 300 aktuelle und frühere Einwohnerinnen und Einwohner von Beinwil am See ihre ganz persönlichen Erinnerungen austauschen.

Manche dieser irgendwann von meinem Radar verschwundenen Nostalgiker tauchen jetzt wie aus einem dichten Nebel vor mir auf, wenn ich etwas von ihnen lese. Ich sehe Häuser, die dem Erdboden gleichgemacht wurden (wie zum Beispiel

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die alte Post,

in der ich meine ersten Schritte wagte, und in der ich später meiner Schwester das Laufen beibrachte, indem ich sie an den Hosenträgern in der Senkrechten hielt und süüferli durch die Wohnung manövrierte.)

Auch Pädagogen, die ich längst auf den Mond geschossen wähnte, und Wirtschaftsexperten, die rotnasig und pfuusbackig jeden Tag meinen Weg kreuzten, sind auf einmal wieder präsent (was nicht immer nur lustig ist; aber was solls).

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Wenn man weiss,

“e welere Richtig de Ängu ofem ref. Chileturm of sinere Schalmai spielt – för d Lüt e de Gartewirtschaft vom Hirt.”

oder wenn man

“em winter, iighänkt met 6 schlette, d hofmatt abgfahre” ist

oder wenn man sich

“no cha a Sandmetzger erinnere”

oder wenn zuhause

“es paar Gläser vom Wettschwemme em Chochichaschte” stehen

oder wenn man weiss,

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“dass das original Wappe vo anno dazumal gsi esch”

oder wenn man

“be de operette metgmacht hesch oder esch goh luege”

oder wenn man

“vo Ponzis ar Tankstelle no bedient wurde bisch”

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oder wenn man

“de Zythans (Tictac)” kannte

oder wenn man

oder wenn es einen

“trurig macht, we d endwecklig vo böju isch,was gschäfter ,d beize, beckereie,metzgereie abelangt”

oder wenn man

“im Sommer de Sonntig of em Sprongtorm i der Badi verbrocht” hat

oder wenn man

“no vor Auge hesch, we de Biitu Eichenberger Beat amene 1-Match am See onde en Uskick diräkt em gägnerische Goal versänkt het!”

oder wenn man

“d Frisur vom Bahnhofvorstand cha beschriibe”

oder wenn man

“dini Geissli oder ou d’Bääbi hesch chönne go taufe loh bim Pfarrer Schöni im Wohnzimmer vom Pfarrhus.”

oder wenn man

“d Habasuma Lisebeth no kennt hett”

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oder wenn man

bis Bösigers ad Metzgete isch, nume wäg de Öpfelschnitzli”

oder wenn man gesehen hat,

“wie de Herr Kasper e Radiergummi het loh flüge”

oder wenn man

“in der Osterzeit die Müllcontainer bei der Haschi nach Ausschuss Zucker-Eili durchsucht hat. Die Ausbeute war jeweils gross und freute den Schulzahnarzt…”

oder wenn man

“Herr ond Frau Bruederer als Schuelhuusabwart kennt het”

oder wenn man

“em Lehrer Zemmermaa ede Päuse hesch müesse Zigarettekippe e Chöbu go tue”

oder wenn man

“em Häxewäldi di chliine Chend erschreckt” hat

oder wenn man

“bir Frau Hauenstein, Frl. Vogt oder Herr Friedli id schuel isch”

oder wenn man

“zum wiederholten Mal Zeuge davon geworden bist, wie die Frau Haller ihren guten Willy zusammengestaucht hat. So in der Art wie: “Willy, lass das! Das findest Du eh nie. Ich mach das”. Dabei wollte der gute Mann den Kunden doch nur behilflich sein.”

oder wenn man

“i de badi esch go papierli zämesammle ond deför vom badmeister e glace öbercho” hat,

oder wenn man

“zo de Fröilein Sager ed Schnorpfi esch”

oder wenn man

“no weisch dases 2 metzger gha het ond de schmedlibeck”,

oder wenn man

“vom Metzger Edi Chuehörner zom Us-Choche ond Chueauge als Färnseh heignoh” hat,

oder wenn man

“de Muserjöggu” kannte (der “genau 2 Zäh im Mul” hatte: “Eine Obe zum en härdöpfel schelle und eine unde zum Nasegrüble…”

oder wenn man weiss, dass

“de Krimi-Willi be dim Töffli hinde in Uspoff gluegt het ond gseit het es stimmi öppis mitem Zylinder ned.”

oder wenn man

“bem Ölerbeck am Sondig esch go e Chäswäie asse”

…dann – und nur dann! – ist man von Böju.

Und hat viele Gründe, darauf chli stolz zu sein.

Denn all das hat kein anderes Dorf auf der Welt zu bieten.

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(Die historischen Bilder zu diesem Beitrag habe ich von Martin Burger geklaut, der die “Du besch vo Böju…”-Seite regelmässig mit Fotos aus dem Archiv seines Vaters Renato Burger bereichert. Ich hoffe, er nimmt mir den Diebstahl nicht allzu übel.)