Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Notizen aus dem Morgenland (IX)

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“Die Europäer” – und ganz besonders “die Deutschen” (Bild) und “die Schweizer” – verlangen von ihren Besuchern aus islamisch geprägten Gefilden ja immer, sich gefälligst den Gepflogenheiten ihrer Gastgeber anzupassen.

Wenn dieselben Leute im arabischen Raum Ferien machen, verschwenden manche von ihnen jedoch keinen Gedanken an die dort seit Jahrtausenden herrschenden Gebräuche, Sitten und Gesetze.

Oben ohne am Hotelpool? Ist im Oman doch kein Problem.

Und wenn doch, dann nicht meines.

Inselleben (VIII)

Tag 7, neulich

Was dem Wintersportler das muskelerwärmende Einturnen vor der Abfahrt, ist dem Blogleser das gehirnlockernde Quiz vor der Lektüre.

Also: Wer entdeckt die drei Unterschiede (Schlaumeier aufgepasst:: Die Farbe des Himmels zählt nicht!)?

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Sehr gut. Dann bummeln wir jetzt zum Hotelpool. Dort liegen über Mittag allerlei Leute herum, die sich bei weit über 30 Grad im nicht vorhandenen Schatten viel Interessantes zu sagen haben:

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Mann um die 40, in türkisblauer Badehose (M40): “…da sag ich: Nö. Machen wir nicht.”

Mann um die 60, in schwarzer Badehose, mit Ferrari-Chäppi (M60): “Richtig.”

M40: “Nö. Machen wir nicht, sag ich. Geht nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Warum nicht? Darauf ich: Weil wir das nicht machen. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Kannst du dir das vorstellen? Siehst du, was ich meine? Bringt einfach nix.”

M60: “Sicher.”

M40: “Also. Er wieder: Und was sagt die Brigitte? Ist sie noch da, die Brigitte? Was sagt sie? Darauf ich: Brigitte sagt auch, besser nö. Auf keinen Fall, sagt sie.”

M60: “Richtig. Richtig.”

M40: “Der hat das nicht kapiert, verstehst du?”

M60: “Sicher.”

M40: “Ich meine, wie oft muss ich jemandem sagen, das machen wir nicht, bis er…”

M60: “…sicher.”

M40: “Jedenfalls, er wieder: Darüber reden wir noch. Darüber müssen wir noch reden, später mal. Darauf ich: Nö, müssen wir nicht. Ganz bestimmt nicht. Nicht darüber. Für uns ist alles klar. Machen wir nicht.”

M60: “Richtig.”

M40: “Darauf er: Schade. Schade. Hätte man machen können, denke ich. Denke ich immer noch. Aber wenn ihr…” Darauf ich wieder: Nö, machen wir nicht. Bringt nix.”

M60: “Richtig.”

M40: “Nicht zu glauben, nicht?”

M60: “Ja. Ist so.”

M40: “Ich brauch ein Bier. Du?”

M60: “Sicher.”

***

Mutter, um die 30: “Chum use, Meik!”

Bub, vielleicht 6:

Mutter: “Meik! Chum jetz use!”

Bub:

Mutter: “Meik! Michi!”

Bub:

Mutter: “Chunnsch jetz use?!?”

Bub:

Mutter (zum Mann nebenan): “Du, de Meik chunnt nid use.”

Mann nebenan:

Mutter: “Meik!!!!!”

Mann (tut, als ob er gerade aus dem Koma erwacht wäre): “Was isch?”

Mutter: “De Meik chunnt eifach nid use. Hanims jetz scho tuusig Mal xeit.”

Mann: “Dänn söler halt drinblibe.”

Mutter (schüttelt den Kopf): “Meik!”

Bub:

Mutter (zum Mann; verzweifelt): “Är chunnt nöd. Säg öppis!”

Mann (zur Mutter; genervt): “Was söli säge?”

Mutter: “Är söl usechoo, dänk!”

Mann (Richtung Wasser, an niemanden bestimmten gerichtet): “Söllsch usechoo.”

Bub:

Mutter (zum Mann; ungläubig): “Das glaub ich eifach nöd!”

Mann (zur Mutter; schon wieder halb im Koma): “Was glaubsch nöd?”

Mutter (zum Mann; stinksauer): “Wie du…”

Mann (zur Mutter; betont gelassen): “Was, wie du?”

Mutter (zum Mann): “Ich ha dir xeit, söllschem säge, är söl usechoo.”

Mann (zur Mutter): “Hanims ja xeit.”

Mutter (zum Mann): “Aber nid richtig.”

Mann (zur Mutter): “Dänn sägems doch du richtig.”

Mutter (zum Mann; bis zu ihrem Zusammenbruch kann es nicht mehr so lange dauern, wie es schon gedauert hat): “Nei, du muesch. Du bisch de Vatter.”

Mann (zur Mutter): “Ja, ja.”

Mutter (zum Mann; schnappatmend): “Du weisch genau, das ich das Ja, ja nid mag haa! Mags würkli nid verliide, und doch bringsches immer wider!!!”

Mann (wegdösend): “Tami, isch das gmüetlech hütt.”

Mutter (zum Bub; als ob hinter ihm soeben eine dreieckige Flosse aufgetaucht wäre): “Meik! Chum use!!!”

Bub:

***

Nachtrag zum Beitrag von gestern: Die Arbeiten am Nachbarhaus der Poolanlage schreiten flott voran, wie ein erneuter Augen- und Ohrenschein auf der Baustelle heute Morgen zeigte:

Wenn das in diesem Affenzahn weitergeht, können die Touristen nebenan ihre Ferien schon in wenigen Monaten wieder in aller Ruhe geniessen.

Inselleben (III)

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Tag 4, in aller Herrgottsfrühe, aber doch schon bei Tageslicht

Das waren idyllische Zeiten damals, als man sich seinen Platz am Pool morgens um 3 noch mit einem aus Hotelbeständen requirierten Badetüechli sichern konnte.

Heute – ich raune nur: “Globalisierung” – wird der Kampf um die Liegen mit ans Unhöfliche grenzender Skrupellosigkeit geführt (siehe Bild oben).

Nicht nur, aber auch darum geht es mit manchen

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Baustellen in Playa del Inglés

und überhaupt mit der ganzen Nation inklusive des angrenzenden Kontinents, aber exklusive der Stadt Burgdorf, nur schleppend vorwärts, um nicht zu sagen, bachab: Ohne Absperrband kein Bau kein Haus kein Quartier kein Lidl keine Kitas kein Wachstum keine Zukunft für Spanien keine Perspektiven für Europa.

Schön ist, dass das alles den Pflanzen und Blumen nicht das Geringste ausmacht, ganz im Gegenteil. Sie hecken mit einem an die sehr junge Doris Leuthard gemahnenden Ehrgeiz immer neue Strategien aus, um sich genauso weiterzuentwickeln, wie der alte Darwin sich das vorgestellt hatte, als er auf Galapagos schildkrötensuppenschlürfend seine Evolutionstheorie erfand.

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Die Flora Nicotinalis etwa (siehe erneut Bild oben) wächst bevorzugt vor kanarischen Hotels in feinem Sand und gedeiht besonders üppig, wenn ihr mit Zigarettenstummeln regelmässig Stoff zugeführt wird. Wasser braucht sie ebensowenig wie Dünger oder anderes giftiges Zeugs.

Tag 4, Hai nun: Wir müssen unser Verhältnis zu unseren Nachbarn überdenken, und zwar schnell, oder noch besser natürlich: Die Nachbarn ihr Verhältnis zu uns, aber grau, mein Freund, ist alle Theorie, wie schon der grosse Genfer Astrochemiker Steve Lukather proklamierte, bevor er in Musik zu machen begann, um auf den Bühnen dieser Erde unendlich viel mehr Geld und Ruhm zu ernten als jemals zuvor in seinem improvisierten Labor in der Rue de Rosanne, weshalb es wieder mal an uns hängenbleibt, den ersten Schritt zu tun.

Also dann:

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Hinter dem Wändli links von meinem Hotelbalkon (siehe schon wieder Bild oben. Sorry. Ich könnte die Fotos auch unten hinstellen, doch dann müsste man seine Augen ja trotzdem vom Text nehmen, um sie mit einem leisen Platschen auf den dazugehörigen Helgen werfen zu können, was ähnlich umständlich wäre, wenn nicht noch umständlicher, weil man nachher mit dem Blick wieder Zeile um Zeile hochklettern müsste, und das kann, wenn ein paar Zeilen zusammenkommen, was ohne Weiteres passieren kann, wenns grad so schreibt mit einem, schon ziemlich anstrengend werden.) leben ein älterer Mann und eine vermutlich noch etwas ältere Frau. Seit vier Tagen und drei Nächten wohnen wir nebeneinander. Ich sehe sie ab und zu, sie sehen mich öppedie, und trotzdem wissen wir voneinander nicht das Geringste; nicht einmal unsere Nationalitäten oder Sozialversicherungsnummern.

Sind die beiden ein Ehepaar, das hier seine Goldene Hochzeit feiert und immer dann, wenn ich weg bin, hochtourig daran arbeitet, sich doch noch den seit Jahrzehnten gehegten Kinderwunsch zu erfüllen? Oder Nachfolger von Bonnie & Clyde, die auf dem Festland eine Bank ausgeraubt haben und in diesem Hotel nun als gmögige Rentner getarnt darauf warten, dass sich der Ermittlungsstaub ein bisschen legt? Oder handelt es sich bei ihnen um psychosom psychia physio irre Serienkiller, die nächtens über die Insel streifen, um junge Frauen zu jagen, die sie in ihrem Bad im Zimmer 185 dann nach allen Regeln der Kunst ausweiden, so dass sie die Innereien den arglos über den Markt schlendernden Touristen immer am Samstag als einheimische Spezialitäten feilbieten können?

Markt
(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Jedenfalls: Wenn eines Tages die Polizei bei mir vorbeikommen und mich fragen würde, was das so für Leute (gewesen) seien, nebenan, müsste ich sagen: “Keine Ahnung. Die waren völlig normal. Total unauffällig,” Das sagen die Menschen ja immer, wenn sie am Fernsehen kommen, weil sich herausgestellt hat, dass es gute Gründe dafür gab, dass der liebe Günther von gegenüber ein jederzeit verfügbarer Babysitter war.

Auch die Leute, die seinerzeit neben dem Führerbunker hausten, hätten über ihren Nachbarn bestimmt dasselbe gesagt, wenn ihnen am Ende, als alles vorbei war, ein RTL-Reporter ein Mikrofon unter die Nase gehalten und gefragt hätte, wie er denn zu Lebzeiten gewesen sei, der abgebrannte Typ auf dem etwas heruntergekommen wirkenden Grundstück dort hinten: “Der Adolf? Keine Ahnung. Der war völlig normal. Total unaufällig.”

Deshalb, finde ich, müssen wir den Umgang mit unseren Nächsten neu ordnen, auch wenn sie morgen möglicherweise schon verschwunden sind. Damit so etwas nie wieder passiert. Ich gehe gleich mit gutem Beispiel voran und sage den beiden hinter dem Wändli Hallo, wenn ich an ihnen vorbei zum Strand hinunter bummle. Falls in diesem Blog bis am Montag nichts mehr zu lesen sein sollte, wäre ich froh, wenn jemand aus der Leserschaft die lokalen Behörden verständigen würde.

Abgesehen davon bin ich ziemlich sicher, dass noch kein Mensch vor mir je eine Palme aus einem derart extremen Winkel fotografiert hat wie ich gestern Nacht, ämu kaum in dieser Hotelanlage, und ganz bestimmt nicht mit meinem Handy:

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Die tote Frau vom Waschmaschinen-Mann

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Auch die ältesten Hotelangestellten können sich nicht erinnern, im Pool des “Playa d’Oro” jemals eine so schöne Leiche gesehen zu haben: Strohblondes Haar, sonnengetönte Haut, ein knallgelbes Bikinihöschen – würde die Frau noch leben, hätte der Sabber der Männer das Becken längst überlaufen lassen.

So aber, mit diesen dunkelvioletten Würgemalen und den panisch aufgerissenen Augen, die blicklos in den wolkenlosen Himmel starren, hat sie die tausend Kubikmeter Wasser für sich alleine.

Missmutig beobachten Paolo Cruz und Daniele Corrida von der Policia Playa del Inglès, wie ein pummeliger Gerichtsmediziner die Tote wie eine Luftmatratze zum Rand des Beckens schiebt. In kleinen Wellen schwappt das lauwarme Wasser über den starren Körper und von dort in die Nasenlöcher des Forensikers.

„Nach Spuren zu suchen, können wir uns schenken“, murmelt Corrida. „Die sind längst weggespült.“ Sein Kollege spuckt auf den rostroten Steinboden. „Egal. Das geht auch ohne. In diesem Hotel leben soviele Leute – da muss irgendjemand irgendetwas gesehen haben.“

Schnaubend stemmt sich der Arzt aus dem Pool. Er packt den glitschigen Torso unter den Achseln, hievt ihn hoch und legt ihn unter den süss duftenden Blüten eines Jacarandabäumchens in den Schatten. Dann lässt er sich vom Hausdienst weisse Leintücher bringen, um die Leiche vor den Blicken der Touristen zu verbergen. Diese haben sich im Glauben, es handle sich um einen Teil des Animationsprogramms,  im Planschbereich des “Playa d’Oro” eingefunden. Und beobachten nun mit einer Mischung aus Grauen und Gwunder, wie das so läuft, nach einem Mord.

Paolo Cruz und Daniele Corrida schlendern zur Rezeption, um herauszufinden, wie die Frau hiess und in welchem Zimmer sie logiert hatte. Mit spitzen Fingern nestelt der Portier in einer Beige fotokopierter Identitätskarten und Pässe herum. Schliesslich zieht er ein Papier hinaus: „Ist sie das?“, flötet er. „Das ist sie“, antwortet Cruz.

„Nele Schmitz. Aus Düsseldorf. 302“, sagt der hochaufgeschossene und etwas geierhaft wirkende Mann hinter dem halbrunden Kunststoffmarmortresen. Er interessiert sich für die Uniformierten offensichtlich mehr als für den Grund ihres Auftauchens in seinem Horst. „Wenn ich Ihnen sonst noch behilflich sein kann, melden Sie sich einfach. Ich habe um punkt 18 Uhr Feierabend. Für nachher habe ich noch keine Pläne“, ruft er den Ordnungshütern nach.

Polizei

“Guten Tag”, sagt Paolo Cruz zu dem Mann, der zehn Minuten später die Türe öffnet und aussieht, als ob er die Nacht in einer laufenden Waschmaschine verbracht hätte. “Sie sind…”

“…Schmitz. Berndt Schmitz. Mit dt und tz. Was wollnse?“

“Ich bin Paolo Cruz von der Polizei von Playa del Inglés. Das ist mein Kollege Daniele Corrida. Wir haben gerade Ihre Frau aus dem Hotelpool gefischt.”

“Aha. Und wo ist sie jetzt?”

“Unten. Hatte Ihre Frau Feinde?”

“Wieso ‘hatte’?”

“Sie ist tot.”

“Ach so. Nee. Nicht, dass ich wüsste.”

“Wo waren Sie letzte Nacht?”

“Hier, im Zimmer.”

„Und heute Morgen?“

„Ich bin in dem Moment aufgewacht, in dem Sie anklopften.“

“Ist sonst noch jemand hier?“

„Nö.”

„Sie sind also seit gestern Abend alleine.“

“Ja.”

„Wieso?“

„Nele wollte unbedingt an eines dieser Konzerte im Hotelgarten. Ich hatte Kopfschmerzen und Durchfall.“

„Und seither haben Sie sie nicht mehr gesehen?“

„Nein.“

„Kam Ihnen das nicht merkwürdig vor?“

„Wieso auch? Nele kann tun und lassen, was sie will.“

„Sind Sie eifersüchtig?“

„Wir führen eine offene Ehe, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Trotzdem – ich muss Sie das fragen. Ist reine Routine: Haben Sie Ihre Frau umgebracht?”

“Angenommen, ich hätte: Glauben Sie ernsthaft, dass ich Ihnen das einfach so auf die Nase binden würde?“

“Dürfen wir uns kurz umsehen?”

“Muss das sein? Ich bins ja nicht gewesen.”

“Gut. Entschuldigen Sie die Störung. Einen schönen Tag noch.”

 “Keine Ursache. Ihnen auch.”

Cruz und Corrida streichen Berndt Schmitz mit dt und tz von ihrer Liste der Verdächtigen, die somit noch genau null Namen umfasst.

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Unzählige Verdächtige und ein Streber

Als die Türe zum Zimmer des Waschmaschinenmannes lautlos ins Schloss fällt, dämmert den Fahndern, dass diese Ermittlung in echte Arbeit ausarten wird. In den drei Häusern, die zum „Playa d’Oro“ gehören, dürften ihrer Schätzung nach fünf- bis achthundert Menschen untergebracht sein.

„Ganz genau sind es…Moment…670 Damen und Herren, zum Teil mit Kindern“, klärt der der Concierge die Polizisten, überglücklich über das unverhofft schnelle Wiedersehen, nach einem Blick in die Gästeliste auf.

“Ich hätte heute eben doch frei nehmen sollen”, brummt Daniele Corrida.  “Aber nein: Carla will erst am Freitag mit mir aufs Land fahren. Also nehme ich am Freitag frei.”

“Carla? Ich dachte, das sei…”

“…wir probierens nochmal. Das heisst: Sie probiert es nochmal.”

“Sie hat ein grosses Herz, deine Carla.”

“Wem sagst du das? Die Frage ist aber: Was machen wir jetzt?”

„Das müsst ihr schon selber miteinander…”

“…ich meine hier. Jetzt. Wegen dieser…Sache.”

“Jetzt klopfen wir die restlichen Räume ab.”

“Spinnst du? Dafür benötigen wir…(lässt die Augen über die unzähligen bunten Balkone an der blendend weissen Fassade gleiten)…Tage. Wochen!”

“Hast du einen besseren Vorschlag?”

“Wir könnens ja telefonisch versuchen.”

“Telefonisch?!?”

“Wir gehen zum Empfang und sagen unserem neuen Freund, er soll uns in ein Zimmer nach dem anderen durchstellen. Wenn du den ein bisschen an deiner Uniform schnuppern lässt, telefoniert der für uns bis Mitte nächsten Jahres.”

“Und dann? Angenommen, es nimmt überhaupt jemand ab: Was sagst du dann? <Guten Tag, hier spricht Daniele Corrida von der örtlichen Polizei. Ich möchte Sie nur kurz fragen, ob sie etwas mit der Leiche zu tun haben, die unten beim Pool liegt.>?”

“In der Art habe ich mir das vorgestellt, ja.”

“Siehst du: Deshalb bin ich der Chef und nicht du. Telefonisch Zeugen befragen, oder vielleicht sogar mögliche Täter; ich glaubs ja nicht¨“

„Reg dich wieder ab. War ja nur ein Vorschlag.“

„Jeder Polizeischüler im ersten Semester weiss, dass nicht nur wichtig ist, was die Leute sagen. Was zählt, ist, wie sie es sagen. Ob sie dabei schwitzen wie die Affen oder mit den Füssen scharren. Ob sie einen anschauen oder aus dem Fenster gucken. ”

“Dann setzen wir uns eben beim Eingang an einen Tisch und fragen jeden, der hereinkommt oder hinausgeht…”

“…halt die Klappe. Wir gehen jetzt in die Zimmer.”

“Und wenn niemand da ist? Ich meine: 38 Grad, keine Wolke weit und breit – die sind doch alle am Strand jetzt, oder in der Stadt, oder was weiss ich; jedenfalls sind sie ganz sicher nicht hier.”

“Dann schreiben wir auf, wo wir ein zweites Mal vorbeischauen müssen, und machen den Rest am Abend, oder morgen früh.”

“Fantastisch. Sonst haben wir ja nichts Gescheiteres zu tun.”

“Nein, haben wir nicht.”

„Streber.”

“Ich versuche nur, meinen Job anständig zu machen.”

“Eben. Das interessiert doch keine Sau, wer diese Frau…”

“…ihren Mann schon, glaube ich.“

“Übertrieben traurig sah er aber nicht aus; musst du zugeben. Auf mich wirkte er eher wie jemand, der soeben erfahren hat, dass es zum Abendessen Nudeln statt Spaghetti geben würde.”

“Das war der Schock. Wenn sie schockiert sind, reagieren die Menschen ganz anders als normal. Sobald der Typ realisiert, was los ist, heult er Rotz und Wasser, jede Wette.”

“Ich könnte jetzt etwas Kühles vertragen.”

“Zuerst stochern wir ein wenig in diesem Heuhaufen herum.”

“Aber wirklich nur ein wenig.”

“Wir machen 50 Zimmer. Dann lade ich dich zu einem Bier ein.”

“30.”

“50.”

“40.”

“50.”

“Ok. Gehen wir.”

Verschlossene Türen und “The HAENIS from Switzerland”

Abgesehen vom Licht der Unterwasserscheinwerfer, das die Oberfläche des Swimmingpools wie eine zerknitterte goldene Folie schimmern lässt, und vom Schein der orange-gelben Kerzen auf den rotgedeckten Tischen ist es im Garten des Hotels fast dunkel. Das Geplapper und Gelächter von bestens gelaunten Menschen aus aller Welt flirrt durch die immer noch feuchtheisse Luft. Besteck klappert auf Tellern. Alle paar Sekunden ist das “Pling” von aneinanderstossenden Gläsern zu hören.

Die Gäste haben den Zwischenfall vom Nachmittag vergessen oder verdrängt oder gar nicht mitbekommen. Sie konzentrieren sich auf ihre Meeresfrüchte und Paëllas und Sangrias und Biere und auf einen jungen Mann mit Gitarre und eine junge Frau am Schlagzeug, die wenige Meter vor ihnen musizieren.

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Laut dem grossen Plakat neben dem Buffet handelt es sich bei dem Duo um “THE HAENIS from Switzerland“. Sie verdanken dieses Engagement dem Umstand, dass Röbi „Roberto“ Fankhauser, der Besitzer des Hotels, seine Wurzeln auch nach 14 Jahren auf Gran Canaria nie ganz vergessen hat und sich via Internet regelmässig über das Geschehen im Bernbiet auf dem Laufenden hält.

Bei einem dieser Online-Streifzüge durch seine alte Heimat entdeckte er “The Haenis“. Bands mit „The“ im Namen, dachte sich Fankhauser, sind, wie The Beatles, The Bee Gees, The Eagles, The Cars oder The The bewiesen, immer gut, weshalb er The Haenis ohne lange zu überlegen für ein einwöchiges Gastspiel im „Playa d’Oro“ verpflichtete.

Das Publikum lauscht der Darbietung mit wohlwollendem Interesse. Wovon der Mann mit dem mediterran wirkenden Dreitagebart und die Frau mit dem herzigen kleinen Hund auf dem T-Shirt singen, erschliesst sich den wenigsten. Aber wer weiss: Vielleicht stürmen „The Haenis“ in vier oder sechs Jahren oder so sämtliche Hitparaden zwischen Reykiavik und Sydney, und dann im Bekanntenkreis beiläufig fallenlassen zu können, “die haben schon in einem Hotel auf den Kanarischen für mich gespielt”: Das hätte schon was.

Etwas abseits vom Geschehen lehnen Daniele Corrida und Paolo Cruz an einer gigantischen Palme. Sie haben die letzten Stunden damit zugebracht, durch die labyrinthartig verwinkelten Hotelkorridore zu gehen, und sich dabei gefühlt, als ob sie durch ein Dampfbad laufen würden. 43 Mal standen sie vor verschlossenen Türen. Sechsmal wurde ihnen geöffnet – und beschieden, man wisse von nichts. Aus dem Zimmer 811 schlug ihnen ein dermassen intensives Gegrunze und Gestöhne entgegen, dass sie beschlossen, beide Ohren zuzudrücken und ihre Mission als für vorläufig beendet zu erklären.

Kaum standen sie wieder draussen, steuerten sie die Bar an. Nach einem grossen, kalten Bier und je zwei Litern Agua Minerale gingen sie zu Gin Tonic mit Eis über. Dabei blieben sie, bis sie gerade noch rechtzeitig bemerkten, dass sie immer noch im Einsatz sind. Daraufhin wechselten sie zurück zum Bier.

“La-la-lalalalaaaa, la-la-la-la“ schallt es von den Tischen zu den Polizisten herüber. Hemmungslos singen Österreicher, Italiener, Franzosen, zwei Finnen, drei Schweden, das eingeborene Personal und ein Schweizer den Refrain des Liedes mit, das der Sänger als “üsi nöi Hitsingle” angekündigt hatte. Blitzartig sind Corrida und Cruz wieder bei der Sache. Als ob ihre Augen kleine Radarschirme wären, lassen sie ihre Blicke über die Gesellschaft schweifen.

„Etwas stimmt hier nicht“, denkt Cruz, während er den Mikrofonständer fixiert. „Etwas passt nicht dazu.“ Tief in seine Gedanken versunken, zuckt er zusammen, als ihm Corrida den Ellenbogen in die Rippen rammt und mault: „Ich bin kaputt. Können wir gehen?“

„Nein“, sagt Cruz. „Wir bleiben noch hier.“

Eine hochgelegte Latte und ein müder Rocker

Um punkt Mitternacht beenden The Haenis ihr Konzert mit einer eingeberndeutschten Hiphop-Version von “Sweet Home Alabama”. Nach dem Schlussakkord steigen die bis in die hinterste Furche durchgeschwitzten Zuhörerinnen und Zuhörer umständlich von den Stühlen, ordnen ihre derangierten Frisuren, unterschreiben die Rechnungen und ziehen sich in ihre Zimmer zurück. Nachdem alle gegangen sind, legt sich eine gespenstische Ruhe über den kleinen Park.

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The Haenis verstauen ihre Instrumente in einer Kammer neben der Küche. Viel Zeit, um sich zu erholen, haben sie nicht: In weniger als elf Stunden steht ihre nächster Einsatz auf dem Programm. Dann sollen sie die Teilnehmerinnen des Kurses „Aquafit 60+“ auf Trab bringen.

Das Musikerpaar erörtert gerade die Frage, wo es zu dieser späten Stunde noch etwas zu trinken bekommen könnte, als es bemerkt, wie sich ihm zwei Fremde nähern.

Ohne sich gross mit Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten, blafft der eine der Uniformierten: “Das Bikinioberteil am Mikrofonständer: Ist das eures?”

“Bhüetisgott, nein!”, antwortet der junge Mann verblüfft. “Das hing schon da, als wir kamen. Und überhaupt wäre mir das viel zu gross. Damit kann man ja Wassermelonen verpacken“, fügt die Frau an.

“Auf die Idee, dass es nicht dahingehören könnte, seid ihr nicht gekommen?”, fährt Corrida fort.

“Wie auch?”, fragt der Sänger. “Wir dachten, das sei ein Teil des Equipments. Dekoration oder so.”

“Dann gehört der Krempel da also nicht euch“, stellt Cruz fest.

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„Der Krempel da?“, fragt der junge Mann, und zieht die linke Augenbraue soweit hoch, bis sie beinahe das Dächli seiner Kappe berührt. „Bei allem Respekt: Das sind…“

„…jajaja. Dann halt die Instrumente und Lautsprecher und alles. Und, eben: der Mikrofonständer. Das alles ist nicht euer…Zeug.“

“Wir haben nur Badesachen und Schminkzeug und so mitgenommen”, erklärt die Frau geduldig. „Wir steigen doch nicht mit zig Gitarren und einem Schlagzeug und Verstärkern und Boxen und einem Mischpult ins Flugzeug! Wir sind nicht Pink Floyd.”

“Verstehe.“

“Aber CD’s haben wir dabei; jede Menge sogar, und iPhonehüllen. Wenn Sie ein Weihnachtsgeschenk für Ihre Frau Gemahlin…”

“Danke, nicht nötig“, winkt Corrida ab. „Seit wann seid ihr hier?”

“Seit Mitte Nachmittag. Nach einem Begrüssungsapéro beim Direktor legten wir uns kurz hin. Dann machten wir einen kurzen Soundch…testeten wir die Anlage und…ja…dann gins auch schon los. Das war um punkt 20 Uhr und dauerte bis vorhin. Vier Stunden, inklusive Ansagen und Zugaben.”

“Wisst ihr, wer vor euch hier gespielt hat?”

“Bis gestern waren Bäng Gäng hier. Ganz grosses Kino! In der Schweiz haben die die Latte so hochgehängt, dass alle anderen Bands auf einer Giraffe darunter durchreiten könnten. Krokus zum Beispiel waren weltberühmt, bevor Bäng Gäng kamen. Inzwischen sind sie froh, wenn sie das Volkshaus…”

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“…Bäng Gäng? Komischer Name. Heissen die wirklich so?”, erkundigt sich Cruz.

„Klar.“

„Wenn die spielen, wie sie heissen, möchte ich nicht…aber das ist jetzt nicht das Problem.“

“Sondern?”

“Dieses Bikinioberteil, wie gesagt. Oder besser gesagt: Die Frau, der es gehörte. Sie ist tot. Ermordet.”

Der junge Mann zieht sich reflexartig die Mütze vom Kopf. “Das wussten wir nicht“, sagt er betreten.

„Kennen Sie jemanden von diesen…diesen…Bäng Gäng?”, will Paolo Cruz wissen.

“Mit dem Drummer haben wir ab und zu zu tun, ja.”

“Haben Sie seine Handynummer?”

“Natürlich. Soll ich…”

“….selbstverständlich!”

“Um diese Zeit?”

“Das sind Rocker. Die stehen in diesem Moment auf und starten die nächste Orgie.”

“Wenn Sie meinen. Sekunde.”

“Und?”

“Der Schlagzeuger sagt, er habe noch nie ein gelbes Bikinioberteil gesehen, jedenfalls nicht in diesem Hotel, und schon gar nicht am Mikrofonständer.“

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“Ist der Mann zuverlässig?”

“Extrem.”

“Was sagte er noch?”

“Nicht viel. Er war gerade eingeschlafen. Hat den ganzen Tag lang seinen Sohn gehütet. Dann kam die Frau von der Arbeit nach Hause. Dann haben sie noch ein wenig miteinander geplaudert und etwas Kleines gegessen und dazu Springsteen gehört. Dann gingen sie duschen, dann…”

“…ist ja gut. Hat er noch etwas gesagt, was uns interessieren könnte?”

“Nur, dass seiner Band während ihres Aufenthaltes im ‚Playa d’Oro’ jeden Abend Hunderte von Kleidungsstücken zugeworfen worden seien. Wenn sie möchten, könnten sie mit all den Slips und BHs eine Unterwäscheboutiquenkette eröffnen, sagte er. Einmal sei auch ein Schnorchel geflogen kommen, aber das soll ich für mich behalten, wobei:  Wenn ichs weitererzähle, mache das auch nichts; die Hauptsache sei dass er jetzt endlich schlafengehen könne. Dann hängte er auf.“

“Merda.”

“Hören Sie: Wir würden Ihnen wirklich gerne helfen. Aber wir haben einen ziemlich langen Tag hinter uns und möchten jetzt gerne ins Bett.”

“Natürlich. Wenn uns noch etwas einfällt, melden wir uns bei Ihnen, oder umgekehrt. Sie verschwinden ja nicht gleich wieder von der Insel.”

“Oh, nein! Was würden auch die Aquafitleute von uns denken? Aquafitleute sind unberechenbar. Das Internet ist voll von Geschichten über Musiker, die von ausser Rand und Band geratenen…”

“Wieso sind Sie auf einmal so…nervös, junger Mann? So aufgekratzt?“

“Aufgekratzt? Ich? Ich bin einfach nur dure. Game over, wie wir in der Schweiz sagen. Die Hitze! Der Jetlag! Die Aufregung! Wir spielen zum ersten Mal im Ausland, müssen Sie wissen. Was den Beatles der Star Club in Hamburg war, ist für uns vielleicht das Playa d’Oro auf Gran Canaria. Wenn das gut läuft: Tschou, Kulturfabrik Lyss – Goooood evening, Madison Square Garden! Aber zuerst sind jetzt, wie gesagt, die Aquafitleute…“

“…Sie kommen mir vor wie einer dieser Batteriehasen aus dem Fernsehen.“

“Wir kennen nur einen Hasen, und der ist still“: Mit diesen Worten schafft es die junge Frau, das Gespräch noch vor dem Sonnenaufgang zu beenden.

Die Casting-Show und Ärger im Büro

Fluchend versucht Daniele Corrida, die halbantike Kaffeemaschine in Gang zu bringen, als Paolo Cruz grinsend ins Büro stürmt. „Ich habs“, sagt er. „Wir brauchen Filme. Und Fotos.“

Corrida stutzt. „Wovon?“

„Von allem, was seit vorgestern Abend im Hotel passiert ist. Es ist ganz einfach: Jeder Mensch hat heutzutage ein Fotohandy, und jeder Mensch knipst und filmt ununterbrochen, was um ihn herum passiert. Auf einer dieser Aufnahmen ist bestimmt zu sehen, wie das Bikinioberteil zwischen der Zeit, in der diese Bäng Gäng noch ohne Stoff am Mikrofon spielten, und gestern Nachmittag, als The Haenis ihren Kram aufbauten, an den Ständer gekommen ist“, doziert der Polizist.

„Und wie kommen wir an diese Handys? Niemand rückt sein Handy freiwillig heraus“, gibt Corrida zu bedenken.

„Ich lasse mir etwas einfallen. Lass mich nur machen“, sagt Cruz. Er zieht eine Zeitung aus der hinteren Hosentasche und lässt sich in seinen durchgesessenen Bürostuhl fallen. Corrida widmet sich wieder der Kaffeemaschine.

„Horror im Hotel!“, brüllt Cruz die Schlagzeile von der Frontseite entgegen. Dem Artikel im Innenteil ist zu entnehmen, dass im Pool des Playa d’Oro eine tote Frau gelegen habe und dass die Fahndung nach dem Täter  „auf Hochtouren“ laufe. Illustriert ist der Text mit drei Bildern, die offensichtlich von Amateuren geschossen wurden. Das grösste Foto zeigt ein mit einem weissen Laken bedecktes Etwas, ein zweites einen dicklichen Herrn mit hochroten Kopf, der jemanden aus dem Wasser hebt, und das dritte Paolo Cruz und Daniele Corrida auf dem Weg zu Rezeption.

Die Ermittlungen seien „sehr, sehr anstrengend“, wird „eine anonyme Quelle aus Polizeikreisen“ zitiert. „Nur schon all die Zimmer nach möglichen Tätern abzusuchen, war eine fast übermenschliche Anstrengung.“

Cruz blättert weiter. Und weiter. Und weiter. Unten links auf der Seite 18 findet er, was er nicht gesucht hat: Eine Vorschau auf eine Castingshow, die am Wochenende in Maspalomas stattfinden soll. In dem Moment, in dem er den Beitrag liest, ist ihm, als ob in seinem Gehirn ein winziges Puzzleteilchen ganz von alleine an den richtigen Platz fallen würde: „Eine Castingshow! Das ist es!“, ruft er durch das Büro.

Daniele Corrida schaut ihn fragend an.

„Wir lassen den Hotelchef einen Wettbewerb veranstalten. ‚Das Playa d’Oro sucht den Superstar’, oder etwas Ähnliches. Jede Wette: Die jungen Gäste machen mit, und die Alten fotografieren und filmen, als ob es um ihr Leben gehen würde. Der Witz ist: Prämiert wird nicht nur der beste Beitrag auf der Bühne, sondern auch der tollste Film und das schönste Bild. Am Ende lassen wir von der Jury, die – was niemand zu wissen braucht – aus lauter Polizisten besteht, die Handys einsammeln, laden deren Inhalte unauffällig auf einen USB-Stick und schwupp: Haben wir einen gigantischen Berg von Bildmaterial.“

„Nur, um sicher zu sein, dass ich dich richtig verstanden habe“, sagt Corrida. „Du willst bis weit nach deiner Pensionierung Filme und Fotos von wildfremden Leuten anschauen, nur, um herauszufinden, wer eine Touristin ermordet hat, die, ausser ihrem Mann vielleicht, keine Sau vermisst?“

„Ich habs dir schon einmal gesagt: Das ist unser Job. Ganz besonders das ist unser Job. Wenns dir nicht passt, kannst du die gerne den Tunesiern und Algeriern anschliessen, die überall diese billigen Sonnenbrillen und Kettchen verkaufen.“

„Es passt mir ja“, sagt Corrida kleinlaut. „Es ist nur…“

„Von mir aus darfst du dich bei der Zeitung gerne noch einmal über unsere unmenschliche Arbeit beklagen. Als anonyme Quelle bist du für die Reporter Gold wert.“

„Ich…“

„Wir machen jetzt diese Castingshow, und damit basta. Ruf den Hotelchef an und erklär ihm, was wir vorhaben.“

Rote Augen und eine böse Überraschung

Die Castingshow im „Playa d’Oro“ ist ein voller Erfolg – für alle Beteiligten. Eine 15ährige Norwegerin gewinnt mit einer recht eigenwilligen Interpretation von „Killing me softly“ den ersten Preis in Form einer Speedboodfahrt auf dem Meer. Den Fans im Publikum fliegen vor Begeisterung die Vaporisiergeräte aus den Gesichtern. Der Service kommt mit dem Getränkeausschank kaum nach. Die Polizisten laden in aller Eile knapp 10 000 Fotos und Filme auf ihre Sticks.

Über diese Ausbeute beugt sich tags darauf Paolo Cruz. Er ist alleine im Büro; Daniele Corrida ist mit seiner Carla ins Landesinnere gefahren, um auf verschiedenen Märkten für die nächste Woche einzukaufen. Auch in den nächsten Tagen würde er Cruz keine grosse Hilfe sein: Er müsse noch jede Menge Nachtschichten kompensieren, eröffnete er Cruz beim Adjossagen, und nehme deshalb bis Mitte nächste Woche frei.

Endlos ziehen auf Cruz’ angestaubtem Bildschirm glückselige Erwachsene, Teller voller Leckereien, nackte Brüste, exotische Blumen, Speisekarten, gigantische Gummibananen, Esel, sändelende Kinder, Palmenwipfel, Sonnenuntergänge, Segelboote und Papageien vorbei. Dieselben Motive begegnen ihm auch am Wochenende, am Montag, am Dienstag und am Mittwoch.

„Hast du etwas gefunden?“, erkundigt sich Corrida bei seinem Kollegen, als er am Donnerstag erkennbar gut ausgeruht auf die Polizeiwache zurückkehrt. Cruz ist nichts ums Reden zumute. Eigentlich ist ihm um überhaupt nichts zumute. Sein Elan, den Mörder der Frau im Hotel zu überführen, droht langsam, aber sicher, unter der Bilderflut zu versinken.

„Ich arbeite daran“, sagt Cruz kurzangebunden, und klickt sich durch die nächsten Aufnahmen. „Vorbildlich“, grinst Corrida. „Ich verschaffe mir nur kurz einen Überblick auf die Pendenzen, die in den letzten Tagen liegengeblieben sind. Dann bin ich gleich bei dir.“

Doch „gleich“ ist für Daniele Corrida ein relativer Begriff. Die Abbauarbeiten an seinem Pendenzenberg ziehen sich bis in die Abendstunden hin. In dem Moment, als er seinen Laptop zuklappen will, sagt Cruz mit einem seltsam gehässigen Unterton in der Stimme: „Komm mal her.“

Corrida stellt sich neben seinen Chef. Mit den Händen auf den Oberschenkeln abgestützt, betrachtet er ein Dutzend Fotos, die Cruz nebeneinander auf dem Bildschirm angeordnet hat.

„Fällt dir etwas auf?“, fragt Cruz.

„Auf den ersten Blick nicht“, sagt Corrida.

„Und auf den zweiten?“

„Auch nicht.“

„Sag mal: Für wie dumm hältst du mich? Der Typ auf diesem Bild und auf diesem und auf diesem und auf diesem und auf allen anderen Fotos: Das bist doch du. Und die Frau, mit der dieser Typ herumknutscht, ist unsere Tote aus dem Pool!“

„Äääh…“: Mehr fällt Corrida dazu nicht ein.

„Das heisst: Kurz, bevor die Frau getötet wurde, warst du bei ihr. Du warst am Tatort. Mit ihr.“

„Wir haben zwei, drei Gläser miteinander getrunken. Ich war vorher schon nicht mehr nüchtern, und dann…dann…ich weiss wirklich nicht mehr. Filmriss. Blackout. Ich kann mich an nichts erinnern. Deshalb habe ich dir vermutlich nichts gesagt.“

„Erzähl doch nicht solchen Mist!“, bellt Cruz. „Du hast nichts gesagt, weil du Angst hattest, automatisch zu den Verdächtigen zu gehören, sobald ich erfahre, dass du da warst. Mit ihr. Mit dieser Frau. Bist du wahnsinnig geworden?“

„Ich…“, murmelt Corrida.

„Gib mir deine Waffe. Und deinen Ausweis. Du bist bis auf Weiteres suspendiert.“

Corrida händigt seinem Chef das Verlangte aus. „Kann ich dann gehen?“

„Oh, nein, mein Lieber. Zuerst will ich wissen, was da lief, zwischen ihr und dir. Dann will ich wissen, wie lange du im Hotel warst. Dann will ich wissen, ob sie noch gelebt hat, als du gingst. Ich weiss nicht, was ich noch alles wissen will. Aber ich weiss, dass du dieses Gebäude nicht verlassen wirst, bevor ich alles weiss, was ich wissen muss.“

Corrida sackt in sich zusammen. Bis am nächsten Morgen erzählt er seinem Chef und dessen Vorgesetztem, der als neutraler Befrager am Verhör teilnimmt, von seiner Nacht im Hotel. Er lässt nichts aus: Nicht seine Anmachversuche an der Bar, nicht, wie er die Frau irgendwann dazu gebracht hatte, einen gespritzten Weissen mit ihm zu trinken, nicht, wie sie ihm ihr Leid darüber klagte, dass ihre „offene Ehe“ ausschliesslich von ihrem Mann gelebt würde, nicht, wie er sich alle Mühe gab, den alles verstehenden Zuhörer zu mimen und die Frau gleichzeitig bis knapp vor die Grenze zum Koma abzufüllen und nicht, wie er sich schliesslich mit ihr in die Kammer neben der Küche zurückzog, um zu tun, was seiner Meinung nach getan werden musste.

“Du bist ein Narr”, sagt Paolo Cruz. “Du weisst, was jetzt kommt: Ich muss dich verhaften. Dreh dich um und leg die Hände auf den Rücken.”

„Lass ihn.“ Die Frauenstimme ist kaum zu hören.

„Carla? Was…?“

„Lass ihn laufen. Ich habe die Frau getötet. Daniele hat damit nichts zu tun. Das heisst: Doch. Hat er. Aber er wars nicht.“

„Ich verstehe nicht“, sagt Paolo Cruz.

„Das ist doch nicht so kompliziert“, antwortet Carla, und sie klingt leicht genervt. „Ich wusste doch, dass Daniele seine Finger nicht von diesen Touristinnen lassen kann. Seit er bei eurem Verein ist, nutzt er jede freie Minute, um sich in seiner schicken Uniform an fremde Frauen heranzumachen. Nach unserem letzten Streit hat er mir zwar geschworen, die Finger von ihnen zu lassen. Aber das glaubte ich ihm nicht. Deshalb bin ich ihm an jenem Abend ins Hotel gefolgt. Als ich dort ankam, stand er mit dieser Deutschen an der Bar.“

„Und dann…“ wirft Cruz ein.

„Und dann habe ich gewartet, bis sie fertig waren, in ihrem Kämmerlein. Kaum hatte er seinen Spass gehabt, lief Daniele davon. Die Frau lag immer noch da, sturzbetrunken und kaum bei Bewusstsein. Es war ganz einfach: Ich legte ihr meine Hände um den Hals und drückte zu. Drei Minuten später zog ich sie in den Pool. Das war eigentlich das Schwierigste von allem. Die Schlampe war schwerer, als ich gedacht hatte.“

„Wieso hat dich niemand gesehen?“, fragt Cruz.

„Weil die Gäste längst ins Bett gegangen waren. Und die Hotelangestellten waren oben im Saal bereits damit beschäftigt, die Tische für das Frühstück vom nächsten Morgen zu decken.“

„Du kannst das nicht wissen, Carla: Daniele hat den Mord vorhin gestanden. Ich weiss also nicht, wieso du…“

„Ich sage die Wahrheit“, sagt Carla. Vergleich die Fingerabdrücke auf dem Hals mit meinen. Diese kleinen Rillen in der Haut sieht man vielleicht nicht mehr. Aber Fachleuten wird auf den ersten Blick auffallen, dass meine Finger genauso gross oder klein sind wie die Flecken am Hals. Danieles Finger sind grösser.“

“Und was ist mit dem Bikinioberteil? Wie kam das an den Mikrofonständer?”, will Cruz wissen.

“ich habe gesehen, wie Daniele die Frau auszog. Er hatte es wahnsinnig eilig. Kaum hatte er ihr das Badeklaid über den Kopf gestreift, riss er den BH auf und warf ihn weg. Irgendwie landete er auf dem Ständer. Ich habe vergessen, ihn zu entsorgen. Anfängerfehler”, sagt Carla verbittert.

Paolo Cruz wendet sich an seinen Kollegen, der die Diskussion schweigend mitverfolgt hatte: „Stimmt, was Carla sagt?“

„Ja. Leider.“, sagt Daniele Corrida.

„Warum hat du dann vorhin behauptet, du seist es gewesen?“

„Ich wollte Carla nicht belasten. Und letztlich ist das alles ja nur meine Schuld. Ohne mich wäre das alles nie passiert. Carla hat mir meine Seitensprünge schon so oft verziehen und mir Dutzende von neuen Chancen gegeben. Ich wusste, dass sie das diesmal nicht mehr tun würde. Diesmal war das eine Mal zuviel. Sie würde gehen, und ich würde den Rest meines Lebens mit dir auf dieser Wache und fremden Frauen in Hotelbars verbringen. Das ist keine Perspektive. Aber mehr habe ich nicht zu bieten.

Carla hingegen: Sie hat, wie du neulich ja selber gesagt hast, ein grosses Herz. In einer winzigen Gefängniszelle würde es erdrückt.”

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Im grünen Bereich

Die gute Nachricht: Am Rande von Wollongong leben wir in einem grossen Haus, das von allerlei exotischen Bäumen und Sträuchern umgeben ist. Kakadus, zig andere Vögel und Frösche sorgen am Abend stundenlang für tierisch gute Unterhaltung.

Zum Anwesen gehört auch

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ein Pool.

Nur: Bis ans Planschen im Wasserbecken auch nur entfernt zu denken sein wird, braucht es noch einiges. Viel Putzarbeit zum Beispiel, und ein paar…äh…Zusatzstoffe:

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Aus dem Leben eines Playaboys (IV)

Er kam ohne Warnung: Der Einschlag von vier Japanern Chinesen Koreanern Asiaten auf dem Westflügel des Hotelpools riss auch mit ausgeschalteten Hörgeräten dösende Gäste aus ihrer wohligen Lethargie.

Seither ist nichts mehr, wie es einmal war. Hinlegen, Augen schliessen – schon fühlt man sich wegen des ununterbrochenen und zuweilen fast unverständlichen Geschnatters aus Fernost wie an einem gigantischen Ententeich statt in einer Oase der kollektiven Kontemplation.

Die Schweizer Fraktion unter den Umliegenden nimmts gelassen: Morgen früh schlottert das Quartett ein paar Lawinen vom Jungfraujoch oder knipst das Kolosseum in Rom in handliche Stücke (nein: Nicht “oder”. “Und”.).

Am Nachmittag – die Asiaten sind nach dem Trip ins Berner Oberland und einer für alle Beteiligten unvergesslichen Reise nach Rom im Basislager zur Eiffelturmspitze angelangt, ohne ein Gesicht oder eine Kamera verloren zu haben; Letzteres wäre eine Katastrophe – treffen sich die von den Ereignissen etwas überrumpelten Spitzen des Römer Tourismusbüros auf den Trümmern des Kolosseums zur Lagebesprechung:

– “Und jetzt? Was machen wir jetzt?”

– “Kasse. Soviel Kasse wie noch nie.”

– “Bene. Wieviel haben die Berliner damals für un piccolo pezzo Mauer verlangt? 10 Mark? Machen wir 50!”

– “Bei den Viagravorräten des Berlusconi! Du kannst doch nicht die Mauer mit dem Kolosseum vergleichen! Wie lange stand das eine? Wie lange ist das andere schon da? 100, Minimum. Plus Steuern, Zoll und alles.”

– “Gut. 500.”

– “500 was? Euro?”

– “Das sehen wir dann. Kommt auf die Griechen an. Irgendwie kommts ja immer auf die Griechen an.”

– “Merda!”

– “Hat übrigens jemals ein Kaiser auch nur einen Fuss auf die Mauer gesetzt?”

– “Nein. Aber Kennedy.”

– “Das ist etwas anderes. Kennedy ist tot.”

– “Caesar auch.”

– “Wie gesagt: Das ist etwas anderes. Kennedy ist Kennedy. Caesar ist Caesar. Und ich bin hier der Chef.”

– “Naturalmente. Ich meinte ja nur.”

– “Also. Mit Steuern, Zoll, Caesar, Nero, den Christen und den Löwen und so weiter: 800.”

– “Runden wir auf. Touristen haben sowieso nie Münz. Und wenn doch, schmeissen sies in den Brunnen von dieser Ekberg. 1000.”

– “Pro Stein?”

– “Pro Eintritt. Die Steine kosten extra.”

(In den wachsamen Augen ganz sensibler Zeitgenossen mag das mit den Asiaten vielleicht chli rassistisch erscheinen. Nun denn: Verklagt mich doch. Denkt einfach daran: Ich blogge hier unter iberischer Flagge in königlich-spanischem Hohheitsgebiet. Viel Spass mit den Rechtshilfeersuchen!)

Zurück zum Pool. Eigentlich wollte ich heute die wenigen geschriebenen und vielen ungeschriebenen Regeln, denen das Dasein an demselben unterworfen ist, zum Mittelpunkt meiner Ausführungen machen. Im Kopf hatte ich, wie sich das für einen gewissenhaften Journalisten auch im temporären Ruhestand gehört, schon einen packend-informativen Einstieg vorformuliert und mir etwelche Mühe gegeben, dabei nicht allzusehr ins Boulevardeske abzugleiten:

“Das Areal rund um den Hotelpool ist eine Welt für sich. Nirgendwo sonst – nicht einmal im Bundes- oder einem anderen Rat – wird so fies intrigiert, skrupellos geellböglet, hinterhältig taktiert, ungeniert geschnödet oder kurz: um den eigenen Vorteil gerungen wie an diesem Wasserbecken, an dem nicht wenige ihre kompletten Ferien durchstehen, -liegen und -höcklen, obwohl sie sich in Zürich-Kloten noch so darauf gefreut hatten, jetzt endlich einmal “das andere Gran Canaria” zu entdecken. Das mit dem Essen bei Eingeborenen samt Ritt auf Pablito, dem eigens dafür gezüchteten Eseli.”

Am Beispiel des Liegenbesetzens by Badtüechli zu nachtschlafener Stunde wollte ich aufzeigen, wie idiotisch sich äusserlich völlig normal wirkende Leute aufführen, wenn es darum geht, sich die Poleposition am Pool zu sichern. Aber dann bemerkte ich am Beckenrand dieses Schild:

(Brille verlegt? Kontaklinsen verloren? Auf der Tafel steht in sämtlichen gängigen Weltsprachen, es sei verboten, die Liegestühle vor 9 Uhr morgens zu okkupieren.)

Damit war meine Geschichte natürlich gestorben.

Glaubte ich…

…bis ich um kurz nach 5 waseliwas sah?

Um Missverständnissen vorzubeugen und dem sicher auch hier mitlesenden Geheimdienst mit aller gebotenen Deutlichkeit klarzumachen, dass ich null Interesse an einem Jobangebot habe: Ich stand nicht extra so früh auf, um zu kontrollieren, ob amänd doch schon ein Liegestuhl besetzt sei. Ich bin um diese Zeit immer puurlimunter und platze schier vor Tatendrang.

Was nun? Sollte ich die Geschichte wiederbeleben? Oder in Frieden ruhen lassen? Sind auch für Geschichten Wiedergeburten denkbar? Was, wenn sie auf einmal in Form eines Hinterdenkulissenberichts aus dem Musikantenstadl vor mir steht?

Während ich versuchte, mich zu einer Entscheidung durchzuringen, fielen die Mitbewohner des Hotels über das Zmorgebuffet her wie Piranhas nach dem Ramadan über eine frisch geschächtete Kuh und plünderten die bis zum Rand mit süssen und sauren und scharfen und milden und fetten und gesunden Köstlichkeiten gefüllten Hochglanzbecken bis auf die letzte Haferflocke.

Die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. Ich wurde ganz konfus: Nebenan ging die Dusche los. Ein Auto fuhr vorbei. Die Hotelkatze hob den Kopf. Draussen bestellte ein Mann aus dem Land Goethes und Grönemeyers, beherzt seinen ganzen Fremdwörterschatz plündernd, “una Serwessa mas!” (alle Männer bestellen hier immer “una Serwessa mas”, egal, was für Zeit ist, und unabhängig davon, obs der Gemahlin passt oder nicht. Ich bleibe beim agua mineral. Wenn ichs an der Bar richtig krachen lassen will, darfs auch mal ein Cola Zero sein). Laut klopfend begehrte das Zimmermädchen (“Zimmermädchen” ist ein gutes Stichwort: Heissen die Zimmermädchen immer noch Zimmermädchen? Oder gibts es nun auch dafür einen jedes Visitenkartenformat verhöhnenden Fachbegriff im Sinne von “Junior Vice Consultant Underwriter in the Back Office of the Room Service & Cashuality Affairs Department at Parque Tropical Hotel, Playa del Inglés, Gran Canaria?”) Einlass in Camera 120.

Ich tat, was ein Mann in solchen Situationen eben tun muss: Ich ging zum Strand. Untewegs zählte ich die Palmen. Als ich unten angekommen war, hatte ich die Sache mit der Geschichte vergessen.

“Comes a time”, sang Neil Young mit seinen “Crazy Horse” 1978 (für Zeitgenossen mit ramponiertem Kurzzeitgedächtnis):

Genau der Neil Young, der mit seiner Band soeben das Album “Americana” produziert hat, das “fantastisch”, “grossartig”, “zeitlos”, “wegweisend” “epochal” oder “grandios” nennt, wer the british art of understatement zu schätzen weiss, dieser Neil Young also sagte im Zusammenhang mit Poolliegestühlen und Woodstock einmal…

…Mist. Jetzt habe ich den Faden verloren.

Jedenfalls: Gestern Abend stieg, von den aus diesem Anlass ganz besonders hell strahlenden Sternen beschienen, die von allen mit einer fast schon fiebrig zu nennenden Vorfreude herbeigesehnte grosse Schlagersause. Weil ich keine anderweitigen Projekte hatte, nahm ich in dem grossen Openairrestaurant irgendwo Platz, wos grad noch Platz hatte, und liess mich, im Beisein von sechs oder sieben anderen Zuhörerinnen und Zuhörern (darunter ein Hotelkoch und eine Serviertochter) auf eine Zeitreise durch die letzten Jahrzehnte entführen: “Anita”, “Blue blue, blue Johnny blue”, “La paloma blanca”, “Ein Stern, der deinen Namen trägt”…unsere kleine Schicksalsgemeinschaft wurde von der mit voller Wucht über uns hinwegrollenden musikalischen Schleimmasse beinahe von den Sitzen gespült.

Auch oder gerade weil das Duo konsequent auf mindestens Halbplayback setzte und gänzlich darauf verzichtete, Liedgut von George Michael, Phil Collins und James Blunt zum Vortrage zu bringen, verbuchte ich das als grande Spettacolo angekündigte Geschrummel als nette Abwechslung im ansonsten doch eher spettacolofreien Ferienalltag.

Wie die Künstler heissen, ist mir über Nacht entfallen. Dafür weiss ich noch, dass sie einen schwarzen Minijupe trug und er eine Frisur hatte, die vor 30 Jahren topmodern gewesen sein musste.

“Topmodern”…”topmodern”…ach ja: Das Lied von Neil Young! Auf “Comes a time” kam ich (vermutlich) nicht wegen des Pools, sondern, weil für die time des Abschieds von diesem Fleckchen Erde mit fast chli beunruhigend grossen Schritten naht. Noch heute, morgen, übermorgen – und schon ist wieder fertig Lustig.

Weitere Ferienpläne? Momoll, die gibts.

Aber eher für später.

Nachtrag: Ich sehe gerade – es gibt sie noch, die Zimmermädchen.

(Morgen live von der Insel: Wie man sich ein Missverständnis von der Palme schüttelt und das weltweit erste Bild des Mannes, der auf den Kanaren das Wetter macht. Dazu: Wie ich den Euro rette.)

Bereits erschienen:

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”.

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht.”

Aus dem Leben eines Playaboys (I)

Samstagnachmittag, 12.15 Uhr: Wenn das alles chli gehetzt wirkt jetzt – sorry. Es muss alles ziemlich schnell gehen, weil: Es pressiert.

Im Moment, in dem ich das schreibe, sitze ich in der Halle zum Gate 5 im Flughafen Zürich. Draussen geht die Welt unter: Endlos fällt Regen auf die nass glänzenden Rollbahnen. Alle zwei Minuten sticht ein Flugzeug in den Himmel, der vor lauter Grau kaum zu sehen ist. In einer Viertelstunde steige ich in eine Maschine der chli trudelnden Air Berlin. Sie wird mich in dreieinhalb Stunden nach Las Palmas auf Gran Canaria bringen.

Das Wetter dort: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.
Und hier noch die Vorhersagen für die kommenden Tage: Sonne, gut 30 Grad, kaum Wind.

Ich bin der einzige Gast an dieser ungastlichen Bar. Die anderen Passagiere sitzen in ihren Plastikstühlen und warten darauf, dass ihre Flüge aufgerufen werden. Wenn ein gewisser Juri Sowiesitsch, der von Moskau nach New York reist und in Zürich vom Fräulein im Lautsprecher ständig gebeten wird, sich bei der Information zu melden, sich nicht subito bei der Information meldet, ist der Zug für ihn bald abgefahren. Und das im Unique Airport.

Zeit für tiefschürfende philosophische Betrachtungen habe ich, meine A320 hinter dem Wasservorhang nur schemenhaft vor Augen, für einmal nicht. Deshalb nur kurz: Die neusten Flughafentrends:

– Der Raucher wird wieder als Mensch betrachtet. Jedenfalls scheint es hier, wo noch vor Kurzem Sondereinheiten der Polizei patrouillerten, um jeden dingfest zu machen, der auch nur den Anschein erweckte, ein Päckli Zigaretten aus dem Poschettli zu ziehen, deutlich mehr Reservate für unser Randgrüppli Raucherlounges zu geben als auch schon.

– Die Frauen entdecken ihre eigenen Stärken: Auffallend viele weibliche Fluggäste schleppen ihre Silbermetaliséehartschalenkoffer selber. Die Männer bummeln, das in einem Rucksäckli verstaute Handgepäck locker über die Schuler drapiert, nebenher.

– Der Gattin im Dutyfree-Shop vor allen Leuten eine Ohrfeige zu verpassen: Das ist noch kein Trend. Falls es einer werden sollte, kann ein grob geschätzt 200 Kilo schwerer Amerikaner in einem rotweissen „I love Switzerland“-Shirt und einer Dàchlikappe mit dem Eiffelturm drauf für sich beanspruchen, ihn gesetzt zu haben. Aber vielleicht macht er ja nur nach, was er von seinem Vater abgeschaut hat, und der von seinem Vater, und der von seinem. Vielleicht liegt in dieser Familie das Ohrfeigen einfach in den Genen. Dann wäre es natürlich etwas anderes und auch in diesem jüngsten Fall entschuldigt.

– Bis Neugeborene noch an der Nabelschnur hängend mitfliegen, ist eine Frage der Zeit. Auch wenn ich sonst grundsätzlich nichts Politisches unterschreibe: Wer auch immer mir ein Formular unter die Nase hält, mit dem gefordert wird, das Insflugzeugbringen von Kindern unter zwei Jahren zu verbieten – mein Autogramm hat er oder sie auf sicher. Nichts gegen Kinder; wirklich nicht. Aber einiges gegen Eltern, die unmittelbar nach der Endbindung samt Bébé in die Luft gehen. Das Kind dreht vor lauter Angst und Druckabfall fast durch, die Mitreisenden haben keine Sekunde Ruhe, das Flugpersonal – das ziemlich sicher schon mit dem Grossen ausreichend beschäftigt ist, kommt kaum mehr aus dem Sichumsmami kümmern heraus.

„Die Passagiere von Flug AB2086 nach Las Palmas werden gebeten…“: Ich muss.

Wobei: „Muss“?

Der Pilot, dessen Name ich leider in den Moment vergesse, in dem er sich und die Cabin Crew vorstellt, ist ein freundlicher Mann. Um uns die Wartezeit bis zum Start zu verkürzen, gibt er durch, das uns die Piste 16 zugeteilt worden sei, dass die Flughöhe 11 300 Meter betragen werde und dass wir mit durchschnittlich 853 Stundenkilometern über Lyon, die Pyrenäen, Funchal und ein Stück Atlantik nach Gran Canaria düsen würden. Das Abfluggewicht betrage gut 70 Tonnen.

Letzteres scheint er mit einem feinen Unterton zu sagen. Falls er mich gemeint haben sollte: Ich kann ihn beruhigen: Ich will auf den Kanaren nicht nur am Strand liegen, sondern mit extrem zügigen Spaziergängen am Meer, schweisstreibenden Velofahrten über Land und harter Arbeit ultimativen Workouts im hoteleigenen Fitnesszenter auch und vor allem kiloweise Pfunde verlieren. Im Idealfall heben wir in einer Woche in einer wesentlich leichteren Maschine ab. In einem Flugzeug mit Untergewicht, quasi.

Et voilà: Sonne, gut 30 Grad und kaum Wind.

Natürlich hat der Fahrer des Hotelshuttles Verspätung oder den Termin vergessen, aber dafür gibts ja Taxis. Für 28 Euro bringt mich ein bemerkensewert schweigsamer Spanier nach Playa de Inglés, ins Hotel Parque Tropical. Woher das Hotel seinen Namen hat, wird mir auf der ziemlich viel Zeit beanspruchenden Zimmersuche durch die weitverzweigte Anlage klar:

Vom Parque Tropical bis zum Strand seien es nur 50 Meter, heisst es im Internet. Das stimmt auch (wie fast alles, was im Internet steht). Nur: Zwischen dem Hotel und dem Wasser dräut

ein unüberwindbarer Abgrund

in Form einer überhängenden Geröllhalde. Bis zu einem ruhigen Plätzchen am Salzwasser marschiere ich knapp eine halbe Stunde. Aber mir wei nid chlage: Genau deshalb bin ich ja auf der Insel – um mich möglichst viel zu bewegen.

Sonntagmorgen, 4.15 Uhr: Sanftes Regenprasseln weckt mich aus einem nicht sonderlich tiefen Schlaf. Ich habs gewusst: Wenn ich Ferien habe, verwandelt sich auch die sonnenverwöhnteste Gegend der Welt über Nacht in einen Sumpf. Ich reisse allen Mut zusammen und täppele im Finsteren auf die Terrasse. Geistig bin ich schon am Packen: Ich will weg sein, bevor die anderen Gäste merken, was für einen Ferienverderber sie in ihren Reihen haben, und mich mit pitschnassen Badetüchern totschlagen, bevor sie mich unter hysterischem Singen von „Sun, fun and nothing to do“ im Sand verscharren.

Doch als ich vor mein Zimmer trete, ist die Luft so trocken wie ich seit achteinhalb Jahren: Am Firmament funkeln die Sterne. Kein Lüftlein bewegt die Palmenblätter. Kein Wassertropf benetzt das kleine Weglein vor mir. Im Schein der Laternen glitzern bloss ein paar Blätter feucht.

Watson kombiniert: Der vermeintliche Regen wurde von der Bewässerungsanlage erzeugt. Ich könnte mich also beruhigt wieder auf mein durchgeschwitztes Laken auf dem

Bett links

(zum Zeitpunkt der Aufnahme noch unbenutzt) legen.

Aber wenn ich jetzt schon einmal so gemütlich an diesem Tischli sitze und, begleitet vom Rauschen der Wellen und vom Zirpen der Gillen, so vor mich hin schreibe, muss ich sagen: Schlafen an diesem Ort ist eine noch grössere Zeitverschwendung als schlafen in der Schweiz (auch wenn es in meiner Heimt, wenn ich den Wetterbericht richtig interbretiere, gerade wenig Sinnvolleres gibt, als im Bett zu liegen und auf bessere Zeiten zu hoffen).

ich schaue mal, obs schon irgendwo einen Kaffee gibt. Hoffnung besteht: In der Poolbar brennt ein Licht.

Aha – wer sagts denn:

(Morgen live von der Insel: “Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”)