Articles with Steve Lukather

Fast ein Gemeinschaftswerk

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Sie ist noch warm wie ein Zebrafell unter der Sonne von Africa: „Live at Montreux“ – die vor acht Minuten erschienene Toto-CD, auf der auch ich zu hören bin. Für all jene, die mich schon singend „singend“ erlebt haben: Das Album lässt sich trotzdem von O wie „On the run“ bis I wie „I want to take you higher“ geniessen. Ich wurde nur euphorisch klatschend und dezent hustend verewigt (das Indoor-Kiffen war damals sozusagen beinahe ein bisschen erlaubt, wobei: Ich habe nicht inhaliert, und wenn doch, dann den Rauch der anderen).

Es war ein unfassbar fägiger Abend damals, am 5. Juli 1991, als Steve Lukather (Gitarren und Gesang) und David Paich (Keyboard) mit Mike (Bass) und Jeff Porcaro (Schlagzeug) in das damals noch fast lauschige Städtchen am Genfersee reisten,“where pure live music was performed on hallowed ground“, wie Paich sich auf der offiziellen Website der Band erinnert.

Toto waren damals gerade am Fertigstellen ihres Albums „Kingdom of desire“ und „we went out for the summer having fun and trying out the new materials. We were just happy to be out of the studio. We thought let’s go kick some ass“, sagte Lukather kürzlich in einem Interview.

Im Publikum: Ich (damals 26), mit wackelnden Ohren und wässrigen Augen, und ein Kollege, aber ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, wer mich damals ins Casino begleitet hatte. In jener Nacht spielte es keine Rolle, wer neben einem stand. Wichtig war nur, was auf der Bühne passierte.

Mit „Hold the line“ – das selbstverständlich ebenfalls gespielt wurde; es war die erste von zwei Zugaben – fehlt auf dem neusten Werk einer der Überhits. Doch wäre er mit draufgewesen, hätte die Scheibe auf den ersten Blick wie ein weiteres Konzertalbum von Toto gewirkt, und davon gibts mit „Absolutely live“, Livefields“, „Live in Amsterdam“, „Falling in between live“, und „Live in Poland“ inzwischen ja bald mehr als genug schon einige.

Wers dennoch auch in der Montreux-Version hören möchte: Voilà.

Ein Jahr nach diesem triumphalen Auftritt erlitt Jeff Porcaro beim Arbeiten im Garten einen tödlichen Herzinfarkt.

„Live at Montreux“ ist  nicht nur ein wunderschönes (und perfekt abgemischtes) rockmusikalisches Zeitdokument. Sondern auch eine höchst lebendige Erinnerung an einen Drummer, der sein Genre geprägt hat wie nur wenige vor und nach ihm.

Das totole Musikvergnügen

Das totole Musikvergnügen

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Vier reguläre Konzert-Alben veröffentlichten Toto in 34 Jahren: „Absolutely live“, „Mindfields“, „Live in Amsterdam“ und „Falling in between live“. Dazu kamen mit „In Concert in Vina del Mar“ und „Toto & Friends“ zwei halboffizielle Dokumente ihres Bühnenschaffens.

Nun haben die mehrfachen Grammy-Gewinner aus Los Angeles mit „35th Anniversary – Live in Poland“ einen weiteren Auftritt für die Nachwelt konserviert. Da kann man sich – sofern „man“ nicht gerade der grösste Toto-Fan nördlich und südlich von Sydney ist – natürlich fragen: War das nötig?

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Die Antwort lautet (Überraschung!): Aber klar doch! Und wie nötig das war!

Und zwar nicht nur für Toto, die sich und ihren Jüngern und Ältern damit ein perfektes Geschenk zu ihrem Bandjubiläum machen. Die Scheibe ist auch ein tolles Lehrstück für all jene, welche – aufgewachsen mit Klängen aus dem Computer und ihrem Lokalradio „mit allne Hits us de 80er und 90er und em Nöischte vo hütt“ – glauben, Musik sei etwas, was automatisch passiere, per Mausklick und auf Knopfdruck; einfach so.

Sie merken spätestens nach „On the run“ und „Goin‘ home“, den ersten Songs auf „35th…“, dass Musik nur dann eine Kunst ist, wenn sie möglichst nichts Künstliches an sich hat. Wenn sie lebt und vibriert und tätscht und chlöpft und streichelt und schmeichelt. Wenn sie einen mit schweissnassen Händen packt und durchschüttelt und erst wieder loslässt, wenn sie verstummt (oder auch nicht; im besten Fall klingt sie auch in völliger Stille noch stundenlang nach).

20 Perlen aus drei Jahrzehnten präsentierten Joseph Williams (Gesang), Steve Lukather (Gitarre und Gesang)), David Paich (Piano und Gesang), Steve Porcaro (Keyboards), Nathan East (Bass) und Simon Phillips (Schlagzeug) an ihren Geburtstagsfeierlichkeiten, die sie im letzten Juni auch nach Zürich geführt hatten.

Und das Erstaunlichste daran ist: Keines dieser Schmuckstücke überstrahlt das andere. Die ganz grossen Hits wie „Africa“, „Rosanna“ oder „Hold the Line“ durften an der Party zwar naturgemäss nicht fehlen. Im Gegensatz zu früheren Konzerten, an denen sie oft wie Leuchtbojen in einem durch endlose Soli aufgewühlten Ozean bei Nacht wirkten, sind sie jetzt jedoch Teile eines stimmig wirkenden grossen Ganzen. „Kleinere“ Nummern wie „Pamela“, „Home of the Brave“, „White Sister“, „99“, „Better World“ oder „Stop lovin‘ you“ schwimmen gleichberechtigt neben den drei Giganten, statt von ihnen unter Wasser gedrückt zu werden.

Das freut nicht nur die über den ganzen Globus verstreute Fangemeinde. Sondern auch Angehörige der schreibenden Zunft, die Toto bisher bloss mit spitzen Fingern anfassten oder gleich in die Schublade mit der Aufschrift „Überperfektioniert und glattpoliert“ legten, weil sie mit den Zahlen, die Toto im Laufe ihrer Karriere aufeinandergetürmt haben, nichts anfangen können: An rund 5000 Alben – darunter „Thriller“ von Michael Jackson, der meistverkauften Platte aller Zeiten – waren Toto-Mitglieder als Studiomusiker beteiligt. Dafür wurden sie für über 200 Grammies nominiert. Weltweit haben die Kalifornier 35 Millionen Alben verkauft.

Wer mag, soll mit Blick auf dieses Palmarès nun von „Fliessbandarbeit“ sprechen. Oder vor diesen Leistungen den Hut ziehen und für immer schweigen.

Was „35th Anniversary…“ betrifft, sind sich die Kritiker – zum ersten Mal seit dem Über-Werk „IV“ – mehrheitlich einig: Hier liegt sowohl als CD als auch als Blue-ray und DVD ein Meisterwerk vor:

„Die Band strotzt nur so vor Energie, Spielkultur, Leichtigkeit, Homogenität und Vitalität und liefert ein in allen Belangen 1A-Konzert ab, das vor allem auch Wärme, Spass und Freude vermittelt.“

(Rockszene.de)

„A tour de force, amazing music.“

(Getreadytorock.me.uk)

„…eine Gruppe, die an Groove, Zusammenspiel und Perfektion kaum zu toppen ist, aber dabei so viel emotionale Tiefe vermittelt wie selten zuvor.“

(Rocks)

„Technisch auf höchstem Niveau rocken, smoothen und poppen sich die Jungs durch ein umfangreiches Set, das alle Hits enthält, lassen aber nie die Leidenschaft in ihrem Bühnenacting vermissen.“

(Rock’n’Roll-Reporter.de)

„Playing to a massive, standing-room-only crowd in Lodz, Poland, a lineup featuring Steve Lukather, Steve Porcaro, David Paich, and Joseph Williams take to the stage to deliver a stellar performance for their ecstatic fans.“

(allmusic.com)

„Musikalisch betrachtet gibt es nichts zu meckern. Das darf nicht verwundern angesichts der Tatsache, dass die Musiker in der ‚Musician’s Hall of Fame‘ vertreten sind. Ein Steve Lukather wird seinem Ruf als einer der besten Gitarristen gerecht, stellt sich aber immer songdienlich in den Dienst der Band. Das Tasten-Duo besticht durch Spielfreude und spielt sich die Sound-Bälle nahezu blind zu. Die Rhythmus-Fraktion mit den beiden Routiniers Phillips und East sorgt für einen Groove, der seinesgleichen sucht.“

(Hooked-on-music.de)

„Die Herren wissen längst, wie sie ihr Publikum von der ersten Sekunde in den Bann ziehen. Musikalisch ist Toto sowieso über jeden Zweifel erhaben. Das ist Mainstream-Rock auf höchsten technischem Niveau.“

(Rock-Jazz-Pop.com)

„This is a band at ease with itself, enjoying the music, playing for the love of one another and the legacy they’ve created together.“

(Somethingelsereviews.com)

Im Wechselbad der Fingerspitzengefühle

Im Wechselbad der Fingerspitzengefühle

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Eben war er noch mit Ringo Starrs All-Star-Band in Australien und Japan unterwegs. Kaum von der Südhalbkugel und aus dem Fernen Osten zurück, tourt Steve Lukather mit einer ganz anderen Truppe durch Europa.

Auf dieser Reise legte er – die neue CD „Transition“ im Gespäck – gestern Abend einen Zwischenhalt in der Konzertfabrik Z7 in Pratteln ein. Zwei Stunden lang verblüffte der Sänger und Gitarrist sein Publikum mit unzähligen Tricks und Gimmicks aus seinem scheinbar bodenlosen Sechssaiten-Zauberkasten.

Aus dem eingängigen Repertoire seiner Stammband Toto gab er, kurz vor Schluss, mit „Never enough“ erwartungsgemäss nur ein Stück zum Besten. Den grössten Teil des Gigs bestritten er und Steve Weingart (Keyboards und Gesang), Renee Jones (Bass und Gesang) sowie Eric Valentine (Drums) mit virtuos vorgetragenen Songs Epen aus seinen vergleichsweise sperrigen Solowerken „Luke“, „Candyman“, „Ever changing times“, „All’s well that ends well“ und „Transition“. Bluesig-Rockiges wechselte sich ab mit funkig-Jazzigem, Heiteres mit Melancholischem und Klobiges mit Filigranem.

Zwischendurch unterhielt der nicht nur musikalisch glänzend aufgelegte 55jährige die Zuhörerschar mit Anekdoten aus seinem Leben; die Verlobung seiner Tochter war ebenso ein Thema wie Facebook oder die Tatsache, dass einer seiner emgsten Weggefährten, der 1992 aus dem Leben geschiedene Drummer Jeff Porcaro, gestern seinen 58. Geburtstag hätte feiern können.

Seinem „Brother“, wie Lukather den Verstorbenen nennt, widmete er, wie bei jedem seiner Solo-Auftritte, den „Song for Jeff“.

Für andere Musiker würde so ein Lied den Gipfel ihres Schaffens darstellen. Im Fall von Steve Lukather war es nur eines von vielen Puzzleteilchen, die – auf magische Weise in- und aneinander gefügt – einen unvergesslichen Abend mit einem einzigartigen Künstler ergaben.

Lucky Luke

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Steve Lukather ist zurück. Der Toto-Mitgründer und mehrfache Grammy-Gewinner hat den Kampf gegen die grosse Lebenskrise, die ihn in den letzten Jahren geschüttelt hat (und die ihren musikalischen Niederschlag im durch und durch depressiven Album „All’s well that ends well“ fand) gewonnen.

Die Zeiten, in denen er – vom Erfolg längst im Übermass verwöhnt – mit etwas Hochprozentigem in der einen und etwas zum Rauchen in der anderen Hand auf dem American Way of Superstarlife dem Geld hinterherraste, sind vorbei.

Auf seiner jüngsten CD „Transition“ („Wandel“) zeigt sich Lukather, der mit allen zusammengespielt hat, die Rang und Namen haben, von einer ganz anderen Seite: Einer rundum entspannten und optimistischen.

Man gebe einem Fünfsternekoch einen Blankocheck, um in einem Delikatessenladen zu kaufen, was er will, und lasse ihm auch beim Einrichten der Küche freie Hand – was am Ende auf den Tisch kommt, schmeckt genauso, wie sich „Transition“ anhört: Die Zutaten sind harmonisch wunderschön verbunden und technisch perfekt aufeinander abgestimmt,

Musik zu machen, ist für „Luke“, wie ihn seine Fans nennen, offensichtlich nicht mehr ein „Chrampf“, sondern wieder reines Vergnügen. Der Meister selber sagt im ersten Teil eines sehr lesenswerten Gesprächs mit Tony Conley vom Blog „Rockguitardaily“, er habe vorübergehend aus verschiedenen Gründen „den Weg aus den Augen verloren“. Inzwischen sitze er mit neuer Lebensfreude, voller Ideen und fast platzend vor Energie „im Sattel“ (der zweite Teil des Interviews, in dem es auch um die Vergangenheit und Zukunft seiner Hausband geht, kann hier nachgelesen werden).

Das wird nicht nur der Beatles-Drummer Ringo Starr gerne hören, mit dessen

Allstar-Truppe

Lukather gegenwärtig unterwegs ist; das freut auch alle Toto-Fans rund um den Globus, die die im Sommer steigenden Parties zum 35. Geburtstag der Band schon im Januar kaum erwarten können.

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„Transition“ klingt, als ob der Gitarren-Rock erst neulich erfunden worden wäre und als ob Steve Lukather nun ausprobieren würde, was sich in dieser Sparte alles anstellen lässt. Munter mixt er melodiösen Pop mit quirligem Funk und dreckigen Blues mit zuckersüssem Progrock und kreiert aus diesen Extrakten ein Menü, das jedem schmeckt, der beim Stichwort „Lukather“ nicht nur an „Rosanna“ und „Africa“ denkt.

“As we were writing the songs, I was thinking about everything I’ve seen — all the people I’ve lost in my life, the great and the difficult experiences I’ve had, and how ultimately it was time to get it together and embrace things for what they are, because we’ve only got one life to live and we’ve got to make the most of it“, sagt der Künstler über sein Album.

Doch im Grunde ist seine Erklärung überflüssig: Auf „Transition“ ist auch so hör- und spürbar, dass auf dieser CD jemand das Beste von vielem vereinte, was er je erlebt, gesehen und gelernt hat.

Trauriger Meister

Trauriger Meister

Eigentlich ist heute ein grosser Freudentag: Steve Lukather’s neue Solo-CD „All’s well that ends well“ ist nach Monaten des Draufwartens endlich erhältlich. Um 1.50 Uhr habe ich sie runtergeladen. Jetzt, um 2.35, nach dem ersten Durchhören, musskanndarf ich in aller Unvoreingenommenheit sagen: dem Gründer, Gitarristen und Sänger von Toto ist – einmal mehr – ein Meisterwerk gelungen.

Doch ungetrübt ist der Spass nicht. Denn wer sich anhört, was der Musiker in den neun neuen Songs erzählt, merkt auch ohne abgeschlossenes Psychologiestudium: hier singt sich jemand eine mittelprächtige Lebenskrise von der Seele.  Schon zum Einstieg beschreibt Lukather die „Darkness in my world“. Später geht es um ein nicht mehr zu kittendes „Hole in my soul“, darum, dass er nicht zurückschauen kann und dass ihm jemand please nicht sagen soll, „that it’s over“.  

Wer damit gemeint ist, ist klar: der Künstler und seine Ehefrau haben sich neulich nach zig gemeinsamen Jahren getrennt. Und irgendwie scheint da noch einiges mehr dafür gesorgt zu haben, dass Lukathers heile Welt drüben, in Los Angeles, aus den Fugen geraten ist: die unheilbare Krankheit seines Toto-Kumpels Mike Porcaro? Die Frage, wofür es sich eigentlich lohnt, monatelang weit weg von daheim durch die Weltgeschichte zu touren, wenn man sowieso längst mehr hat, als sich viele andere Menschen nicht einmal zu wünschen wagen? Niemand weiss es.

In sämtlichen Liedern auf „All’s well that ends well“ schwingt ein  pessimistisch-trauriger Unterton mit, der so gar nicht zu dem – offensichtlich nur scheinbar – aufgestellten Steve Lukather passt, den man im letzten Sommer auf der Piazza Grande ihn Locarno gesehen und gehört hat.

„Can’t look back“ ist ein schönes(?) Beispiel für die allgemeine Tristesse:

Musikalisch gibts an Lukathers jüngstem Wurf aber – wie erhofft und erwartet – nichts auszusetzen. Nur, eben: Wer scheinbar locker aus dem Handgelenk geschüttelte Melodiewunder aus Toto-Zeiten erwartet, wird die Scheibe womöglich ernüchtert zurück ins Regal stellen. Steve Lukather setzt seinen Freunden im Herbst 2010 ziemlich schwere Kost vor.