Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

“Uns”: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. “Das käme ganz darauf an”, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.

After midnight

Der Anruf aus der Schweiz kam eher unerwartet: Ob sie störe oder ob ich ein Minütli Zeit hätte, fragte die Frau, worauf ich sagte, bei uns in Kalifornien sei es zwei Stunden nach Mitternacht und ich hätte geschlafen, von daher…, worauf sie sagte, das tue ihr jetzt aber schön leid, das habe sie nicht gewusst, worauf ich sagte, das habe sie ja nicht wissen können, und meinerseits fragte, worum es denn gehe, worauf sie sagte, um den Oberstadtleist, worauf ich beinahe gesagt hätte, der Oberstadtleist heisse nun schon seit einem geraumen Weilchen nicht mehr Oberstadtleist, sondern Altstadtleist, weil er sich nicht mehr nur um die Oberstadt, sondern auch um das Kornhausquartier kümmere, aber irgendwie schien mir, das spiele in diesem Moment keine so grosse Rolle, weshalb ich nur sagte, sie solle es doch später noch einmal probieren, worauf sie fragte, wann es mir denn am besten passen würde, worauf ich sagte, einfach später; die Schweiz sei Kalifornien um 9 Stunden voraus oder umgekehrt, worauf sie sagte, demfall melde sie sich später wieder, worauf ich sagte, das sei in Ordnung, worauf wir das Gespräch beendeten und ich tätschwach im Bett sass.

Also liess ich einen Kaffee in den Kartonbecher tröpfeln und ging nach draussen, vor unser Motel, um meinen Nikotinhaushalt zu regulieren, und nachdem das erledigt ist, höckle ich jetzt, mit dem Laptop auf dem Schoss, vor unserem Zimmer, und stelle mir vor, was für Leute gegenüber leben, was sie hierhergebracht hat und wohin sie morgen wohl weiterreisen werden, und höre gleichzeitig, wie die Eiswürfelmaschine nebenan alle zehn Sekunden oder so einen Eiswürfel ins Eiswürfelfach fallen lässt, und natürlich weiss ich, dass es momentan noch Sinnvolleres zu tun gäbe, als über wildfremde Menschen nachzudenken und Apparaten zu lauschen, aber etwas Sinnvolleres kommt mir gerade beim besten Willen nicht in den Sinn, und deshalb bleibe ich einfach hier sitzen und warte, bis die Sonne aufgeht und wir in Richtung San Diego losfahren.

“Ha eifach öpper welle frage”

“Grüessech. Hie isch (es folgt der Name einer hörbar älteren Dame). Chöit ihr mir säge, wie dä Tierarzt heisst, wo gschtorbe isch?”

“Leider nid, nei. Sind Sie sicher, dass Sie richtig verbunde sind?”

“Wär isch am Telifon?”

“Hofstetter.”

“Ah. Guet.”

“I weiss aber nid, öbi de Richtig bi für Sie. I ha kei Ahnig, wär gschtorbe isch.”

“Macht nüt. I ha eifach öpper welle frage. Dankeschön.”

Grosseinsatz für kleinen Gast


(
Bild: Schatz)

Seit wann sie schon bei uns hauste, wissen wir nicht. Vielleicht hatte sie sich schon im letzten Herbst in einer versteckten Ecke unserer Wohnung einquartiert, um ihren Winterschlaf zu halten, und ist nun, warum auch immer, vorzeitig erwacht.

Jedenfalls sauste die kleine Fledermaus gestern Morgen auf einmal kreuz und quer und völlig geräuschlos durch unsere Zimmer. Ich öffnete kurz das Fenster, um die ihr die Gelegenheit zu geben, nach draussen zu flüchten, aber der Winzling machte (Kunststück, bei der Kälte!) keinerlei Anstalten, sein fussbodenbeheiztes Daheim zu verlassen.

Als unser Gast am Abend immer noch da war – er hing inzwischen kopfüber an der Decke und ich war mir sicher, ihn friedlich vor sich hinschnärcheln zu hören – begannen mein Schatz und ich, uns Sorgen um sein Wohlergehen zu machen.

Irgendwann, dachten wir, muss so ein Geschöpf ja auch etwas essen, und weil nicht anzunehmen war, dass Tess ihr Futter mit unserer Besucherin teilen würde, wählte ich auf Anraten einer microchiropteraaffinen Freundin kurzentschlossen die Nummer der rund um die Uhr besetzten Hotline von Fledermausschutz Schweiz.

Die diensthabende Expertin riet uns, das Tier süüferli herunterzunehmen, in eine mit weichem Papier ausgelegte Schachtel zu legen und es so schnell wie möglich in die Wildstation Landshut in Utzenstorf zu bringen.

Das war leichter gesagt als getan. Weil die Fledermaus sich mit ihren Krällchen fest in einer Spalte verhakt hatte, bedurfte es dreier Personen, um die Mission erfolgreich zu Ende zu bringen: Unsere Nachbarin Nicole chnübelte das Tier, auf dem Sofa balancierend, aus dem Holz, Chantal hielt sie von unten fest, und ich stand daneben mit der Kartontrucke bereit.

Schliesslich hatten wir die Fledermaus unversehrt in der Schachtel verstaut. Um sicherzugehen, dass das Tier nicht entwischt – es streckte bereits ein Füsschen durch eines der Luftlöcher  – betteten wir es in einen Behälter um, in dem Nicole normalerweise ihre nicht fliegenden Mäuse transportiert. Dann suchten wir für Vladi, wie wir unseren Findling nannten, ein kühles, dunkles Plätzchen zum Übernachten.

Heute Morgen fahren wir mit ihm nach Utzenstorf, um ihn professionellen Pflegern zu übergeben.

Wer weiss: Vielleicht sehen wir ihn schon in einem halben Jahr wieder, wenn er mit seinen Kumpels um unser Haus kreist.

“Ist teurer jetzt, Krankekasse”

nerven

Auf dem Display leuchtet eine 032er-Ziffer auf, doch im Grossraum Solothurn gibt es niemanden, der mich schon um diese Zeit anrufen würde.

Deshalb ahne ich: Da hat wieder einmal ein Nummernwählautomat meine Nummer gewählt, und falls ich darauf reagiere, wird in irgendeinem Callcenter irgendjemand huschhusch sein Headset aufsetzen und mir mitteilen, dass er für das Institut Sowieso eine Meinungsumfrage zum Thema “Krankenkassenprämien” durchführe und so weiter und so fort, nur: um meine Meinung geht es ihm nicht im Geringsten. Alles, was er will, ist mein Geld.

Aber weil ich gerade nichts Dümmeres zu tun habe, mache ich dem Hotlinesklaven, der möglicherweise schon die ganze Nacht lang eine Abfuhr nach der anderen kassiert hat und der amänd ernsthaft befürchten muss, seinen Job (und infolgedessen auch seine Wohnung samt Familie) zu verlieren, wenn gegen Ende der Schicht nicht doch noch ein Trottel anbeisst, jetzt einmal ein Freudeli und lasse mich auf ein Gespräch mit ihm ein.

“Hofstetter.”

“Hallo?”

“Hofstetter.”

“Hallo. Gute Tag. Spreche mit Herr Hofstetter?”

“Ja.”

“Gut. Ich rufe an für Meinungsumfrage. Mache Meinungsumfrage.”

“Aha.”

“Meine Kollegin Frau (Name unverständlich) hat Ihne geschriebe…”

“…nein, hat sie nicht.”

“Es geht um Krankekasse. Sie wisse sicher, dass die Prämie…”

“…ja…”

“…meine Kollegin Frau (Name immer noch unverständlich)…”

“…nein, hat sie nicht…”

“…darf ich frage, wieviel Sie bezahle Krankekasseprämie?”

“Fragen darf man immer.”

“Danke. Wieviel bezahle?”

“Das geht Sie nichts an.”

“Habe nicht verstande. Wieviel bezahle?”

“Genau richtig viel.”

“Bitte?”

“Genau richtig viel.”

“Viel?”

“Nein. Genau richtig. 1600 Franken pro Monat. Plus Frau, Schildkröten und Hund.”

“Sie habe gehört, dass Prämie gestiege…”

“…ja, das weiss ich.”

“Und? Finde Sie gut?”

“Natürlich. Im Moment finde ich eigentlich alles gut, aber ich weiss auch nicht, warum. Ist einfach so.”

“Ist teurer jetzt, Krankekasse. Werde teurer. Viel teurer. Wir mache Umfrage.”

“Das habe ich verstanden. Ihre Kollegin hat mir deswegen ja schon nicht geschrieben.”

“Bitte?”

“Nichts.”

“Ich rufe an wegen Krankekasse. Prämien werde teurer. Anfang Jahr.”

“Wirklich? Das höre ich jetzt zum ersten Mal.”

“Was sage Sie?”

“Ich finde das gut. Das habe ich schon Ihrer Kollegin gesagt.”

“Bitte?”

“Egal.”

“Gut?”

“Was, gut?”

“Krankekasse. Prämien koste teurer.”

“Super. Dann verdiene ich mehr Geld.”

“Warum?”

“Ich arbeite bei einer Krankenkasse.”

“Oh.”

“Ja. Und zwar bei der Krankenkasse, die am meisten aufschlägt von allen.”

“Oh. Das ist…das habe ich…”

“…schön, nicht?”

“Sind Sie interessiert…”

“Ich glaube nicht, nein.”

Die Hoffnung stirbt zuletzt

telefon

Die Teilnehmer des “Perfekten Dinners” kämpfen sich, obwohl bereits pappsatt, gerade durch ein üppiges Dessert mit Mangoscheiben und Himbeersaft, als mir mein Telefon signalisiert, dass ein anonymer Anrufer mich zu sprechen geruhe.

Seit Tagen schon alleine zuhause und dem kommunikativen Austrocknen deshalb beängstigend nahe, beschliesse ich entgegen meinen Gewohnheiten und trotz der unterdrückten Nummer, das Gespräch anzunehmen. Kaum habe ich meinen Namen gesagt, begehrt ein Herr deutscher Zunge zu wissen, ob ich mir im Klaren darüber sei, dass ich bei meinen Krankenkassenprämien mehrere! hundert!! Franken!!! pro Jahr!!!! sparen könne, wenn ich ihm kurz zuhören würde; er habe mir diesbezüglich wirklich Wichtiges mitzuteilen.

Weil ich aus nichts heraus eine fast kindische Lust darauf verspüre, mal wieder jemanden ein bisschen zu plagen, sage ich zu dem Herrn, das sei jetzt aber ein Zufall; vor wenigen Tagen erst hätte ich mir überlegt, ob es krankenkassenmässig nicht amänd noch günstigere Varianten gebe, sei aber noch nicht dazugekommen, Offerten einzuholen, und, klar, sehr interessiert daran, zu hören, was er zu bieten habe.

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Hörbar erfreut darüber, vermutlich zum ersten Mal heute seit Wochen mit jemandem länger als zwei Sekunden reden zu können, fragt mich der Mann als Erstes, ob es mir wohl möglich sei, ebenfalls Hochdeutsch zu sprechen, worauf ich auf Mundart erwidere, das könnte ich vielleicht schon, aber wenn er in der Schweiz einen Schweizer anrufe, müsse er halt schon damit rechnen, dass der Angerufene Schweizerdeutsch rede, was der Krankenkassenprämiendrücker mit einem, wie mir scheint, etwas gekünstelt wirkenden Lachen quittiert.

In der Folge nenne ich ihm bereitwillig meine wichtigsten Eckdaten – “32. Technischer Zeichner. Geschieden. Zwei Kinder. Nein, bei der Mutter.” – damit er sich, wie er sagte, “ein Bild von Ihrer Situation” machen kann.

Nachdem das geklärt ist, beginnt er, all die Vorteile aufzuzählen, von denen ich bei einem Wechsel zu einem seiner Superdupersparmodelle profitieren könnte. Ich nutze die Gelegenheit, um mich endlich um mein Nachtessen zu kümmern. Das iPhone auf laut gestellt, wärme ich eine Gemüsesuppe auf, pfupfe ich Mineral ins Wasser und räume ich die Abwaschmaschine aus. An strategisch wichtigen Stellen werfe ich ein “Oh!” ein oder ein “Aha…” oder ein “Phuu” oder ein “Ehrlich?” oder auch nur ein “Hm”.

Von soviel Aufmerksamkeit ermutigt, plappert er weiter, wobei ich mir vorstelle, wie er vom Bildschirm in seinem Callcenterbürocontainer ein Argument nach dem anderen abliest, ohne auch nur den Schatten eines Hauches einer Ahnung davon zu haben, worum es eigentlich geht. Morgen wird er Lose der Süddeutschen Klassenlotterie verkaufen und übermorgen Gesundheizdecken, aber heute hängt seine Zukunft an diesen Kassenprämien, und wenn er etwas genau weiss, dann das: Falls er am Ende seiner Zehnstundenschicht auch nur einen Vertrag – und zwar diesen hier – abgeschlossen hat, kann er sämtliche kommentarlos beendeten Gespräche, Verwünschungen und Demütigungen, die sich im Laufe des Tages zusammengeläppert hatten, vergessen.

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Strahlend würde er zuhause seine Frau in den Arm nehmen und sagen: “Schatz, ich habs ja immer gesagt: Es kommt gut!” Dann macht das Paar es sich auf dem noch nicht restlos abbezahlten Ikeasofa bequem. Vor dem mit einem Kleinkredit finanzierten Grossfernseher geniessen die beiden den Abend in der Gewissheit, dem Häuschen am Waldrand ein Schrittchen näher gekommen zu sein. Irgendwann sinken sie müde, aber voller Zuversicht in das von seinem Schwiegervater vorfinanzierte Conforamabett.

Sein letzter Gedanke vor dem Einschlafen gilt seinen zig Landsleuten, die sich neulich bitterlich darüber beklagt hatten, in der Schweiz nicht mit Pauken und Trompeten und einem roten Teppich willkommengeheissen worden zu sein, und die deshalb in Heerscharen wieder zurück nach Deutschland zügeln.

“Die haben ja keine Ahnung, wie man mit diesen Schweizern umgehen muss”, denkt er. “Wenn man weiss, wie man sie nehmen muss, fressen die einem wie dieser Hofmeier oder wie der hiess aus der Hand.”

Aber soweit ist es noch nicht. Im Moment hat er diesen Hofmeier, oder wie er heisst, zwar an der Angel, aber noch kann er sich nicht ganz sicher sein, dass Hofmeier so fest angebissen hat, dass er sich nicht mehr vom Haken lösen kann. Deshalb macht der Krankenkassenprämiensenker weiter und weiter mit seinen Zahlen und Beispielen und Vergleichen und Statistiken und allem.

Das “Perfekte Dinner” ist längst zu Ende. Das Mangodessert kam bei den Gästen erwartungsgemäss nicht ganz so gut an, wie vom Gastgeber erhofft. Ich habe umgeschaltet auf einen gut abgehangenen “Tatort” aus Stuttgart, was irgendwie ganz gut zu dem passt, was ich nebenher erledige. Das iPhone liegt, immer noch auf laut gestellt, vor mir auf dem Tischchen. Der Mann am anderen Ende der Leitung textet mich immer noch zu, und ich sage weiterhin “Oh” und “Aha” und “So, so” und Ähnliches, wenn ich das Gefühl habe, es sei mal wieder an der Zeit, ein Lebenszeichen von mir zu geben.

In dem Moment, als Kommissar Bienzle seiner Hannelore ein Glas Orangensaft über die Schenkel schüttet, höre ich den Anrufer bestens gelaunt sagen, das sei jetzt alles für den Moment; ob er mir unverbindlich die Unterlagen schicken könne.

Nein, sage ich, und lege auf.

Pussys, Playaboy, Platten und Pöbler

Was machen die eigentlich? Wie klingen die? Was haben die zu bieten?

Das fragt sich, wer in den Medien mit langsam erlahmendem Interesse mitverfolgt, wie es den drei Damen von Pussy Riot im fernen Russland so ergeht.

Pussy Riot: Das ist eine Punkband, die es mit dem russischen Präsidenten Boris Putin offenbar fuckin’ pissin’ damned verscherzt hat, als sie in einer Kirche auftrat (wers genauer wissen will, kanns hier nachlesen. Aber Achtung! Die russischen Medien sind allesamt vom Staat ferngesteuert! Oder, wie der “Spiegel” analysiert: “Der Kreml geht” – im Gegensatz zu jeder anderen Regierung auf der Welt – “sehr berechnend vor”). Seit diesem Auftritt schmort das Trio im Gefängnis.

(So läuft das in Russland. In der Schweiz würde die Gruppe dazu verdonnert, während des Gurtenfestivals nonstopp an der Talstation des Gurtenbähnlis zu spielen, und zwar unplugged, und ohne jede Möglichkeit, sich sinnbetäubende Substanzen zuzuführen.)

Aber gut unterrichteten Quellen zufolge kommt eine der Damen bald frei. Ihre beiden Kolleginnen hingegen werden ins Arbeitslager deportiert.

Man möchte nicht unbedingt in der Zellenecke sitzen, wenn A sich von B und C verabschiedet:

A: “Du – für meine Solokarriere brauche ich noch eine Gitarre. Könnte ich vielleicht deine…”

B: “Spinnst du?”

A: “Ich meine: Du brauchst sie jetzt dann ja nicht mehr und…”

B: “Wer sagt das?”

A: “Ich.”

B: “Aha. Du sagst das. Ist ja hochinteressant!”

A: “Ist doch wahr. Was willst du mit der Gitarre in Sibirien?”

B (A nachäffend): “Was willst du mit der Gitarre in Sibirien?”

A: “Tu nicht so blöd. Denk doch mal an mich.”

B: “Hau ab!”

A: “Das mache ich ja. Hier ist der Brief, in dem steht…”

B: “Tusse, blöde!”

A: “Zicke!”

C: “Schlampe!”

A und B: “Misch dich nicht ein!!!”

Usw., usf.

Vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet, ist der Zwangssplit des Trios vermutlich ebenso verkraftbar, wie es auszuhalten wäre, wenn

Florian Silbereisen

lebenslänglich in einem Bergwerk entsorgt würde. Denn wer auf iTunes “Pussy Riot” eintippt, stellt ernüchtert fest: Zumindest hierzulande ist von dieser Band keine einzige CD erschienen. Die Suche ergibt sinngemäss folgendes Resultat:

Zum Vergleich – das passiert, wenn man bei iTunes “Halunke” eingibt:

Wobei: “Halunke” hinter Gittern? Viel abwegiger gehts nicht.

Zielführender ist eine Recherche auf youtube. Dort erscheint unter “Pussy Riot”, nebst vielen, vielen anderen bewegten Bildern, dieses Video:

Man schaut sich das ein-, zweimal an und denkt sich, auch wenns politisch vielleicht nicht ganz opportun ist: “Und dafür gehen Zigtausende auf die Strasse? Um das weiterhin hören zu können?”

“Hören”: Was für ein Stichwort!

Früher, als ich noch ledig war, wusste ich, wenn mitten in der Nacht das Telefon klingelte, nie: Ist das schon wieder ein obsöner obtzö opszö erotisch motivierter Anruf, oder will mir nur jemand seine sexuellen Fantasien ins Ohr chüschelen?

Inzwischen ist das ganz anders. Einerseits bin ich verheiratet und für derlei Unterhaltungen mit Wildfremdinnen folglich immun. Andrerseits gehts bei den Anrufen, die mich seit wenigen Wochen aus dem Schlaf reissen, sowieso weniger um mich, als vielmehr um den Typen, der mir

auf Gran Canaria

zugelaufen ist:

“Wie gehts dem Playaboy?”

“Hat sich der Playaboy im Emmental gut eingelebt?”

“Wann schreibt der Playaboy wieder mal etwas?”

“Gibts vom Playaboy auch Bilder?”

Ich mags nicht mehr hören.

Deshalb, in aller Kürze, die Antworten auf die frequently asked questions (F.A.Q.) zum Thema:

– Gut.

– Ja.

– Wenns ihm drum ist.

– Nein.

+Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++Breaking News+++

Wie Radio Argovia soeben meldet, gibts “die heissesten Rocksongs” aus dem Senderarchiv und der null Wünsche offenlassenden (bzw. alle Wünsche erfüllenden) Plattensammlung von meinem Brüetsch ab sofort als Live-Stream. Anklicken, inelose…und dann viel Glück beim Versuch, den Boulevard of bittersweet memories nicht bis zum Deckel der Strassenlampe mit heissen Tränen zu fluten.


(Höhöhö)

“Tränen?” – Genau: Mein Herbstgedicht ist nicht überall so gut angekommen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Im Spam-Mailfach fand ich ein halbes Dutzend Zuschriften, deren Verfasser sich recht…nunja…kritisch mit dem Werk auseinandersetzen.

Dem leicht ruppigen Tonfall, der etwas eigenwilligen Rechtschreibung und überhaupt allem nach zu schliessen, handelt es sich bei den Absendern um die (selbstredend anonym auftretenden) Mitglieder einer Jagdgesellschaft, deren Präsident das Internet seines Enkels nach Berichten über sein schönes Hobby durchstreifte und dabei auf, eben, die paar Reime stiess, in denen es auch ein bisschen um Jäger ging. Falls jemand keine Zeit oder Lust hat, die inkriminierte Passage zu suchen – das ist sie:

“Viele, viele Jäger lallen.
Dutzende von Schüssen knallen.
Gstabig kippt das Reh ins Gras,
“Schwein gehabt!”, freut sich der Has’.”

Schlimm, isn’t it?

Nach der Lektüre der Fanpost wäre ich um ein Haar in den nächstbesten Wald marschiert, um mich aus Versehen erschiessen zu lassen. Aber bevor ich aus dem Haus ging, entdeckte ich, dass mein Oeuvre ja auch Anklang gefunden hat: “Good one! I love it!!”, notierte ein Stammleser in den Kommentaren.

Dumm ist nur: Ich weiss nicht, wieso er das Gedicht so good fand.

Wars, weil es die Herbstimmung auf eine Art und Weise in Worte kleidete, nach der Rainer Maria Rilke lange hätte suchen können, ohne je fündig zu werden?

Oder hat Herr Haas die Reime nur gelobt, weil darin einer seiner Namensvetter vorkommt?

Niemand weiss es. Niemand braucht es zu wissen. In diesem Sinne:

“Hat ja doch keinen Zweck”

“Berner Zeitung, Hofstetter?”

“Ja. Grüessech. Hier ist XY aus Rüdtligen-Alchenflüh.”

“Grüessech.”

“Ich weiss nicht, ob ich bei Ihnen richtig bin. Und zwar ist es wegen der Fernsehrechnung.”

“Ja…”

“Also, ich habe wieder die Fernsehrechnung erhalten. Ich muss die vorher bezahlen, ich meine: Im Voraus. Das ist doch eine Schweinerei.”

“Äh…”

“Immer am Anfang vom Quartal. Im Voraus.”

“Ja. Gut. Sie sind hier bei der Berner Zeitung…”

“Das weiss ich.”

“Ich sage das nur, weil: Wir haben mit Ihrer Telefonrechnung nichts zu tun. Wieso melden Sie sich nicht…”

“…Sie drucken doch immer Leserbriefe ab in der BZ.”

“Ja.”

“Dann könnte man das doch drucken. Als Leserbrief.”

“Wenn Sie einen Leserbrief schreiben möchten: Kein Problem.”

“Nein, nicht ich. Sie schreiben doch, von der BZ.”

“Schon, aber keine Leserbriefe. Die werden von den Lesern geschrieben. Wir drucken sie nur.”

“Sie persönlich: Wie finden Sie das?”

“Was meinen Sie jetzt…”

“…das mit der Fernsehrechnung.”

“Ich bezahle Sie einfach und fertig.”

“Vorher?”

“Das weiss ich nicht.”

“Bekommen Sie Ihren Lohn, bevor Sie gearbeitet haben, oder nachher?”

“Nachher, soviel ich weiss. Das ist vermutlich wie mit der Miete. Jetzt bin ich zwar gar nicht mehr sicher, ob man die vorher oder nachher…”

“…sehen Sie. Aber die Fernsehrechnung muss man vorher bezahlen.”

“Das ist halt einfach so. Aber, wie gesagt: Wenn Sie reklamieren willen, tun sie das vielleicht besser direkt bei der Billag. Die macht das Fernsehinkasso für den Bund. Ich kann Ihnen die Nummer geben.”

“Brauche ich nicht. Die machen sowieso nur, was der Bundesrat sagt.”

“Kann sein. Anrufen können Sie ja trotzdem einmal. Ich bin ziemlich sicher, dass Ihnen die Leute von der Billag besser helfen können als ich.”

“Sie müssen mir gar nicht helfen.”

“Ah. Gut.”

“Ich wollte das nur einmal sagen, wegen der Rechnung.”

“Gut. Dann hat sich der Fall sozusagen erledigt?”

“Ja, ja. Hat ja doch keinen Zweck. Schönen Tag noch.”

“Ihnen auch.”