Gedanken eines Millionärs

Jetzt ist es passiert: Letzte Nacht besuchte der einmillionste Gast diesen Blog. Um wen es sich handelte, weiss ich nicht. Ich habe keine Ahnung, was er oder sie sich anschaute, ob ihm oder ihr gefiel, was er oder sie in meinem virtuellen Stübchen sah, wie lange er oder sie blieb und ob er oder sie gedenkt, irgendwann wiederzukommen.

(Dieses „er oder sie“ ist zum Schreiben ebenso mühselig wie zum Lesen. „Er“ muss deshalb genügen.)

Andrerseits: Nach plusminus acht Jahren kenne ich die Menschen, welche sich mehr oder weniger regelmässig auf dieser Plattform tummeln, recht gut.

Bei den meisten Lesern handelt es sich laut einer Studie – die ich leider gerade nicht zur Hand habe – um hochgradig intelligente, bis zum Exzess reflektierende, zuckerbergmässig gutverdienende und sozial gottähnlich kompetente Zeitgenossen.

Sie sind politisch interessierter als alle fünf Bundesräte zusammen, schweben leichtfüssig auch über das stotzigste kulturelle Parkett und wissen in wirtschaftlicher Hinsicht ebensogut Bescheid wie Daniel Bumann.

Durchschnittlich liest jeder Gast 3,8 der momentan 1267 verfügbaren Beiträge (das sagt zumindest der Typ, der im Maschinenraum die Statistiken nachführt. Ich stelle ihn mir gerne als gmögigen Frischpensionierten vor, der in einem verwaschenen T-Shirt von der Rolling Stones-Tour 1972 mit einem zerfledderten Block in der Hand auf einem Schemeli höcklet und durch eine Zahnlücke eine Gitanes nach der anderen pafft).

Die meisten Leser schlendern durch mein internettes Daheim, ohne, dass ich sie bemerke. Sie kommen so lautlos, wie sie gehen. Gelegentlich hinterlässt jemand im Gästebuch auf dem Kommödli einen freundlichen Gruss. Oder stürmt unter Absingen wüster Lieder türschletzend hinaus.

Hin und wieder bringt mir der Altrocker ein Blatt Papier. Darauf steht, welche Beiträge am häufigsten angeklickt wurden. Nonsense-Texte wie der hier oder der hier oder der hier führen die Hitliste jedesmal an.

Sobald es chli ernster wird und es, zum Beispiel, ums Sterben geht oder um strafrechtliche Themen, stürzen die Einschaltquoten ins Bodenlose.

Den absoluten Rekord für einen einzelnen Beitrag hält mit über 12 000 Betrachtern der Report über mein trostloses Strohwitwerdasein. Die aufs Kunstvollste ausformulierten Anmerkungen zur Newsletterittis hätte ich mir hingegen sparen können. Keine 100 Leute mochten sich dafür erwärmen.

Als meistbeachtete Serie würde, wenn es dafür eine Auszeichnung gäbe, das nicht endenwollende Glier über die Abenteuer des Playaboy auf Gran Canaria prämiert.

Die grössten Fanpoststapel generierten die Notizen über ein Roxette-Konzert und den Auftritt einer Berner Mundart-Rockerin in den Alpen.

Manchmal (“manchmal” im Sinne von: alle paar Schaltjahre, wenns hochkommt), will jemand von mir wissen: Wieso bloggst du? Was bringt dir oder sonst öpperem dieses Buchstabengebrünzel? Bist du dir gaaanz sicher, dass es irgendjemanden wundernimmt, was dir tagein und nachtaus so durch den Kopf geht?

Je nach Stimmung blicke ich dann kurz von der Tastatur hoch oder auch nicht und murmle: “Hm”.

Auf die Idee, mir darüber Gedanken zu machen, bin ich noch nie gekommen. Das hat sowieso längst der von mir hochgeschätzte Medienjournalist Stefan Niggemeier – er betrieb ebenfalls jahrelang einen bisweilen sehr persönlich gefärbten Blog – erledigt. Er schrieb:

“Für mich ist es (das Bloggen) eine Sucht. Ein unstillbarer Hunger nach Aufmerksamkeit. Oder, um es positiver und weniger egozentrisch zu sagen: nach Kommunikation.

Das trifft natürlich nicht auf alle Blogger zu, so wie ungefähr nichts auf alle Blogger zutrifft. Ausserdem gehört zum Selbstverständnis vieler Blogger das Postulat, nicht für die Leser zu schreiben, sondern für sich selbst. Wer scheinbar auf möglichst grosse Quote bloggt, gilt als zutiefst verdächtig. Das machen die Massenmedien ja schon zur Genüge: alles der Pflicht unterordnen, möglichst viele Menschen zu erreichen.

Aber gerade wenn einer nicht für ein Publikum schreibt, sondern für sich selbst, aber nicht in eine Kladde, sondern ins Internet, ist es umso beglückender, wenn plötzlich ein Leser vorbeikommt, dem das gefällt. Der begeistert ist, einen Geistesverwandten zu finden. Oder interessiert genug, seinen Widerspruch zu hinterlassen.

(…)

Das zutiefst befriedigende am Bloggen ist (…) die Kommunikation an sich. Der eine Kommentar von jemandem, der genau verstanden hat, was ich sagen wollte, und meine Sätze durch eine Pointe krönt. Der Fremde, der zum Stammgast wird, zum Dauer-Kommentierer, zum Freund. Auch der Gegner, an dem ich mich immer wieder reiben kann.”

Das trifft es, finde ich, nicht schlecht.

In diesem Sinne: Danke für Eure Besuche, liebe Freunde und Fremde.

Walk of Shame statt Walk of Fame

2547 Sterne sind aktuell im Walk of Fame in Los Angeles eingelassen. Von A wie Abba bis Z wie ZZ Top – wer in der Unterhaltungsindustrie je eine grössere Rolle gespielt hat oder nach wie vor spielt, wird von der Handelskammer von Hollywood seit 1957 mit einem gravierten Symbol geehrt (wobei: Abba fehlen auf dem kilometerlangen Trottoir ebenso wie ZZ Top und Toto und Bob Dylan und die Beatles oder die Rolling Stones; dafür sind mit Julio Iglesias, Andrea Bocelli, Heidi Klum und Siegfried und Roy Zeitgenossen vertreten, die im Gruselkabinett der Geschichte sicher besser aufgehoben wären, aber wenn dieser Abschnitt mit “Von A wie Bud Abbott bis Z wie Adolph Zukor” begonnen hätte, wären 998 von 1000 Lesern, ob ihres Nichtwissens aufs Peinlichste berührt, in ihre Bibliotheken gehastet, um die Bildungslücken in Sachen “Abbott” und “Zukor” huschhusch zu stopfen, und wenn sie, vor dem lodernden Kaminfeuer fast platzend vor Wohlbehagen auf ihre mit Bisonleder bezogenen Louis XXX-Sofas gefläzt, gerade so schön dabeigewesen wären, sich intellektuell mal wieder so richtig nordkoreamässig hochzurüsten, hätten sie auch noch dieses nachgeschaut und nach jenem geblättert und irgendwann beschlossen, lieber gleich liegenzubleiben, statt starren Ganges in mein virtuelles Stübchen hier zurückzukehren).

Jedenfalls: Gestern bummelten wir den Walk of Fame ab. Anfänglich taten wir das mit der gebotenen Ehrfurcht, doch diese wich bald einer routinierten Nonchalance. Bryan Adams, Aretha Franklin, Greta Garbo, Chuck Berry, Michael Jackson oder die Simpsons: Letztlich sind das alles nur Namen oder vielmehr: Öltropfen für eine endlos ratternde gigantische Geldmaschine, und wenn man diesen Standpunkt erst einmal entdeckt hat, hört man auf, unentwegt auf den Boden zu starren und fragt sich stattdessen lieber, wie wohl die drei Showgirls aussehen mögen, die das “Déja vu” auf der anderen Seite der Strasse als “ugly” anpreist, und wenn ja, warum nicht.

Falls jemand mich fragen würde – was erfahrungsgemäss aber eher selten passiert – würde ich vorschlagen, in jedem Land der Welt einen Walk of Shame mit, zum Beispiel, stilisierten Toilettensitzen statt Sternen anzulegen. Auf diese dürfte jedermann und -frau den Namen von Leuten gravieren lassen, für die man, wenn man etwas weiter südlich wohnen und über ein Minimum an handwerklichem Geschick verfügen würde, längst eine Voodoo-Puppe gebastelt hätte.

Bei Bedarf sucht man die Steinplatte auf und reinigt seine Psyche unter Absingen wüster Lieder, dass Gott erbarm fluchend oder über dem Schriftzug stumm Körpersäfte absondernd porentief rein. Das schützt vor Frustrationen und Aggressionen, beseitigt Komplexe und senkt die Kriminalitätsrate auf knapp Null. Die Finanzierung einer solchen Anlage wäre folglich ein klarer Fall für die Krankenkasse.

Um der Transparenz Genüge zu tun: Ich habe im Geiste bereits sechs Tafeln reserviert. Die Namen, mit denen ich sie beschriften liesse, behalte ich aus Datenschutzgründen für mich.

Und, klar: Auch mir würde wohl eher früher als später die eine und andere Platte gewidmet. Ich könnte damit aber wesentlich besser leben als mit der Vorstellung, bis in alle Ewigkeit zwischen Julio Iglesias und Heidi Klum liegen zu müssen.

S Weggli und de Batze

Die Rocknrolldies ziehts nach draussen: Am 10. Juni sorgen wir unter den Lauben vor der “Metzgere” in der Burgdorfer Oberstadt für Stimmung.

Los gehts um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Hungrige gibts Fleisch vom Grill.

In den Spendierhosen

Aus lauter Vorfreude darüber, mit The Great Light of Slow (Bild) am 1. April erneut eine grossartige Band im Theater Z in Burgdorf begrüssen zu dürfen, montieren wir Rocknrolldies unsere Spendierhosen.

Der erste Besucher erhält „Homebound“, die Debüt-CD unserer Gäste, geschenkt.

Der zweite bezahlt keinen Eintritt.

Dem dritten und vierten drücken wir eine exklusive (es gibt davon nur zehn Stück) Rocknrolldies-Tasse in die Hand.

Für den fünften und sechsten gibts ein schickes Rocknrolldies-Chäppi.

Der siebte, achte, neunte und zehnte kann sich an der Theater Z-Bar mit einem Gratisdrink auf den Gig einstimmen.

(Nachtrag 1. April: Weil der Schlagzeuger erkrankt war, musste das Konzert kurzfristig abgesagt werden.)

Von wegen “too old to Rock’n’Roll”…

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Beide stammen aus dem aargauischen Seetal, sind nicht mehr die Allerjüngsten, aber sehr busper, im Sternzeichen Waage, grosse Fans von allem, was mit Musik zu tun hat – und haben schwer den Plausch daran, Gleichgesinnte mit guten, alten Rock- und Bluesklängen zu unterhalten: Peter Urech, der Burgdorfer Gerichtspräsident und Gemeinderat, und ich haben uns zusammengetan, um miteinander die Disco “Rocknrolldies” zu betreiben.

Premiere feierten wir im letzten Herbst im Theater Z an der Hohengasse in Burgdorf. Nach diesem vielversprechenden Auftakt haben wir das Projekt jetzt ein bisschen professionalisiert.

Das heisst: Wir pläuschlen ab sofort nicht mehr nur herum, sondern stellen uns ganz seriös als Plattenaufleger an Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Firmenanlässen, Jahrgängertreffen und so weiter, und so fort, zur Verfügung.

Wer uns engagieren möchte, ist herzlich eingeladen, sich telefonisch unter +41 76 537 74 84 oder per Mail an hannes@rocknrolldies.ch zu melden.

Wir freuen uns darauf, auch Sie und Ihre Gäste nächtelang in Stimmung zu bringen.

(Zu unserer Facebook-Site gehts hier entlang.)

“Ein Theaterstück über Adolf Ogi? – Das ist ein reizvoller Gedanke.”

Noch einmal geht es mit Ulrich Ochsenbein “stotzig obsi”, bis hinauf in die Landesregierung. Und noch einmal stürzt der Seeländer Politiker aus den höchsten Höhen in tiefste Tiefen. Dann ist auch seine Karriere auf der Theaterbühne zu Ende: Heute Abend wird das Stück über den ersten Berner Bundesrat in der einmal mehr ausverkauften kulturfabrikbigla zum letzten Mal aufgeführt. Peter Leu, der Chef des Hauses, blickt freudig zurück – und wälzt schon neue Pläne.

Ein Theater auf dem Land erzählt die Geschichte eines ehemaligen Bundesrates, den kaum jemand kennt – und feiert damit eine ausverkaufte Vorstellung nach der anderen. Das ist erstaunlich.

Ich bin sehr überrascht, dass sich so viele Leute für dieses Stück interessierten, obwohl sehr viele Gäste beim Betreten des Theaters gestanden, sie hätten von den damaligen politischen Ereignissen keine grosse Ahnung und Ulrich Ochsenbein sei ihnen unbekannt. Auf der andern Seite gab es eine stattliche Anzahl von Besucherinnen und Besuchern, die sich auskannten und neugierig darauf waren, wie wir einen solch komplexen Stoff auf die Bühne bringen würden.

Was ist an diesem Ochsenbein – oder dessen Geschichte – so faszinierend?

Ochsenbein ist eine Figur, wie sie kein Dramatiker besser erfinden könnte. Sein Leben ist geprägt von Triumph und Niederlage, von Sturheit, Verbissenheit und Resignation. Er ist ein Visionär und Zweifler, Rebell und Bewahrer. Nur schon sein Chrakter, seine charismatische Art, macht ihn zur geeigneten Bühnenfigur. Dazu kommt seine enorme Bedeutung für den Kanton Bern und die Eidgenossenschaft. Schliesslich ist auch faszinierend zu sehen, dass sich gewisse Dinge – zum Beispiel die Frage der Neutralität oder das „Fertigmachen“ von exponierten Persönlichkeiten – ständig wiederholen.

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Wenn der beinahe vergessene Ochsenbein zu einem derartigen Publikumsmagneten avancieren kann: Was wäre wohl los, wenn in der kulturfabrikbigla ein Stück über den ungleich bekannteren und populäreren Adolf Ogi aufgeführt würde?

Ich glaube nicht, dass das heute schon funktionieren würde. Ogi und seine politisch ebenfalls recht turbulente Zeit liegen noch zuwenig weit zurück.

Wäre das überhaupt möglich: Ein Theaterstück über Ogi?

Der Gedanke ist durchaus reizvoll: Ogi wurde immer wieder belächelt, obwohl er längst und auf vielen Ebenen seine grossen Qualitäten bewiesen hatte. Und auch er hat – wie Ulrich Ochsenbein – unzählige Hochs und Tief durchlebt und durchlitten. Er ging und geht unbeirrt seinen Weg; besonnen, wach, und, wie ich glaube, mit einer gewissen Demut. Ein Theaterstück über den Menschen Ogi könnte ich mir schon vorstellen. Auch unser Ochsenbein schafft ja einen Bezug zu ihm, in dem er dessen „Freude herrscht“ zitiert.

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Als Zuschauer hatte man das Gefühl, „Ochsenbein“ sei ein relativ „einfaches“ Stück: Es gibt wenig Personal, die Handlung hat einen klar erkennbaren roten Faden, auf Chichi auf der Bühne wird verzichtet. Wie anspruchsvoll war „Ochsenbein“ tatsächlich?

Es war mein Bestreben, dem Publikum ein einfaches Stück zu zeigen. “Einfach” im Sinne von „süffig“, unterhaltend, nachvollziehbar, interessant und spannend. Und wie so oft, steckte auch bei “Ochsenbein” hinter dem „Einfachen“ viel mehr Arbeit, als man als Aussenstehender vermuten würde. Das Regiekonzept stellte eine sehr grosse Herausforderung für das Ensemble dar. Das ständige Wechseln der Rollen verlangte geistige Beweglichkeit, Intelligenz und absolute Beherrschung der Geschichte und deren Figuren. Es bedingte die Fähigkeit, schnell und präzise die Zeitebenen und Charaktere zu wechseln. Dazu kamen die logistischen Herausforderungen: Wo braucht es welches Requisit? Wann wird welches Kostüm getragen? Von den Darstellenden und den Mitwirkenden hinter den Kulissen war also schon vor der Aufführung ein sehr hohes Mass an Konzentration gefordert. Eine unsorgfältige Vorbereitung auch nur eines einzelnen Akteurs hätte die ganze Vorstellung gefährdet. Ich bin sehr stolz auf mein grossartiges Ensemble. Es hat jeden Abend präzise und lustvoll gespielt.

Wie hat das Publikum auf die Inszenierung reagiert?

Durchs Band weg mit Begeisterung, Staunen – und mit einer gewissen Dankbarkeit für einen höchst unterhaltsamen und kurzweiligen Geschichtsunterricht. Die Zuschauerinnen und Zuschauer lobten nicht nur das Schauspiel, sondern auch die Bühne, die Regie und so weiter. Es gab gar Standig Ovations. Sämtliche Aufführungen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wer das Stück gesehen hatte, trug seine Begeisterung offensichtlich aus der kulturfabrikbigla hinaus unter die Leute, die es noch nicht kannten. Das Publikum reiste in Scharen auch aus weit entfernten Gegeden nach Biglen. Auch Politiker wie der amtierende Nationalratspräsident Ruedi Lustenberger liessen sich „Ochsenbein“ nicht entgehen.

Ist der Erfolg von „Ochsenbein“ für Sie ein Ansporn, in Zukunft verstärkt auf solche historischen Stoffe zu setzen?

Was heisst “in Zukunft”? Wer meine Theaterarbeit über längere Zeit verfolgt hat, weiss, dass ich immer wieder historische oder gesellschaftlich bedeutende Themen aufgegriffen habe und von verschiedenen Autoren entsprechend Stücke schreiben liess. Und zwar meist, bevor diese Themen von der Politik oder von den Medien aufgegriffen und vereinnahmt wurden. Das begann bereits während meiner Schauspielschulzeit mit dem Stück über die Jenischen („I dr Nacht sy si cho“). Dann haben wir mit dem Freilichttheater Moosegg Stücke über den Bauernkrieg, die Täuferverfolgung oder das Verdingwesen uraufgeführt. Stosse ich auf interessante und relevante Themen und Figuren, werde ich diese auch künftig auf die Bühne bringen. Momentan bereiten wir ein Stück über einen sehr speziellen Mann vor, der mit sich und den Behörden nicht klarkommt – mit drmatischen Folgen. Uns interessiert sein queres Denken, sein „verschobenes“ Weltbild, wir spüren dem „Werden“ seines Ausrastens nach und wollen versuchen, möglichst viele Facetten seines Charakters, seines Denkens und Fühlens zu beleuchten.

Wann wird dieses Stück zu sehen sein?

Voraussichtlich im nächsten Winter, in der kulturfabrikbigla.

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Full Houses: Das Publikum strömte in Scharen in die kulturfabrikbigla, um die Geschichte von Bundesrat Ochsenbein zu erleben.

Schwungvolle Komödie in idyllischem Rahmen

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Hoch über dem Emmental, auf einem lauschigen Plätzchen am Waldrand, gibt es noch bis am 17. August ein ganz besonderes Spekaktel zu sehen: Das Freilichttheater Mossegg zeigt in “Ds Schwingfescht”, wie zuerst nur ein finanziell abgebrannter Vereinspräsident, dann dessen Vorstandskollegin und -kollegen und schliesslich das ganze Dorf versuchen, einen Anlass auf die Beine zu stellen, von dem alle letztlich alle proftieren.

Wobei: “Das ganze Dorf” ist leicht übertrieben. Gegen das Vorhaben stemmen sich an vorderster Front die bienenzüchtende rässe Schwiegermutter des Präsidenten und der Ehemann der adretten Kassierin. Widerstand regt sich auch in der weiblichen Bevölkerung; die jungen und mittelalterlichen Damen mögen nicht einsehen, wieso bei der Planung und Durchführung von derlei Anlässen immer die Männer das Sagen haben sollen, während die Frauen am Ende fast dankbar dafür sein müssen, die Toiletten putzen zu dürfen.

Die Voraussetzungen für einen heiter-turbulenten Theaterabend sind damit gegeben. Der Aargauer Autor Paul Steinmann (er hat auf deutschschweizer Bühnen mit dem “Besenbinder von Rychiswyl” für das Landschaftstheater Ballenberg, dem Kriegsepos “Mit Chrüüz und Fahne” oder “Der dreizehnte Ort”, dem musikalischen Spiel zur Feier von 500 Jahre Appenzell schon wesentlich mastigere Kost angerichtet) bietet der Laientruppe von der Moosegg zig Möglichkeiten, ihre komödiantischen Seiten auszuleben.

Die Berner TheaterCompanie nutzt sie zum Entzücken des rund um das Geschehen platzierten Publikums mit sicht- und spürbarem Vergnügen und setzt die unzähligen Pointen mit traumwandlerischer Sicherheit.

Dany Nussbaumer gibt der Geschichte einen beschwingten musikalischen Rahmen, der bisweilen an den Zirkus erinnert und Kindheitserinnerungen weckt.

Zwar bemängelte die professionelle Kritik, dass das von Regisseur Peter Leu inszenierte Stück keine grosse Spannung aufzubauen vermöge und dass die Gags “durch Wiederholungen nicht spritziger” würden.

Nur: Wer mindestens einmal pro Jahr auf die Moosegg ins Theater pilgert, erwartet mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Thriller mit atemberaubenden Verfolgungsjagden und ausgeklügelt verwobenen Handlungssträngen. Und der nimmt auch gerne in Kauf, dass er eine oder andere Spruch mehrfach recyclet wird (vor allem dann, wenn die Sprüche saugut sind).

Die “Schwingfescht”-Besucherinnen und -Besucher kommen aus dem Lachen jedenfalls kaum mehr heraus. Das ist mehr, als andere Bühnen bieten. Und nicht weniger als genau das, was man sich zum luftig-lockeren Abschluss eines ohnehin schon wunderschönen Sommertages erhofft.

Weitere Infos (auch zum Vorverkauf) gibts hier.

Der Soundtrack zu den Mensbeschwerden

Rock-am-ring

Kaum hat man sich halbwegs daran gewöhnt damit abgefunden, dass mobiltelefonierende Zeitgenossinnen und -genossen auch im Zug und in der Beiz ungeniert Intimstes preisgeben (“Bis üüs gits hüt Ghackets mit Hörnli!”), gilt es, sich mit einem neuen Trend zu arrangieren: Immer weniger Menschen besuchen Konzerte zur kulturellen Erbauung. Sie bezahlen 50, 80, 150 oder 200 Franken Eintritt, um sich mit Leuten, die sie seit einer halben Ewigkeit – lies: seit dem allmorgendlichen Schwatz im “Starbucks” – nicht mehr gesehen haben, zu unterhalten.

Die Begleitmusik liefern zum Teil hochkarätige Künstlerinnen und Künstler, denen spätestens in der Konzertsaison 2013 dämmern dürfte: “Es ist völlig egal, was wir wie spielen. Hier setzt sich sowieso jeder und jede selber in Szene. Aber solange sie uns nicht von der Bühne pfeifen, weil sie ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen, und solange die Gage stimmt, können wir damit leben.”

Menstruationsbeschwerden, die Steuerrechnung, der neue Chef oder die bevorstehende Chriesiernte: Kein Thema ist zu abwegig, um nicht in extenso und coram publico verhandelt zu werden. Und zwar in einer Lautstärke, die es den Umstehenden und -sitzenden verunmöglicht, sich auf das Geschehen auf der Bühne zu konzentrieren.

Ohne Rücksicht auf die schweigende Mehr(?)heit plaudert das Plapperpack vom Intro bis zum Schlussakkord drauflos, was das Zeug hält.

Das Geschehen auf der Bühne ist den kollektiv an Wortdurchfall leidenden Nervensägen egal. Hauptsache, man und frau ist bei was auch immer mit von der Partie. Als Beleg für die Anwesenheit gilt ein eiligst auf Facebook gepostetes Handybildli, das hochgereckte Handys von Leuten zeigt, die chli weiter vorne stehen und ihrerseits hochgereckte Handys fotografieren, mit denen hochgereckte Handys abgelichtet werden.

Sobald das Bild online ist, kann man sich – die Band spielt mit akustischen Instrumenten gerade eine leise Ballade – wieder dem zuwenden, was an diesem Abend wirklich zählt: Der Frage, ob Melanie einen Neuen habe.

Wie sehen das die mitlesenden Künstlerinnen und Künstler? Bekommt ihr mit, wenn im Publikum während eurer Darbietungen geredet wird? Falls ja: Stört euch das? Oder spielt “man” da routiniert darüberhinweg in der leisen Hoffnung, dass die zahlenden Gäste am nächsten Spielort ein etwas weniger banausiges Verhalten an den Abend legen werden?

Lange Fahrt und kurze Weile

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Das werde ein bisschen dauern, sagte der Taxifahrer, nachdem wir im Flughafen Heathrow in seinen Wagen gestiegen waren, und ihm gesagt hatten, wir würden gerne zu unserem Hotel im Londoner Stadtteil Euston gefahren werden.

Kein Problem, antworteten wir, und machten es uns im Fond des schwarzen Cab bequem.

Kaum hatten wir das Airoportgelände hinter uns gelassen, fragte der Fahrer, woher wir kommen, worauf wir antworten, “from Switzerland”, und anfügten, aus der Nähe from Berne, was er mit einem “Ah! Switzerland!” quittierte; da fliege er hin, im Juni, um mit seiner Frau in Zermatt den 30. Hochzeitstag zu feiern, wobei: es müsse auch nicht unbedingt Zermatt sein, ob es in der Schweiz noch andere schöne Orte gebe.

Sicher, sagte meine Frau: Das Bernese Oberland zum Beispiel sei ebenfalls wunderbar, mit all den Bergen und dem Schnee und allem. Interessiert hörte der Fahrer zu. Dann war das Thema “Hochzeitstag” fürs Erste durch, aber still wurde es im Taxi trotzdem nicht, denn an einer Kreuzung erblickten wir zig Fussballfans, die auf dem Weg zum Aufstiegsspiel zwischen Crystal Palace und xx waren.

Bei uns in der Schweiz, erklärten wir dem Fahrer, habe es nach dem letzten Cupfinal Ausschreitungen zwischen „Fans“ der beteiligten Mannschaften gegeben, und am Wochenende seit mitten im schönen Berne eine andere Veranstaltung wüst eskaliert.

In der Folge diskutierten wir die Auswirkungen des Alkohols auf die Gemütsverfassungen der Menschen, und unserer Fahrer berichtete bei dieser Gelegenheit, er trinke schon lange nichts Promillehaltiges mehr. Seine Frau halte sich von Wein und Bier fern, weil sie schon nach den ersten Schlucken einzunicken pflege, und eines Tages habe es halt auch ihm keinen Spass mehr gemacht, vor einem halbleeren Glas und neben einer tiefschlafenden Gattin zu sitzen. Jetzt gönne er sich lieber a cup of tea, lachte der Mann.

So ging das, bis zu unserem Hotel. Das Leben als Taxifahrer, ehemalige US-Präsidenten oder die wohltuende Wirkung von Grünanlagen in Grosstädten: Es gab praktisch nichts, war wir nicht besprochen hätten.

Am Ziel angelangt, rundete ich den fälligen Betrag vor lauter Freude über diese ebenso freundliche wie kurzweilige Unterhaltung auf den nächsten Zehner auf, worauf der Fahrer fast ein bisschen rot wurde, weil es ohnehin schon peinlich gewesen war, uns den Preis zu nennen.

Natürlich, dachte ich, als ich meinen Rucksack im Zimmer deponierte: Dieser Mann plaudert wohl mit allen Gästen über alles Mögliche. Wahrscheinlich brauchen wir uns gar nicht soviel einzubilden darauf, dass er uns einen kleinen Teil seiner zweifellos sehr umfangreichen Lebensgeschichte erzählt hat. Ziemlich sicher gibt er jedem, der hinter ihm Platz nimmt, das Gefühl, ein ganz besonderer Kunde zu sein.

Wahrscheinlich hat der Mann nur seinen Job gemacht, sagte ich mir. Aber wie er das getan hat: Das war erstklassig.

Aus dem Leben eines Playaboys (V)

(Der Palmenmann wollte auf keinen Fall, dass er bei seiner Tüechliherunterholaktion fotografiert wird. Deshalb muss ein notdürftig improvisiertes Symbolbild als Illustration genügen.)

Etwas vom Schönsten an Orten wie diesem ist ja, dass einen hier keine Sau kennt; und auch kein Mensch.

Dazu nur ein spontan aus dem ärmellosen T-Shirt geschütteltes und entsprechend absurdes Beispiel: Wenn der Wind ein Tüechli von der Terrassenbrüstung in den zweiten Stock der nächsten Palme weht und sich der Mann, zu dessen Zimmer die Terrasse gehört, gewungen sieht, das Tüechli zechelend und sich streckend und unter allerlei Verrenkungen vom Baum zu holen, mag das bei den vielen Leuten, die ihm, hocherfreut über die Abwechslung, dabei zugucken, für Heiterkeitsausbrüche sorgen, die nach Ansicht des Mannes an der Palme eher nicht angebracht sind.

Doch sobald die Misson accomplished ist, wendet das Gafferpack (ist doch wahr. Man könnte ja meinen, es fliege hier nie ein Gebrauchsartikel von A nach B) sich wieder seinen ursprünglichen Tätigkeiten zu: Es versucht, den komplexen Handlungssträngen in seinen Utadanellaromanen zu folgen, tippt Kurznachrichten (“Roberto ist voll süss! Im Winter kommt er uns besuchen! Du wirst ihn liiiiieben!”) und erörtert, ob man es heute, am vierten Tag in diesem Hotel, jetzt vielleicht doch einmal riskieren könne, am Abend auswärts essen zu gehen, oder ob man nicht doch noch einmal hier speisen und morgen entscheiden wolle, ob man in die Stadt fahre.

„Stadt!“, sagt der Mann mit dem kümmerlichen Rest Autorität, den er sich in 15 Jahren Ehe mit einer Frau bewahren konnte, die, seit die Kinder aus dem Gröbsten heraus und bald fertig mit dem Studium sind, eine wie verrückt florierende Kita leitet und seit langer, langer Zeit im Gemeinderat sitzt, wo sie sich mit straffer Hand um das Soziale kümmert.

„Hotel!!“, sagt die Frau, und erinnert ihren Gatten daran, was die Begrüssungsapérodelegierte nach dem Einchecken zu den neuen Gästen gesagt hat; an das mit den Taxifahrern und den Appartmentverkäufern und den Mördern.

Mit Blick auf die nächsten 15 Ehejahre einigt man sich darauf, noch einmal innerhalb der Anlage zu tafeln.

Dieses Paar und all die anderen Menschen im Hotelgarten haben die Tüechlisache schneller vergessen, als der Palmenmann das Stück Stoff wieder über die Terrassenbrüstung legen und mit dem Aschenbecher, der so gut wie unbenutzt auf der Veranda des Nebenzimmers steht, beschweren kann. Wenn der Palmenmann das mit dem Beschwerenmüssen vorher gewusst hätte, wäre ihm etwas erspart geblieben, das bei ihm daheim auf Hundert und zurück Langzeitfolgen gehabt hätte. Er wäre im Quartier für immer und ewig derjenige gewesen, der sich vor zig Fremden einen von der Palme schütteln musste. Dass er nicht „einen“ von der Palme schüttelte, sondern „etwas“, und das von „schütteln“ keine Rede sein konnte – geschenkt. Das Stigma wäre er nie, nie mehr losgeworden.

Hier aber, in der Anonymität der Touristenmasse, in der es im Grunde jedem wurst ist, was der andere tut, braucht er sich nicht einmal für sein Missgeschick rechtzufertigen versuchen, indem er jeden und jede darauf hinweist, dass niemand – nicht einmal jemand, der fast drei Jahrzehnte lang an einem See lebte, an dessen Ufer alle fünf Minuten die Sturmwarnung losgeht – habe ahnen können, dass an so einem himmlischen Fleckchen Erde derartige Monsterböen um die Ecke geschossen kommen könnten.

Weniger schön an Orten wie diesem sind gewisse bauliche Eigenheiten. Diesen Fall

habe ich schon beim Landeanflug auf Las Palmas stirnrunzelnd studiert. Seither bin ich am Werweissen, ob da, unbemerkt von den Medien (und vertuscht von der Regierung!), einmal etwas ziemlich Grosses hineingeflogen (worden) sei, oder ob der Bauherr irgendwann einfach kein Geld mehr hatte, worauf die Handwerker ihr Wärli packten und sich daran machten, etwas weiter rechts das nächste Bijou aus dem sandigen Boden zu stampfen.

Erst jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, fällt mir auf: Neun von zehn Männern bestellen an Bars etwas Alkoholisches.

Ich mag das nicht vertiefen. Ich wills und kanns auch nicht werten. Es ist einfach so.

Wenn das kein Schnappschuss vor den Bug des Pulitzerpreis-Komitees ist: Mit diesem Bild zeige ich weltexklusiv – und erst noch farbig! – den Mann, der auf den Kanarischen Inseln das Wetter macht.

Daran, dass er sein Handwerk versteht, gibts keine Zweifel: Drei Stunden, nachdem ich ihn (Notiz an den Presserat: Ohne sein Wissen und nicht im Traum daran denkend, ihm zu erklären, dass ich das Bild unverpixelt veröffentlichen werde. Wenn ichs ihm gesagt hätte, wärs kein Schnappschuss mehr gewesen. Und mit gestellten Bildern muss man den Pulitzerleuten nun wirklich nicht kommen) fotografiert habe, wars auf der Insel schon nicht mehr so frostig:

Erkenntnis des Tages: Ich muss mich politisch noch stärker engagieren als bisher, und zwar mit den Schwerpunkten Finanzen, Währungen, Weltfrieden. Darauf bin ich gekommen, als im im Supermercato Zigaretten holte. Für vier Päckli Camel blätterte ich 9.60 Euro hin. In Sydney bezahlte ich für dieselbe Menge Stoff gleicher Qualität 68 australische Dollar. Das sind umgerechnet…Sekunde, ich habs gleich…68 Franken.

Auf dem Weg zurück in meine Behausung dachte ich intensiv darüber nach, worin der Grund für diese Diskpranz liegen könnte. In dem Moment, in dem ich die durchgezogene Sicherheitslinie überquerte, fiel es mir wie Schuppen von den Fischen in der Hotelküche: Je weniger ein Land mit Europa zu tun hat, desto teurer sind dort die Zigaretten. Australien etwa hat mit Griechenland nichts gemeinsam, ausser dem schönen Wetter und viel Meer an den Rändern. Das auf dem Suchtmittelsektor wesentlich kundenfreundlicher operierende Gran Canaria hingegen würde glatt als Zwilling von Griechenland durchgehen (Melonen, Esel, Antiquitäten).

Es gilt folglich, enger zusammenzurücken, auch wenn das im Fall Australien und Griechenland auf den ersten Blick leichter gesagt scheint als getan. Es geht darum, jene Nationen, bei denen die Städte am Südpol den Grossteil der Zentrumslasten tragen, stärker an Europa zu binden und langfristig in die Preispolitik nördlich des Äquators zu integrieren.

Das schaffen wir nur, wenn wir alle – ich betone: alle! Auch die Kita-Leiterinnen, Taxifahrer und Appartmentverkäufer – uns auf unsere Stärken besinnen und gleichzeitig mit allen Mitteln versuchen, die Schwächen der anderen zu eliminieren. Die Zeiten, in denen jeder nur für sich selber eine Grube schaufelte und darob völlig vergass, dass es primär darum geht, was der Nachbar mit dem Balken im Auge für einen tun kann, sind vorbei.

Heute Abend: Grosse Akrobatik-Show. Da ist überdurchschnittlich viel Gelenkigkeit gefragt, und viel Gleichgewichtsgefühl, und ein Übermass an Koordinationsvermögen.

Sobald ich den Tigertanga gefunden habe, gehe ich Keulen mieten.

(Morgen live von der Insel: Eine Wasserleiche für den Billigchinesen. Verhör unter Bernern. Ärger am Strand.)

Bereits erschienen:

“Das Leben am Pool ist kein Zuckerschlecken, wenn das Kolosseum in Trümmern liegt und Neil Young “Ein Stern, der deinen Namen trägt” singt.

“Das Vollbeschäftigunsprinzip der kanarischen Kellner, ein frustrierter Lebensabschnittspartner und neue Perspektiven für Galerien”.

“Die Dünen von Maspalomas: Gigantisches Openair-Sexparadies oder überdimensionierter Sandhaufen? – Ein Selbsterfahrungsbericht.”

“Ohrfeigen im Dutyfree-Shop, künstlicher Regen und Flugzeuge mit Untergewicht”