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Inselleben (II)

Inselleben (II)

Bildschirmfoto 2014-06-20 um 05.49.02

Tag 2, später Abend

Ohne mir dabei viel zu überlegen, fotografierte ich auf dem Weg zum Strand heute Morgen eine Katze, die auf einem Mäuerchen schlief. Dann stellte ich das Bild auf Facebook und schrieb dazu: „Jetzt auch auf Gran Canaria: Fleisch vom Hot Stone.“

Das fand ein Leser lustig („Muesch ned zerscht no entschuppe?“) und eine Leserin weniger („Pass mer uf, gäll!“). Viel mehr passierte nicht. Noch bevor ich im Sand lag, hatte ich den Beitrag vergessen.

Doch als ich vorhin in mein Mailfach guckte, stellte ich – nicht zum ersten Mal – fest, dass auch (oder vor allem) nichtigste Ursachen erstaunliche Wirkungen haben können: Knapp zwei Dutzend gehässige und durchs Band weg anonym verschickte Reaktionen waren im Laufe des Tages in meinen elektronischen Briefkasten geflattert. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stammen sie von Leuten, die sich in der Online-Welt meine „Freundinnen“ und „Freunde“ nennen – und die dann doch nicht die Nerven haben, mit ihrem Namen zu ihrer Meinung zu stehen.

Dass ich „herzlos“, „einfach nur blöd“, „einfältig“, ein „Naturfeind“ und anderes mehr bin (oder sei), könnte man und frau mir auch offen sagen; ich bin ja weit weg. Aber nein: So etwas schreibt man lieber aus der Deckung heraus und mehr oder weniger gut getarnt.

Aber um die offenbar hochempfindlichen Gemüter zu beruhigen: Selbstverständlich würde ich nie eine Katze essen, und wenn doch, dann ganz bestimmt nicht samt Fell.

Tag 3, sehr, sehr früher Morgen: Oft genügt es, kurz nach oben zu gucken, um wieder einmal zu erkennen, wie schön das Leben doch ist.

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Man sollte öfter nach oben gucken.

Tag 3, zwischen Nachmittag und frühem Abend: Mir ist gerade aufgefallen, dass ich in all meinen Ferien auf diesem Eiland noch keines einzigen Kanarienvogels angesichtig werden durfte, ausser in Souvenirshops, aber die, die wo dort herumhängen, gehören zu den Nicht essbaren Individuen (NeI) und spielen für mein Wohlbefinden folglich keine Rolle.

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Das Fehlen von leibhaftigen Kanarienvögeln ist insofern erstaunlich, als diese Insel Gran Canaria heisst und nicht, sagen wir, Isla Novoglasbuntas, was mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass hier etwas nicht stimmt, und zwar ganz und gar nicht, und dass irgendwo da draussen Kräfte am Werk sind, die grösser sind als wir alle im Allgemeinen und die Welt im Besonderen, und à propos Welt: Zum Verdruss der FIFA haben die putzige Aargauer Gemeinde

Unknown
(Bild: Aus dem Internet geklaut)

Leimbach,

mein wie gedopt blühender Aufwachsort Beinwil am See plus ein paar erwähnungstechnisch vernachlässigbare Kommunen ausgerechnet auf heute Abend ihre Gemeindeversammlungen anberaumt.

Für die FIFA bedeutet das: Weniger TV-Zuschauer, weniger Fernseheinnahmen, weniger *räusper* Entwicklungshilfegelder zum Überweisen und drum, genau: kein Ende der Kriege in Afrika, ganz im Gegenteil.

So hängt das alles zusammen, immer, und niemand weiss, wohin das noch führt.

Aktuell (um 18.00 Kanarischer Zeit) weiss, abgesehen vom Schiedsrichter vielleicht, auch noch kein Mensch, wie sich die Schweiz bei ihrem zweiten WM-Einsatz in Brasilien schlagen wird.

Ich bin zwar ein grosser Fan der Engländer, verzichte jedoch trotzdem darauf, mir das Spiel anzusehen, weil René Bottéron gesperrt ist, wohinter auf Hundert und zurück wieder Sepp Blatter steckt, oder die NSA, oder ein hiesiger Vogelhändler.

(Den ersten Teil des „Insellebens“ gibts hier.)

Damals, im Sommer

Damals, im Sommer

Vier Wochen lang gab es von Mittag bis Mitternacht nichts als Fussball, Fussball und Bier ohne Ende: Zwischen dem 8. Juni und dem 8. Juli 1990 sass ich wegen der WM in Italien ununterbrochen in der Gartenwirtschaft des Restaurants Schützenhaus in Reinach und schaute mir mit Adrian Krenn, dem Freund der Wirtin Annemarie Gloor, die Augen wund.

Aus jedem zweiten Auto, das neben uns am Waldrand vorbeifuhr, dröhnte „Un estata italiana“ von Gianna Nannini und Edoaro Bennato.

Meist waren wir alleine. Die anderen Leute hatten Gescheiteres zu tun, als stundenlang mit anderen vor dem TV in der Beiz zu sitzen. Der Begriff „Public viewing“ existierte noch nicht. Grossleinwände gab es nur im Kino. Dass die Menschen ihre Telefone dereinst in der Hosentasche mitführen würden: undenkbar. Internet? Zukunftsmusik. Wer wissen wollte, was von wem gegen wen wie gespielt wurde, guckte unbehelligt von Werbepausen fern, las eine der vielen, vielen Bezahlzeitungen oder hörte Radio.

Roger Milla, Rudi Völler, Frank Rijkaard, Marco van Basten, Salvatore Schillaci, Ruud Gullit: Das sind die Namen, die mir beim Stichwort „Italia 90“ spontan in den Sinn kommen. Und jener von Franz Beckenbauer natürlich, der nach dem deutschen 1:0-Sieg im Finale gegen Argentinien sagte, jetzt sei (das soeben wiedervereinigte) Deutschland „über Jahre hinaus nicht zu besiegen“. Diese Bemerkung geisselte ich mit einem gehässigen Kommentar im Wynentaler Blatt; ob Beckenbauer meine Kritik je wegstecken konnte, habe ich nie erfahren.

Es war ein – wie mir damals schien – unendlich langer und unfassbar schöner Sommer.

Wenig später war Adrian tot. Annemarie gab das „Schützenhaus“ auf und verschwand von meinem Radar. Ich habe keine Ahnung, was aus ihr geworden ist.

Fussball-Weltmeisterschaften waren für mich nachher nie mehr dasselbe. Natürlich: Das Spiel fasziniert mich nach wie vor. Und ja: Ich mag den Deutschen immer noch jeden Gegentreffer und jeden Bänderriss gönnen und klar: Die Brasilianer sind die Besten, mit Abstand, vor allen anderen Südamerikanern und den Portugiesen.    

Aber der Zauber – der ganz grosse Zauber ist verflogen. Fussball ist zu einem jederzeit überall konsumierbaren Produkt geworden; wenn ich will, kann ich mir auf meinem Handy in diesem Moment die Aufzeichung eines Spiels in Weissrussland anschauen. Oder die Wiederholung des WM-Achtelsfinals in Italien.

Nur: Ohne Adrian und sein „gib en use! Gib en doch use!!“, ohne Annemarie und ihre Pommes-Frittes, ohne den alten Fernseher in der Laube und ohne dieses eine Lied, das in dreieinhalb Minuten zusammenfasste, was Millionen Menschen wochenlang fühlten, fehlt einfach etwas. Die Magie. Es ist alles so beliebig geworden. So durchorganisiert. Und so selbstverständlich.