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„Momentan läuft noch alles normal“

„Leben mit Corona“: Unter diesem Motto bat ich im März Geschäftsleute, Kulturschaffende und Privatpersonen aus der Burgdorfer Oberstadt und dem Kornhausquartier, für die Facebook-Seite unserer Altstadtvereinigung zu notieren, wie sie mit der damals noch recht neuen Virenbedrohung umgehen.

Die Antworten sind erst neun Monate jung, lesen sich zum Teil aber wie aus einer längst vergangenen Zeit.

Unter Schilderbürgern

„Pothäslech“ und „Schwachsinn“ oder „geil“ und „cool“? In Burgdorf stehen die Zeichen auf Pink.

Kaum wurden die Burgdorferinnen und Burgdorfer nach zwei Monaten Hausarrest in die Freiheit entlassen, bekamen sie Überraschendes zu sehen: An zwölf Plätzen ragen seit einer Woche schweinchenfarbene Wegweiser aus dem Boden. Sieben dieser Stelen wurden in das Pflaster der „geradezu modellhaft historischen“ und denkmalgeschützten Altstadt versenkt.

Für alle jene, die mit dem Begriff „Wegweiser“ nichts anfangen können: Das sind „klar erkennbare Orientierungshilfen“, mit denen Ortsunkundige „problemlos zu ihrem Ziel geleitet“ werden können, wie einer doppelseitigen Reportage im „Stadtmagazin“ zu entnehmen ist.

Bei der Lektüre des Artikels kommt der Laie unweigerlich zum Schluss, dass es sich bei der sogenannten „Signaletik“ um ein Fachgebiet handelt, das in Sachen Komplexität auf einer Stufe mit der Gehirnchirugie oder der Astrophysik angesiedelt werden muss.

Immerhin sollten sich die neuen Tafeln „modular“ an neuen und bestehenden Rohrpfosten anbringen lassen, farblich überzeugen, durch „Flexibilität“ bestechen, Urbanität ausstrahlen, das Städtische mit dem Ländlichen verbinden und darüberhinaus erst noch „eine gute Kosteneffizienz“ aufweisen, heisst es in dem Artikel.

Was genau unter „gut“ zu verstehen ist und wieviel Steuergeld die Übung verschlingt, ist dem Text allerdings nicht zu entnehmen.

Aus unerfindlichen Gründen fehlt in dem Beitrag auch ein Hinweis auf den Oberkommandierenden der Operation: Die Federführung hatte der seit Ende 2018 frühpensionierte Ex-Leiter der Baudirektion inne. Er durfte dieses Projekt auf Kosten der Stadt aus dem Ruhestand heraus realisieren.

Nur die Kosten sind irgendwie kein Thema: Das Stadtmagazin informiert über die neuen Wegweiser.

Angesichts all dieser Ansprüche und Vorgaben war es selbstredend undenkbar, jemanden aus der plusminus 200 Mitarbeitenden zählenden Gemeindeverwaltung zu bitten, sich bei einem Kafi mit Burgdorfer Malern, Metallbauern und Grafikern etwas Zweckdienliches einfallen zu lassen.

Stattdessen schalteten die Verantwortlichen – was tut man für die Kosteneffizienz nicht alles? – ein auf Design und Grafik spezialisiertes Büro aus Biel ein.

Schon knapp ein Jahr später präsentierten die auswärtigen Fachleute eine Lösung, die gemäss dem städtischen Verlautbarungsorgan „ins Auge sticht“ und sich „vom übrigen Schilderwald gut abhebt“.

Via Facebook reagierte die Bevölkerung darauf mit gedrosselter Euphorie:

Zustimmende Voten gabs natürlich auch…

…aber wer die Sache nicht durch die rosa Brille betrachtet, kommt alles in allem zum Schluss: Selten lag Seldwyla näher bei Burgdorf als heute, und das will in einer Stadt, für die schon die Installation eines Bankomaten ein Ereignis von nationaler Bedeutung darstellte und deren Führungspersonal eine Medienmitteilung verschickt, wenn es beschliesst, mit dem Bezahlen der Rechnungen vorübergehend nicht bis am letztmöglichen Tag zuzuwarten (inzwischen lässt es sich damit wieder mehr Zeit), doch etwas heissen.

Es werde anderes Licht: So wird – vielleicht – schon bald das Casino Theater beleuchtet.

Und – es bleibt spannend: Im Auftrag der Baudirektion beschäftigt sich eine Firma aus dem Seeland seit einem geraumen Weilchen mit einer neuen Beleuchtung für die Oberstadt und das Kornhausquartier.

Auf ihrer Website schreibt sie:

„Die Altstadt, bei der sowohl die Gastronomie, wie auch das Gewerbe und Wohnraum im Vordergrund stehen soll für alle Nutzer einladend und umweltschonend ausgeleuchtet werden. Der Gang durch die Altstadt soll ein Highlight werden, jedoch soll sich das Produkt an sich nicht in den Vordergrund stellen. 

Abgerundet wird dieses Projekt mit einer neuen Weihnachtsbeleuchtung, welche ebenfalls zu einem neuen Highlight der Stadt Burgdorf werden soll.“

Die Umsetzung ihrer Pläne obliegt einer Beratungsfirma aus Villarsel-le-Gibloux („Wir begleiten Gemeinden, Städte, EW’s, Installateure, Vereine, Unternehmen und Private bei der Konzeption, Planung, Umsetzung und Optimierung ihrer Beleuchtungs- und Smart City Projekte“), einem Lichtplanungsunternehmen aus Ostermundigen („Da der Lichtmast ein idealer Träger für Smart-City Komponenten ist, sind wir auch in diesem Themengebiet up to date“) sowie einem Inneneinrichtungsgeschäft aus Lüterkofen („Ihre Spezialisten für Innenarchitektur, Böden, Polsterei, Textilien und Ergonomie“).

Das Engagement von Letzterem dürfte in Burgdorf mit besonderem Interesse zur Kenntnis genommen worden sein:

Sieben Monate, nachdem es den Auftrag erhalten hatte, wollte das Seeländer Büro seiner Kundin vorführen, zu welchen Erkenntnissen es gelangt ist.

Eines Tages standen deshalb an verschiedenen Plätzen in der Altstadt Strassenlampen in unterschiedlichen Formen und Grössen. Nach dem Eindunkeln bummelten Entscheider aus der Baudirektion und Mitläufer aus dem Altstadtleist-Vorstand durch die Quartiere, um den Ausführungen des externen Experten zu lauschen und zu sehen, was wo warum wie wirken würde.

Zu dem Treffen nicht eingeladen war – soviel zum Thema „Sowohl die Gastronomie, wie auch das Gewerbe“ – die Detaillistenvereinigung Pro Burgdorf.

Top Secret: Musterung von neuen Altstadtbeleuchtungs-Möglichkeiten auf dem Kronenplatz.

Von diesen Umtrieben bekamen nur jene wenigen Menschen etwas mit, die an dem Abend zufällig aus den Fenstern ihrer Wohnungen guckten, denn die Besichtigung fand am 18. März statt. Auf Geheiss des Bundesrates hatte sich die Schweiz und damit auch tout Burgdorf kurz zuvor vor dem Corona-Virus in Deckung gebracht.

Anmerkungen oder Fragen von Einheimischen brauchten also weder die Delegation der Stadt noch der von ihr beigezogene Spezialist zu gewärtigen, doch das Beispiel „Wegweiser“ hat ja gezeigt:

Das kommt ganz bestimmt auch so gut.

Die neue Virklichkeit (49)

Gefährlicher als ein Massagesalon: Von einer Öffnung der Minigolfanlagen wollen die Lockerungsleute beim Kanton noch nichts wissen.

Kurz vor 13 Uhr telefonierte mir gestern Fredi von der Burgdorfer Minigolfanlage. Hörbar strahlend berichtete er, laut seinem Gewährsmann von der Corona-Hotline des Kantons dürften er und seine Andrea ihren Betrieb nach der zweimonatigen Zwangspause am 11. Mai wieder hochfahren, samt dem Openairrestaurant.

Wenig später sass ich mit Andrea in ebendiesem Beizli. Während wir miteinander plauderten, fuhr Fredi auf den Parkplatz. Wir sahen ihn telefonieren und telefonieren und zwischendurch die Hände verwerfen, dachten uns aber nichts dabei.

Dann stieg er aus. Das erste, was er sagte, war nicht „Tschou zäme“ oder so, sondern: „Kei Minigouf am elfte Mai.“ Sein Hotliner habe ihm soeben mitgeteilt, das gehe doch erst frühestens am 8. Juni wieder. Gäste zu bewirten, sei ab Montag erlaubt. Sie nebenan spielen zu lassen, bleibe hingegen verboten.

Ich lasse das jetzt einfach einmal unkommentiert so stehen. Nichts liegt mir ferner, als darauf hinzuweisen, dass es wahrscheinlich nur wenige Orte gibt, an denen die Leute in Rudeln und doch distanziert Zeit verbringen können, als Minigolfplätze. Oder zu fragen, wo sich Menschen und Viren wohl näher kommen: beim Kneten und Knetenlassen in einem munzigen Massagestudio oder beim Vonbahnzubahnschlendern im Freien?

Wies Bisiwätter löschte ich den „Juhuu! Wir sind gleich zurück“-Eintrag, den ich als Hüttenwart der Minigolf-Facebookseite nach Fredis Anruf gepostet hatte, und den viele Fans leikten, bevor die Tinte auf dem Bildschirm getrocknet war. Eine Frau hatte darunter geschrieben, diese Meldung sei für sie „die schönste Nachricht seit Langem“.

Nur so: Woher wusste Reinhard Fendrich schon 1991, dass 29 Jahre später nix mehr fix sein würde? Und wieso klingt dieser Song erst mit einem 5G-Anschluss richtig gut?

Was war noch?

Nicht viel, wie eigentlich immer seit dem 16. März, und wie vermutlich noch lange (ich betreibe ja keinen Coiffeursalon und kein Restaurant und – bhüetis I! – keinen Baumarkt), aber das ist ja egal, wie eigentlich alles seit dem 16. März, und wie vermutlich noch lange (ich leite schliesslich kein Gartencenter und kein Museum und – bhüetis II! – keine Schule).

Wobei: Langsam ziehts auch bei mir wieder an, und das erst noch ohne Masken und Händsche: Am Montag war ich für die BZ an einer Gerichtsverhandlung, an deren Ende ein junger Mann zu einer bedingten Geldstrafe und einer Therapie verurteilt wurde, weil er Tausende von Kinderpornos aus dem Darknet geladen hatte. Heute gehts im selben Saal um eine angebliche Vergewaltigung. Nächste Woche versucht vor den verbundenen Augen von Justitia ein mutmasslicher Brandstifter an Vorwürfen zu löschen, was möglicherweise noch zu löschen ist.

Weiter ist bei mir die Anfrage eines Unternehmers pendent, der die Website seines Betriebes neu betexten lassen will. Er hat ein Puff.

Aber gut: Das haben inzwischen bald alle, nur anders.

Bevor die Metoofraktion routinemässig überbeisst: In diesem Video (mit Kondensstreifen!) wirkt auch die Tennislegende John McEnroe mit. Der Anstand bleibt also gewahrt.

Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.“

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?“

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: „Teilen wir uns ein Taxi?“

Hofstetter: „Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?“

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): „Ich komme mit.“

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): „Zahlen, bitte!“

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: „Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?“

Gundula: „Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.“

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): „Scho rächt.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.“

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.