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Die neue Virklichkeit (50 und Schluss)

Gemischte Gefühle: Der Lockdown-Lockerung blicken nicht alle gleich euphorisch entgegen.

Der römische Kaiser Hauteuchdrum irrte, als er den Spruch „Ein Mann, ein Wort – eine Frau, ein Wörterbuch“ prägte. Mit dem Sichkurzfassen haben etliche Herren genausoviel Mühe wie manche Damen.

Den Beweis dafür lieferten knapp 50 Personen aus meinem Umfeld. Einen Monat nach meiner ersten Corona-Umfrage wollte ich von ihnen wissen, mit welchen Gefühlen sie der Lockdown-Lockerung vom nächsten Montag entgegenblicken.

Die einzige Vorgabe war: die Antwort sollte aus einem Wort bestehen. Daraufhin trudelten aus beiden Geschlechterlagern folgende Stellungnahmen ein:

„Wirtschaftlich gseh sicher en Schritt vorwärts….gsundheitlich gseh hani Angst dasmer e riese Schritt rückwärts mache. Die Lüt nähmes ez scho z locker und wemmers ez ‚lockeret‘ händs s Gfühl sie müend uf gar nüt me ufpasse.“

„Skeptisch, vorsichtig und vor allem rebellisch und gegen den Strom, weil ich lieber verzichte, als beim Coiffeur eine Maske zu tragen und in der Beiz von Burka (sorry Masken)tragendem Personal bedient zu werden und ausserdem dem Schutzkonzept der Beizer nicht so richtig traue.“

„Bangen und hoffen“

„’Warum‘ (so viele Öffnungen auf einmal, zumal gewisse Erkenntnisse unklar oder neu sind wie Blutgefässe-Problematik-Syndrom bei Kids zum Beispiel).“

„Ich habe schon ein Bitzeli ein Lockout.“

„Leicht säuerlich“

„Zwei Stimmen, die sehr laut sind. Herz und Kopf. Der Kopf sagt: Cool down…die Dynamik der Ereignisse ist fast zu schnell und unberechenbar, um richtig agieren zu können…aber das Herz sagt: Power on…scheiss drauf. Sich besser auf das Kommende vorzubereiten, ist fast unmöglich! Egal, was wie oder wo: Wir kämpfen und geben alles, was wir haben…bis zum Schlusspfiff.“

Anderen Teilnehmenden fehlte das eine Wort. Also erfanden sie kurzerhand ein eigenes:

„Fürmichalszurrisikogehörendepersonirrelevant“

„Zaghaftigkeitsfreude“

„Happylockup“

„Ändlichwiderminilütxeh“

„Vorsichtigzuversichtlich“

„Obdasgutgeht“

Weitere Begriffe waren „Silberstreifen“, „Schule“, „Erleichterung“, „Freude“, „mutig“, „Sorgen“, „Skepsis“, „Unsicherheit“, „Gleichgültigkeit“, „Zuversicht“, „erleichtert“, „Geselligkeit“, „neugeboren“, „Bedauern“, „unsicher“, „gedankenlos“, „beklemmend“, „ambivalent“ und „Zwiespalt“.

Kein Thema war der Verzicht. Darüber machte sich der Bergsteiger Reinhold Messmer in der „Süddeutschen“ Gedanken:

Das ganze Interview kann hier nachgelesen werden. Es ist hinter einer Bezahlschranke versteckt, kostet aber nicht mehr als, sagen wir, eine Familienpackung Toilettenpapier.

Falls ich mich gefragt hätte: Ich hätte mir mit „gschmuch“ geantwortet. Meiner Ansicht nach kommt die weitgehende Wiederöffnung zu früh (aber gut: Ich habe leicht reden. Ich betreibe nicht ein Geschäft, von dessen Florieren das Wohl und Wehe von zig Leuten abhängt).

Obwohl ich in was auch immer stets das wo auch immer versteckte Positive zu sehen versuche, kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie eine auf Egopflege und Ellbögle getrimmte Gesellschaft mit dem Geschenk, das ihnen die Landesregierung mit dieser Öffnung macht, verantwortungsvoll und vernünftig umgehen soll.

Dass die Läden und Restaurants – wenn auch mit Einschränkungen – wieder zugänglich sind, dürften sehr viele Schweizerinnen und Schweizer als Signal dafür auffassen, dass die Krise vorbei ist und sie die Regeln, nach denen sie ihr Leben in den letzten Wochen richten mussten, bestenfalls noch als unverbindliche Empfehlungen betrachten können.

Ein Kollege brachte es in einem Kommentar zu diesem Beitrag auf den Punkt: „Bi scho gspannt wie au die Lüt de i de Gartebeize ungerwägs si. Ah ihrne Vierertischli hocke, mit Abstand enang zueproschte u we si de zahle u gö ungerwägs no am Heiri u am Gritli no sälü säge wüu die ja ou do si.“

Zäme höckle, zäme gniesse, zäme pläuderle: Das Gemütliche von gestern ist das Gefährliche von morgen geworden, und wenn es kommt, wie es hoffentlich nicht kommt, sind wir schon bald wieder gleichweit wie heute, und dabei wäre es doch so einfach: Die Wirtschaft lässt sich immer irgendwie wiederbeleben, aber ein toter Mensch nicht, und wenn jetzt jemand kommt und behauptet, „dermassen viele Tote hats wegen Corona ja gar nicht gegeben!“, häscherets.

Dieser 50. Beitrag in der Reihe „Die neue Virklichkeit“ ist zugleich der letzte. Sooo neu ist die Wirklichkeit, in der wir wegen der Viren leben, inzwischen nicht mehr, und wies aussieht, sind immer mehr Menschen dabei, das Abnormale langsam als normal zu betrachten (zu versuchen) und sich mit der Lage so gut, wies halt geht, zu arrangieren.

Das gilt auch für mich und meinen Blog. Selbstverständlich schreibe ich hier weiter, aber nicht mehr in einer speziellen Rubrik, sondern, wie vor dem 16. März 2020, über alles, was im Alltag von mir und anderen Leuten so passiert oder kurz: darüber, was ist oder zumindest sein könnte.

Infos für Insider (I): „Theater-Zytig“

Infos für Insider (I): „Theater-Zytig“

Gartenfreunde, Segler, Tattoo-Fans und Saunagänger eint eines: Für sie alle gibt es Magazine, die sich mit ihrem Hobby befassen. Das Konzept ist einfach: Leute vom Fach schreiben für Leute vom Fach. Doch was bieten diese Zeitschriften? Wo liegen ihre Stärken? Was sind ihre Schwächen? In loser Folge lese ich mich durch „Special-Interest“-Publikationen aus der Schweiz. Den Auftakt der Serie macht die „Theater-Zytig“.

32 Seiten stark, durchgehend vierfarbig, von vorne bis hinten schön bebildert und sehr sauber redigiert: Falls die „Theater-Zytig“ auch in den anderen zehn Ausgaben dieses Jahres hält, was sie mit der Juli-Nummer verspricht, ist ihre Leserschaft zwischen Januar und Dezember mit gehaltvoller Lektüre versorgt.

Zehn Aufführungen von Laientheatern werden im aktuellen Magazin rezensiert. Fünf Artikel stammen von freien Mitarbeitern, dreimal übernahm die Redaktion Pressetexte des inszenierenden Vereins, zwei Mitteilungen sind unbekannter Herkunft. Die illustrierten Besprechungen und Vorschauen umfassen jeweils eine Seite.

Layouterisch unterscheidet die Redaktion zwischen Eigenleistung und PR-Material: Den von freien Mitarbeitenden verfassten Artikeln wird eine Box mit Angaben zum Stück beigestellt. Am Ende der Medienverlautbarungen steht ein Vermerk auf das in derselben Ausgabe prangende Inserat samt Hinweis auf die Vereins-Website. Mit Blick auf die Leserführung wäre eine einheitliche Darstellung von Vorteil. Doch ob es der Redaktion zeitlich zugemutet werden kann, sich die Daten für das Zusatzgefäss von den jeweiligen Homepages zusammenzuklauben, ist eine andere Frage.

Als Pflichtlektüre für die rund 40 000 Mitglieder des Zentralverbandes Schweizer Volkstheater hat das im 94. Jahrgang erscheinende „Magazin für Theaterinteressierte in der Schweiz“ eine Monopolstellung inne. Chefredaktor Hannes Zaugg-Graf und seine Schreibcrew könnten sich die Arbeit mit verbalen Klopfereien auf die Schultern ihrer schauspielernden Leser folglich einfach machen. Doch von selbstbeweihräucherndem Inzest-Journalismus sind die Autorinnen und Autoren weit entfernt. Stattdessen bemühen sie sich, den Akteuren ein ehrliches und konstruktives Echo auf ihr Wirken zu geben – auch auf das Risiko hin, beim nächsten Besuch beim Verein Sowieso mit betupft hochgezogenen Augenbrauen begrüsst zu werden.

Obwohl sich die mit der Materie offenkundig bestens vertrauten Schreiberinnen und Schreiber an ein ebenso fachkundiges Publikum richten, lesen sich ihre Beiträge locker und leicht. Auch Leute, die mit den Werken und Bühnen nicht sehr vertraut sind, können nachvollziehen, was wieso gelobt und bemängelt wird. Nach jenen hochgeschwurbelten Formulierungen, die in der Kulturliteratur längst gang und gäbe sind,  deren Sinn sich aber  – wenn überhaupt – nur promovierten Kunsthistorikern erschliesst, kann man in der „Theater-Zytig“ lange suchen, ohne verärgert fündig zu werden.

Umso bedauerlicher ist vor diesem Hintergrund, dass den naturgemäss weitgehend kritikfreien Pressemitteilungen gleich viel Platz eingeräumt wird wie den Beiträgen mit distanziert-journalistischem Anspruch. Wenn der Werbetexter der „Erlinsbacher Bühne“ dem Publikum „einen besonderen Leckerbissen“ in Aussicht stellt, darf er das gerne tun; an der Generalversammlung, zum Beispiel, oder im lokalen „Anzeiger“. In der  unterhaltsamen, aber auf Seriosität bedachten „Theater Zytig“ wirken derlei Jubelarien eher deplaziert. Ähnliches gilt im Fall „Freilichtbühne Schwarzenburg“: Dem Regisseur mag es ja schmeicheln, wenn der Öffentlichkeitsarbeiter des Vereins seine Arbeit als „Inbegriff von Feingefühl“ preist und von den vielen „Momenten der Tiefe“ schwärmt, die der Chef mit seiner „Liebe ins Detail“ ermöglicht. Der grosse Teil der Leserschaft blättert beim Anblick von soviel Gesülze kopfschüttelnd weiter.

Immerhin schreibt der Chefredaktor in seinem Editorial selber: „Je glaubhafter meine Bühnenpartner ihre Rollen füllen, desto einfacher ist es, den eigenen Part gut zu spielen.“ Das gilt nicht nur für die Arbeit auf der Bühne; das lässt sich auch auf das Thema „PR-Texte in Fachorganen“ übertragen. Also: Weniger (Pressegeschwafel) wäre eindeutig mehr (Substanz). Aber das würde, natürlich, auch einen grösseren finanziellen Aufwand bedeuten.

Überraschender- und erfreulicherweise erschöpft sich das Angebot der „Theater-Zytig“ nicht in Rezensionen. Den eigentlichen Schwerpunkt der Juli-Ausgabe bildet „Kleist in Thun“. Mit „Der zerbrochene Krug“ verfasste Heinrich von Kleist ein Stück, das sich bei Volkstheatern ungebrochener Beliebheit erfreut. Die „Theater-Zytig“ würdigt den 200. Todestag des Dichters mit dem gekürzten Abdruck eines Vortrages, den Lukas Bärfuss in Thun hielt.  Unter dem TItel „Wie können wir mit den Mitteln des Theaters aktiv etwas bewirken?“ gibt es darüber hinaus einen Rückblick auf den für Lehrer- und Theaterpädagogen organisierten Weltkongress „Drama in Education„. Verbandsmitteilungen, ein doppelseitiges Poster der Verbands-Veteraninnen und Veteranen in der Heftmitte sowie humoristische Reminiszenzen aus vergangenen Theaterzeiten runden den Heftinhalt ab.

 

Die „Theater-Zytig“ auf einen Blick:

Chefredaktor: Hannes Zaugg-Graf, Uetendorf

Anzahl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: 19

Erscheinungsweise: 11x pro Jahr (Doppelnummer August/September)

Auflage: 3768.

Abonnementspreise: Fr. 59.– für Nichmitglieder, Fr. 44 für Mitglieder des Zentralverbandes Schweizer Volkstheater (ZSV), Fr. 37.– pro Gruppe (ab 20 Exemplaren), Fr. 22.– für Vereine.

Leseprobe: „Soll man dieses Stück heute noch aufführen? Eine gewisse Verstaubtheit lässt sich, trotz grossem und liebevollem Einsatz, einfach nicht kaschieren. Die Uetiker wählten auf jeden Fall den richtigen Ansatz und spielten das Stück in der Zeit, in der es entstanden ist, also um die Jahrhundertwende. (…) Was allerdings der George Clooney und der Strassenstrich am Sihlquai im Text zu suchen hatten, war mir nicht klar.“ (Aus Gerhard Lengens Besprechung von „Pension Schöller“ in der „Schemeli Bühne Reinach“

Weitere Infos: www.theater-zytig.ch