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Diese Kampagne verdient Kredit

Diese Kampagne verdient Kredit

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Die penetrant-hinterhältige Werbung für Konsumkredite, mit der nicht nur, aber auch die der Credit Suisse angeschlossene Bank now landauf und -ab Plakatwände vollpflastert, stört immer mehr Leute.

Um Gegensteuer zu geben, hat der Uetendorfer Fotograf und Gemeindepräsident Hannes Zaugg-Graf damit begonnen, die Affichen am Computer satirisch zu verändern. Aus Menschen, die sich mit unkompliziert gepumptem Geld mal eben ein neues Auto, einen stylishen Fernseher, ein schickes Handtäschli oder die nächsten Traumferien leisten wollen, werden Leute, die sehenden Auges in die Schuldenfalle stürzen:

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Mit dieser Kampagne rennt deren Urheber offene Türen ein: Auf Facebook wurden Zauggs Verfremdungen zigfach „geliked“ und weiterverschickt. Die Fake-Plakate fanden ihren Weg in unzählige Mailfächer, vielbeachtete Blogs und auf Websites von Politikern.

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Nun ist Zaugg einen Schritt weitergegangen: Unter dem Titel „Think now“ hat er eine Facebook-Gruppe gegründet, der sich innert Kürze knapp 200 Userinnen und User angeschlossen.

Und die Vermutung, dass sich die Mitgliederzahl noch um ein Mehrfaches vergrössern wird, ist nicht allzu gewagt: Wenn jeder „Thinker“ und jede „Thinkerin“ zehn weitere Freundinnen und Freunde motivieren kann, mitzumachen, und wenn diese dann ihrerseits Kolleginnen und Kollegen zum Beitritt animieren, steigt die Zahl der „Fans“ schnell in den vier- oder gar fünfstelligen Bereich.

Dass die Banken wegen dieser Bewegung auf ihre – zurückhaltend formuliert – fragwürdige Werbung verzichten werden, ist nicht anzunehmen. Das Milliardengeschäft mit all den Dummen und Naiven und Verzweifelten, die sich jeden Tag (und vor allem auch in ihren schlaflosen Nächten) ununterbrochen fragen, womit sie die Steuern oder die nächste Rate fürs Sofa bezahlen sollen und wie lange es wohl noch dauere, bis der Betreibungsbeamte vor der Tür steht, lassen sie sich kaum entgehen.

Doch falls „Think now“ dazu beitragen würde, dass jemand, der Geld braucht, zuerst über weniger schmerzhafte Beschaffungsmöglichkeiten nachdenkt (oder auch nur darüber, ob er jetzt wirklich ein neues Auto oder Handtäschli benötigt), bevor er sich an den nächstbesten Kreditvermittler wendet, wäre schon viel gewonnen.

Für ihn oder sie – nicht für die Bank.

Beobachtungen am Lawinenrand

Beobachtungen am Lawinenrand

(Bild: Hannes Zaugg-Graf, z-arts)

Manchmal frage ich mich, wie manches miteinander verbunden ist und wenn nicht, wieso dann trotzdem irgendwie.

Es begann damit, dass ich ein paar Zeilen über Luca Hänni verfasste; den jungen Uetendorfer, der darauf hofft, Deutschlands nächster Superstar zu werden.

Zu behaupten, dass mich „DSDS“ interessieren würde, wäre schwer übertrieben. Aber weil Uetendorfs Gemeindepräsident Hannes Zaugg-Graf, mit dem ich ein bisschen bekannt bin, den auf einmal prominenten Maurerstift in seinem Studio fotografiert hatte, führte ich mit ihm ein Interview für die Online-Ausgabe der BZ. Daraufhin verfolgte ich von der Peripherie her, was sich in Sachen „Luca“ so tat und tut.

Während das Interview kaum Wellen warf, ging wegen des Blog-Eintrags in meinem privaten Briefkasten die Post ab. Ich erhielt Mails von wildfremden Leuten aus fernen Landen, die fragten, wie sie Luca Hänni erreichen könnten. Also stellte ich klar, dass ich mit dem Sänger nichts zu tun habe und auch nicht genau wisse, wie man ihn am Vielversprechendsten anschreiben könne.

Daraufhin herrschte ein Weilchen Ruhe.

Unterbrochen wurde sie etwas überraschend dadurch, dass eines Tages Luca Hänni himself in meiner virtuellen Stube aufkreuzte: „Hii ich wollte mal fragen ob ich mal die nummmer von dir bekomme und wenn ja dann schicke sie mir auch gleich mit“, schrieb der 17-Jährige in einem Kommentar. Die Nummer gab ich ihm gerne, auch wenn ich keine Ahnung hatte, wozu er sie verwenden könnte. Aber wenn ich bei einer Castingshow mitmachen würde, würde ich auch Telefonnummern sammeln wie wild. Wer weiss, wozu man sie noch gebrauchen kann, wenn die sehr knapp bemessene Halbwertszeit als Instant-Promi von des Fernsehens Gnaden abgelaufen ist.

Nachdem wieder ein paar Tage verstrichen waren, flatterte eine Mail aus Österreich in meinen elektronischen Redaktionsbriefkasten. Eine Frau aus Steyr teilte mit, dass ihre Tochter mit wachsender Verzweiflung versuche, mit Luca Hänni Kontakt aufzunehmen. Doch leider beantworte der junge Mann, der von RTL seit Wochen von Interview zu Interview, von Probe zu Probe und von Autogrammstunde zu Autogrammstunde gehetzt wird, weder Anfragen auf Facebook noch direkt an ihn gerichtete Schreiben.

Am selben Tag, an dem ich diesen Hilferuf journalistisch verwertete, verschickte die Gemeinde Uetendorf eine Mitteilung, der zu entnehmen ist, dass Gemeindepräsident Zaugg wegen des Mega-Gstürms um Hänni „akute Anzeichen einer Erschöpfungsdepression“ zeige, unter Kreislaufproblemen leide und deshalb vorläufig nur noch „auf Sparflamme“ arbeite.

(Andere Gemeinden würden in einem vergleichbaren Fall verdruckst kommunizieren, dass der Chef „sein Arbeitszeitmodell optimieren“ wolle. In Uetendorf hingegen wird nicht um den heissen Brei herumformuliert: „Es mussten sofort geeignete Entlastungsmassnahmen ergriffen werden, um einen Totalausfall zu verhindern.“ Das nennt man Transparenz.)

Ich bin ich froh, wenn diese „DSDS“-Staffel endet. Sie wird mir langsam unheimlich, obwohl ich von ihr nicht einmal direkt betroffen bin.

Wie muss dieser Hype auf jemanden wirken, der ihn voll erfasst – wie die Verantwortlichen von Uetendorf zum Beispiel, oder Lucas Familie?

Was im Umfeld von Luca Hänni passiert, hat nur noch sehr bedingt mit Musik und Spass zu tun. Der Rummel um diesen Wettbewerb ist unkontrollierbar geworden wie eine Lawine, die aus heiterem Himmel abgeht und mit- oder umreisst, was in ihrem Weg steht.

Stephen King würde wohl sagen: „Es wächst einem über den Kopf.“

Nachtrag 28. April: Es ist vorbei.

In diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich:

„Lucaaaaa, du Schnügel“

„Lucaaaaa, du Schnügel“

(Bild: Hannes Zaugg/z-arts.ch)

Von Zeit zu Zeit gucke ich in den Spamordner dieses Blogs, um die vielen, vielen verlockenden Angebote von nigerianischen Bankern und asiatischen Viagradealern zu löschen.

Am 28. Februar entdeckte ich im elektronischen Abfallkübel eine Zuschrift, die sich von den anderen unterschied. Vermutlich fiel sie mir auf wegen des Betreffs: „Lucaaaaa, du Schnügel“, stand da, worauf ich schloss: Das geht wohl nicht mich an, sondern diesen Luca Hänni aus Uetendorf, über den ich zwei Tage vorher etwas Weniges geschrieben hatte. Offensichtlich war eine junge Frau auf der Suche nach Berichten über ihr 17jähriges Idol in meine virtuelle Stube gestolpert und fest überzeugt davon, dass ich über einen heissen Draht zu dem Maurerstift verfügen müsse, der bei „Deutschland sucht den Superstar“ seit Wochen für Furore sorgt.

Nun: Ich habe Luca Hänni – ausser auf Fotos und einmal in einer dieser Nachrichten-Attrappen auf RTL – nie gesehen. Ich weiss nicht einmal, wo und wie er in Uetendorf lebt. Es interessiert mich auch nicht.

Andere nimmt auch das wunder; jemanden verschlug es im Verlauf einer Google-Suche nach Hännis Wohnhaus in meinen Blog:

Eigentlich weiss ich über Luca Hänni überhaupt nichts – ausser, dass er laut DSDS-Chefjuror Dieter Bohlen „das Zeug zum perfekten Superstar“ hat, weil er „anders singt als andere Menschen“ – und dass er trotz dieser Lobeshymnen nicht zum Abheben neigt.

Kurz darauf fischte ich weitere Hänni-Schreiben aus dem Ghüder. Seither ist kein Tag vergangen, an dem mir nicht unbekannte Menschen eine Nachricht hinterlassen in der Hoffnung, sich auf diesem Weg mit dem Star in spe in Verbindung setzen zu können.

Klammer auf: Die Facebook-Fanseite von Luca Hänni hat über 70 000 Mitglieder. Ich möchte nicht wissen, wie es im Briefkasten von Lucas Eltern Tag für Tag aussieht. Klammer zu.

Bemerkenswert ist (nebst anderem): Die Briefe sind recht kurz gehalten. Wahrscheinlich geht es den Mädchen – unter den inzwischen knapp zwei Dutzend Schreiben war genau eine (1) Zuschrift eines männlichen Wesens – vorläufig nur darum, einen Erstkontakt zum Subjekt ihrer Begierde knüpfen zu können. Vermutlich ahnen sie, dass Luca seine Tage und Nächte momentan nicht am Laptop verbringt, sondern mit Üben, Üben und Üben für die nächste, schon wieder alles entscheidende Show.

Entsprechend geben sich die Damen grosse Mühe, seine Zeit nicht mit endlosen Liebesbriefen zu verplempern. Am Ende könnte ja genau das matchentscheidend sein: Wer sich in den Vielbeschäftigten hineindenkt und Rücksicht auf seine Bedürfnisse nimmt, hat ziemlich sicher bessere Chancen als jemand, der ihn noch vor dem ersten Date mit einem Sattelschlepper voller Pläne für die gemeinsame Zukunft überfährt.

Stattdessen schreiben sie „Bitte sofort an Luca weiterleiten!“ oder etwas Artverwandtes. Dann wirds bisweilen fast poetisch:

– „Immer, wenn ich dich bei DSDS sehe UND ICH SEHE DICH JEDESMAL!!! geht mein Herz auf.“

– „HALT DURCH DU SCHAFFST ES! ICH WEISS ES!“

“ Auch wenn du’s nicht siehst, in Gedanken bin ich bei dir.“

– „Vielleicht schreibst du mir mal wenn alles vorbei ist. Würde mich freuen.“

Und so weiter, und so fort.

„Ich will ein Kind von dir“ hat übrigens niemand geschrieben. Ich stelle fest: Wer für Luca Hänni schwärmt, verfügt über ein Mindestmass an Anstand und Respekt. Oder ist noch zu jung, um an Söttigs zu denken.

Weil ich als einst glühendster Anhänger von Abba mühelos nachfühlen kann, was sie umtreibt, schrieb ich Mia aus Aschaffenburg und all den anderen Verehrerinnen und dem einen Verehrer ein paar Zeilen zurück. Ich teilte ihnen mit, dass sie bei mir leider an der falschen Adresse seien und riet ihnen, ihre Post direkt an die Grundy Light Entertainment in Köln zu schicken (diese Adresse habe ich im Netz gefunden; ich hoffe, sie stimmt). Ich gehe davon aus, liess ich die Teenager wissen, dass die Leute dort ihre Texte an Luca weiterleiten würden, irgendwann (wobei: „irgendwann“ schrieb ich natürlich nicht. Ich bin nicht der Typ, der mit Nagelschuhen auf zum Zerreissen angespannten Seelenteppichen herumtrampelt).

Aber sehr wahrscheinlich landet ab heute sowieso – wenn überhaupt – immer weniger H-Post bei mir. Wie ich einer Geschichte auf meinem Lieblings-Onlineportal entnehmen konnte, kümmert sich inzwischen auch seine Heimatgemeinde um die logistische Bewältigung der Mailflut.

Wer dem wohl prominentesten Uetendorfer aller Zeiten schreiben will, schickt einfach eine Karte/einen Brief/etwas Selbstgebackenes/Teile ihrer Unterwäsche  an

Luca Hänni

CH-3661 Uetendorf.

Oder eine Mail (dann halt nur mit Bildern) an luca.haenni@uetendorf.ch

Auf diese Weise wollen die Behörden nicht nur dem wachsenden Heer von Hänni-Anhängerinnen und -Anhängern eine virtuelle Anlaufstelle bieten.

„Im Rahmen ihrer Möglichkeiten“ möchte die Gemeinde vor allem die Familie von Luca Hänni unterstützen und ihr dabei helfen, „einen Rest von Privatsphäre“ zu wahren.

Letzteres dürfte in diesen turbulenten Zeiten wohl schwieriger sein, als das Finale von „DSDS“ zu gewinnen.

Gesucht wird: Luca Hänni

Gesucht wird: Luca Hänni

(Bild: Hannes Zaugg/z-arts.ch)

Manche Leute stolpern in letzter Zeit über den immer gleichen Suchbegriff in diesen Blog:

All die Teenager, die das Netz auch nach winzigsten Text- und Bildkrümelchen über ihr Idol abklicken, stossen dann zwar nur auf das hier. Aber mir solls Recht sein. In meiner virtuellen Stube ist jeder willkommen.

Es ist schon gschpässig: Vor ein paar Monaten war Luca Hänni aus Uetendorf noch ein Teenager wie unzählige andere auch. Seit er bei „Deutschland sucht den Superstar“ mitwirkt, schieben die Schwerarbeiter, die im Google-Keller ununterbrochen Informationen für Milliarden von Menschen zusammentragen, wegen eines musikalischen Maurerlehrlings aus dem Kanton Bern Überstunden.

Was – wieder einmal – die Frage aufwirft: Wie funktionierte die Welt eigentlich vor der Erfindung des Internets?

Nachtrag Sonntag, 4. März: Luca Hänni kommt seinem Ziel immer näher. Inzwischen fiebern auch Leute mit, die mit „DSDS“ sonst nichts am Hut haben. Seine Wohngemeinde drückt kollektiv die Daumen:

 

 

Nachtrag Montag, 5. März: „Ich weiss nicht recht, ich mich über die geklauten Luca Hänni-Plakate bei den Dorfeingängen ärgern oder amüsieren soll. Henu: Jedenfalls gibts ab nächstem Samstag ein Public Viewing“, notiert Uetendorfs Gemeindepräsident Hannes Zaugg auf Faceboo.

Nachtrag Dienstag, 6. März: Die Gemeinde Uetendorf schaltet sich offiziell in den Trubel ein. Sie bietet „unserem Luca“, dessen Eltern und seinen Fans moralisch-logistischen Support.

Die grosse Chance

Die grosse Chance

Als Bartwuchs für mich noch etwas war, womit ich mich vielleicht in ein paar Jahren beschäftigen würde, posierte ich aus einer Laune heraus und weil ich das Geld brauchte, als Fotomodell für Rasierapparate. Das Bild erschien in einem dieser Kataloge, die immer die Briefkästen verstopfen und undurchgeblättert im Altpapier landen.

Die nächsten 30 Jahre verbrachte ich damit, auf meine Entdeckung als Model zu warten. Ich konnte mir das gut vorstellen: Am Morgen in Paris, über Mittag in Mailand, ein paar Stunden später in Sydney, dann weiter nach Kapstadt – ich war bereit; die ganze Zeit. Aber kein Schwein rief mich an. Nicht einmal zweideutige Angebote habe ich erhalten.

Aber jetzt…jetzt fühle ich mich plötzlich wie beim letzten Wippen auf dem Fünfmeterbrett, unmittelbar vor dem Sprung – und Sekunden vor dem Eintauchen in eine andere Welt. Am Horizont winkt mir etwas zu. Ich kann es nicht ganz genau erkennen. Aber ich glaube, es ist der internationale Durchbruch.

Wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle, bin ich spätestens im Sommer reich und berühmt. Anlass zur Hoffnung gibt mir diese Ausschreibung, die ich auf der Website des Fotografen Hannes Zaugg-Graf entdeckt habe:

„Zur Neueröffnung der renovierten Badi Uetendorf im Frühling 2012 wird die Badigenossenschaft einen Flyer produzieren und auch aktuelle Bilder auf der Website der Gemeinde aufschalten. Für die Illustration suchen wir Fotomodelle, welche nächsten Frühling vor der offiziellen Eröffnung die neue Badi zum ersten Mal für ein Fotoshooting bevölkern.

Sie brauchen weder Traummasse noch das Aussehen eines Supermodells. Ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, selbst wenn Sie nicht im Badeanzug, sondern lieber mit Kleidern im Badibeizli Modell sitzen möchten…

…melden Sie sich.“

Was mich ein wenig irritiert, ist, dass die Bewerber „weder Traummasse noch das Aussehen eines Supermodells“ benötigen: Heisst das, das Leute, die genau diese Voraussetzungen mitbringen, nicht teilnehmen dürfen? Sollten all die Stunden in Fitnesszentren, auf Finnenbahnen, in Schwimmbecken und auf allerlei Foltermaschinen umsonst gewesen sein?

Oder anders gefragt: Wenn sich irgendein dahergelaufener Uetendorfer, der für sein Gewicht viel zu klein ist, als Badi-Model bewirbt, nur weil er von seinem Gemeindepräsidenten auch mal wie, sagen wir,


DSDS-Kandidat Luca Hänni

in Szene gesetzt werden möchte: Hat der tatsächlich dieselben Chancen wie ein durchtrainierter Burgdorfer?