Die neue Virklichkeit (XII)

Wer die Veranstaltungen des Jahres 2020 mit wasserfestem Filzstift in die Agenda einträgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er alle paar Wochen einen neuen Terminplaner kaufen muss.

Zu Dritt sassen wir so gemütlich, wies mit je zwei Metern Abstand halt geht, in der Wohnung einer Freundin und bemühten uns, nicht über das Thema zu sprechen. Das ist aber, wie längst alle wissen, unmöglich. Corona bestimmt unser Leben von A wie „Animationsprogramm für die Kinder“ bis Z wie „Zusammenbruch der Nerven“, wenn A den Kleinen verleidet oder die Grossen zwischendurch eifach nümm möge.

Also sprachen wir trotzdem chly drüber, und als wir uns nach einer Stunde berührungsfrei voneinander verabschiedeten, taten wir das so herzlich, als ob wir uns soeben zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder gesehen hätten und uns frühestens in 32 Jahren erneut treffen würden.

Sie werden immer wertvoller, diese Lichtlein im Dunkel der Ungewissheit.

Aber damit: genug der inneren Einkehr, genug des Reflektierens, genug des Sichaufsichselberbesinnens. Es bringt ja doch nichts. Solange Angela Merkel an ihren 5G-Windkrafträdern festhält, müssen wir mit diesem Virus leben, ob wir nicht wollen oder nicht.

Etwas Gutes haben die Bazillen ja: Wegen ihnen ist die alle Jahre wieder mit Hochspannung erwartete und oft zu wüsten Schlägereien unter Sprachwissenschaftern führende Wahl zum „Begriff des Jahres“ schon im März so gut wie entschieden. Gewinnen werden „Stand heute“ oder „Social Distancing“.

„Stand heute“ sagt inzwischen jeder, der etwas plant, was sich später als in zwei Stunden ereignen soll. „Stand heute“ finde die BEA 2020 statt, sagten die Organisatoren wenige Tage, bevor sie den Anlass absagten. Vor Kurzem vermeldete die Finanz&Wirtschaft, „die ausserordentliche Performance des zurückliegenden Jahres“ sei für die Pensionskassen „stand heute“ so gut wie weggewischt. Das Geld dürfte inzwischen folglich versickert sein.

Stand heute darf davon ausgegangen werden, dass das Oberemmentalische Jodlertreffen vom 9. Mai in Trubschachen ebenso steigt wie das tags darauf am selben Ort angesetzte Emmentalische Schwingfest (super: für beide Anlässe genügt ein Link), das Gurtenfestival vom 15. bis 18. Juli oder die „Sternissage“ vom 27. November, zu welcher der Altstadtleist und die Detaillistenvereinigung Pro Burgdorf die Bevölkerung heute schon herzlich einladen…

…aber äbe: Es gibt bestimmt bessere Ideen, als sich diese Termine mit wasserfestem Filzstift in die Agenda einzutragen.

Zum „Social Distancing“ hat sich Manuel Dubach, der reformierte Pfarrer von Burgdorf, Gedanken gemacht:

Falls jemand ebenfalls einen so lässigen Hirten haben möchte, der nebst allem anderen auch erklärt, wies „wieder meh Müntschi“ gibt, kann ich nur sagen: frohes Suchen; das könnte dauern.

Ich möchte nicht wissen, wie der Pfarrer, der um das Jahr 1980 herum mich und zwei Dutzend weitere vollpubertierende Vokuhila-Desperados und Rüeblijeans-Desperadösen zu konfirmieren das Vergnügen hatte, auf ein solches Ereignis reagiert hätte. Vermutlich gar nicht. Ihm ging es vor allem um die Zuschauerzahlen bei seinen Auftritten. Um sie künstlich hochzuhalten, war Dieter K. jedes Mittel recht, auch wenn es jeder Menschenrechtskonvention Hohn spottete.

Wer ihm vor dem feierlichen Übertritt ins kirchliche Erwachsenenalter nicht mindestens 25 Mal live gelauscht habe, werde nicht konfirmiert und damit Pasta, verkündete er unseren Eltern und deren Schutzbefohlenen, was bedeutete, dass wir mit Blick auf eine möglichst üppige Bescherung am Tag X etliche Sonntagmörgen bei ihm in der Kirche absassen statt am lauschigen Hallwilerseeufer über den Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan oder das zarte Erblühen der Grünenbewegung zu debattieren mit hochtourig wechselnden Studienpartnerinnen das theoretische Wissen aus dem „Bravo“ in die Praxis umzusetzen (zu versuchen) und dazu den lieblichen Klängen fremdländischer Musikantinnen und Musikanten zu lauschen.

Zum Beleg unserer Anwesenheit mussten wir dem Herrn Pfarrer regelmässig rosarote Zettelchen vorlegen, die uns der gestrenge Kirchensiegrist vor dem Gottesdienst aushändigte. Die Schlaueren unter uns liessen sich beim Hinausgehen gleich noch eines geben („ich habe das andere irgendwie drinnen verloren“) und konnten ihre Zwangspräsenzzeit so elegant halbieren.

Jetzt aber: zurück ins Jahr 2020, zurück zu Corona und damit zurück in die Isolation. Ich merke mehr und mehr, dass Fernsehen keinen Spass macht, wenn man tagsüber weitgehend beschäftigungsfrei zuhause herumhängt. In meiner Swisscom-Box sind ungefähr 50 Spielfilme, Dokumentationen und Serien abgespeichert, die ich einst, bevor ES über uns kam, aufnahm für den Fall, dass es mal ein Wochenende lang regnen sollte.

Jetzt regnet es zwar nicht, aber drinnen sitze ich trotzdem die ganze Zeit. Ich hätte endlos Möglichkeiten, die Konserven zu leeren, doch irgendwie fehlt mir dazu einfach die Lust. Fernzusehen scheint nur dann wirklich Spass zu machen, wenn es eine Art Belohnung darstellt oder eine Abwechslung von der Arbeit bietet. Wenns nichts zu belohnen gibt und vorher null Büez anstand, gibts keinen – gut: fast keinen; etwas ist am Ende ja immer – Grund, sich aufs Sofa zu fläzen, um etwas zu gucken.

Irgendwie verhält es mit den Arte-Dokus heute wie mit den Sexfilmen früher: Im zarten Teenageralter frästen wir Siebesieche auf unseren fast standardmässig mit Tschinggen-Töpfen versehenen Ciaos und üppig verchromten Zweigang-Sachs regelmässig ins Nachbardorf, um Geni Wörner in seinem Kassenhäuschen brandschwarz vorzulügen, wir seien für die Nocturnen in seinem Kino Rössli alt genug.

„Auf der Alm, da gibts koa Sünd“, „Liebesgrüsse aus der Lederhose“, Dutzende von *räusper* Aufklärungsstreifen aus dem Hause Kolle, unzählige Reportagen über liebestolle Schwedinnen plus „Eis am Stiel“ I – XXVII: Wir liessen, ein Sanagol nach dem anderen chätschend, nichts aus. Doch sobald wir 18 Jahre alt waren und diese Filetstücke cinéastischen Schaffens ganz legal hätten geniessen dürfen, interessierten sie uns nicht mehr.

Und jetzt, liebe Erwachsene, wirds endlich Zeit für euer Animationsprogramm:

Die neue Virklichkeit (XI)

„Ein Glücksfall für die Schweiz“: Ob er bei Politikern und in der Bevölkerung gut ankommt, interessiert Daniel Koch nur sehr bedingt. Wichtiger sind dem BAG-Spitzenbeamten Zahlen und Fakten.

Sehr geehrter Herr Dr. Daniel Koch

Einerseits kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie in diesen Tagen gross dazu kommen, zu lesen, was über Sie geschrieben wird. Falls Sie einmal ein Eggeli Freizeit haben, nutzen Sie das sicher lieber, um mit Ihren zwei Boxern und Ihrem Schlittenhund nach draussen zu gehen oder um – falls es sich um eine mehrstündige Pause handeln sollte – einen Halbmarathon zu laufen.

Andererseits gehören Sie vermutlich ohnehin nicht zu den Leuten, die vor jedem Satz, den sie sagen, und jeder Geste, die sie machen, überlegen, was der Rest der Welt davon hält. Sie reden, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, und tun, was Sie für richtig halten. Im Gegensatz zu zahllosen anderen Personen der Zeitgeschichte ist Ihnen der Unterschied zwischen „Sein“ und „Schein“ sehr bewusst.

Ich schreibe Ihnen trotzdem, aber weniger, weil ich will, sondern mehr, weil ich sozusagen von innen heraus muss. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, Ihnen Danke zu sagen.

Spätestens, seit das Corona-Virus auch in der Schweiz wütet, sind Sie in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit eine Art Feldherr, der die Nation im Kampf gegen den Eindringling anführt. Diese Rolle haben Sie ganz bestimmt nicht gesucht – in wenigen Wochen werden Sie, zumindest theoretisch, pensioniert – aber Sie füllen sie aus, als ob Sie in Ihrem Leben nie etwas anders getan hätten, als sich scheinbar übermächtigen (und in diesem Fall sogar unsichtbaren) Gegnern zu stellen.

In einem gewissen Sinn trifft das sogar zu: Bevor sie vor 18 Jahren für das Bundesamt für Gesundheitswesen (BAG) zu arbeiten begannen, wirkten Sie 14 Jahre lang als Arzt für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Im Einsatz für das IKRK mussten Sie im Bürgerkrieg von Sierra Leone mit ansehen, wie Kindersoldaten die Hände abgehackt wurden. In Uganda behandelten Sie Menschen, die Opfer unvorstellbarer Gräueltaten geworden waren.

Wer Solches er- und überlebte, zählt nicht eilig seine Überstunden zusammen, um ein paar Wochen früher als geplant in den Ruhestand flüchten zu können, wenn er bemerkt, dass tödliche und hochansteckende Bazillen Kurs auf die Schweiz nehmen. Der spürt, dass es auf der Kommandobrücke ab sofort jemanden braucht, der nicht nur über unendlich viel Fachwissen verfügt, sondern dem auch – oder vor allem – ein grosses Mass an Gelassenheit eigen ist, um Millionen von Menschen von Anfang an spüren zu lassen, da oben sitze jemand, der weiss, wovon er spricht.

Dieses beruhigende Gefühl, sehr geehrter Herr Koch, vermitteln Sie uns, seit Corona in der Schweiz zu wüten begann. Fast rund um die Uhr erläutern Sie als Pandemieexperte Medienschaffenden und damit uns allen den aktuellen Stand der Dinge, ohne etwas zu beschönigen oder zu dramatisieren. Hochkomplexe Zusammenhänge vermitteln Sie auf eine Art und Weise, die jeder und jede versteht. Und wenn Sie einmal etwas nicht wissen, sagen Sie frank und frei, dass Sie das nicht wissen. Auch das schafft Vertrauen.

Wenn Sie vor den Mikrofonen der Radio- und TV-Anstalten sitzen, ist Ihnen zweifellos bewusst, dass Ihnen in Wohnungen, Büros, Altersheimen und Spitälern in diesem Moment zig Leute voller Sorgen, Ängste und Hoffnungen zuhören.

Auf Ihren Schultern lastet eine unfassbar schwere Verantwortung. Eine falsche Bemerkung von Ihnen kann eine Panik auslösen und ein missverständlicher Satz den Aktienmarkt erschüttern. Aber wenn man Sie und einen Wettermoderator nebeneinander auf einem Bildschirm zeigen und den Ton abstellen würde: kein Mensch wüsste, welcher der beiden Herren gerade über ein Tiefdruckgebiet und welcher über vier neue Todesopfer informiert.

Sie sind die coolste Socke, die ich je „kennen“lernen durfte, und glauben Sie mir: In den letzten 54 Jahren sah ich von dieser Gattung schon das eine und andere Prachtsexemplar.

Menschen aus Ihrem Umfeld nennen Sie „bescheiden“ und „zuverlässig“ und „bis zu einem gewissen Grad stur“ (das sagte der frühere BAG-Direktor Thomas Zeltner , Ihr ehemaliger Chef). Ruth Humbel, die Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, stellte fest, Sie seien mit ihrer „ruhigen“ und „sachlichen“ Art „ein Glücksfall für die Schweiz“. Der frühere FDP-Ständerat und Präventivmediziner Felix Gutzwiller konstatiert, Sie würden sich „voll und ganz fürs Land einsetzen, ohne sich in den Vordergrund zu stellen“ (sämtliche Zitate sind der Schweizer Illustrierten vom 22. März entnommen. Zum kompletten Porträt gehts hier entlang).

Der Berner Zeitung fiel auf (das Porträt ist online nicht gratis zugänglich): „Einem asketischen Meditations-Guru gleich scheint es ihm zu gelingen, den kollektiven Puls der Schweizer Bevölkerung um ein paar Schläge pro Minute auf ein erträgliches, gesünderes Mass zu senken.“ Sie würden stets erwarten, dass Entscheide basierend auf Daten und Fakten gefällt würden, ergänzte in der BZ Ihr Ex-Chef Zeltener. Ob Sie damit damit bei Politikern und der Bevölkerung gut ankommen oder nicht, sei Ihnen „egal“. Das mache Sie „zur bestmöglichen Variante eines Staatsdieners“.

Leute, die zu Beginn dieses Monats noch nicht wussten, dass es Sie gibt, verehren Sie als „unser aller Fels in der Brandung“ und loben, „Sie machen einen unglaublich guten Job!“ Für andere sind Sie „ein Charakterkopf der alten Schule“. Eine Leserin formulierte es, vor lauter Begeisterung etwas aus dem grammatikalisch-orthografischen Häuschen geraten, aber zutreffend, so: „Wie sie sich als Person ausweisen mit ihrer ruhigen besonnen Art kompetent und verlässlich authentisch wie sie sich in den Medien auten ist zu den täglichen News die richtige Person welche unser Land jetzt braucht kein grosser Schwätzer aber ein Kämpfer sachlich mit einem Durchhaltewillen“.

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen: Wer auch immer sich Chancen darauf ausrechnet, im Dezember zum „Schweizer des Jahres“ erkoren zu werden, begräbt seine Hoffnungen besser schon heute als erst morgen. Diesen Titel holt sich heuer keine Sportskanone und kein Star aus der Unterhaltungsbranche und kein Politiker und kein Wirtschaftsführer, sondern der Chef-Bundesbeamte Daniel Koch, und zwar von mehr Pauken und Trompeten begleitet als sämtliche seiner Vorgängerinnen und Vorgänger zusammen.

Der Letzte, der auf diese Auszeichnung spaniflet, sind Sie. Wenn Sie dereinst auf die Bühne gehen, um den Preis entgegenzunehmen, werden Sie – nicht nur „Stand jetzt“, um eine Ihrer Lieblingsformulierungen zu verwenden – kaum mehr sagen als „ich habe doch nur meinen Job gemacht.“

Allen anderen im Saal und an den Bildschirmen zuhause wird jedoch klar sein: Sie retteten unzähligen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Landes das Leben.

Die neue Virklichkeit (X)

Offen & ehrlich gesagt weiss, ich auch nicht was dieses Bild hier soll aber ich finde es supper wie von Salfador Piccaso.

Tag 10 des grossen „Lockdown“, oder auch Tag 18 oder 204, wer weiss das schon noch und was spielt das überhaupt für eine Rolle, es ist, wies ist, und wenn diese Coronasache tatsächlich ein Experiment sein sollte, wie viele Leute im Internet behaupten, wäre es langsam an der Zeit zu sagen, gut, stopp, wir habens kapiert, nur leider ist das kein Versuch, sondern live und ohne Playback, nicht wie bei, ziemlich sicher, Helene Fischer, bei der ich immer grösste Zweifel daran hatte, ob sie wirklich über zwei Stunden lang mit Vollgas auf einer Bühne herumturnen und gleichzeitig singen konnte, aber erstens hat sich das mit Helene Fischer und der Bühne inzwischen ja von alleine erledigt und zweitens fragte ich mich das mit dem Turnen und dem Singen früher schon bei Tina Turner, wir sind ja nicht blöd, wir Fans, auch wenn wir für ein Billet oft 150 Franken bezahlten, aber bei Tina Turner war das etwas anderes, um nicht zu sagen, etwas ganz anderes; Tina Turner hätte in ihren High Landern auch einfach nur einen Abend lang dastehen und ein- und ausatmen dürfen und wir wären immer noch rundumverzückt vor ihr gestanden und hätten unsere Feuerzangenbowlen geschwenkt und uns potzpotz, in dem Alter! zugeraunt aber ich merke gerade ich schweife ab nur wovon?

Läck, ist das schön. wie draussen auf der Hofstatt der Brunnen plätschert wie die Mühle am rauschenden Bach, klippklappklippklapp, und nur im Fall: die Hofstatt hiess schon Hofstatt, bevor ich neben ihr einzog, das heisst; es war nicht so, dass sie auf der statt Verwaltung, kaum hatte ich dort meine neue Adresse deponiert, alles stehen- und liegenliessen um diesen Platz nach mir zu benennen, das hätte gerade noch gefehlt (wäre aber ein flotter Zug gewesen, muss man sagen wenn auch nicht nötig, weil eben: wieso zum Teufel soll man eine Hofstatt in Hofstatt umtaufen? Was das die Stadt wieder kosten würde für nichts und wieder nichts und für nichts und wieder nichts gibt sie bekanntlich auch so schon genug aus nur darf man das nicht laut sagen sonst kommt plözlich Pesche von der Stadtpolizei mit den Handschellen und THAT WAS IT DENN FOLKS! drum schreibe ichs nur s liest’s ja eh keiner und schon gar nicht Pesche ).

(Moment, ich muss mich zusammen – reissen es geht gleich weiter ich habe nur ein bischen Kopfwe.)

So jetzt läufts wieder wie am Schnürchen der Kühlschrank brummt und die Grillen zirpen wie in Spanien dort sind sie im Moment auch mega im Seich und drum an dieser Stelle: ¡Hola! Gran Canaria!, wies aussieht wird aus uns beiden in diesem Jahr nichts mehr und im nächsten vermutlich grad noch einmal nicht und manchmal stelle ich mir vor wies bei euch unten ächt grad am Meer aussieht ohne die Menschen & die Turisten äuä nicht so schön oder vielleicht sogar noch schöner als sonst, weil die Blüttler weg sind, niemand weiss ES und, niemand kann nachschauen gehen und sowiso kann eigentlich sowieso kein Mensch etwas machen weil: der Bundesrat gesagt hat fertiglustig und zackbumm waren die Beitzen und die Soaps in der Burgdorfer Altstatt und überall sonst auch inklusive Maspalomas zu das hat sich an den lezten Weinachten sicher niemand so forgestellt so wass aber auch mann glaubtz einfach nicht

Ich see grad, Forgestellt schreibt man mit V! Koncentrier dich Hofreutener!

Gestern war 1 Frau* in meiner Wohnung seidher habe ich Vorhänge und übermorgen kommt ein Mann wägem LIecht wenn mich nicht alles teuscht. DAnn ist alles tutti completti und so richtig gemütlich abe r es geht mir auch sonst gut so muttersellenaleine und gopferlassen fast ohne Licht im dunkeln isst gut munkeln höhöhö. Ich habe was ich brauch und das eintzige was mich gelehgentlich stört sind die vielen Läute die dauernd auf mich einreden obwohl ichweit und breit der einzige bin hier sie reden am Tag und Nachts und wenns gantz blöd kommt sogar rund um dir uhr, abgesehen davon wärs supper wenn die Kackadus vor dem Fenster mal gefüdert werden würden aber die nachbarin läuft lieber immer füdliblutt wäh! durch die wohnung mit mir kannmans ja machen wir machen chly Musig

das waren noch Zeiten yeeeeh!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Kurtz / gut es gibt keinen Grund um sichummich Sorgen zu machen ewrisigns gone bi olreit ewrisigns gone bi olreit singt Bob marli und wo er recht hatt hatt er recht auch% wenn er tod ist . und ich fräuemich schon auf morgen

Die neue Virklichkeit (IX)

Fix und fies: Bevor wir wussten, wo genau Wuhan liegt, war das Virus bei uns.

Wies Bisiwätter (es gab eigentlich keinen Grund, diesen Beitrag mit „Wies Bisiwätter“ zu beginnen, aber weil auch „Wies Bisiwätter“ zu jenen schönen Mundartbegriffen gehört, die von der Gesellschaft eines Tages häb-chläb im Keller der Sprachgeschichte entsorgt wurden, wo sie auf dem Boden einer staubbedeckten Truhe seither so verzweifelt auf ein Comeback hoffen wie Mel Gibson oder Kim Basinger

(diese Augen!),

dachte ich, das wäre jetzt amänd eine gute Gelegenheit, ihm etwas Licht und frische Luft und, vor allem, Hoffnung zu gönnen, zog ihn aus der Kiste, schüttelte ihn durch, klopfte ihn ab und setzte ihn an den Anfang dieses Textes.

Dort sitzt er nun, mit einem glücklichen Lächeln im zerfurchten Gesicht, lässt die knorrigen Beinchen so gut, wies halt noch geht, über Kim Basingers Locken baumeln und rechnet seine Überlebenschancen neu aus.

Sie stehen nicht schlecht: Wenn nur zwei von hunderttausend Leserinnen und Lesern finden, „oh, das ist jetzt noch schick, dieses ‚Wies Bisiwätter‘ und es dann selber wieder gelegentlich einsetzen, vermehrt es sich schneller als die Mitglieder der Kelly Family und darf sich zumindest für die nächsten paar Jahrzehnte als gerettet betrachten.

Das alles wollte ich gar nicht erzählen, oder ämu nicht in solch epischer Länge, aber manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann eben tun muss, ganz besonders jetzt, wo jeden Tag mehr Menschen von der Sonnenseite des Lebens auf the dark side of the moon verbannt werden, wo sie sich bange fragen, ob sie von dort je wieder zurückkehren dürfen und wenn ja, was sie in der alten Heimat dereinst wohl antreffen (und was ziemlich sicher nie mehr).

Und damit zurück zum Bisiwätter. Wie Selbiges raste Corona in den vergangenen Wochen rund um den Erdball. Im Dezember hatten die Chinesen das Problem noch exklusiv für sich, aber nicht für lange. Als der Durchschnittseuropäer den Atlas, in dem er auf der Doppelseite „Zentralafrika“ stundenlang dieses cheibe Wuhan gesucht hatte, verärgert zuklappte („Vrene, mir bruuche e neue!“), frästen die Viren durch den Gotthard nicht nur nach Bellinzona, Basel und Zürich, sondern auch in schöne Gegenden wie, sagen wir, das Emmental.

Trotzdem ist das (oder der?) Coronavirus SARS-CoV-2 (soviel Bluff musste jetzt einfach sein) für die meisten Leute immer noch etwas eher Abstraktes, weil nur wenige jemanden kennen, der oder die daran erkrankt ist.

Mir ging es auch so, bis gestern Morgen um 9.35 Uhr. Um diese Zeit teilte mir ein Freund fernmündlich mit, dass sich eine gemeinsame Bekannte in Heimquarantäne befinde, weil sie positiv auf Corona getestet worden sei.

Ich sah diese Frau zum letzten Mal im Herbst vergangenen Jahres und habe folglich keinen Grund, anzunehmen, sie könnte mich ebenfalls infiziert haben. Etwas mulmig wurde mir dennoch zumute, als ich von ihrem Schicksal hörte.

Als Kollege entbot ich ihr schriftlich meine besten Genesungswünsche. Als Journalist fragte ich sie, ob sie bereit wäre, mir in einem Interview für diesen Blog zu erzählen, wie sich ihr Leben nun anfühle.

Wenig später schrieb sie zurück, sie sei nach dem ärztlichen Bescheid „in eine Schockstarre“ gefallen und möchte nun erst einmal die Quarantäne abwarten. Von ihrer Erkrankung habe sie zufällig erfahren. Ihr Arzt habe bei ihr als Risikopatientin im Rahmen einer anderen Abklärung einen Abstrich gemacht und sie 24 Stunden später wissen lassen, sie habe sich trotz der „zig Vorsichtsmassnahmen“, die sie gegen das Virus ergriffen hatte, irgendwo angesteckt.

Seither sitze sie, von der Aussenwelt isoliert, zuhause. Dort erlebe sie „Momente des Hinterfragens, des Bangens, aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt meiner Schlafzimmertür“.

„…aber auch des Lachens mit meinem Mann durch den kleinen offenen Spalt in meiner Schlafzimmertür“: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich im Zusammenhang mit Corona in den nächsten Wochen etwas noch Liebe-Volleres werde lesen dürfen.

Die neue Virklichkeit (VIII)

Der Chrampf ist derselbe wie früher im Büro. Aber auch wenn sich die Büez nun von zuhause aus erledigen lässt: Der Austausch mit den Arbeitsgspändli fehlt manchen Homeofficlenden halt schon.

Andere Zeiten, anderes Tippen: Seit einer Woche arbeitet ein grosser Teil der Schweizer Werktätigen in eiligst installierten Homeoffices. Aber je länger diese Pandemie dauert, desto mehr frage ich mich, wie weit es mit dem Arbeiten zwischen Abwaschbecken und Windelkommode manchenorts tatsächlich her ist.

Allpott schneit es mir aus Privatbüros Onlinespiele („Stadt, Land, Fluss“ ist gerade der Tophit), Fotowettbewerbe, Katzenvideos, Rezepte („gegen den kleinen Hunger zwischendurch“) und Artverwandtes auf den Schreibtisch. Doch wenn man sich bei Leuten, die derlei tagein und -aus grossflächig streuen, danach erkundigt, wies denn so laufe mit der Büez zuhause, antworten sie auf Hundert und zurück: „Es ist ganz angenehm, aber natürlich schon viel stressiger als vorher (Kinder, Schildkröten, Haushalt usw.). Am meisten fehlt mir der regelmässige Gedankenaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen“.)

Frei übersetzt heisst das: Statt am Selecta-Automaten im 2. Stock von 8.00 bis 11.30 und von 13.00 bis 17 Uhr nonstopp über gerade abwesende Teilzeitmitarbeitende, krank darniederliegende Gspändli oder vaterschaftsurlaubende Vorgesetzte abzulästern, beglücken sie Unschuldige nun vom Stubentisch aus mit all dem Krempel, den sie auf ihren Entdeckungsbummeln durchs World Wide Web gleich hinter dem Eingang links in der Abteilung „Zeittotschläger“ finden.

Aber es gibt in diesen Tagen auch Erfreuliches zu sehen. Derlei zum Beispiel

oder Söttigs

(zK. Virus Viral, A. Pokalips, Uppsala usw.: Bevor ihr mich gleich mit Fanpost zum Themenkreis „Gelebtes Christentum“ eindeckt, möchte ich euch versichern, dass ihr zäntume niemanden finden werdet, der über Ostern besser Bescheid weiss als Manuel Dubach. Er ist reformierter Pfarrer in Burgdorf. Aber jetzt, dessenungeachtet: An die Tastaturen, fertig, los!).

und überhaupt stelle ich fest: Je grösser die Not, desto mehr lernt man ganz von alleine, sich wieder über die kleinen Dinge zu freuen, die im „normalen“ Alltag so selbstverständlich wurden, dass man sie gar nicht mehr beachtete.

Mein persönlicher Höhepunkt des letzten Sonntags war ein Treffen mit dem Hüeti von Tess. Zehn Minuten lang sassen wir zwei Meter voneinander entfernt auf einem Bänkli vor ihrem Haus, schlürften ein Kafi, das sie mit nach unten gebracht hatte, und verputzten dazu ein Aufbackgipfeli und ein Laugenzöpfli aus dem Tankstellenshop.

Gestern traf ich auf dem Weg zu meinem Zigarettendealer eine Freundin, die gerade ihren Hund geleert hatte. Normalerweise laufen wir uns fast jeden Tag einmal über den Weg. Es war für mich bis vor Kurzem nichts Besonderes, sie zu sehen (falls sie gerade mitlesen sollte: Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Selbstverständlich ist es für mich jedesmal etwas total Spezielles, deiner Präsenz gewahr zu werden, doch in diesem Fall meine ich ein anderes „Besonderes“. Nicht das normale, sondern…aber ich merke schon: dieses Eis ist schon zu dünn geworden, um darauf noch weitere Faux pas zu riskieren).

Jedenfalls: Für mich fühlte sich dieser Kürzestschwatz an, als ob nach einer Woche Nebel auf einmal die Sonne durch das Grau blinzeln würde.

Was mir langsam ein wenig Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass meine Toilettenpapierreserven zur Neige gehen. Aktuell bestehen sie noch aus einer Rolle Hakle Vierlagig und einem Bündel Zeitungen. Die Bürobriefbögen möchte ich nur ungerne zweckentfremden. Noch habe ich die Hoffnung darauf, in einer unabsehbar fernen Zukunft wieder Offerten und Rechnungen verschicken zu können, nicht aufgegeben.

Versuche, den Vorrat aufzustocken, scheiterten am Samstag- und Montagmorgen kläglich. In den Coops in der Schützenmatte und im Bahnhofquartier war, inklusive 300 verschiedener Sorten Aprikosenjoghurts, alles im Überfluss vorhanden, nur WC-Papier gabs eine halbe Stunde nach der Türöffnung keines mehr.

Nun sondiere ich im Freundeskreis, wann der strategisch richtige Zeitpunkt ist, um Nachschub zu besorgen. Wenn ich die Hinweise meiner Gewährsleute richtig interpretiere, schlage ich am besten zwischen 15 und 16 Uhr zu. Dann haben sich die meisten Zeitgenossinnen und -genossen mit dem Nötigsten eingedeckt und die Verkäuferinnen und Verkäufer die Bestände neu aufgefüllt. In den Läden befinden sich zu diesem Zeitpunkt immer noch Menschen. Die Berufspanikerinnen und -paniker können mit ihren Sattelschleppern also nicht zu den Regalen mit den Hygieneartikeln vorfahren, ohne Verletzte und Tote zu riskieren.

Andererseits: Was zählt für den Hamsterer schon ein Menschenleben im Vergleich mit einem Palett Toilettenpapier?

Die neue Virklichkeit (VII)

Ohne Internet hätte es 68 Jahre, 14 Monate, 8 Wochen und 17 Tage gedauert, bis das Corona-Virus medial bei uns angekommen wäre.

Als ich vorhin die letzten Corona-Nachrichten mit aktuellsten Fallzahlen. Livetickern, hastig in Laptops gehackten Reportagen aus Krisenregionen, Podcasts von Gesundheitsfachleuten, vor wenigen Minuten lancierten Hilfsaktionen und einem Blutspendeaufruf sichtete, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Was wäre gewesen, wenn dieses Virus vor dem Internetzeitalter gewütet hätte?

Mails, Skype oder Whatsapp gab es Mitte der 80er Jahre genausowenig wie Facebook, Twitter oder Youtube. Lokal- und Tageszeitungen informierten Herrn und Frau Schweizer über das Geschenen vor ihren Wänden, im Wankdorf und in Washington. Die elektronische Medienlandschaft bestand aus dem Radio und Fernsehen SRF, der ARD und dem ZDF.

Nachrichten erreichten ihre Publikum nicht selten mit grosser Verspätung. Am 26. April 1986 zum Beispiel explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Erst drei Tage danach erschienen in westlichen Medien die ersten Berichte über das Unglück.

Wenn man das inflationsbereinigt und aufgrund meines mathematischen Basiswissens hochrechnet, kommt man automatisch zum Schluss, dass es Punkt 68 Jahre, 14 Monate, 8 Wochen und 17 Tage gedauert hätte, bis das Corona-Virus medial bei uns angekommen wäre.

Unter uns wären die unsichtbaren Eindringlinge trotzdem schon, was bedeutet: Ahnungslos wie Forrest Gump würden wir total vervirt weiter an Grossveranstaltungen und in Restaurants gehen und Senioren oder Kranke in Heimen und Spitälern besuchen. Tag für Tag steckten Zehntausende Zehntausende an. Ende Woche wäre der Leerwohnungsbestand in der Schweiz auf einem ewiggültigen Allzeithoch angekommen. Gräber und Urnenplätze könnten sich nur noch die Reichsten der Reichen leisten. Alle anderen müssten auf der faulen Haut herumliegen und warten, bis sich die Lage beruhigt. Letzteres ist vielen von uns inzwischen ja bestens vertraut.

Die überlebenden Angehörigen der nachfolgenden Generationen würden schnell merken, dass ihnen die Alten nicht nur eine schwer reparaturbedürftige Erde vermachten, sondern auch jede Menge Zeugs, mit dem sie etwas anfangen können, ohne es vorher in Ordnung demonstrieren zu müssen.

Wenn ich einige Erbinnen und Erben jetzt gerade so schön in der Leitung habe, nutze ich die Gelegenheit, ihr Allgemeinwissen mit einem Müsterchen aus der kommunikativen Steinzeit zu tunen, gerne; genauso, wie unsere Grossväter uns früher vom Zweiten Weltkrieg berichteten, nur mit ohne verdunkelten Fenstern, fernem Bombendonner und all den Streichen, mit denen Vögeli Kurt sel. den Kadi solange in den Wahnsinn trieb, bis er (der Kadi) ihm (Vögeli) sagte, er solle ihm doch in die Schuhe blasen, worauf Vögeli eines Nachts, als der Kadi schlief, sich süüferli aus seinem Feldbett erhob, quer durch die Soldatenunterkunft zum Nest des Kadis täppelte, ein Paar von dessen Schuhen darunter hervorzog und! tatsächlich!! hineinblies!!!.

Das Mass aller Dinge war für uns Journalistinnen und Journalisten ein „Telekoppler“. Dazu muss man wissen: Medienschaffende sassen zu jener Zeit nur im Büro, wenn ihr Chef sie dazu zwang, was aber kein Chef je tat; ganz im Gegenteil. Meist waren wir Schreiberlinge draussen, um mit Leuten zu reden und Dinge anzuschauen.

Die besten Geschichten schnappten wir häufig in Gartenbeizen auf und oft genau dann, wenn wir kaum mehr in der Lage waren, unfallfrei zwei Sätze hintereinander zu notieren. Das spielte aber überhaupt keine Rolle, jedenfalls nicht für uns: Das wesentlich Scheinende behielten wir plusminus im Kopf, den Rest machten wir später passend.

Gartenbeizen wiederum – dies zK. der Neugeborenen – waren lauschige Plätze mit Kies drauf und Kastanien drumherum. An Vierertischchen und an langen Tafeln sassen nicht selten mehr als fünf Personen auf einmal, um Seit‘ an Seit‘ miteinander zu plaudern, zu essen und sich dem Trunke hinzugeben).

Aber item. Mit diesen ziegelsteingrossen und -schweren Telekopplern liessen sich Texte aus öffentlichen

(Bild: Berner Oberländer)

Telefonkabinen

direkt in die Redaktion übermitteln; zumindest theoretisch. In der Praxis endeten diese Versuche meist damit, dass der Berichterstatter vor Ort um kurz vor Mitternacht totalentnervt in die Zentrale anrief, um den Beitrag der Sekretärin, die gerade nach Hause eilen wollte, um ihren Liebsten mit einem raffinierten Dreigänger vor dem Hungertod zu bewahren, es aber nicht übers Herz brachte, den Anruf zu ignorieren, in die IBM-Kugelkopfmaschine zu diktieren.

Wer einmal so einen Telekoppler oder eine original echte Telefonkabine oder auch nur einen Telefonapparat aus der Nähe betrachten will, kann das im Museum für Kommunikation in Bern jederzeit nicht tun.

Die neue Virklichkeit (VI)

Bonjour, tristesse.Aber sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN MENSCHEN!“

Es gibt keine Wochenenden mehr: Der Samstag war wie der Mittwoch und der Sonntag fühlt sich schon nach nur sechs Stunden Laufzeit wie der Donnerstag an.

Corona, scheint es, macht alle und alles gleich. Nicht nur die Menschen, die mit ihren Unsicherheiten und Ängsten mehr Gemeinsamkeiten haben denn je (und die sich erstaunlicherweise je näher kommen, desto weiter sie sich voneinander entfernen müssen); auch die Tage ähneln sich unterdessen wie ein Status Quo-Hit dem anderen.

Aber das dürfte Tausenden von Leuten inzwischen egal sein: Für Max, den Küchenchef aus dem Fünfsternelokal, spielt es ebensowenig eine Rolle, wann er nicht arbeiten kann, wie es Manuela aus dem „Happy Ends“ an der A1 wurst ist, ob sie am Montag oder am Freitag nichts verdient.

Verdient habe dafür ich, und zwar Rüffel, vom Strübsten. Das entnehme ich jedenfalls der Fanpost zu meinen Corona-Beiträgen, die im Mailfach meines Blogs deponiert wurden.

Diesen Ordner öffne ich selten, weil sich darin meist nur Schrott stapelt. Aber hin und wieder, wenn ich wirklich nichts Dümmeres mehr zu tun habe, werfe ich einen Blick hinein. Zweimal entdeckte ich darin schon Zuschriften, die zu lesen sich tatsächlich beinahe lohnte (an dieser Stelle: tuusig Dank nochmals an die Mitglieder der Fanclubs von Natacha und Roxette!)

Auch bei der gestrigen Nachschau wurde ich nicht enttäuscht: Knapp zwei Dutzend konstruktiv-kritische Zuschriften ausnahmslos anonym auftretender Leserinnen und Leser harrten meiner Durchsicht. Hier ist – unredigiert – eine kleine Auswahl:

Alz Heimer: „Ihnen ist der ernst der Lage offenbag immernoch nicht sicher. VOLLPFOSTEN BLEIB ZUHAUSE!!“

Ding Dong: „Selten so einem Mist gelesen. Sie glauben sie sind witzig aber das sind sie nicht. Wir verzichten. EInfach Abstellen ist für Alle am besten.“

P.U.: „Schauen Sie das an!“ (es folgt der Link zum youtube-Video eines Mannes, der aussieht wie ein Cousin von Charles Manson. Vor einer Wand voller Gewehre und Geweihe doziert er, das Corona-Virus sei von finsteren Mächten asiatischer Provenienz freigesetzt worden, um die Weltwirtschaft lahmzulegen). „Das wird sie lernen!!“

Uppsala: „Beten sie lieber als schreiben. ER ALLEINE IST UNSER HERR UND GEBIETER“

Virus Viral: „9/11 Klima-schock und jetzt COronna. Aber Sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN! Dafür werden SIE ZAHLEN!!!“

A. Pokalips: „Bekommst du eigentlich Geld für das oder machst du das gratis? Wenn dus gratis machst habe ich nichts gesagt.“

Und so weiter, und so fort. Auch wenn sich mir der tiefere Sinn einiger Anmerkungen bis jetzt nicht auf Anhieb erschlossen hat, muss ich doch sagen: Die Decknamen entbehren zum Teil nicht einer gewissen Originalität.

So betrachtet: bitte meer, dafon!!

Und damit: zurück in die relative Normalität dieses Sonntags. Normalerweise wäre auch heute wieder die hohe Zeit des Brätelns mit Freundinnen und Freunden, des Grüpplibummelns am Emmeufer, des kollektiven Reflektierens über das Werden und das Wirken und das Sein und das Haben am langen Brunchtisch in der Landbeiz, der generationenverbindenden Rahmschnitzel mit Nüdeli und des gemeinschaftlichen „Tatort“-Guckens, aber wies aussieht, wurden diese liebgewordenen Rituale nun auf dem Altar der Volksgesundheit geopfert fallen derlei Gewohnheiten auf Geheiss der Landesregierung bis auf Weiteres tuttiquanti aus.

Auch im sehr kleinen Rahmen dürften aus übertragungstechnischen Gründen Lücken im Programmschema klaffen: Wer sich im ehelichen Schlafgemach vor Corona Sonntagmorgen für Sonntagmorgen aus purem Pflichtbewusstsein genötigt sah, von 10.00 bis 10.07 Uhr draufloszufuhrwerken und hinzuhalten, darf ab sofort bis zu den Rahmschnitzeli durchschlafen, ohne sich dafür mit einer arbeitsbedingten Totalerschöpfung oder einer Spontanmigräne rechtfertigen zu müssen.

All jene, die sich nur ungerne von alten Gewohnheiten lösen, können es socialdistancingkompatibel via Skype versuchen. Im Sinne der Gleichberechtigung wäre in diesen Fällen einfach jedesmal neu auszuhandeln, wer dafür im Bett bleiben darf und wer sich auf die Obstharassli im Zivilschutzkeller verziehen muss.

Was auch immer ihr mit wem auch immer wo auch immer heute tut: Geniesst diesen Freitag.

Die neue Virklichkeit (V)

Der Soundtrack zum Frühling 2020.

Rüeblirüsten, staubsaugen, wäschewaschen, einkaufen: Ein gerüttelt Mass an Obliegenheiten harrte meiner, als ich gestern lange vor dem ersten Schrei des Hahns meinem Läger entstieg. Doch dann klemmte ich mich dermassen entschlossen hinter die Aufgabenschwetti, dass ich schon um 10 Uhr ausstempeln durfte.

Bislang konnte ich meine coronabedingt reichlich bemessene freie Zeit ganz gut mit vermeintlich sinnvollen Beschäftigungen überbrücken: Den Compi ausmisten, die Musikbibliothek à jour bringen, Aufhängplätze für die Bilder suchen, die immer noch zügelkompatibel umwickelt in meiner Wohnung herumstehen, am Klimawandel herumstudieren (Klimawandel? Ach ja: Greta Thurnherr. Tausende von jungen und alten Leuten, Schulter an Schulter. „Die grösste Bedrohung der Menschheit“, wie es noch im Januar hiess.), aufs Geratewohl hin Leute anrufen, nie benutzte Apps löschen, vom Balkon aus kontrollieren, ob sich meine Mitbürgerinnen und Mitbürger an die Daheimbleibeverordnung halten und so weiter und so fort.

Aber jetzt, am Tag 4 des grossen Lockdowns, stellte sich zum ersten Mal die Frage: was nun?

Lange vor dem Mittagessen den Fernseher anzuwerfen, war keine Option. Das macht man nicht, ausser, man hat keine Arbeit und auch sonst nichts zu tun. TV am Morgen ist etwas für Vollversiffte, die ihre Seelen für ein paar Euro an die Macher von Reality Soaps auf RTL II verkaufen und sich dann wundern, wenn die Nachbarschaft sie nach der Ausstrahlung nicht mehr ganz so herzlich grüsst.

Darauf, „endlich mal wieder ein gutes Buch zu lesen“ (was jeder Lifestyle-Consultant empfiehlt, der von einem Onlinemagazin um Tipps für ein konstruktives Aussitzen der Virenkrise angegangen wird), fehlte mir die Lust, und einen Porno mochte ich mir nicht herunterladen; oder ämu noch nicht. Wer weiss, wie lange diese Selbstisolation noch dauert – und wer kann schon sagen, wie weit die Vorräte auf den einschlägigen Seiten reichen?

Am Ende kam mir eine Idee, die so nahelag, das ich sie beinahe übersehen hätte: Ich würde aus den Träumen, die ich in den vergangenen Nächten hatte, eine Geschichte basteln und sie unter dem Titel „Night. Live.“ dann nadisna hier veröffentlichen.

Aber oha: Kaum war ich mit dem Tippen so richtig in Fahrt gekommen, merkte ich, dass ich die Inhalte der einen Kopffilme vergessen hatte und musste ich mir eingestehen, dass ich mit den Plots der verbliebenen Streifen Leute, die psychisch womöglich ohnehin auf dünnerem Eis als auch schon unterwegs sind, unmöglich zusätzlich belasten kann ohne zu riskieren, dass sie für immer in den Fluten des Wahnsinns verschwinden. Man hat auch als Autor eine gewisse Verantwortung, finde ich. Thilo Sarazzin würde das sofort unterschreiben.

Deshalb gibts jetzt kein Buch. Aber was nicht wurde, kann vielleicht plötzlich werden; die Pandemie ist noch jung.

Ungleich konsequenter setzte am frühen Abend das Trio Cappella seinen Geistesblitz in die Tat um: Claudia Muff, Armin Bachmann und Peter Gossweiler machten es sich um 18 Uhr in einer gemütliche Stube bequem. Von dort aus schenkten sie der Welt ohne Pauken, aber mit Trompeten und allem, ein internettes „Home Office-Konzert“. Einfach so, „als Dankeschön an alle Helferinnen und Helfer in dieser Krise und an Euch zu Hause“, wie sie in der Einladung schrieben.

Zwei Stunden lang sass ich fasziniert vor dem Bildschirm und freute mich über die Musik, die die drei aus den Handgelenken zu schütteln schienen.

Die Musik spielt für mich seit einer gefühlten Ewigkeit letztem Dienstag sowieso eine noch viel grössere Rolle als bisher. Ich realisierte das erst gar nicht, doch Bluesrock, Reggae, Heavy Metal, Pop, Jazz und Klassik begleiten mich neuerdings in einer sich nach dem Zufallsprinzip windenden Endlosschleife.

Pop don’t stop von Kim Wilde,

Alice’s Restaurant Massacree von Arlo Guthrie,

Shut up & kiss me von Whitesnake (Achtung: nichts für #MeTooerinnen!),

Houston we are ok von den Halunke,

Bologna von Wanda,

Riccione von Thegiornalisti,

Just one lifetime von Sting und Shaggy,

I can’t drive 55 von Sammy Hagar, die

Klaviersonate in C-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, gespielt von Lang Lang,

Diss Naach ess alles drinn von Bap oder

Only the children von Toto

plus zigtausend andere Melodien erhellen auch die finstersten Ecken in unserem Inneren (und auf die Innereien kommts schliesslich an, wie jeder weiss, der schon an einer Miss-Wahl teilgenommen hat).

Man muss diese Lichter nur suchen. Gelegenheiten dazu sind aktuell ausreichend vorhanden, womit Corona nach der spontanen Nachbarschaftshilfe, der erzwungenen Entschleunigung kompletter Gesellschaften und Systeme sowie dem hemmungs- und folgenlosen Streichenkönnen unvorstellbar wichtiger Termine eine weitere gute Seite abgewonnen wäre.

Was läuft, ist eigentlich nebensächlich. Die Hauptsache ist, dass etwas tönt: Wenn im 4. Stock an der Schmiedengasse 1 ab und zu einmal jemand redet, bin ich das, aber – das hoffe ich zumindest – nur am Telefon. Ansonsten ist es, genau wie draussen, mucksmäuschenstill; stundenlang.

A propos „draussen“ und nur zum Sagen: Das Auto des Jahres steht in Burgdorf (where else?).

Heute beginnt das erste Wochenende unter verschärften Bedingungen. Keine Gruppen von mehr als fünf Personen (soviel abschliessend zum Thema „Die Lobbyarbeit der Swingerclubbetreiber“), zwei Meter Mindestabstand, Polizeipatrouillen in Parks, auf Plätzen und Spazierwegen: Der Samstag und Sonntag dürften noch öder werden als der Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag, und das will etwas heissen.

Falls mich jemand besuchen möchte: Der Türöffner im Parterre ist kaputt. Ich müsste also erst vier Treppen hinuntersteigen, um den Gast hereinzulassen, und dann mühselig vier hoch, um ihn in die Wohnung zu führen. Nach dem Treffen ginge es anstandshalber wieder vier Treppen absi und zuunguter Letzt erneut vier obsi.

Drum: Lasst es bleiben. Bleibt, wo ihr seid.

Und, vor allem: gesund und munter.

Nachtrag: Kaum war dieser Text online, outete sich auf Facebook die Besitzerin des Autos des Jahres. Sie heisst Eva Krüll (und ich habe mir solche Mühe geben, die Nummer abzudecken).

Die neue Virklichkeit (IV)

Auch wenn gerade eine dichte Wolke über unserem Leben hängt: Es ist noch Schlimmeres denkbar. „Schliesslich könnte auch eine Epidemie ausbrechen“, gab eine Freundin zu bedenken.

Auf dem Schreibtisch meines Laptops liegen zwei Rechnungen. Es geht nicht um wahnsinnig hohe Beträge, aber weil es vermutlich für ziemlich sehr lange Zeit die letzten Fakturen sind, die ich verschicken kann, möchte ich das noch erledigen, um mich dann…

…äh…

…Dings…

…Mist…

…um mich dann worum zu kümmern, Heiterefahne?

Sagen wir einfach: um ein spannendes Projekt. Ich persönlich empfinde es im Moment zwar noch nicht als besonders aufregend. Aber immer, wenn jemand verkündet, er oder sie beschäftige sich mit einem Projekt, fällt eher früher als später das Wort „spannend“ (meist juchzt die Zuhörerin es mit derselben aufrichtigen Verzückung, mit der amerikanische Servicefachangestellte wildfremde Gäste begrüssen).

Im Moment gebricht (schönes Wort übrigens, dieses „Gebricht“, aber leider, wie so viele andere schöne Worte auch, vom Aussterben bedroht. Deshalb, im Sinne einer lebenserhaltenden Sofortmassnahme, dieser Abschnitt) es mir an der Zeit und der Lust, darüber mehr zu verraten. Fürs Erste – oder als Gruss aus der Küche, sozäge – nur soviel: Durch die Inputs, die es in zahllosen partizipativen Prozessen an Front Desks und in Back Offices generieren wird, dürfte die Mehrwertabschöpfungskette dereinst rasseln wie seit der Erfindung des Jungfraujochs nicht mehr.

Und damit: zurück zu meinen zwei Rechnungen. Um sie zu versenden, müsste ich sie ausdrucken, weil die Empfänger noch relativ weit davon entfernt sind, solche Sachen elektronisch erledigen zu können. Ausdrucken geht aber nicht; die Patronen sind leer. Letzte Woche wäre ich noch mir nichts, dir nichts in den Mediamarkt in Lyssach geradelt und hätte dort neue gekauft, aber diese tempi sind inzwischen passati.

Also begann ich darüber nachzudenken, wer die Rechnungen für mich ausdrucken könnte. „Drucken“ heisst auf Englisch „to print“. Es lag folglich nahe, mich an die Herstellerin eines Printerzeugnisses zu wenden. Ich telefonierte einer guten Kollegin bei der BZ und unterbreitete ihr mein Begehr. Sie sagte, klar, das mache sie gerne. Sie arbeite im Moment von zuhause aus, sei am Montag aber auf der Redaktion im Kornhaus.

Wir beschlossen, die Sache so unkompliziert und mit so wenig Körperkontakt wie möglich abzuwickeln: Ich übertrage die Rechnungen auf einen USB-Stick. Diesen lege ich – mit den Lippen statt mit den Händen und selbstverständlich desinfiziert – samt ein paar Briefbögen meines Büros in den hoffentlich ebenfalls coronakeimfreien Briefkasten vor ihrer Redaktion. Sie nimmt das Mäppli mit dem Stick und dem Papier Anfang Woche aus dem Briefkasten, kopiert die Rechnungen auf die Vorlagen und deponiert am Ende alles wieder in der analogen Mailbox. Dort hole ich die Dokumente gegen Abend ab. Das Leben kann so einfach sein.

Wie geht es am Tag 4 nach dem grossen „Lockdown“ den Leuten in meinem Umfeld? Aufgrund ihrer mehrheitlich optimistisch wirkenden Beiträge auf Facebook, ihrer klagefreien Depeschen und dessen, was sie mir fernmündlich mitteilen, glaube ich: den Umständen entsprechend tiptopp.

Oder, um es mit den seit Jahrzehnten massiv unterschätzten Cheap Trick auszudrücken: „Mommy’s alright, daddy’s alright, they just seem a little weird.“

Von Panik spüre ich bei ihnen nichts, ganz im Gegenteil. Im Kampf gegen Corona setzen meine Leute auch ihren Humor ein (deshalb sinds ja meine Leute. Sich in einer Horde Griesgrame durch das Dickicht der Unsicherheiten tasten zu müssen, ist eine höchst unschöne Vorstellung, selbst wenn die dauergrummelnden Begleiter mit ihren Zwänzgabachtigesichtern den Mindestabstand einhalten würden).

Einer Freundin schrieb ich mit Blick auf auch meine unversehens auf nahe Null reduzierte Erwerbstätigkeit, „gschäch nüt Schlimmers“, worauf sie antwortete: „Ganz deiner Meinung. Schliesslich könnte auch eine Epidemie ausbrechen.“

Dankbar und voller Respekt beobachte ich aus der Sicherheit meiner Wohnung, wie draussen, umgeben von Milliarden von Viren, Frauen an Kassen, Pflegerinnen an Betten und Ärzte an OP-Tischen weiterarbeiten, als ob es für sie das Normalste der Welt wäre, in einem Krisengebiet für (sich zum Teil beängstigend seltsam verhaltende) andere Menschen tätig zu sein.

Soviele Hüte, wie ich vor all diesen guten Geistern ziehen möchte, gibt es auf der ganzen Welt nicht. Drum werde auch ich heute um 12.30 Uhr auf meinem Balkon stehen und klatschen, was die Haut an den frischgewaschenen Händen hält.

Abgesehen von Druckerpatronen mangelt es mir weiterhin an nichts. In meinem Vorratsspeicher harren nach wie vor aller Gattig Joghurts, diverse Gemüsesorten und 325 Gramm Ghackets ihres Verzehrs. Aber nein: Ich habe nicht gehamstert. Die Esswaren sammelten sich im Laufe der letzten Wochen und Monate einfach an.

Was langsam zur Neige geht, ist das WC-Papier. Ich frage heute mal einen der Rentner, die tagsüber nach wie vor in der Schmiedengasse herumlungern, ob es ihm etwas ausmachen würde, mir im Coop unten – der sich dem Vernehmen nach immer mehr zu einem Seniorenzentrum entwickelt – zwei, drei Familienpackungen zu besorgen.

Die neue Virklichkeit (III)

Corona wird die Menschen lehren, es wieder mit sich selber auszuhalten: Das postulierte nicht Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (die mir übrigens – das nur am Rande und als wohl viel zu üppig ausfallende Klammerbemerkung – immer sympathischer wird; bis vor einer Woche hätte ich diesen Nebensatz auch nach einer 30-stündigen Akustikfolter mit „Last Christmast“ nicht geschrieben. Aber einer ganzen Nation samt Wallisern und Bündnern und allem gleich zweimal innerthalb weniger Tage finster entschlossen und doch mitfühlend wirkend beizubringen, dass die allgemeine Lage – frei interpretiert – gerade ziemlich scheisse ist und eigentlich „keiner weiss, wohin die Reise geht“ [Udo Lindenberg, „Odyssee“]: das können nicht alle, geschweige denn, aus dem Stand) und auch nicht der weltberühmte Grossphilosoph Richard David Precht (das hätte ich gar nicht mitbekommen, weil ich immer weiterzappe, wenn ich nur schon vermuten muss, dass er gleich auf dem Bildschirm auftaucht).

Das behaupte jetzt einfach mal ich am Tag 3 des „Lockdowns„.

Es mit uns selber auszuhalten: Das haben wir in den letzten paar Jahrzehnten irgendwie verlernt. Erst jetzt, als sich nadisna ein Geschäftspartner nach dem anderen in eine unabsehbar lange Zwangspause verabschiedet, merken wir, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, zumindest tagsüber ununterbrochen in Kontakt mit anderen Menschen zu stehen.

Und nun…nun höcklen viele von uns in ihren eiligst eingerichteten Büros zwischen Küche und Dusche und telefonieren ins Leere und löschen Abwesenheitsnotizen und büschelen Dokumente in Ordnern neu und löschen Schrott von Festplatten und wenn sich jemand bei ihnen erkundigt, wie es so läuft in dieser Virenkrise, sagen sie super, kann nicht klagen, habe ständig zu tun, aber noch während sie „zu tun“ aussprechen, wissen sie, dass der andere weiss, dass das nur sehr bedingt stimmt, weil es ihm genauso geht: Was sie als Arbeit bezeichnen, nennen Psychologen Beschäftigungstherapie.

Ich nehme mich da nicht aus. In meinem Büro erledigte ich seit Montag um 16.50 Uhr – damals mahnte Sommaruga einen „Ruck durch das Land“ an – nichts mehr, wofür ich guten Gewissens einen Einzahlungsschein hätte verschicken dürfen.

Dennoch rede ich mir jeden Morgen mit grossem Erfolg ein, mich an die Arbeit zu machen, wenn ich mich auf meinen Bürostuhl setze und den Compi starte. Den Rest des Tages verbringe ich damit, die Altstadtbevölkerung ziemlich hochtourig mit lokalen Neuigkeiten zum Thema „Corona“ zu versorgen, Anfragen von besorgten Geschäftsleuten an die richtigen Stellen weiterzuleiten und meine Dropboxen, Mailfächer und Artverwandtes auszumisten.

Ebensogut könnten wir Placebo-Werktätigen vom Sofa aus Netflix leerschauen oder uns – solange es noch erlaubt ist und alleine – mit einer Bratwurst und einem Pfünderli Brot an die Emme setzen, ein Feuerchen machen und dem Wasser dabei zugucken, wie es mit beneidenswerter Gleichgültigkeit von Lützelflüh nach Rotterdam fliesst.

Aber das tun wir natürlich nicht. Um auch nur daran zu denken, uns derlei Eskapaden zu gönnen, sind wir viel zu sehr auf Liefern und Leistung getrimmt. Schon auf dem Bummel zum Fluss würde uns das schlechte Gewissen plagen.

Am heiterhellen Tag aus dem abrupt zum Stillstand gekommenen Hamsterrad hüpfen und draussen, vor dem Fernseher oder im Bett die neue Zwangsfreiheit geniessen: Wo kämen wir hin, wenn das jeder tun würde?

Und überhaupt: Was kann man schon gross machen an so einem Fluss, wenn die Servelat und das Brot verputzt sind und man die neusten Facebook-Nachrichten seiner 537 „Freundinnen“ und „Freunde“ studiert hat? Aus Schwemmholz eine Helene Fischer schnitzen? Ein Steinmannli bauen? Eine Kurzgeschichte schreiben?

Das wäre alles schön und gut – ist letztlich aber halt doch kein Ersatz für das, wofür wir wirklich da sind: zum Produktivsein. Wir bekamen in der Schule unendlich Vieles eingetrichtert, was wir später nie brauchten (in meinem Fall zum Beispiel Algebra, Geometrie oder Stenografie, und die Liste liesse sich noch verlängern ). Hemmungslos dem Müssiggang zu frönen, war nicht einmal ein Freifach. Das Nichtstun müssen wir uns nun selber beibringen, und zwar möglichst so, dass niemand es merkt.

Aus Schwemmholz eine Helene Fischer zu schnitzen, aus Steinen ein Mannli zu bauen oder eine Kurzgeschichte zu schreiben ist allerdings nichts, was einen stundenlang davon abhalten würde zu tun, was man vielleicht tatsächlich einmal tun müsste, wozu man aber wegen der Büez und all der Verpflichtungen, die daneben noch anstehen, glücklicherweise leider einfach nie kommt: sich den einen und anderen Gedanken über das eigene Leben zu machen.

Jetzt wäre die Gelegenheit, sich unbelastet von anderem Gedankenballast Fragen zu stellen, die man sich sonst nicht stellt: Ob man mit dem, was man tut, eigentlich noch glücklich ist. Ob einem etwas fehlt und wenn ja, was und wieso. Welche Ziele man hat, und welche Träume. Warum sich Daniela schon so lange nicht mehr meldet, und ob es amänd nicht doch eine Möglichkeit gäbe, den Rank mit Pesche wieder zu finden. Und so weiter, und so fort.

Das Dumme ist nur: Wer derlei Fragen aufwirft, muss mit Antworten rechnen, die nicht nur angenehm sind. Damit umzugehen, ist nicht jedermanns Sache – schon gar nicht in einer Zeit, in der die Gewissheit von heute das Unbekannte von morgen ist.

Deshalb verschanzen wir uns lieber in unseren Homeoffices und simulieren dort Normalität, obwohl wir ahnen, dass bis auf Weiteres nichts mehr normal ist.

Oder, wer weiss: gerade deshalb.