Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

“Probably the best Hamburgers on the island” gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar “Unique” gegenüber “meinem” Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
“Der Südländer”, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: “der Schweizer”. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

“Uns”: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. “Das käme ganz darauf an”, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.

Draussen vor der Tür

Der Sonntagabendkrimi im Fernsehen hing gerade ein bisschen durch. Also beschlossen wir, kurz nach draussen zu gehen, um unseren Nikotinhaushalt in Ordnung zu bringen. Nachdem wir fertig geraucht hatten, wollten wir zurück aufs Sofa. Aber oha: Irgendetwas an der Terrassentüre hatte sich verklemmt. Der normale Hauseingang war abgeschlossen. Fenster standen keine offen.

Ich griff zum Handy, öffnete die “Search”-App und tippte “Schlüsseldienst” und “Burgdorf” ein. Sekundenbruchteile später ging dieses Fensterchen auf:

Mister Minit betreibt im Migros in der Unterstadt einen Laden. Am Sonntagabend um 22 Uhr arbeitet dort kein Mensch. Weitere lokale Anbieter waren online nicht vermerkt. Der AAMS-Schlüsselservice schien jedoch eine gute Alternative zu sein: Wenn dieses Geschäft in Burgdorf domiziliert ist, würde es nicht ewig dauern, bis wir unser Haus wieder würden betreten können, dachte ich, und rief an.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine Frau mit osteuropäischen Akzent. Ich schilderte ihr unser Problem und buchstabierte ihr mehrmals, wo wir wohnen. Das machte mich ein bisschen stutzig: Ein in Burgdorf ansässiges Unternehmen müsste von der Pestalozzistrasse doch schon gehört haben?

Andrerseits, überlegte ich mir: Vielleicht arbeitet die Dame erst seit Kurzem in dieser Firma. Möglicherweise planget sie gerade dem Ende ihres langen ersten Wochenenddienstes entgegen und ist mit ihren Gedanken schon ganz woanders.

Jedenfalls versprach sie mir, dass “in maximal 20 bis 40 Minuten” ein Monteur bei uns sein würde, um den Fall zu lösen. Meine Frau, unser Hund und ich setzten uns auf das Bänkli. Wir warteten.

Und warteten.

Und warteten.

Nach einer Weile begann es leicht zu winden. Dann setzte ein Nieselregen ein. Ab und zu sahen wir Scheinwerfer über die Strasse streichen, doch keines der Autos hielt an.

Eine Stunde nach meinem ersten Anruf riss ich die junge Frau erneut aus ihren Schichtende-Träumen. Ich teilte ihr mit, dass wir nach wie vor des Mechanikers harren würden. Die Frau sagte, sorrysorry: Der zuständige Mitarbeiter sei gerade noch an einem anderen Ort beschäftigt, aber schon so gut wie bei uns.

Daraufhin verstrich eine weitere Viertelstunde. Dann meldete sich der Monteur telefonisch. Er sei gleich da, versprach er.

Anderthalb Stunden, nachdem wir unser kleines Missgeschick gemeldet hatten, trudelte er gutgelaunt bei uns ein. Eine weitere halbe Stunde später hatte er meine Identitätskarte geprüft, das Türschloss aufgebohrt, einen neuen Zylinder eingesetzt und uns drei neue Schlüssel ausgehändigt.

Den Lohn für seine Bemühungen kassierte er sofort: 1032 Franken und 40 Rappen wanderten von meiner EC-Karte in sein Lesegerätchen.

240 Franken kostete die Notöffnung der Haustüre, 120 Franken kamen als Spätzuschlag dazu, 240 Franken gabs zusätzlich als Feiertagszuschlag und 150 Franken als Betriebskostenpauschale. Der neue Zylinder kam uns auf 275 Franken zu stehen; für das Knacken des alten Schlosses – das dauerte mit dem Bohrer knapp 30 Sekunden – bezahlten wir ihm gut 50 Franken.

Der Mann war schon über alle Emmentaler Höger verschwunden, als ich mir seine Quittung genauer anschaute. Überrascht stellte ich fest, dass die Firma mit Burgdorf nicht das Geringste zu tun hat:

Ihre Betreiber registrierten sie offenbar einfach in den Telefonbüchern von zig Schweizer Gemeinden. Wer Hilfe braucht, fragt ja selten lange nach, woher sie kommt.

Nachtrag: Wir hätten im März 2018 den “Beobachter” lesen müssen.

Geisterfahrer

Eine Frau beklagt sich bei der Serviertochter (und gleich danach bei einem extra deswegen herbeizitierten Mitglied der Küchenbrigade) darüber, dass der gebratene Schinken vom Zmorgebuffet „nich aufn Punkt!“ ist.

Tags darauf zeigt ein Vater gleichenorts, wie er seine Aufgabe als Ernährer der Familie interpretiert: Er stopft solange Brötli, Aufschnitt, Wursträdli, Käse, Früchte und Kafirähmli in seinen Rucksack, bis er sicher sein kann, dass er und seine Lieben ohne Mangelerscheinungen und unnötige Auslagen durch den Tag am Meer kommen werden.

Unmittelbar nach der Ankunft im Hotel staucht eine Mutter den Receptionisten zusammen, weil das Zimmer um kurz vor 10 noch nicht bezugsbereit ist.

Überall hängen Schilder, auf denen steht, dass das Reservieren von Pool-Liegen mit Badetüchern aus Fairnessgründen verboten sei. Noch bevor die Sonne aufgeht, ist die Hälfte der Plätze mit Badetüchern belegt.

Ein Mann bislet vor Dutzenden von Zuschauerinnen und Zuschauern in den Sand, einfach so. Steht hin, packt aus, legt los, packt ein. Soviel Herz für die Umwelt hat nicht jeder: Tausende andere entleeren ihre Bierblasen im Meer, ohne auch nur einen Gedanken an das fragile Ökosystem des Kanarischen Archipels zu verschwenden.

In einem Ton, der den Umsitzenden signalisieren soll, dass ihr kulinarisch schon lange niemand mehr etwas vormachen kann, bestellt eine Frau in einem Restaurant der etwas gehobeneren Preisklasse Gambas. Als der Kellner die Platte bringt, verwirft sie theatralisch die Hände und sagt zu ihm, das könne er gleich wieder mitnehmen. Meeresfrüchte vertrage sie nicht.

Kai führt immer noch Kunststückli vor, aber nicht mehr ganz so emsig wie Anfang Woche. Seine Eltern geniessen weiterhin ihre Quality Time.

Das “Sandia” und die “Cita”, zwei einst blühende Unterhaltungs- und Shoppingcenter im Kern von Maspalomas, sind verdorrt. Zwischen Elektroschrott und Billigstsouvenirs schlurfen Menschen wie Geister von Zapfhahn zu Zapfhahn. Sie alle hofften einst, ihre Schulden und anderen Sorgen loszuwerden, indem sie Deutschland, Holland, Österreich oder der Schweiz den Rücken kehren und nach Gran Canaria auswandern. Nun sind sie hier, zum Teil seit Jahrzehnten, und schlagen die Zeit tot beim Warten auf etwas, was sie vermutlich selbst nicht benennen können. Wer wissen will, wie es im Untergeschoss der Zivilisation aussieht, soll einmal durch das “Sandia” oder die “Cita” bummeln.

Wie auf einer Safari in der Savanne schleichen Männer Tag für Tag mit durchgeladenen Handys durch die Menschenrudel an der Playa und knipsen, was auch immer sich oben oder/und unten ohne in der Sonne räkelt. Ob knackiges Jungtier oder gut abgehangenes Riesengrosswild: Zu stören scheints niemanden.

In manchen Strandbeizen gibts zu jedem Menü einen Gratiskübel Sangria. Ganz Schlaue lassen das Essen aus, bestellen nur das Getränk – und ereifern sich dann schnappatmend darüber, dass es verrechnet wird.

Vor einem Swingerclub im “Sandia” stehen um 22.25 Uhr drei weisshaarige Senioren in Bluejeans und Harley Davidson-Shirts, die es hier an jeder Ecke für 5 Euro zu kaufen gibt. Sie vergitzlen fast vor Vorfreude darauf, dass der Sextempel gleich aufgeht. Mindestens zwei der Herren sind, ihren hummerroten Gesichtern nach zu schliessen, erst seit Kurzem auf der Insel. Das heutige Motto lautet “50 Shades of Black”. Frauen sind keine zu sehen. Um garantiert auf ihre Kosten zu können, müssten sich die Oldies noch einen Tag länger gedulden. Dann steigt im Club die grosse “Hap-bi”-Party.

Touristen, die sich mit Land und Leuten auskennen, sagen in spanischen Gefilden „Grazie“ statt „Danke“.

Und dann, natürlich: Die zu allem entschlossenen All Inclusive-Truppen, die rund um die Uhr durch Strassen und Gassen marodieren und auf ihren Saubannerzügen mit halbvertilgten Pizze, zerbrochenen Flaschen, nur leicht angemagensäuerten Kebabs undsoweiterundsofort eine Schneise der Verwüstung ziehen, welche frühmorgens auch von der fleissigsten Putzequipe nur notdürftig beseitigt werden kann, bevor die nächste Horde über die Stadt herfällt.

Nach zwei Wochen in Maspalomas habe ich das Gefühl, der einzige normale Mensch auf Gran Canaria zu sein. Aber gut: Das denken alle anderen sicher auch. Der Geisterfahrer merkt schliesslich ebenfalls nicht, dass er auf der falschen Spur unterwegs ist. Er wundert sich nur darüber, dass ihm ständig so viele Geisterfahrer entgegenkommen.

So oder so: Es ist Zeit, nach Hause zu fliegen; nach Burgdorf, wo alles seine Ordnung hat. Wo alles ist, wie es sein sollte, und wenn einmal doch nicht, bald wird, wie es sein muss.

Kain Interesse

Wie ein Rudel satter Löwen dösen auch an diesem Nachmittag zwei Dutzend Menschen am Hotelpool. Die Sonne hat die Luft von frühmorgendlichen 29 auf 36 Grad erwärmt. Kein Wölkchen verunstaltet den Himmel. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern auf Chilllounge getrimmte Uralthits über das Areal. Ein kleiner Wasserfall plätschert. Hin und wieder zwitschert in den Palmenkronen ein Vogel. Die Zeit zerfliesst wie flüssiger Honig. Es könnte alles so schön sein…,

…doch da ist noch Kai.

Kai führt Kunststücke vor. Der etwa Siebenjährige kann ins Becken hüpfen, ohne sich die Nase zuzuhalten. Er macht unter Wasser Handstände und Heubürzel und schwimmt auf dem Rücken, ohne zu ertrinken. Würde Kai über den Pool spazieren: Niemand wäre erstaunt.

Kopf und Kragen riskiert der Bub allerdings nicht nur zu seinem Vergnügen, sondern auch – oder vor allem – für seine Eltern. Jedesmal, wenn er springt oder taucht, kündigt er den Stunt mit einem überlauten “Papa, schau!“ oder „Mama, guck!“ an.

Kais Papa hat seinen Vierzigsten schon vor einem Weilchen gefeiert. Er arbeitet vermutlich im mittelhohen Segment einer Bank voller Ehrgeiz, aber ohne Aussichten darauf, es irgendwann noch in die Top 50 zu schaffen. Er trägt ein zweierzeltgrosses T-Shirt mit der neongelben Aufschrift YO! und dazu eine knallenge schwarze Badehose.

Die Mama ist in den Dreissigern, teilgetunt und betreibt im Parterre ihres Einfamilienhäuschens am Stadtrand auf Hundert und zurück ein Nagelstudio. Sie bestreitet ihren ersten Tag am Pool in einem weissen Nichts von Bikini, der über und über mit gelben und blauen Smileys übersät ist.

„Mama, guck!“, „Papa, schau!“, brüllt der Kleine zum wachsenden Verdruss der sich in der Hitze räkelnden Gäste einmal pro Minute durch die Anlage, und zwar seit tatsächlichen zwei und gefühlten sechzehn Stunden. Doch Mama guckt lieber einen Film, und Papa schaut ununterbrochen auf sein iPad.

Ich stelle mir vor, wie es bei Kais daheim zu- und hergehen mag. Wahrscheinlich hört der Knabe von seiner Mutter jeden Tag zigmal, sie habe leider gerade keine Zeit für ihn, denn „gleich kommt die Sabine von gegenüber. Die mit den Füssen. Du weisst schon”.

Wenn der Vater um Punkt 18.15 Uhr, gezeichnet von einer weiteren Schlacht um einen anständigen Bonus, nach Hause zurückkehrt, serviert die Mutter das Znacht. Die Nahrungsaufnahme geht in der Regel wie in einem Schweigeorden vonstatten. Anschliessend gönnt sich der Hausherr eine Runde Bundesliga. Dann geht er schlafen, doch das bekommt Kai nur selten mit. Der Schüler wird um spätestens 21 Uhr ins Bett geschickt.

„Wir wissen, dass du ein wenig zu kurz kommst, Schätzchen. Aber in den Ferien werden wir nur für dich dasein, versprochen“: Diese Sätze trösteten Kai in den letzten elf Monaten wohl immer wieder aufs Neue über sein Alleinsein hinweg.

„Ferien“ heisst für ihn (wie für jeden Gleichaltrigen auch): Die Eltern haben endlos Zeit. Mama lacht und Papa spielt mit ihm, und umgekehrt. Sie machen Sachen zusammen. Unternehmen Ausflüge. Probieren komisches Zeug aus dem Meer. Treffen am Strand Familien mit andern Kindern.

“Ferien” bedeutet für die Kais dieser Welt im zweitbesten Fall: Der Mittelpunkt der Familie zu sein.

Und im besten: Spüren zu dürfen, dass man für seine Eltern trotz des Dauerstresses, den sie (vorgeben zu) haben, das Allerallerwichtigste ist.

Nun sind die heissersehnten Ferien da, aber Kai merkt von alledem nichts. Wäre er ein Hamster, hätten ihn seine Besitzer für diese zwei Wochen zu Bekannten gegeben. Das wäre für alle Beteiligten wahrscheinlich die ideale Lösung gewesen: Die Eltern könnten ihre Auszeit geniessen, ohne ständig ihren Sohn ignorieren zu müssen. Die Leute am Pool hätten ihre Ruhe…

…und Kai wäre, wo auch immer, unendlich viel glücklicher als hier, auf dieser spanischen Insel vor Afrika, mit seiner Mama und seinem Papa, die seit Kurzem mit je einem bunten Smoothie in der Hand an der Poolbar höcklen und nicht mitbekommen, wie ihm beinahe ein Salto gelingt.

Eine Art Betriebsausflug (4)

Heute geht eine ereignisreiche Woche zu Ende: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter, der Gründer, der Inhaber und der Geschäftsführer eines Burgdorfer Schreibstüblis, liessen auf Gran Canaria sieben Tage und sechs Nächte lang die Köpfe rauchen, „um auf dem Weg zu Olymp wieder ein paar Schritte vorwärts zu kommen“, wie Hofstetter es mit der ihm eigenen Zurückhaltung formulierte.

Ihre Ziele haben sie erreicht: Nach intensivem Abwägen aller Für und Widers beschlossen sie, die Rolf Knie-Bilder aus dem Empfangsbereich der Konzernzentrale einem Blindenheim zu schenken. Weiter einigten sie sich darauf, nächstes Jahr vielleicht eine Occasions-Kaffeemaschine zu kaufen. Noch offen ist, ob die Frau, die dem Trio anbot, Hofstetter als Verwaltungsratspräsidenten abzulösen, wirklich die Idealbesetzung für diesen Posten ist. Aber das wird sich bald weisen.

Zum Abschluss hat Hofstetter Hofstetter und Hofstetter ins „Hexenhäuschen“ eingeladen. Dort sitzen die drei nun an einem grossen Tisch in der Mitte des Lokals. Pink uniformiertes Servicepersonal schwirrt auf Rollschuhen durch die Beiz. In den Lautsprechern besingt Wolfgang Petry die „Hölle, Hölle, Hölle“. Für die Gäste aus der Schweiz ist eine gewisse Gundula zuständig. Sie hiess vor diversen Operationen Henning und arbeitete als Primarlehrer in Düsseldorf, aber das braucht hier niemand zu wissen; Hofstetter schon gar nicht.

Hofstetter: „Männer – wir haben unsere Mischschn äkkomplischt! Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um euch für euren unermüdlichen Einsatz…“

Hofstetter: „…ist ja gut, ist ja gut. Wir haben ohne Blutvergiessen ein paar Tage miteinander verbracht und dabei anderthalb Dinge beschlossen. Das ist von mir aus gesehen kein Grund, gleich pathologisch zu werden.“

Hofstetter: „Trotzdem finde ich…“

Hofstetter: „Ich habe jetzt vor allem Hunger.“

Hofstetter: „Ich auch! Was gibt es hier Feines?“

Hofstetter: „Für diese historische Stunde habe ich mir für euch eine ganz besondere kulinarische Überraschung einfallen lassen. Heute pfeifen wir uns die Spezialität aller spanischen Spezialitäten rein. Wir gönnen uns eine original echte Ur-Paëlla!!!“

Hofstetter: „Was hats da drin?“

Hofstetter: „Reis vor allem. Den lässt die Nonna nach generationenalten Rezepten tagelang im Hinterhof köcheln. Dann stampfen die Enkel mit ihren nackten Füsschen daraufherum, bis er schön sämig ist. Am Ende kommen Meeresfrüchte rein und Krebse und Muscheln und Erbsli und Kaninchenstücke und…“

Hofstetter: …“Kaninchen? Ohne mich. Kaninchen esse ich nicht.“

Hofstetter: „Was hast du gegen Kaninchen?“

Hofstetter: „Überhaupt nichts. Das ist ja das Problem.“

Hofstetter: „Wenn du unbedingt darüber reden willst…“

Hofstetter: „Danke. Das ist lieb von dir. Erinnert ihr euch an Onkel Max?“

Hofstetter: „Aber sicher. Das war doch der, wo einen Bauernhof…“

Hofstetter: „…ich glaubs nicht. Ich glaubs einfach nicht!“

Hofstetter: „Was ist?“

Hofstetter: „In unserem Schreibstübli arbeitet jemand, der, wo der, wo sagt! Das ist übelstes Proletendeutsch! Das hört man nur auf RTL2 und so, aber nicht bei uns, in der Zivilisation.“

Hofstetter: „Jetzt gehts aber um Onkel Max und den Chüngel.“

Hofstetter: „Schön. Weiter.“

Hofstetter: „Also: Ich war als Bub bei Onkel Max in den Ferien. Eines Tages sagte er, er sorge jetzt dafür, dass Lampi – so hiess das Tier – an einen Ort komme, wo die Bäume voller Heu hängen und an dem es keine Gitter gebe und an dem er rammeln könne, soviel er wolle.“

Hofstetter: „Und dann?“

Hofstetter: „Er fragte, ob ich dabei zuschauen wolle, wenn Max an diesen schönen Ort reist. Natürlich sagte ich ja und…“

Hofstetter: „…und…“

Hofstetter: „…Onkel Max holte munter pfeifend eine kleine Pistole aus dem Keller und stellte sich vor Lampis Käfig. Dann öffnete er das Türchen, steckte die Pistole hinein…und zack!, hüpfte Lampi raus in den Garten.“

Hofstetter: „Eine nicht unverständliche Reaktion, würde ich sagen.“

Hofstetter: „Lampi raste panisch im Zickzack durch die Beete und Sträucher. Max hetzte ihm hinterher und trampelte alles in Grund und Boden, was Tante Hilda im Frühling so süüferli angepflanzt hatte. Während er Lampi verfolgte, schoss er immer wieder auf das Tier, aber traf es einfach nicht.“

Hofstetter: „Auch diese Geschichte hat sicher ir-gend-wann ein Ende.“

Hofstetter: „Also gut, ich kürze ab. Als es Onkel Max zu blöd wurde, ging er wieder in den Keller. Ich hörte, wie es da unten schepperte und machte, und dann stand er wieder im Garten, mit einer Schrotflinte im Anschlag. Er schoss vier- oder fünfmal auf Lampi, obwohl der schon nach dem ersten Treffer töter als tot war. Als Onkel Max das Gewehr weglegte, sah Lampi aus wie ein Papiernastuch aus dem Tumbler. Seither sind Chüngel für mich gestorben, sozusagen. Jedenfalls zum Essen.“

Hofstetter: „Dann bleiben also nur wir zwei.“

Hofstetter: „Scheint so.“

Hofstetter: „Ich bestelle für mich einen Liter Sangria zur Vorpeise, wegen den Früchten. Zum Hauptgang nehme ich ein Halbeli Roten und zum Dessert ein paar Schnäpse aus der Gegend, wenns recht ist. Der Appetit ist mir gerade vergangen.“

Hofstetter: „Gundula!!!“

Gundula (rollt mit einem Lächeln, das wie angebosticht wirkt, an den Tisch): „Die Herren haben gewählt?“

Hofstetter: „Si, haben wir. Für uns zwei die Paëlla Megasgigas und zwei Halbeli Weissen, und einen Liter Sangria für den Herrn; mit einem Röhrli, wenns geht.“

Gundula (dreht eine formvollendete Pirouette): „Was immer ihr wünscht, ihr Hübschen.“

Hofstetter: „Ich glaube, mit dieser Gundula stimmt etwas nicht.“

Hofstetter: „Die findet uns nur hip. Ich kanns ihr nicht verdenken.“

Hofstetter: „Was ist jetzt eigentlich mit dieser Frau, die unsere neue Verwaltungsratspräsidentin werden will?“

Hofstetter: „Mit der ist soweit alles klar.“

Hofstetter: „Das heisst?“

Hofstetter: „Im Oktober kommt sie nach Burgdorf, für ein Casting.“

Hofstetter: „Du machst mit ihr ein Casting?!?“

Hofstetter: „Es heisst nicht ‚Casting’, aber der richtige Fachbegriff ist mir entfallen. Ich weiss grad nur noch, dass er mit ‚F’ anfängt.”

Hofstetter: „‚Assessment’?“

Hofstetter: „Genau. Sie kommt zu einem Assessment nach Burgdorf.“

Hofstetter: „Wie soll das denn aussehen, dieses Assessment?“

Hofstetter: „Ach: Den Rubrikwürfel in einer Minute fixfertigmachen, ein paar Sudokos lösen, Einzel- und Gruppengespräche…und die Kletterwand natürlich. Um die Kletterwand kommt auch sie nicht herum.“

Hofstetter: „Was heisst: ‚auch sie’? Kein Mensch musste bei uns je eine Kletterwand…“

Hofstetter: „Bei anderen Playern…“

Hofstetter: „…’Playern’. Er hat wirklich ‚Playern’ gesagt. Ich…“

Hofstetter: „…andere Firmen jagen jeden Tag zig Bewerber die Kletterwände hoch. ‚Survival oft the fittest’; du weisst schon. Das hat Churchill erfunden, und an dem gibts nun ganz bestimmt nichts herumzukritisieren.“

Hofstetter: „Das mit dem Survival of the fittest ist eine Theorie des Naturforschers Charles Darwin. Winston Churchill hingegen war einer der bedeutendsten Staatsmänner und Militärstrategen des letzten Jahrhunderts. Er…“

Hofstetter: „…stimmt. Jetzt kommts mir wieder in den Sinn: Churchill…Vietnam…wie konnte ich das nur vergessen?”

Gundula (kurvt mit einer Kollegin heran. Die beiden tragen an je einem Griff eine monströse Gusseisenpfanne und lassen sie donnernd auf den Tisch krachen): „Eure Paëlla, Schätzchen. Die Getränke kommen gleich.“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Soviel Silikon auf einmal habe ich auch noch nie gesehen.“

Hofstetter: „Das meine ich nicht. Ich meine das hier. Schau dir das an!“

Hofstetter: „Ich habe einmal mehr nicht zuviel versprochen.“

Hofstetter (greift zu Messer und Gabel): „Dann klemmen wir uns doch einfach mal dahinter.“

Hofstetter: „Mooo-ment. Leg das Besteck weg.“

Hofstetter: „Wieso?“

Hofstetter: „Weil der Spanier seine Paëlla mit der Hand ist, und zwar mit der rechten. Die linke ist für ihn schmutzig.“

Hofstetter: „Du spinnst doch.“

Hofstetter: „Oh, nein. Das ist so. Das weiss aber niemand, weil der Spanier immer nur dann Paëlla isst, wenn er unter sich ist. Da haben Fremde keinen Zutritt.“

Hofstetter: „Siehst du, wie das dampft?“

Hofstetter: „Meine Brille ist gerade beschlagen.“

Hofstetter: „Eben. Das kommt vom Dampf.“

Hofstetter: „Das ist nur Show, wie bei den Molekularköchen. Bei denen rauchts auch aus jedem Schnitzel und auf jedem Coupe, aber brennen tuts nirgendwo. Was hier zu dampfen scheint, ist nur die oberste Schicht, damits chli nach Öppisem aussieht. Darunter ist alles so lauwarm wie ein Bad für Bébés. So. Und jetzt…“(krempelt den rechten Hemdsärmel hoch)

Hofstetter: „Er macht es. Er macht es tatsächlich!“

Hofstetter (drückt die Hand bis zum Gelenk in den Reisberg…und reisst sie brüllend wieder hinaus. Zahllose Reiskörner fliegen wie bei einer tamilischen Hochzeit kreuz und quer durch den Raum. Pouletstückchen, Kaninchenfetzen und Muscheln landen auf Abendkleidern und in Frisuren. Zitronenschnitze klatschen an die Wände): „Gopferteli, ist das heiss!!!“

Hofstetter: „Aha.“

Hofstetter: „Das war sie jetzt also, die ganz besondere kulinarische Überraschung. Ich muss sagen, sie ist dir nicht schlecht gelungen.“

Hofstetter: „Ich verbrenne! Sehr ihr nicht, dass ich verbrenne?!? Das tut abartig…ich…heieieieieiei!, ist das…aaaah!…Gundula!!!“

Gundula (schwebt lächelnd an den Tisch): „Immer zu Diensten, mein Vögelchen. Hast du diese kleine Sauerei nur für mich angerichtet?“

Hofstetter: „Wasser! Bring mir Wasser! Sofort!!!“

Gundula (zuckt zusammen): „Ups. Sorry. Eure Getränke habe ich total…“

Hofstetter: „Deine Getränke kannst du dir…bring Wasser! Jetzt! Mir! Und Eis! Wasser mit Eis drin! Oder nur Eis! Eiskaltes Wasser! Einen ganzen Kübel voll, und zwar JETZT!!!“

Gundula: „Ich eile, ich fliege“ (rollt gemächlich in Richtung Küche).

Hofstetter (nimmt erneut sein Besteck zur Hand): „Ist es für dich in Ordnung, wenn ich…“

Hofstetter: „Mach doch, was du willst.“

Hofstetter: „Es ist ja gerade kein Urspanier da, der mein Benehmen bei Tische missbilligen könnte. Deshalb erlaube ich mir, mit Messer…“

Hofstetter: „Wo ist eigentlich mein Sangria geblieben?“

Gundula (kommt in diesem Moment mit einem riesigen Kübel Sangria angerollt): „Immer schön locker bleiben, mein Bester. Hier ist er schon.“

Hofstetter (entreisst Gundula den Sangriaeimer und versenkt seinen Arm bis zur Schulter darin): „Läck, tut das gut! Habt ihr gehört, wies gezischt hat, als ich…“

Hofstetter: „…die Paëlla ist in der ganzen Beiz verstreut, Hofstetters Sangria ist im Eimer, ich habe noch überhaupt nichts zu trinken bekommen, und die Serviertochter ist ziemlich sicher ein Mann. Ich habs glaub gesehen, Leute. Ich will nach Hause.“

Hofstetter: “Teilen wir uns ein Taxi?”

Hofstetter: “Aber sicher. Was ist mit dir? Kommst du mit, oder bleibst du nochli hier, unter deinen Eingeborenen?”

Hofstetter (zieht den Arm aus den Kübel und schüttelt ihn, bis alle Umsitzenden auch noch ein paar Deziliter Sangria abbekommen haben): “Ich komme mit.”

Hofstetter (winkt Gundula an den Tisch): “Zahlen, bitte!”

Gundula: „Hats nicht geschmeckt?“

Hofstetter: „Ich weiss nicht. Wir müssen leider schon gehen. Wir haben noch Termine.“

Gundula (drückt einen roten Kussmund auf die Rechnung und legt das Papier auf den Tisch).

Hofstetter: “Zweihundertachtundneunzigachtzig?!? Seid ihr noch bei Trost?”

Gundula: “Die Reinigung dieses Häuschens ist im Preis inbegriffen.”

Hofstetter (legt drei Hunderter auf den Tisch und knurrt): “Scho rächt.”

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter verlassen die Beiz.

Hofstetter (beim Öffnen der Zimmertüre, nachdem alle drei schweigend zum Hotel geschlurft sind): „Aber sonst wars toll, müsst ihr sagen. Ich meine: Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall vorhin, von dem im Büro übrigens nicht unbedingt alle erfahren müssen.“

Hofstetter: „Nunja…“

Hofstetter: „…dann machen wir das doch am besten gleich ab: Nächstes Jahr zur selben Zeit sind wir wieder hier. Mit unserer neuen Verwaltungsratspräsidentin! Dann läuft das gaaaanz anders, meine Herren!“

Hofstetter: „Nichts hoffen wir mehr.“

Hofstetter: „Also dann…“

Hofstetter: „Nun…“

Hofstetter: „Tja…“

Hofstetter: „Wir sehen uns morgen in Las Palmas; um 11.15, im Flughafen. Ok?“

Hofstetter: „Ok.”

Hofstetter: „Ich habe meinen Rückflug gestern storniert und bleibe noch eine Woche länger.“

Hofstetter: „Wieso…“

Hofstetter: „Ich will jetzt einmal das andere Maspalomas kennenlernen. Das ohne Flipchards und Powerpointkram und alles. Das richtige, wahre. Das sonnige und heisse. Ich will stundenlang am Strand liegen und tagelang am Pool faulenzen. Ich wills einfach nochli geniessen. Nehmts mir bitte nicht übel, Leute. Aber das geht ohne euch entschieden besser als mit euch.“

Hofstetter: „Mit viel gutem Willen kann ich das verstehen. Schreibst du uns mal?“

Hofstetter: „Ich schreibe ganz sicher. Vielleicht sogar euch.“

Was bisher geschah

29.8.2018: Hofstetter lässt eine Bombe platzen: Eine geheimnisvolle Unbekannte bewirbt sich als neue Verwaltungsratspräsidentin. Hofstetter und Hofstetter vergitzlen fast vor Neugierde, aber Hofstetter sagt über die Frau nur das Allernötigste. Was zuvor und danach passierte, kann hier nachgelesen werden.

26.8.2018: Während Hofstetter mit den Spätfolgen des Schoggi-Dürüms kämpft, machen die anderen beiden sich Gedanken darüber, wie die es ohne den Verwaltungsratspräsidenten weitergehen soll. Das Protokoll ist hier verlinkt.

24.8.2018: Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter landen für ihren fast alljährlichen Betriebsausflug auf Gran Canaria. Bei einem Schoggi-Dürüm kommt es zu ersten leichten Spannung im Grüppli. Zum Protokoll gehts hier entlang.