“Gitarrensaiten auf Kettensägen”

“Kritisiere nicht, was du nicht verstehen kannst.”

(Bob Dylan in “The times they are a-changin’“)

Eigentlich hatte ich im “Zeit“-Archiv nach etwas ganz anderem gesucht. Doch dann stolperte ich über einen Artikel aus dem Jahr 1981. Dessen Autor beschäftigte sich mit der Frage, ob es Bruce Springsteen – der in den USA schon damals eine ziemlich grosse Nummer war – wohl gelingen würde, auch in Europa Fuss zu fassen.

Mit dem Wissen von heute zu lesen, was Kritiker gestern und vorgestern notierten: Das ist nicht nur hochinteressant, sondern bisweilen auch sehr erheiternd, wie ich gleich nach meinem Springsteen-Fund auf einem spontanen Bummel durch die Online-Bibliothek der deutschen Wochenzeitung feststellen durfte:

“Die fünf ‘Rollenden Steine’ sind unter musikalischem Aspekt nicht sonderlich interessant. Obwohl sie singen, ist es nicht eigentlich Gesang, was sie bieten. Sie eifern den ‘Beatles’, ihren Landsleuten, auf noch härtere, gröbere Weise nach: sie schreien. Dabei schafft Gitarrenplärren ihnen ein ärmlich harmonisches Dach, und vom Schlagzeug kehrt hartnäckiger Rhythmus wieder, der schon seit Urvölkerzeiten geeignet ist, Ekstase auszulösen, wenn es nur recht primitiv zugeht.”

(Über ein Rolling Stones-Konzert im September 1965.)

“Schlag acht donnert das Intro, springt Slash mit den Kumpanen aus der Kulisse, drischt Matt Sorum ins Trommelwerk. Axl Rose, in Shorts und wehendem Jackett, stemmt den Fliegerstiefel auf die Box und singt ‘Live And Let Die’, das alte James-Bond-Lied. Zwei Stunden lang arbeiten sich Guns N’ Roses durch ihr düsteres Songbuch. Rose kreischt von Besessenheit, von Mr. Brownstone Heroin, perfekten Verbrechen und dass der Blues dem Tod der Unschuld folge, right next door to hell. Die erste Flasche fliegt. Rose droht mit dem Abbruch der fuckin’ Show und macht weiter. Mit seinem neuen Gitarrenkollegen Dizzy Reed spielt er ‘White Horses’ von den Stones. Überhaupt zitieren sie ständig – die Who, Led Zeppelin im Übermass, die Attitüden des Punk –, als müssten sie zeigen, was jeder weiss: Hier ist nichts neu. Guns N’ Roses plündern ältere Bestände. Riesige Aufblaspuppen buhlen um Sensation, Feuerwerk umböllert die Band. Slash und Rose hetzen wie Hasen hin und her auf der achtzig Meter breiten Bühne, die sie sowenig füllen können wie das Stadion. Was sie auch spielen, war schon da.”

(Über einen Auftritt der gefährlichsten Rockband der Welt im Juni 1992.)

“Wenn Michael Jacksons Falsettstimme durch seine oftmals banalen Nonsensverse winselt, sich in Murmeln, Stöhnen und Schluckauflauten verliert, mit schweren Atmern den polyrhythmischen Background-Effekten voranhaspelt und schliesslich schwermütig wispernd oder mit pubertären Kieksern wartet, bis die Musik ihn wieder eingeholt hat, dann vereinigen sich Unschuld und ausgekochter Professionalismus, unverstellte Gefühlstiefe und ausgefuchste Kalkulation zu einer explosiven Mixtur. Gegen Jacksons androgyne Sinnlichkeit wirkt Elvis’ lasziver Hüftschwung wie das Kokeln eines Köhlerofens gegen einen schmelzenden Reaktor. Aber: eine radioerotische Verseuchung tritt nie ein, denn Michaels Sinnlichkeit glüht hinter Panzerglas, seine Erotik ist nur auf Mikrochips aufgedampftes Image.”

(Über den “Pop-Held der Computerzeit” im April 1984.)

“Heute wird jeder Song durch ein schier endloses Gitarrensolo von Jimmy Page aufgebrochen, der Drummer spielt am Ende jedes Songs ein Schlagzeugsolo, und der Sänger stellt sich – wie in der Popmusik Ende der sechziger Jahre – mit seinen langen Haaren, hautengen Jeans und der einmal so publikumswirksamen ‘Squeeze-mylemon’ Attitüde als konventionelles Sexsymbol aus.”

(Über ein Led-Zeppelin-Konzert im März 1973 unter dem Titel “Niedergang einer der besten Rock-Gruppen”.)

“Draussen ist es kalt, drinnen ist Fernsehen. Ab 23.15 Uhr ‘Rock-Pop’. Eine dieser endlosen Rocknächte, Live aus Dortmund, Westfalenhalle. Angesagt ist: ‘Heavy metal’. Das ist die Richtung der Stahlhärtesten unter den Rockmusikern. ‘Iron Maiden’, Burschen aus England. Gegen diese eisernen Jungfrauen klingt ‘Supertramp’ wie Fahrstuhlmusik. Die ‘Scorpions’ spielen. Nun ja ‘spielen’. Einer Gitarre schrille Töne zu entreissen oder sie in Stücke zu hauen – dazwischen ist nur ein schmaler Grat. Was da aus dem Kanal kommt, ist ganz normaler ‘Heavy metal’-Sound. In der Sprache der ‘Heavy metal’-Fans ein ‘tierisch guter Sound’. Ganz normal. Normal für den, der’s mag. Grauenhafter, widerlicher Lärm für den, der’s nicht mag.”

(Aus einer Betrachtung zum Thema “Heavy Rock – eine Kraft, eine Wut, eine Aggression, die unvorstellbar ist für den, der es nicht erlebt hat”.)

“Was die Beatles in ‘Sergeant Pepper’ in braver Harmlosigkeit versuchten, zeigt dieses Quartett (Syd Barnett, Roger Waters, Rick Wright, Nicky Mason, inzwischen ein ‘Tip’) gekonnt: die musikalische Collage. Die Trickvielfalt beweist: die Leute haben Phantasie.”

(Über “The piper at the gates of dawn” von Pink Floyd im November 1967.)

“Dieses pseudoavantgardistische Gejaule, das zu allem Übel manchmal auch noch schlüpfrig diskohaft klang. Sein androgynes, vordergründig sexbetontes Image, diese schwülstigen Posen, ein erotischer Grenzgänger… er mobilisierte allerhand Vorurteile, nicht nur bei mir.”

(Über Prince im August 1986.)

“Und so schnallen sie Gitarrensaiten auf ihre Kettensägen, rattern das ganze abgeschmackte Riff-Repertoire von Motörhead bis Ministry herunter, schmieren ein bisschen Morricone obendrauf und kleistern ein paar Synthie-Schlieren dazwischen. Und jetzt Feministinnen, Ökologen, Gutmenschen und Sachbearbeiter, hergehört! Nehmt dies:’Bück dich befehl ich dir. Wende dein Antlitz ab von mir. Dein Gesicht ist mir egal. Bück dich.'”.

(Über Rammsteins “Musik aus der Folterkammer” im November 1997)

“Manche der neuen Amateurkapellen sind jenseits des nächsten grösseren Weihers so gut wie unbekannt, andere brachten binnen Jahresfrist mehr als eine Million LPs an die Käufer.”

(Über die Neue Deutsche Welle im Juli 1982)

Miles Davis musste sich nicht erst aus dem Rinnstein erheben, der für so viele schwarze US-Bürger die eigentliche Wiege ist. Als Sohn einer gutsituierten, konservativen, über Besitz verfügenden Klasse, die sich gelegentlich weisser gibt als die Rednecks, war er eher ein unruhiges Bürschchen, das sich so schnell wie möglich der Neger-Bourgeoisie entziehen wollte. Raus aus den Häkeldeckchen, weg von Mum and Dad, zum Teufel mit dem Truthahn beim Thanksgiving Day, rein ins kalte Wasser.”

(Zum 60. Geburtstag des “tätigen Jazz-Vulkans” im Mai 1986.)

“Als er die ersten Gitarrenakkorde zu ‘Roll Over Beethoven’ anstimmte, jubelte das Publikum, als stünden dort oben gleichzeitig Bob Dylan, Eric Clapton und John Lennon. Und als er dann während des improvisierten Zwischenspiels bei ‘Let It Rock’, der zweiten Nummer des Konzerts, zu seinem berühmten ‘Entengang’ (‘Duck Walk’) quer über die Bühne ansetzte, sprangen die Besucher wie elektrisiert auf, um den spektakulären Show-Trick zu sehen, über den sie immer nur gelesen hatten.”

(Über ein Konzert des “absoluten Rock-Idols” Chuck Berry im Februar 1973.)

“Jamaikaner sind ungewöhnlich musikalisch; die kleine Insel hat mehr prominente und qualifizierte Rock- und Popmusiker hervorgebracht als Jugoslawien, Italien, die Schweiz, Belgien oder Spanien.”

(Aus einer Abhandlung zum Thema “Reggae” im Mai 1979.)

Bob Dylan bringt eine Band von acht Musikern mit, dazu drei Go go-Girls, die hüftenschwingend die Harmonien summen. Das ist schon recht eklig und eine Provokation nicht nur für Feministinnen, aber derlei scheint heute zum Ritual zu gehören.”

(Über “ein Rock-Idol und seine Kritiker” im Juni 1978.)

“Ob Bruce Springsteen dem Ruf, der ihn schon lange vorausgeht, auch ausserhalb Amerikas gerecht werden kann, bleibt abzuwarten.”

(Über den “Mann, der den Rock’n’Roll retten soll” im April 1981.)

The Beatles (die Käfer) sind vier Jünglinge von normalem menschlichem Wuchs, aber ungewöhnlichem Haarschnitt. Drei von ihnen schlagen die Gitarre, einer bedient das Schlagzeug, alle vier singen.”

Über die “Top-Stars von den britischen Inseln” im Februar 1964.

Aus Weiss wird Schwarz

Sonntag, 6. Januar 2019: Ungläubig starren die Menschen an diesem frühen Morgen aus ihren Fenstern. Wochenlang hatte der Winter Burgdorf mit seinen eisigen Klauen umklammert. Doch nun scheinen seine Kräfte nachzulassen: Das Weiss auf dem Boden wird langsam wieder zu Schwarz.

Die Freudentränen der Überlebenden gefrieren innert Sekundenbruchteilen zu winzigen Perlen. Mit einem leisen „Pling“ zerschellen sie auf unzähligen Küchen-, Stuben- und Schlafzimmerböden zwischen dem Schloss und der Emme.

Auch die Ältesten können sich nicht erinnern, je ein schöneres Geräusch gehört zu haben.

Teneriffatagebuch

Samstag, 16. November:
Kurz, bevor der Flieger in Richtung Schweiz abhebt: Wie wars nun, auf Teneriffa?

Schön wars, in jeder Hinsicht. Das Wetter zeigte sich von einer sehr sympathischen Seite; die Temperaturen lagen konstant zwischen 23 und 28 Grad. Auf Sonnenschein musste ich meist bis Mittag warten, dafür konnte ich ihn dann bis am Abend geniessen. Heute Nacht begann es – wie für meinen Abreisetag bestellt – zu regnen.

Die Einheimischen begegnen ihren Gästen überaus freundlich. Das nur für Erwachsene konzipierte Hotel entsprach den mit vier Sternen recht (selbst) hochgeschraubten Erwartungen. Einzig das Buffet…aber wenn ich jeden Morgen, Mittag und Abend für mehrere hundert Kunden mit ebensovielen Geschmäckern, Vorlieben und Intoleranzen Abneigungen kochen müsste, würde ich auch nicht salzen wie ein Strassenmeister im tiefsten Winter.

Das touristische Teneriffa scheint ungleich sauberer zu sein als das touristische Gran Canaria. Nirgendwo liegen leere Bierdosen oder halbverdaute Döner herum. Jetzt, im November, machen hier vorwiegend ältere bis ganz alte Menschen Ferien. Sie stammen zum Grossteil aus England, Schottland, Schweden und Finnland. So verschieden die Leute sind – eines haben sie gemeinsam: Sie alle brauchen es nicht mehr ums Töten rund um die Uhr krachen lassen. Entsprechend ruhig ist es – ganz im Gegensatz zu Playa del Inglés oder Maspalomas nebenan – in der Nacht. Preislich gabs ebenfalls nichts zu meckern. Kurz: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir wieder einmal eine kurze Auszeit auf Tenerife gönne, ist ziemlich gross.

Die Ferien buchte ich einmal mehr bei Hintermann Reisen in Beinwil am See. Dessen Inhaber und Geschäftsführer begleitete mich durch die erste Woche in Costa Adeje, führte mich an den Fuss des Teide, erkundete mit mir Las Gomeras und überhaupt. Reklamationen hätte ich also jederzeit live anbringen können. Einen Grund dazu gab es jedoch nie.

Freitag, 16. November:

Fuul am Pool.

Donnerstag, 15. November:

“Probably the best Hamburgers on the island” gebe es bei ihnen, versprechen die Betreiberinnen der Bar “Unique” gegenüber “meinem” Hotel. Auch wenn mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen: Die Burger sind tatsächlich saugut. Und haben noch ein zusätzliches Plus: Wer – zu welcher Tageszeit auch immer – einen verdrückt hat, braucht sich bis zu Zubettgehen nicht mehr ums Essen zu kümmern.

Mittwoch, 14. November:

Ich bin gespannt, wie Fine, meine Coiffeuse, mit meinem neuen Look z Schlag kommen wird. Mit dem guten, alten Zwölfer dürfte es kaum getan sein. Und in den üblichen acht Minuten wohl ebenfalls nicht. Im Hintergrund ist übrigens das Hotel zu sehen, in dem ich in diesen zwei Wochen einquartiert bin.

Dienstag, 13. November:

Für Millionen von Menschen war sie bisher nur ein Mythos. Aber jetzt ist bewiesen: Sie lebt tatsächlich, die Taube auf dem Dach. Auf den Lorbeeren, die ihm nach seiner Entdeckung nun säckeweise über den Kopf gekippt werden, ruht sich der Forscher H.H. aus Burgdorf nicht aus: „Die Mineralwasserkorken knallen erst, wenn ich auch den Spatz in der Hand habe“, sagt der gmögige Typ mit der ihm eigenen Bescheidenheit.

Montag, 12. November:

Eigentlich wollte ich heute ein paar tiefschürfende und alles reflektierende Gedanken zum Wochenbeginn zu MacBook bringen. Aber dann war ich so verzaubert von den Farben, welche die Sonne am frühen Morgen an den Himmel malte, dass ich beschloss, ein Bild müsse genügen.

Sonntag, 11. November:

Auf einer Velotour entdeckte ich heute fernab von den Touristenhorden zufällig die Welt der Steinmannli und -fraueli. Nirgendwo ist es ruhiger und friedlicher. Jeder und jede schaut zwar vor allem für sich, aber letztlich sind alle immer füreinander da. Damit das so bleibt, baten mich meine neuen Freunde, niemanden zu verraten, wo sie zu finden sind. Ich komme diesem Wunsch gerne nach.

Samstag, 10. November:
“Der Südländer”, heisst es bisweilen, sei nicht ganz so gschaffig, wie, sagen wir: “der Schweizer”. Diesem Vorurteil kann – nein: muss – ich nun mit aller gebotenen Vehemenz widersprechen: Vor zwei Tagen war dieses Areal neben unserem Hotel noch gänzlich unbebaut. Nun steht darauf ein Restaurant mit Bar und Holzkohleofen und Grill und Mauer und allem, und irgendwie bin ich mir gar nicht sooo sicher, ob zwei(!) Schweizer Maurer das in derselben Zeit auch so tiptopp hinbekommen hätten.

Freitag, 9. November:

Morgen fliegt mein Freund zurück in die Schweiz, wo unverschiebbare Termine auf ihn warten. Zum Abschluss unserer Teneriffa-Woche lassen wir noch einmal so richtig die Sau raus: Wir trinken ein Bier (er) und ein Cola Zero (ich) und mampfen dazu eine Pizza. Um 22 Uhr herum schlafen wir tief und fest.

Donnerstag, 7. November:

In rund einer Stunde von 0 auf knapp 3000 Meter über Meer: Das war eine ziemliche Anstrengung heute, vor allem für unser Autöli. Auf dem Weg zum Teide – dem höchsten Berg Spaniens – und wieder hinunter nervten Martin und ich uns chli über all die motorisierten Touristen, bewunderten wir die bizarr-schöne Lavalandschaft und entdeckten wir eine Bar, die vermutlich noch kein Nicht-Insulaner je gesehen hat. Um viele tolle Eindrücke und die Erkenntnis, dass ein kleines Sichverfahren auch seine Vorteile haben kann, reicher, kehrten wir gegen Abend zurück an die Gestade des Atlantiks.

Mittwoch, 6. November:

Mit der Fähre eines gewissen Fred Olsen setzen wir auf La Gomera über. Die Fahrt zur zweitkleinsten Hauptinsel des Kanarischen Archipels dauert 50 Minuten. Im Hafen mieten wir ein Auto. Damit kurven wir durch eine verzaubert wirkende Landschaft über fast menschenleere Strassen hoch bis zur Spitze des Eilands. Dort wuchert ein mythisch anmutender Regenwald. Tiefe Schluchten ziehen sich durch die kargen Hügel zu den schwarzsandigen Stränden hinunter.

Dienstag, 5. November:

Um zu verhindern, dass die Plätze am Hotelpool noch vor dem Zmorge mit Tüechli belegt werden, hat sich das Management etwas einfallen lassen: Die Aussenanlage wird erst um 8.30 Uhr geöffnet. Für viele Gäste heisst das: Um spätestens 8 Uhr Uhr mit den Badeutensilien unter dem Arm vor dem Chetteli anstehen, das sie von den überreichlich zur Verfügung stehenden Liegen trennt.

Montag, 4. November:

Für Costa Adeje gilt dasselbe wie für jeden anderen grösseren Ort auf den Kanaren: Alle drei Meter steht eine Beiz. Den Wirten ist kein Argument zu dünn, um po-tenzielle Gäste auf ihre Lokale aufmerksam zu machen.

Sonntag, 4. November:

So sonnig und heiss, wie ich mir das vorgestellt hatte, ist es auf dieser Insel vor der Küste Westafrikas im November nicht; jedenfalls nicht am Morgen. Wolken bedecken den Himmel. Das Thermometer klemmt bei 25 Grad fest. Aber hey: In der Schweiz kommen die Garagisten nun kaum mehr nach mit dem Montieren von Winterreifen.

Samstag, 3. November 2018:

Der Flieger nach Teneriffa startet in Zürich in aller Herrgottsfrühe. Ich freue mich darauf, den Winter um zwei warme Wochen abkürzen zu können. Noch mehr freut mich, dass Martin spontan beschlossen hat, mich zu begleiten. Er ist seit Teenagerzeiten mein bester Freund, auch – oder gerade weil? – wir uns bisweilen für Ewigkeiten nicht sehen.

Stand by me

Samstag wars, am frühen Nachmittag, und in der Fabrik hielt sich ausser uns kein Mensch auf.

“Uns”: Das waren sieben Männer, die ein Langenthaler Traditionsunternehmen besichtigen durften, und der Patron der Firma.

Der Rundgang war beinahe zu Ende. Nun wollte uns der Chef einen Apéro kredenzen. Dafür mussten wir uns in den zweiten Stock begeben.

Natürlich hätten wir die Treppe hochlaufen können. Aber wenn schon ein Lift da war…

Sechs der Herren waren bereits drin, der Verwaltungsratspräsident und ich standen noch davor. Wir überlegten kurz, ob wir auf den nächsten Aufzug warten sollen, kamen dann aber zum Schluss, dass es für zwei Leichtgewichte wie uns sicher noch Platz in dieser Kabine hat, und zwängten uns ebenfalls hinein.

Der Chef drückte auf den Knopf. Der Lift setzte sich in Bewegung, geriet ins Stocken…und blieb quasi in der Luft hängen.

Rücken an Rücken und Bauch an Bauch standen wir in der jetzt plötzlich sehr klein wirkenden Kabine. Sinn des Ausflugs war gewesen, uns kennenzulernen. Dass wir uns dabei so nahe kommen würden, war aber nicht geplant.

Im Lift wurde es erstaunlich schnell warm. Während sich der Spiegel an der Seitenwand beschlug, zogen wir uns ein bisschen aus.

Ganz so einfach war das nicht. Wir merkten, dass das nur funktionierte, wenn abwechselnd fünf Männer noch dichter zusammenrückten und zwei Herren dem dritten halfen, sich der Jacke und des Kittels zu entledigen.

Umständlich kramten einige der Eingeschlossenen ihre Handys aus den Taschen. Der Patron versuchte vergeblich, den Hauswart oder den Elektriker zu erreichen. Daraufhin ergoogelte ein anderer Gefangener die Nummer der Liftherstellerin. Während er der Hotlinedame unsere Lage schilderte, gelang es dem Chef doch noch, sich mit internen Technikern in Verbindung zu setzen. Der Elektriker besuchte gerade jemanden in einem Altersheim, versprach aber, sich subito auf die Socken zu machen. Der Facility Manager war unterwegs. Good News gabs auch aus der Liftfirma: Bald werde ein Monteur vor Ort sein, hiess es.

Als die Notrufe abgesetzt waren, konnten wir nicht mehr viel machen. Also standen uns so höflich wie möglich auf den Füssen herum und plauderten die Zeit tot.

Wir blieben völlig cool, oder ämu so gelassen, wie das unter den gegebenen Umständen halt ging. Gründe zum Hyperventilieren bestanden zumindest in naher Zukunft nicht: Die Luft im Lift würde noch ein ganzes Weilchen ausreichen. Es drückte keine Blase, es grummelte kein Darm. Einer der Eingeschlossenen bemerkte, er fände es schöner, diese Momente mit sieben Frauen statt sieben Männern zu teilen. “Das käme ganz darauf an”, erwiderte ein anderer trocken.

20 Minuten, nachdem wir steckengeblieben waren, hörten wir ein leises Surren. Sekunden später begann sich der Boden unter uns zu bewegen. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung. Die Kabine fuhr nach unten, ins Parterre. Dort kramten wir unsere Kleider, die wir nach dem Ausziehen einfach hatten liegen lassen, zusammen. Wir gingen hinaus, klopften uns dem imaginären Staub von den Schultern, atmeten zwei-, drei- oder vielleicht auch viermal tief durch und spazierten schliesslich, als ob nichts gewesen wäre, in den zweiten Stock, wo wir uns nüssliknabbernd und an Tranksame nippend der wiedergewonnenen Freiheit erfreuten.

Irgendwann wurde es Zeit für den Aufbruch. Natürlich hätten wir über die Treppe zum Ausgang gelangen können.

Andererseits: Der Lift war ja immer noch da.