„And then – come back“

„So there you are across the seas
And here we are in Australia.

There you are exploring the world
And here we are in Australia.

With our Gumnur Babies and Banksia Men
The Possum, kangaroo and native hen.

Sea eagles soaring above the Hazards
Wattle birds, wombats and blue-tongue lizards.

A flotilla of yachts float in the bay
Warm sun on the sand, a blue summer’s day.

Dolphin’s leaping, gannets in flight
Southern Cross shining in the night.

There you are in a far, far land
And here we are in Australia.

So savour the world, drink your fill
And then –
come back home to Australia.“

(Dieses Gedicht schrieb die australische Autorin Molly Greaves („Memoirs of Freycinet“) für ihren Sohn Mikal, als er zweieinhalb Jahre lang im Ausland lebte).

Weiter gehts

Es ist schon seltsam: Zuhause, in Burgdorf, kann ich immer bis 4 Uhr ausschlafen. Hier, in Tasmanien, erwache ich schon um kurz vor halb Drei.

Einmal schreckte ich aus einem Traum hoch, der inhaltlich alles zu Guetnachtgschichtli degradierte, was ich schon an in Blut marinierten und mit menschlichen Innereien garnierten Thrillern gelesen habe, 24 Stunden später drückte die Blase, gestern zankten sich auf einem Baum neben unserer Unterkunft zwei Kookaborras („Lachende Hanse“, wie der Lateiner sagt) in Metallica-Lautstärke, und jetzt sitze ich schon wieder zu dieser doch noch recht frühen Stunde auf der Terrasse vor unseren Häuschen in der Freycinet-Lodge an der Great Oyster Bay, lasse den Wind meine Locken verwuscheln, lausche dem Getier, das für mich unsichtbar durchs Unterholz kreucht und fleucht und den Fröschen, die nebenan quaken, und starre dabei irritiert auf den Kalender, der mir anzeigt, dass schon ein Drittel unserer Ferien Down Under vorbei ist.

Über eine Woche lang haben wir nun auf dieser Insel zwischen Australien und der Antarktis verbracht – und waren jeden Tag aufs Neue begeistert über den Reichtum an Tieren und Pflanzen, die wunderschönen Landschaften, die oft pittoresken, in jedem Fall aber sehr gepflegt wirkenden Örtchen und die ungekünstelte Freundlichkeit der Menschen, die hier leben.

Auch wenn Tasmanien mit seinen endlosen Hügelketten und den sich von irgendwo nach nirgendwo erstreckenden Buschgebieten auf den ersten Blick nicht übertrieben einladend wirken mag: Wer hierherkommt und bereit ist, sich auf dieses spezielle Land und seine selbstbewussten, naturverbundenen und chli knorrigen Bewohnerinnen und Bewohner einzulassen, fühlt sich auf Anhieb wohl und willkommengeheissen.

Wettermässig entsprach das Haben nicht ganz meinem Soll: Eigentlich hatte ich brütendheisse Tage und lauwarme Abende erwartet. Dem war nur bedingt so: Das Klima ähnelt plusminus jenem in einem normalen Schweizer Sommer. Sobald die Sonne weg ist, wirds sogar frisch bis an den Schlotterpunkt. Als wir gestern den East Coast Natureworld-Tierpark besuchten, fiel vom Himmel plötzlich Wasser auf die Tasmanischen Teufel, Kängurus, Strausse, Wombats und menschlichen Anwesenden.

Doch wenn ich mir auf Facebook zwischendurch anschaue, wie es aktuell zuhause aussieht und mir eine Freundin via Whatsapp zähneklappernd mitteilt, in Burgdorf sei es „arschkalt“, mussdarf ich sagen: Es gibt nichts zu klagen.

Morgen früh fahren wir von Coles Bay zurück nach Hobart, um den Flieger zu besteigen, der uns nach Brisbane an der australischen Ostküste bringen wird. Von dort fahren wir den Gästezimmern von Familienmitgliedern entlang in den Süden, wobei: „fahren wir“ trifft es nicht ganz. Am Steuer sitzt mein Schatz, während ich mich ums Musikalische kümmere und mit einem 50 Prozent-Pensum darum, dass unsere geistreichen Konversationen über Gott und die Welt im Allgemeinen und das grosse Ganze im Besonderen nie abreissen. Rock’n’Roll meets Immanuel Kant, während die Skyline von Sydney sich immer klarer am Horizont abzeichnet:

Wenn das nicht fägt – was dann?

Die Meite fühlt sich rudelwohl

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(Bilder: zvg)

Horis Rossfleisch, Nachbarinnen und Nachbarn, das Schloss, Familienmitglieder und Freunde, die Burgdorfer Altstadt, die Wohnung, die Emme und so weiter, und so fort: Es gibt, wie Drafi Deutscher zusammengezählt hat, nicht nur Millionen von Sternen, sondern auch mindestens ebensoviele Menschen, Orte und Dinge, die man hier, 13 000 Kilometer von zuhause entfernt, vermissen könnte (bevors Klagen im Sinne von „Du willst ja nicht ernsthaft behaupten, dass dir ein Pferdesteak wichtiger ist als ich?!?“ gibt: Die Reihenfolge ist völlig willkürlich), aber das einzige, was uns Down Under wirklich fehlt, ist…

…(anschwellender Trommelwirbel, Stockatmung im Publikum)…

…unser Hund.

Seit über einer Woche haben wir Tess nun nicht mehr gesehen – jedenfalls nicht live -, und es vergeht kein Tag (was sage ich: kaum eine Minute!), ohne, dass wir uns fragen, wie es unserer Meite wohl geht und was sie in diesem Moment ächt so macht.

Sie nach Tasmanien und Australien mitzunehmen, war für uns keine Option: Uns wollten wir den gigantischen Papierkrieg, den der Import eines Tieres mit sich bringen würde, ersparen, und Tess den Aufenthalt in einer Quarantänestation und die dreissigstündige Reise in den Frachträumen von Flugzeugen.

Also schauten wir uns beizeiten nach einem Plätzchen um, an dem wir sie für knapp einen Monat unterbringen können im Wissen darum, dass dort a) rund um die Uhr zu ihr geschaut wird und dass sie b) die Gelegenheit hat, nach Herzenslust mit Artgenossinnen und Artgenossen zu spielen (ich merke gerade: In meinem Unterbewusstsein, das offensichtlich fleissig mittippt, hat das Tschendergehyster schon Spuren hinterlassen; ich verwende neuerdings auch für Tiere die männliche und weibliche Form, um ja niemandem auf die Pfoten zu trampen).

Fündig wurden wir im Hundehort Rudel-Treff von Claudia d’Ignoti in Wynigen. Nach zwei, drei Testaufenthalten und einer Probeübernachtung war für uns klar, dass Tess dort so gut aufgehoben sein würde wie wir in unseren Unterkünften in Tasmanien und Australien.

In ihrem Feriendaheim wars Tess sofort pudel-, bzw. labradorwohl. Minuten, nachdem sie es zum ersten Mal betreten hatte, gehörte es samt dem Mobiliar und dem Aussengehege und der Chefin und allem ihr. Wenn wir sie abends abholten, war sie zufrieden und glücklich und vom Herumtollen total ausgepowert. Für uns stand fest: Wenn wir unser Mädel schon fremdplazieren müssen, dann hier, in diesem alten Haus, an dem auch Rocky Tocky seine helle Freude gehabt hätte (und Pippi Langstrumpf erst recht!).

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Dank des Umstandes, dass Claudia d’Ignoti die Aussenwelt mit schöner Regelmässigkeit via Facebook über das turbulente Treiben in und bei ihrer Pension auf dem Laufenden hält, sind wir dabei, wenn Tess mit ihren Kolleginnen und Kollegen (schon wieder. Ich muss das irgendwie abstellen) spazieren geht, herumblödelt, frisst, schmust und – auch das gibts zwischendurch offenbar – schläft.

Von unserem Bedürfnis, Tess, wenn auch nur virtuell, chli in der Nähe zu haben, profitiert nicht zuletzt die Swisscom. Loggten wir uns anfänglich nur in WLan-Netzen ins Internet ein, gehen wir unseren Gwundernasen folgend inzwischen auch hemmungslos online, wenn im Hintergrund der Gebührenzähler überlaut rattert.

Tess brauchts nicht zu kümmern, wenn wir ihretwegen immer näher an den Rand des Ruins surfen; wir ziehen ihr unsere Auslagen bestimmt nicht vom Futter ab, und falls es finanziell tatsächlich eng werden sollte, könnten wir ja immer noch das Auto verkaufen, unser Hab und Gut versteigern und in eine Sozialwohnung umziehen.

Was uns wirklich umtreibt, ist die Frage, was am Morgen des 26. Dezember passieren wird. Dann möchten wir sie in Wynigen „ga reiche“, wie der Ämmitauer sagt (und die Ämmitauerin auch, aber das habe ich jetzt extra nicht geschrieben; ich mache Fortschritte). Nur: Vielleicht hat sie sich bis dann dermassen an ihr Paradiesli gewöhnt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden mag, ins Leben B zurückzutrotten.

Unsere Befürchtungen kommen nicht von ungefähr. Wer schon mit Tess zu tun gehabt hat, weiss: Wenn sie etwas will – oder, eben: nicht will -, kann sie sehr, sehr stur sein.

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Freycinet Lodge: So lautet unsere Adresse in Tasmanien, seit wir Hobart vor drei Tagen verlassen haben.

„Freycinet“ klingt ähnlich wie „Freixenet“, doch unser Hotel hat mit dem Wein nichts zu tun. Der Name „Freycinet“ stammt der Legende zufolge von einem Schweizer Missionar namens Joseph „Sepp“ Frey, der diesen Teil der Insel in der Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckte. Weil er die Eingeborenen – anders als viele seiner Berufskollegen – überaus nett behandelte, nannten sie ihn irgendwann „Freycinet“.

Was es mit dem „ci“ zwischen „Frey“ und „net“ auf sich hat, ist unklar. Genau genommen, weiss ich sowieso nicht, ob die Geschichte stimmt. Sie ist mir soeben eingefallen, aber irgendwie, finde ich, klingt sie mindestens ebenso einleuchtend wie jene, mit der Stephen King, der grosse Horrorautor, einst begründete, wieso alle Menschen ein Grübchen zwischen der Oberlippe und der Nase haben. Seiner Ansicht nach verfügen ungeborene Kinder über das komplette Wissen über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Doch kurz, bevor sie zur Welt kommen, besucht sie ein Engel. Er sagt leise „pssst“ – und drückt ihnen dabei ganz, ganz sanft einen Zeigefinger auf den Mund. Das Wissen verschwindet – das Grübchen bleibt.

Bleiben tun auch mein Schatz und ich an diesem paradiesischen Ort, und zwar sehr gerne, und noch bis Samstag. „Time stands still and your cares will wash away from the moment you arrive“, schreiben die Chefs des Hotels auf ihrer Website, und ehrlich gesagt: Sie übertreiben damit kein bisschen.

24 Stunden am Tag und auch am Abend geniessen die Gäste einen atemberaubenden Blick auf die Great Oyster Bay an der tasmanischen Ostküste. Gleichmütig und sanft plätschern die Wellen an das mal steinige und mal sandige Ufer. Vom Meer her weht ein laues Lüftchen, in den Sträuchern und Bäumen zwitschern Vögel, und wer mitten in der Nacht erwacht und aus dem Bett steigt, um auf der Terrasse seines holzverkleideten Einzimmerhäuschens auf den Morgen zu warten, hört ununterbrochen kleine Tiere durch das Gestrüpp wieseln.

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(Bild: Schatz)

Etwas abseits der Anlage, an einer Brätlistelle in einem Wäldchen, beobachteten mein Schatz und ich gestern Abend zwei Opossums, die mit grossem Eifer nach Essensresten suchen. Kurz zuvor hatten wir in der Nähe des Strandes ein Wallaby gesehen. Nachdem es uns eine Weile lang neugierig beäugt hatte, hoppelte es davon. Das kleine Känguru lief uns noch zwei, drei Mal über den Weg (oder umgekehrt), dann verschwand es im Dunkel der Nacht.

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Heute gings mit uns steil obsi: Nach einem knapp einstündigen Marsch durch die Hazard Mountains im Freycinet Nationalpark genossen wir um die Mittagszeit herum die einzigartige Aussicht auf die Wineglass Bay. Inzwischen sind wir wieder zurück in der Lodge – aber nicht für lange: Sobald die Sonne im Meer versunken ist, gehen wir nachschauen, was unsere neuen Freunde im Busch so treiben.

Klorigami

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Segelschiffli, der Taj Mahal, die entscheidenden Szenen der Schlacht von Waterloo: Wenn es darum geht, Hotelgästen, die zum ersten Mal das WC in ihrem Zimmer aufsuchen, ein entgeistertes „Läck! Komm mal ins Bad! Das musst du dir anschauen!“ zu entlocken, ist den für das Toilettenpapierdesign zuständigen Facility-Mangagerinnen kein Aufwand zu gross.

Der Rohstoff für ihre Origami-Orgien stammt aus einer abgelegenen Ecke des Amazonas-Urwaldes, wo Heerscharen von barfüssigen chinesischen Zweitkindern rund um die Uhr Bäume auf den Tausendstel Millimeter präzise plattstampfen. Dass zum Falten nur fast transparentes Papier verwendet wird, hat laut Silvie von der Rolle, der Medienreferentin des Branchenverbandes „Kloho!“, einen einfachen Grund: „Damit geht es am besten.“

Bei allem Verständnis für die kreativen Anliegen des Herbergenpersonals: Die Endverbraucher rufen immer lauter nach mehrlagigem Material, um sich auch nach intensivsten Sitzungen von der besten Kehrseite zeigen zu können. Ob das Papier den Eifelturm oder die Freiheitsstatue darstellt, sei für ihn „von sekundärer Relevanz“, sagt ein Banker, der viel Zeit in Hotels verbringt. „Für mich zählt nur, dass ich meine Geschäfte auf eine saubere Art und Weise abschliessen kann.“

Mit ultradünnem Toilettenpapier, „das schon beim Anschauen reisst“, sei ihm das nicht möglich – im Gegenteil: „Das Festhalten an der Einlagentechnik zwingt mich dazu, auch für den kleinsten Scheiss kilometerweise Papier zu vergeuden, das die Menschheit sicher noch für Gescheiteres verwenden könnte.“

Wobei: Wenn – nur einmal angenommen – eine Seafoodbeiz zwischen Hobart und Coles Bay von einer Buslandung Japaner gestürmt wird, die Sekunden später drängelnd und nörgelnd den ganzen Betrieb durcheinanderbringen, und man nach einem Weg sucht, sich ein bisschen an den Hopplajetztkommich-A…siaten zu rächen, gibt es wenig Naheliegenderes, als sich in der einzigen Toilette des Lokals mit dem letzten WC-Papier so lange die Brille zu putzen, die Nase zu schneuzen und so weiter und so fort, bis nur noch der blanke Karton übrig ist.

Dann verlässt man das Örtchen im beruhigenden Wissen darum, dass in absehbarer Zeit eine der Nervensägen mit heruntergelassenen Hosen auf der Schüssel festsitzt und sich zähneklappernd fragt, wie lange seine Mitreisenden wohl auf ihn warten und wenn ja, was sie sagen werden, wenn sie merken, dass mit ihm in hygienischer Hinsicht etwas hinten und – je nach Konsistenz und Menge – auch vorne nicht stimmt.

Bei den Piraten

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(Bild: Schatz)

Wir schlenderten planlos durch den Hafen von Hobart, als wir sie auf einmal ganz hinten an einem Pier entdeckten: Die „Ocean Warrior“, das nigelnagelneue Patrouillenschiff der Sea Sheperds.

Mit armdicken Seilen festgezurrt, lag sie wie ein gefesselter Riese regungslos auf dem Wasser. An Deck informierten drei Mitglieder der Umweltschutzorganisation Touristen über die schwimmende Festung im Allgemeinen und die Sea Sheperds im Besonderen. An Land, nur wenige Meter von dem grauen Stahlmonster entfernt, verkauften zwei Walwächter Kapuzenpullis, Regenjacken, Mützen und andere Merchandising-Artikel, und ganz vorne, also: dort, wo jeder vorbeikam, der die „Warrior“ einmal aus der Nähe betrachten wollte, stand ein weiteres Mitglied, das sich seine Sporen in dieser Vereinigung erst noch dadurch abverdienen musste, dass es die Passanten um Spenden bat.

Die junge Frau mit dem leicht verklärten Blick ging dabei ähnlich übermotiviert ans Werk wie die professionellen Schnorrer von der Corris, die Woche für Woche an Schweizer Bahnhöfen und vor Einkaufzentren herumlungern und versuchen, die Leute zum Unterschreiben eines Dauerauftrages zu überreden.

Trotzdem war ich nahe dran, der Frau eine Fünfzigernote zuzustecken. Denn einerseits ist es alles andere als selbstverständlich (geworden), sich ehrenamtlich für Tiere einzusetzen. Andrerseits gehöre ich zu der wachsenden Schar von Fans, die die Aktivitäten der modernen Piraten am Fernsehen mitverfolgen.

Der Sender „Animal Planet“ dokumentiert ihre Einsätze in der Serie „Whale Wars“, und deshalb weiss ich: Wenn die Sea Sheperds im Südpolarmeer versuchen, die Japaner am Walfang zu hindern, läufts rund.

Dann rasen hochgetunte Schlauchboote über meterhohe Wellen, fliegen mit Buttersäure gefüllte Flaschen auf die Planken der Harpunenschiffe, versuchen waghalsige Männer, endlos lange Leinen unter metertief im Wasser liegende Kiele zu ziehen in der Hoffnung darauf, dass sie sich in den Schiffsschrauben verheddern, zirkeln dünnwandige Hightech-Maschinen durch Packeisfelder und versuchen zu allem entschlossene Waljäger, sich ihre ebenfalls vor nichts zurückschreckenden Verfolger mit hochpotenten Wasserwerfern, scharfgeschliffenen Enterhaken und ohrenbetäubendem Sirenengeheule vom Leibe zu halten.

Abgesehen davon bin ich seit Kurzem mit Fiona McGuaig von der Sea Sheperd Conservation Society bekannt, wobei das nicht allzuviel heissen muss: Aus einer Laune heraus schickte ich ihr via Facebook eine Freundschaftsanfrage, die sie genauso akzeptierte wie die vorherigen 4615 Anfragen von ihr grösstenteils wildfremden Menschen.

Doch dann ging ich an der Sammlerin vorbei, ohne ihr Geld zu geben, und wünschte ihr einfach so a nice day und good luck bei der Operation „Nemesis“, zu der die „Ocean Warrior“ in wenigen Stunden aufbrechen sollte.

Irgendwie empfand ich den Rummel, den die Sheperds in ihrem Heimathafen um sich und ihren – je nach Standpunkt – charismatischen oder kriminellen Anführer Paul Watson veranstalteten, als störend. Weiter fragte ich mich, ob meine Fünfzigernote eine Institution, die sich regelmässig so grosse Schiffe kaufen kann und die ihren eigenen Angaben zufolge Jahresumsätze in Millionenhöhe erzielt, bei ihrer Arbeit tatsächlich entscheidend weiterbringen würde.

Auf die Idee, dass es sehr viele Fünfzigernoten braucht, um Kähne wie die „Ocean Warrior“ anzuschaffen und den Betrieb auch logisistisch und personell über Wasser halten zu können, kam ich erst später, als ich wieder im Hotel und der nächste Wal womöglich schon am Verenden war.

Deshalb, to whom it may concern: The money’s on the way.

Schlapp, aber glücklich

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Gleich gegenüber, im Pub des „New Sydney Hotel“, spielt eine der besten Bluesrock-Bands, die ich je gehört habe, doch ich mag einfach nicht aufstehen und geniesse die Musik glücklich vor mich hindösend in unserem Zimmer des Midcity Hotels in Hobart.

Über 30 Stunden ist es nun her, seit mein Schatz und ich in Zürich einen „Emirates“-Airbus bestiegen haben, der uns erst nach Dubai und dann nach Melbourne brachte. Von dort flogen wir mit einer ungleich kleineren Maschine nach Tasmanien, und jetzt…jetzt sind wir hier, am Ausgangspunkt unserer dritten Australienreise, und chli schlapp, aber das wird schon wieder mit dem Jetlag, und überhaupt: Wenn dieses bisschen Kopfweh der Aufpreis für dreieinhalb wunderschöne Ferienwochen ist, bezahlen wir ihn gerne.

Nachdem wir das Gepäck in der Unterkunft deponiert hatten, bummelten wir zum Hafen, um einen Blick auf die „Ocean Warrior“, das neue Patrouillenschiff der Sea Sheperds, zu werfen, und dann weiter zum Salamanca Market. Dieser unterscheidet sich von anderen Märkten nicht nur dadurch, dass auf dem Gelände absolutes Rauchverbot herrscht, sondern vor allem durch seine beeindruckende Grösse und das ebenso vielseitige wie originelle Angebot an über 300 Kleider-, Kunsthandwerk- und Kulinarikständen.

Für Abendessen entschieden wir uns aufs Geratewohl hin zu einem Besuch beim „Mexican with a Mission“ – und wurden nicht enttäuscht; ganz im Gegenteil. Ich habe schon lange nicht mehr so gut, genug und trotzdem gesund gegessen wie in diesem Lokal, olé!

Was gibt es sonst zu erzählen? Eigentlich noch nicht viel, ausser, dass in der Reception unseres Hotels ständig Classic Rock aus den 80ern läuft und der Mann am Empfang ein Guns’n’Roses-T Shirt trägt.

Ich nehme beides als gute Omen für unseren zweitägigen Aufenthalt in Hobart und unsere weitere Reise durch diesen bezaubernden Flecken Erde zwischen Australien und der Antarktis.

Stick am Kopf

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(Bild: Christoph Hunziker)

Mein alter(?) Schulfreund Christoph Hunziker reist in diesen Wochen rund um die Welt. Dabei sieht er nicht nur ein Naturwunder nach dem anderen und trifft er flotte Leute am Laufmeter – ihm fällt auch immer wieder auf, wie versessen die Touristinnen und Touristen darauf sind, Fotos von sich selber zu schiessen, wobei es völlig egal ist, vor welchem Hintergrund sie gerade stehen.

Nun hat er seiner Verwunderung Verärgerung darüber auf Facebook Luft verschafft. Und sich Gedanken darüber gemacht, wie wir in vermutlich nicht allzuferner Zukunft aussehen. Er geht davon aus, dass die Menschen bald mit einem Selfie-Stick auf dem Kopf geboren werden, wie er in seinem letzten Beitrag aus Brisbane schreibt:

„One thing that I noticed throughout my entire trip is the permanent ‚Selfie Menia‘. This has become such a disease that taking ’normal‘ pictures of beautiful landscape can be quite challening as the view is permanently obstructed by narzistic human beings posing for selfies. Don’t these peoole know how they look like?? Sometimes I get the feeling that the beautiful scenery of the places they are visiting is totally irrelevant for them. My best guess is that the evolution of the human species will bring some sort of a built-in selfie stick on top of the head. Some sort of forward facing unique horn with a built in camera.“

„Verdammti Morerei“

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Das war jetzt chli seltsam: Beim morgendlichen Hundebummel über die Burgdorfer Schützenmatte nahm ich eine leere Bierdose von der Wiese. Auf dem Weg zum Abfallkübel bekam ich von einem betagten Passanten Minuten später zu hören, das sei jetzt „scho e verdammti Morerei! Um die Zyt scho psoffe, u de no mitmene Hung!“.

Es geht wieder dem Ende zu

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Mitte November 2016: In der Superior Executive-Lounge von Hofstetter Kommunikation höckeln Verwaltungsratspräsident Hofstetter, Firmengründer Hofstetter, Inhaber Hofstetter und Geschäftsführer Hofstetter, um salzgebäckmampfend und mineralwassernippend die nähere Zukunft einzufädeln.

Hofstetter: „Ich weiss, dass die meisten von euch Sitzungen nicht besonders mögen, und mir ist auch klar, dass ihr alle noch anderes zu tun habt, aber…“

Hofstetter: „…eine Whatsapp-Gruppe wäre für solche Fälle eine gute Idee.“

Hofstetter: „Whatsapp? Du bist bei Whatsapp?!?“

Hofstetter: „Du nicht?“

Hofstetter: „Wer von euch ist bei Whatsapp?“

Hofstetter: „Ich.“

Hofstetter: „Ich. Und bei Linkedin bin ich auch, und ausserdem bei Xing, Instagram, Twitter und Google Plus.“

Hofstetter: „Welche Ehre! Ich sitze neben dem weltweit einzigen Menschen mit einem Google Plus-Account!“

Hofstetter: „Alle whatsappen. Whatsapp ist das neue Facebook.“

Hofstetter: „Mir ist das zu blöd. Ständig machts ‚Ping‘, und dann ist es doch nur ein Filmli.“

Hofstetter: „Jedenfalls: Wir müssen planen.“

Hofstetter: „‚Ca plane pour mois‘! Kennt das noch jemand?“

Hofstetter: „Was ist das?“

Hofstetter: „Punk. Von Plastic Bertrand. Franzose. 1977. Moment…“ (hebelt an seinem Handy herum) „…et voilà:“

Hofstetter: „Heiterefahne!“

Hofstetter: „Punk von einem Franzosen. Es wird immer besser.“

Hofstetter: „Wie gesagt: Ist schon lange her.“

Hofstetter: „Hat der sonst noch etwas gemacht?“

Hofstetter: „Das war glaub alles. Er kam, sang und versiegte.“

Hofstetter: „Wie Samantha Fox mit ihrem ‚Touch me‘.“

Hofstetter, Hofstetter und Hofstetter: „Hast du das auch?“

Hofstetter: „Klar“ (tippt erneut auf seinem iPhone herum):

Hofstetter: „Samantha Fox! An ihre Augen werden die Leute sich noch in zehntausend Jahren erinnern.“

Hofstetter: „Ich weiss gar nicht, ob dieser Plastic noch lebt.“

Hofstetter: „Leute, die solche Musik machen, werden in der Regel nicht besonders alt.“

Hofstetter: „Wieso meinst du?“

Hofstetter: „Leonard Cohen, David Bowie, Joe Cocker…muss ich noch mehr aufzählen?“

Hofstetter: „Du vergleichst Cohen, Bowie und Cocker jetzt aber nicht ernsthaft mit dem Franzosen, oder?“

Hofstetter: „Rocker ist Rocker, und Sex and Drugs sind Sex and Drugs.“

Hofstetter: „Cohen war kein Rocker.“

Hofstetter: „Soso. Was dann?“

Hofstetter: „Könnten wir jetzt vielleicht langsam…?“

Hofstetter: „Ein Barde. Leonard Cohen war ein Barde.“

Hofstetter: „Hört, hört! Ein Barde.“

Hofstetter: „Dann halt ein Liedermacher.“

Hofstetter: „Singer/Songwriter sagt man dem heutzutage.“

Hofstetter: „Klugscheisser.“

Hofstetter: „Bardesingersongwriter…ist doch egal. Er war ämu kein Franzose.“

Hofstetter: „Wie ihr wisst, neigt sich auch dieses Jahr schon wieder dem Ende zu. Drum…“

Hofstetter: „…Hofstetter hat gesagt, dass ’solche Leute‘ nicht alt werden. Nur fürs Protokoll: Cohen gehört für mich nicht zu ‚diesen Leuten‘. Abgesehen davon wurde er sehr alt, und Bowie und Cocker waren sozusagen auch schon pensioniert, als sie die Mikrofone für immer abgaben. Das ist schon ein bisschen etwas anderes als bei dem Punk, der übrigens vielleicht noch gar nicht gestorben ist.“

Hofstetter: „‚Protokoll‘ ist ein gutes Stichwort. Wer schreibt heute das Protokoll?“

Hofstetter: „Niemand natürlich.“

Hofstetter: „Was, niemand?“

Hofstetter: „Hat schon jemals jemand eine unserer Sitzungen protokolliert?“

Hofstetter: „Da muss ich nachdenken…“

Hofstetter: „…mach nichts, was du nicht gewohnt bist…“

Hofstetter: „…nein: Ich glaube, von unseren Sitzungen gibt es kein einziges Protokoll.“

Hofstetter: „Ist vermutlich auch besser so.“

Hofstetter: „Item. In sechs Wochen haben wir Silvester. Das heisst…“

Hofstetter: „…’wer jetzt noch kein Chinoise bestellt hat, baut kein Haus mehr‘, wie Einstein in seiner Ode an die Freude geschrieben hat.“

Hofstetter: „Das war Rilke, im Fall, und es ging nicht um Fondue.“

Hofstetter: „Einstein, Rilke…: Hauptsache, kein französischer Punker.“

Hofstetter: „Das Gedicht, das Hofstetter meinte, heisst ‚Herbsttag‘ und geht so…“

Hofstetter: „…wenn du jetzt anfängst, Gedichte zu rezitieren, dann, dann…“

Hofstetter: „…Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los….“

Hofstetter: „…ich glaubs einfach nicht…“

Hofstetter: „…Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin, und jage die letzte Süsse in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Hofstetter: „Sehr schön, wirklich. Das kann heute kein Mensch mehr.“

Hofstetter: „Was? Dichten?“

Hofstetter: „Gedichte aufsagen, und dann erst noch auswendig.“

Hofstetter: „Ich kann im Fall auch Goethes Glocke!“

Hofstetter: „Die ist von Schiller.“

Hofstetter: „Egal. ‚Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muss die Glocke werden. Frisch Gesellen, seid zur Hand. Von der Stirne heiss rinnen muß der Schweiss, soll das Werk den Meister loben! Doch der Segen kommt von oben.'“

Hofstetter: „A propos ‚von oben‘: Ich habe diese Sitzung einberufen, um mit euch über die Qualifikationsgespräche und das Jahresabschlussessen zu reden, falls das jemanden interessiert.“

Hofstetter: „Das mit dem Qualizeug kannst du vergessen. Ich führe keine Selbstgespräche, und wenn doch, dann sicher nicht mit einem von euch.“

Hofstetter: „Ich auch nicht.“

Hofstetter: „Ich auch nicht.“

Hofstetter: „Gut, dann streichen wir das. Kommen wir zum Essen.“

Hofstetter: „Schon besser.“

Hofstetter: „Letztes Jahr wars irgendwie nicht so der Heuler.“

Hofstetter: „Letztes Jahr habe ich für euch gekocht.“

Hofstetter: „Eben.“

Hofstetter: „Dann gehen wir in die ‚Gedult‘.“

Hofstetter: „Kommt nicht in Frage. Da hatten wir unser Hochzeitsessen.“

Hofstetter: „Und?“

Hofstetter: „Nichts ‚und‘. Ich will mir nur nicht eine wunderschöne Erinnerung durch ein Businessznacht verderben lassen.“

Hofstetter: „Das gibt kein Businessznacht. Das wird total locker vom Hocker, mit den Frauen und allem. Vielleicht kommt noch eine Mundartband.“

Hofstetter: „Ein Singersongwriter aus der Region würde es auch tun. Frag mal die Buchhaltung.“

Hofstetter: „Weitere Vorschläge?“

Hofstetter: „Nein.“

Hofstetter: „Nein.“

Hofstetter: „Aber irgendwo müssen wir doch…“

Hofstetter: „Ich bin dann sowieso nicht hier. In zwei Wochen fliegen wir nach Australien.“

Hofstetter: „Komisch: Wir auch.“

Hofstetter: „Wir auch.“

Hofstetter: „Das hättet ihr auch ein bisschen früher sagen können.“

Hofstetter: „Du hast ja nicht gefragt.“

Hofstetter: „Genau: Du hast nicht gefragt.“

Hofstetter: „Du fragst ja nie. Du schreibst einfach, ‚Sitzung in 30 Minuten!“, und wir müssen dann alles stehen und liegen lassen, um deinen Worten zu lauschen.“

Hofstetter: „Darf ich offen reden?“

Hofstetter: „Tu dir keinen Zwang an. Wir sind hier unter uns. Das ist das Schöne an dieser Lounge.“

Hofstetter: „Also dann: Deine Art, Sitzungen einzuberufen, geht uns auf den Sack. Das sind Marschbefehle, keine Einladungen. Vielleicht hast du es als Whatsappverweigerer noch nicht mitbekommen, aber die Sklaverei ist abgeschafft.“

Hofstetter: „Ich darf das. Ich bin der alleralleroberste Chef.“

Hofstetter: „Aber nur, weil ich diese Bude gegründet habe…“

Hofstetter: „…und sie mir gehört…“

Hofstetter: „…und ich sie führe.“

Hofstetter: „Das kommt nicht gut heute. Das kommt gar nicht gut. Ich spüre negative Schwingungen im Raum.“

Hofstetter: „Du bist der Boss. Du kannst die Sitzung beenden, wann immer du willst.“

Hofstetter: „Stimmt. Zum Beispiel jetzt grad.“

Hofstetter: „Schön, dann machen wir Schluss. Was die Qualigespräche und das Essen betrifft, haben wir ja geklärt, was zu klären war. Offen sind noch die Sachen mit dem Singersongwriter und der Beiz und der ganze Rest, und abgesehen davon habe ich die Rede an die Belegschaft noch nicht ganz fertig geschrieben, aber das kann ich ja in euren Ferien erledigen.“