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Schreibzeug Posts

Tierisch hilfsbereit

Es soll niemand mehr sagen, die Menschen würden nur noch für sich schauen.

Gestern Nachmittag stellte ich auf die Facebook-Seite des Altstadtleists Burgdorf folgenden Aufruf:

Keine 24 Stunden später:

Und dann…:

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Sound of Silence

Nachdem ich zuhause den halben Nachmittag lang versucht hatte, den in zwei Regenwochen zum Dschungel mutierten Rasen in Form zu mähen, beschloss ich, ein Päuschen zu machen. Ich setzte mich aufs Bike und düste zum Artcafé beim Gertsch-Museum hinunter. Dort setzte ich mich hin, bestellte ein Mineralwasser und genoss die Ruhe.

Aber nicht lange:

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Kein Häppchenschnäppchen

Versprochen wurde „ein unvergessliches kulinarisches Erlebnis“: Auf der ersten „Route Gourmande“ durch Langenthal würden Feinschmeckerinnen und Feinschmecker in sieben Lokalitäten der Stadt „mit Gourmet Spezialitäten und Weindegustationen“ verwöhnt, stellte die auf „lustvoll inszenierte Kulinarik“ spezialisierte Gusto Servicios AG in Aussicht.

Wer sich auf das Abenteuer einliess, erlebte eine minimale Sättigung zu einem maximalen Preis: Auf der Bühne des Stadttheaters wurden den Gästen – die für diesen Gastrobummel je 170 Franken bezahlt hatten – ein paar hauchdünne Streifen Rohschinken serviert. Im Vagner Parterre gabs einen Klacks etwas gar bissfesten Risottos, in der Bar „Provisorium“ zwei aus dem Solothurnischen angecaterte Lachsforellenhäppchen, im „Bären“ zerrupfte Rindsbäggli auf ziemlich offensiv gesalzenem Härdöpfustock, im „A la carte“ drei Käseversuecherli und im Kunsthaus eine Erdbeer-Pannacotta, die bestens in eine Bäbistube gepasst hätte.

Ganz und gar unbefriedigend verlief für mich die Visite in der „Auberge“. Das Hämpfeli Gemüse trieb der Hunger in den Magen, die radiergummiartige Rondelle darunter musste ich mit meiner angeborenen Tofu-Intoleranz leider liegenlassen. Neben mir seufzte ein Langenthaler Unternehmer: „Eine Bratwurst oder ein Kotelette: Das wäre jetzt etwas.“

Beim Hinausgehen warf ich einen Blick auf die Speisekarte in der Vitrine. Da war er, der gute Stoff; so nah – und doch so fern.

Fazit: So „unvergesslich“, wie von den Veranstaltern angekündigt, war das „kulinarische Erlebnis“ vermutlich nicht für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Wer soviel Geld für über ein halbes Dutzend Speisen hinblättert, sollte am Ende nicht ernsthaft darüber nachdenken müssen, im nächstbesten Mc Donald’s noch einen Hamburger verputzen zu gehen.

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Piratenpost

Hin und wieder spiele ich für den Sohn eines Freundes „El Golfo“, den Piratenkapitän. Dieser lotst den Knirps am Telefon mit gfürchig tiefer Stimme zu Schätzen, die der Vater kurz vorher verbuddelt hatte.

Nach dem jüngsten Fund bedankte sich der Dreikäsehoch nun schriftlich bei seinem Informanten:

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Das letzte Mittagsmahl

Das ging fix: Keine zwei Monate, nachdem die Grün(liberal)en, die EVP und die SP der Stadt Burgdorf den Klimanotstand ausriefen, detachiert die Armee Personal an den Schlossfuss.

Das Militär scheint nicht damit zu rechnen, dass am 27. Mai noch viele Überlebende des Wettermassakers mit irr aufgerissenen Augen über halbabgenagte Ratten durch die Burgdorfer Gassen schlurfen, in denen aus Ölfässern züngelnde Flammen gespenstisch zuckende Schatten an die Hauswände werfen: Ein Koch aus Thun muss für die Speisung der paar katastrophenkompatibel in Plasticsäcke gehüllten Halbtoten genügen.

Die Qualität des Essens spielt bis dann offenbar sowieso nur noch eine periphere Rolle. Wenn das letzte Mittagsmahl ein Freudenfest für die längst ausgetrockneten Gaumen werden sollte, stünde Manuel Hölterhoff, Christian Bolliger, Yannick Jakob, Giusy Rovetto, Katja Donadonibus, Lukas Kiener, Marc Oppliger oder ein anderes Mitglied der Burgdorfer Gastrofamilie an den Töpfen.

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Wettermacher

Das ging fix: Ende März riefen die Grün(liberal)en, die EVP und die SP Burgdorf öffentlich den Klimatnotstand aus.

Eine Woche später teilte die Stadt mit, sie habe verstanden:

„Force“ ist immer gut: Kaum hatte die Medienmitteilung die Verwaltung verlassen, war die Schweiz zugeschneit.

Ich wollte gestern eigentlich einmal mehr gegen die Erderwärmung demonstrieren gehen, liess es dann aber bleiben: Nach dem Winter-Comeback wars dafür viel zu kalt.

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Zeit zu Zweit

Auf die Frage, worauf sie sich in den Ferien am meisten freuen, antworten zehn von zehn Paaren: „Darauf, wieder einmal chli Zeit miteinander zu verbringen. Zusammen zu reden und gemeinsam Sachen zu erleben. Im Alltag haben wir dazu ja kaum die Gelegenheit mit unseren Jobs und Hobbies und den anderen Engagements und den Kids.“

Und so sitzen sie wenig später, fast platzend vor Vorfreude auf ihr Qualitytimesharing, schweigend im Flugzeug. Sie starrt aus dem Fenster, weil sie so gerne einmal die Pigmä Pythago Pyroma berühmten spanischen Berge von oben sehen würde, aber nada: Wit unger ihr ligt s Wulchemeer.

Er glotzt auf die Beine der weiblichen Flight Attendants*In*enden (soviel Tschender muss sein, sonst gibts wieder einen Tadel wie neulich, als ich ein „Fräulein“ erwähnte, worauf ich prompt von einer (1) Leserin belehrt wurde, „Frau“ wäre im Fall sehr viel passender gewesen, dabei unterscheidet sich ein Fräulein von einer Frau meiner unmassgeblichen Ansicht nach weder vom Design noch von der Inneneinrichtung her nennenswert).

Nach der Landung hasten sie stumm durch das Spalier der Hotelchauffeure, die wie Hornusser mit hochgereckten Namenstafeln winken, entern ein Taxi, strecken dem Fahrer den Voucher unter die Nase…und los gehts. Er sitzt vorne, sie hinten. Beide haben Kopfhörer in den Ohren und sind vollauf damit beschäftigt, die Lieben zuhause wissen zu lassen, dass sie gut gelandet seien und alles superduper verlaufe.

Auf ungefähr halber Strecke tippt sie ihm auf die Schulter und sagt, „lueg mau, das Hüsli“. Er klaubt umständlich – sie darf ruhig sehen, dass sie ihn gerade aus einer tiefen Kontemplation gerissen hat – einen Stöpsel aus einem Ohr und ruft „hä?!?“, doch da ist das Hüsli längst an ihnen vorbeigerast.

Nach dem Einchecken gehen sie ihre Suite inspizieren. „Schön, gäu?“, sagt sie, als sie auf den Balkon hinaustritt. „Chamer säge“, murmelt er. Dann packen sie, ohne weitere Worte zu verlieren, ihre Koffer aus, belegen das Bad mit dem Allernötigsten bis unter die Decke (sie), checken den Kühlschrank (er), klemmen sich die Badesachen unter die Arme und gehen den Pool suchen.

Dort fläzen sie sich auf zwei gerade freigewordene Liegen. Er entnimmt einer riesigen Tasche ein Buch, sie legt sich auf den Bauch (oder umgekehrt)

und so plegere sie da, bis die Sonne verschwunden ist und es aus dem Speisesaal verführerisch nach Spaghetti Conveniencebolo, frisch aufgetauten Meeresfrüchten und einem Reiskleister riecht, den die Eingeborenen gemäss dem Reiseführer „Paëlla“ nennen und der hier sonst eigentlich nur en famille serviert wird, wie der Spanier sagt.

Während sie so vor sich hinkauen, studiert sie den Hotelprospekt. Er wischt ununterbrochen über sein Handy, weil er unbedingt wissen muss, was für Abenteuer seine 1528 Facebookfreundinnen und -freunde in den letzten sieben Stunden erlebt haben und was sonst noch an Wichtigem passiert ist in der Welt ausserhalb des Mikrokosmos, in dem er nun lebt.

„Nachher ist im ersten Stock Flamengo“, teilt sie ihm mit, was er mit einem kaum hörbaren „Hmhm“ quittiert. Sie überlegt kurz, anzufügen, und übrigens habe sie Lungenkrebs, befürchtet aber, dass er darauf genauso reagieren würde wie auf den Flamengo und verwirft die Idee, bevor sie weitergaren kann.

Zwischen der Schoggicrème und dem original echt spanischen Volkstanz bleibt den beiden kurz Zeit, sich im Zimmer frischzumachen, wobei er dafür keine Veranlassung sieht und lieber die Chance nutzt, auf dem Balkon seinen Nikotinakku bis zum Anschlag zu laden, weil in dieser alles andere als billigen Unterkunft, wie er schon beim Betreten des Gebäudes missmutig feststellen musste, zäntume Rauchverbot herrscht; jedenfalls drinnen. Sie pudert und malt und tupft und macht, bis ihm versehentlich der gusseiserne Zimmerschlüssel aus der Hand aufs Rauchglastischli fällt.

Den Folkloreabend verbringen sie ganz in sich gekehrt. Vor der letzten Zugabe sagt sie nur, damit wieder einmal etwas gesagt ist, „schön, gäu?“ Er kann seinen Enthusiasmus ebenfalls nur noch mit Mühe drosseln: „Chamer säge“, bestätigt er.

Einen Schlummertrunk an der Bar später (sie lernt bei einem Gin Tonic die Hausregeln in fünf Sprachen auswendig, er scrollt durch seine Mails) verziehen sie sich nach oben. „Es war ein langer Tag; ich muss jetzt schlafen“, lässt sie ihn wissen. „Stimmt“, sagt er, und löscht das Licht.

So geht das ab jetzt, sieben, vierzehn oder einundzwanzig Tage lang, und wenn sie wieder zuhause sind und die Verwandten und Freunde fragen, wie sie denn so gewesen seien, diese ersten Pärliferien seit ewig, strahlen sie einander an wie weiland im Standesamt und juchzen im Duett: „Wunderschön! Einfach wun-der-schön! Wir habens total genossen!“

Genossen – dies nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert – habe auch ich meinen Aufenthalt in Playa de Inglés. Am Samstag gegen Mittag düse ich zurück in die Schweiz.

Bis dahin dauerts zwar noch ein Weilchen. Zum Schreiben komme ich trotzdem kaum mehr, denn wenn ich sicher sein will, dass der Flieger nicht ohne mich abhebt, muss ich Gas geben: Am Boardingschalter im aeropuerto von Las Palmas stehen garantiert schon die ersten paar Dutzend Mitpassagiere Schlange, obwohl noch weit und breit kein Fräulein zu sehen ist.

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Weggetreten

Mit geschlossenen Augen höre ich, wie neben mir ein Mann und eine Frau ihre Liegeplätze einrichten. Ich blinzle und sehe eine vielleicht 60-jährige Dame (kurzbeinig, chli verschrumpelt, mit einem weissen Sonnenhut auf den grauen Haaren) und einen wesentlich älteren Herrn (Typ Ex-Schulleiter, asketisch-hager, trägt ein blaues Baseball-Cap mit grünem „Gran Canaria“-Aufdruck).

Die beiden machen es sich bequem und schweigen eine Weile. Ich döse weiter.

Sie: „Wie lange der wohl schon daliegt?“

Er: „Weiss nicht.“

Sie: „Der ist am Abend rot, ich sag dir. Das tut dem noch leid.“

Er: „Nö. Der ist ja schon braun. Der wird nicht mehr rot.“

Sie: „Der raucht.“

(Ich beginne zu ahnen: Sie reden über mich.)

Er: „Nö. Der schläft.“

Sie: „Der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Ich sag dir, der schläft nur.“

Sie: „Guck ma, der Aschenbecher und die Schachtel. Der raucht. Wenn der raucht, bin ich weg.“

Er: „Im Moment schläft er.“

Sie: „Ich sag dir: Ich bin weg, wenn der raucht.“

Er: „Nicht so laut. Der kann uns hören.“

Sie: „Nö, der ist sowas von weggetreten.“

Er: „Trotzdem.“

Sie: „Ich schwörs dir, der raucht, wenn er erwacht.“

Er: „Jetzt hör doch mal auf.“

Sie: „Darf der das?“

Er: „Siehste nicht, wie der schläft? Guck mal, da kommen noch welche. Die hamma gestern schon gesehen.“

Sie: „Und tätowiert issa obendrein.“

Er: „N bisschen. Tätowiert sindse heute alle. Weisste doch.“

Sie: „Guck, am Arm, n Delfin. Und da sind noch welche, am anderen.“

Er: „Is ja nicht schlimm.“

Sie: „Ich weiss nicht.“

Er (etwas ungehalten): „Guck ma, die Leute von gestern.“

Sie: „Wo kommt der her? Was meinste?“

Er: „Sieht aus wie n Pole. Oder Tscheche? Russe kann auch sein. Aus der Ecke, denk ich.“

Sie: „N Russe?!? Meinste?“

Er: „Weiss nicht. Ist auch egal.“

Sie: „Aber der liegt bestimmt seit ewig da.“

Er: „Gemma denen Hallo sagen?“

Sie: „Soviele Tatoos.“

Er: „Ich seh nur drei.“

Sie: „Wenn der gegen den Wind raucht, gehts ja noch. Aber wenn der uns alles ins Gesicht bläst…ich sag dir.“

Er: „Ich weiss. Haste schon gesagt.“

Sie: „Der ist alleine hier.“

Er: „Sieht so aus.“

Sie: „Die Frau muss einkaufen, jede Wette.“

Er: „Kann schon sein. Vielleicht schläftse noch im Zimmer.“

Sie: „Der pennt und die Frau ackert. Im Urlaub. Ich sag dir.“

Er: „Sei mal ruhig. Wenn der uns hört.“

Sie: „Weggetreten issa. Sowas von weggetreten. Der hört nix.“

Er: „Guck ma, die Badehose klebt. Der war eben noch schwimmen.“

Sie: „Kann schon sein. Jetzt pennt er.“

Er: „Ja, der pennt.“

Sie: „Meinste, der kann schwimmen?“

Er: „Ganz bestimmt.“

Sie: „Da bin ich mir nicht so sicher, so, wie der daliegt.“

Er: „Vielleicht kann ers, vielleicht nicht. Muss er ja nicht können. Mir egal.“

Sie: „Das kann der nicht. Der nicht.“

Er (noch etwas ungehaltener): „Sach ma: Ist das so wichtig jetzt?“

Sie: „Nö.“

Er: „Na also.“

Sie: „Was meinste: Wenn ich dem den Aschenbecher wegnehme, merkt der das?“

Er: „Ganz bestimmt merkt der das.“

Sie: „Ich könnte ihn woanders hinlegen. Das merkt der nicht, so weggetreten wie der ist.“

Er: „So weggetreten kann der nicht sein, wo er eben noch schwimmen war.“

Sie: „Da haste auch wieder Recht.“

Er: „Du lässt das alles schön liegen.“

Sie: „Ich dachte nur.“

Er: „Guck ma, wie gross der ist.“

Sie: „Meinste. Meinste wirklich, der würde…?“

Er: „Weiss nicht. Lass mal alles schön liegen.“

Ich setze mich auf, ramisiere meine Siebensachen zusammen und wünsche den beiden einen wunderschönen Tag. Dann zügle ich auf die andere Seite des Pools.

Von dort aus sehe ich, wie die Senioren die Köpfe zusammenstecken. Was sie sagen, höre ich nicht.

Aber ich kann es mir lebhaft vorstellen.

(Hinweis am Rande: Im Gegensatz zu einigen anderen Beiträgen in diesem Blog stimmt in dem hier jedes Wort.)

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Programmänderung

Eigentlich war ich ja nach Gran Canaria geflogen, um einfach wieder einmal nichts zu tun. Chli sünnele, chli bädle, chli sii: Mit diesen drei Vorsätzen landete ich am vorletzten Freitag in Las Palmas.

Abgesehen davon (nein: vor allem) war ich finster entschlossen, meinen Wahlkampf fertig aufzugleisen: An der nächsten Mitgliederversammlung des Altstadtleists Burgdorf geht es (auch) darum, den Präsidenten in seinem Amt zu bestätigen – und damit um meine unmittelbare nebenberufliche Zukunft.

In groben Zügen habe ich als alter Politfuchs natürlich längst skizziert, wie ich der Wählerschaft beibringen will, dass sie keine Alternative hat: Sobald ich am 30. März von den Kanaren zurückbin, lasse ich von meinem Helferheer überall in der Oberstadt und im Kornhausquartier weltformatgrosse Plakate mit meinem Konterfei aufhängen.

Darüber steht gross der Slogan

„Gschäch nüt Schlimmers“

und darunter

„ERFAHREN. KOMPETENT. NACHHALTIG:

HANNES HOFSTETTER (bisher).

FÜR HEUTE. FÜR MORGEN.

FÜR IMMER. UND EWIG.“

Dazu kommen in allen vier Ecken Testimonials mir wohlgesinnter Zeitgenössinnen und -nossen, ein Kurzabriss meines Lebenslaufs plus eine Zusammenfassung meiner Ziele bis 2035.

Nun solls vor der Westküste Afrikas an den Feinschliff gehen (Interviews durch mit mir verheiratete oder befreundete Medienschaffende), Podiumsdiskussionen über von mir vorgegebene Themen vor handverlesenem Publikum usw.), aber irgendwie wurde daraus bis heute nichts, obwohl die Zeit langsam drängt: Die Versammlung findet am 3. April statt.

Denn kaum hatte ich mein Hotelzimmer betreten, erspähte ich auf dem Tischli eine Karte, die alle Pläne zunichte machte. Auf einem „Wochenplan der Aktivitäten“ war vermerkt: Eine Wanderung, ein Besuch bei Winzern oder eine Piratenparty (sicher mit Kostümen!) und anderes mehr oder kurz: Wovon auch immer ich 50 Jahre lang geträumt hatte – es wurde mir auf dem Silbertablett in Form dieses Kartons serviert.

Über eine Woche ist seither über das Eiland gezogen, ohne, dass ich auch nur einen dieser Punkte hätte abhaken können. Ständig kam etwas dazwischen: Mal musste ich Zigaretten holen, mal hatte ich Hunger, mal war am Pool gerade eine Liege freigeworden.

Heute aber…heute war ich bereit. Schon im Frühtau hatte ich die Wanderschuhe geschnürt, um mit einem Grüppli Gleichgesinnter zu Berge oder wohin auch immer zu ziehen, und Studentenfutter, ein Pärli Servalats plus eine Thermoskanne Tee in meinem Rucksack verstaut. Ich wollte gerade gehen, als ich durch die geöffnete Balkontüre ein Geräusch hörte, das sich wie Regen anhörte.

Aber Regen? Hier? Zu dieser Jahreszeit?

„Mit Regen – allerdings nur vereinzelt – müssen Sie ab Oktober rechnen“: Das steht so, wortwörtlich, im Onlineportal Reiseklima.de unter der Rubrik „Gran Canaria“. Aufgrund dieses Versprechens buchte ich den Trip. Darauf, weitere Ratgeber zu konsultieren, verzichtete ich in der Annahme, dass mich schon jemand warnen würde, wenn es etwas zum Davorwarnen gäbe.

Doch erschütternderweise erachteten es weder die kanarenerfahrenen Menschen in meinem Umfeld noch die Leute im Reisebüro meines Vertrauens als angezeigt, mich darauf hinzuweisen, dass es im Zielgelände ständig schifft wie aus Kübeln. Offenkundig geht es inzwischen selbst Reisebüros mehr ums Geldverdienen als ums Beraten.

Ebenfalls nicht gesagt wurde mir, dass in meinem Hotel in Schlechtwetterperioden keine Indoor-Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden. Zunehmend frustriert schlurfte ich auf der Suche nach einem Billardtisch, einer überdachten Minigolfanlage oder wenigstens einer Kartbahn durch die menschenleeren Flure. Je länger ich in den Gängen umherwandelte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass gleich ein „Redrum“ murmelnder Knirps um die Ecke gedreiradelt kommen würde.

Stattdessen traf ich auf einen leise vor sich hinpfeifenden Angestellten, der sich normalerweise um den Getränkeausschank an der Poolbar kümmert. Er sagte „Hola“ und fragte, ob ich etwas suche. Ich sagte, ja, die Sonne, worauf er sagte, da könne er mir leider nicht helfen, worauf ich sagte, das sei mir schon klar, worauf er mit den Achseln zuckte, worauf wir beide nicht mehr wussten, was wir einander noch sagen könnten.

Das lag allerdings weniger an mir, als vielmehr am mich nicht gelinde erstaunenden Umstand, dass der Mann kaum in der Lage zu sein scheint, in halbwegs passablem Oxforddeutsch eine längere Konversation mit tieferem Sinn zu prästieren. Unten, an der Bar, war mir das bis dahin nie aufgefallen. Doch da musste er auf mein „A Cola Zero, prego“ auch immer nur mit „Si, Senor“ antworten.

Ich ging noch ein bisschen weiter, weils mich auf einmal wundernahm, was Hotelgäste eigentlich tun, wenn sie wegen Schlechtwetters in ihren Zimmern eingeschlossen sind. Hinter den meisten Türen hörte ich Fernseher dröhnen. Durch manche erklang Musik oder Rap. In drei Räumen summte ein Föhn, in einem rauschte Wasser in die Badewanne. In allen anderen Gemächern wars mucksmäuschenstill, aber das musste ja nicht heissen, dass alle Kunden wie tot auf ihren Betten lagen; ganz besonders nicht in „Hotels für Erwachsene“, zu denen auch das meine gehört.

Zurück in meinen vier Wänden nahm ich ein Buch zur Hand, das ich vor langer, langer Zeit einmal in Angriff genommen hatte, und mit dem ich immer noch nicht richtig warm werde:


All jenen, die es noch nicht gelesen haben, sage ich mit Lennon/McCartney: Let it be und kauft euch lieber „Blind“ von Chrige Brand.

Dann hörte der Regen auf. Höhnisch bescheint die Sonne meine Wanderutensilien, bevor sie sich gleich hinter dem Shoppingcenter schlafenlegt.

Ich höckle auf dem Balkon und tippe diesen Beitrag fertig. Anschliessend entwerfe ich bis spät in die Nacht hinein Inserate und Flyer.

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