Skip to content

Schreibzeug Posts

Der kurze Brief zum langen Abschied


(Bild: Von deiner Facebook-Seite geklaut)

Liebe Nicole

Reisende soll man nicht aufhalten, klar. Seit du uns verkündet hast, dass du unserem Paradiesli im alten Markt 6 in Burgdorf den Rücken kehren wirst, um im nahen Osten eine andere Unterkunft zu beziehen, überlegten Chantal und ich uns trotzdem mehr als einmal, wie wir das verhindern könnten (nachts um 3 Uhr deine Türe zuzunageln, war die juristisch vertretbarste Option. Eine andere war, dich solange bei Wasser und Vegankost im Keller einzuschliessen, bis du freiwillig sagst, du würdest doch lieber hierbleiben).

Doch die Entschlossenheit, mit der du in den letzten Wochen deine Siebenhunderttausendsachen in feinsäuberlich nummerierte Kisten packtest, und, vor allem, deine hör-, sicht- und spürbare Vorfreude darauf, mit deinem Schatz in the middle of the sanktgallischen Nowheres zusammenleben zu können, liessen uns all diese Pläne vergessen. Wir haben uns zu unserem eigenen Erstaunen sogar soweit gefasst, dass wir dir und Marcel aufrichtigst alles gönnen, was euch in der Ferne an Schönem bevorstehen mag.

Offen bleibt, was jetzt aus uns werden wird, und aus unseren Tieren und überhaupt.

Wenn ich mutterseelenallein todkrank zuhause liege: Wer fragt mich per Whatsapp, ob sie mir vom Einkaufsbummel etwas mitbringen soll?

Wenn Chantal und ich für ein Weilchen fort sind: Wer kümmert sich um die Schildis im Garten?

Wenn unserer Meite – dem herzigen Hundli, in das du dich schon am Tag seines Einzugs bei uns verliebt hast, dem du auf langen Spaziergängen die grosse, weite Welt zeigtest und dem du zum Chillen immer wieder bereitwillig dein Sofa zur Verfügung stelltest – spontan nach Streicheleinheiten seiner Lieblingsnachbarin zumute ist: Was sollen wir dem verständnislos vor sich hinwinselnden Geschöpf dann sagen? Dass seine Nicole in ihren letzten Unterwasserferien von einem Hai gefressen wurde?


(Bild: Ebenfalls ab deiner Facebook-Seite gestohlen)

Gestern Morgen schleppten starke Männer dein Hab und Gut in einen Lastwagen. Heute hast du geputzt und die Schlüssel abgegeben. Dann verabschiedetest du dich von uns und von Tess, setztest dich in deinen Mini, fuhrst ein letztes Mal durchs Quartier, bogst ins Schlossgässli ab – und warst verschwunden.

Du wirst uns fehlen, liebe Nicole, aber nicht für lange. Auch wenn du Burgdorf inzwischen auf Bisaufweiteresnichtwiedersehen hinter dir gelassen haben dürfest:

Aus den Zimmern in unseren Herzen wegzuzügeln, schaffst du nie.

Facelifting für die Rocknrolldies

Die Rocknrolldies haben ihre Website neu gestaltet – und freuen sich auf die Spielzeit 2017. Den ersten öffentlichen Auftritt der neuen Saison haben Peter Urech und ich am 1. April. Dann kramen wir im Theater Z in Burgdorf nach dem Konzert von “The Great Light of Slow” in unserem Schatztruhen. Wir sorgen aber auch gerne andernorts für Stimmung. Veranstalter von Hochzeiten, Firmenfesten, Geburtstagsparties, Jahrgängertreffen und anderen Feiern können uns im Doppelpack oder einzeln buchen.

Kontakt: +41 76 537 74 84 oder hofstetter.hannes@gmail.com

Zu unserer Facebook-Site gehts hier entlang.

Die doppelte Nicole

Sachen gibts: Vorhin sass ich bei einem Feierabendmineral am runden Tisch in der Burgdorfer Metzgere und studierte das Plakat, das für die “Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit” der einheimischen Kabarettistin Nicole D. Käser wirbt.

Dann ging die Tür auf und schwupp, sass ebendiese Nicole D. Käser – notabene recht zufrieden wirkend – neben mir.

Das müsste mir mal mit Toto passieren.

(Nachtrag, um Missverständnisse auszuschliessen: Diese Nicole ist nicht identisch mit jener Nicole, von der ich mich mit diesem Beitrag verabschiede.)

Into the dark

Viersprachig wies die Frau im Zuglautsprecher soeben darauf hin, dass wir gleich durch den Gotthardtunnel blochen werden und dass das rund 25 Minuten dauern dürfte. Bei Fragen wende man sich bitte undsoweiterundsofort, aber für Fragen ist keine Zeit.

Wenn man jetzt (das ging aber schnell!) schon mal drin ist, kann es nur darum gehen, die Sehenswürdigkeiten im längsten Loch der Welt fotografisch zu dokumentieren:

Während ich knipse wie wild, grummelt Sergio (oder wie auch immer er heissen mag) in seinem Speisewagenchucheli ununterbrochen vor sich hin. In diesem Tunnel, teilt er einem Gast mit, der bei ihm vor einigen Minuten ein Kafi bestellt hatte, falle ständig der Strom aus, und deshalb gebe es grad kein Kafi, worauf der Gast sagt, dann nehme er halt einen Tee, wobei: das gehe demfall wohl auch nicht, und dann greift er, vermutlich nur, um nicht für nichts und wieder nichts in den Speisewagen gewandert zu sein, zu einem Biberli und einem Kägi.

Kaum ist er weg, nimmt am Tisch nebenan eine Familie im praktischen Kleinformat Platz. Nicht ahnend, dass hier aufwärmtechnisch im Moment assolutamente niente läuft, studieren die Eltern – um noch nicht einmal 9 Uhr am Sonntagmorgen – die Speisekarte (angeboten werden unter anderem Agnolotti mit Pilzfüllung, thailändisches Pouletcurry, Kalbsgeschnetzeltes Zürcher Art plus verschiedene Salate; es ist irgendwie schon verrückt. Ein Eingeklemmtes würde es zur Not amänd auch tun), während der Kleine auf einem iPad herumwischt, und als die Eltern die Karte beiseite legen, steht auch schon Sergio (oder so) bei ihnen, doch weils nella cucina immer noch ist, wies halt ist, bestellen alle ein Mineralwasser mit ohne etwas dazu.

Irgendwann wirds draussen wieder hell. Bis nach Flüelen dauerts nun nicht mehr ganz so lange, wies schon gedauert hat (nicht, dass das wichtig wäre; was zählt, ist die Fahrzeit bis Burgdorf, und die beträgt nach wie vor eine Ewigkeit).

Zischend und fauchend erwachen die Maschinen in der Kombüse aus ihrem Tunnelkoma. Hinter seinem Tresen strahlt Sergio (oder Paolo. Oder vielleicht auch Giuseppe) übers ganze Gesicht.

Altersunheimelig

Abends um zehn vor einer verschlossenen Hoteltüre zu stehen: Das ist mir glaub noch nie passiert. Doch zwei Minuten, nachdem ich hineintelefoniert hatte, sah ich durch die Glastüre auch schon einen jungen Mann herbeieilen, der mich aufs Freundlichste begrüsste und aufs Zimmer geleitete, und alles war bestens, oder ämu fast.

Irgendetwas – vielleicht warens die Alarmknöpfe an den Wänden oder das Sitzli in der Duschkabine; wer weiss? – irritierte mich, doch irgendetwas, merkte ich leicht verspätet, hatte schon mit dem Türöffner und der Rezeption nicht gestimmt.

Der Mann war ganz in Weiss gekleidet, als ob er gerade dem Set eines Ärztefilms entsprungen wäre oder seit Tagen darauf gewartet hätte, einen reumütig von seiner Flucht zurückkehrenden Patienten mit beschwichtigenden Worten in die Zwangsjacke zu stecken. Der Empfangsbereich wirkte auch zu dieser vorgerückten Stunde so steril wie ein Operationssaal vor dem ersten Eingriff des Tages.

Und überhaupt: Das Zimmer ist gar kein Zimmer, sondern eine komplette Wohnung mit Küche und Balkon und einem Sofa und allem und zwei Türen, die sich nicht öffnen lassen, und die mich wenig später albträumen liessen, was in den Räumen dahinter Bewohnern an Unaussprechlichem widerfahren kann, die sich nicht hauskompatibel benehmen (als Stichworte müssen „Fingernägel“ und „glühendheisse Zangen“ genügen).

Rasenden Herzens erwacht, tappte ich vom Bett zum Fernseher. Dort, erinnerte ich mich, lag ein Haufen Prospekte. Ich griff mir die erstbeste Broschüre – und merkte schon nach kurem Blättern, wie sich mein Puls von Seite zu Seite in den zweistelligen Bereich zu senken begann.

Ich bin mitten in Locarno nicht, wie befürchtet, in einer Kopie des “Overlook”-Hotels aus “Shining” gelandet, sondern an einem Ort, an dem ich “ein Leben mit gehobenen Services und vielen Annehmlichkeiten und einem gepflegten Ambience” verbringen darf. Ich könne, versichert mir das Management, “ganz nach Ihren Wünschen und Vorstellungen” leben und meinen “Tagesrhythmus selber bestimmen”. Für meine Sicherheit sorge “rund um die Uhr unsere Notrufbereitschaft”, las ich, und warf voller Dankbarkeit einen Blick auf den roten Knopf.

Für allerlei Kurzweil sei im Übrigen gesorgt, entnahm ich dem Hochglanzmagazin. Geboten werde “ein breit gefächertes, hausinternes Kulturprogramm, das sowohl den Geist als auch die Sinne anspricht”. Konzerte in verschiedenen Stilrichtungen, Spielnachmittage, eine eigene Bocciabahn, Diskussionsforen, Gedächtnistrainings, Lesungen, Sprachkurse und so weiter und so fort stünden zu meiner freien Verfügung. “Aktiv bleiben, neugierig sein und Interessen haben” gehöre schliesslich zu den “wichtigen Elementen für eine hohe Lebensqualität im Alter”.

“…im Alter”?!?

Mir fiel es wie Schuppen vom Fisch: Ich bin in einem Seniorenzentrum gelandet, das einige Zimmer (wobei, eben: “Zimmer”…) auch an Gäste vermietet, die nicht vorhaben, den Rest ihres Lebens hier zu verbringen und für ihr Appartment, je nach Fläche, 3520 bis 5260 Franken pro Monat zu bezahlen; Sonderwünsche not included.

Hätte ich das gewusst, wäre ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer anderen Unterkunft abgestiegen, auch wenn ich einräumen muss, dass ich hier, lange vor Anbruch der Hauptsaison, sehr günstig hause.

Auf dem Portal, über das ich das Hotel “Hotel” buchte, hiess es, es verfüge nebst vielem anderen über einen grossen Garten mit einer Terrasse, einen Innenpool, ein Alacarterestaurant und eine Bar. Die Piazza Grande und das Ufer des Lago Maggiore seien nur rund einen Kilometer entfernt.

Dass es sich bei der Immobilie um ein Altersheim handelt, wurde mit keiner Silbe erwähnt.

Aber gut: Auf eine schräge Art ist es hier ja ganz gemütlich. Beim Zmorge war ich vorhin der mit Abstand Jüngste im Saal. In aller Ruhe und musikalisch begleitet von Céline Dion, Peter Reber und Elton John konnte ich mich ungeellböglet durch das riesige Buffet (mit einer bemerkenswert üppigen Auswahl an Müesli und Weichkäsen) futtern. Mit ihren Rollstühlen und Rollatoren hatten die Mitesserinnen und Mitesser gegen mich keine Chance.

Jetzt frage ich einen der Betreuer, die ununterbrochen durch die Flure wieseln, ob er Zeit habe, mich in die Stadt zu begleiten. Anschliessend gönne ich mir chly Wellness und Fitness im Hallen-Therapiebad.

Nullersteine, Mitleser und Wein aus dem Karton

Dreieinhalb Stunden dauert die Zugfahrt von Burgdorf nach Locarno. Was passiert in dieser Zeit?

17.53 Uhr: Die Züge nach Olten seien um diese Zeit nur mässig ausgelastet, hatte die SBB-App versprochen. In „meinem“ Wagen sind dessen ungeachtet nur zwei Sitze frei. Den einen belege ich, der andere bleibt leer. Acht Mitreisende stehen lieber, als neben einem Dunkelhäutigen Platz zu nehmen (Nachtrag 30 Sekunden später: Das kann aber auch nur mit der Alkoholfahne des Mannes tun haben).

18.30 Uhr: Eigentlich müsste der Zug, der mich in die Zentralschweiz bringen soll, jetzt losfahren. Er hat aber vier Minuten Verspätung. Zig Umstehende zücken panisch ihre Handys, um die Lieben daheim darüber zu informieren. Ich mag mir nicht vorstellen, in wie vielen Küchen in diesem Moment unter wüsten Verwünschungen Pfannen vom Herd gerissen werden. Mir bietet sich die willkommene Gelegenheit, mich endlich einmal mit dem berühmten „Stunde-Null-Stein“ zu beschäftigen. Es ist schon erstaunlich: 51 Jahre lang lebte ich im festen Glauben, er heisse „Kilometer-Null-Stein“. Aber oha. Das ändert natürlich alles.

18.55 Uhr: Die Frau gegenüber ist eingeschlafen. Sie schnarcht mit sperrangelweit geöffnetem Mund und ähnelt ein bisschen dem Gotthard-Nordportal. Es ist wie bei einem Unfall auf der Autobahn: Man sollte nicht hinschauen, tuts aber, mit einer Mischung aus Faszination und Grauen, trotzdem.

19.25 Uhr: Wir haben Luzern verlassen. Mit „Meddle“ von Pink Floyd in den Ohren rausche ich durch die inzwischen stockfinstere Nacht. Ab und zu rast ein Bahnhöfli vorbei und manchmal ein Dorf. Für einen Kaffee würde ich jetzt zehn Franken bezahlen, aber da ist kein Wägeli weit und breit (und übrigens auch kein Kondukteur. Ich frage mich, wofür ich vor ein paar Monaten sehr viel Geld für den Swisspass ausgegeben habe. Bis heute wollte kein Mensch ihn je sehen).

19.46 Uhr: Arth-Goldau. Hier hat ein Hirsch meinem Grossvater einst einen kompletten Futtersack aus der Manteltasche geklaut, und am See gibts ein nettes Beizli. Weiter.

19.54 Uhr: Der gragletvolle Zug – ein italienisches Modell – setzt sich ruckelnd in Bewegung. Von aussen sah er topmodern aus; innen ist er ziemlich naja. Drei Toiletten sind caputo, die anderen besetzt.

20.01 Uhr: „Ja…ja…ja…ja…ja…ja…ja…ja…ja…ja…ja……ja…du auch. Tschü-üss.“

20.18 Uhr: Neben mir sitzt ein Senior, der seit der Abfahrt in Arth-Goldau auf meinen Bildschirm starrt. Wir haben noch kein Wort miteinander gesprochen, weshalb ich nicht weiss, ob er Deutsch versteht oder nicht. Falls ja: „HALLO, SIE! JA, SIE MEINE ICH! IST ES WIRKLICH SO INTERESSANT, ANDEREN LEUTEN BEIM SCHREIBEN ZUZUSEHEN?!? ICH WILL IHNEN WIRKLICH NICHT ZU NAHETRETEN, ABER ICH FINDE DAS EIN BISSCHEN UNHÖFLICH. Danke für Ihr Verständnis.“

20.27 Uhr: Russen Polen Tschechen Leute, die ihre Wurzeln weit rechts vom Appenzellerland haben, bechern Rotwein aus dem Tetrapack. Das kann nicht gut kommen, irgendwie.

20.28 Uhr: Der Senior neben mir ist entweder wirklich nicht des Deutschen kundig oder ein besonders dreister Zeitgenosse. Er liest jedenfalls unbeirrt mit.

20.38 Uhr: Unmittelbar, nachdem wir aus dem Tunnel gefräst sind, fällt ein Koffer aus der Ablage. Heiterkeit im Wagen (ämu bei jenen, dies mitbekommen haben. Die Osteuropafraktion hats auch so lustig).

20.47 Uhr: In Bellinzona sehe ich die ersten Eingeborenen:

Weiter gelingt es mir, einen Blick auf das Schloss zu werfen. Meines in Burgdorf ist grösser und schärfer.

21.28 Uhr: Locarno. In der Sonnenstube ist der Boden nass. Aber die Frisur sitzt.

Newsletteritis

Damals, als es noch keine Elektronik gab, machten die Leute mit Inseraten in Zeitungen auf ihre Waren und Dienstleistungen aufmerksam.

Noch viel früher eilten Meldeläufer barfuss durch die weiland (schönes Wort übrigens: “weiland“) nur spärlich besiedelten Lande, pochten an jede Tür und teilten dem Herrn oder der Dame des Hauses nach Luft japsend mit, am 6. Juno in exakt einem Dezennium würden AC/DC ihr Liedgut unplugged mit Harfe, Laute und Drehleier im Stadium Helveticum zu Brenodorum darbringen. Für dieses Spectaculum trage er in der Innentasche seines Wamses einen Posten Eintrittsschiefertäfelchen mit sich. Falls man an einem oder mehreren dieser Billete interessiert sei, soll man bitte subito kaufen; er wolle deswegen nicht extra noch einmal von Turicum nach Brunntrumdum hasten.

Es mochte Zufall gewesen sein oder auch nicht: Kaum konnte sich niemand mehr Anzeigen leisten und hatten die Gewerkschaften durchgestiert, dass Lehrlinge pro Arbeitstag nur noch höchstens 140 Kilometer rennen dürfen, wurde die Email erfunden. Seither verschicken Firmen, Kulturschaffende, soziale Einrichtungen, Vereine und so weiter in hoher Kadenz mehr oder weniger “persönlich” gehaltene Briefe, um für sich zu werben.

In die Mailfächern rund um den Globus landen jeden Tag zig Schreiben von Haushaltgeräteherstellern, Potenzpillenverteilern, Verkupplungsagenturen (wobei: Vorletzere und Letztere arbeiten zusammen; jede Wette), Softwareentwicklern, Reiseveranstaltern, Waffenverkäufern, Friedensaposteln, Tierfutterproduzenten, Politikern oder Getränkehändlern.

(Bevor jetzt jemand erbost von seinem Sitz aufspringt und brüllt: “Mooo-ment! Du hast für deinen früheren Theaterverein doch auch Newsletter verschickt, und zwar nicht zu knapp?!?”, lege ich gerne offen, dass ich für meinen früheren Theaterverein auch Newsletter verschickt habe, und zwar nicht zu knapp. Aber das war etwas anderes.)

Das auf den ersten Blick beste an all diesen Mails ist: Man kann sie mit einem einzigen Klick auf einen kaum sichtbaren Link in einer unteren Ecke der letzten Seite abbstellen. Irgendwie habe ich jedoch das Gefühl, dass es sich dabei bloss um eine Proforma-Übung handelt. Eine echte Chance, dieser Epidemie Herr oder Frau zu werden, hat kein Mensch, der je von ihr befallen wurde.

Den schönsten Beleg für diese These lieferte mir neulich der Verlag, der die von mir ansonsten überaus geschätzte “Süddeutsche Zeitung” samt ihren publizistischen Ablegern herausgibt. Kaum hatte ich dessen Newsletter zum grob geschätzt 6,26millionsten Mal unsubscribed, poppte auf meinem Bildschirm ein neues Fensterchen auf:

Ich schicke der “Süddeutschen” und all den anderen Plaggeistern glaub mal einen Meldeläufer vorbei. Den gfürchigsten, dens für Geld zu haben gibt.

Es ist, wies ist

Der Krieg in Syrien dauert an, vier oder acht Amtsjahre von Donald Trump liessen sich inzwischen nur noch mit juristisch eher fragwürdigen Mitteln verhindern, das Burgdorfer Bauamt vergisst alle zwei Wochen, den Ghüder am Punkt Dienstag in unserem Quartier abzuholen: Die Welt, liebe Leserinnen und liebe Leser, ist aus den Fugen geraten, und wenn wir schon dabei sind:

Mit Fuge und Recht kann man knapp vier Wochen, nachdem es geschlüpft ist, also behaupten: Das Jahr 2017 geht, wenn es so weitermacht, innert Kürze den Bach runter (anders als 2010 zum Beispiel, an dessen Ende ich meiner damaligen Freundin erfolgreich einen Heiratsantrag machte, oder auch ganz im Gegensatz zu 2013, als Mark Knopfler und Toto auf der Piazza Grande in Locarno für zwei bis an mein Lebensende denkwürdige Hochsommerabende sorgten, und schon gar nicht zu vergleichen mit unserem Hochzeitsjahr 2012; d e m Jahr überhaupt), aber was solls?

“It’s what it is” (lat. “Es ist, wies ist”) sang Knopfler damals, im Tessin, als zweiten Song seines Konzerts (los wars mit “Border Reiver” gegangen; dies nur der Vollständigkeit halber), und wenn er das sagt, wirds wohl stimmen. Andernfalls hätte sich “Sailing to Philadelphia”, die CD mit “What it is” drauf, wohl kaum zigmillionenfach verkauft, oder nicht? ODER NICHT?!? – Eben.

A propos “Tessin”: Falls bei diesem anhaltend garstigen Wetter jemand darüber nachzudenken beginnen sollte, spontan für ein Wochenende in den relativ nahen Süden zu verschwinden, kann ich das Hotel Collinetta bei Ascona wärmstens empfehlen. Es kostet sozusagen fast gar nichts und bietet sehr viel (Aussicht, um nur einen Vorzug zu nennen):

Burgdorf hingegen hinkt in attraktivitätstechnischer Hinsicht aktuell chli hintennach

,

aber das wird bestimmt ganz von selber wieder werden, und wenn nicht, beschwere ich mich einfach bei unserem neuen Stapi.

Keinen Grund zur Klage hatte meine Schwägerin Judith Wernli. Sie sammelte für die Hilfsorganisation Volunteers for humanity in Dättwil warme Kleider, Decken, Schuhe und so weiter für Menschen auf der Flucht. 


(Bild: zvg)

Als wir bei ihr vorbeischauten, um unser Scherflein zu der Aktion beizutragen, gings in der Garage zu wie in einem Bienenhaus. Die Leute deponierten nicht nur säcke- und schachtelweise Ware, die sie selber nicht mehr benötigen, sondern nutzten die Gelegenheit auch zu einem Schwatz unter Bekannten oder Wildfremden, und so hatten am Ende alles etwas davon. “Unfassbar gross” sei die Unterstützung, freuten sich die Verantwortlichen auf Facebook, während es sich ein paar wenige Stänkerer nicht verklemmen konnten, gleichenorts darauf hinzuweisen, dass im Fall auch in der Schweiz Menschen Not leiden würden.

Ich frage mich manchmal, was das für Zeitgenossinnen und -nossen sind, die in der kuscheligen Wärme ihrer Einfamilienhäuschen rund um die Uhr an ihren teuren Laptops und schicken iPads sitzen, um das Internet nach Meldungen abzugrasen, die sie in ihrer Ansicht bestätigen, ständig zu kurz zu kommen.

Vermutlich sind es dieselben Leute, die bei Google Suchbegriffe wie “Junge holt sich einen runter” oder “Susan Link Füsse” (wer ist Susan Link? Ach so: eine TV-Moderatorin. Gut zu wissen.) eingeben und daraufhin, warum auch immer, in diesem Blog landen, wo sie ihren Senf, frustriert darüber, nichts zum Thema “Junge holt sich einen runter” gefunden zu haben, zu wahllos angeklickten anderen Texten absondern.

Zu diesem Beitrag landeten im Laufe der letzten Wochen – anonym, versteht sich – folgende Kommentare in meinem Spamfach (die Fehler lasse ich stehen; irgendwie fehlt mir gerade die Zeit und die Musse, sie zu korrigieren)::

  • “Man sieht dass sie keine Ahnung haben. Das Gedicht heisst Marsch in die Nacht und haben wir in der Schule gesungen.”
  • “Machen Sie sich nur lustig über die Soldaten. Sie werden einmal froh sein darüber.”
  • “Sie sind sicher auch einer von diesen Armeeabschaffern. Ihre Meinung intressiert niemand.”
  • “Stehlen sie alles?”
  • “Über so etwas macht man keine Witze.”
  • “das klima ohne wende und t shirtwetter fern” ist falsch, es heisst richtig “die strasse ohne ende und was wir lieben fern.”.

Ich mag ihnen ja gönnen, wenn sie immer wieder neue Örtchen finden, an denen sie sich intellektuell versäubern können. Aber wenn sie schon wegen vier Zeilen, die noch dazu in keinster Weise ernstgemeint waren, einen solchen Aufstand machen: Was wird wohl los sein, wenn sie in meinem virtuellen Stübchen einmal etwas (zumindest mir) wirklich Wichtiges entdecken?

+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++Erbreaking news+++

Wie der Tagesanzeiger, “Bild”, Focus und seit wenigen Minuten nadisna sämtliche Medien zum Schrecken all jener berichten, die ein Minimum an Wert auf gute Musik, passable Frisuren und Kleider aus der Zeit nach Christi Geburt legen, gedenkt die Kelly Family in diesem Jahr offenbar ein neues Album zu veröffentlichen.

Nein: “Verheissungsvoll” ist nicht das Adj Adv Pron Wort, das einem zum Auftakt von 2017 als Erstes einfällt.

Aber mir wei nid chlage: im Frühling 2018 sind wir schon wieder in Australien. Bis dahin heisst es einfach durchhalten, Susan Links Füsse bestaunen und “What it is” hören.