Auf der Homeoffinsel (36)

Montag, 8. März 2021, 6.20 Uhr

Auf dem ganzen Globus dürfte es kein Hotel-Badezimmer geben, in dem der „liebe Gast“ nicht mit einem Kleber auf die Möglichkeit hingewiesen wird, während seines Aufenthaltes ein bisschen etwas für die Umwelt tun zu können.

Alles, was er dafür machen müsse, sei, die Bade- und Handtücher nach dem Gebrauch zu trennen: was ersetzt gehöre, soll er in die Dusche oder ins Lavabo oder auf den Boden legen. Weiterverwendbares gehöre an den Haken oder aufs Biigeli mit den sauberen Sachen.

Seit ich gelegentlich auswärts übernachte, beherzige ich diese Empfehlungen mit einer mich manchmal selber überraschenden Sturheit. Genauso konsequent wechselt der Zimmerservice den kompletten Satz Frottierzubehör Tag für Tag aus und zwar unabhängig davon, wo ich seine Einzelteile in welchem Zustand deponiere.

Inzwischen bin ich fest davon überzeugt, dass auch dieser ökologische Wahnsinn Methode hat. Vermutlich bringen die Raumpflegerinnen grundsätzlich alle Tücher in die Reinigung, damit die Leute da unten mehr zu tun haben. Ein Teil des Geldes, das die Wäscherinnen und Wäscher auf diese Weise schwarz verdienen, fliesst als Kickbacks in die Taschen der Reinmacheequipe zurück.

Deren Angehörige laufen am Feierabend schnurstracks in einen von Bill Gates kontrollierten Apple Store, um den Zustupf in 5G-Smartphones von Angela Merkel zu investieren und schwupp – sind die illegalen Einkommen so porentief sauber gewaschen wie Stunden zuvor die Tücher aus meinem Bad.

Auch in den Nasszellen der Hotels dieser Welt scheinen Leute mit gewissen Privilegien (Generalschlüssel, riesige Wäschekörbe auf Rädern) also Dinge zu tun, von denen Normalsterbliche nichts ahnen, mit Absichten, die sich zweifellos erst dann offenbaren, wenn alles zu spät ist, aber das darf man ja kaum laut denken, ohne gleich als Querduscher verhöhnt und verspottet zu werden.

Auf der Homeoffinsel (35)

„Ups. Mascarilla vergessen. Können wir das nochmal…?“ – „Klar.“
„Jetzt ist gut. Das andere Bild löschst du einfach.“ – „Natürlich.“

Sonntag, 7. März 2021, 13 Uhr

Es ist ein schleichender Prozess: Wenn man chly länger in einem Hotel lebt als normale Feriengäste, behandeln einen die Mitarbeitenden irgendwann nicht mehr wie, sagen wir, der in Immobilien machende Heinz aus Sissach, der eincheckt, dann zwei Wochen lang über das falsche Mineralwasser und auch sonst alles meckert und am Schluss, wenn er das Visachärtli ans Lesegerät hält, sagt, es sei alles superduper gewesen und er komme nächstes Jahr ganz bestimmt wieder, obwohl er genausogut wie der Mann hinter dem Maschineli weiss, dass das auch nicht der Fall sein würde, wenn bis dann weltweit nur noch ein Hotel geöffnet wäre, oder wie die etwas veronaferreshaft wirkende Gerlinde aus Mannheim, deren Parfümwolke und so weiter, und so fort.

Ich bin jetzt seit gut vier Wochen hier und merke diese Veränderungen an munzigen Details. Zum Beispiel sagen die Leute vom Staff („Staff“ wollte ich schon immer mal schreiben. Das klingt so wichtig nach Backstage auf dem Gurtenfestival samt nicht übertragbarem Badge mit Passfoto und einem Bier in der Nähe von Göläs Schlagzeugroadie) zu mir nicht mehr „buen día“, sondern nur noch „¡Hola!“ oder „Ciao“.

Die Frau, die mein Zimmer putzt, legt mir seit einer Weile sechs statt zwei Kafirähmli neben den Wasserkocher. Eusebio, der Mann am Pool, avanciert von Tag zu Tag mehr zu meinem besten Freund. Wir haben zwar noch kein Wort miteinander gesprochen, aber er zeigt mir jeden Spätnachmittag den emporgereckten Daumen, wenn ich mich seinem meist menschenleeren Revier nähere.

Darüberhinaus würde es mich sehr wundern, wenn Miguel vom Empfang während seiner langen, langen Arbeitstage nicht zumindest hin und wieder darüber nachdenken würde, sich für mich von seinem Partner zu trennen.

Andernfalls hätte er ihn mir sicher längst vorgestellt.

Auf der Homeoffinsel (34)

Samstag, 6. März 2021, 6.10 Uhr

Alle paar Jahre erfülle ich in diesem Blog ab sofort einen Text- oder Bildwunsch aus der Leserschaft. Die Hürden auf dem Weg zur Veröffentlichung sind nicht allzuhoch. Ein paar wenige Spielregeln müssen zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in meinem virtuellen Stübli aber einfach sein.

Dazu gehören folgende Punkte:

1) Das Anliegen muss so formuliert sein, dass ich es auf Anhieb verstehe.

2) Ihm nachzukommen, sollte mich nicht allzudicht an die Grenze des juristisch gerade
noch Tolerierbaren führen.

3) Es muss innerthalb einer Viertelstunde umsetzbar sein und darf

4) weder Aufrufe zu Versammlungen von Coronaleugnenden enthalten noch zu
Terroranschlägen oder Misshandlungen von Lebewesen aufrufen und mich schon gar
keinesfalls zum Zeigen von Xavier Naidoo-, Justin Bieber- und Helene Fischer-Videos
veranlassen wollen.

5) Spenden sind willkommen in
a) bar
b) auf mein BEKB-Konto mit der IBAN-Nummer CH52 0079 0042 4040 3905 6 oder
c) per Twint.

6) Von Bestechungsversuchen rate ich eindringlich ab.

Grundsätzlich gilt: je schlichter der Begehr, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Wünschende, wenn er sich bei mir irgendwann danach erkundigt, ob ich seinem Ansinnen schon nachgekommen sei und er das Resultat amänd überlesen habe, von mir nicht zu hören bekommt, seine Mail sei vermutlich im Spamfach gelandet, das sich regelmässig selber leere.

Markus W. aus B., der mir mit dem ihm eigenen Charme die oben abgebildete Bitte unterbreitete, machte alles richtig, bis auf das mit dem Bakshish, aber damit pressierts auch nicht soooo wahnsinnig.

In diesem Sinne:

Extra für Markus W. (I)
Extra für Markus W. (II)
Extra für Markus W. (III)
Extra für Markus W. (IV)
Extra für Markus W. (V)

Auf der Homeoffinsel (33)

Freitag, 5. März 2021, 13 Uhr

Normalerweise bin ich um 9 Uhr herum noch auf meinem Powerbummel. Heute ging ich aber erst im Shoppingcenter nebenan einkaufen. Mit einem Sack voller Joghurts, Mineralwasser, Kiwis und Bananen kehrte ich ins Hotel zurück. Ich stellte die Tasche vor meiner Türe ab, hielt die Karte an den Leser (das meinen die Amerikaner und Engländer, wenn sie von „Lasershow“ sprechen) und öffnete die Türe.

Kaum hatte ich mein Gemach betreten, hörte ich die Facility Managerin vom Balkon her rufen „get out, please!“, „get out!“.

Ich dachte, was Cheibs, und glaubte für einen Moment, mich im Zimmer geirrt zu haben. Aber nein: was auch immer mein Auge an Büromaterial, Wäsche und Schutzmasken erblickte, gehörte mir.

Auf dem Balkon wiederholte die Frau mit einer gewissen Dringlichkeit, ich soll den Raum please! verlassen. Ohne zu wissen, wieso, tat ich, wie geheissen.

Ich nahm den Lift ins Parterre, holte mir im Restaurant ein Maschinenkafi und setzte mich nach draussen.

Mit dem leeren Becher in der Hand ging ich wenig später an die Rezeption. Weil der Diensthabende gerade ein Eggeli Zeit übrig zu haben schien – aktuell sind im Hotel 14 Personen einquartiert – erzählte ich ihm, ich sei von der Reinigungsfrau soeben aus meinem temporären Zuhause geworfen worden.

Das sei schon in Ordnung so, sagte der Mann am Empfang. Die Mitarbeiterin habe exakt nach Vorschrift gehandelt.

Um Corona-Ansteckungen zu vermeiden, habe das Management nämlich entschieden, dass sich während des Putzens kein Gast im Zimmer aufhalten dürfe.

Aber das, fügte er an, sei nur die offizielle Version.

Es gebe noch eine inoffizielle.

Mein Interesse war wacher denn je, seit ich mich soeben hier eingefunden hatte.

Ich könne mich bestimmt an „diesen Franzosen“ erinnern, fuhr der Mann fort. Zwei Sätze später war mir klar, wen er meinte: Dominique Strauss-Kahn (für den jüngeren Teil der Leserschaft: Der damalige Chef des Internationalen Währungsfonds IWF und eine Hotelangestellte begegneten sich einst in einer New Yorker Luxussuite.

Der Rest der Geschichte wäre traurige juristische Routine gewesen, hätte es sich beim Hauptdarsteller nicht um einen der mächtigsten Männer der Welt gehandelt: Sie beschuldigte ihn der versuchten Vergewaltigung, er wies ihre Darstellung als „erfunden“ zurück.

Anderthalb Jahre später unterzeichneten die beiden einen Einigungsvertrag. Was genau auf wessen Initiative hin in der kurzen Zeit passierte, in der sie sich im selben Raum aufhielten, bleibt wohl für immer unklar).

Aus den Erfahrungen des Mitbewerbers in Übersee ist das Management „meines“ Hotels offenkundig klug geworden. Es traf Vorkehrungen, die ein unbeobachtetes Zusammentreffen von Gast und weiblichem Personal weitestgehend ausschliessen sollen. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Einen Teil des Preises für diese Massnahme bezahle allerdings ich. Bis zum Auschecken in zwei Monaten gelte ich für die Putzequipe in meiner Unterkunft als potenzieller Unhold.

Sicherheitshalber werde ich das Trinkgeld für die Frauen deshalb erst nach meiner Abreise per Post überweisen. Bisher legte ich es ihnen aufs Nachttischli.

Auf der Homeoffinsel (32)

Donnerstag, 4. März 2021, 14 Uhr

Was bin ich?

So hiess nicht nur ein heiteres Beruferatespiel in der Frühphase der televisionären Schöpfungsgeschichte (siehe oben). Das frage ich mich manchmal, seit ich auf dieser Insel gelandet bin.

Als jemand, der in erster Linie zum Arbeiten hierhergekommen ist, fühle ich mich nicht als Tourist. Wenn ich Miguel von der Rezeption fragen würde, was ich in seinen Augen bin, würde er allerdings ohne zu zögern antworten, un turista.

Ich suche nach einem Schublädli, in das ich mich stecken kann. Eigentlich bin ich kein Fan von Schublädli, doch wenn Konfusion herrscht, bringen sie zügig Ordnung ins Leben.

Bin ich ein Covimmigrant, der vor der grossen Krise in der Heimat an einen Ort geflüchtet ist, an dem…nunja; dieselbe Krise herrscht, nur wärmer?

Ein Fremdarbeiter, der der Fremde, in der er arbeitet, jedoch nicht annähernd soviel gibt wie jene Menschen, die wir in der Schweiz als Fremdarbeiter bezeichnen?

Ein digitaler Nomade? Nein, auch nicht. Nomaden ziehen ihr Leben lang von Ort zu Ort. Ich zügelte für drei Monate von Burgdorf nach Playa del Ingles. Wenn ich das einem echten Nomaden erzähle, schaut er mich, gelangweilt auf einem Tabakblatt herumkauend, eine Zeitlang an, wartet auf die Pointe, steht, wenn er merkt, dass keine kommt, von seinem fadenscheinigen Teppich auf, rollt ihn zusammen, zurrt ihn auf dem Heck seines Kamels fest und reitet kopfschüttelnd 800 Kilometer weiter ins nächste Dorf.

Bevor sich meine Identitätskrise ins Unaushaltbare steigerte, eilte mir nun die Redaktion des „Spiegel“ zu Hilfe. Sie berichtet von Leuten, die ihr Büro quasi in meine Nachbarschaft verlegten:

„Remote Worker“?

„Remote“ bedeutet gemäss einem Wörterbuch „nicht in unmittelbarer Nähe befindlich, aber miteinander verbunden“. Das „Karrieremagazin“ des Onlineportals stellenmarkt.de schreibt, Remote Work „boomt mit steigender Tendenz“.

Ich.

Teil eines Booms!

Trendsetter!!

INFLUENCER (auch ohne Infinitypool im Hintergrund)!!!

Und damit: zurück auf den Boden. Die Remote Work ruft.

Oder, vielleicht doch lieber: die Büez.