Durchstieren statt eindämmen

Die Corona-Fallzahlen seien am Steigen. Man müsse die Eindämmungsmassnahmen „unbedingt verstärken“ hiess es heute an einer Medienkonferenz des Bundesamtes für Gesundheit.

In Burgdorf halten ein paar Leute trotzdem an der in ihren Augen offenkundig systemrelevanten Kulturnacht fest. Die wird jetzt einfach durchgestiert – gehauen oder gestochen oder, wenns ganz dumm läuft, infiziert.

Aber, immerhin: ohne das Casino Theater. Dessen Verantwortliche machen ihrem Namen alle Ehre und verzichten aus Sicherheitsgründen darauf, ihr Haus für diesen Anlass zur Verfügung zu stellen.

Nachtrag 18.9.2020: Heute berichtete auch BZ Online über das Thema (der Artikel ist kostenpflichtig). Und liess die Leserinnen und Leser abstimmen:

Vorbildlich

Wenn selbst die Holzköpfe beim Burgdorfer Gertschmuseum das mit dem Sicherheitsabstand begreifen – wieso kapieren es nicht auch alle anderen?

Jemensch spinnt immer

Da geht er dahin, der Sommer 2020, und kommt nie wieder. Er hats gut: Für ihn ist dieses seltsame Jahr schon vorbei.

Um es mit Wolfgang Sebastian Rilke zu sagen: Der Sommer war gross (wenn auch nicht gar so gross, wie er hätte sein können; an Regenstunden herrschte kein Mangel, und wer die Tage, an denen die Temperatur unter 30 Grad fiel, abzählen möchte, würde dafür mehr als zwei Hände benötigen, aber deswegen braucht man ihn nicht gleich als „klein“ zu verunglimpfen, und überhaupt kommts auch bei Sommern mehr auf die Innereien an als auf die Grösse).

Abgesehen davon: Wenn wir schon fast den kompletten Frühling 2020 drinnen verbracht haben – wer weiss schon, wie manchen Sumer (Klammer auf: „Sumer“ ist eine respektvolle Konzession an den langsam wegsterbenden mittelhochdeutsch sprechenden Teil der Leserschaft, Klammer zu) wir noch draussen geniessen dürfen?

Kurz, bevor er sich dem Ende zuzuneigen begann, ereigneten sich ein paar Dinge, welche die Bevölkerung in Südafrika wohl nur am Rande tangieren, es meiner unmassgeblichen Ansicht nach aber doch Wert sind, zu Augen der Nachwelt notiert zu werden.

Vielleicht beweisen die Vorfälle, was ich schon seit einem geraumen Weilchen vermute: dass es seit Corona deutlich mehr seltsame Leute gibt als vorher.

Möglicherweise deuten sie aber auch nur darauf hin, dass ich seit Mitte März ein bisschen komisch geworden bin und dass meine Toleranzgrenze ähnlich rapide sinkt wie die Covid 19-Infektionszahlen steigen (aber ich weiss: Je Tests, desto positiv undsoweiterundsofort).

Mit meinem neugewonnenen Gspüri für hochgradig Verstörendes wurde ich auf Facebook dank eines lokalen Gastronomen eines neuen Begriffes gewahr:

Ich meine: nichts gegen Holunderbeeren, wirklich nicht. Früher schossen wir besonders reife und entsprechend saftige Exemplare zu Dutzenden durch entfilzte Stifte auf die eben mit Ariel porentiefgewaschene Weisswäsche am Ständer in einem nahen Garten, und wenn jetzt jemand kommt und fragt, obs überhaupt noch gehe, bzw. gegangen sei, kann ich nur sagen: andere ballerten mit ihren Luftgewehren auf Hühner, denen sie zuvor kirschgetränkte Brotkügelchen zu picken gegeben hatten.

Aber „jemensch“? Im Ernst*In_enden? Wo kommt das her? Wo führt das hin? Und, liebe Sprachvergewaltigende: Wäre es, wenns denn schon sein muss, tschendermässig nicht konsequent, aus „der Mensch“ „das Mensch“ zu machen, auf dass niemanfraud sich mehr benachteiligt zu fühlen bräuchte, wenn jemand „jemand“ schreibt?

Jedenfalls: In Burgdorf hatte neulich jemand ein Problem. Das hätte sich bestimmt mit einem Anruf lösen lassen, oder mit einer Mail, doch auf diese Idee kam die Frau nicht. In der festen Überzeugung, dass zwingend an die Öffentlichkeit gehört, was sich in öffentlich zugänglichen Räumen abspielt, erachtete sie es als sinnvoll, ihr Anliegen den über 5000 Leserinnen und Leser der für ihre differenziert formulierten Inhalte berühmten Facebook-Seite „Du bisch vo Burgdorf…“ zur Klärung zu unterbreiten:

Möglicherweise hoffte sie tatsächlich nur auf eine Antwort. Sehr wahrscheinlich ging es ihr in einer Epoche, in der schon die Namensänderung für eine Süssware Schnappatmungen an den Stammtischen auslöst, aber vor allem darum, mit sowenig Aufwand wie nötig soviel Hysterie wie möglich zu entfachen, auf dass die Badi schleunigst ihren pädophilenfreundlichen Sanitärbereich schliesse, die Schule sich subito vom Grüsellehrer trenne und ein Gericht den Wüstling für den Rest seines kümmerlichen Lebens von der Zivilisation separiere, wenn nicht sogar der per Notrecht wiedereingeführten Todesstrafe zuführe.

135 Leserinnen und Leser kommentierten den Beitrag. Sie waren sich – was auf diesem Social Media-Kanal so unüblich ist wie, sagen wir, Hühner auf Holunderbeeren zu werfen – weitestgehend einig:

Mein Glaube an das Gute in meinen Zeitgenossinnen und -nossen war damit wieder halbwegs hergestellt, allerdings nicht für lange:

Auch datzu gähbe es sicher ettwas zu schreiben nur fehlt mir beim bessten Willen nichtz ein hoffentlich sind die Einbrecher vort.

Einen silbernen Opel Corsa gab es zwar nicht zu gewinnen (und auch sonst kein Auto); trotzdem beteiligte ich mich am 1. Burgdorfer Volks-Minigolfturnier. Dafür hatte ich mich mit 38 Punkten qualifiziert, was angesichts der Tatsache, dass ich mich wegen der ständigen Zwischenfälle in der unmittelbaren Umgebung der Anlage kaum je auf das Wesentliche konzentrieren konnte, nicht ganz selbstverständlich war.

Der Wettkampf verlief für mich und einige noch verheerender klassierte Mitstreiter ein wenig naja. Verantwortlich für unsere mutzen Resultate waren einerseits sicher das Wetter und andererseits möglicherweise auch die Gegner.

47 Punkte: Das war nicht, was ich erwartet und schon gar nicht, worauf ich monatelang hintrainiert hatte. Aufs Tiefste gekränkt und vor Selbstzweifeln bis fast auf die Knochen zerfressen, absolvierte ich den Parcours wenige Stunden später noch einmal mit einem Mitablooser, und siehe da: Für die 18 Bahnen benötigte ich im zweiten Umgang nur noch 41 Schläge (was am Morgen zum 4. Platz gereicht hätte) und er deren 46.

Doch all die Hättens, Wärens und Wenns bringen uns nicht vürschi; nicht in Zeiten wie diesen und nicht in anderen. Wir haben, wie der Franzose sagt, to face the facts, und dazu gehört, dass es auf diesem Planeten offensichtlich Menschen gibt, die des Minigölflens kundiger sind als ich.

Aber dafür muss ich weder mit nackten Lehrern duschen noch in Hindelbank Opel fahren, und das ist, wenn man lange genug darüber nachdenkt, schon sehr viel mehr, als vom Leben verlangt werden kann.

Heiter weiter

Coronabedingt abgesagt: Veranstaltungshinweise in Burgdorf. (Bild: Urs Hofstetter)

„Das ist wie in einem Land vor unserer Zeit!“, staunte mein Brüetsch, als er mich vor ein paar Wochen besuchte. Wir standen vor einer Vitrine, in der Plakate für Anlässe hingen, die wegen Corona abgesagt wurden.

Inzwischen ist zumindest in Burgdorf alles anders: Während es anderswo darum geht, die Menschen voneinander fernzuhalten, um ein Ausbreiten der Seuche zu verhindern, führen die hiesige Stadtverwaltung und private Veranstalter Leute zusammen.

In der Schmiedengasse fand neulich eine Buchvernissage statt. Dutzende von Interessierten standen arglos diskutierend beisammen und verpflegten sich Schulter an Schulter an einem Buffet. Später dislozierten sie unter die Marktlauben an ein Konzert.

Am selben Abend richtete ein Restaurant am Hofstatt-Platz einen „Balztanz“ samt DJ, Bar und „feinem Futter“ aus. „Einige Verwegene wagten auf dem holprigen Naturboden ein Tänzchen, ansonsten wurde einfach das ‚Zämesi und Ploudere‘ genossen“, rapportierte die Lokalzeitung.

Und – judihui! – es geht heiter weiter: Mitte Oktober steigt am Schlossfuss die 15. Kulturnacht. Deren Reiz besteht darin, von Lokal zu Lokal zu bummeln und dort aller Gattig Kunst vorgesetzt zu bekommen.

Zwei Wochen zuvor öffnen an der 1. Industrienacht Burgdorfer Unternehmen ihre Türen „für alle Interessierten aus der Bevölkerung“. Zusätzlich bauen rund 20 Firmen in der Markthalle eine „Industriearena“ auf, um „der Region ihre Arbeits- und Ausbildungsplätze zu präsentieren“.

Für den Herbstanlass der Regionalkonferenz Emmental in der Burgdorfer Markthalle liess sich „Mr Corona“ Daniel Koch als Zugpferd einspannen. Ein übertriebenes Gerangel um die Plätze scheint bisher trotzdem nicht zu herrschen:

Ende August offeriert das OK der Burgdorfer Krimitage seinen Dutzenden von Helferinnen und Helfer ein Fest. Zu Feiern gibts allerdings wenig: Die Krimitage, die jeweils Tausende von Besucherinnen und Besuchern aus dem In- und Ausland nach Burgdorf locken, wurden längst abgesagt. Zu behaupten, die Macherinnen und Macher hätten diesen Entscheid einstimmig gefällt, wäre zuverlässigen Quellen zufolge falsch.

Und so weiter, und so fort, und darüberhinaus: Seit das Schloss wiedereröffnet wurde, schlendern täglich zig Touristinnen und Touristen durch die Stadt. Sie vermischen sich ungeniert mit Eingeborenen, die in der Migros oder auf dem Markt eben noch Gemüse betatscht und Bekannten die Hände geschüttelt hatten.

Wenn die amtlichen Angaben stimmen (Zweifel daran sind erlaubt) gab es in Burgdorf bisher ein Dutzend Corona-Infektionen. Das ist kein Grund, um in Hysterie zu verfallen.

Aber es könnte ein Anstoss dafür sein, zu überdenken, was wirklich wichtig ist und was nicht. Oder, um eine längst ausgelutschte Redewendung zu bemühen: das Wünschbare frei von Eigeninteressen vom Machbaren zu trennen.

Davon ist in der Zähringerstadt jedoch wenig zu spüren. Für viele Menschen scheint das Virus seit der umfassenden Lockerung der Corona-Bekämpfungsmassnahmen am 6. Juni verschwunden zu sein.

Erstaunlich ist das nicht. Die Stadtregierung ignoriert das Thema ja auch. Während sich Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten oder andere Exekutivmitglieder überall in der Schweiz schon während des Lockdowns per Mail, Medienmitteilung oder Videobotschaft an „das Volk“ wendeten, um ihm zu signalisieren, dass sie in dieser Krisenzeit an die Menschen denken und mit ihnen fühlen, ging und blieb Burgdorfs politische Führungsriege auf Tauchstation.

Den Kontakt mit den 16 000 Corona-Betroffenen überliess sie der Verwaltung. Sie sorgte mit Mitteilungen auf der städtischen Website und grossflächigen Inseraten dafür, dass die Einwohnerinnen und Einwohner über den schnell wechselnden „Stand jetzt“ der Dinge auf dem Laufenden blieben.

Sowenig Interesse die lokale Politik am Befinden der Burgdorferinnen und Burgdorfer an den Tag legte und legt, soviel Beachtung schenkt sie hoffentlich einem Anlass, der für den 12. November geplant ist: Dann lädt das Forum für Architektur und Gesellschaft zu einem Diskussionsabend zum Thema „Lehren aus der Corona-Krise“.

Dabei gehe es um Fragen wie „Was bedeutet Corona für eine Kleinstadt wie Burgdorf? Ändert sich etwas? Was könnte/sollte/müsste sich ändern in unserem Kleinstadtleben?“, teilt das Forum mit.

Wobei: Es ist ja nicht so, dass die Ansteckungszahlen sinken würden; ganz im Gegenteil. Und bald beginnen die Herbstferien. Anschliessend findet das Leben zum Entzücken des Virus weitgehend drinnen statt. Bis am 12. November kann also noch Vieles passieren.

Auch und ganz besonders in Orten wie Burgdorf.