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Schreibzeug Posts

Worte zu Bildern

Die Anfrage kam etwas überraschend: Ob ich zur Eröffnung seiner Ausstellung im Atelier Hanne Junghans nicht ein paar Worte an die Gäste richten könnte, erkundigte sich der Burgdorfer Künstler Andreas Althaus vor ein paar Wochen bei mir. Es war mir eine Freude, ihm seinen Wunsch zu erfüllen:

„Liebe Kunstbegeisterte,
liebe Freundinnen und Freunde von Res Althaus
liebe Häppchenjägerinnen und -jäger

Wenn mich vor ein paar Wochen jemand gefragt hätte, was ich in meinem Leben un-be-dingt noch tun möchte, wäre mir spontan Einiges eingefallen: Ein bisschen abnehmen zum Beispiel, oder eine Runde Minigolf mit weniger als 36 Schlägen zu absolvieren, oder mit Haien zu tauchen.

Auf etwas wäre ich aber auch nicht gekommen, wenn ich tagelang Zeit zum Nachdenken gehabt hätte: eine Vernissage-Ansprache zu halten.

Vernissage-Redner (erstaunlicherweise handelte es sich tatsächlich durchs Band weg um Männer) habe ich in meiner Zeit als Journalist Dutzende erlebt. Manche referierten in Strickjacken und Manchesterhosen, einige stürzten sich dafür in ihren schönsten Anzug.

Die einen brummelten Bedeutungsschwangeres hinter unkontrolliert wuchernden Bärten hervor, andere ratterten einfach den Lebenslauf des Künstlers oder der Künstlerin herunter. Die Neulinge in der Vernissage-Rednerszene lasen ihre Ansprachen von engbeschriebenen Chärtli ab, während die Habitues frisch von der Leber weg vortrugen, was ihnen gerade in den Sinn kam.

Kein Redner glich dem anderen – aber etwas hatten sie alle gemeinsam: Zum Einstieg in ihre Referate versicherten sie den Gästen immer, welche Ehre es sei, als Laudator auserkoren worden zu sein. Und, vor allem, dass sie sich ganz bestimmt kurz fassen würden.

Eine halbe Stunde später war dann auch dem letzten Besucher klar, dass sich „kurz fassen“ ein sehr dehnbarer Begriff ist. Während die Chäschüechli und Schinkengipfeli im Nebenzimmer erkalteten, philosophierten die Herren endlos über das Wirken und Wesen des immer wieder verholen gähnenden Künstlers.

Das war für alle Beteiligten manchmal ziemlich mühsam. Aber das hatte, wie ich erst jetzt als Direktbetroffener merkte, einen Grund: Vernissagenredner habens nicht leicht. Deshalb machen sie es den Leuten, zu denen sie reden, automatisch genauso schwer.

Wer gebeten wird, an einem Kunstevent ein paar Worte an die Anwesenden zu richten, steht in dem Moment auf verlorenem Posten, in dem er zusagt. Denn wenn es an einer Vernissage etwas nicht braucht, ist es ein Redner.

Ohne den Künstler oder die Künstlerin ist eine Vernissage ebenso undenkbar wie ohne Bilder oder Skulpturen oder – bhüetis! – ohne Apéro. Auf eine Ansprache wartet jedoch kein Mensch.

Ich nehme das nicht persönlich. Ich weiss ja, ehrlich gesagt, selber nicht, wieso ich hier stehe. Und, vor allem, was ich sagen soll.

Mit dem Schaffen von Res Althaus sind die meisten von Ihnen vermutlich ungleich besser vertraut als ich. Viele von Ihnen kennen Res seit Jahrzehnten. Sie haben seinen Werdegang mitverfolgt. Sie wissen, wann er sich wieso in welche Richtung entwickelte, welche Wege ihn über welche Höhen und durch welche Tiefen dahin führten, wo er heute steht, was seine starken Perioden waren und was seine vielleicht nicht ganz so starken, und wieso er manchmal lieber Rechtecke zeichnet statt Ovale.

Ich selber kenne Res weniger als Künstler, sondern vor allem als Freund, mit dem man genausogut über irgendwelchen Nonsense plaudern wie tiefsinnige Gespräche führen kann. Bei uns zuhause hängen vier Bilder von ihm; eines habe ich gekauft, die anderen schenkte er uns.

Ich sehe seine Bilder jeden Tag…und jedesmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas anderes sagen wollen. Manchmal hellen sie einfach mein Gemüt auf; das tun sie besonders jetzt, in diesen nebliggrauen Herbst- und Wintertagen.

Dann sagen sie mir: Nimm nicht alles ernst. Bleib locker. Es gibt im Leben so viel Schönes und, eben: Heiteres, das viel stärker ist als die dunklen Schleier vor deinem Fenster. Du siehst das vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn du genau hinschaust, entdeckst du auch im Kleinen Grosses.

Hin und wieder entführen sie meine Fantasie in eine andere Welt. Dann wird aus dem Blatt, das auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung abgedruckt ist, eine Schildkröte, die gemächlich durch eine Steinwüste auf den Galapagosinseln kriecht und irgendwann irgendetwas erlebt. In meinem Kopf läuft ein Kurzfilm, den nur ich sehen kann – und an dem ich anschliessend noch stundenlang herumstudieren kann.

Unabhängig von den Gedanken, die sie in mir auslösen, ist es einfach so, dass ich mich immer freue, diese Bilder zu sehen. Als jemand, der zu seinen Zeichenlehrern nie besonders innige Verhältnisse pflegte, werde ich gelegentlich fast ein wenig neidisch auf Res.

Doch dieser Neid weicht jeweils schnell einer Art Bewunderung: Wer etwas so zeitlos Tolles schaffen und dann „einfach so“ aus den Händen geben kann, geht nicht nur mit interessierten Augen, sondern vor allem mit einem sperrangelweit geöffneten Herzen durchs Leben. Und weiss instinktiv, wie er andere Menschen mit seiner oft sehr eigenen Art, die Dinge zu sehen, glücklich machen kann.

Trotzdem – oder gerade darum – glaube ich nicht, dass Res Althaus jemand ist, der anderen gerne vorschreibt, was sie zu denken haben. Wenn er – was er fast jeden Tag tut – eines seiner Werke auf Facebook postet, sorgt er damit zumindest beim in grafischer Hinsicht eher minderbemittelten Betrachter regelmässig für eine gewisse Ratlosigkeit.

Unter seine Aquarelle schreibt er Sachen wie „1986, Kaffee, Klebstreifen, Stift auf Papier 180 g2, 42,0 x 29,7 cm“ oder „o.T 2019, Aquarell auf Papier 300g2, 40 x 30 cm“ oder gar nichts, was ich immer besonders fies finde. Ich meine: «Kaffee» und «Klebstreifen» als Beschreibung eines Werks, an dem er viele Stunden – vielleicht sogar Tage und Wochen – gearbeitet hat: Das kann doch nicht alles sein! Da muss doch noch mehr kommen!

Aber da kommt nichts mehr. Das heisst: Da kommt schon. Sehr Vieles sogar. Aber was kommt, ist ganz und gar dem Betrachter oder der Betrachterin überlassen. Für Res gibt es kein «Du sollst» oder «Du musst», sondern nur «Du kannst» und «Du darfst».

Das gilt, wenn ich das richtig sehe, nicht nur für sein künstlerisches Schaffen. Nach diesem Motto verkehrt er auch sonst mit seinen Mitmenschen. Wenn alle Leute nach Res’ Philosphie leben würden: Die Welt wäre wesentlich bunter, frecher und zwangloser, als sie heute ist.

Auf der Suche nach Inspirationen für eine zumindest möglichst professionell wirkende Ansprache durchforstete ich das Internet nach Beispielen dafür, das Wirken eines Künstlers zu würdigen. Doch kaum hatte ich die verbale Schatztruhe der Experten geöffnet, sprangen mir die ersten Wortungeheuer entgegen:

«Die Ausstellung oszilliert, hält sich unentschieden zwischen einer physischen, indivualisierten Existenzweise und einem Sein in Gestalt eines gestreuten Verbundenseins innerhalb des Universums“, notierte einst jemand. Ich beendete die Lektüre, bevor ich wusste, um wessen Ausstellung es damals ging.

Ein paar Seiten weiter hiess es über einen anderen Künstler:

„Abstraktion und Figürlichkeit, Utopie und Alltag, Präzision und Unvollendetheit, Narration und Materialität, Kitsch und Geometrie, Strategie und Zufall – die hier entstehenden Spannungsverhältnisse werden jeweils auf unterschiedliche Weise verhandelt.“

Irgendwo las ich

„Durch die Transformation von Wirklichkeit anhand unterschiedlicher künstlerischer Verfahren steht das klare Ziel im Vordergrund, sich aus einer kunstgeschichtlichen Tradition seit der Renaissance heraus mit Zeitgenossenschaft auseinanderzusetzen.“

Dann gab ich auf.

Ich kann – und will – mir nicht vorstellen, dass sich in diesem Raum heute Menschen befinden, die mit solchen Sätzen etwas anfangen können (ich kann und will mir aber auch nicht vorstellen, was für Leute freudig solche Sätze konstruieren).

Was ich mir hingegen sehr gut vorstellen kann, ist, dass sich in diesem Raum heute sehr viele Menschen befinden, die an dem, was Res Althaus macht, einfach den Plausch haben. Die nicht zwanghaft jeden seiner Striche hinterfragen und jeden seiner Farbtupfer deuten müssen.

Viele dieser Menschen schätzen Res‘ Hintersinn, seinen Humor und seine offenbar ununterbrochen sprudelnde Fantasie. Das, denke ich, zeichnet sein Schaffen aus.

Wenn darüberhinaus noch „Abstraktionen“, „Narratationen“, „Transformationen“ oder irgendwelche „Spannungsverhältnisse“ mit im Spiel sein sollten, wäre mir das entgangen, oder besser: hätte ich das einfach nicht bemerkt.

Das wiederum könnte damit zu tun haben, dass so geschwollen wirkende Begriffe gar nicht zu dem durch und durch bodenständigen Res Althaus passen. Würden sie zu ihm passen, hätte ich dankend abgewunken, als er mich darum bat, zu Ihnen, liebe Gäste, zu sprechen.

Aber Res Althaus: Das ist für mich der Mann, der sich ohne zu Murren seinem Hund unterwirft. Der den Feierabendumtrunk in der „Metzgere“ um punkt sechs Uhr verlässt, weil er heute mit Kochen dran ist. Dens fast vertätscht vor Liebe und Stolz, wenn er von seinen Grosskindern erzählt. Und der mir schon zigmal mit leuchtenden Augen berichtet hat, wie er im letzten Jahrtausend, zu sehr vorgerückter Stunde, bei einem Deep Purple-Konzert im Berner Gaskessel auf der Hammondorgel von Jon Lord einschlief.

Res Althaus ist für mich ein Künstler, dem es ohne jeden Dünkel gelingt, den Menschen eine Freude zu bereiten, indem er einfach tut, wonach ihm gerade ist. Was er uns zeigt, wirkt – bei allem Können, das zweifellos dahintersteckt – un-gekünstelt und deshalb echt.

Millionen von Leuten buhlen mit gefotoshopten Bildern und auf hochglanzpolierten Filmchen rund um die Uhr um unsere Aufmerksamkeit. Ohne, dass wir es merken, treiben wir in einem unablässigen Strom der Beschäftigungen und Ablenkungen durchs Leben.

Seine Strömung reisst uns so stark mit, dass wir kaum eine Gelegenheit haben, kurz innezuhalten, um uns einen Blick auf jene vermeintlichen Kleinigkeiten zu gönnen, die unser Dasein mehr prägen als jede Influencerin und jeder Youtuber.

Ich danke Res von Herzen dafür, dass er uns immer wieder solche Pausen verschafft.

Und wenn es nur mit Kaffee und Klebstreifen ist.“

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Fischlein duck dich

In dem Moment, in dem die Goldfische im Teich des Parque Tropical-Hotels in Playa del Inglés ihr allmontägliches „Das wird wieder eine Mist-Arbeitswoche geben“-Gejammer anstimmten, legten sich zwei Schatten auf die Wasseroberfläche.

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Stürmische Zeiten

Heftige Winde haben schon unzählige Musiker inspiriert:

Davon könnte inzwischen auch ich ein Liedchen singen (lasse es aber lieber bleiben; wer mich schon singen gehört hat, wird wissen, warum) denn seit ein paar Tagen umtost Playa del Inglés ein Sturm, der mit „Hurrikan“ nur unzureichend beschrieben wäre.

Wie ein gigantischer Schraubenzieher dreht er Gran Canaria in immer wieder neue Richtungen, so dass man am Morgen nie weiss, ob die Sonne vor dem Balkon oder vor dem Badezimmerfensterchen auf der anderen Seite des Zimmers aufgehen wird.

Allpott stürzen Palmenblätter in den Poolbereich. Hinter dem Tresen des Openair-Restaurants ist ein junger Mann, der sich den Job des Barkeepers sicher etwas glamouröser vorgestellt hatte, fast ununterbrochen mit dem Zusammenwischen von Scherben beschäftigt. Ständig schepperts und klirrts irgendwo.

Wie von einem Geist gestossen, gleiten auf dem glatten Boden Lounge-Sofas an verdutzten Gästen vorbei. In den Büschen und Baumwipfeln flattern Heftli, Salatblätter und Bikinioberteile, und wer sich schon frühmorgens eine Liege reserviert hat, kann davon ausgehen, dass sein Badetuch den Luftraum über Zentralafrika bis am Mittag durchflogen haben dürfte.

Warm ist es trotzdem, auch nachts. Die Leute lassen deshalb ihre Zimmertüren geöffnet, nur denken nicht alle daran, Flip-Flops oder so als Stopper vor die Schwellen zu stellen. Sobald ein Windstoss durch die Anlage saust, krachen links und rechts Türen zu, und jedesmal, wenns knallt, stelle ich mir vor, wie jemand in diesem Moment senkrecht im Bett steht vor Schreck und sich fragt, ob sein Puls jemals wieder unter 240 sinken werde.

Dieses Hudelwetter hat aber auch seine guten Seiten. Wir unternahmen gestern einen ausgedehnten Spaziergang vom Leuchtturm in Maspalomas zum Ciao-Ciao in Playa del Inglés und liessen uns dabei kostenlos rundumsandstrahlen. Kein Schüeppli verunstaltet nunmehr unsere zarten Häutchen. Ein noch intensiveres Peeling wurde nur jenen Leuten zuteil, welche den Samstag der Freikörperkultur frönend (oder „naked in the eye of the storm“, wie Roger Hodgson sagen würde) verbrachten. Sie wissen nun, was die Werbung meint, wenn sie „porentiefe Reinigung bis in die hintersten Ritzen“ verspricht.

Für heute Sonntag hatten wir eigentlich erwogen, uns in Las Palmas ein Fussballspiel anzusehen. Wir sind aber nicht sicher, ob das Estadio de Gran Canaria immer noch an der Calle Fondos de Segura oder schon in Tunesien steht und verzichten deshalb auf die halbstündige Fahrt.

Stattdessen suchen wir uns lieber ein halbwegs ruhiges Eggeli, in dem wir chly die Welt in Ordnung plaudern und lesen können. Wenn wir etwas essen oder trinken wollen, brauchen wir nicht einmal aufzustehen: Früher oder später fliegt bestimmt etwas Leckeres an uns vorbei.  

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Einmal hoch und zurück

Mit einem Mietautöli tuckerten wir heute über die…nunja…“Berge“ ganz in den Norden von Gran Canaria. Die rund zweieinhalbstündige Fahrt von Küste zu Küste geriet zu einem Trip durch verschiedene Klimazonen. Erst wars cheibe warm, dann cheibe windig, irgendwann cheibe chalt und plötzlich auch cheibe feucht, aber immer cheibe schön.

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Ahnungslos durch die Nacht

In meinem Hotelzimmer stehen zwei Betten. Das links ist ein bisschen weicher als das rechts, dafür ist das rechts etwas härter als das links.

Letzte Nacht lag ich im linken. Auch dieser Tag auf Gran Canaria hatte mich über meine (sehr weit gesteckten) psychischen und physischen Grenzen hinaus ins Land der totalen Erschöpfung geführt, aber sosehr ich es mir auch wünschte: einschlafen konnte ich nicht.

Im Pool-Areal unter meinem Zimmer wurde für die Gäste nämlich, wie jeden Sonntag, die „Noche español“ abgewickelt. Man kann sich das vorstellen wie Schweizer Folkloreabende für Touristen aus Fernost: Hier wie dort gewähren die Veranstalter ihrer Kundschaft mit ans Pingelige grenzender Authentizität umfassende Einblicke in das kulturelle Werden, Wirken und Wesen der Eingeborenen.

Zum Einstieg liess ein DJ die Greatest Hits des sicher nicht ganz zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Rondo Veneziano durch die Anlage dröhnen

dann tanzten ein Mann in Schwarz und eine Frau in Pink einen Flamenco, der beinahe so viel Erotik ausstrahlte wie ein Steinbruch im Regen. Ein bulimisch wirkender Jüngling steppte die eigens dafür aufgebaute Bühne in Grund und Boden, und zuunguter Letzt vertrieb ein agiler Senior mit seinem Kastagnettengeklapper auch noch die schwerhörigsten Vögel aus den Palmenkronen.

Nachdem sich das totaleuphorisierte Publikum um kurz vor der Geisterstunde vom Schauplatz verzogen hatte, nahm ich einen zweiten Schlafanlauf. Minuten später zerriss überlautes Jammern und Kreischen die Stille: Kanarische Katzen scheinen den Frühling nie intensiver zu spüren als Anfang November.

An Schlaf war jetzt definitiv nicht mehr zu denken. Ich braute mir einen Kaffee. Weil ich sowieso nichts Gescheiteres (oder Dümmeres) zu tun hatte, beschloss ich, mein Zimmer einmal a Fong zu inspizieren.

Ganz besonders interessierten mich die Lichtschalter. Mit den Lichtschaltern in Hotels ist es immer so eine Sache: Erst findet man sie nicht, und wenn man sie endlich entdeckt hat, weiss man nicht, welchen man betätigen muss, um eine bestimmte Lampe anzuknipsen.

Wenn man auf den Schalter beim Bad drückt, geht das Licht über dem Bett an. Wenn man den Schalter bei der Eingangstüre aktiviert, wirds auf dem Balkon taghell. Und wenn man endlich kapiert hat, wie das alles miteinander zusammenhängt (oder eben nicht), bleiben einem in der Regel noch 8 Minuten bis zum Auschecken.

Nach den umfangreichen Tests, die ich letzte Nacht durchführte, ist mir – zumindest, was dieses eine Hotelzimmer betrifft – aber einiges klarer. Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass ich den linken Schalter drücken muss, wenn ich Licht auf dem rechten Bett brauche, und den rechten, wenn ich auf dem linken Nest lesen möchte:

Wieso das so ist? Keine Ahnung.

Genauso schleierhaft ist mir, weshalb das Wasser immer mit gefühlten 72 Grad aus dem Duschkopf rauscht, unabhängig davon, in welche Richtung ich den Hebel drehe, und warum Hotelsteckdosen grundsätzlich in genau jenen Ecken angebracht sind, die am weitesten weg vom Schreibtisch liegen.

Natürlich hätte ich zur Klärung dieser Fragen einfach den Mann an der Rezession anrufen können. Aber er, dachte ich, war bestimmt gerade in eine Online-Patience vertieft oder schlief selig, und weder beim einen noch beim anderen mochte ich ihn stören.

So grümschelte ich weiter in meinem Zimmer herum. Ich wunderte mich über dieses (wozu braucht es eigentlich noch Telefonapparate?) und staunte über jenes (im Fernseher sind ausschliesslich deutsche Sender programmiert), und als es zu tagen begann, war ich vom vielen Nachdenken dermassen kaputt, dass ich gar

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Verstärkung in Sicht

Juhuu: In 24 Stunden fliegt mein Freund Martin in Playa del Inglés ein🛬🏝.

Wir liessen es schon vor einem Jahr auf Teneriffa krachen, dass Gott erbarm (siehe Bild) 💥🚀⚡️🎉☄️, und sind wild entschlossen, auch auf Gran Canaria kein Sandkorn auf dem anderen zu lassen.

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Surfen mit Jim

Wenn ich diesen Text fertiggetippt und auf „Veröffentlichen“ geklickt habe, rieseln die Buchstaben durch das Kabel meines Laptops in das zweite Untergeschoss des Hotels. Sobald auch die Bilder dort angekommen sind, wird Jim aktiv.

Wobei: Jim heisst eigentlich nicht Jim, sondern Chukwuebuka. Schon bei seiner nicht ganz legalen Einreise ahnte er aber, dass ihm dieser Name bei den mannigfaltigen Bisnesses, die er auf Gran Canaria anreissen wollte, hinderlich sein könnte. Er trennte sich mit derselben Leichtigkeit von ihm, mit der er in Nigeria vier Ehefrauen samt 15 Kindern sitzengelassen hatte.

Als Jim verkaufte er am Strand zunächst original echte Gucci-Sonnenbrillen und Rolex-Uhren. Eines Tages erzählte ihm sein Freund Carl, mit dem er sich in den Favelas von Maspalomas einen abgewrackten Baucontainer teilt, dass das Hotel, in dem ich gerade meine Ferien verbringe, Gratis-WLAN (oder „Free Wifi“, wie der Spanier sagt) eingeführt habe und nun händeringend nach Leuten suche, welche gewährleisten, dass das mit dem Internet auch wirklich klappt. Aus Kostengründen verzichte man auf eine elektronische Lösung und setze, zumindest für eine auf vier Jahre angelegte Testphase, auf Manpower.

Jim, der Ende Monat jeweils astronomische Summen an Unterhaltszahlungen in die Heimat überweisen muss, erkannte sofort, dass dies für ihn die Chance war, schwarz etwas dazuzuverdienen. Er machte früher als gewöhnlich Feierabend und schickte den Hotelverantwortlichen noch am selben Tag ein Bewerbungsschreiben samt leicht frisiertem Lebenslauf, selbstverfassten Referenzen und einer kanaldeckelgrossen Uhr aus Carls Lager. Zwei Tage später hatte er den Job.

Mit einem Besen wischt er in seinem Kabäuschen all die Sätze und Fotos zusammen, die aus den Zimmern und vom Poolbereich her bei ihm landen. Er besprüht die Häufchen mit lauwarmem Wasser und knetet sie zusammen. Im Halbdunkel des fensterlosen Raums macht er sich anschliessend auf die Suche nach passenden Kartons.

Sobald er die Schachteln gefunden hat, legt er die Kugeln süüferli hinein, füllt die leeren Stellen drumherum mit den bräunlich-gelben Filterresten seiner Selbstgedrehten auf, klappt die Deckel zu, verklebt jede Box mit drei Metern Scotchband – und fertig sind die Datenpakete.

Eine Schachtel nach der andern trägt er über die Treppe nach oben, ins Parterre. Beim Hinterausgang steht ein rotes Wägeli. Jim belädt es mit den Schachteln und hängt es an die Kupplung des Velos, das ihm gegen eine Gebühr von 15 Euro pro Tag als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Dann radelt er in die schwüle Nacht hinein los.

Nach gut vier Stunden erreicht er den Hafen von Las Palmas. Ausser Atem und glänzend vor Schweiss übergibt er die Pakete dem Matrosen eines in Panama registrierten Seelenverkäufers. Während der Frachter in Richtung Rotterdam und Basel lostuckert, um irgendwann auch in die Emme abzubiegen, auf der er in Richtung Burgdorf schippert, von wo aus dieser Beitrag möglicherweise noch vor Ende Jahr an die werten Leserinnen und Leser weiterverteilt wird, fräst Jim zurück ins Hotel, wo die Gäste an ihren Handys, Tablets und Macbooks, wie er weiss, immer noch oder schon wieder wie wild am Schreiben und Lesen sind.

Mit dieser Vermutung liegt er nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Surfen wollen zwar alle. Mit dem Zugang ist es für meine Mitbewohnerinnen und -bewohner hingegen chly eine Sache. Die Userkennung lautet „Zimmernummer@HPT“,  als Passwort genügt der kleingeschriebene Nachname.

Das ist für manche zuviel des Komplizierten, weshalb sich die Mitarbeitenden an der Rezeption vom frühen Morgen bis am späten Abend mit einem nicht endenwollenden Strom von Menschen konfrontiert sehen, die alle dasselbe murmeln: „Ich hätte da nur eine kurze Frage, und zwar: Wie geht das mit dem Internet?“

„Für euch eigentlich ganz einfach“, seufzt Jim tief unten im Keller. „Aber wenn ihr wüsstet, was…“

Er kommt nicht dazu, den Satz zu beenden. In der Röhre rieselts schon wieder.

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Unter Oholdies

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii (wer jetzt tagelang diesen Wurm im Ohr hat, kann sich trösten: Es gäbe Schlimmeres; viel Schlimmeres), und ich war auch noch niemals auf Gran Canaria, jedenfalls nicht im Oktober und November.

Gran Canaria im Oktober und November unterscheidet sich von Gran Canaria im Dezember, Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und so weiter in zweierlei Hinsicht: Es windet stärker als sonst, und jetzt, wenige Wochen vor Weihnachten, ist die Zeit, in der Senioren scharenweise vom Festland auf die Insel strömen, um ein bisschen Sommer in den Winter hinüberzuretten.

In dem Hotel, in dem auch ich die Kältemonate um zwei Wochen abkürze, gehöre ich zu den jüngeren Gästen. Ein Tollhaus für Teenager ist das Parque Tropical in Playa del Inglés ohnehin nicht, wie ich schon bei mehreren Gelegenheiten erfahren durfte (und wie bestimmt auch das spanische Königspaar weiss, das sich in diesem Etablissement dem Vernehmen nach öppedie top anonym von den Strapazen des Regierens erholt). Aber als ich am Mittwoch eincheckte, fragte ich mich trotzdem kurz, ob der Taxifahrer mich wirklich an der richtigen Adresse und nicht vor einer geriatrischen Klinik abgesetzt habe.

Inzwischen habe ich mich an mein Umfeld gewöhnt (und es sich umgekehrt hoffentlich auch an diesen gmögigen Burschen mit der schicken Brille, der immer nur Aqua mineral naturale con gas trinkt). Genauer gesagt: Zu meiner eigenen Überraschung gefällt es mir hier cheibe guet.

Das hat nicht nur mit der Sonne und dem Sand und dem Suppenangebot (auf die Schnelle fiel mir kein anderes Wort ein, das mit S beginnt und die „Sonne“- und „Sand“-Alliteration quasi zu einer Dreifachpirouette veredelt) zu tun, sondern auch mit meinen Mitbewohnerinnen und -bewohnern.

Letzte Nacht fegte ein Sturm dermassen heftig durch die Anlage, dass ich schon um 3 Uhr erwachte, statt bis um 4 ausschlafen zu können. Ich riss das Fenster auf, um zu checken, ob die Evakuierungen schon im Gange seien, und staunte nicht schlecht: Direkt vor meinem Gemach hingen die Palmen sozusagen fast quer in der Luft. In das wütende Tosen des Windes mischte sich das krachende Rauschen der Brandung.

Einen Moment lang dachte ich darüber nach, inwiefern es wohl relevant für das lokale Schiff- und Fischgewerbe sei, wenn die Wellen von so einem Orkan ins Meer hinaus statt landeinwärts getrieben werden, wurde aber aus meinen wirtschaftspolitischen Erwägungen gerissen, bevor ich sie zu Ende denken konnte, denn in einem Zimmer gegenüber ging ein Licht an.

Ich sah einen Menschen durch den Raum tappen. Wenig später kam er zurück. Dort, wo ich das Bett vermutete, hielt er inne. Dann beugte die Figur sich hinunter. Ich dachte, oha, jetzt gehts los, und wünschte den beiden bei allem, was sie vorhaben mochten, viel Kraft, Vergnügen und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel. Aber dann bemerkte ich, wie die Person sich aufrichtete. Ihre  Bewegungen wirkten umständlich. Nach Spass sahs jedenfalls nicht aus, sondern eher nach Chrampf.   

Auf einmal standen zwei Menschen am Fenster; ein sehr grosser und ein viel kleinerer. Der grosse führte den kleinen aus dem Zimmer. Das Licht erlosch. Sekunden später schwang die Balkontüre auf. Ins Freie traten Arm in Arm ein sehr, sehr alter Mann und eine ebenso betagte Frau, wie ich im schummrigen Schein der Aussenbeleuchtung erkennen konnte.

Der Mann half der Frau, sich auf einen der Stühle zu setzen. Er tat das mit einer Hingabe und Zärtlichkeit, die mich – ungelogen – rührte. Als er sicher sein konnte, dass sies bequem hat, nahm er neben ihr Platz. Andächtig wie auf einer Kirchenbank beobachteten sie, wie die Natur sich in der Hotelanlage austobte.

Zwei Stunden später strichen die ersten Sonnenstrahlen über die Dächer. Der Sturm hatte sich in ein Lüftchen verwandelt. Die beiden höckelten immer noch da. Sie hatte ihren Kopf an seinen Oberarm gelegt und schlief. Seine Augen waren ebenfalls geschlossen, doch ich wäre jede Wette eingegangen, dass er hellwach war, um seiner Frau sofort helfen zu können, wenn sie etwas benötigt.

So sind sie, meine Oldies: Würdevoll, liebenswert – und immer füreinander da. Sie stellen ans Personal keine unerfüllbaren Ansprüche. Sudokus, Bücher oder Schach genügen den meisten, um sich die freie Zeit zu vertreiben. Manche diskutieren, viele geniessen das Dolce far niente schweigend. Hier tippt ein Ömchen hochkonzentriert auf dem Handy herum, dort blättert ein Silberrücken in einem Prospekt. Ab und zu dringt ein Kichern an meine Ohren, hin und wieder lacht jemand laut auf. Ansonsten ist wenig zu hören: Niemand hüpft grölend ins Becken, niemand brüllt nach der Bedienung, niemand schaut fern, obwohl das Gerät ununterbrochen läuft.

Contenance bewiesen meine Mitbewohnerinnen und -bewohner schon vorher: Ohne zu ellböglen oder dem Vordermann den Rollator in die von Krampfadern überwucherten Kniekehlen zu rammen, standen sie vor dem Restaurant seelenruhig Schlange, bis das Zmorgebuffet eröffnet wurde. Während die U50-Fraktion kurzbehost und in T-Shirts durch den Saal lümmelte, pickten die reiferen Semester den Käse, die Gipfeli, die Schinkenscheiben und alles wie aus dem Truckli gewandet von den Tabletts.

«Wir starten mit der Wassergymnastik!», schepperte es gegen Mittag aus den in den Bäumen versteckten Lautsprechern. Dick und dünn und Deutsch und Dänisch und grau und glatzköpfig versammelten sich nadisna im Pool, um die schlappen Glieder zumindest einmal am Tag chly auf Touren zu bringen.

Vom Beckenrand aus rief ihnen eine Hotelmitarbeiterin in einem hautengen hellblauen Ganzkörperdress zu, sie sollen vorwärts laufen und wieder rückwärts und dann ihre knallbunten Schwimmhilfen rhythmisch über den Köpfen hin- und herbewegen, «und zwar alle, meine Lieben!», und in den Boxen, in denen eben noch Richard Clayderman balladepouradelinte, waren jetzt offenkundig auf Speed gesetzte Südamerikanischer zu Gange, die mit Gitarren, Panflöten und Trommeln ohne Pause darboten, was die Anden an Liedgut hergeben, und nachdem alles vorbei war, stiegen die Seniorinnen und Senioren strahlend aus dem Wasser und verabschieden sich höflich von der Animatrice, die mindestens ihre Grossenkelin sein könnte, und schlurften zurück zu ihren Sudokus und Büchern und hatten für den Rest des Tages genau den Frieden, nach dem unzählige Jüngere in den Ferien oft ewig suchen, ohne ihn je zu finden.

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Hören, riechen und sehen

Erst glaubte ich, sie mache einen Witz: Zu meinem Geburtstag lud mich Tina von Siebenthal zu einem meditativen Morgenspaziergang am Ufer der Emme ein.

In meiner Fantasie sah ich mich Bäume umarmen und mit dem Wasser reden, aber weil ich Tina ein bisschen kenne und weiss, dass sie mit beiden Beinen auf dem Boden steht, sagte ich zu.

Um kurz vor 7 Uhr trafen wir uns bei der alten Wynigenbrücke. Tina erklärte mir, dass es in den nächsten 60 Minuten darum gehe, alltägliche Dinge bewusst zu sehen. Dann bummelten wir schweigend los.

„Höre, was es zu hören gibt.

Rieche, was es zu riechen gibt.

Öffne die Augen, und sehe, was es zu sehen gibt.“

Diese Worte drehten in Endlosschleife in meinem Hinterkopf, während wir nebeneinander hergingen. Den Weg kenne ich längst auswendig: Er ist die Standartroute für meine Spaziergänge mit Tess.

Doch schon nach wenigen Metern spürte ich, dass heute etwas anders war. Die Steinchen unter meinen Füssen waren dieselben wie immer, das Schloss auf der rechten Seite hatte sich kein bisschen verändert, der Wald links sah tupfgenau gleich aus wie der Wald, an dem ich sonst vorbeigehe, und doch wirkte alles ein wenig….wie soll ich sagen?…anders. Klarer, irgendwie, oder deutlicher. Un-selbstverständlicher. Und auf jeden Fall: schöner.

Über der Burg stand, wie am dunklen Himmel festgenagelt, der Mond. Ich wusste: In diesem Moment könnte ich das schönste Schlossbild schiessen, das ich je geschossen habe. Trotzdem dachte ich keine Sekunde daran, das iPhone aus der Hosentasche zu ziehen. Ich wollte diesen Anblick einfach so geniessen und in meinem Kopf abspeichern und ihn nicht mit anderen Leuten teilen. Dieses Bild auf Facebook zu stellen, wäre mir wie ein Frevel erschienen.

Leise zwitscherten Vögel, kaum hörbar rauschten Blätter, sanft gurgelte das Wasser. Der süssliche Duft modernder Blätter umstrich meine Nase. Manchmal hörte ich Tinas und meine Schritte auf dem toten Laub, und manchmal wars um uns herum fast still.

Zwischen den Bäumen und über der Schützenmatte hingen hauchdünne Nebelschleier. Auch sie liess ich unfotografiert.

Irgendwann mischte sich Autolärm in das Zwitschern und Rauschen und Gurgeln. Er wurde immer lauter. Langsam kehrten wir zurück in eine Zivilisation, die wir mit nur wenigen Schritten für ein wunderschönes Weilchen hinter uns gelassen hatten.

Die nächsten Morgenspaziergänge finden am 30. Oktober, am 13. und 27. November sowie am 11. Dezember statt. Anmeldungen nimmt Tina von Siebenthal an den Vortagen bis 12 Uhr unter +41 79 461 52 25 entgegen. Kosten: Fr. 25.–.

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