Einmal und nie wieder

An alle, die an den Openairs landauf und -ab jetzt wieder stundenlang deutschen Hip-Hop, französischen Rap und Artverwandtes über sich ergehen lassen müssen, bis kurz vor Schluss vielleicht doch noch jemand richtige Musik macht: Das war das Lineup des “Out in the Green”-Festivals, das vom 5. bis am 7. Juli 1991 in Frauenfeld stieg:

Offiziell war ich als akkreditierter Reporter vor Ort. Tatsächlich erlaubte mir mein Badge aber vor allem, mich als Fan nach Lust und Laune in diesem musikalischen Schlaraffenland zu tummeln.

Als ich nach dem Simple Minds-Konzert in einem zigzehntausendköpfigen Menschenmeer weit nach Mitternacht völlig überraschend meinem Brüetsch und seinem besten Freund über den Weg lief, wusste ich definitiv: Auch wenn du 400 Jahre alt wirst – so etwas erlebst du nie wieder.

Soundtracks des Lebens

Sie kam etwas überraschend, war aber eine tolle Idee: Auf Facebook bat mich mein Brüetsch, zehn Platten zu nennen, in deren Rillen auf ewig schöne und andere Erinnerungen an Menschen, Orte und Erlebnisse kleben, ohne die ich vermutlich nicht wäre, wer und wie ich bin.

Ich kam diesem Wunsch gerne nach. Und merkte im Laufe der Tage, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Meer von Musik nur ganz wenige – aber wichtige – Tropfen zu destillieren.

 

Los gehts mit “…but seriously” von Phil Collins. Sie war ein Geschenk von Winnie Jauch, dem tollsten Plattenhändler, den diese Welt je gesehen hat. Er war fast rund um die Uhr für seine Kundschaft da.

Eines sehr späten Abends heulte ich mich, von abgrundtiefem Teenager-Liebeskummer gequält, bei ihm aus. Winnie hörte mir lange zu. Nach einer Weile ging er quer durchs Geschäft zum Fach “P”. Wenig später kam er mit “..but seriously” zurück. “Los eifach mou ine”, sagte er. “Chasch si ha.”

Zuhause liess ich mich daraufhin mit “I wish it would rain down” in Endlos-Wiederholung zudröhnen, bis mir dämmerte: Es gibt offenbar Leute, denen es noch himmeltrauriger geht als mir.

Dass zu ihnen auch der stets bestens gelaunte Winnie gehört haben musste, realisierte ich erst, als vor seiner abgeschlossenen Ladentüre eines aschgrauen Morgens unzählige Blumen und Abschiedsgrusskarten lagen.

Immer, wenn irgendwo “I wish it would rain down” erklingt, denke ich an Winnie.

Wegen wem ich damals Liebeskummer hatte, weiss ich nicht mehr.

***

Sonntag, 28. Oktober 1979: Die Schwester muss ihren Geburtstag ohne ihren älteren Brüetsch feiern. Er ist heute zum ersten Mal in seinem Leben im Hallenstadion. Um 20.15 Uhr solls losgehen. Er hat auf seinem Platz 182 in Reihe 6 noch über eine Stunde Zeit zum Beinahevergitzlen.

Wie ein Forscher, der einen seltenen Käfer beobachtet, schaut er muskulösen Männern dabei zu, wie sie in verwaschenen T-Shirts Gitarren stimmen, am Schlagzeug herumschrauben und Kabel verlegen. Ab und zu haucht der Typ mit dem grössten Funkgerät am Gürtel „Wann-Tu“, „Wann-Tu“ in eines der vielen Mikrofone.

Falls es – neben dem Beaufsichtigen von Putschautobahnen natürlich – noch einen Traumjob gibt, hat ihn dieser Mann, findet der Vierzehnjährige.

Nach einer Ewigkeit wird es in der Arena dunkel. Nur die riesige Uhr unter der Decke ist noch zu sehen. Als ihr Zeiger auf Viertelnachacht springt, verwandelt sich die gigantische Betonschüssel in eine Kathedrale. Hinter dem Vorhang, der seit dem letzten „Wann-Tu“ die Bühne verhüllte, schimmert ein hellblaues Licht auf. Aus unsichtbaren Lautsprechern wabern Keyboard-Klänge durch die rauchgeschwängerte Luft.

Dann zerreist gleissendes Licht die Finsternis. Wie eine Lawine rollen die ersten Akkorde von „Voulez-Vous“ von den stilisierten Eisbergen auf der Bühne über 10 000 Köpfe hinweg.

Abba sind da, wirklich und leibhaftig. Die Band, in die er sein gesamtes Sackgeld investiert, weil er von ihr jede Platte haben muss („Arrival“ schlägt Mozarts Gesamtwerk seiner Meinung nach um Längen), wegen der er jedes „Bravo“ kauft (einen anderen Grund dafür gibt es sozusagen wirklich fast gar nicht) und dank der er schon früh merken durfte, dass Musik etwas ebenso Unverzichtbares ist wie das Essen und das Trinken, stehen hier, nur wenige Meter vor ihm.

Diese Erkenntnis überfordert ihn mehr als jede Rechenaufgabe. Neben ihm springen die Erwachsenen kreischend auf und rennen nach vorne. Er bleibt wie paralysiert sitzen.

Bei „If it wasn‘t for the nights“, dem zweiten Lied des Abends, gibt es aber auch für ihn kein Halten mehr. Schritt für Schritt kämpft er sich in die Horde singender und tanzender Halbwahnsinniger. Beim Intro von „Money Money Money“, dem achten Stück, bekommt er einen Ellenbogen ins vor Aufregung glühende Milchgesicht gerammt, aber das realisiert er in seiner Aufregung kaum. Als vorletzte Zugabe gibts nach 23 Songs „Dancing Queen“ und als letzte „Waterloo“.

Nach dem Konzert steht er in seinem nigelnageneuen Abba-Leibchen bis kurz vor Mitternacht schlotternd beim Hintereingang des Stadions. Irgendwann, denkt er, müssen Agnetha, Björn, Benny und Annifrid die Halle ja wieder verlassen.

Er kann nicht ahnen, dass seine Helden längst wieder in ihren Suiten im „Baur au Lac“ sind, wo sie sich beim Zähneputzen vielleicht gerade fragen, in welcher Stadt sie heute spielten und wie lange diese Tournee eigentlich noch dauert.

***

Kurt Brogli war in der Bezirksschule (für Leserinnen und Leser aus dem Bernbiet: am Gymer) für unsere musikalische Grundausbildung zuständig. Statt uns mit Exkursen über die Harmonielehre zu plagen, setzte er auf das Motto „Learning by listening“.

Regelmässig brachte er Platten mit in den Unterricht. Die hörten wir uns gemeinsam an. Anschliessend diskutierten wir darüber. Manchmal durften wir uns etwas wünschen. In der Regel liessen wenig später AC/DC oder Deep Purple den Verputz von den Wänden der Aula rieseln.

Eines Morgens zog Brogli ein Album aus einer Hülle, auf der, so schien uns, ein tauchender Ausserirdischer abgebildet war. Oder ein Schildkrötenembryo in der Disco. Jedenfalls: etwas Gspässiges.

Mit den Worten „Jetzt müsst ihr ganz still sein“, legte er die Nadel süferli auf die schwarze Scheibe. Nur: So angestrengt wir auch lauschten – ausser dem vertrauten Kratzen eines Minidiamanten auf schon länger nicht mehr entstaubtem Vinyl hörten wir nichts.

Doch dann…: „Ping“.

„Ping.“
„Ping.“
„Ping.“

Von einer Sekunde auf die andere fühlten wir uns wie in einem U-Boot. Oder im All.

In diese „Pings“ mischten sich nach und nach Klänge, die niemand von uns je zuvor vernommen hatte. Erst wummerte von irgendwoher etwas Bassähnliches, dann setzte ein anderes Saiteninstrument aus dem Bastelraum von E.T. ein. Eine ausser Rand und Band geratene Hammondorgel heulte und pfiff und kreischte, und mitten in diesem Gewitter sang ein Mann

„Overhead the albatross
hangs motionless upon the air.
And deep beneath the rolling waves
in labyrinths of coral caves
an echo of a distant time
comes willowing across the sand…“

„Echoes“ heisst dieses Monster von Song, das Pink Floyd 1971 als komplette Rückseite ihres Opus „Meddle“ auf die Menschheit losliessen. Es begleitet mich bis heute, wenn auch nicht auf Schritt und Tritt. Meist döst es in einer abgelegenen Ecke meines Erinnerungszimmers leise knurrend vor sich hin. Die anderen Lieder, die dort schlummern, halten vorsichtshalber immer chli Abstand zu ihm.

Wenn es zwei, dreimal pro Jahr erwacht, gönne ich ihm eine halbe Stunde Auslauf in der Gegenwart. Während es durch meine Gehörgänge tobt, riecht es um mich herum wie damals, in der Aula.

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Zu meinen ältesten musikalischen Begleitern gehört Manfred Mann mit seiner Earth Band. Kennen lernte ich den Südafrikaner, als ich mir „Watch“ kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel. In einer solchen Hülle kann nur tolle Musik stecken, dachte ich, und durfte mir schon nach dem ersten Durchhören Recht geben.

Ich begann, mich ein wenig mit dem vermeintlichen Schöpfer dieser Wunderklänge zu befassen. Ich lernte, dass der Synthesizer-Akrobat von heute seine Wurzeln im Jazz von vorgestern hat, dass er zum Entsetzen seiner Mitstreiter Wert darauf legt, hin und wieder selber zu singen – und dass seine grössten Hits auf Hochtouren frisierte Versionen von Bob Dylan und Bruce Springsteen-Songs waren (diese Erkenntnis hätte im ersten Moment beinahe zum vorzeitigen Abbruch unserer zartkeimenden Einbahnbeziehung geführt).

Im März 1982 gastierte Mann im Hallenstadion mit einer Show, die auch Quinn, den stärksten aller Eskimos, vom Schlitten gehauen hätte. 1991 erlebte ich ihn – nebst den Simple Minds, Chuck Berry, Status Quo, Foreigner, Bob Geldof, Kid Creole & the Coconuts, The Beach Boys, der Allmann Brothers Band, John Lee Hooker, Vaya Con Dios, Level 42, Toto, der Blues Brothers Band, Mother’s Finest, den Toten Hosen oder der Little River Band – am “Out in the Green” in Frauenfeld und staunte erneut über die technische Virtuosität und ungekünstelte Spielfreude dieser Truppe.

Den Veranstaltern des Rocksound Festivals in Huttwil gelang es 2006, Manfred Mann für einen Auftritt im Oberaargau zu verpflichten. Ich bot der BZ in Langenthal an, das Ereignis für sie angemessen zu würdigen, und wurde als Reporter gebucht. Über ein 80-zeiliges Gespräch mit dem Künstler würde man sich sehr freuen, beschied mir die Redaktion.

Vor Ort angekommen, suchte ich den Kontakt zu jemandem, der mir einen Kontakt zu jemandem vermitteln könnte, der Kontakte zu jemandem hat, der für mich einen Kontakt zu Manfred Mann oder wenigstens zu jemanden aus dessen Tourneetross knüpfen könnte. Als ich mich langsam mit dem Gedanken abzufinden begann, dass aus meinem Plan wohl nichts werden würde, stögelte eine mittelalterliche Dame auf mich zu. Im schönsten Oberlehrerinnenslang begehrte sie von mir zu wissen, wieso ich mit Mister Mann zu sprechen geruhe. „For interview reasons“, sagte ich.

„No problem“, antwortete die Frau mit der Betonfrisur. Eine Stunde vor dem Konzert würde Mister Mann mir für eine Audienz zur Verfügung stehen. Dafür gebe es allerdings Bedingungen: Erstens dürfte das Gespräch nicht länger als fünf Minuten dauern, und zweitens soll ich auf jeden Fall vermeiden, dem Tastenkünstler die Hand zum Grusse zu reichen.

So standen wir uns schliesslich gegenüber, Manfred Mann und ich. Er hatte erkennbar keine Lust darauf, mit einem ihm völlig fremden Journalisten einer ihm gänzlich unbekannten Zeitung zu reden. Ich war frustriert, weil ich wegen der Fünfminuten-Guillotine den grössten Teil meines süferli zusammengestellten Fragenkataloges von der Festplatte in meinem Kopf hatte löschen müssen.

Wir wussten beide, dass dieses Interview in die Hose gehen würde. Und das ging es dann auch, wie heute noch in der Schweizerischen Mediendatenbank nachgelesen werden kann:

“Mighty Quin”, “Davy’s on the road again”, “Blinded by the light”: Wie interessant ist es für Sie, Abend für Abend die selben alten Hits vorzutragen?

„Sehr interessant. Wie spielen die Songs ja an jedem Konzert ein wenig anders.“

„Haben Sie noch nie Lust gehabt, einmal nur Ihre eher unbekannten Lieder zu spielen?“

„Wieso sollte ich? Ich denke, das wäre keine gute Idee. Eine gute Idee wäre es, jetzt in einen kalten See zu springen.“

„Warum wollen die Fans immer nur hören, was sie längst kennen?“

„Das müssen Sie schon die Fans fragen. Ich weiss es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Ich kann nur sagen: Wenn ich alle fünf Jahre einmal an ein Bruce-Springsteen-Konzert gehe, erwarte ich auch, dass er ‚Thunder Road‘ und nicht irgendwelche mir fremden Nummern spielt.“

„Vor rund 20 Jahren spielten Sie im Zürcher Hallenstadion…“

„…und zwar gleich zweimal hintereinander, um genau zu sein…“

„…jetzt treten Sie in einer Sporthalle in der Provinz auf. Macht das für Sie einen Unterschied?“

„Wollten Sie fragen, wie es sich anfühlt, kein Superstar mehr zu sein?“

„Um genau zu sein, war die Frage, ob es sich anders anfühlt, wenn man aus den grossen Stadien in kleine Hallen umziehen muss.“

„Mir und der Band ist das völlig egal.“

„Ehrlich? Ist so ein Abstieg für Musiker Ihres Kalibers nicht ein klein wenig frustrierend?“

„Abstieg? Sehen Sie: Wir sind jetzt seit bald 40 Jahren unterwegs. Die meisten unserer Auftritte haben wir in Clubs absolviert. Die ganz grossen Arenen waren die Ausnahme. Uns war immer wichtig, dass die Stimmung zwischen den Musikern und dem Publikum stimmt. Das ist alles, was für uns an einem Konzert zählt: die Stimmung.“

Damit verschwand er so missmutig, wie er gekommen war, in den Katakomben des Sportzentrums. Sein Konzert mochte ich mir nicht antun. Ich ging nach Hause, um das Interview niederzutippen. Dazu hörte ich „Watch“ und stellte erleichtert fest: Die Platte hatte nichts von ihrem Zauber verloren.

***

1980 reihte sich auf dem Erdball Katastrophe an Katastrophe: Die Russen marschierten in Afghanistan ein, die Amerikaner zogen in den Golfkrieg, Deutschland wurde Fussball-Europameister.

Von all dem unberührt, sassen Dieter – den alle nur „Dada“ nannten – und ich jeden Mittwochnachmittag in seinem Zimmer im Haus seiner Eltern und hatten den Frieden. Er paffte Selbstgedrehtes mit Kräuterzusätzen aus dem Oltner „Hammer“, ich qualmte meine Françaises.

Dazu – und das war der eigentliche Sinn dieser Treffen – hörten wir Musik. Eric Clapton, J.J. Cale, Peter Tosh, Jethro Tull, Emerson, Lake & Palmer, Bob Dylan, Rumpelstilz, die Stones, Deep Purple, Jackson Browne…sie schufen für uns eine Welt, in der es keine Eltern gab und keine Lehrer und keine Pläne und keine Sorgen.

Am 30. Mai fuhren wir miteinander nach Zürich, ans Bob Marley-Konzert, oder vielmehr: an einen Gottesdienst der ganz anderen Art: Vorne pries der rastagelockte Pfarrer die power of piece and love, im zum Tempel mutierten Hallenstadion flowten, nebst viel „Natural Mystic“, so unfassbar dicke Marihuanaschwaden through the air, dass auch die zähesten „Three little birds“ vom Dach gefallen wären.

1982 verbrachten wir eine Woche am Jazzfestival in Montreux und fühlten uns bei Gilberto Gil, Ideal, Jimmy Cliff, Mink Deville, The Talking Heads, der Climax Blues Band, Stevie Ray Vaughan und B.B. King wie im Paradies. Vom Genfersee aus reisten wir mit dem Geld, das wir uns an der Promenade vor dem Casino zusammengebettelt hatten, zu den Rolling Stones und der J. Geils Band nach Basel.

Tags darauf war Dada ohne Vorankündigung wie vom Erdboden verschwunden. Ich hatte keine Ahnung, wo er war und wie es ihm ging. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich Reggae wieder geniessen konnte. Ohne Dada hatte dieser Sound für mich jeglichen Reiz verloren. Wann immer ich den eigentümlichen Rhythmus im Radio hörte, fragte ich mich, wie mein bester Freund einfach abtauchen konnte, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen. Nach ihm zu suchen, erschien mir sinnlos. Er konnte ja irgendwo sein. Oder nirgendwo mehr.

Nach über drei Jahrzehnten schickte mit ein gewisser „Diego“ via Facebook eine Freundschaftsanfrage. Ich hätte sie beinahe ignoriert, weil ich niemanden namens „Diego“ kannte. Doch etwas an seinem Profilbild kam mir vertraut vor. Diese Augen kannte ich. Ich fragte ihn, ob er jener Dieter oder Dada sei, mit dem ich vor langer, langer Zeit…

Er antwortete sofort: Ja, der sei er.

Mein Schatz und ich besuchten seine Frau und ihn im Tessin. Er erzählte mir, dass er von seinen Eltern damals über Nacht in eine Drogenklinik eingeliefert worden sei. Sein weiterer Lebensweg habe ihn bis nach Afrika und zurück in die Schweiz geführt.

Wie wir so in seinem Garten höckelten und plauderten: Es war fast wie damals, in seinem Zimmer, nur ohne illegale Substanzen. Den Schatten, der über jenem sonnendurchfluteten Nachmittag hing, konnte (oder wollte) ich nicht bemerken.

Der erste und einzige Streit, den wir je hatten, entzündete sich an „No woman no cry“. Dada vertrat mit der geballten Lebenserfahrung, auf die ein 15-Jähriger zurückgreifen kann, die Ansicht, dass Bob Marley – der mit zig Gespielinnen ein Dutzend Kinder gezeugt hatte – damit sagen wollte, es lohne sich nicht, wegen einer Frau Tränen zu vergiessen. Ich behauptete, „No woman no cry“ bedeute „Keine Frau sollte weinen müssen“.

Wer von uns Recht hatte, konnten wir nie klären. Inzwischen wäre es für eine Auflösung des Rätsels aber sowieso viel zu spät. Vor knapp vier Jahren ist Dieter verstorben.

***

Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gehörten die „Wild Hearts“ zum, wie man heute sagen würde, „heissesten Shit“, der auf der üppig bewachsenen Wiese der helvetischen Populärmusik dampfte.

Für die Leserinnen und Leser des Fachblatts „Music Scene“ waren sie die „Rockband des Jahres“. Mihaly Horvath aka Mega (Keyboards), Paul Etterlin Gitarre), Denise Smith alias Misty Jarvis (Gesang) und Tosho Yakkatokuo (Schlagzeug) tourten durch die ganze Schweiz, traten allpott im Fernsehen auf und spielten am Openair in Arbon vor der irischen Bluesrock-Legende Rory Gallagher und den soeben von ihrer triumphalen US-Tour zurückgekehrten Krokus.

Noch bevor ich für zehn Tage in die RS einrückte, besuchte ich die Band in ihrem Proberaum, um sie für die Lokalzeitung „Wynentaler Blatt“ zu porträtieren. Das war kein allzu kompliziertes Unterfangen: Ihre Basis hatten die „Wild Hearts“ in Beinwil am See, wo ich wohnte.

Erst plauderten wir höchst professionell über das Business („Was verdient Ihr pro verkaufter Platte?“), kompositorische Fragen („Was kommt zuerst: Der Text oder die Musik?“) und Zukunftspläne („Was braucht es noch für den internationalen Durchbruch?”). Nach einer Weile sagte Paul Etterlin, er habe jetzt einen Wahnsinnsdurst, worauf wir uns ins „Rütli“ hinunter verzogen, undsoweiterundsofort.

Ich besuchte fast jedes Konzert des Quartetts. Der “Swiss Rock New Wave Pop with heavy influences of bands like ‘Talking Heads'”, wie das niederländische(!) Onlineportal vinyl-records.nl seinen Sound sehr viel später umschrieb, bereitete mir und zig anderen Menschen auch beim weissnichtwievieltesten Wiederhören endlos Spass. Meine Garderobe bestand eine Zeitlang zu einem schönen Teil aus „Wild Hearts“ T-Shirts und “Wild Hearts”-Slips (das Merchandising trieb schon früher seltsame Blüten).

Die Gigs waren nicht nur immer ein Fest für die Ohren, sondern, dank Misty, auch für die Augen, und wann, wenn nicht jetzt, wäre d i e Gelegenheit, um zu beichten: Ja, ich war – wie viele andere junge Männer auch – ein bisschen in die blonde Sängerin verliebt. Heute, mit etwas Abstand, genügt es mir vollauf, via Facebook mitzubekommen, wie es ihr mit ihrem Mann und ihrer längst erwachsenen Tochter in England so geht.

Tosho trommelte nach seiner „Wild Hearts“-Zeit und bis vor Kurzem für Philipp Fankhauser. Paul ist mit seiner Gitarre nach wie vor sehr erfolgreich zwischen Basel und Bellinzona und auch jenseits der Grenze unterwegs, und Mega sorgte mit seiner Band „KOP“ dafür, dass ich an meinem 50. Geburtstag in einem unbeobachteten Moment vor lauter Wiedersehensfreude ein Tränchen verdrückte.

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In die Klinik nahm ich nur drei CDs mit. Das musste für die nächsten zehn Wochen genügen. Ich ging ja nicht in den „Südhang“ hoch über Bern, um Musik zu hören, sondern, um mir das Trinken abzugewöhnen. Zuviel Ablenkung, dachte ich, könnte dabei nur stören.

Für gute Tage packte ich *The seventh one“ von Toto ein. Mittelprächtige Phasen wollte ich mit „Sailing to Philadelphia“ von Mark Knopfler überbrücken, und aus allfälligen Tiefs sollte mich der Soundtrack des „Blues Brothers“-Films ziehen.

Zu Letzterem musste ich nie greifen, dafür war „The seventh one“ schon bald halb durchsichtig gespielt. Um zu vermeiden, dass sie mir verleidet, ging ich immer öfter akustisch segeln.

Knopflers zweites Soloalbum nach der Auflösung der Dire Straits war ein Glücksgriff. Es passt – auch heute noch – zu allen Lebenslagen: Es stellt auf, es entspannt, es motiviert und es tröstet. Es enthält keinen Riesenhit, in dessen Schatten die anderen Lieder verwelken, aber auch keinen Ballast, der alles in den Abgrund reisst.

Auf „Sailing to Philadelphia“ verwendete Knopfler genau so viele (oder, eben: wenige) Töne, wie nötig waren, um ein zeitloses Werk vollendeter Harmonie zu schaffen. Die Gitarrenmäscheli und Keyboardbändeli, mit denen er als Straits-Chef jeden zweiten Song verziert hatte, liess er weitgehend weg.

Nur im „Silvertown Blues“ und auf dem „Speedway to Nazareth“ winkte er verstohlen den „Sultans of Swing“ nach, die ihn vom Lehrer zum Chef eines millionenschweren Rock’n’Roll-Unternehmens gemacht hatten. „Sailing to Philadelphia“ ist seine Freude darüber, diese Last losgeworden zu sein, anzuhören.

Vielleicht – wer weiss? – wuchs mir die Platte in jenem Sommer auch deshalb dermassen ans Herz: Weil sie so befreit klingt, wie ich mich damals zu fühlen begann.

Ich weiss nicht, wie oft ich zwischen dem 10. Mai und dem 25. Juli 2003 mitten in der wohligwarmen Nacht mit dem CD-Player in der Hand und Mark Knopflers Wundermusik in den Ohren ganz alleine auf dem Mäuerchen des Therapiezentrums sass, in die funkelnden Sterne guckte und jede Sekunde meines gerade beginnenden neuen Lebens genoss.

***

Der kleine Bub ging jede Woche zu seinem Grossvater in die Klavierstunde und wurde deshalb fast automatisch zu einem Fan von Wolfgang Amadeus Mozart. Er las über ihn, was er in die Finger bekam und kannte seine Hits dank der Platten im Schrank seiner Eltern in- und auswendig.

Als er ungefähr zehn Jahre jung war, erachteten diese es als angezeigt, ihn einmal mit ins Opernhaus zu nehmen, wo „Die Zauberflöte“ gegeben wurde. In den ersten Minuten war der Junior vom Gebotenen durchaus angetan: Über die Bühne hüpften zu ihm wohlvertrauten Klängen wunderlich gewandete Wesen, von links waberte Trockeneis durch die Kulissen. Zwei Plätze neben ihm sass mit Jürg Randegger vom Cabaret Rotstift ein leibhaftiger Promi, und zwar im schicken Anzug. Am Skilift trug er sonst immer eine braune Jacke.

Doch dann…dann wurde es dem Sohn zuviel. Den Rest des für ihn sehr, sehr langen Abends verbrachte er damit, die Instrumente im Orchestergraben zu zählen.

Jahrzehnte und unzählige „Amadeus“-Wiederholungen später fuhr er mit seiner Frau nach Bregenz an den Bodensee, um zauberflötenmässig noch einmal einen Anlauf zu nehmen. Tausende andere mochten sich dieses Openair-Spektakel ebenfalls nicht entgehen lassen. Die Tribüne war bis auf dem letzten Platz ausverkauft.

Als ob sie Teil der Inszenierung gewesen wären, leuchteten der Mond und die Sterne auf den Schauplatz hinunter. Lautlos glitten vor dem Hafenbecken Schiffe über das spiegelglatte Wasser. Die Regie, die Schauspieler und die Musiker gaben alles, um ihren Gästen einen in jeder Hinsicht magischen Abend zu bieten.

Mitten in der andächtig geniessenden Menge sass der erwachsen gewordene Bub von einst. Erst jetzt, eine halbe Ewigkeit nach seinen ersten Begegnungen mit Mozart, glaubte er das Genie dieses Mannes halbwegs erahnen zu können.

Er war vom Gebotenen dermassen fasziniert, dass er ziemlich lange nicht bemerkte, wie ausgerechnet in der leisesten Phase der ganzen Aufführung eine moblie Fernsprechanlage zu klingeln begann.

Als er es realisierte, fragte er sich zunächst, was für ein Idiot wohl vergessen hatte, sein iPhone auf stumm zu schalten. Dann fiel ihm auf, dass in seiner Hosentasche immer genau dann etwas vibrierte, wenn dieses verdammte Handy lospiepte.

***

An jenem Sonntag lag ich in meiner Wohnung in Freiburg. Meine Brust fühlte sich an, als ob Betonplatten darauf liegen würden. Ich konnte kaum atmen, schwitzte wiene More und fragte mich, was zum Teufel ich in dieser Stadt eigentlich noch zu suchen hatte.

Ich ging aus dem Haus und liess mich durch die Horden von Touristen, die munter plappernd die Lausannegasse herunterbummelten, zum Bahnhof hochtreiben. Dort setzte ich mich, ohne lange nachzudenken, in den Zug nach Bern. Auf dem Weg zu den Openairrestaurants beim Bundeshaus kam mir eine grosse verspiegelte Brille entgegen.

„Tschou! Wie geits?“, fragte Polo Hofer (ich war ein bisschen mit ihm verwandt. Wenn wir uns trafen, erkundigte er sich immer nach dem Befinden meines Vaters, mit dem er in seiner Jugend oft von der Heubühne gehüpft war, und meines Bruders, der beim Radio Argovia arbeitet, und später auch meiner Frau, die er zum ersten Mal sah, als ich an der BEA für die BZ mit ihm talkte und die er nach einer kurzen Musterung als prima zu mir passend taxierte).

Ich sagte missmutig, „scho rächt“, worauf er vorschlug, ich soll ihn ein Stück begleiten; „mir müesse gloub mitnang rede“.

Erst wollte er im Hotel Schweizerhof aber eine Messer-Ausstellung besuchen. Messer interessierten ihn ungemein. „Polo!“ hier, „Polo!“ da: Ich realisierte bei dieser Gelegenheit, dass es vermutlich nicht immer nur lustig ist, Polo Hofer zu sein.

Wir zogen weiter, ins Monbijou-Quartier. In einer Gartenwirtschaft bestellten wir eine Stange und ein Cüpli und kamen ins Plaudern, und nachdem unsere Gläser mehrfach neu gefüllt worden waren, wusste ich beinahe nicht mehr, wieso ich Stunden zuvor eine fürchterliche Krise geschoben hatte.

Polo aber insistierte, als ob er ein Psychiater oder Vernehmungsspezialist der Polizei wäre, und schliesslich erzählte ich ihm von meinen privaten und beruflichen Lämpen.

Als all der Frust, der sich im Laufe von vielen Wochen in mir aufgestaut hatte, ausgekotzt vor ihm auf dem Tisch lag, schlurfte er aufs WC. Nach einer langen Weile kam er zurück. Er beugte sich ein wenig zu mir vor und raunte: „Lue: Ig kenne das. Dä Typ da hinge kennt das o. Ruedi (mein Vater) kennts u Ürsu kennts u jede kennts. So Sache passiere. Aber wenn immer nur d Sunne würdi schiine: Hättisch ar Sunne no Fröid?“

„Klar“, erwiderte ich. Ich war leicht gereizt, denn eigentlich hatte ich mir von einem so grossen Denker, als den Polo sich gerne gab, mehr als nur einen Spruch erhofft, der auch in einem Kalender hätte stehen können.

Wenn mir die Sonne einmal keine Freude mehr machen würde, könne ich gleich ganz aufhören, fuhr ich gehässig fort, und überhaupt: Er könne leicht reden mit seinen Abertausenden von verkauften Platten und seinen ständig ausverkauften Konzerten und seinen fünf Gspusi an jedem Finger und überhaupt.

Polo blieb ruhig. Er liess mich ins Leere täupelen wie eine Mutter ihr kleines Kind, das sich vor der Migroskasse auf den Rücken legt und Zetermordio schreit, weil es unbedingt einen Schleckstengel haben will.

Nachdem ich mich abgeregt hatte, philosophierten wir über die ganz grossen Fragen des Lebens und dann – ohne, dass mir das richtig bewusst wurde – über kleinere und schliesslich nur noch über die minimunzigen.

Seine Musik war keine Sekunde ein Thema. Nur einmal, als ein Gast mit einem grossen Hund an der Leine an der Beiz vorbeiging, sagte er grinsend, er mache jetzt dann einmal ein Lied über Hunde. Die Verliebten und Verzweifelten habe er als Zielgruppe ja längst erschlossen. Nun nähme er sich die Hundehalter vor.

Zwei Jahre später veröffentlichte er „Härzbluet“. Das zweite Stück heisst „Sennehund“ – und wurde ein Riesenhit.

Die Platte gehört aber nicht deswegen zu den „Soundtracks meines Lebens“, sondern trotzdem. “Uf die guete Zyte“, „Bis i di troffe ha“, „Es weichs Härz“ und „Dusse schneits“ sind Lieder, die in wenigen Minuten mehr erzählen als manch ein Roman. „Im 99i, Mitti Mai“ ist eine fesselnde Reportage über das Hochwasser in Bern, und wie Hofer Bob Dylans „Man in the long black coat“ in einen „Maa im schwarze Chleid“ verwandelte, hätte bestimmt auch dem Grossmeister himself ein anerkennendes Nicken abgerungen.

Als die Znachtgäste kamen, räumten wir unsere Plätze. Bester Dinge fuhr ich zurück nach Freiburg.

Dass Polo mir mit seiner Sonnen-Bemerkung damals etwas mit auf dem Weg gegeben hatte, das mir heute noch ab und zu aus einem Täli hilft, hätte ich ihm gerne einmal gesagt. Aber dazu kam es nicht mehr. Bei späteren Begegnungen stimmte dafür die Zeit nicht oder der Ort oder das Umfeld oder sonst etwas.

Im letzten Juli verreiste Polo in ein Land, in dem es hoffentlich hin und wieder chly rägnet, damit er die guete Zyte mit seinem weiche Härz in vollen Zügen geniessen darf.

***

Die Berge gehören für mich – wie zum Beispiel auch die Atombombe oder das Xylophon – zu den unnützesten Erfindungen der Menschheit. Trotzdem biss ich vor Frust fast in den nächstbesten Tisch, als ich feststellte, dass ich den 25. März 2006 nicht am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau würde verbringen können.

Dort spielten an jenem Tag Toto als Headliner des „Snowpenair“-Festivals. Aber weil ich an der ersten und entsprechend wichtigen Probe für unser Stationentheater „Drachenjagd“ nicht fehlen durfte, sah ich mich ausserstande, bei diesem Konzert der für mich besten Band aller Zeiten und Welten mit von der Partie zu sein.

Irgendwie, dachte ich, muss es doch möglich sein, mir von dem Ereignis zumindest ein Fitzelchen zu ergattern, mit dem sich die absehbaren Phantomschmerzen vielleicht etwas lindern liessen. In meiner Verzweiflung erkundigte ich mich bei der Redaktion des „Berner Oberländers“, wer sich um die Berichterstattung über den Anlass kümmern werde.

Eine gewisse Chantal Desbiolles werde sich der Sache annehmen, wurde mir aus Interlaken beschieden, worauf ich der mir gänzlich unbekannten Frau Desbiolles per Mail in grösstmöglicher Ausführlichkeit darlegte, weshalb ich sie auf ewig in meine Gebete einschliessen würde, wenn sie die Güte hätte, mir in der Schnee- und Eiswüste hoch über Grindelwald ein Toto T-Shirt zu besorgen.

Auf dem Weg zur Theaterprobe klingelte mein Handy. Live aus den Alpen teilte mir Frau Desbiolles mit, sie habe gefunden, worum ich sie gebeten habe. Jetzt müsse sie nur noch wissen, welche Grösse für mich passend wäre und ob ich lieber ein Shirt mit oder ohne Chrägli haben möchte.

Fernmündlich machte sie auf mich einen überaus sympathischen Eindruck. Zuverlässig war sie obendrein: Zwei Tage nach dem Gig lag auf meinem Pult in der Burgdorfer BZ-Filiale ein Päckchen. Darin befand sich ein nigelnagelneues Toto-Liibli in Grösse XL, mit Kragen und Quittung. Ich überwies Frau Desbiolles das Geld und bedankte mich auf demselben Weg, auf dem wir den Deal eingefädelt hatten, ganz herzlich für ihren Einsatz.

Das sei sehr gerne geschehen, antwortete Frau Desbiolles, worauf auch ihr ich wieder schrieb und sie mir und ich ihr und sie mir und ich ihr. Jeden Tag schickten wir uns ein paar Zeilen und manchmal auch halbe Romane. Irgendwann wusste Chantal mehr über mich und ich mehr über Chantal, als wenn wir vis-à-vis voneinander im selben Büro gesessen wären.

Nur etwas taten wir beide unabgesprochen nicht: Im Redaktionssystem nachschauen, mit wem wir es eigentlich zu tun hatten.

Über ein Jahr später, im Sommer 2007, sahen wir uns zum ersten Mal bei einem Nachtessen in Solothurn. Am 13. April 2012 heirateten wir.

Unser Hochzeitslied war “Hold the line”.

Tanke für das Föteli

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Während der junge Mann so in seinem Auto dahinfuhr, bemerkte er auf einmal, dass ihm., bzw. dem Wagen, der Sprit ausging. Kurzerhand steuerte er die nächste Tankstelle an, um nachzufüllen.

Tage später – er hatte seinen Boxenstopp längst vergessen – entnahm er seinem Briefkasten ein grosses Couvert und diesem eine Rechnung plus ein grobkörniges Bild.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen erblickte er auf der Schwarzweiss- Fotografie sein Auto. Eine Verwechlung war ausgeschlossen: Auf der Kühlerhaube prangt riesengross das Logo von Radio Argovia seines Arbeitgebers, dessen Name hier nichts zur Sache tut. Auch das Nummernschild ist gestochen scharf erkennbar.

Da er als langjähriger Nichtraucher keine Möglichkeit sah, sich in aller Öffentlichkeit Asche aufs Haupt zu streuen, publizierte er das Papier, das sein Vergehen dokumentierte, auf Facebook – und stellte innert kürzester Zeit fest, dass auch in der virtuellen Welt nicht für den Spott zu sorgen braucht, wer den Schaden hat.

“Nimm de wenigschtens es Outo vo dr Konkurränz!”, riet ihm ein Leser. Eine Leserin konnte sich nicht vorstellen, dass die Zechprellerei mit Vorsatz erfolgt sein könnte: “Du besch z guet erzoge worde zom so öpis zmache.” (Jawoll; das wurde er. Anmerkung des Blogwarts). Ein anderer Kollege schrieb, offensichtlich aus Erfahrung: “Da passiert no vell das d Chunde vergässe z zahle.”

Und fügte an, das sei kein Problem, “solang ned dini Frau bem tanke vergessisch”.

Mit dem Bussetun coram publico liess es der Held dieser Geschichte jedoch nicht bewenden. Heute Morgen begab er sich abermals zur Tankstelle, um sich für das Versehen zu entschuldigen. Gleichzeitig bezahlte er, was er vor ein paar Tagen ohne zu bezahlen bezogen hatte.

82 Franken 50 kostete das Benzin; darüberhinaus verrechneten meinem Brüetsch ihm die Tankstellenleute einen Fünfliber für die Fotografie.

Gluschtig und gäbig

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Wer bei meinem Brüetsch und meiner Schwägerin zum Znacht eingeladen ist, kann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, mit einer Rüebli-Terrine, einem auf Gemüse gebetteten Lachspäckli samt Härdöpfelauflauf und Beeren an einer Vanillecrème verwöhnt zu werden.

Das Essen spielt sich in einem “fröhlichen Haushalt” ab, in dem “Judith entspannt durch die Küche wuselt und Urs alles himmlisch findet, was sie ihm zum Probieren gibt”, während Robin, der jüngste im Gastgeberbunde, “die Besucher so lange anlächelt, bis sie verzückt dahinschmelzen”.

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Das und noch viel mehr ist dem Kochbuch “Unser Menü eins” zu entnehmen. Die Schweizer Fernsehmoderatorin Nadia Zimmermann hat dafür Familien gebeten, “ihren gängigsten Dreigänger” (und damit irgendwie auch sich selber) einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. 25 ebenso gluschtige wie unkomplizierte Rezepte kamen zusammen.

“Rezepte” ist allerdings etwas viel gesagt. Denn statt aufs Priseli genau anzugeben, wieviel Pfeffer und Salz vonöten ist, um einen toten Fisch in eine kulinarische Offenbarung zu verwandeln, konzentriert sich die Lifestyle-Autorin lieber auf das Drumherum. Sie beschreibt, wie die Hobbyköchinnen und -köche leben, worauf sie beim Essen Wert legen, was den Kindern aufgetischt wird und gibt Dekorationstipps und Einkaufsratschläge. Was die eigentliche Zubereitung betrifft, überlässt sie vieles der Fantasie und Kreativität der Leserinnen und Leser.

“Unser Menü eins” liest sich deshalb weniger wie eine Gebrauchsanweisung für das perfekte Fünfsterne-Dinner. Der 430 Seiten dicke und liebevoll bebildere Wälzer wirkt vielmehr wie eine Ansammlung von unterhaltsamen Mini-Reportagen aus Schweizer Küchen.

Bei der Lektüre fällt auf, dass – unabhängig davon, ob mehr oder weniger prominente Leute oder “Normalsterbliche” ihre Verwandten und Freunde zu Tisch bitten – das Hauptaugenmerk auf einer einfachen Zubereitung liegt.

Wichtig ist nicht, dass die Hausfrau oder der Hausherr stundenlang am Herd steht, um mit seinen Reduzier- und Aufmontierkünsten zu brillieren. Wichtig ist, dass viel Zeit für das bleibt, wofür man sich letztlich getroffen hat: Um gemütlich beisammenzuhöcklen und zu plaudern.

Frühwerk

Loewen

 

Bei der Lektüre des “Wynentaler Blattes” ist mein Brüetsch heute Morgen auf diesen Beitrag gestossen.

Jetzt weiss ich gar nicht: Soll ich mich darüber freuen, einen minimunzigen Teil der Dorfgeschichte von Beinwil am See mitgeschrieben zu haben – oder fassungslos den Kopf schütteln, weil einer meiner Texte bereits in der Historiker-Rubrik “Vor 25 Jahren” erscheint?

Deep Purple, Desperate Housewives und Delikatessen à discrétion

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Nach einer Woche Gran Canaria und knapp zwei Monaten Australien folgten heute plusminus sechs Stunden Österreich, oder besser gesagt: Tirol, oder für jene, dies ganz genau wissen wollen: Ischgl.

Ischgl ist laut dem Internet wie Mallorca, nur mit Eis statt Sand, dafür mit mehr Russen als Deutschen, weshalb man sagen kann: Ischgl 2013  entspricht Stalingrad 1945, aber eigentlich gehts gar nicht darum, sondern um:

Meinen Brüetsch und mich und Deep Purple.

Wir alle waren heute in Ischgl, um entweder eine glatte Zeit zu verbringen und dabei auch noch einen Haufen Geld zu verdienen (Deep Purple) oder aber, um sozusagen fast nur zu arbeiten (mein Brüetsch) oder um eine glatte Zeit zu verbringen, indem man den einen zur Arbeit begleitet und den anderen beim Arbeiten zuschaut (ich).

Darüber, welche der drei Parteien das beste Los gezogen hatte, brauchen wir uns kaum lange zu unterhalten. Oder vielleicht doch, denn so einfach, wie sich das gerade noch las, war es dann auch wieder nicht, aber wenn ich lange genug darüber nachdenke, muss ich sagen: Irgendwie habe ich jetzt einfach keine Lust, all die Zusammenhänge en détail zu erläutern, deshalb abschliessend nur soviel: Während am Ballermann alles

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auf Deutsch

angeschrieben ist, setzen die Ischglerinnen und Ischgler aufs

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Englische.

Wenn man die Homepage des ehemaligen BergbauerndorfYscla (rumantsch für „Insel“) anklickt, schiessen einem wie Granatsplitter die Worte “Active”, “Enjoy”, “Relax”. “…& More”, “Sport”, “Action” und “Exictement” ins Auge, was jedoch niemandem wehtut, weil in Ischgl alle Sonnenbrillen tragen.

Die coolste von allen Sonnenbrillen habe à propos

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ich (links im Bild),

und zwar dank eines Besuches im Mountain Boutique Hotel “Cervo” in Zermatt, wo man diese tiptoppen und tophippen Sehhilfen, sobald man bezahlt hat, als Bhaltis mitnehmen darf.

In anderen Gastrobetrieben gibts ein Täfeli, das man am besten mit dem Papier kaut, weil mans sowieso nicht auspacken kann, oder einen Chugi, der nicht schreibt oder einen lauwarmen Händedruck vom Hotelfachassitentenlernenden, der sich hinter dem Rezeptionstresen nicht rechtzeitig wegducken konnte, aber das nur nebenbei.

Bevor ich den Faden, den ich ein paar Abschnitte weiter oben, gleich hinter “Ischgl ist laut dem Internet…”, aus den Fingern verloren habe, endgültig nicht mehr finde, muss ich…Sekunde…Moment…ich habs gleich…

…Mist.

Ich fange am besten nochmal von vorne an.

Also: Um ziemlich genau Punkt 6.37 Uhr heute Morgen düsten mein Bruder und ich vom Bahnhof Baden aus los. Über die Autofahrt gibts nicht viel zu erzählen (oder ämu nichts, was die breite Öffentlichkeit interessieren könntesollte). Es hatte manchmal viel Verkehr und manchmal weniger und wir hörten lässe Musik und führten gute Gespräche.

Am Zoll machte wegen des Freikörperabkommens mit Brüssel niemand Anstände, und als wir Ischgl mit einiger Verspätung endlich doch noch erreicht hatten (zuhinterst im Montafon gings auf einmal nicht mehr weiter; die Strasse war wegen Winters gesperrt, worauf wir umkehren und eine halbe Stunde zurück durch das Tal rasen blochen tuckern mussten), wussten wir: Jetzt sind wir in Ischgl.

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Viel Zeit zum Herumplämperlen hatten wir wegen der Montafonsache nicht. Mit dem Bähnli schwebten wir so husch es ging hoch ins “Alpenhaus”, die  – wir geben kurz ab in die Werbung – “wahrscheinlich stilvollste Skihütte der Tiroler Alpen”.

Dort warteten Deep Purple nicht nur, aber auch auf uns. Meinem Brüetsch, der in Diensten von Radio Argovia in Ischgl weilte , war es gelungen, einen Fünfminuten-“Slot” für ein Interview zu bekommen.

Fünf Minuten für Deep Purple: Das ist zuwenig, um die rund 50jährige Bandgeschichte durchzubesprechen und einen langen Blick in die Zukunft zu werfen, aber immer noch besser als, sagen wir: vier Minuten, in denen nicht mehr Platz hat als

– Journalist (J.): “Hello! A few days ago you released your new album ‘Now what?!’ What do you think about this CD?”

– Deep Purple-Mitglied (DPM): “Hi! I think it’s the best album we’ve ever made.”

– J.: “Even better than ‘Machine Head‘ or ‘In Rock‘”?

– DPM: “Let’s say…”

– Agentin der Plattenfirma: “Time’s over. Next journalist please.”

Aber so liefs in Ischgl natürlich nicht. Mein Brüetsch nutzte den Slot in seinem

 

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Gespräch mit Roger Glover, Don Airey und Steve Morse

optimal aus. Er unterhielt sich mit ihnen über das Jazzfestival Montreux, den Tod des Ex-DPM Jon Lord und anderes mehr, und am Ende schaffte er es sogar noch, den nebenan frühstückenden Purple-Sänger Ian Gillan dazu zu bewegen, mit ihm für ein Erinnerungsbild zu posieren.

Das wars dann auch schon, slotmässig, und ab gings zur Pressekonferenz im hundert Meter oder so weiter unten gelgenen Heliport. Um dorthin zu gelangen, musste die Journimeute durch knöcheltiefen Sulz stapfen, während die DPM mit einem Ratrac chauffiert wurden.

Die Pressekonferenz war nicht das Spannendste, was ich je erlebt habe – die Fragen drehten sich primär darum, wer von Deep Purple skifahre und ob es wohl stimme, dass Ian Gillan “Child in time” nicht mehr singe, weil die Stimmbänder nicht mehr alles mitmachen, dabei weiss inzwischen jeder auch nur randständig Musikinteressierte, dass Gillan “Child in time” seit vielen, vielen Jahren nicht mehr singt, weil die Stimmbänder nicht mehr alles mitmachen –  , doch zum Glück krachte hinter den in Reih und Glied platzierten Musikern, noch bevor es losging, die Wand mit den Sponsorenaufschriften zusammen, was für grosse Heiterkeit bei den Stars und Schreibern und für etwelche Unruhe bei den PR-Verantwortlichen dieser Veranstaltung sorgte.

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Nach dem Medientreffen gings wieder hoch ins “Alpenhaus”, wo für die Korrespondentinnen und Korrespondenten, die vor lauter Fragen und Mitschreiben und Durchvermatschtealpentschalpen inzwischen fast kollabierten, diverse Leckereien ihres Verzehrs harrten.

Gratis und franko gabs  à discrétion von diesem

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und as much as you can eat von jenem

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oder nach Herzenslust davon

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Und dann…dann gings endlich los: Nach einem Intro von mindestens Wagner’schen Dimensionen betraten Deep Purple die Bühne am Berg. Doch falls die Organisatoren des “Top of the mountain-Concerts” die Idee gehabt haben sollten, mit dem legendären Quintett auf 2300 Metern über Meer für Partystimmung zu sorgen, mussten sie alle Hoffnungen spätestens nach dem dritten Stück fahren lassen. Deep Purple improvisierten und solierten sich durch zum Teil hochkomplex angelegte Melodienlandschaften und verzichteten darauf, das grosse Hitfeuerwerk zu zünden. Von der nigelnagelneuen CD präsentierten sie lediglich “All the time in the world” und damit ausgerechnet jenen Song, den Gillan vor den Medien kurz zuvor als den “langweiligsten des ganzen Albums” abqualifiziert hatte.

Das zigtausendköpfige Publikum, das sich vorab aus operativ in Schuss gehaltenen Desperate Housewives und potenziellen Reality-Soap-Darstellern im Privatfernsehen zusammensetzte, konnte damit herzlich wenig anfangen. Die Connaisseurs echten Bluesrockschaffens hingegen kamen durchaus auf ihre Kosten.

Nach der letzten Zugabe verweilten wir nochli auf dem Berg. Dann liessen wir uns in einer 18er(!)-Gondel ins Tal tragen. Im Hotel angekommen, wussten wir auf einmal nicht mehr so recht, was wir mit der vörigen Zeit anfangen sollten. Eigentlich hatten wir ja geplant, in Ischgl zu übernachten.

Aber danach, den Rest dieses Tages in einm der vielen Halligalli-Schuppen zu verbringen, stand uns der Sinn ebensowenig wie nach ausgedehnten Mondscheinspaziergängen durchs Dorf.

Eine halbe Stunde, nachdem wir unser Viersternezimmer betreten (und, ja: gemerkt hatten, dass wir beide ein wenig Heimweh nach unseren Lieblingsmenschen) hatten, kamen wir wie von alleine zum Schluss, dass wir genausogut heimfahren, wie in Ischgl die Zeit totschlagen können. Für das Zimmer brauchten wir nichts zu bezahlen, weil wir, wie die Hotelchefin sagte, im Grunde ja gar nicht eingecheckt hatten.

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Hoppla, eine Hitzewelle

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“Ganz Australien stöhnt unter extremer Hitze”, schreibt “Die Zeit” (und schreiben bestimmt auch andere Medien, aber ich habe seit fünf Wochen keine Zeitung mehr gelesen – und zu meinem eigenen Erstaunen auch nicht das Gefühl, deshalb viel verpasst zu haben).

Nun: Wenn “ganz Australien” stöhnen würde, hätten wir das ziemlich sicher mitbekommen. Stöhnen haben wir bisher aber niemanden hören. Das liegt einerseits ziemlich sicher daran, dass die Häuser, in denen wir übernachten, tiptopp isoliert sind. Und hat andererseits möglicherweise auch damit zu tun, dass diese “Hitzewelle” zumindest von jenen Australiern, denen wir auf unserer Reise begegnen, gar nicht als sooo dramatisch empfunden wird.

Natürlich: Es gibt Einheimische, die behaupten, sie hätten seit einer halben Ewigkeit keinen so heissen und trockenen Sommer mehr erlebt wie den Sommer 2013. Nur: In der Schweiz beklagen sich viele Leute Jahr für Jahr über den strübsten Winter ever, sobald es Anfang Januar mal länger als zwei Stunden schneit.

Selbstverständlich wird in Australien gegenwärtig allerorten vor dem erhöhten Buschfeuerrisiko gewarnt. Und ja: Auch wir hörten schon Feuerwehrautos mit heulenden Sirenen über die Strassen fräsen. Nicht weit von unserem Motel bei Ulladulla hats gestern gebrannt. Doch Brände sind im australischen Sommer nichts Ungewöhnliches. Sie gehören zu dieser Jahreszeit wie die Tatsache, dass sich in der Nähe der Küsten jetzt, in den grossen Ferien, mehr Touristen aufhalten als sonst; und auch mehr Haie.

Andrerseits fuhren wir vor Kurzem stundenlang unter dichten dunklen Wolken und teilweise bei Regen durch die Gegend. Sobald die Sonne untergegangen ist, wird es angenehm kühl.

Wie auch immer: Die stöhnenden Australier sind nicht nur ein Thema für die “Zeit” und andere Blätter, sondern auch für das von mir sehr geschätzte Radio Argovia. Einer dessen Redaktoren hat mich vorhin gefragt, ob er mir zur Sache ein paar Fragen stellen könne.

Weil ich diesem Redaktor einfach keinen Wunsch abschlagen kann (und will), sagte ich zu. Der Beitrag wird heute Samstag zwischen 17 und 18 Uhr Schweizer Zeit gesendet.

Elf Monate wie oft – und ein Tag wie noch nie

Der wichtigste Tag dieses Jahres – und meines Lebens: Am 13. April geben Chantal und ich uns das Jawort. (Hochzeitsbilder: Bild: Hannes Zaugg, z-arts)

Mitte November: Das sollte eigentlich früh genug sein, um die medialen Mitbewerber jahresrückblickmässig abzutrocknen. Dann fassen wir die Hits und Flops und Meilensteine also mal zusammen:

Januar

Voller Tatendrang starten die Mitglieder des Vereins Szenerie Burgdorf und meine Verlobte ins neue Jahr. Erstere beginnen mit den Probearbeiten für „Die Franzosenkrankheit“, Letztere strickt für unseren Neffen.

Trouble in paradise: Unser Quartierkönig trifft auf einen Nebenbuhler.

Februar

Ein kleiner Mann feiert seine „Stärnstund“. In der kulturfabrikbigla erzählt der wärchige Aschi Rüegsegger, was er als Hilfskraft von Pesche Leu so erlebt.

Die Kälte hat das Land im Griff. Auch bei uns friert alles zu.

Mir bietet sich die Chance, Fotomodell zu werden. Ich lasse sie verstreichen, weil ich lange genug ständig auf meinen Körper reduziert wurde. Ab sofort zählen nur noch die Innereien.

“Chantemoiselle” Myria Poffet gibt ihre zweite CD „Stück vom Glück“ heraus. Es ist mir eine Ehre, für das rundum gelungene Werk den Pressetext verfassen zu dürfen.

März

Konsterniert stelle ich in Paris fest, dass die Pissoirs in der Dalì-Ausstellung aussehen wie alle anderen Pissoirs auch.

Es lenzt. Wurde aber auch Zeit.

April

„Ja!!!“ Für immer und ewig und alle Zeiten. Und ich bin kein bisschen nervös.

Ein Ausläufer des Luca Hänni-Gstürms erfasst auch diesen Blog: Stammleser H. Z.-G. aus U. klappt nicht nur, aber auch wegen des Riesentheaters um seinen prominentesten Mitbürger zusammen.

Im Burgdorfer Siechenhaus bricht „Die Franzosenkrankheit“ aus. Genau dort hatten wir kurz zuvor unsere Hochzeit gefeiert.

Mai

Zehn Tage lang „lebe“ ich mit einem freigelegten Zahnnerv. Eigentlich hats mit der Behandlung recht vielversprechend begonnen. Aber dann gerät alles irgendwie aus den Fugen. Zuerst nur im übertragenen Sinn, wenig später buchstäblich.

Kaum verheiratet, verschwindet meine Frau nach Finnland.

Als Parkdienst-Chef erlebe ich, was wirkliche Macht ist. Ich nutze sie gnadenlos aus.

Verena Zürcher plaudert in diesem Blog weltexklusiv über die vielen Freuden und wenigen Leiden einer „Mordsgeschichten aus dem Emmental“-Verlegerin.

Juni

Gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch der Olympischen Spiele hauen wirs nach London, wo wir sehr viele Läden sehen, und noch mehr Baustellen.

Von wegen “Fachblatt”: Der „Rolling Stone“ listet „Die 500 besten Alben“ auf – und vergisst die allerbesten.

Ich möchte auf dem Burgdorfer Bahnhof Kinder auf ihrer Schulreise fotografieren. Die Lehrerin und ihre vermutlich gerade aus dem Irak zurückgekehrte Begleitung finden das keine gute Idee.

Juli

Auf der Moosegg versucht „Dr Zuchthüsler“, einen Weg zurück ins normale Leben zu finden. Das Ensemble des Freilichttheaters Moosegg macht daraus eine beeindruckende Openair-Vorführung.

Steven Spielberg zieht die Augenbrauen hoch: Ich drehe meinen ersten Film.

Bei seinem Konzert in Zürich singt Bruce Springsteen für meinen Brüetsch und seine Frau „If I should fall behind“.

Trauer und Freude halten sich musikalisch die Waage: Deep Purple-Mitgründer Jon Lord stirbt. Toto brechen zu ihrer Europa-Tournee auf, die sie auch nach Arbon führt:

So viel Regen in so kurzer Zeit: Das gabs in meinen letzten 47 Jahren noch nie.

August

Die einen Schweizer Musiker halten sich mit ihrem Liebesleben in den Schlagzeilen. Andere arbeiten im Studio an ihrer neuen CD. Das eine ist einfach nur peinlich, das andere eine total gefreute Sache.

September:

Kaum auf Gran Canaria gelandet, lerne ich den Playaboy kennen. Wir verbringen eine glatte Woche miteinander – und freuen uns schon auf unsere nächsten Ferien, zur selben Zeit, im selben Hotel, im selben Zimmer 120.

Meine Frau und ich beteiligen uns am „Hotel Schwingfest“. Unser Zimmer ist schneller vergeben als ein kostenloses Backstage-VIP-Ticket für ein AC/DC-Konzert.

Der Mundartmusiker Hanery Amman gibt auf der neuen „Halunke“-CD „Houston we are ok“ ein grandioses Comeback. Und: Die „Stranded Heroes“ verarbeiten ihren Song „Bed of ivory“ zu einem Film.

Oktober

Weil im Zug sonst nichts frei ist, verbringe ich eine denkwürdige Stunde in einem „Familienwagen“ der SBB.

Die „Skinny Machines“ beehren wieder einmal die Heimatstadt ihres Drummers Dan Roth.


Auf einmal zickt die TV-Box herum. Aber nicht lange. Nicht sehr lange, jedenfalls.

Mordsgeschichten XXL: Mit Hakan Nesser und Arne Dahl geben sich in Burgdorf zwei Kriminalautoren der Sonderklasse ein Stelldichein.

November

An den Burgdorfer Krimitagen kochen fünf BZ-Gspändli und ich für die Gäste der „Emil“-Lesung. Man kann sagen: Für ein 20minütiges Essen stehen wir 15 Stunden am Herd. Aber: Wir haben den Plausch.

Raclette bei Nachbars. Zuhause ist es einfach am schönsten, und wenn “zuhause” in der Wohnung gegenüber liegt.

Wobei: Am schönsten ist es auch in Australien. Dahin fliegen wir bald. Die Berichterstattung von der anderen Seite des Planeten erfolgt unter dem Titel “Down underwäx”.