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Die neue Virklichkeit (23)

„Wie lange lebe ich noch?“: In den ersten 24 Stunden nach dem positiven Corona-Test hatte Edith Todesangst. „Es gibt für niemanden einen Grund, sich vor dem Virus in Sicherheit zu wiegen“, sagt sie.

Nach 17 Tagen stand die Achterbahn der Gefühle endlich still. So lange schwankte meine frühere BZ-Arbeitskollegin Edith zwischen Todesangst, Lebensfreude, Hoffen und Bangen. Mit einer seltenen Autoimmunkrank-heit gilt sie als Hochrisikopatientin. Die Diagnose „Covid-19“ traf sie aus heiterem Himmel. Seit gestern darf sie sich als „geheilt“ betrachten.

Vor knapp drei Wochen erfuhrst Du am Telefon, dass du an Corona erkrankt seist. Wie hast du auf diese Diagnose reagiert?

Edith: Ich fiel auf der Stelle in eine Art Schockstarre. Ich wollte aufgrund eines anderen Infekts  – eines Pilzinfekts im Mund – einen Arzt aufsuchen. Weil es ein Samstag war, kontaktierte ich die Spezialisten meiner Autoimmunerkrankung und wurde in einem nahen Spital als normaler Notfall angemeldet. Am Schluss sagte die Ärztin, sie mache wegen meiner gefühlten Geschmacksveränderung einen Abstrich und checke mich auch auf Corona.

Ich hatte dieses Symptom auf den Pilzinfekt zurückgeführt und war erstaunt, reagierte aber gelassen; ich hatte ja kein Fieber und keinen Husten. 24 Stunden später erhielt ich den Anruf einer Pflegefachfrau. Sie sagte mir, der Corona-Test sei positiv. Ich konnte – und wollte – nicht glauben, dass das möglich war. Schliesslich hatte ich in den vergangenen Wochen pingelig sämtliche Sicherheitsmassnahmen befolgt, um Corona von mir und meinem Ehemann fernzuhalten.

Wie lange hielt diese „Schockstarre“ an?

In den ersten 24 Stunden hatte ich Todesangst. Ich fragte mich immer wieder, „Warum ich?“ und „Wie lange lebe ich noch?“ Meine Gedanken kreisten ununterbrochen darum, wie es wohl sei, wenn ich ins Spital eingeliefert und an irgendwelche Geräte angeschlossen würde. Ich dachte über meine letzten Stunden und meine Beerdigung nach. Ich hatte Angst vor dem Alleinesein.

All diese Horrorszenarien fantasierte ich mir nicht zusammen. Die Spezialisten meiner Autoimmunerkrankung, die ich nach dem positiven Test erneut kontaktieren musste, um die Einnahme meiner Medikamente abzusprechen, hatten mich darauf hingewiesen, dass Covid-19 bei mir schwer verlaufen dürfte. Nach vier bis fünf Tagen sehe man sehe dann wohl klarer.

„Mit jedem fieberfreien Tag verlor Corona ein bisschen von seinem Schrecken“

Auf der anderen Seite waren sie sich nicht sicher, ob ich aufgrund eines Medikamentes bereits Autoimmunkörper gebildet haben könnte. Ich dürfe mich ruhig bei Husten melden und nicht erst bei Fieber. Sie würden mich dann unterstützen, es habe noch Platz im Spital, sagten sie.

Mein Mann rief mir in Erinnerung, dass es mir körperlich ja gut ging und ich weder Husten noch Fieber noch Atemnot hatte. Diese Symptome zeigten sich auch in den Folgetagen nie. Mit jedem fieberfreien Tag verlor Corona für mich ein kleines bisschen von seinem Schrecken. Aber ich war halt immer wieder mal für einen kurzen Moment wie auf Nadeln.

Du und dein Ehemann lebten über zwei Wochen lang in Heimquarantäne. Was habt ihr in dieser Zeit gemacht?

(lacht) Nicht viel. Wir mussten uns räumlich trennen. Ich lebte im Schlafzimmer, er im Rest der Wohnung. Wegen meines Infekts war ich die ersten drei Tage oft müde und schlapp. Mein Mann und ich sprachen viel miteinander durch meine Schlafzimmertür, die immer einen spaltbreit offen war. Manchmal zeichnete ich etwas. Und ich begann, ein Tagebuch zu schreiben. Uns beiden war wichtig, trotz des Nichtstuns ein wenig Struktur in die Tage zu bringen.

Das heisst: Wir standen immer zur selben Zeit auf und assen zur selben Zeit – räumlich getrennt, versteht sich. Wir hielten telefonisch, per Mail oder Whatsapp Kontakt zu Menschen aus unserem Freundes- und Familienkreis. Wir besprachen die Einkaufsliste und organisierten Freunde, die uns Lebensmittel- und Hygieneartikel brachten. Oder dann rief der Arbeitgeber von meinem Mann an und hatte Fragen und Anliegen. Mein Hausarzt stand regelmässig in telefonischem Kontakt mit mir.

Vormittags absolvierte ich jeden Tag ein kleines Fitnessprogramm auf der Terrasse. Nachmittags schauten Freunde vorbei, klingelten und standen vor unser Haus. Ich quatschte dann mit ihnen vom Balkon runter zum Gartenhag. Auch mit unseren Nachbarn tauschten wir uns von Balkon zu Balkon aus. Abends, wenn mein Mann im TV die Nachrichten verfolgte, stellte er das Gerät lauter, damit ich mithören konnte. Vor der Bettruhe spielten wir oft Uno, das man auf zwei Handys als Duo gegen ein anderes Paar spielen kann.

So hatte ich immer wieder das schöne Gefühl, dass in mir und um mich herum auch mit diesem Virus ein Leben stattfindet.

Ob mit einem Mini-Bärenpark…
…einem Mikro-Entenweiher…
…oder einem munzigen Autosalon: Ediths Mann gab alles, um seinem Schatz auch mit Aufstellerchen zwischendurch durch die Quarantäne zu helfen.

Direkten engen Kontakt mit deinem Mann durftest du aber nicht haben.

Nein, auf keinen Fall. So waren wir bei der Diagnose instruiert worden. Es war ja nicht klar, ob mein Mann stiller Virusträger war; es bestand die Gefahr dass ich ihn anstecke. Wir schliefen in getrennten Schlafzimmern und sorgten dafür, dass wir uns nie gleichzeitig im selben Raum aufhielten.

Wenn ich in der Wohnung etwas berührte, desinfizierte er es für den Fall, dass er die Stelle auch berührt und sich ansteckt. Wir nutzten unsere zwei Badezimmer separat, wobei ich die Dusche in „seinem“ Bad benutzen durfte. Er reinigte sie danach mit Flächendesinfektionsmittel. Die Mahlzeiten bereitete er zu und legte mir sie auf einem Tablett vor die Schlafzimmertüre. Ich ass jeweils im Schlafzimmer und er am Esstisch im Wohnzimmer. Das schmutzige Geschirr berührte er nur mit Einweg-Handschuhen. Schmutzige Wäsche musste ich in Säcken sammeln und aufbewahren, weil wir die Wohnung nicht verlassen und weder in die Waschküche noch zum Briefkasten durften.

Ihr teiltet euch eure Wohnung 17 Tage lang rund um die Uhr. Führte soviel Dauernähe auch mal zu Streit?

„Wir mussten unseren Alltag gemeinsam komplett neu organisieren“

Erstaunlicherweise nicht, nein. Mein Mann ist der beste Motivationstrainer, den ich mir vorstellen kann. Zudem bringt ihn nichts aus der Ruhe. Er hat mich bei jedem moralischen Tief immer aufgebaut. Er liess meine Lieblingsmusik laufen, legte mir ein Güezi neben das Kafi oder schrieb mir eine ganz liebe Whatsapp-Nachricht. Wir redeten viel miteinander und wussten gegenseitig jederzeit, wie es dem anderen geht. Wir mussten unseren Alltag gemeinsam komplett neu organisieren. Langeweile, die der beste Nährboden für Spannung ist, konnte so nur teilweise aufkommen.

Jetzt ist das alles vorbei. Du musstest nach 16 Tagen als Hochrisikopatientin zu einem zweiten Corona-Test, der nun negativ war. Du giltst in der Statistik als „geheilt“. Worauf freust du dich am meisten?

(Wie aus der Pistole geschossen) Dass ich bald wieder meinen Mann umarmen darf. Er hat bisher keine Symptome.

Was Veränderungen ergeben sich jetzt in deinem Alltag?

Eigentlich keine grossen. Ich muss mich nach wie vor wie eine Hochrisikopatientin verhalten. Immerhin darf ich wieder draussen spazierengehen. Ansonsten gelten die gleichen Verhaltensregeln wie vorher auch: nicht einkaufen gehen, Hände waschen, Abstand halten, Kontakte draussen auf ein Minimum beschränken und so weiter. Auch wenn ich eine Ausgangssperre nachvollziehen könnte: persönlich hoffe ich, dass es nicht so weit kommt. Ich freue mich, dass mein Radius wieder mehr als das Schlafzimmer, das Badezimmer und den Balkon umfasst.

„Es kann jeden und jede treffen“

Was rätst Du meiner Leserschaft?

Es ist mir ein riesengrosses Anliegen, den Leuten zu sagen, sie sollen sich unbedingt an die Verhaltensregeln des Bundesamtes für Gesundheit halten. Es ist nicht so, dass nur alte oder angeschlagene Personen am Corona-Virus erkranken. Es kann jeden und jede treffen. In meinem entfernten Bekanntenkreis gibt es Leute, die bis vor Kurzem noch kerngesund waren und nun mit schweren Atemproblem und hohem Fieber daheim oder im Spital liegen. Dieses Virus ist extrem unberechenbar. Es gibt für niemanden einen Grund, sich davor in Sicherheit zu wiegen. Ich war selber fest davon überzeugt, dass mich dieses Virus verschonen würde. In den vergangenen 17 Tagen musste ich lernen, dass es vor Corona keine hundertprozentig sichere Deckung gibt.

Ok. Das wärs plusminus schon…

…darf ich noch etwas anfügen?

Selbstverständlich!

Ich lache ab sofort niemanden mehr aus, der WC-Papier in etwas grösserer Menge kauft, ehrlich (lacht). Als infizierte Person musste ich nach Anweisung meiner Ärzte die Hände nach dem Waschen an einem Einweg-Papiertuch trocknen und dieses direkt in einen Kübel mit Deckel wegwerfen. Die Menge an Haushaltspapier, die ich in den letzten 17 Tagen verbraucht habe, ist unglaublich.

(Das Interview wurde telefonisch geführt. Edith ist auf Stellensuche. Weil sie nicht weiss, wie sich ihre Autoimmunkrankheit darauf auswirkt, bat sie mich, nur ihren Vornamen zu nennen.)

Zum korrekten Verhalten bei einer Selbstquarantäne gibts hier weitere Infos.

Fragen über Fragen

Ein seltsames Gefühl: Jahrzehntelang sass ich Menschen gegenüber, stellte ihnen Fragen und verfasste anschliessend einen Beitrag für das Medium, für das ich gerade arbeitete.

Nun sass ich auf einmal auf der anderen Seite. Urs Egli von der BZ-Redaktion Burgdorf/Emmental interviewte mich nach meiner Wahl zum Präsidenten des Burgdorfer Altstadtleistes über meine Ansichten und Ziele.

(Das Gespräch ist auch online lesbar.)

Schattenspender für die Konkurrenz

Schattenspender für die Konkurrenz

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Mit „Long Stick goes Boom – Live from da House of Rust“ legen Krokus das dritte Livealbum ihrer bald 40jährigen Bandgeschichte vor. Das in der Solothurner Kulturfabrik Kofmehl eingespielte Konzertdokument hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits macht es grossen Spass, viele alte Heuler in einer etwas modernisierten Fassung zu hören. Andrerseits wirkt die CD seltsam künstlich.

„Headhunter“ fehlt, „To the Top“ fehlt, „Winning Man“ fehlt… doch abgesehen davon bieten die Bluesrock-Berserker vom Jurasüdfuss ihren Fans genau genau das, was sie von ihnen erwartet haben.

Und, für Veteranen dieses Genres eher überraschend, sogar noch mehr: Mit „Dirty Dynamite“, „Go Baby go“, „Hallelujah Rock’n’Roll“ sowie Auszügen aus „Betta than Sex“ und „Dög Song“ bringen Fernando von Arb, Mandy Meyer, Mark Kohler (Gitarren), Marc Storace (Gesang), Chris von Rohr (Bass)  und Flavio Mezzodi (Drums)  auch Müsterchen aus der jüngsten Schaffensperiode zu Gehör.

Nur: Im Gegensatz zum erdig-körnigen Live-Doppeldecker „Fire & Gasoline“ aus dem Jahr 2004 klingt „Long Stick…“ verdächtig geschliffen. Der „Dräck“, den von Rohr von anderen Bands unermüdlich fordert, fehlt diesmal weitgehend.

Wie tief von Rohr, der die Platte produzierte, bei der Fertigstellung des Werks in die  Trickkiste gegriffen hat, ist unklar. In einem Interview antwortet er auf die Frage, ob „Long Stick…“ im Studio nachpoliert worden sei, erst mit „das war zum Glück nicht nötig“.

Zwei Atemzüge später räumt er ein, „einige wenige Kleinigkeiten ausgebessert“ zu haben, „hauptsächlich bei den Chor-Gesängen“. Darüberhinaus seien „zwei bis drei verstimmte Gitarren ersetzt“ und „zu lange Sing Along-Passagen mit dem Publikum gekürzt“ worden.

Ob in „Long stick…“ soviel „Live“ ist, wie draufsteht, weiss ausser Chris von Rohr folglich kein Mensch.

Wobei: Solange es aus den Lautsprechern und Kopfhörern chlöpft und tätscht wie anno dazumal, als die ewigen Wandler in den AC/DC-Fusstapfen erst die Kirchgemeindehäuser in ihrer Wohngegend und später die Megastadien in den Vereinigten Staaten erbeben liessen, ist das alles ja gar nicht sooo wichtig.

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Übrigens: Mein Bruderherz scheint mit „Long Stick…“ ebenfalls nicht rundum glücklich zu sein. In einer Plattenkritik auf CeDe.ch notiert er unter dem Titel „Nur das 2.-beste Livealbum“:

„Vorab: <Fire & Gasoline> gefällt mir besser. In meinen Ohren knallt das Teil einfach mehr als <Long stick…>. Und ganz ehrlich: Von 3 Gitarren erwarte ich, dass man den Unterschied zu 2 Gitarren auch wirklich merkt! Und zwar nicht an verschiedenen Stellen der Songs oder des Albums, sondern im Gesamtpaket!

Klar, Maiden haben damit auch immer wieder ihre Schwierigkeiten. Aber gerade deshalb finde ich: 2 Gitarren tätens auch.

Die Songauswahl: Nicht schlecht. Schön, dass es <Hellraiser> darauf geschafft hat. Der Beweis, dass auch CvR nicht immer stur an seiner Meinung festhalten muss und will. Aber warum man auf Live-Knaller wie <Winning man> oder Album-Fan-Faves wie <To the top> verzichtet, das wird wohl für immer ein gut gehütetes Krokus-Geheimnis bleiben.

Jä nu… Hauptsache, sie sind noch dabei und stecken live noch so manche Schnuderigruppe in den Sack!“

Ehe 2013

Ehe 2013

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„Es ist so, dass Anja mein Leben organisiert. Sie schreibt meinen Terminkalender, schickt mich mit dem Hund raus, fährt mich an die Konzerte und organisiert die Finanzen. Ich erledige dafür die Wäsche, putze den Boden und schreibe die Songs. So funktioniert eine Ehe im Jahr 2013“: Das sagt Christian Häni, der Chef der „Halunke“, in einem Interview mit dem Blog „Baumhausfee„.

Anlass für das Gespräch war die Single „Nüt geit meh“, die erste Single, die Christian und Anja Häni als The Haenis soeben veröffentlicht haben.

Überflüssig wie ein Kropf

Überflüssig wie ein Kropf

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(Vorbemerkung 1: Als Lohnempfänger der zur Tamedia gehörenden Berner Zeitung bin ich beruflich weit aussen mit Res Strehle „verwandt“.

Aber – und damit kommen wir zur

Vorbemerkung 2: Ich habe mit Strehle weder geschäftlich noch privat je zu tun gehabt.)

Res Strehle, der Chefredaktor des Tagesanzeigers, habe „nachweislich mit Terroristen“ verkehrt, „engste Kontakte in die gewalttätige und gewaltbereite Szene“ gepflegt und „als längst Erwachsener Gewaltakte im Namen marxistisch-leninistischer Ideale“ gerechtfertigt: Das schrieb die Weltwoche am 7. Februar unter dem Titel „Der süsse Duft des Terrorismus“ (die Geschichte ist online nur über Umwege greifbar).

Garniert war der Text mit zwei Fahndungsbildern Fotos, die irgendwie aus dem Archiv der Stadtpolizei Zürich in die Weltwoche-Redaktion gelangt sein mussten (siehe oben).

Strehle wies die Vorwürfe zurück. Er sei „an keiner der von der Weltwoche erwähnten Gewalttaten beteiligt gewesen, auch nicht am Rande“, teilte er mit.

Der Artikel der Weltwoche „dramatisiert meine politische Vergangenheit auf eine Weise, die mit der Realität wenig, mit politischem Kampagnenjournalismus aber viel zu tun hat“, fasste Strehle zusammen.

Und schwupp, sind wir mittendrin in einer Debatte, die vermutlich nur in einem Land geführt werden kann, das grössere Probleme vor allem vom Hörensagenlesenfernsehen her kennt. Die, abgesehen von ein paar Journalisten, keinen Menschen interessiert. Und die folglich so überflüssig ist wie ein Kropf.

Denn erstens ist Strehles (frühere) Affinität zu linksradikalem Gedankengut längst bekannt. Der Mitbegründer der WOZ hat in seinen Texten nie ein Hehl aus seinen Sympathien gemacht. Seine (damalige) Denkweise thematisierte er darüberhinaus schon vor Jahren im Buch „Mein Leben als 68er“. Darin schreibt er: „Es war die Zeit, als mein Weltbild vom guten Menschen, den bloss das System kaputtmachte, die ersten kleinen Risse bekam. Die haben bis heute nicht dazu geführt, dass ich es gänzlich für falsch hielte.“

Und zweitens ist Strehle journalistisch nicht vor Kurzem dermassen verhaltensauffällig geworden, dass es nun dringend geboten sein könnte, seinen Werdegang bis in die letzten Winkel auszuleuchten; in ihrer an Fakten ziemlich armen und Fehlern bemerkenswert reichen Anklageschrift wärmt die Weltwoche einen seit 30 Jahren kalten Kaffee auf.

Es ist folglich nachvollziehbar, wenn Strehle nur mässig motiviert ist, sich öffentlich und en détail seiner „Vergangenheit zu stellen“, wie das – im Chor mit der Weltwoche – einige besorgte Zeit(ungs)genossen fordern. In einem Verhör einer Art Interview mit dem Branchenheftli „Der Journalist“ sagte der Tagi-Chef, was es seiner Ansicht nach zur Sache zu sagen gibt: Nichts.

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(Auszug: Von Lukas Eglis Facebook-Site geklaut)

Dieses Beharren auf der Freiheit, sich zu was auch immer zu äussern, wann er will und nicht, wenn ihn wer auch immer womit auch immer zum Reden zu nötigen versucht, mag für den Vordenker einer der grössten Zeitungen des Landes etwas irritierend wirken. Aber: Es ist sein gutes Recht. Selbst echte Angeklagte dürfen vor richtigen Richtern schweigen, ohne, dass ihnen das zu ihrem Nachteil ausgelegt wird.

Ich persönlich werte es eher als Zeichen von Grösse denn als Beispiel für Schwäche (oder gar als Schuldeingeständnis), wenn jemand einfach mal die Klappe hält, statt sich auf Kommando für etwas zu rechtfertigen und zu entschuldigen, was bei jedem anderen als verjährt gelten würde.

Nur: Jeder andere ist natürlich auch nicht Vorgesetzter eines Journalisten, der Christoph Blocher, dem geistigen Götti von Weltwoche-Mastermind Roger Köppel, neulich bös an den Karren gefahren ist.

Nachtrag 27. Februar: Was es zum Thema zu sagen gibt, fasst René Zeller in der NZZ kurz und träf unter dem Titel „So lieber nicht, Kollegen“ zusammen.