Articles with Krankheit

Biobombe auf dem Balkon

Donnerstag, 26. August 2021, 14.03 Uhr: Aus heiterem Himmel telefoniert mir die beste Floristin der Welt. Bei ihr habe sich soeben jemand von einem Bundesamt gemeldet, sagt sie. Der Mann habe sie gebeten, ihm die Koordinaten jenes Kunden zu geben, dem sie neulich einen Topf Rosmarin geliefert habe. Dieser Kunde sei ich. Worum genau es gehe, wisse sie nicht. Möglicherweise sei die Pflanze krank. Vielleicht handle es sich aber auch nur um einen Scherzanruf. Selbstverständlich dürfe sie ihm meine Kontaktdaten übermitteln, antworte ich.

Donnerstag, 26. August 2021, 14.31 Uhr: Die Floristin leitet mir eine Mail weiter, die ihr ein Mitarbeiter des Fachbereichs Pflanzengesundheit und Sorten des Bundesamtes für Landwirtschaft soeben geschickt hat:

Donnerstag, 26. August 2021, 18.29 Uhr: Anruf eines Mitarbeiters des Fachbereichs Pflanzengesundheit und Sorten des Bundesamtes für Landwirtschaft des Eidgenössischen Departementes für Wirtschaft, Bildung und Forschung. Offenbar pressierts. Ob er morgen bei mir vorbeikommen könne, begehrt er zu wissen. Klar, sage ich; um 9 wäre tiptopp.

Freitag, 27. August 2021, 9.10 Uhr: Der Inspektor ist da.

Er schaut sich die Pflanze kurz an und beschliesst, sie gleich mitzunehmen. Während er Papier- und Onlineformulare ausfüllt, berichtet er, dass das Kraut aus einer Zucht in Portugal stamme. Die Krankheit, welche es möglicherweise (es gilt die Unschuldsvermutung) befallen habe, richte besonders in Süditalien verheerende Schäden an jahrhundertealten Olivenbäumen an. In der Schweiz seien primär Apfelplantagen und Rebberge betroffen. Miteinander zerren wir das Grünzeug aus dem Kübel. Der Fachmann verstaut es in einem Ghüdersack.

Das Prozedere hat irgendwie etwas Unwürdiges. Erst vorgestern benutzte ich diesen Rosmarin noch, um 5 Liter Bolognese-Sauce zu verfeinern. Deshalb frage ich den Experten, ob ich nun eine Rückrufaktion starten müsse. Immerhin handle es sich bei der Xyllella Fastidiosa laut der Website seines Amtes um ein hochgefährliches Bakterium.

Neinnein, sagt der Wissenschaftler; Menschen bräuchten sich deswegen keine Sorgen zu machen. Zum Abschied händigt er mir ein Papier aus, auf dem er bestätigt, meinen Rosmarin im Namen der Schweizerischen Eidgenossenschaft beschlagnahmt zu haben. Mit diesem Dokument kann die Floristin für mich im Frühling eine Ersatzpflanze beziehen.

Nachtrag 15. September 2021, 11.30 Uhr: Der Wissenschaftler ruft an und teilt mit, die Pflanze sei „nicht krank“ gewesen.

Nachtrag 20. September 2021: Die Geschichte wirft Wellen bis in den Aargau.

Virren des Alltags

Auch das war 2020: Tess beobachtet mit Urs Lüthi, dem Leiter der Burgdorfer Einwohner- und Sicherheitsdirektion, die Entwicklungen an der Coronafront.

Eigentlich hatten wirs ja schon im Februar kommen sehen, und eigentlich wars deshalb nicht sehr überraschend, als der Bundesrat Mitte März sagte, sooli, jetzt bleiben wegen Corona alle – oder ämu sehr viele – einfach mal zuhause, und eigentlich wars dann gar nicht so schlimm, einmal nicht nur nichts machen zu müssen, sondern nichts machen zu dürfen, und sich zur Abwechslung ganz feudal ein Znacht aus dem Stadthaus liefern zu lassen oder jede Woche waggeln zu gehen statt Kundschaft zu aqui akvi ack suchen.

Als der Lockdown vorbei war, wussten wir eigentlich, was nun zu tun ist (und, vor allem: was nicht), um die Infektionszahlen tief zu halten.

Eigentlich gab es keinen Grund dafür, leichtsinnig zu werden, und eigentlich hätten wir den Sommer und Herbst bestimmt auch überstanden, ohne in die Ferien zu fliegenfahren oder uns in grösseren Gruppen zu treffen.

Eigentlich wäre das Wort des Jahres 2020 also „eigentlich“. Gewählt wurde jedoch „systemrelevant“, aber henu.

Weitere Begriffe, die ich nicht mehr lesen und hören mag, sind:

„Sieben-Tage-Inzidenz“,

„R-Wert“,

„Superspreader“,

„Präsident von…“ (Name irgendeines Branchenverbandes einsetzen),

„beobachten“

„ernst“

„sehr ernst“

„wirklich sehr ernst“

„prekär“

„dramatisch“

plus, nebst vielen anderen,

„Eigenverantwortung“.

Schön ist, dass „man“ sich zumindest in der Schweiz schon bald darauf einigen konnte, wer die Schuld daran trägt, dass das Virus ab Ende Sommer ein derart fulminantes Comeback feiern konnte: die Kantone warens, aber irgendwie…irgendwie…ich meine: sind wir nicht alle ein bisschen Kanton?

Während des Lockdowns führte ich eine Art Tagebuch. Unter dem Titel „Die neue Virklichkeit“ notierte ich, was mich während des Hausarrests beschäftigte. Dazu gehörte auch der eine und andere Blick in die Zukunft. Am 18. März schrieb ich:

„In einem halben Jahr gehts für den Samichlaus und das Christkind um to be or not to be. Ein Samichlaus mit Mundschutz und OP-Handschuhen spielt in den gängigsten Fantasien der Menschen aktuell noch eine Nebenrolle, aber möglicherweise kann er seine Wintertour in diesem Jahr nur so oder gar nicht bestreiten.“

So kam es dann auch, ämu fast.

Auch am 24. März lag ich zumindest nicht kreuzfalsch: „Je grösser die Not, desto mehr lernt man ganz von alleine, sich wieder über die kleinen Dinge zu freuen, die im ’normalen‘ Alltag so selbstverständlich wurden, dass man sie gar nicht mehr beachtete.“

Den Eintrag vom 22. März hingegen würde ich heute nicht mehr so formulieren: „Corona, scheint es, macht alle und alles gleich. Nicht nur die Menschen, die mit ihren Unsicherheiten und Ängsten mehr Gemeinsamkeiten haben denn je (und die sich erstaunlicherweise je näher kommen, desto weiter sie sich voneinander entfernen müssen); auch die Tage ähneln sich unterdessen wie ein Status Quo-Hit dem anderen.“

Das mit dem Sichnäherkommen liesse ich nach allem, was ich seither in Gesprächen mit eben noch überaus gmögigen Mitmenschen, bei Kreuzfahrten über Social Media-Kanäle und bei der Lektüre von Online-Kommentaren erkennen musste, weg.

Ein Volltreffer glückte mir am 27. März: „Wer auch immer sich Chancen darauf ausrechnet, im Dezember zum „Schweizer des Jahres“ erkoren zu werden, begräbt seine Hoffnungen besser schon heute als erst morgen. Diesen Titel holt sich heuer keine Sportskanone und kein Star aus der Unterhaltungsbranche und kein Politiker und kein Wirtschaftsführer, sondern der Chef-Bundesbeamte Daniel Koch.“

Et voilà:

Die Frage ist jetzt, wies weitergeht. Die Antwort darauf kann nur lauten: irgendwie schon.

In der „Zeit“ konstatiert Alard von Kittlitz: „2021 verspricht ungleich besser zu werden (…). Jahr der Impfung (…), es geht wieder aufwärts, und vor allem werden wir doch endlich nach dieser Einöde wieder zueinanderfinden, zu den anderen Menschen, das wird ein Fest.“

Aber nicht nur: „Zum einen werden öffentlich bald alle wieder durcheinanderbrabbeln in wilder, aufmerksamkeitsheischender Pseudokommunikation über das Thema, das der Tag zufällig angespült hat.“ Und: „Wir werden ganz sicher auch die Segnungen der Zwei-Haushalte-Regel vermissen, wenn wir wieder im Bus zum Büro sitzen; oder auf anstrengenden Geburtstagspartys und höflichkeitsbedingten Dinners bei Halbbekannten heimlich auf die Uhr schielen und uns wünschen, wir dürften zu Hause sein. Wie in den goldenen Corona-Zeiten, als man noch nicht einmal um Entschuldigung bitten musste fürs Fernbleiben, denn es war ja überhaupt nicht denkbar, überhaupt irgendwo anders als zu Hause zu sein.“

In wenigen Stunden ist 2020 vorbei. Rund um den Erdball dürfte Einigkeit darüber herrschen, dass es sich – wie schon bei 2001 – um ein Jahr zum Vergessen handelt. Aus der Erinnerung wird es sich mit den Nebenwirkungen, die wir – in der Schweiz sehr homöopathisch dosiert – schon zu spüren bekamen, und den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Konsequenzen, deren Ausmasse wir heute unmöglich abschätzen können, allerdings nicht streichen lassen.

Das wäre nur schon angesichts all der Opfer unangebracht, welche die Pandemie forderte, nach wie vor fordert und weiterhin fordern wird.

Abgesehen davon waren die vergangenen Monate ja nicht nur schlecht. Sie boten uns die Gelegenheit, uns und unsere Mitmenschen chly besser kennenzulernen. Covid-19 machte Fremde zu Freunden. Aber, eben: auch Freunde zu Fremden.

Teils aus Langeweile und teils aus Verzweiflung kamen manche Leute auf Ideen, die sie ohne die Seuche nie gehabt hätten. Das Arbeiten von zuhause aus wurde über Nacht genauso zur Selbstverständlichkeit wie das bargeldlose Zahlen oder das Nichtmehrunterschreibenmüssen für eingeschriebene Post.

Zeitgenossinnen und -genossen, die mit Politik nie viel am Hut hatten, verfolgten die Medienkonferenzen des Bundesrates mit demselben Interesse wie Fussball-Länderspiele. Die Landesregierung genoss ein Vertrauen wie vermutlich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Wie aus dem Nichts organisierten sich Nachbarschaftshilfstrupps. Die Schweiz merkte, dass eine Verkäuferin an der Migros-Kasse oder ein Pfleger im Spital genauso viel wert ist wie der CEO einer Grossbank; schön wäre, wenn sich diese Erkenntnis auch in der Entlöhnung niederschlagen würde.

Wir strichen Sitzungen, Hochzeiten, Mitgliederversammlungen und zig andere vermeintlich in Stein gemeisselte Termine aus unseren Agenden und realisieren erst irritiert und dann zunehmend erleichtert, mit welcher Gleichgültigkeit sich der Globus trotzdem weiterdrehte. WC-Papier hatte in einem der reichsten Länder auf einmal denselben Stellenwert wie Reis in Armutsgebieten.

Was auf Verwaltungen seit Anbeginn der Zeitrechnung in Zeitlupe vonstatten ging, lässt sich nun zügig abwickeln. Im Zusammenhang mit Corona entstanden plusminus 1000 neue Wörter, was in einer Zeit, in der die Sprache mehr und mehr verkümmert, ebenfalls eine höchst erfreuliche Nachricht ist.

Auf den Tag genau vor einem Jahr sass ich auf einem Mäuerchen in Playa del Inglés und plangte im sanften Licht der langsam aus dem Meer steigenden Sonne darauf, dass sich die Türe der gegenüberliegenden Dentalklinik öffnet. Eine Woche zuvor hatte sich in meinem Unterkiefer eine Wurzel entzündet.

Im Wartezimmer las ich in einer deutschen Zeitung, dass die Chinesen wegen eines neuartigen Virus in aller Eile Dutzende von Spitälern bauen. Ich mass der Meldung keine Bedeutung bei. Auf der Welt, dachte ich verdafalganisiert, gibt es weitaus grössere Probleme als eine weitere Krankheitswelle in Asien. Den Klimawandel zum Beispiel, oder Donald Trump.

Und, natürlich: mein Zahnweh.

War mal was?

Fast wie „früher“: Corona dominiert die Schlagzeilen, obwohl – oder gerade weil – das Gröbste überstanden schien.

„Wies aussieht, sind immer mehr Menschen dabei, das Abnormale langsam als normal zu betrachten (zu versuchen) und sich mit der Lage so gut, wies halt geht, zu arrangieren“: Mit diesen Worten beendete ich am 6. Mai die „Neue Virklichkeit„-Serie.

Damals ging ich davon aus, dass die Leute sich nach zwei Monaten Lockdown schnell daran gewöhnen würden, voneinander Abstand zu halten, sich regelmässig die Hände zu desinfizieren oder im ÖV einen Mundschutz zu tragen.

Doch dem ist nicht so. Spätestens seit der Wiedereröffnung der Restaurants und Bars führen sich immer mehr Zeitgenossinnen und -genossen auf, als als ob nie etwas gewesen wäre.

In einem Zürcher Club feierten 300 Personen eine Party. Unter ihnen befand sich ein „Superspreader“, der sechs Leute mit dem Virus infizierte. Die Suche nach Betroffenen gestaltete sich schwierig, weil ein Drittel der Besucherinnen und Besucher beim Eingang falsche Kontaktangaben notiert hatte.

In Bern stieg am Wochenende eine illegale Technosause mit mehreren hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern. «Sie ignorierten die Schutzmassnahmen und standen dicht beieinander», sagte ein Augenzeuge gegenüber der BZ.

Da wie dort reagierten die Behörden auf eine Art und Weise, die als Einladung zum Weiterfeiern verstanden werden konnte: Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Nathalie Rickli zeigte sich „enttäuscht“. Den Club auf der Stelle zu schliessen, war für sie keine Option. In ihren Augen handelt es sich offenkundig um einen systemrelevanten Betrieb.

In Bern liess die Polizei die Partygänger gewähren, weil „eine sofortige Intervention zu einer Eskalation und damit zur Gefährdung der zahlreichen anwesenden Personen geführt“ hätte, wie ein Sprecher der Kapo mitteilte.

Dass gerade wegen der „zahlreichen anwesenden Personen“ eine erhebliche Gefährdung bestand – und zwar in gesundheitlicher Hinsicht; nicht nur für die Technofreaks – schien in den Erwägungen der Ordnungshüter und der Stadtregierung bloss eine periphere Rolle zu spielen.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nur bedingt, dass die Fallzahlen wieder steigen: 52 Neuansteckungen verzeichnete das Bundesamt für Gesundheit am letzten Donnerstag, 58 am Freitag und 69 am Samstag.

Die Vorfälle in Zürich und Bern dürften die Werte in den nächsten Wochen ebensowenig senken wie die Tatsache, dass Morgen für Morgen Horden von Schweizerinnen und Schweizern nach Deutschland pilgern, um sich mit Billigstfleisch einzudecken oder sich mit Tausenden von anderen Spasstouristen im Europapark in Rust zu tummeln. Von all den Leuten, die im Juli und August aus ihren Sommerferien in eben noch abgeriegelten Ländern zurückkehren werden, ganz zu schweigen.

Das hätte ich nach all dem Positiven, das dem Negativen des Lockdowns innewohnte, nicht gedacht. Ich war ziemlich fest davon überzeugt, dass diese einschneidende Erfahrung jedem und jeder klargemacht hatte, was „Eigenverantwortung“ und „Rücksichtnahme“ bedeuten.

Was wir uns mit einem weitgehend klaglos ertragenen Hausarrest, beispielloser Hilfsbereitschaft und unvorstellbar viel Geld erkauft hatten, verspielen ein paar Idioten auf Kosten der Allgemeinheit gerade mit einer erschreckenden Nonchalance.

Und ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Nachtrag 1. Juli:

„Unendlich traurig“

So wichtig und richtig das Besuchsverbot aus epidemiologischer und gesundheitspolitischer Sicht auch sein mag, so unmenschlich ist es.“

Am 14. Mai verstarb Theo Wernli, der Vater meiner Schwägerin Judith. Wegen Corona war es seinen Liebsten bis kurz vor seinem Tod nicht erlaubt, ihn im Spital zu besuchen. Nun hat Judith ihre Gedanken dazu auf Facebook veröffentlicht.

«’Und immer wieder schaue ich zur Tür, und ich weiss: Keiner von euch drückt diese Türfalle. Jeder, der ins Zimmer kommt, muss. Niemand will wirklich zu mir.

Das hat mein Papi (72) in den letzten Wochen immer wieder gesagt. 37 Tage im Spital zu sein, ohne seine Liebsten sehen zu dürfen, ist unendlich traurig. 37 lange Tage, ohne seinen Sohn oder seine Töchter zu Besuch zu haben. Ohne mit den Enkeln ganz feste ‚Drückis‘ zu machen. Erst, als es ihm so schlecht ging, dass er nicht mehr ansprechbar war, durften wir zu ihm. Leider auch in diesen 8 Tagen nur zwei Mal.

So wichtig und richtig das Besuchsverbot aus epidemiologischer und gesundheitspolitischer Sicht auch sein mag, so unmenschlich ist es. Ich hoffe ganz fest, dass es keine zweite Welle gibt. Aber wenn, dann braucht es für Spitäler, Pflegeheime, Altersheime usw. ‚kreative‘ Kompromisse, damit diese soziale Isolation von kranken und alten Menschen verhindert werden kann (Schnelltests, Schutzkleidung…).

Ein riesiges Danke allen Pflegerinnen und Pflegern, Ärztinnen und Ärzten im Spital – Sie haben unserem Vater viel Gutes getan und sich fest um ihn gekümmert. Danke auch fürs Vorlesen unserer Briefe und Karten und die Möglichkeit, jederzeit wenigstens anrufen zu dürfen um zu fragen, wie es ihm geht.

Lieber Papi, Du weisst, dass wir in den letzten Wochen nichts lieber getan hätten, als diese Türfalle zu drücken. Wir werden Dich nie vergessen und Dich immer in unseren Herzen tragen. Für immer uf dech!❤️

Die neue Virklichkeit (42)

Ohne Klinikkittel, OP-Handschuhe und Schutzmasken kein Flug: Gran Canaria ist weiter in die Ferne gerückt als der Mond.

Nach anderthalb Monaten des Kurz- oder Überhauptnichtmehrarbeitens treibt manche Leute primär etwas um: ihre Ferienansprüche. „Wenn ich im März wegen Corona nicht nach Frankreich fahren konnte – kann ich das dann im Dezember nachholen?“: Mit Fragen dieser Art sehen sich Arbeitgeber, Konsumentenschutzorganisationen und Gewerkschaften konfrontiert, während die Wirtschaft talwärts fährt und die Arbeitslosenkurven in die Höhe klettern.

Falls ich Geschäftsführer eines Unternehmens wäre, das seit Wochen stillsteht, und einer meiner Mitarbeitenden möchte von mir genau dann, wenn ich den Betrieb wieder hochfahren kann, wissen, ob er für zwei, drei Wochen verschwinden dürfe – ich würde ihm das auf der Stelle bewilligen, ihm aber gleichzeitig sagen, er brauche nachher nicht mehr zurückzukommen; jedenfalls nicht in meine Firma.

Auch in meiner Agenda ist noch eine Auszeit vermerkt: Zwischen dem 7. bis dem 28. Juni steht dort jeden Tag „Gran Canaria“.

Wies aussieht, muss ich auch diese Einträge löschen. Dann ist der Kalender, von ein paar wenigen Gerichtsberichterstattungsterminen abgesehen, leer. Ich lasse nun eine Anwältin abklären, ob die Papeterie mir die Kosten dafür zurückerstatten muss. Notfalls zerre ich den Laden bis nach Lausanne und Strassburg und von dort aus weiter ins „Kassensturz“-Studio.

Als ich das letzte Mal mit meinem Freund Martin vom Reisebüro auf der Insel war, lagen wir in unserem Hotel in Playa del Inglés inmitten einer Horde Engländer, Deutscher, Holländer und Schweizer am Pool, und während uns die Sonne vom wolkenfreien Himmel herunter knusprig braun brannte, sagte ich aus keinem besonderen Grund: „Stell dir vor, man würde auf den Kanaren den Tourismus verbieten. Die Wirtschaft auf der Insel wäre von heute auf morgen tot.“

Wenig später mussten die Touristen ihre Plätze für die Viren räumen, wobei ich nicht davon ausgehe, dass die Chäferli jeden Morgen um 4 Uhr aufstehen, um die Plätze am Schwimmbecken mit Handtüechli zu reservieren: Gegen Covid-19 haben die Angehörigen der Liegen-Besatzungstruppen auch vom IQ her keine Chance.

Die „Zeit“ versuchte neulich, ihren Leserinnen und Lesern eine Vorstellung vom Flugverkehr der Zukunft zu vermitteln. In dem Artikel, der sich leider hinter der Bezahlschranke verbirgt, heisst es:

„Flughäfen dürften statt wie bisher an Einkaufspassagen mehr an Notfallkrankenhäuser erinnern und das womöglich noch für lange Zeit. Und auch an Bord herrscht statt Komfort vor allem Klinikgefühl.“

Mit den Konsumtempeln von heute gestern hätten die Airports nur noch wenig gemeinsam: In den Abflug- und Ankunftshallen würden statt Werbetafeln für Uhren, Parfüms und Schmuck Informationsschilder hängen. Ständig messen einem jemand das Fieber, nur heisse das nicht „Fiebermessen“, sondern „Temperaturscreening“. Aber immerhin: Diese Checks erfolgen dem Vernehmen nach nicht anal, sondern ohral.

Im Flughafen von Dubai lasse sich – zumindest theoretisch – besichtigen, was die Reisenden rund um den Erdball erwarte: Die Schalter seien untereinander und von den Kunden durch Plexiglas getrennt. Wer hineinwolle, müsse Mundschutz und Einmalhandschuhe anlegen. Das Schalterpersonal sei mit Schutzbrillen ausgerüstet und trage über den Uniformen Klinikkittel.

Um die Check-ins kontaktlos abzuwickeln, würden Lesegeräte die Buchungsdaten, Pässe oder Vielfliegerkarten registrieren. Zu den Kontrollen des Handgepäcks und der Pässe seien höchstens ein halbes Dutzend Reisende aufs Mal zugelassen, notierten die Reporter.

In Zukunft würden die Kundinnen und Kunden durch Angestellte in weissen Jacken, Desinfektionsdurchsagen und ständige Masken-Kontrollen „bis an den Flugsessel“ begleitet. Dazu teile „eine Art Zugangsampel“ die Passagiere in Einsteigegruppen von höchstens zehn Personen. Diese Massnahme diene dazu, „das Gedrängel im Gang zu verhindern“.

Kein Gstungg mehr beim Ein- und Aussteigen?!?

Es ist nicht zu fassen: Worüber sich Heerscharen von Forschern jahrzehntelang vergeblich die Köpfe zerbrachen, macht Corona über Nacht möglich.

Die Tempi, in denen die Fluggäste allerlei Hygiene- und Kosmetikartikel samt dem kompletten Elektronikequipment mit an Bord schleppen durften, seien vorläufig passati, prognostiziert die „Zeit“ unter Berufung auf Luftfahrtexperten weiter. Das Handgepäck sei „auf ein kleines Stück“ beschränkt. So entfalle das Risiko, mit einem schmutzigen Rollkoffer Keime in die Kabine zu bringen. Darüberhinaus blockiere, wer nur eine Minitasche dabeihabe, nicht die Mittelgänge, bis er in den Gepäckfächern Lücken für all seinen Plunder gefunden hat.

Abstriche gelte es auch in Sachen „Bordverpflegung“ und „Versäuberung“ hinzunehmen: „Zwar dürfen Passagiere die Masken zum Essen und Trinken verschieben. Doch so richtig appetitlich wird das Catering künftig nicht“, warnt die „Zeit“. Statt Mehrgangmenüs würden die Airlines „bestenfalls Stullenpakete“ anbieten.

Alkohol gebe es in rauen Mengen, aber nur zum Desinfizieren. Eine Bordtoilette werde in der Regel von 50 bis 90 Personen frequentiert. „Da kann sich vor der Landung nicht jeder auch nur einmal die Hände waschen“, sage ein Experte. Die WC-Kabinchen würden umgebaut: „Künftig haben Klos und Waschbecken keimtötende Oberflächen und sind berührungslos zu bedienen.“

„Der Weg ist das Ziel“, murmelte der grosse römische Mathematiker Daedalus, als er missmutig aus dem Backstagebereich des Kolosseums zu den Löwen in der Arena schlurfte, aber das war früher.

Heute gilt: Der Weg ähnelt einem Spaziergang durch die Intensivstation, am Ziel herrscht eine Stimmung wie auf dem Friedhof.

Werde ich Gran Canaria unter diesen Umständen je wiedersehen wollen?

Auch wenns jetzt kurz chly wehtut: Non lo clero.