Articles with Silvester

Zahntastischer Jahreswechsel

Nachts um 3 riss mich höllisches Zahnweh aus dem Schlaf. Google nannte mir die Adresse eines vertrauenswürdigen Arztes in Playa del Inglés. Um 9 Uhr an diesem Silvestermorgen rief ich in die Praxis an, um zu fragen, ob noch ein Termin frei sei.

Ich soll einfach vorbeikommen, sagte eine freundliche Frau am anderen Ende der Leitung; es seien zwar noch zwei, drei andere Leute da, aber man werde sich so schnell wie möglich um mich kümmern.

Gegen 10 Uhr stand ich im Wartezimmer – die sechs Stühle waren besetzt, und irgendwie schien es keiner der Anwesenden als nötig zu erachten, für jemanden mit Dentalproblemen den Sitz freizumachen – , und schon um kurz nach Mittag lag ich auf des Doktors Stuhl. Der Mann pöpperlete am kaputten Zahn herum, röntge ihn und fragte mich dann, wie lange ich noch auf Gran Canaria bleibe.

Bis am 11. Januar, sagte ich, worauf er ein Hämpfeli seines besten Stoffs aus dem Giftschrank holte, mir die Medis feierlich übergab und mich für Donnerstag, den 2. Januar, zu einer Wurzelbehandlung aufbot.

Davon sah er dann ab. Stattdessen gabs weitere Drogen. 7 Tage später, am 9. Januar, zog er mir den Zahn. Von einer Sekunde auf die andere fühlte ich mich wieder wie ein Mensch.

On the road again

On the road again

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Weihnachten, die „Hochzeitsfeier“, Silvester; dazwischen immer wieder Fahrten in Läden und zu Verwandten, lange Gespräche, himmlisch romantische und höllisch wilde Ritte auf den Wellen, ein Bummel durch den

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Tierpark,

überüppige Essen…die Feiertage 2012 hatten es in sich. Auch wenn wir die Zeit bei unserer Familie in Sydney sehr genossen haben: Am Ende freuten wir uns doch darüber, am Neujahrsmorgen unsere längst deutlich mehr als Siebensachen zu packen und ins Auto zu steigen, um nach Süden, in Richtung Melbourne, weiterzustreunen.

Der Abschied wurde allen Beteiligten insofern etwas erleichtert, als einige unserer australischen Angehörigen planen, in mehr oder weniger absehbarer Zeit auf die nördliche Seite der Erde zu fliegen und auf ihrem Trip durch Europa auch bei uns vorbeizuschauen. Abgesehen davon: Irgendwann, in ein paar Jahren, sind wir schon wieder back in Sydney.

Etwas ermattet von all dem Rummel, war es uns – und vor allem Chantal, die die ganze Arbeit am Steuer leistet – nicht darum, gleich Hunderte von Kilometern zurückzulegen. Pressant haben wir es ja nicht: Wichtig ist nur, dass wir am 13. Januar in Melbourne sind, weil wir dann nach Tasmanien fliegen.

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Am späteren Nachmittag entdeckten wir einen Ort namens Shellharbour Beach. Das Küstenstädchen besteht aus nicht viel mehr als ein paar Läden, Beizchen, einem Fitnessstudio, einem Spa und einem Motel (in dem laut dem Mann an der Rezess Retzep Rezepz am Empfang eine Woche oder so vor uns ein gewisser Herb Hofstetter from Switzerland abgestiegen ist) und scheint wie für unsere aktuellen Bedürfnisse gebaut.

Wir geniessen am Strand die Ruhe, die nur hin und wieder von kreischenden Möven ud lachenden Kindern gestört wird (wobei „gestört“ der falsche Ausdruck ist, weil von Störungen nicht die Schreibe sein kann; aber es fällt mir im Moment einfach nichts Passenderes ein).

Zu den Besonderheiten von Shellharbour Beach gehört, dass das
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Trinken von Alkohol tagsüber streng verboten

ist. Auch Pelikane, die auf den Strassenlaternen hausen, sieht man in Australien nicht überall.

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Morgen fahren wir weiter in den Süden. Wohin genau, wissen wir noch nicht. Rund zwei Stunden entfernt, gibt es eine Stadt namens Ulladulla. Das klingt schonmal nicht schlecht.

Verbal-Durchfall am Feier-Abend

Verbal-Durchfall am Feier-Abend

Zuerst sind pdf-Dateien das grosse Thema. Dann gehts um Excel-Tabellen und kurz darauf um irgendwelche Programme. Als es dazu wirklich nichts mehr zu sagen gibt, dreht sich der Monolog um Stellvertretungen, Nachfolgeregelungen, Versetzungen nach Übersee, den Lohn, Spesen, buchhalterische Probleme, doofe Zicken, arrogante Chefs, strohdumme Mitarbeitende und – immer wieder – darum, dass die Verantwortlichen nicht erkennen wollen oder können, was sie an ihr haben; an ihr, der Frau, die das Schicksal an diesem Silvesterabend an unserem Tisch plaziert hat, und die diesen festlichen Anlass (und die mitgebrachte Kollegin) seit ihrem Eintreffen vor drei Stunden dazu missbraucht, über ihren Job zu reden.

Bevor wir an dieser mit viel Herzblut organisierten Party mit den vielen anderen Gästen auf das neue Jahr anstossen können, fahren wir eher übel als wohl zurück nach Burgdorf. Eine andere Möglichkeit, dieser Fleisch gewordenen Selbstüberschätzung mit Verbaldurchfall zu entrinnen, sehen wir nicht. Im Zehnminutentakt nach draussen flüchten, um zu rauchen? Nicht bei dieser Kälte. Und schon gar nicht an einer Feier, an der ansonsten alles bis aufs letzte Detail stimmt: Die originelle Dekoration, die fägige Musik, das tolle Essen, die herzlichen Gastgeber – es könnte so schön sein.

Natürlich: Wir hätten die Frau zwischen dem Hauptgang und dem Dessert fragen können, ob es in ihrem Leben eigentlich noch etwas anderes gebe als Dateien und Tabellen und ob sie wirklich ganz sicher sei, dass ihr Geschäftsgeklöne irgendjemanden interessiere. Wie man sich so fühle, mit nichts als dem Job im Kopf. Wieso sie nicht einfach die Stelle wechsle, wenn sie doch so schampar gut sei, während der Rest der Belegschaft nicht einmal einen Kaffee aus dem Automaten laufen lassen könne, ohne die Firma in den wirtschaftlichen Abgrund zu stürzen.

Aber: Wir hatten diese Ausgeburt der Ego-Hölle nie zuvor gesehen. Wir konnten nicht ahnen, wie sie auf Kritik reagieren würde; ich gehe davon aus, dass „kritikfähig“ nicht das Adjektiv ist, das ihre Kolleginnen und Kollegen immer wieder verwenden, wenn sie über die Frau reden. Wahrscheinlich wäre nach so einer Bemerkung ein Glas geflogen und dann ein Teller und dann irgendjemand aus dem Saal.

Das wollten mein Schatz und ich vermeiden. Das Risiko, die Hochstimmung der anderen Gäste mit einer wie auch immer gearteten Intervention zu trüben, erschien uns zu hoch. Aber: Vom Tisch des Grauens wegzügeln ging nicht, weil die restlichen Plätze reserviert und besetzt waren. Der Frau ein Kuchenmesser ins Dekolleté zu rammen, war eine Option, die ich kurz erwog, dann aber mit Blick auf allfällige juristische Folgen wieder verwarf.

Chantal und ich rutschten dann vor unserer Haustüre ins neue Jahr; im Nieselregen, mit einem tollen Feuerwerk vor Augen.

(Frage in die Runde: Hat jemand schon Ähnliches erlebt? Was tut man in so einem Fall?)