Akkutes Problem

Wenn mein E-Bike ein Mensch wäre, hätte der Arzt zu ihm gesagt: “Ihre Pumpe ist chli in die Jahre gekommen. Wir wechseln sie am besten aus, dann fühlen Sie sich sofort wie neugeboren.”

Nur: Das mit dem Auswechseln war so eine Sache. Wenige Tage zuvor hatte ich den Schlüssel für meinen Flyer verloren. Ohne ihn konnte ich den Akku nicht entfernen.

Also brachte ich das Gefährt zum Velohändler meines Vertrauens. Ich schilderte ihm mein Problem und sagte, ich würde die alte Batterie nicht mehr benötigen. Von mir aus könne er sie gerne mit der Trennscheibe oder sonstwie vom Zweirad mechen und durch eine neue ersetzen.

Toni – der Gewalt in jeder Form aufs Tiefste verabscheut – dachte nicht im Traum daran, zu schwerem Gerät zu greifen. Stattdessen erkundigte er sich in einem nahegelegenen Veloladen, der Flyer im Angebot hat, was in einem solchen Fall zu tun sei.

Der Mitbewerber sagte ihm, er könne einen Ersatzschlüssel bestellen. Toni sagte, das wäre wunderbar und bat den Flyer-Händler darum, dies sofort telefonisch zu erledigen.

Daraufhin schickte der Mitbewerber der Schlüsselfirma eine Mail. Eine Woche verging, ohne, dass Toni eine Antwort erhielt. Dann teilte ihm der hilfsbereite Konkurrent mit, die Schlüsselfirma lasse ausrichten, sie benötige für die Herstellung eines neuen Schlüssels zwei Wochen.

Das war nicht die Antwort, die Toni hören wollte. Er setzte sich persönlich mit der Schlüsselfirma in Verbindnug und erfuhr zu seinem nicht gelinden Erstaunen, dass diese den Schlüssel ihrerseits woanders habe ordern müssen.

Aus dem Mai wird gleich Juni. Ich habe die Hoffnung, darauf, meinen Flyer im Sommer wieder benützen zu können, noch nicht aufgegeben, frage mich aber langsam, in welchem.

 

Nachtrag 8. Juni: Das Warten geht weiter.  In der Flyerfabrik hätten sie vergessen, die Seriennummer meines Velos zu notieren. Deshalb könnten sie keinen Schlüssel nachmachen, teilten die Fabrikleute Toni mit. Aussergewöhnlich sei das nicht; so etwas komme “ab und zu vor”.

Nachtrag 10. Juni: Ich habe wieder einen Schlüssel. Den alten. Nach langem Suchen fand ich ihn, wobei ich mir nur schwerlich erklären kann, wieso ich ihn dort abgelegt hatte.

Im Hochgebirge

Falls Gott gewollt hätte, dass ich den Plausch an stotzigen Wegen und überhängenden Geröllhalden habe, wäre ich als Pistenfahrzeug zur Welt gekommen. Nach dieser Devise bin ich körperlichen Betätigungen in der Höhe bisher aus dem Weg gegangen. Abgesehen davon erachte ich es als schlicht nicht verantwortbar, wenn Flachländer in die Lebensräume der Alpenbewohner eindringen. Die Tiere und Leute da oben sollen sich ungestört von der Zivilisisation fortpflanzen und entwickeln können. Die Indianer hätten wohl auch keine Freudentänze aufgeführt, wenn sich plötzlich Horden von Fremden in ihrem Land breitgemacht hätten.

Gestern aber…gestern aber musste ich meine Einstellung revidieren. Nicht grundsätzlich zwar, aber immerhin so, dass ich heute sagen darf: Das hat jetzt einfach tierisch gfägt.

Aus einer Laune heraus mieteten Chantal und ich nach dem Mittagessen je einen Flyer. Damit radelten wir nach Rüegsauschachen und von dort steil hoch zur Schaukäserei in Affoltern, wo wir die Akkus wechselten. Anschliessend sausten wir wieder ins Tal hinunter, nach Sumiswald und weiter nach Langnau.

Es war, trotz der kleinen Motörli, bisweilen eine elende Plackerei. Kaum hatten wir eine Steigung hinter uns, folgte die nächste Anhöhe. Es ging obsi und obsi und obsi, bis wir gut 500 Höhenmeter bewältigt hatten. Ich fragte mich mehr als einmal alle fünf Sekunden, was zum Teufel ich eigentlich hier tue und ob es amänd nicht noch andere Möglichkeiten gebe, 110 Kilo Lebendgewicht durch die Landschaft zu fugen.

Aber am Ende, nach über 42 Kilometern, als wir die Velos in Langnau zurückgaben und in den Zug nach Burgdorf stiegen, waren wir einfach nur glücklich darüber, das Ausfährtli unternommen zu haben. Endlose grüne Hügelketten, kerngesunde Wälder, kubikkilometerweise Frischluft: Andere bezahlen ein Vermögen, um das einmal geniessen zu dürfen. Wir brauchen dafür nur ein paar Stunden vor unserer Haustüre herumzufahren.

Für Hochgebirgslandschaften typische Tiere erblickten wir leider nicht; kein Steinbock stand staunend am Wegesrand, keine Gämse meckerte fröhlich Beifall, kein Murmeltier pfiff uns anerkennend hinterher. Dafür grüssten wir jede Menge Kühe und Kälber und Schafe und Geissen und winkten knapp unterhalb der Baumgrenze ermattet einem Mäusebussard zu, der über uns majestätisch seine Kreise zog.

Während sich unsere Muskeln noch von den für sie etwas überraschenden Strapazen erholen, denken Chantal und ich schon über das nächste Tüürli nach. Es gibt viele Herzrouten – und damit noch beliebig weitere Möglichkeiten, die wunderschöne Welt in der Nähe ganz neu zu entdecken.