Die neue Virklichkeit (VI)

Bonjour, tristesse.Aber sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN MENSCHEN!“

Es gibt keine Wochenenden mehr: Der Samstag war wie der Mittwoch und der Sonntag fühlt sich schon nach nur sechs Stunden Laufzeit wie der Donnerstag an.

Corona, scheint es, macht alle und alles gleich. Nicht nur die Menschen, die mit ihren Unsicherheiten und Ängsten mehr Gemeinsamkeiten haben denn je (und die sich erstaunlicherweise je näher kommen, desto weiter sie sich voneinander entfernen müssen); auch die Tage ähneln sich unterdessen wie ein Status Quo-Hit dem anderen.

Aber das dürfte Tausenden von Leuten inzwischen egal sein: Für Max, den Küchenchef aus dem Fünfsternelokal, spielt es ebensowenig eine Rolle, wann er nicht arbeiten kann, wie es Manuela aus dem „Happy Ends“ an der A1 wurst ist, ob sie am Montag oder am Freitag nichts verdient.

Verdient habe dafür ich, und zwar Rüffel, vom Strübsten. Das entnehme ich jedenfalls der Fanpost zu meinen Corona-Beiträgen, die im Mailfach meines Blogs deponiert wurden.

Diesen Ordner öffne ich selten, weil sich darin meist nur Schrott stapelt. Aber hin und wieder, wenn ich wirklich nichts Dümmeres mehr zu tun habe, werfe ich einen Blick hinein. Zweimal entdeckte ich darin schon Zuschriften, die zu lesen sich tatsächlich beinahe lohnte (an dieser Stelle: tuusig Dank nochmals an die Mitglieder der Fanclubs von Natacha und Roxette!)

Auch bei der gestrigen Nachschau wurde ich nicht enttäuscht: Knapp zwei Dutzend konstruktiv-kritische Zuschriften ausnahmslos anonym auftretender Leserinnen und Leser harrten meiner Durchsicht. Hier ist – unredigiert – eine kleine Auswahl:

Alz Heimer: „Ihnen ist der ernst der Lage offenbag immernoch nicht sicher. VOLLPFOSTEN BLEIB ZUHAUSE!!“

Ding Dong: „Selten so einem Mist gelesen. Sie glauben sie sind witzig aber das sind sie nicht. Wir verzichten. EInfach Abstellen ist für Alle am besten.“

P.U.: „Schauen Sie das an!“ (es folgt der Link zum youtube-Video eines Mannes, der aussieht wie ein Cousin von Charles Manson. Vor einer Wand voller Gewehre und Geweihe doziert er, das Corona-Virus sei von finsteren Mächten asiatischer Provenienz freigesetzt worden, um die Weltwirtschaft lahmzulegen). „Das wird sie lernen!!“

Uppsala: „Beten sie lieber als schreiben. ER ALLEINE IST UNSER HERR UND GEBIETER“

Virus Viral: „9/11 Klima-schock und jetzt COronna. Aber Sie HOCKEN immer noch an ihrem Lapptopp und machen sich LUSTIG wegem dem ELEND von ANDEREN! Dafür werden SIE ZAHLEN!!!“

A. Pokalips: „Bekommst du eigentlich Geld für das oder machst du das gratis? Wenn dus gratis machst habe ich nichts gesagt.“

Und so weiter, und so fort. Auch wenn sich mir der tiefere Sinn einiger Anmerkungen bis jetzt nicht auf Anhieb erschlossen hat, muss ich doch sagen: Die Decknamen entbehren zum Teil nicht einer gewissen Originalität.

So betrachtet: bitte meer, dafon!!

Und damit: zurück in die relative Normalität dieses Sonntags. Normalerweise wäre auch heute wieder die hohe Zeit des Brätelns mit Freundinnen und Freunden, des Grüpplibummelns am Emmeufer, des kollektiven Reflektierens über das Werden und das Wirken und das Sein und das Haben am langen Brunchtisch in der Landbeiz, der generationenverbindenden Rahmschnitzel mit Nüdeli und des gemeinschaftlichen „Tatort“-Guckens, aber wies aussieht, wurden diese liebgewordenen Rituale nun auf dem Altar der Volksgesundheit geopfert fallen derlei Gewohnheiten auf Geheiss der Landesregierung bis auf Weiteres tuttiquanti aus.

Auch im sehr kleinen Rahmen dürften aus übertragungstechnischen Gründen Lücken im Programmschema klaffen: Wer sich im ehelichen Schlafgemach vor Corona Sonntagmorgen für Sonntagmorgen aus purem Pflichtbewusstsein genötigt sah, von 10.00 bis 10.07 Uhr draufloszufuhrwerken und hinzuhalten, darf ab sofort bis zu den Rahmschnitzeli durchschlafen, ohne sich dafür mit einer arbeitsbedingten Totalerschöpfung oder einer Spontanmigräne rechtfertigen zu müssen.

All jene, die sich nur ungerne von alten Gewohnheiten lösen, können es socialdistancingkompatibel via Skype versuchen. Im Sinne der Gleichberechtigung wäre in diesen Fällen einfach jedesmal neu auszuhandeln, wer dafür im Bett bleiben darf und wer sich auf die Obstharassli im Zivilschutzkeller verziehen muss.

Was auch immer ihr mit wem auch immer wo auch immer heute tut: Geniesst diesen Freitag.

2 Kommentare

  1. «Wenn dus gratis machst habe ich nichts gesagt.» 🤣🤣🤣

    A. Pokalips: made my day 😃✌️

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